In dieser Arbeit wird versucht, einerseits für den Journalismus im Allgemeinen geltende Qualitätskriterien für die Bedingungen des Online-Journalismus umzudeuten und anderseits internetspezifische Qualitätskriterien im Besonderen aufzustellen. Weil hierzu ein komplementäres Verständnis journalistischer Qualität zu Grunde gelegt wird, geht es im Ansatz dieser Arbeit nicht nur um die Produkt- bzw. Akteursebene, sondern auch um diverse Möglichkeiten der Qualitätssicherung.
Auch für diese Aspekte erfolgt ein Zugang, der von Überlegungen zum Journalismus allgemein, zu onlinespezifischen Möglichkeiten zur Sicherung journalistischer Qualität führt. Hierzu gehören onlinespezifische Ethik-Kodices, Ausbildung, Online-Awards und Evaluierungskriterien für User, die eine Medienkompetenz für das Internet verkörpern, die weit über die bloße Browsernutzung und Handhabung von Suchmaschinen hinausreicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Online-Journalismus als publizistisches Segment im Internet: Definition(en), Differenzierungen, Abgrenzungen
2.1 Was ist Journalismus? Annäherungen an einen nur scheinbar einfach zu fassenden Begriff
2.2 Exkurs: Journalisten als Gatekeeper
2.3 Was ist Online-Journalismus?
2.3.1 Abgrenzungen und Differenzierungen von Para- und Pseudojournalismus (pragmatisch orientierter Ansatz)
2.3.1.1 Parajournalismus
2.3.1.2 Pseudojournalismus
2.3.2 Systemtheoretisch orientierte Bestimmung von Online-Journalismus
3. Zur publizistischen Rolle und Funktion von Online-Journalismus/Online-Journalisten
3.1 Redundanz des Online-Journalismus (Dr. Mike Sandbothe)
3.2 Dekonstruktion des Journalismus durch das Internet (Matthias W. Zehnder)
3.3 Der Online-Journalist als „Informationsanalytiker“ und „Meta-Designer“ (Ursula Maier-Rabler/Erich Sutterlütti)
3.4 Rollenkritik als Plädoyer: Der Online-Journalist als „optionaler Gatekeeper“ (eigene Position)
3.4.1 Kritik der Positionen von Sandbothe und Zehnder: Optionalität vs. Absolutheit
3.4.1.1 Die Problemfelder Informationsqualität, Informationsquantität und Informationsselektion im WWW und die Rolle journalistischer Gatekeeper
3.4.1.2 Journalisten sind nicht die einzigen Gatekeeper im WWW
3.4.1.3 Publizistische Egalität im Internet?
3.4.2 Kritik der Positionen von Maier-Rabler und Sutterlütti: Rollenerweiterung vs. Rollenbegrenzung
3.5 Fazit und Ausblick
3.5.1 Werden Online-Journalisten zu Generalisten?
3.5.2 Chance für lokale Kompetenzzentren im globalen Netz?
3.5.3 Entwicklung der Beschäftigungsstrukturen
4. Dimensionen journalistischer Qualität und Qualitätssicherung (allgemeine Ebene)
4.1 Journalistische Qualitätskriterien: Beispiel „Magisches Vieleck“
4.2 Bewertung journalistischer Qualität
4.3 Ebenen journalistischer Qualitätssicherung
4.3.1 Qualitätssicherung auf der Akteursebene
4.3.2 Qualitätssicherung auf der Ebene der Medienunternehmen
4.3.3 Qualitätssicherung im Mediensystem (Infrastruktur-Faktor)
4.3.4 Qualitätssicherung auf der gesellschaftlichen Ebene
4.3.5 Qualitätssicherung auf der Publikumsebene
5. Internetspezifischer Qualitätsanspruch im Online-Journalismus
5.1 „Status quo“ der journalistischen Erscheinungsformen im Internet: Anbieter, Ziele, Strategien und Gestaltungsweisen im Überblick (Fokus Online-Zeitungen; Deutschland)
5.1.1 Anbieter von Online-Journalismus in Deutschland und weltweit
5.1.2 Denkbare Strategien
5.1.3 Feststellbare Strategien
5.1.4 Inhaltliche Gestaltung
5.1.5 Personelle Ausstattung der Online-Redaktionen
5.1.6 Berufsnormen im Online-Journalismus
5.2 Ausgewählte journalistische Qualitätskriterien in ihrer Bedeutung für Qualität im Online-Journalismus
5.2.1 Glaubwürdigkeit und ethisch reflektiertes Handeln
5.2.1.1 Befunde zur Online-Glaubwürdigkeit
5.2.1.2 Onlinespezifische Glaubwürdigkeitsprobleme und Glaubwürdigkeitskriterien im Journalismus
5.2.2 Aktualität
5.2.3 Reflexivität und Transparenz
5.2.3.1 Public Journalism als Chance für den Online-Journalismus
5.2.3.2 Reflexion auf der Meta-Ebene
5.3 Internetspezifische Gestaltungskriterien als zweifache Qualitätsdimension im Online-Journalismus: Originalität (Angebots- bzw. Kommunikatorebene) und Interaktion (Rezipientenebene)
5.3.1 Hypertextualität, Multi-Optionalität und modulare Inhaltsaufbereitung
5.3.1.1 Hypertextualität: Charakteristika und Begrifflichkeiten
5.3.1.2 Verstehensprobleme bei Hypertextstrukturen
5.3.1.3 Gestaltungsprinzipien auf der operationalen Ebene unter dem Gesichtspunkt der Verstehensleistung (Rezeptionsfokus)
5.3.1.4 Gestaltungsprinzipien auf der inhaltlichen Ebene unter dem Gesichtspunkt der Originalität (Kommunikatorfokus)
5.3.2 Interaktivität
5.3.2.1 Definitionen
5.3.2.2 Interaktive Gestaltungselemente
5.3.3 Multimedialität (Hypermedialität)
5.3.3.1 Multimediale Elemente und ihre spezifischen Problematiken
5.3.3.2 Multimedialität unter dem Aspekt von Originalität - zwei Beispiele
5.3.4 Serviceleistungen
5.3.4.1 Serviceleistungen auf der journalistischen Inhaltsebene
5.3.4.2 Zusätzliche Serviceleistungen – Beispiel Süddeutsche Zeitung
5.4 Weitere Elemente von Qualitätssicherung im Online-Journalismus
5.4.1 Onlinespezifische Ethik-Kodices
5.4.2 User-Evaluierung
5.4.3 Ausbildung von Online-Journalisten (in Deutschland)
5.4.4 Online-Awards
6. Schlussbemerkung: Muss qualitativ hochwertiger Online-Journalismus kostenlos sein?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das publizistische Rollenverständnis von Online-Journalisten und stellt Anforderungen an einen internetspezifischen Qualitätsjournalismus auf, um im digitalen Raum Verlässlichkeit und Orientierung zu gewährleisten.
- Analyse der publizistischen Rolle des Online-Journalisten zwischen "optionalem Gatekeeper" und Informationsanalytiker.
- Untersuchung von Qualitätskriterien und Qualitätssicherungsmechanismen für Online-Medien.
- Betrachtung von internetspezifischen Gestaltungselementen (Hypertextualität, Interaktivität, Multimedialität) unter Qualitätsaspekten.
- Diskussion von Ökonomisierung und Finanzierungsmodellen (z. B. Paid Content) für Qualitätsjournalismus im Web.
- Evaluation von ethischen Kodices und Ausbildungsstandards für Online-Journalisten.
Auszug aus dem Buch
2.3.1.1 Parajournalismus
Als „Parajournalismus“ bezeichnet Neuberger „öffentliche Laienkommunikation“ bzw. „nutzergenerierten Content“. Hierzu rechnet er insbesondere die Plattformen im WWW (z.B. „shortnews.de“, „dooyoo“), die jedem User Raum für selbst verfasste „Meldungen“ geben. Übergeordnete Instanzen oder redaktionelle Bearbeitungen fehlen. Professionelle journalistische Kriterien werden durch Eigeninitiative und Selbstkontrollen innerhalb dieser Gemeinschaftsprojekte ersetzt, Neuberger spricht daher auch von einem „peer-to-peer-Journalismus“, also einer „Öffentlichen Kommunikation unter Gleichen“. Das Angebot „shortnews.de“ sieht sich daher als eine als News-Community. Laut Selbstdarstellung liefern „mehrere tausend Web-Reporter seriöse, aktuelle und unterhaltsame Nachrichten aus aller Welt“. Eine besondere Qualifikation um „Web-Reporter“ zu werden ist dabei offensichtlich nicht erforderlich. Zur „Bewahrung der hohen Qualität“ der „Nachrichten“ kann jeder User Bewertungen abgeben. Ob aber tatsächlich Informations- oder Wahrheitsgehalt und damit letztlich auch die Brauchbarkeit dieser „Nachrichten“ sinnvoll überprüft werden können, darf zumindest bezweifelt werden.
Die Websites von Privatpersonen, Verbänden, Interessengruppen und Parteien, die eine große Gruppe innerhalb der Vielfalt des World Wide Web darstellen, dienen in der Regel offenkundig der Selbstdarstellung bzw. dem Gewinnen von Interessenten oder Wählern und dürften überwiegend nicht „Gefahr laufen“, mit Journalismus verwechselt zu werden. Daneben existieren aber auch Angebote, die sich – beispielsweise durch den Zusatz „Zeitung“ – als Journalismus deklarieren (möchten). Dies wird bereits allein dadurch erleichtert, dass die Verwendung des Begriffs „Journalist“ an keinerlei Voraussetzungen geknüpft ist:
Journalist kann sich nennen, wer Lust dazu hat. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt; es gibt kein gültiges Berufsbild, keine Mindestvoraussetzung der Qualifikation, nichts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit hinterfragt resignative Zukunftsszenarien des Online-Journalismus und plädiert für die Etablierung eines "Qualitätsjournalismus online" als verlässliche Instanz im Web.
2. Online-Journalismus als publizistisches Segment im Internet: Definition(en), Differenzierungen, Abgrenzungen: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Definitionsarbeit und grenzt Online-Journalismus von Para- und Pseudojournalismus ab.
3. Zur publizistischen Rolle und Funktion von Online-Journalismus/Online-Journalisten: Es werden verschiedene Rollenmodelle für Online-Journalisten diskutiert und die Position des „optionalen Gatekeepers“ entwickelt.
4. Dimensionen journalistischer Qualität und Qualitätssicherung (allgemeine Ebene): Hier werden allgemeine journalistische Qualitätskriterien sowie Instrumente der Qualitätssicherung vorgestellt und systemtheoretisch verortet.
5. Internetspezifischer Qualitätsanspruch im Online-Journalismus: Dieses umfangreiche Kapitel operationalisiert Qualitätskriterien für das Internet und untersucht die Rolle von Gestaltungselementen wie Interaktivität und Multimedialität.
6. Schlussbemerkung: Muss qualitativ hochwertiger Online-Journalismus kostenlos sein?: Abschließend wird die Frage erörtert, ob Qualität im Netz einen Preis haben muss und ob eine Abkehr vom Nulltarif möglich ist.
Schlüsselwörter
Online-Journalismus, Qualitätsjournalismus, Gatekeeper, Web-Publizistik, Medienkompetenz, Interaktivität, Hypertextualität, Multimedialität, Qualitätssicherung, Internetökonomie, Ethik, Informationsselektion, Public Journalism, Nutzerorientierung, Online-Medien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich Journalismus im Internet definiert und wie angesichts der Informationsflut ein qualitativ hochwertiger Online-Journalismus als verlässliche Orientierungsinstanz existieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind das Rollenverständnis von Journalisten im Netz, die Definition von Qualitätsstandards für Online-Inhalte sowie die Herausforderungen durch technische Möglichkeiten des Internet.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Online-Journalisten als „optionalen Gatekeeper“ zu positionieren, der durch professionelle Selektions- und Aufbereitungsleistungen einen Mehrwert gegenüber der allgemeinen Informationsflut bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung der Journalismusforschung, systemtheoretischen Ansätzen und der Auswertung diverser empirischer Studien zum Online-Journalismus und Nutzerverhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Definitionen des Online-Journalismus als auch eine detaillierte Auseinandersetzung mit Qualitätskriterien, Qualitätssicherung, internetspezifischen Gestaltungselementen und ethischen Standards diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Online-Journalismus, Qualitätssicherung, Gatekeeping, Hypertextualität, Interaktivität, Glaubwürdigkeit und die Finanzierung von Online-Inhalten.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Journalismus und sogenannten "journalismusnahen Segmenten"?
Die Arbeit differenziert anhand von Kriterien wie redaktioneller Autonomie, journalistischer Ausbildung und der zugrunde liegenden Funktion (gesellschaftliche Selbstbeobachtung vs. interessengeleitete Public Relations/E-Commerce).
Warum wird das Konzept des „optionalen Gatekeepers“ vorgeschlagen?
Es dient als Antwort auf die Dekonstruktions- und Redundanz-Thesen, um zu zeigen, dass Journalisten im Web zwar kein Monopol mehr haben, aber aufgrund ihrer Kompetenz eine wertvolle Dienstleistung als Selektionsinstanz anbieten können.
- Citation du texte
- Henning Siebel (Auteur), 2002, Publizistisches Rollenverständnis und internetspezifischer Qualitätsanspruch im Online-Journalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185740