Die Digitalisierung des deutschen Fernsehmarktes

Entwicklung und potenzielle Auswirkungen auf die Marktakteure


Diplomarbeit, 2003
395 Seiten, Note: 1

Leseprobe

0

1

2
Danksagung
Der besondere Dank der Verfasser gilt zunä chst ihren beiden Betreuern Prof. Dr. Martin Glä ser und
Prof. Dr. Mike Friedrichsen fü r deren freundliche und umfassende Unterstü tzung; des weiteren geht der
Dank an die zahlreichen Experten aus den Branchen Fernsehen, New Media, Vermarktung, Werbung,
Distribution und Regulierung, fü r deren rege und konstruktive Teilnahme an der durchgefü hrten
schriftlichen Befragung; ferner an die zahlreichen Mitarbeitern bei RTL Television fü r deren Rat und die
Mö glichkeit, von ihrer umfangreichen Erfahrung und ihren Fachkenntnissen profitieren zu kö nnen, den
Sender RTL Television GmbH fü r seine groß zü gige Unterstü tzung, insbesondere beim Druck dieser Arbeit;
und ­ nicht zuletzt an die Professoren, Mitarbeiter und Angestellten der HdM Stuttgart.
Sebastian Daul:
Der erste und wichtigste Dank gilt meinen groß artigen Eltern, dafü r, dass sie mir das Studium
ermö glichten, es nie am nö tigen Rü ckhalt fehlen ließ en und ihre Bedü rfnisse oft genug hinter den meinen
anstellten; meinem Bruder und seiner Familie fü r ihre nachhaltigen und langjä hrigen Support bei meiner
Berufswahl und meinem bisherigen Lebensweg; meinen langjä hrigen Freunden aus Baden-Baden,
insbesondere Alexander Trauthwein dafü r, dass er immer fü r mich da ist, wenn ich ihn brauche; meinen
wä hrend des Studiums hinzugewonnen Freunden fü r deren Unterstü tzung und ihr Verstä ndnis, wenn ich
mal wieder nicht dazu komme, mich bei ihnen zu melden; dem SWR Stuttgart und dem SWR Baden-Baden
fü r ihr langjä hriges Vertrauen in meine Arbeit und die Vermittlung der beruflichen Fachkenntnisse im TV-
Bereich und schließ lich zahlreichen Lehrern des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums Baden-Baden, die in der
Phase der Jugend in vielerlei Hinsicht meinen Geschmack und meine Weltanschauung mitprä gten. Ein
ganz besonderer Dank gilt meinem lieben Freund und Co-Autor Ingo Ehrmann.
Ingo Ehrmann:
Der mit Abstand herzlichste Dank fü r die bisherige Begleitung, das besondere und freundschaftliche
Verhä ltnis sowie das in mich gesetzte Vertrauen gilt meiner Familie ­ speziell Dad & Mum ­ ohne deren
beider tatkrä ftige, in jeder Hinsicht groß artige Unterstü tzung es mir nicht mö glich gewesen wä re, zu
studieren; meiner Schwester & meinem Schwager fü r deren weitreichenden Support; des weiteren danke
ich Frau Prof. Dr. Petra Grimm von der HdM Stuttgart fü r ihre freundliche Unterstü tzung sowie die
Ermö glichung der langjä hrigen und stets angenehmen Tä tigkeit als studentische Hilfskraft, meinen
Freunden fü rs Dasein und deren Rü ckhalt ­ hier speziell meinem langjä hrigen Freund und Co-Autor
Sebastian Daul ­ und last but not least meiner Freundin Sabrina und der kleinen Zoé .
Kö ln und Stuttgart, 12.05.2003

3

4
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 12
Digitales Fernsehen: Grundlagen und Rahmenbedingungen
1 Basiswissen
digitales
Fernsehen
15
1.1
Begriffsdefinition
,Digitales
Fernsehen'
15
1.2 Entwicklung des deutschen Fernsehmarktes in der Retrospektive
16
1.3
Technische
Grundlagen
18
1.3.1
Ü bertragungstechnische
Standards
18
1.3.1.1
Analoge
Fernsehü bertragung
18
1.3.1.2
Datenreduktion und ­kompression digitaler Signale nach den
MPEG-Standards
19
1.3.1.3
Variable Signalqualitä t: Von HDTV bis LDTV
23
1.3.1.4
Digitale Modulation und Multiplexing
25
1.3.1.5
API: Application Programm Interface
27
1.3.1.6
MHP: Multimedia Home Platform
28
1.3.1.7 Conditional-Access-Systeme
(CA)
31
1.3.1.8
Das Common Interface (CI)
33
1.3.1.9 Die
Set-Top-Box
34
1.4
Digitale
Ü bertragungswege
37
1.4.1
DVB-T:
Terrestrische
Ü bertragung
37
1.4.2
DVB-C:
Breitbandkabel-Verteilnetze
38
1.4.3
DVB-S:
Satellitennetze
41
1.4.4
Konvergenz zwischen TV und Internet?
43
1.4.4.1 Telefonkabelnetz
43
1.4.4.2 UMTS
45
1.4.4.3 Wireless
LAN
47
1.4.4.4 Stromnetz
47

5
2
Technische Determinanten und Trends
49
2.1 Technologische Evolution: Digitalisierung im Consumer-Markt und im Segment der
Professionellen Produktionsmittel
49
2.1.1
Die Digitalisierung im Consumer-Markt
49
2.1.2
Die Digitalisierung der professionellen Produktionsmittel
52
2.2 Frequenzknappheit in der Terrestrik und im Kabel
55
2.2.1
Knappe Frequenzen in der Terrestrik
56
2.2.2
Knappe Frequenzen im Kabel
57
2.3 Konvergenz der Informations-, Kommunikations- und Rundfunktechniken
60
2.4 Techniken fü r eine mobile Gesellschaft: Neue Mö glichkeiten fü r M-Commerce
64
3
Rechtliche und politische Rahmenbedingungen
71
3.1 Rechtliche
Rahmenbedingungen
71
3.1.1 Urheberrecht
71
3.1.2
Rundfunkrecht und Medienrecht im digitalen Zeitalter
74
3.1.2.1 Nationale
Ebene
74
3.1.2.1.1 Verfassungsrecht:
Rundfunkfreiheit
74
3.1.2.1.2
Bund: Rundfunkstaatsvertrag und BVG
74
3.1.2.1.3
Bund: Mediendienstestaatsvertrag (MDStV)
76
3.1.2.1.4
Informations- und Telekommunikationsdienstegesetz
(IuKDG)
77
3.1.2.1.5
Lä nder: Landesmedienanstalten (LMA)
78
3.1.2.1.6 Gestaltungsrä ume
im
Rundfunkrecht
80
3.1.2.2
EG und EU: EG-Fernsehrichtlinie Europä isches Ü bereinkommen
ü ber das grenzü berschreitende Fernsehen
82
3.1.2.3
Kartellrecht und digitales Fernsehen
84
3.1.2.3.1
Kartellgesetz und Kartellaufsicht
84
3.1.2.3.2
EU: Die Kartellaufsicht der EU-Kommission
84
3.1.2.4
Fazit fü r die Aufsicht ü ber das digitale TV in Europa
85
3.2
Politische
Rahmenbedingungen
86
3.2.1
Zeitplan fü r den analogen Switch-off
86
3.2.2
Die Initiative ,Digitaler Rundfunk' (IDR)
88

6
3.2.3
Sicherung wettbewerblicher Strukturen auf Seiten der Programmveranstalter 89
3.2.4
Frequenzverwaltung: Wie lassen sich Lizenzvergabeverfahren ö konomisch
sinnvoll
gestalten?
90
3.2.4.1
Praxis der Lizenzvergabeverfahren
90
3.2.4.2
Konsequenzen wirtschaftlich ineffizienter Lizenzvergabeverfahren 91
3.2.4.3 Verbesserungsmö glichkeiten
92
4
Ö konomische Determinanten und Trends
93
4.1
Weltwirtschaftliche
Entwicklung
93
4.2 Auswirkungen der Konjunkturschwä che auf den Mediensektor
95
4.3 Verschä rfung des Wettbewerbs hin zum Hyperwettbewerb
97
4.4 Fixkostendegression im Zuge der Digitalisierung
99
4.4.1
Durchschnittskostendegression
99
4.4.2
Größ envorteile (economies of scale)
101
4.4.3
Verbundeffekte (economies of scope)
102
4.5 Kosteneinsparungspotenziale generiert durch die
Digitalisierung der Produktionsmittel
103
4.6 Marktsegmentierung, Geschä ftsmö glichkeiten und Erfolgsfaktoren
der interaktiven Breitbandwelt
107
4.7 Die digitale Wertschö pfungskette / Kosteneinsparungspotenziale
durch die Digitalisierung
108
5
Gesellschaftliche Determinanten und Trends
114
5.1 Hedonismus,
Selbstverwirklichung,
Individualisierung, Cocooning:
Herausforderung fü r die Milieuforschung
114
5.2 Mobilitä tsansprü che
119
5.3 Entwicklung zur Wissensgesellschaft und Informationsflut
119
5.4 Demographie
120
5.5 Fehlendes Unrechtsbewusstsein bei Content-Piraterie
121
5.6 Fazit
123

7
Auswirkungen auf die Marktakteure
6
Der digitale Fernsehmarkt aus Sicht der Rezipienten
125
6.1
Einleitung: hoher Informationsbedarf ü ber ,Digital-TV' in der Bevö lkerung
125
6.2
Die Angebotsseite: Angebotsspektrum des digitalen TV
128
6.2.1
Verbesserte Bild- und Tonqualitä t
128
6.2.2
Transparenz durch Programmfü hrer und Navigatoren
129
6.2.3 Digitale
Bouquets
135
6.2.3.1
Bestehende und neue Programme als ,bundle'
135
6.2.3.2 Spartenprogramme
137
6.2.3.3
TV anytime ­ Inhalte auf Abruf
138
6.2.3.3.1
Video-on-Demand
138
6.2.3.3.2 Near-Video-on-Demand
140
6.2.4
Interaktives
Fernsehen
141
6.2.4.1 Enhanced
Television
146
6.2.4.2
Einflussnahme auf Sendungen
147
6.2.4.3
Personalisierbarkeit der Angebote durch interaktives
Fernsehen
147
6.2.4.4
Transaktion und interaktives Home-Shopping
148
6.2.4.5 Eigenstä ndige
Entertainment-Plattformen
151
6.2.4.6
Konvergenz mit dem Internet in Teilbereichen
152
6.2.4.7
Fazit zu den Mö glichkeiten des interaktiven Fernsehens
155
6.2.5
Jugendmedienschutz im digitalen Fernsehen
156
6.3 Die Nachfrageseite: Marktverhalten der Konsumenten
159
6.3.1
Akzeptanz des digitalen Angebots
159
6.3.1.1
Erkenntnisse der Zuschauerforschung zur Akzeptanz
digitaler
TV-Angebote
159
6.3.1.2
Notwendigkeit von ,Killer-Applications' fü r eine schnelle
Marktdurchdringung
163
6.3.1.3
Weitere fü r die Entwicklung des digitalen Fernsehens
interessante
Erkenntnisse
164
6.3.2 Heterogenitä t
der
Zuschauerprä ferenzen
164

8
7
Der digitale Fernsehmarkt aus Sicht der technischen Distributoren
166
7.1 Marktstruktur und Rolle der technischen Distributoren in ausgewä hlten
europä ischen Ländern und in den USA
166
7.1.1
Marktstruktur und Rolle der Betreiber in ausgewä hlten
europä ischen
Ländern
166
7.1.1.1
Verbreitung der Empfangsarten: Gesamteuropä ische Zahlen
166
7.1.1.2
Kabel-TV in Europa: Verbreitung und Marketplayer
167
7.1.1.3
Verbreitung von Satelliten-TV in Europa
168
7.1.2
Marktstruktur und Rolle der Betreiber in den USA
168
7.2 Marktstruktur und Rolle der technischen Distributoren in Deutschland
174
7.2.1
Terrestrik: Revival eines totglaubten Ausstrahlungsweges?
175
7.2.1.1 Ausgangslage
175
7.2.1.2 Das
Einfü hrungsszenario
178
7.2.1.3
Marketing und Marktmodelle fü r DVB-T
181
7.2.2
Das
Kabelnetz
184
7.2.2.1
Privatisierung und Eigentü merstruktur
184
7.2.2.2
Fehler der neuen Kabelnetzbetreiber am Beispiel von ish
189
7.2.2.3
Der problematische Verkauf der Kabel Deutschland GmbH (KDG)
191
7.2.2.4
Ausbau: Notwendigkeit und Kosten
192
7.2.2.5
Zukü nftige Rolle der Kabelnetzbetreiber
197
7.2.3
Das
Satellitennetz
202
7.2.3.1 Betreiber
202
7.2.3.1.1
SES
ASTRA
202
7.2.3.1.2 EUTELSAT
207
7.2.3.2
Investitionen fü r das digitale Fernsehen
212
7.2.3.3
Zukü nftige
Rolle
der
Satellitenbetreiber
213
7.2.4
Das
Internet
215
7.3 Gatekeeper-Funktion der digitalen Netzbetreiber: Schlussfolgerungen zur Sicherung
marktwirtschaftlicher Strukturen auf der Ebene der Programmdistribution
216
7.4 Fazit zur Entwicklung der Verbreitung der digitalen Ü bertragungswege in
Deutschland und in Europa
218
7.4.1
Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland
218

9
7.4.2
Entwicklung des digitalen Fernsehens in Europa
221
7.4.3
Ergebnisse der Expertenbefragung
222
7.4.4 Abschließ endes
Fazit
222
8
Der digitale Fernsehmarkt aus Sicht der Werbewirtschaft
224
8.1 Basiswissen zum deutschen TV-Werbemarkt
224
8.2 Aktuelle Betrachtung des Werbemarktes Deutschland
226
8.3 Neue und alte Werbeformen im digitalen Fernsehen
229
8.3.1
Ü berblick ü ber die neuen Werbeformen und die aktuelle Werberichtlinien
229
8.3.1.1 Die
Werberichtlinien
229
8.3.1.2 Klassische
Werbespots
230
8.3.1.3 Split-Screen-Verfahren
231
8.3.1.4 Special
Advertising
231
8.3.1.5
Sponsoring und virtuelle Werbung
232
8.3.1.6
Interaktive Werbung und Crossmedia
234
8.3.1.6.1
Interaktive
Werbung
234
8.3.1.6.2 Crossmedia
237
8.3.2
Fazit zur heutigen Rolle der Werbeformen und deren kü nftiger
Bedeutung im digitalen TV-Zeitalter
238
8.4 Zukunftsszenario: Entwicklung des Werbemarktes im digitalen TV-Zeitalter
239
8.5 Ergebnisse der Expertenbefragung
246
9
Der digitale Fernsehmarkt aus Sicht der Programmveranstalter
247
9.1 Auswirkungen der Digitalisierung auf ö konomische Eintrittbarrieren,
Wettbewerbsintensitä t
und
Konzentrationsverhalten
249
9.1.1
Marktstrukturelle Bedingungen des Oligopols auf dem deutschen
Digital-TV-Markt und dessen Kostenentwicklung auf Programm- und
Distributionsebene
249
9.1.2 Wettbewerbsintensitä t
252
9.1.3 Konzentrationsprozesse
253
9.1.4
Kostentwicklung auf der Ebene der Distribution
254
9.2 Verä nderung der Finanzierungsoptionen durch die Digitalisierung
256

10
9.2.1
Entgeltfinanzierte
Programmangebote
257
9.2.1.1 Pay-TV:
Abonnentenfernsehen
257
9.2.1.2 Pay-per-view
260
9.2.1.3 Pay-per-channel
260
9.2.1.4
Faktoren der Preisgestaltung
261
9.2.2
Werbefinanzierte
Angebote
263
9.2.3 Transaktionsfinanzierte
Programmangebote
266
9.2.3.1 Home-/
Teleshopping
267
9.2.3.2 Telefonmehrwertdienste
272
9.2.3.3 Interaktionsfinanzierte
Angebote
274
9.2.4
Mischfinanzierung als meistgenutztes Finanzierungsmodell
274
9.2.5
Weitere
Erlö squellen
fü r
Digital-TV-Veranstalter
276
9.2.5.1 Co-Produktion
276
9.2.5.2 Programmrechtehandel
277
9.2.5.3
EXKURS: Inter-Company-Erlö sgenerierung am Beispiel ,DSDS'
278
9.2.5.4
Merchandising und Licencing
281
9.2.5.5 Clubs
282
9.2.5.6
New Media und Erlö squellen durch interaktive Plattformen
282
9.2.6
Das US-Modell der contntorientierten (Abnahme-) Finanzierung durch
die
digitalen
Netzbetreiber
283
9.2.6.1
Vorstellung des US-Modells
283
9.2.6.2
Prü fung einer Ü bertragbarkeit auf Deutschland
288
9.3 Konsequenzen der Digitalisierung fü r das Programm der TV-Sender
289
9.3.1
Erhö hter
Contentbedarf
289
9.3.2
Konsequenzen des erhö hten Programmbedarfs fü r
Programmbeschaffung und Programmrechtehandel
291
9.3.2.1
Wachsende Bedeutung starker Senderfamilien
bei Content-Erwerb und ­Verwertung
292
9.3.2.2
Notwendigkeit zum effektiven Bestandsmanagement nimmt zu
294
9.3.2.3
Budgets fü r Programmbeschaffung werden durch
Ausweitung des Programmvolumens kleiner
295
9.3.2.4
Wachsender Kostendruck fü hrt zu mehr Wettbewerb
295

11
9.3.2.5
Wachsende Konzentration auf einzelne, imageträ chtige
Premiumprogramme bei großen Sendern
297
9.3.2.6
Steigende Preise fü r Content durch steigende Nachfrage
298
9.3.2.7
Wachsende Bedeutung von Eigen- und Auftragsproduktionen
299
9.3.2.8
Internationaler Programmmarkt bleibt
wichtige
Beschaffungsquelle
299
9.3.2.9
Wachsende Bedeutung von unique-selling-propositions
300
9.3.2.10 Ä nderungen in der Wertschö pfungskette durch die Digitalisierung 301
9.3.2.11 Wachsende Bedeutung des Barterings
302
9.4 Strategische Optionen der Sender und Sedergruppen auf dem Weg ins
Digitale
TV-Zeitalter
303
9.4.1
Konsequenzen der Digitalisierung fü r die ö ffentlich-rechtlichen Anstalten
304
9.4.1.1
Auswirkungen der digitalen Entwicklung auf das
Rundfunkgebü hrenmodell 304
9.4.1.2
Strategische Optionen der ARD
307
9.4.1.3
Strategische Optionen fü r das ZDF
310
9.4.2
Strategische Optionen von RTL und der RTL-Group
313
9.4.3
Strategische Optionen der ProSiebenSat.1 Media AG
316
9.4.4
Konsequenzen der Digitalisierung fü r das Pay-TV
319
9.4.5
Konsequenzen der Digitalisierung fü r einzelne bundesweit oder
regional agierende Sender
321
Schlussbetrachtung und Ausblick
323
Abkü rzungsverzeichnis
325
Literaturverzeichnis
329
Abbildungsverzeichnis
355
Tabellenverzeichnis 360
Anhang: Fragebogen und Auswertung
361

12
Einleitung
,,Eine neue Technologie
fü gt nichts hinzu und
zieht nichts ab.
Sie verä ndert vielmehr alles."
Neil
Postman
Der deutsche TV-Markt wird sich nach Meinung vieler Experten in den nächsten zehn Jahren grundlegend
verä ndern. Auslö ser und eine der treibenden Krä fte dieses Prozesses wird die komplette und
unwiderrufliche Umstellung der technischen Verbreitung der TV-Signale von der analogen auf die digitale
Distribution sein.
Diese technologische Evolution wird mit ihren Auswirkungen aber nicht auf die technischen Dienstleister
beschrä nkt bleiben. Vielmehr wird es ausgehend von den neuen technologischen Parametern zu
Verä nderungen in allen Bereichen und bei allen Akteuren des deutschen, europäischen und auch
internationalen Fernsehmarktes kommen.
Fü r die Konsumenten bedeutet das digitale Fernsehen zunächst einmal eine Ersatzinvestition, um analoge
(TV-) Gerä te empfangstauglich zu machen. Einem Großteil der Bevö lkerung erschließ t sich jedoch
aufgrund des bislang unzureichend kommunizierten Zusatznutzens und der Sinnhaftigkeit der Grund fü r
eine solche Investition noch nicht in wü nschenswertem Maße. Dabei wird die Einfü hrung von Digital-TV in
ihrer Konsequenz fü r die Zuschauer aber eigentlich eine deutliche Aufwertung des Angebots mit sich
bringen. Diese Verbesserung des Angebots wird sicher nicht nur auf Art und Umfang der TV-Programme
beschrä nkt bleiben, sie bedeutet darü ber hinaus auch die Erschließ ung der ,heimischen Wohnzimmer'
durch die Einfü hrung von Applikationen im Konvergenzbereich von TV, Internet und Telekommunikation.
Nach dem notwendigen Ausbau der technischen Infrastruktur durch die Netzinhaber, die zunehmend
versuchen werden, sich als Anbieter von Programminhalten und Zusatzdiensten durch den Aufbau

13
eigener digitaler Plattformen zu positionieren, werden sich den Konsumenten umfangreiche interaktive
Mö glichkeiten bieten.
Gerade die durch einen integrierten Rü ckkanal mö gliche ,Interaktivitä t' erlaubt die Erschließ ung bislang
nicht nutzbarer Potenziale fü r neue Geschäftsmodelle in den Bereichen Content, Assets, Applikationen
und Werbung. Hier liegen fü r die TV-Veranstalter groß e Chancen, aber auch nicht zu unterschä tzende
Risiken bis hin zu existenziellen Bedrohungen. Vorrangige Aufgabe des Managements dieser Sender wird
es sein, ihr Unternehmen in den nä chsten Jahren strategisch bestmö glich auf die verä nderten Parameter
des Marktes neu auszurichten und es so auf die Herausforderungen des digitalen Wettbewerbs
vorzubereiten.
Die Veranstalter werden mittelfristig die Entscheidung zu treffen haben, ob sie ihr Angebot einfach
beizubehalten versuchen, eine vertikale Diversifikation entlang der Wertschö pfungskette anstreben oder
horizontal expandieren sollen.
Es besteht die Gefahr, dass die bisherige Kongruenz des Wachstums der Werbeeinnahmen und der
Vermehrung der Programmangebote in der digitalen Zukunft keinen Bestand mehr haben wird: Es ist
davon auszugehen, dass der Werbemarkt - wenn ü berhaupt - nicht mit der gleichen Geschwindigkeit
Maß e wachsen wird, wie sie sich fü r die Zunahme der Programmangebote abzeichnet. Dies hat zur
Konsequenz, dass die Refinanzierbarkeit dieser Inhalte in Frage gestellt wird. Letztendlich wird es darum
gehen, ob der deutsche Markt ü berhaupt in der Lage ist, eine deutliche Vermehrung der Angebote unter
wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu tragen.
Zwar gibt es bereits und wird es im Werbemarkt auch diverse, ebenfalls erst durch die Digitalisierung
mö gliche, neue Werbeformen und somit neue Einnahmepotenziale geben, jedoch werden diese wohl eher
zu Lasten bereits bestehender Werbespendings in klassischen Werbeformen (z. B. Spotwerbung) gehen.
Somit werden neue Formen der Finanzierung (z. B. Provisionen aus interaktiven, transaktionsbasierten
Umsä tzen), vor allem aber auch die konsequente Nutzung bereits bekannter und bislang nicht optimal
ausgeschö pfter Einnahmequellen bei gleichzeitiger Reduktion der Kosten in nahezu allen Bereichen eine
tragende Rolle in der digitalen Fernsehlandschaft der Zukunft spielen.
Ziel dieser Arbeit ist es, Eckpunkte der Verä nderung und mö gliche, durch die Digitalisierung bedingte
Entwicklungstendenzen des deutschen Fernsehmarktes fü r alle Marktakteure aufzuzeigen und auch
Vorschlä ge fü r deren Handlungsoptionen zu entwerfen.

14
Dazu befasst sich Kapitel sechs mit dem digitalen Fernsehmarkt aus Sicht der Rezipienten, Kapitel sieben
legt seinen Fokus auf die technischen Distributoren und Kapitel acht versucht, Auswirkungen der
Verä nderungen im TV-Markt aus der Perspektive der Werbewirtschaft zu betrachten. Kapitel neun
schließ lich beschä ftigt sich mit den Konsequenzen fü r kü nftige digitale Programmveranstalter.
Dies kann nicht ohne eine Berü cksichtigung des aktuellen Status quo und die zur Zeit auf den TV-Markt
und seine Akteure einwirkenden Faktoren geschehen. Dazu gehö rt sowohl eine Einfü hrung in die
technischen Grundlagen der Digitalisierung und die zugehö rigen Begrifflichkeiten in Kapitel eins, als auch
die Darstellung technischer Determinanten und Trends in Kapitel zwei. Das dritte Kapitel befasst sich mit
rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. In Kapitel vier werden einige ö konomische Parameter
betrachtet und das fü nfte Kapitel geht nä her auf gesellschaftliche Aspekte ein.
Eine ü ber die Skizzierung hinausgehende Betrachtung der Determinanten und Trends wü rde den Rahmen
der vorliegenden Arbeit sprengen. Ohne Anspruch auf Vollstä ndigkeit verfolgten die Verfasser lediglich
das Ziel, mit den Erlä uterungen die Vielfä ltigkeit der Einflü sse auf den heutigen Markt, der sich in der
Ü bergangsphase zwischen analogem und digitalem Zeitalter befindet, zum Ausdruck zu bringen.
Die Komplexität der interdependenten Faktoren ä uß ert sich beispielsweise darin, dass die großen
deutschen Sender technisch schon seit einigen Jahren in der Lage sind, ihre Programme digital
auszustrahlen und dies auch ­ praktisch unter Ausschluss der Ö ffentlichkeit - tun. De facto gibt es hier
also Markteinflü sse, die weit ü ber die rein technische Realisierbarkeit hinausgehen.
Nur langsam setzt sich auf Rezipientenseite dieses ,,neue Medium" durch. Die oben genannten und in
den Kapiteln dieser Arbeit ausgefü hrten Aspekte sind ein wesentlicher Grund hierfü r.
Mit Hilfe eines schriftlichen Fragebogens wurde auß erdem die Meinung von Experten zu den Teilbereichen
dieser Arbeit eingeholt. Die Ergebnisse finden sich an passender Stelle in den jeweiligen Kapiteln und in
detaillierter, ü bersichtlicher Form unter ,Auswertung der Rü cklä ufe des Fragebogens' im Anhang.
"There is nothing more difficult to initiate,
more perilous to conduct,
or more uncertain in its success,
than the introduction of a new order of things."
Machiavelli (1509)

15
1.1 Begriffsdefinition ,Digitales Fernsehen'
Fü r das digitale Fernsehen in Europa steht stellvertretend
generell die Abkü rzung
DVB, die dann noch um die
Kurzbezeichnung der Distributionsweise (per Satellit
[
DVB-S], Kabel [DVB-C] oder Terrestrik [DVB-T])
erweitert angegeben wird. Hinter DVB verbirgt sich ein
international vereinbarter Standard fü r die Ü bertragung
Quelle: Deutsche TV-Plattform 2001
digitaler Signale, welcher 1993 durch die Zusammenfü hrung der einzelnen Forschungs-, Entwicklungs-
und Feldversuchsprojekte im sogenannten
European DVB Project`, also European Digital Video
Broadcasting Project, entstand. Vorrangige Aufgabe des Projektes war und ist nach wie vor die
Ausarbeitung der technischen Grundlagen fü r den konkreten Normierungsprozess und die Unterstü tzung
bei der Einfü hrung neuer Dienste (vgl. digital fernsehen [Internetprä senz] 2002).
Je nach Ü bertragungsqualität und -bedarf kann auf einem Kanal fü r analoges TV-Programm ein
Mehrfaches an digitalen Fernsehprogrammen ü bertragen werden. DVB erlaubt zusä tzlich den Empfang
von Radioprogrammen, Computerdaten bzw. Internet- und (multimedialen) Zusatzdiensten
(vgl. Messmer
2002, S. 19). Die entsprechenden Informationen werden zunä chst auf Senderseite durch den Einsatz von
Analog/Digital-Wandlern in einen Binä rcode aus Einsen und Nullen zerlegt, codiert und auf
Empfä ngerseite wieder decodiert, um zu Bildern, Tö nen, Texten oder sonstigen Daten zusammengesetzt
und schließ lich dargestellt werden zu kö nnen. Der Begriff des ,digitalen Fernsehens` erscheint in der
Literatur hä ufig neben Begriffen wie ,Multimedia` oder ,interaktives Fernsehen`. In ä hnlicher Weise hat die
Gleichsetzung des ,digitalen Fernsehens' mit dem Abonnentenfernsehen
(Pay-TV) im Sprachgebrauch der
deutschen Ö ffentlichkeit mehr und mehr zugenommen. Beide hier genannten Vorgehensweisen sind dazu
geeignet, Verwirrung zu stiften. In der hier vorliegenden Arbeit mö chten die Verfasser der ungenauen
Begrifflichkeit mit einer Definition des ,digitalen Fernsehens' entgegenwirken, mit deren Hilfe eine
Eingrenzung des Begriffs insbesondere hinsichtlich der Problemstellung im Zusammenhang mit dem
Ü bergang zu einem vollstä ndig digitalisierten Fernsehsystem in Deutschland erfolgen soll. Unter digitalem
Fernsehen in diesem Sinne verstehen die Verfasser in erster Linie Angebote, die
1
Basiswissen ü ber digitales Fernsehen

16
-
in Form digitaler Daten ü ber verschiedene Distributionsmedien vom Sender zum Empfä nger
transportiert und im Falle audiovisueller Inhalte besonderen Datenkompressions- und
Datenreduktionsverfahren unterzogen werden,
-
mit Ausnahme der reinen ,1-to-1`-Individual-Kommunikationsdienste Anwendungen, Programme
bzw. Dienste darstellen, die zu den bereits heute bekannten und kü nftig hinzukommenden
Interaktivitä tslevels zugerechnet werden kö nnen und
-
nur mit einer digitalen Set-Top-Box empfangen werden kö nnen, die in der derzeitigen
Marktentwicklungsphase als Zusatzgerä t zum Analogempfä nger vertrieben wird und spä ter
herstellerabhängig als Bauteil in einem digitaltauglichen Fernsehgerät integriert sein kann
(
Integrated Television). (Definition in Anlehnung an Messmer (vgl. Messmer 2002, S. 63).
1.2 Entwicklung des deutschen Fernsehmarktes in der Retrospektive
Als das ö ffentlich-rechtliche Fernsehen am 25. Dezember 1952 mit dem Vorgä nger des ersten
Programms der
ARD seinen regulä ren, damals noch in ,Schwarz-Weiss` ausgestrahlten Sendebetrieb
aufnahm, war es noch weit vom Status eines Massenmediums entfernt
(der offizielle Beginn des
Farbfernsehens in der BRD fand erst 1967 statt, vgl. Grü nwald 2001, S. 7). Da zudem die
Empfangsgerä te in der damaligen Zeit aufgrund noch nicht einsetzender Serien- bzw. Massenfertigung
noch sehr teuer waren, blieb der Empfang von Fernsehsendungen lediglich auf eine recht kleine,
privilegierte Bevö lkerungsgruppe beschränkt. Dies ä nderte sich in den folgenden Jahren, als die
Herstellung von TV-Empfangsgerä ten immer kostengü nstiger wurde und zur Folge hatte, dass ein
Fernsehgerä t bald mit zur Standardausstattung beinahe eines jeden bundesdeutschen Haushalts
gehö rte. Der Umstand, dass die Fernsehprogramme damals nur ausschließ lich terrestrisch ausgestrahlt
werden konnten, machte den aufwä ndigen Aufbau entsprechend ausgelegter Sendernetze erforderlich, so
dass durch deren Transportkapazitä t im Jahre 1965 die Ü bertragung von insgesamt drei
Fernsehprogrammen mö glich war
(vgl. Messmer 2002 S. 15). Dieser Zeitabschnitt zu Beginn der
Geschichte des Fernsehens in der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland, kann im Hinblick auf
die Rundfunkveranstaltung als ,erste Revolution` bezeichnet werden. In den Jahren von 1980 bis 1990
wurden dann durch Politik und technologische Entwicklung die Rahmenbedingungen fü r eine Reihe neuer,
nun privatwirtschaftlich organisierter Rundfunkprogramme geschaffen. Durch die Mö glichkeit der
Stationierung von
LEOS-Satelliten (Low-Earth-Orbiter-Satellites) (LEOS kreisen in einer relativ niedrigen
Flughö he von 500­1500 km um die Erde, so dass die Signale auch mit geringer Sendestärke

17
ü bertragbar sind) auf erdnahen Orbitalpositionen und
GEOS-Satelliten (Geo-Stationary-Orbiter-Satellites)
(GEOS kreisen auf einer Umlaufbahn in 36000 km Hö he) auf geostationä ren Orbitalpositionen und der
daraus resultierenden Bereitstellung von Transpondern auf den Satelliten, den Satellitendirektempfang
und den Ausbau der Kabelverteilnetze war es von da an prinzipiell mö glich, in Deutschland etliche neue
Programme zu empfangen. Damit konnte die ,zweite Revolution` ihren Siegeszug antreten. Darü ber
hinaus wurde Anfang 1991 mit dem von Bertelsmann gegrü ndeten Abonnentenfernsehsender Premiere
das bis dahin in Deutschland vö llig unbekannte entgeltfinanzierte Fernsehen, welches in den Folgejahren
als
Pay-TV bekannt wurde, eingefü hrt. Mit der von der KirchGruppe im Juli 1996 am Markt eingefü hrten
Pay-TV-Plattform
DF1, dem ersten deutschen Anbieter digitaler Fernsehprogrammbouquets, vollzog sich
der Beginn der ,dritten Revolution` im Bereich des Fernsehens. Ein Novum der TV-Plattform
DF1 bestand
darin, dass deren Angebot ausschließ lich digital und nur mit Hilfe entsprechender vor den
Fernsehempfänger zu schaltender Gerä te, sogenannter ,,Set-Top-Boxen", die das digitale Eingangssignal
in ein fü r die herkö mmlichen Fernsehgerä te verstä ndliches, abbildbares analoges Signal zurü ckwandelten,
zu empfangen war. Die
DF1-Abonnenten bezahlten eine monatliche, vom jeweiligen Umfang der
georderten Programmpakete abhä ngige Gebü hr und erhielten dafü r im Gegenzug eine Zusammenstellung
verschiedener Spartenprogramme (dies wird mit
Pay-per-channel bezeichnet). Die beiden am Markt
konkurrierenden TV-Programmbouquet-Anbieter
PREMIERE und DF1 wurden dann im Oktober 1999
unter der Fü hrung der
KirchGruppe zum Digitalbouquet PREMIERE WORLD` zusammengefü hrt, das seither
in Deutschland eine marktbeherrschende Stellung einnimmt. Eine von der Bundesregierung eingesetzte
Expertenkommission, die
Initiative Digitaler Rundfunk (IDR), sprach sich angesichts der technischen
Entwicklung dafü r aus, spätestens im Jahr 2010 die analoge terrestrische Distribution von
Fernsehveranstaltung in Abhä ngigkeit von der bis dahin realisierten Haushaltsreichweite endgü ltig
auslaufen zu lassen und vollstä ndig durch die digitale Distributionstechnik zu ersetzen
(vgl.
Bundesministerium fü r Wirtschaft und Technologie 1998, S. 1ff). Frü her kö nnte hier in Deutschland die
Umstellung nur ü ber den Distributionsweg Satellit erreicht werden. In den USA dagegen wurde
beschlossen, dass dort bereits im Jahr 2006 die analoge vollstä ndig von der digitalen
Fernsehsignalverbreitung abgelö st sein soll (vgl. Messmer 2002, S. 16). Ob dieser von der
Bundesregierung dem deutschen Markt aufoktruierte Zeitplan eingehalten werden kann, ist unklar. Es
stellt sich in der Tat die Frage, wie lange die Ü bergangsphase bis zum analogen
Switch-off tatsä chlich
noch dauern wird.

18
1.3 Technische Grundlagen
1.3.1 Ü bertragungstechnische Standards
1.3.1.1 Analoge
Fernsehü bertragung
Verglichen mit der analogen Signalü bertragung ist das digitale Fernsehen erst einmal nicht mehr als ein
neues Verfahren zur Ü bertragung von Fernsehsignalen vom Sender hin zum Empfä nger. Kommen bei der
analogen Technik dabei elektromagnetische Schwingungen zum Einsatz, greifen digitale Standards auf die
aus der Computertechnik bekannten Datenströ me zurü ck, die durch die Abfolge von Nullen und Einsen,
den so genannten Binä rcodes, entstehen
(vgl. dazu Lenz/Reich
1999, S. 29). Werden auch in
Konsequenz dieser Verfahrensanwendung erweiterte Anwendungsformen von Fernsehdiensten
ermö glicht, ist die Digitalisierung ,,des Fernsehens" prinzipiell allein die Verä nderung des
Ü bertragungsverfahrens. Bei der analogen Fernsehü bertragung wird zunä chst das zu sendende Objekt
durch eine Kamera elektronisch ,,abgetastet", die das Bild in eine Vielzahl einzelner Zeilen zerlegt
(vgl.
dazu Ziemer
1997, S. 24). Das generierte Signal wird einer sogenannten Trä gerwelle per
Amplitudenmodulation ,,aufgesetzt" und von der Sendeantenne ausgestrahlt. Auß er den Bildsignalen
selbst werden dabei auch sogenannte Synchronisierwellen gesendet, die den Gleichlauf des
Elektronenstrahls in der Empfangsrö hre mit dem Elektronenstrahl der Senderö hre sicherstellen. Das zum
jeweiligen Bild gehö rende Tonsignal wird auf einer eng benachbarten Trä gerwelle ü bertragen
(vgl. dazu
Grü nwald 2001, S. 9).
Nachdem diese Signale von der Empfangsantenne aufgefangen wurden, macht der
Elektronenstrahl der Braun'sche Rö hre das Bild im TV-Empfangsgerä t des Zuschauers sichtbar
(vgl. dazu
Ziemer
1997, S. 13ff). Bei der analogen Distribution werden jede Sekunde 25 Bilder ü bertragen, die als
jeweils zwei Halbbilder auf dem Fernsehschirm dargestellt werden. Zuerst wird jeweils in den ungeraden
Zeilen (1,3,5,...) das erste Halbbild vom Elektronenstrahl der Braun'schen Rö hre abgebildet. Ist der
Elektronenstrahl am unteren Ende des Bildschirms angekommen, wird nach der horizontalen und
vertikalen Austastlü cke mit den geraden Zeilen (2,4,6...) das fehlende zweite Halbbild dargestellt.
Im Gegensatz zur Videorekorder-Technik, bei der sich das VHS-System gegenü ber Video 2000 und
Betamax jedenfalls im so genannten ,Consumerbereich` (Heim- bzw. Privatbereich) als weltweiter
Standard etabliert hat, konkurrieren beim analogen Farbfernsehen nach wie vor drei verschiedene
Systeme miteinander. Diese sind PAL (Phase Alternating Line), NTSC (National Television Systems
Commitee) und SECAM (Sé quentiel Couleur Avec Memoire)
(Ziemer 1997, S. 13ff). Das letztgenannte
System ist in Frankreich und den meisten osteuropä ischen Lä ndern sehr stark verbreitet, NTSC in den

19
USA und Japan und PAL im restlichen Europa. Die drei Standards sind zueinander jeweils nicht
kompatibel, weil alle drei Systeme bei der Abbildung farbiger Bilder auf unterschiedliche Art und Weise
vorgehen
(vgl. dazu Grü nwald
2001, S. 9). In Konsequenz dessen bildeten sich im Bereich der TV-Geräte
drei vollkommen eigenstä ndige Mä rkte heraus, da zum Beispiel ein PAL-Gerä t ein im NTSC-Modus
ü bertragenes Bild nicht verarbeiten und folglich auch nicht darstellen kann. Die einzelnen analogen
Fernsehstandards unterscheiden sich ferner nicht zuletzt in der Qualitä t der Bilddarstellung.
So setzt sich bei PAL und SECAM das Fernsehsignal aus 50 Halbbildern pro Sekunde mit je 625 vertikalen
Bildpunkten zusammen, während NTSC bei 60 Halbbildern mit 525 vertikalen Bildpunkten arbeitet.
Daraus resultiert ein unterschiedlicher Kapazitä tsbedarf der jeweiligen Signale bei der Ü bertragung.
Dieser belä uft sich bei NTSC auf 6 MHz pro Fernsehsignal (Bild, Ton- und Farbinformation eines einzelnen
Programms), wä hrend bei PAL und SECAM je 7 MHz dafü r benö tigt werden
(vgl. dazu Grü nwald 2001, S.
9). Analoge Signale haben die Eigenschaft, wert- und zeitkontinuierlich zu sein, d.h. ein analoges Signal
kann theoretisch zu jedem beliebigen Zeitpunkt jeden beliebigen Wert annehmen. Im Unterschied dazu
sind digitale Signale wert- und zeitdiskret, d.h. jedem digitalen Signal ist, nachdem es durch Abtastung
und Quantisierung digitalisiert wurde, zu jedem Zeitpunkt genau ein Wert zugeordnet, der beibehalten
wird, bis eine neue Signalinformation erfolgt
(vgl. dazu Ziemer
1997, S. 27).
1.3.1.2
Datenreduktion und ­kompression digitaler Signale nach den MPEG-Standards
Ein bewegtes Bild in Fernsehen oder Film ist prinzipiell nichts anderes als die Aneinanderreihung von 25
Einzelbildern pro Sekunde unter Ausnutzung der Augenträgheit. Bereits seit Jahren wird im Computer-
und Grafikbereich fü r einzelne (Stand-) Bilder das durch die
Joint Picture Expert Group (kurz: JPEG)
standardisierte und unter der Kurzbezeichnung JPEG bekannt gewordene Datenreduktionsverfahren
angewendet. Durch die Digitalisierung der TV-Signale war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein
ähnliches Verfahren auch fü r den Einsatz fü r digitale Fernsehbildsignale entwickelt werden wü rde. Das
Ergebnis war ein inzwischen weltweit anerkannter und verbreiteter Datenreduktionsstandard, der unter
der Bezeichnung
MPEG bekannt ist. Dieser Standard wurde durch die Motion (bzw. Moving) Picture
Expert Group entwickelt, die sich mit der digitalen Codierung von Bewegtbild und dazugehö rendem Ton
beschä ftigt
(vgl. Ziemer 1997, S. 236).
Die Gemeinsamkeit zwischen Datenkompression und Datenreduktion ist die Tatsache, dass die Trä gheit
menschlicher Augen und Ohren es erlaubt, ,ü berflü ssige`, also redundante Informationen bei Bildern und

20
Tö nen zusammenzufassen bzw. wegzulassen. Entscheidender Unterschied zwischen Datenkompressions-
und Datenreduktionsverfahren ist die Behandlung der redundanten Informationen. Im Falle der
Datenkompression werden die Daten ohne Informationsverlust auf ein Hö chstmaß zusammengepresst
(komprimiert). Man kann diesen Vorgang mit dem ,,Zippen" von Computerdateien vergleichen. Nach dem
,,Entpacken" stehen die Daten wieder in ursprü nglicher Form zur Verfü gung.
Datenkompressionsverfahren spielen im Bereich des digitalen Fernsehens eine nachrangige Rolle (siehe
dazu Messmer, 2002, S. 21ff). Im Gegensatz dazu kommt die Datenreduktion, auch Quellcodierung
genannt, in Form des MPEG 2-Verfahrens fü r die digitale TV-Signalverarbeitung und Distribution zum
Einsatz. Bei der sogenannten
Irrelevanzreduktion werden die ü berflü ssigen, redundanten Bild- und
Toninformationen bei der Ü bertragung einfach weggelassen. In der Praxis bedeutet das, dass lediglich
nur noch die Bild- und Toninformationen ü bermittelt werden mü ssen, die sich zum vorhergegangenen Bild
verä ndert haben, was als
Redundanzeliminierung bezeichnet wird (vgl. dazu Lenz/Reich 1999, S. 33ff).
Wenn sich im Bild im Vergleich zum vorherigen nichts ä ndert, ist es ausreichend, nur jedes zwö lfte Bild zu
ü bertragen. Grund dafü r ist auch in diesem Falle die Visions- und Auralpersistenz, also die Trä gheit der
menschlichen Augen und Ohren.
Um den Grad der Datenreduktion noch weiter zu erhö hen, kö nnen zusä tzlich verschiedene Verfahren der
Bewegungskompensation (vgl. dazu Lenz/Reich 1999, S. 33ff) angewendet werden. Dabei wird die
Bewegung zwischen zwei Bildern abgeschä tzt und dies als zusä tzliche Information den Daten
hinzugefü gt. Gleichzeitig wird die Bewegung in den Bildern kompensiert und die Differenz zwischen den
Bildern gebildet. Diese Differenz beinhaltet dann nur noch die Ä nderungen zwischen den Bildern, die nicht
durch Bewegung entstanden sind. Ein Beispiel: Ein Nachrichtensprecher sitzt im Studio vor einem
Blue
Screen, einem blauen Hintergrund, und trägt eine politische Meldung vor. Am Hintergrund ä ndert sich
mehrere Minuten lang nichts, folglich muss nur jedes zwö lfte Bild zum Zuschauer ü bertragen werden.
Lediglich die wenigen Bewegungen, die der Sprecher mit Kopf, Mund und ggf. seinen Hä nden macht,
mü ssen in jedem Bild ü bermittelt werden. Im Gegensatz dazu ä ndern sich bei einer Fuß ballü bertragung
die Bildinhalte permanent. Folglich kö nnen diese wegen mö glichen
Blocking- oder Burst-Fehlern nicht so
stark datenreduziert werden, was bedeutet, dass ein digitaler Sportkanal einen größ eren Datenstrom zum
Rezipienten ü bertragen muss als ein reiner Nachrichtenkanal. Daher benö tigt ein Sportkanal eine
erheblich grö ßere Bandbreite bzw. Ü bertragungskapazitä t. Fü r das digitale Fernsehen ist bisher
ausschließ lich MPEG 2 relevant. Nachfolgend sind die einzelnen MPEG-Varianten aufgefü hrt:

21
MPEG 1: Fü r Anwendungen hauptsä chlich im Computer- und Audiobereich (z. B. MPEG 1 Layer 3 =
mp3 fü r Internetmusikdateien) mit einer Datenrate bis zu 1,5 Mbit/s (vgl. Messmer 2002, S. 22).
MPEG 2: Fü r Anwendungen im Fernsehbereich, Reduktion auf Datenraten von 2 bis 15 Mbit/s mö glich.
MPEG 2 erlaubt die Codierung von Bildern mit Standardauflö sung (720x576 Pixel) bis hin zur HDTV-
Auflö sung (1920x1152 Pixel) (vgl. Messmer 2002, S. 22; siehe dazu auch Ziemer 1997, S. 365).
MPEG 3: Sollte die digitale Codierung fü r hochauflö sendes Fernsehen (HDTV) ermöglichen. Jedoch nicht
weiterverfolgt, da HDTV bereits bei MPEG-2 umgesetzt wurde
(vgl. Messmer 2002, S. 22).
MPEG 4: Fü r Anwendungen im Multimediabereich vorgesehen. Kleine Datenraten von maximal 10kBit/s
mö glich
(vgl. Messmer 2002, S. 22.). Mit MPEG 4 soll eine gegenü ber MPEG 2 erhö hte Codiereffizienz
erreicht werden, des weiteren wird durch die Einfü hrung von Objekten und Objektebenen ein Interaktiver
Umgang ermö glicht. Darü ber hinaus wird ein universeller Zugriff auf die Daten ü ber verschiedenste
Speichermedien und Netzwerke unterstü tzt. Der Normierungsprozess dauert an
(vgl. Schmidt 2003, S.
149ff.).
MPEG 5 und MPEG 6: ist nicht definiert (Schmidt 2003, S. 149ff).
MPEG 7 : Knü pft an die Errungenschaften von MPEG 4 an, wobei MPEG 7 nicht das Ziel einer weiteren
Erhö hung der Datenreduktion verfolgt, sondern das des Content Managements. MPEG 7 wird im Standard
als
Multimedia Content Description Interface ausgezeichnet und bietet eine Beschreibung dessen, was die
bislang entwickelten MPEG-Standards liefern. Basis dafü r sind die sogenannten
Metadaten (Daten ü ber
Daten), die entweder zusammen mit dem Programm oder unabhä ngig davon gespeichert werden kö nnen.
MPEG 7 hat aber den Anspruch, weit ü ber die proprietä re (geschlossene) Verwendung von Metadaten
hinauszugehen
(vgl. Schmidt 2003, S. 149ff).
MPEG 8 bis MPEG 20 : ist nicht definiert
(Schmidt 2003, S. 149ff).
MPEG 21 : Bindet zusä tzlich die Verwaltung digitaler Rechte (Digital Rights Management) mit ein. Mit
Hinblick auf Interoperabilitä t auf Anwenderseite, also die Kompatibilitä t in Bezug auf Formate, Codecs und
Metadaten in dynamischen Business-Systemen zielt MPEG 21 auf die Bereitstellung eines
Multimedia
Frameworks ab. Hierbei wird versucht, verschiedene Elemente der Infrastruktur vom Lieferanten des
Contents bis zum Rezipienten und ihre Beziehungen zueinander zu beschreiben
(vgl. Schmidt 2003, S.
149ff).
Beim digitalen Fernsehen werden die Bild- und Toninformationen vor der Ü bermittlung digitalisiert (sofern
sie nicht schon in digital aufgezeichneter Form vorliegen), d. h. das jeweilige Eingangssignal wird in eine
Abfolge von Binä rzahlen (Nullen und Einsen) zerlegt
(die Einzelschritte im prozessualen Ablauf der

22
Digitalisierung nennt man
Abtastung und Quantisierung, vgl. Ziemer 1997, S. 26ff). Eine solche Folge von
je vier Zeichen wird als ein ,Bit` bezeichnet. Nach Abschluss des Digitalisierungsprozesses ist das
Ergebnis ein kontinuierlicher Datenstrom (
Bitstrom), der in Bits pro Zeiteinheit (Sekunden) gemessen
wird. Ein digitalisiertes, nicht datenreduziertes Video- und Audiosignal in PAL-Qualitä t (SDTV) verursacht
einen Datenstrom von etwa 220 Mbit/s, bei HDTV sogar einen von ü ber 1,1 Gbit/s. Via Satellit oder Kabel
steht aber lediglich eine Ü bertragungskapazitä t von weniger als 40 Mbit/s pro Kanal zur Verfü gung, im
Falle terrestrischer Ü bertragung sogar nur etwa 20 bis 25 Mbit/s.
Abb. 1: Datenraten bei analogem, digitalem und datenreduziertem digitalen Signal
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Lenz/Reich 1999, S. 33
Anstatt einem Datenstrom von 270Mbit/s mü ssen dann nur noch zwischen 2 und 8 Mbit/s ü bertragen
werden. Beim Rezipienten ist am TV-Anschluss noch vor dem Fernsehempfä nger ein entsprechendes
Gerä t, eine sogenannte Set-Top-Box, installiert, welches die binä r codierten Daten aus Bits und Bytes
dann wieder decodiert und in Bilder, Tö ne und sonstige Daten umsetzt und schließ lich auf dem
Fernsehschirm sichtbar macht.
Je hö her der Datenreduktionsfaktor gewä hlt wird, desto weniger Daten
mü ssen folglich ü bertragen werden (vgl. dazu Messmer 2002, S. 21).
Die Datenreduktionstechnologie ermö glicht somit eine Vervielfä ltigung der nutzbaren Kanä le auf das
Sechs- bis Zehnfache (siehe Abb. 1). Mit den neuen Technologien verringert sich der Aufwand zur
Verbreitung von Fernsehprogrammen. Dies ermö glicht auch Kleinanbietern die Ausstrahlung von
Programmen in akzeptabler Bild- und Tonqualitä t
(vgl. dazu Ziemer 1997, S. 357).
Analoger Kanal
Digitaler Kanal
Digitaler Kanal
datenreduziert
100%
10%
700%

23
1.3.1.3
Variable Signalqualitä t: Von HDTV bis LDTV
Durch den Einsatz von Irrelevanzreduktion, Bewegungskompensation und Statischer Redundanz ist es
aufgrund der starken Komprimierung nach dem heutigen Stand der Technologie mö glich, auf einem
Ü bertragungskanal, auf dem bisher nur ein Fernsehprogramm Platz hatte, je nach erforderlicher
Bandbreite zwischen sechs und zehn Programme in erheblich besserer Qualitä t und zudem absolut
stö rungsfrei zu ü bertragen. Datenreduktionsverfahren erzeugen je nach Ausgangssignal
Ü bertragungsraten in erheblich unterschiedliche Hö he. Diese hö heren Datenraten sind z. B. bei
Sportü bertragungen infolge des stä ndig wechselnden Bildinhalts erforderlich. Die entsprechend
notwendige Bandbreite zur Ü bertragung des digitalen Fernsehsignals sollte somit sinnvollerweise variabel
sein. Die variable und temporä re Zuteilung ist heute bereits mö glich. Im Folgenden sind die
verschiedenen Qualitä tsebenen aufsteigend sowie die dazugehö renden korrespondierenden Datenraten
bei datenreduziertem Digitalen Fernsehen beschrieben:
-
LDTV (Limited [bzw. Low] Definition Television) ist die Qualitä tseinstufung von Fernsehdiensten,
die auf kleinen Gerä ten bzw. Bildschirmen wiedergegeben und in einfacher Bild- und Tonqualitä t
ausgestrahlt werden, die etwa einer bekannten Standard-VHS-Aufzeichnung entspricht. Programme
in LDTV, bei denen die horizontale und vertikale Auflö sung jeweils etwa halbiert werden, wodurch
sich ein System mit 288 Zeilen ergibt, haben also qualitativ herabgesetzte
Wiedergabeeigenschaften gegenü ber dem heute ü blichen Fernsehsystem nach PAL-Norm. Die
erforderliche Datenrate fü r LDTV beträ gt 1,5 bis 2 Mbit/s
(vgl. Messmer 2002, S. 23 und Ziemer
1997, S. 426ff).
-
SDTV (Standard Definition Television) ist vorgesehen fü r TV-Programme, welche die
Qualitä tseinstufung mit etwa gleichen Wiedergabeeigenschaften wie beim heutigen PAL-
Fernsehsystem aufweisen und auf Standard-TV-Gerä ten wiedergegeben werden
(vgl. dazu
Ziemer
1997, S. 426ff). Die Datenraten bei SDTV liegen bei 3 bis 4 Mbit/s (vgl. Messmer 2002, S. 23).
-
EDTV (Enhanced Definition Television) dient als Qualitä tseinstufung fü r Fernsehprogramme, die auf
mittleren bis groß en Fernsehgerä ten und Bildschirmen wiedergegeben und mit verbesserter Bild-
und Tonqualität im Vergleich zur PAL-Norm ausgestrahlt werden, wobei jedoch die vertikale
Auflö sung mit effektiv 576 Zeilen beibehalten wird. EDTV-Formate sollen auch das neue

24
Bildverhä ltnis 16:9 unterstü tzen
(vgl. dazu Ziemer 1997, S. 426ff). Die Datenrate bei EDTV beträ gt
6 bis 9 Mbit/s
(vgl. dazu Messmer 2001, S. 23).
-
HDTV (High Definition Television) ist das hochauflö sende Fernsehsystem, das mit mehr als 1000
Zeilen und mit einem Bildformat von 16:9 eine mit Kino vergleichbare Bildqualitä t erreicht. Die
japanische Industrie entwickelte ein Konzept mit 1125 Zeilen/60 Hz und versuchte es weltweit
durchzusetzen, woraufhin in Europa im Rahmen des Eureka-EU-95-Projekts ein alternatives
System mit 1250 Zeilen/50Hz entwickelt wurde
(vgl. dazu Ziemer 1997, S. 426ff). Vorgesehen ist
HDTV fü r TV-Programme, die in besonders hoher Ton- und Bildqualitä t gegenü ber dem heutigen
PAL-System auf Gerä ten mit groß en bis sehr groß en Bildschirmen (einschließ lich entsprechender
Projektion) mit Verwendung stationä rer Parabol- und Dachantennen wiedergegeben werden. Die
Datenraten von HDTV liegen bei 20 bis 30 Mbit/s
(vgl. dazu Messmer 2002, S. 23).
Doch auch der Datenreduzierung digitaler Signale sind Grenzen gesetzt. Bei zu geringen
Datenü bertragungsraten werden die Manipulationen an Bild- und Tonqualitä t schließlich doch fü r die
menschlichen Sinnesorgane erkenn- und wahrnehmbar. Die Datenrate steigt proportional mit der
Zunahme der zu ü bertragenden Detailinformationen. Aufgrund des per se fehlenden Qualitä tsniveaus des
digitalen Fernsehens ist es mö glich, verschiedene Bildqualitä tsstufen mehr oder weniger frei zu
definieren. Dies ist von den Vorgaben des Programmanbieters, von den Bildinhalten und vom jeweiligen
Qualitä tsanspruch abhä ngig. Es ist beispielsweise mö glich, auf einem 8-MHz-Fernsehkanal lediglich ein
Programm in HDTV-Qualitä t oder aber jeweils 16 Programme in LDTV-Qualitä t digital zu ü bertragen.
Entsprechende Verfahrenstechnologien, welche die Ü bertragungsdatenraten dynamisch je nach Bedarf
innerhalb eines Programms bzw. Programmbouquets laufend anpasst, befinden sich derzeit bereits in der
Entwicklungsphase, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Nutzung der dann zur Verfü gung
stehenden Ü bertragungskanä le nach Markteinfü hrung einer derartigen Technik noch effizienter vonstatten
gehen wird
(vgl. Ziemer 1997, S. 147). Eine weitere bei der Datenreduzierung ebenfalls eingesetzte
Technik, nä mlich die des Fehlerschutzes, gestattet es, die bei der Ü bertragung zum Rezipienten
verlorengegangenen Teile der Bild- und Toninformationen durch eine Mittelwertberechnung ohne
sichtbaren Qualitä tsverlust erneut zu generieren und gemeinsam mit dem ü brigen Fernsehsignal zu
ü bertragen (vgl. Lenz/Reich 1999, S. 24ff).

25
1.3.1.4
Digitale Modulation und Multiplexing
In Zukunft werden weitere denkbare Komponenten wie EPG, interaktive Dienste u. ä . bei der Ü bertragung
von Fernsehprogrammen neben den ü blichen Bild- und Tondaten in einem einzigen Kanal vom Sender
zum Empfä nger ü bertragen
(vgl. dazu Ziemer 1997, S. 188ff). Ein datenreduziertes Fernsehsignal
benö tigt inklusive Stereo-Audiosignal und sonstiger programmspezifischer Daten wie z. B. Video- oder
Teletext in der bisher nach dem PAL-System ü blichen Bildqualitä t eine Datenü bertragungsrate von 4,6 bis
4,7 Mbit/s. Auf einem Ü bertragungskanal im Breitbandkabel und via Satellit sind derzeit Datenraten
zwischen 33,8 Mbit/s und 38,0 Mbit/s erreichbar
(vgl. Messmer 2002, S. 25). Durch diese
Ü bertragungskapazitä t wird die Ü bertragung von sechs bis acht digitalen Programmen mö glich. Um die
gesendeten Daten durch die Empfangsgerä te verarbeiten lassen zu kö nnen, mü ssen die Daten bereits in
einer bestimmten Art und Weise vordefiniert gegliedert sein. Es ist erforderlich, dass die Audio-, Video-
und Zusatzdaten vor der Distribution transportgerecht verpackt werden
(vgl. dazu Ziemer 1997, S.
188ff).
Dabei kommt dem sogenannten Multiplexverfahren eine bedeutende Aufgabe zu. Diese besteht darin, alle
Ü bertragungskomponenten in einem einzigen Datenstrom zu vereinigen. Das Multiplexverfahren gliedert
sich in zwei Schritte: Erst werden die sogenannten
Packetized Elementary Stream
(Elementardatenströ me) erstellt, welche in einem zweiten Schritt zu einem einzigen
Transport Stream
(Transportdatenstrom), auch als Programmdatenstrom bezeichnet, zusammengefü hrt werden. Dieser
Transportdatenstrom beinhaltet neben den jeweiligen Programmangeboten auch die entsprechenden
Steuerinformationen, die via entsprechendem Kanal distribuiert werden sollen. Die nach der MPEG 2-
Norm bearbeiteten und in einem einzigen Transportstrom zusammengefü hrten Daten bekommen somit
eine Paketstruktur. Fü r ein sogenanntes Transportpaket, welches aus dem
Header, der hauptsä chlich
Informationen zur Identifikation der Daten enthä lt, und dem
Payload, also den Nutzdaten in Form von
Video-, Audio- und Zusatzdaten, besteht, wird dann jeweils nur eine Sendefrequenz benö tigt (vgl.
Messmer 2002, S. 25). Im sogenannten
Playout-Center, einer Art Sendezentrum fü r das digitale
Fernsehen, wird das Multiplexing abgewickelt. Hier werden alle Programme von leistungsfähigen Rechnern
digitalisiert (,,gemultiplexed") und die Transportpakete, auch als
Container oder Multiplexe bezeichnet,
auf den Weg zum Zuschauer gebracht. Folglich ist der
Multiplexer ein Bestandteil der Senderseite. Sein
Gegenstü ck ist der
Demultiplexer auf der Empfä ngerseite. Dessen Aufgabe besteht darin, die mit dem
vereinigten Transportdatenstrom empfangenen Komponenten wieder in den bereits beschriebenen
Payload und den Header zu extrahieren. Daher sollen die einzelnen Komponenten mit ihren Bitraten im

26
Multiplexer sehr flexibel gehandhabt werden kö nnen. Das Zusammensetzen beim Multiplexing sowie das
Trennen beim Demultiplexing der in Paketen zu ü bertragenen Programmkomponenten erfordert
zwischenzeitliche Datenspeicherung, zeitliche Synchronisierung der Datenpakete und schließ lich die
Ü berwachung der ordnungsgemäß en seriellen und zeitlichen Strukturierung der einzelnen Datenpakete.
Im Folgenden ist eine schematische Darstellung dieses Prozesses samt Demultiplexing, also dem
Decodiervorgang beim Empfänger durch die Set-Top-Box dargestellt
(vgl. dazu Messmer 2002, S. 26).
Die Multiplexe (Transportpakete) kö nnen sowohl fü r die bundesweite Ausstrahlung via Satellit, wie von
den Playout-Centern von
ARD, ZDF und Premiere genutzt, als auch fü r die Versorgung der Kabelnetze
zusammengestellt werden. Kabelnetzbetreiber, die daran interessiert sind, die Vorteile ihres
Distributionsmediums bereits bei der Zusammenstellung des Angebots nach jeweiligen regionalen
Kriterien zu nutzen, benö tigen ein regionales Playout-Center, indem dann die via Satellit an der
Kabelkopfstation angelieferten Daten von bundesweiten Programminhalten mit regionalen TV-Angeboten
oder/und Onlinediensten zu einem neuen Angebotsbouquet konfiguriert werden.
Abb. 2: Multiplexing im Playout-Center und Demultiplexing beim Empfä nger
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Ziemer 1997, S. 188
Programm 1
Programm 2
Programm 3
Programm x
Programm 4
Programm 5
...
Datencontainer 1
Datencontainer 2
Datencontainer 3
Set-Top-Box
Analoges TV-Empfangsgerät
M u l t i p l e x v e r f a h r e n
Programm 1
Programm 2
Programm 3
Programm x
Programm 4
Programm 5
...
Playout-Center

27
Damit digitale Fernsehsignale auf den bekannten gä ngigen Distributionswegen (Satellit, Kabel, Terrestrik)
ü bertragen werden kö nnen, muss der ,gemultiplexte` Transportdatenstrom, genau wie analoge Signale,
mit einer hochfrequenten Trägerschwingung zusammengefü hrt werden. Diesen Vorgang, der bei analoger
Ü bertragung als Modulation bezeichnet wird (vgl. Kap. 1.3.1.1) nennt man in Anlehnung daran
entsprechend
digitale Modulation. Auf Empfä ngerseite der Ü bertragungsstrecke ist es dann erforderlich,
aus dem modulierten, digitalen Fernsehsignal wieder ein brauchbares Nutzsignal extrahieren zu kö nnen
(vgl. dazu Lenz/Reich 1999, S. 50ff. und Ziemer 1997, S. 198ff).
1.3.1.5
API: Application Program Interfaces
Die Set-Top-Box besitzt wie jeder Computer ein Betriebssystem sowie verschiedene sogenannte
Applikationen (Anwendungen), welche das Gerä t steuern und bestimmte Zusatzfunktionen mö glich
machen. Sollen mehrere Programm- und Diensteanbieter ihre individuellen Dienstleistungen generieren
kö nnen, die auf der gleichen Set-Top-Box beim teilnehmenden Zuschauer als Anwendungsprogramme
ablaufen, so sind standardisierte Software-Schnittstellen, sogenannte
Application Program Interfaces
(API), erforderlich. Auf dem Markt sind bisher im Bereich der Anwendungen als auch im Bereich der
Betriebssysteme sowohl
proprietä re, also geschlossene Systeme, als auch nicht-proprietä re, d.h. offene
Systeme. Wie es in den Jahren bis heute die Hersteller von Computer-Betriebssystemen taten, so
konkurrieren auch verschiedene Unternehmen um die Etablierung und Durchsetzung ihrer jeweiligen API
als Standardsystem fü r die Software der Set-Top-Boxen. (vgl. dazu Messmer 2002, S. 31ff und Ziemer
1997, S. 327ff).
Von grundsä tzlicher Bedeutung ist nun hierbei, dass diese Set-Top-Boxen nicht nur fü r den Empfang und
die Umwandlung der digitalen Fernsehsignale sorgen, sondern darü ber hinaus weitere Funktionen
erfü llen. Dazu gehö ren z. B. die Prü fung der Zugangsberechtigung zum Pay-TV Programm
(Conditional
Access - CA), die Abrechnung oder auch neue Funktionen, wie z. B. die Darstellung von elektronischen
Programmfü hrern (Electronic Program Guide - EPG) oder von noch weitergehenden (interaktiven)
Multimedia-Funktionen (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001). Zur Lö sung dieser Aufgaben
gab es zunä chst keinerlei Vorschriften in den DVB-Standards, so dass jeder Anbieter sein eigenes System
entwickelte. Gemeinsam ist allen Anbietern, dass dabei in der Anfangszeit nur Systeme mit proprietä ren
APIs (Application Programming Interface) entstanden sind. Konkret sind dies in Deutschland das von der
Kirch-Gruppe eingefü hrte System auf Grundlage der d-Box mit BetaCA und BetaNova-API und spä ter das
vom
F.U.N.-Projekt eingefü hrte System auf Basis des OpenTV-API und OpenTV-Common Interface. Die

28
aktuellen Bestrebungen gehen dahin, in Zukunft diese proprietä ren APIs durch ein einziges fü r alle
,offenes`
DVB-API, die Multimedia Home Platform (MHP) abzulö sen. Damit ist gewährleistet, dass alle
Anwendungen und alle Inhalte in Zukunft mit allen Gerä ten empfangen und dargestellt werden kö nnen
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001). Fü r die einwandfreie Funktion der jeweiligen
Anwendungsprogramme (Application Program), wie z. B. eines elektronischen Programmfü hrers (EPG =
Electronic Program Guide), ist es erforderlich, dass erstens der zugehö rige Prozessor (in der Set-Top-
Box) leistungsfä hig genug ist und zweitens Betriebssoftware und Anwendung aufeinander abgestimmt
sind. In der Praxis stellt die Betriebssoftware eine Schnittstelle bereit, auf der die Anwendung aufsetzt ­
eben das Application Programming Interface
(API). Jede Anwendung muss passend zu dieser Schnittstelle
geschrieben werden
(siehe dazu auch Messmer 2002, S. 31ff). Deshalb ist es erforderlich, dass fü r diese
Schnittstelle eine eindeutige Vereinbarung oder eine verbindliche Standardisierung existiert. Ebenso
wichtig ist, dass die Daten dieser Schnittstelle allen Anwendern bekannt sind und frei zur Verfü gung
stehen. In diesem Zusammenhang spricht man dann von einer ,offenen` Schnittstelle. In der Praxis heißt
das: Multimediale Anwendungen wie z. B. elektronische Programmfü hrer (EPG), werden grundsä tzlich fü r
ein bestimmtes API erstellt und erfordern fü r ihre Darstellung auf dem Bildschirm die Verfü gbarkeit des
gleichen API in der Set-Top-Box (vgl. Ziemer 1997, S. 327ff). Ist dort jedoch ein anderes API vorhanden,
so wird die Anwendung von der Box nicht verstanden.
Dieser Umstand beschrä nkt z. B. gegenwärtig teilweise (noch) die Darstellung von Applikationen von
Free-TV-Anbietern. D.h., unverschlü sselt ü bertragene Anwendungen wie z. B. derzeit der EPG von
ARD
und
ZDF, welche unter einem anderen API erstellt wurden, kö nnen auf der d-Box von Premiere nicht
dargestellt werden. Umgekehrt kö nnen ebenso Applikationen, die auf Basis des
BetaNova-API von
Premiere entwickelt wurden, auf einer Set-Top-Box mit F.U.N.-Spezifikation (OpenTV-API) nicht dargestellt
werden (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001).
1.3.1.6
MHP: Multimedia Home Platform
Die im Rahmen des DVB-Projektes entwickelten Ü bertragungsstandards fü r Satellit, Kabel und Terrestrik
bilden die Grundlage dafü r, dass jeder Teilnehmer prinzipiell mit jedem Gerä t jedes klassische TV-
Programm an jedem Ort (an dem diese Standards Anwendung finden) empfangen kann. Doch die
Basisstandards allein genü gen nicht, um auch die neuen Zusatzangebote wie z. B. Programmfü hrer,
Hintergrundinformationen, Pay-TV oder Pay-per-view,
On-demand-Programme und ­Dienste,
eCommerce-Dienste oder interaktive Anwendungen und allgemeine Datendienste fü r private oder

29
kommerzielle Nutzung empfangen zu kö nnen. Diese neuen Dienste und Anwendungen bilden ein
wesentlich breiteres Spektrum von Inhalten als bisher (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V.
2001). Hinzu kommt das Zusammenwachsen von Unterhaltungselektronik, Telekommunikation und
Informationstechnik. Auch dies wird vö llig neue, heute noch gar nicht ü berschaubare Programmformen,
Inhalte und Geräte hervorbringen.
Alle diese zusätzlichen Funktionen und Inhalte sind ihrer Natur nach ja nichts anderes als Datenpakete,
die diese Empfangsgerä te kü nftig verarbeiten kö nnen mü ssen (vgl. Ziemer 1997, S. 327ff). Fü r diese
Inhalte waren in den DVB-Standards zunä chst keine Festlegungen getroffen worden. Es kann zwar bereits
seit (der Einfü hrung der
d-Box) 1996 mit jeder DVB-kompatiblen Set-Top-Box jedes (im DVB-Standard
verbreitete) Fernsehprogramm empfangen werden, nicht aber automatisch auch alle Zusatzdienste, die
jeder Anbieter nach eigenen Vorstellungen und Anforderungen erstellen kann und in der Anfangszeit auch
getan hat
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001). So wurde von der damaligen KirchGruppe
das
BetaNova-System entwickelt und in Gestalt der d-Box seit 1996 am Markt eingefü hrt
(vgl. Messmer
2002, S. 31ff). Alle bisherigen Set-Top-Boxen empfangen zwar alle Zusatzdienste des eigenen Systems,
sind aber inkompatibel zu jedem anderen System. Ein Zuschauer, der Wert auf die Nutzung eines
mö glichst breiten Programmangebots legt, mü sste sich demnach mehrere Set-Top-Boxen - eine fü r jedes
System - kaufen, was keinesfalls zufriedenstellend wä re. Grundlage fü r die freie Entwicklung eines
regulä ren Marktes ist die Mö glichkeit, dass alle
Geräte auch alle Programme, einschließ lich der
Zusatzdienste, von allen
Anbietern empfangen kö nnen.
Die Vorteile fü r alle Beteiligten liegen darin begrü ndet, dass die Inhalteanbieter nicht an einen bestimmten
Programm- und Diensteanbieter gebunden sind und dass die ,,Reichweite" der Programmanbieter
schneller wä chst, wenn sie mit allen im Markt befindlichen Gerä ten empfangen werden kö nnen. Ferner
werden durch die schnellere Marktentwicklung die Verteilnetze der Netzbetreiber besser ausgelastet und
ihnen entstehen neue Geschäftsfelder. Fü r die Gerä teindustrie sind größ ere Serien und damit niedrigere
Kosten mö glich, und die Zuschauer profitieren von den gü nstigeren Preisen und dem größ eren
Inhalteangebot und benö tigen nur noch ein Gerä t, um alle Programme bzw. Inhalte empfangen und
darstellen zu kö nnen.
So entstand bereits 1997 innerhalb des DVB-Projektes ein erstes Konzept fü r die
Multimedia-Home-
Platform (MHP). Ziel der MHP ist es, einen gemeinsamen Standard oder eine Schnittstellendefinition fü r

30
alle digitalen Anwendungen im Rahmen des DVB-Standards so zu verabreden, dass mö glichst neben allen
Fernsehprogrammen auch alle zukü nftigen neuen Dienste von allen Anbietern auf allen Empfangsgeräten
zugä nglich gemacht werden kö nnen. Neben progressiven interaktiven TV-Anwendungen einschließlich
neuer On-demand-Dienste war dabei von Anfang an auch der Internet-Zugang vorgesehen. Die MHP
verbindet also die Welten von Rundfunk und Internet, von TV und Computer. Der MHP-Standard ist der
einzige, der allen Fernsehzuschauern einen diskriminierungsfreien Zugang zum digitalen Fernsehen
garantiert und unterscheidet sich inzwischen in drei sogenannte
Profiles: Innovativer Rundfunk,
Interaktivitä t mit Rü ckkanal und Internet-Fä higkeit
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001). In
den Jahren 2000 bis 2002 tauschten Hardware-Entwickler und Anwendungs-Programmierer ihre
Erfahrungen in mehreren sogenannten ,Interoperability Workshops` aus und diskutierten ü ber optimale
Systemauslegungen. Erste Prototypen von MHP-Anwendungen und MHP-Gerä ten waren bereits auf der
IFA 2001 zu sehen, so z. B. eine Kombination aus digitaler Set-Top-Box mit Festplatte, genannt Personal
Video Recorder (PVR) (vgl. Wynn 2002), die digitale TV-Aufzeichnungen speichert. Ein solches Modell
von Panasonic im gehobenen Preissegment befindet sich bereits seit Herbst 2002 auf dem Markt.
Derartige Kombinationen sind die Vorgä nger fü r spä tere Heim-Server-Systeme, die neben Audio- und
Videoprogrammen auch digitale Fotos, Internet-Seiten und Multimedia-Anwendungen speichern und zum
Abruf ü ber ein Heimnetzwerk bereithalten. Nachdem sich die Beteiligten eines Spitzengesprä chs von
ARD,
ZDF, RTL, KirchGruppe und den Landesmedienanstalten fü r eine zü gige Einfü hrung des MHP-Standards,
der kü nftig ein
Fernsehen ohne Grenzen mö glich machen soll
(vgl. epd/Kifu 2003) ausgesprochen hatten,
wurden erste interaktive Dienste auf MHP-Basis ab Herbst 2002 angekü ndigt und tatsä chlich auch
angeboten. Die Multimedia Home Platform kö nnte im Rahmen der steigenden Verbreitung des digitalen
Fernsehens als einheitliche neue Norm fü r Multimediaanwendungen demnä chst in Deutschland einen
nachhaltigen Reichweitenschub erhalten. (vgl. digitalfernsehen [Internetpräsenz] 2003).
In der sogenannten
Mainzer Erklä rung (vgl. Deutsche TV-Plattform e. V. o. J.) vom 19. September 2001,
die vom
ARD-Vorsitzenden Fritz Pleitgen, dem damaligen Intendanten des ZDF, Dieter Stolte, dem
stellvertretenden Vorsitzenden der damaligen
KirchGruppe, Dieter Hahn, dem Vorsitzenden der
Geschä ftsfü hrung von
RTL, Gerhard Zeiler sowie dem Vorsitzenden der Direktorenkonferenz der
Landesmedienanstalten, Norbert Schneider
unterzeichnet wurde, einigten sich die Sender darauf,
gemeinsam auf die Durchsetzung der offenen Programmierschnittstelle (API) MHP hinzuwirken. Dies
wurde von der Industrie als ,,Entscheidung zugunsten der Konsumenten" einhellig begrüß t. Neben den
Sendern stellten sich auch die
Deutsche Telekom, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Vertreter der

31
Medienwissenschaften, der Wohnungswirtschaft sowie der
Deutsche Industrie- und Handelskammertag
(DIHK) ausdrü cklich hinter MHP (vgl. Deutsche TV-Plattform e. V. o. J.). MHP ist auch international auf
dem Vormarsch. Ä hnlich positiv wie in Deutschland verlief die Entwicklung fü r MHP auch im europä ischen
und internationalen Bereich. Kurz vor Jahresende 2001 erfolgte die Verabschiedung des ,,Telekom-
Pakets" in zweiter Lesung durch das Europä ische Parlament. Damit schlug sich das Parlament auf die
Seite der Europä ischen Kommission, die sich fü r die Realisierung des MHP-Standards ausgesprochen
hatte. Die
Cable Television Laboratories, Inc. (kurz: CableLabs), Technologiezentren der
Kabelnetzbetreiber in Nord- und Sü damerika, ü bernahmen die von DVB entwickelte MHP unter der Marke
OpenCable. Damit ist MHP fester Bestandteil der OpenCable Application Platform (OCAP). Die Mitglieder
der CableLabs versorgen ca. 85% der Kabelhaushalte in den USA und Kanada und 12% in Mexiko (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. o. J.).
1.3.1.7 Conditional-Access-Systeme
(CA)
Mit dem Aufkommen neuer Programmformen, wie Pay-TV oder Pay-per-view wurde auch ein System
erforderlich, das den Zugang des Zuschauers, der die Inhalte zur Rezeption abonnieren will, zu diesen
Programmen kontrolliert und steuert. Beim sogenannten
Conditional Access (CA), werden die Daten
senderseitig zunä chst nach einem festen vorgegebenen Schlü ssel verwü rfelt (,gescrambled`). Beim
Empfä nger werden sie dann ­ sofern der Schlü ssel bekannt ist ­ wieder entschlü sselt (decodiert) und auf
diese Weise die ursprü ngliche Datenfolge wieder rekonstruiert (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e.
V. 2001).
Beim digitalen Fernsehen nutzen alle verwü rfelten Programme einen einheitlichen, von DVB entwickelten,
den sogenannten 'Common Scrambling' Algorithmus (CSA) (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V.
2001). Als Nachweis fü r die Autorisierung des Endkunden dient in der Praxis eine so genannte
Smartcard, also eine Chipkarte, die in ein speziell dafü r vorgesehenes Lesegerä t (das Conditional-Access-
Modul) in der Set-Top-Box eingeschoben wird. Ein entscheidender Vorteil der digitalen Ü bertragung ist
die besonders einfache Mö glichkeit, beliebige Signale zu verschlü sseln. Diese Verschlü sselung ist fü r das
Zugangs- und Kosten-Management von Pay-TV-Angeboten erforderlich, also zur Selektion der
berechtigten Zuschauer als auch zur Erfassung und Abrechnung der Gebü hren. Aber auch bei Free-TV
kann es verschiedene Grü nde geben, grundsä tzlich alle Inhalte zu verschlü sseln, z. B. zur
Transportsicherung gegen unautorisierten Zugang zum jeweiligen Ü bertragungsmedium (z. B. Kabel), zur

32
Identifizierung des Kunden und/oder zur Reichweitenkontrolle. Im Falle der Grund- oder
Basisverschlü sselung muss allerdings in jedem Empfä nger automatisch eine Entschlü sselung erfolgen,
was auch einfache
Low-End-Gerä te aufwä ndiger und teurer macht
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. /
FKTG e. V. 2001). Derzeit gibt es weltweit eine Vielzahl unterschiedlicher CA-Systeme. In Europa zum
Beispiel nutzen Sender der ehemaligen Kirch-Gruppe ein anderes CA als etwa
CANALplus in Frankreich
oder
BSkyB in Groß britannien. Der Grund fü r diese Vielfalt liegt hauptsä chlich darin, dass dem CA-System
ü ber die technische Funktion der Zugangsregelung zu bestimmten Programmteilen hinaus noch eine
weitere, ganz entscheidende Bedeutung zukommt. Ü ber das CA-System kann der Marktzutritt in diesem
Bereich kontrolliert werden. Bei den genannten Beispielen handelt es sich in allen Fä llen um so genannte
,proprietä re` Systeme, die sozusagen ,im Besitz` und damit unter der Kontrolle eines einzigen Anbieters
sind. In solchen Fä llen kann dieser eine Anbieter das gesamte System kontrollieren. Er allein entscheidet,
z. B. welche anderen Marktteilnehmer zusä tzlich noch integriert werden, in welcher Weise diese
Integration erfolgt und welche Freiheiten die Wettbewerber haben. Das CA-System kann also (theoretisch)
als Werkzeug zur Abschottung des Marktes gegen Wettbewerber eingesetzt werden
(vgl. Lenz/Reich
1999, S. 145). Dies kann in der Pionierphase eines neuen Marktes durchaus sinnvoll sein, z. B. um den
ersten Anbietern, die den Markt durch hohe und riskante Investitionen ü berhaupt erst in Gang gebracht
haben, eine Mö glichkeit zu bieten, ihre Investitionen z. B. gegen Nachahmer zu schü tzen. Anders stellt
sich die Situation dar, wenn der Markt von der Pionierphase in die Wachstums- und Sä ttigungsphase
ü bergeht. Dann sind proprietäre Systeme eher hinderlich, weil der Markt durch diese segmentiert und der
freie Wettbewerb eher eingeschrä nkt und behindert wird.
Das DVB-System sieht grundsä tzlich zwei Mö glichkeiten fü r die Realisierung eines offenen CA-Systems
vor, die sich in ihrer Struktur und Funktion wesentlich unterscheiden
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. /
FKTG e. V. 2001). In beiden Fä llen wird vorausgesetzt, dass sich die Systeme des Common Scrambling
Algorithmus bedienen und den jeweils aktuellen Schlü ssel den autorisierten Kunden zur Verfü gung stellen.
Beim ersten Verfahren,
Multicrypt
(vgl. Messmer 2002, S. 29ff. und Ziemer 1997, S. 342) genannt, fü gt
jeder Anbieter seinem Programmbouquet die CA-Kennung seines
CA-Systems hinzu. Auf dem Sendeweg
sind also Programmpakete mit jeweils einer
Kennung eines beliebigen CA-Systems zulä ssig. Das
Empfangsgerä t muss dann, je nachdem, welches Programmbouquet der Teilnehmer empfangen will, mit je
einem CA-Modul und einer Smart-Card fü r jeden gewü nschten Pay-TV-Anbieter ausgestattet sein. Um
flexibel zu sein, insbesondere wenn Programmbouquets von mehreren Anbietern empfangen werden
sollen, wird man zweckmäß igerweise die CA-Module im Empfä nger auswechselbar, d.h. in der Praxis von

33
auß en steckbar ausfü hren, vergleichbar z. B. der PC-Karte (= PCMCIA-Modul) beim Computer. Eine
offene Schnittstelle fü r solche CA-Module ist z. B. das sogenannte
Common Interface (CI). Beim zweiten
Verfahren, mit
Simulcrypt
(vgl. Ziemer 1997, S. 341 sowie Messmer 2002, S. 29) bezeichnet, werden
dem Programmsignal die CA-Kennungen aller verwendeten CA-Systeme hinzugefü gt, so dass im Markt alle
Set-Top-Boxen, in denen eines dieser CA-Systeme implementiert ist, betrieben werden kö nnen.
Unabhä ngig von dem jeweils implementierten System kö nnen so dennoch mit jedem Gerä t alle
Programme empfangen werden. Simulcrypt folgt somit dem alten Grundsatz im Rundfunk: Hoher
technischer Aufwand auf der Senderseite, dafü r mö glichst einfache und preisgü nstige Gerä te auf der
Empfä ngerseite. Dadurch wird eine schnellere Marktentwicklung unterstü tzt. Multicrypt und Simulcrypt
stehen im Prinzip gleichwertig nebeneinander. Mit beiden Verfahren kö nnen zugangsoffene CA-Systeme
realisiert werden. Gleichwohl aber hat jedes System auch seine prinzipiellen Vor- und Nachteile, die von
den verschiedenen Marktteilnehmern unterschiedlich bewertet werden
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. /
FKTG e. V. 2001).
1.3.1.8
Das Common Interface (CI)
Die Bauweise einer Set-Top-Box und die Einbindung eines CA-Systems kö nnen grundsä tzlich entweder
fest integriert oder modular erfolgen. Auch hierbei haben beide Lö sungen Vor- und Nachteile: So ist eine
integrierte Lö sung im Gegensatz zur modularen Lö sung bei der Herstellung kostengü nstiger und erfü llt
nach Meinung der Experten der ehemaligen
KirchGruppe hö here Sicherheitsanforderungen in bezug auf
Schutz vor Piraterie. Dafü r bietet die modulare Lö sung mehr Flexibilitä t. Bei Bedarf ermö glicht sie dem
Boxenhersteller ohne groß en Aufwand eine neue Konfiguration. Darü ber hinaus gibt es aber noch eine
weitere Variante, die noch mehr Flexibilitä t und Freiheit, vor allem fü r den Anwender, bietet: Die
Common
Interface-Lö sung. Hier ist der Hardware-Baustein, der die Verbindung zwischen Endgerä t und Smartcard
darstellt, von auß en steckbar (vorzugsweise mit mehreren Steckplä tzen) ausgefü hrt (vgl.
Deutsche TV-
Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001).
Technisch ist dies nach DVB mit einer sogenannten
PC-Card (der PCMCIA-Standard aus der
Computertechnik) relativ einfach zu realisieren. Der Vorteil: Mit einer so ausgerü steten Empfangsbox
muss man sich nicht schon beim Kauf auf ein bestimmtes System festlegen. Vielmehr kann der Anwender
selbst auch nachträ glich jederzeit jedes beliebige CA-System nachrü sten, ohne sich eine zusä tzliche
komplette Box kaufen zu mü ssen (Alle ü brigen Baugruppen sind ohnehin bei allen Systemen baugleich

34
bzw. kompatibel). Damit diese Kombination jedoch funktioniert, ist fü r die einzusteckende Baugruppe eine
standardisierte Schnittstelle erforderlich. Nach Ansicht vieler Marktteilnehmer sollten möglichst alle Geräte
mit einer solchen genormten Schnittstelle ausgerü stet sein, um dem Kunden mö glichst hohe Flexibilitä t zu
bieten. Das Common Interface wird von ihnen als die gegenwä rtig einzig verfü gbare realistische Lö sung
hierzu betrachtet. Andere wiederum halten das Preisargument fü r wichtiger und plä dieren deshalb fü r fest
integrierte, so genannte ,Embedded CA-Lö sungen`, bei denen auf eine CI-Schnittstelle verzichtet werden
kann. Beide Lö sungen stellen keinen Widerspruch dar, sondern ergänzen sich komplementä r
(vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001). Durch das Nebeneinander von Endgerä ten mit fest
eingebautem CA und solchen mit steckbarem CA ü ber ein Common Interface wird ein offener Wettbewerb
forciert. ,,Damit jedoch dieser Ansatz wirklich zu einer Ö ffnung des Marktes fü r Inhalteanbieter,
Netzbetreiber und Endgerä tehersteller gleichermaß en fü hrt, muss sichergestellt werden, dass
· alle Ü bertragungswege, also Terrestrik, Kabel und Satellit, fü r Endgerä te mit fest eingebautem CA
und solche mit steckbarem CA ü ber ein Common Interface (CI) freigegeben werden und
· alle Diensteanbieter und Netzbetreiber Ihre Inhalte nicht nur fü r Endgeräte mit fest eingebautem CA,
sondern auch fü r solche mit steckbarem CA ü ber ein Common Interface (CI) verfü gbar machen; d. h.
es muss auch die Verfü gbarkeit entsprechender CA-Module sichergestellt werden" (
Deutsche TV-
Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001).
Das ,,Nebeneinander" verschiedener Implementierungen oder unterschiedlicher CA-Systeme fü hrt zu
einen freien Wettbewerb, der in der Regel nach kurzer Zeit zu sinkenden Preisen fü r den Kunden fü hrt.
Auch in anderen Lä ndern hat man ü ber Lö sungen wie das Common Interface intensiv nachgedacht. So z.
B. in den USA, wo die neuesten Bestimmungen des FCC ab dem Jahr 2001 zur Vermeidung von
Marktverzerrungen durch die Dominanz einzelner Marktteilnehmer den Verkauf von Set-Top-Boxen, die
ein CA-System fest eingebaut haben, verbieten. Ein CA-Modul in Empfangsgerä ten ist dort zukü nftig nur
noch in Form von extern steckbaren Einheiten erlaubt (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V.
2001).
1.3.1.9 Die
Set-Top-Box
Damit der Zuschauer, der auf Digitalempfang umsteigen will, nicht gezwungen ist, sich gleich einen
komplett neuen Fernseher zu kaufen, verstä ndigten sich Gerä tehersteller auf die sogenannte
Set-Top-
Box. Diese ist ein Zusatzgerä t und wird, ä hnlich wie ein Satelliten-Receiver, zwischen Antennen-,

35
Kabelanschluss oder die Satelliten-Parabolantenne und das Fernsehgerät angeschlossen. Kü nftig kö nnte
die Set-Top-Box auch in das dann digitale TV-Gerä t mit integriert sein (
Integrated Television). Die Set-
Top-Box empfängt die (digital codierten) Signale, verarbeitet sie zusä tzlich auch weiter, ä hnlich wie ein
Computer. Die eigentliche Bild- und Tonwiedergabe kann weiterhin auf dem bereits vorhandenen
Fernsehgerä t beliebiger Bauart und Größ e erfolgen (vgl.
Ziemer 1997, S. 31ff. sowie Messmer 2002, S.
27).
Bei der Einfü hrung des digitalen Fernsehens in ganz Europa spielten die Pay-TV-Anbieter die
Vorreiterrolle, die ihren Kunden zusammen mit dem Programmabonnement auch die erforderliche Set-
Top-Box lieferten. Das hat bis heute zu einer Segmentierung des Marktes in mehrere nicht miteinander
kompatible Systeme mit jeweils eigenstä ndigem, proprietä rem
API gefü hrt. In Deutschland erwarben oder
mieteten auf diesem Wege seit 1996 bis März 2003 etwa 2,6 Millionen Pay-TV-Zuschauer von Premiere
die so genannte d-box (I oder II), die speziell auf das Programm- und Inhalteangebot der Sender der
ehemaligen KirchGruppe sowie deren Systemeigenschaften zugeschnitten ist (vgl. Evert 2003). Ein
entsprechender Markt fü r Kaufboxen entwickelt sich erst seit etwa zwei Jahren mit unterschiedlichen
Preis- und Leistungsklassen. Die meisten der bisher zu kaufenden Gerä te arbeiten mit dem von der
F.U.N.-Gruppe (Free Universe Network) eingefü hrten System auf der Basis des
OpenTV-API und OpenTV-
Common Interface. Dieser deutsche Markt lässt sich derzeit in vier Segmente unterteilen:
¾ d-box I und II
¾ F.U.N.-Boxen
¾ (FTA) Free-to-air- bzw. Zapping-Boxen ohne API und ohne bzw. mit integriertem
CA-System
(vgl
. Ziemer 1997, S. 341 sowie Messmer 2002, S. 29).
¾ Set-Top-Boxen mit neuem MHP-API und modularem CA-System
Im Folgenden sollen diese bisher existierenden Systeme kurz vorgestellt werden:
Bei der auf dem
BetaResearch-System basierenden von der ehemaligen KirchGruppe in Zusammenarbeit
mit Nokia entwickelten d-Box stehen die eigenen Pay-TV Angebote von
Premiere im Mittelpunkt und
werden durch verschiedene Maß nahmen, wie z. B. den elektronischen Programmfü hrer (EPG) und den
Navigator unterstü tzt. Prinzipiell kö nnen mit der
d-Box zwar auch alle ü brigen unverschlü sselt
ausgestrahlten Fernsehprogramme empfangen werden, allerdings nur die reinen Programme, nicht aber
die Zusatzanwendungen, denn diese funktionieren nur mit Unterstü tzung der speziell dafü r entwickelten
Betriebssoftware des jeweiligen Anbieters (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. / FKTG e. V. 2001).

36
Das 1999 gegrü ndete
Free Universe Network (F.U.N.) entwickelt Set-Top-Boxen mit DVB-CI und dem API
der amerikanischen
OpenTV Inc. Das F.U.N. steht grundsä tzlich allen potenziellen Marktteilnehmern offen.
Das Ziel-API von F.U.N. ist jedoch MHP, das DVB-API. Alle F.U.N.-Decoder sind mit mindestens einem CI
ausgestattet (vgl. Ziemer 1997, S. 341 sowie Messmer 2002, S. 29). Entsprechende Gerä te werden von
diversen Herstellern am Markt angeboten. Zusammen mit
OpenTV stellen die F.U.N.-Boxen nach
aktuellem Stand der Diskussion, da man sich in Deutschland auf den MHP-Standard geeinigt hat (siehe
,,Mainzer Erklärung").
Zapping- bzw. Free-to-air-Boxen, welche bis zur Einfü hrung von MHP die einzigen waren, die ohne
proprietä re Elemente auskamen, kö nnen zwar alle unverschlü sselten digitalen Programme empfangen,
nicht aber die Zusatz-Applikationen. Ein wesentliches Funktionselement dieser Decoder ist der
Basisnavigator, der die
SI-Daten aller verfü gbaren Programme auswertet. Die FTA-Boxen decken somit
also nur die Grundfunktionen des digitalen Fernsehens ab. Man kann mit ihnen Fernsehen und
Hö rfunkprogramme empfangen, aber keine multimedialen Inhalte oder Pay-TV darstellen. Fü r viele (via
DVB-T versorgten) Zuschauer mag dies aber heute wie in Zukunft eine vö llig ausreichende Funktionalitä t
sein, was darauf schließ en lä sst, dass es auch nach erfolgter Einfü hrung des MHP-Standards einen
relevanten Markt fü r Zapping- bzw. FTA-Boxen geben wird, da diese Endgerä te wegen geringerer
Anforderungen an Prozessorleistung und Speichergrö ße mit niedrigeren Kosten hergestellt und
angeboten werden kö nnen als Boxen mit proprietä ren oder MHP-APIs (vgl.
Deutsche TV-Plattform e. V. /
FKTG e. V. 2001).
MHP-Boxen befinden sich aktuell in der Markteinfü hrung: Erste entsprechende Set-Top-Boxen, die mit der
neuen, offenen Programmierschnittstelle MHP ausgestattet sind, wurden von
Humax, allerdings bislang
nur fü r den Empfang fü r DVB-S und DVB-T, auf dem 5. Nationalen Kabelkongress in Leipzig angekü ndigt
und befinden sich bereits im Handel (vgl. WEB-MEDIA.at 2003). Die einschlä gige Konkurrenz hat darauf
reagiert und bietet ihrerseits neben MHP-kompatiblen Gerä ten auch bereits Systeme mit integriertem
Festplattenspeicher und zahlreichen Zusatzfunktionen an.

37
1.4 Digitale Ü bertragungswege
1.4.1 DVB-T: Terrestrische Ü bertragung
Bis zum Jahr 2010 soll in Deutschland die terrestrische TV-Distribution auf das digitale
Ü bertragungsformat DVB-T (auch als
Ü berallFernsehen bezeichnet, siehe www.ueberall-tv.de) umgestellt
werden, welches in Europa im Februar 1997 vom ETSI (European Telecommunications Standards
Institute) normiert wurde und sich an den Vorgaben fü r die digitale Kabel- und Satellitenverbreitung
orientiert (vgl. Messmer 2002, S. 47).
Die Vorteile von DVB-T liegen auf der Hand: Der stö rungsfreie Empfang in portablen und mobilen Gerä ten,
die Mö glichkeit der Verbreitung von Lokalprogrammen und die sich daraus ergebende Erhö hung der
Programmvielfalt sowie diverse, zum Teil neuartige Applikationen wie Verkehrsinformationen,
Location
Based Services (Informationen rund um den Aufenthaltsort), usw. Der analoge terrestrische TV-Rundfunk
nutzt in Deutschland zur Zeit noch Kanä le mit Bandbreiten zwischen 7 MHz im VHF- und 8 MHz im UHF-
Bereich, wobei die Programme ü ber Sender ausgestrahlt werden, die in hö hergelegenen Positionen wie
z. B. auf Bergen, in Fernsehtü rmen, etc. installiert sind (vgl. Ziemer 1997, S. 133). Mit der bisherigen
analogen Distribution via terrestrischer Senderketten (Grundnetz- und Fü llsender) kö nnen
flä chendeckend nur 3 bis 4 Programme ü bertragen werden, was in der hohen Sendeleistung begrü ndet
ist. Fü r den Betrieb von DVB-T im
Gleichwellennetz (Single Frequency Network, [SFN]), das allerdings erst
etwa ab dem Jahr 2015 nach der Umstellung der Mehrfrequenznetze auf DVB-T aufgebaut werden wird,
lä sst sich die Sendeleistung erheblich reduzieren. Um die daraus resultierenden technischen Probleme zu
beseitigen, werden verschiedene Modulationsverfahren (COFDM, QPSK, 16-QAM, 64-QAM) (vgl. Ziemer
1997, S. 136ff) eingesetzt. Die sich hieraus und aus der gewü nschten Empfangsart (stationä r, portabel,
mobil) ergebenden mö glichen Ü bertragungsraten liegen zwischen 4,98 Mbit/s und 31,67 Mbit/s, was
theoretisch die Ü bertragung von bis zu 80 Programmen in SDTV-Qualitä t ermö glicht (vgl. Messmer 2001,
S. 48f).
Da jedoch zum flä chendeckenden Aufbau eines Netzes zur digitalen TV-Verbreitung freie Kanä le benö tigt
werden, die aber in der gegebenen Situation nicht verfü gbar sind, wurde von der
Initiative Digitaler
Rundfunk fü r die Ü bergangszeit bin zur Abschaltung der analogen Frequenzen (analoger Switch-off) im
Jahr 2010 ein sogenannter
Simulcast-Betrieb, also die parallele Programmausstrahlung in analoger sowie
digitaler Technik, beschlossen (vgl. BMWA o. J.). In der Terrestrik kann der Simulcast-Betrieb aufgrund

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der Tatsache, dass von den Kanä len 61 bis 69, die dem Rundfunk zugewiesen wurden, nur vier bis fü nf
Kanä le fü r die digitale Ausstrahlung zur Verfü gung stehen, nur in den Ballungsrä umen und nur fü r kurze
Zeit erfolgen.
Hierfü r wurden bereits die Frequenzbereiche 174-230 MHz, 470-582 MHz und 582-862 MHz fü r DVB-T
reserviert (vgl. BMWA o. J.).
Da die digitale Ausstrahlung via DVB-T auß er Rundfunkprogrammen auch hochratige Daten- und
Zusatzdienste umfassen kann, ist DVB-T neben den Telekommunikationstechnologien auch mit zu den
drahtlosen Anschlusstechnologien zu zä hlen (vgl. BMWA o. J.). Da die Spezifikationen des DVB-T-Systems
bisher lediglich eine unidirektionale Nutzung in Form eines Downstreams vorsehen, kann die Realisation
eines Rü ckkanals nur durch Aufbau eines Hybridsystems mit anderen Anschlusstechnologien erfolgen. So
ist es z. B. vorstellbar, dass Signale in Upstream-Richtung mittels UMTS-Netzen (siehe Kap. 1.5.1.4.2)
oder WLL (siehe Kap. 1.5.1.4.3) transportiert werden, um Datenströ me ü ber DVB-T zum Downstream
anzufordern. Auf diese Weise kö nnten freie Kapazitä ten der digitalen Sender genutzt werden, um die der
anderen Netze zu entlasten und generell die Frequenzeffizienz zu verbessern. Mit derartigen
Hybridnetzen aus DVB-T und UMTS / WLL wird jedoch erst nach dem Jahre 2010 gerechnet.
Voraussetzung dafü r werden die flä chendeckende Verfü gbarkeit des digitalen Rundfunks und ausreichend
verfü gbare UMTS-Ü bertragungskapazitä ten sein (vgl. BMWA o. J.).
1.4.2 DVB-C: Breitbandkabel-Verteilnetze
Fü r die Fernsehprogrammveranstalter in Deutschland sind die Breitbandkabelnetze (kurz BK-Netze, BK
kann in diesem Zusammenhang als Abkü rzung fü r Breitbandkabel als auch fü r Breitbandkommunikation
verwendet werden) der Verbreitungsweg mit der hö chsten Reichweite. Das BK-Netz besteht aus einer
Vielzahl von Einzelnetzen unterteilt in vier Ebenen unterschiedlicher Dimensionierung (siehe Abb. 3). Mit
ca. 1600 Einzelnetzen besaß die
Deutsche Telekom AG, (im Folgenden: Deutsche Telekom), den größ ten
Anteil in Deutschland und war damit gleichzeitig der größ te Netzbetreiber. Das betreffende Netz umfasste
1,45 Mio. Kilometer Kupferkoaxialkabel mit einer Bandbreite von 450 MHz und 150000 Kilometer
Glasfaserkabel mit einer Bandbreite von 862 MHz, das also bereits auf
Highend-Niveau ausgebaut ist
(vgl. Messmer 2002, S. 37).
Netzebene 1, der ü berregionale Abschnitt des BK-Netzes, beginnt in den Fernsehstudios und reicht bis
zu den sogenannten Breitbandkommunikations-Verteilstellen (BKVtSt). Diese BKVtSt sind fü r den
terrestrischen Empfang und die Annahme von Satellitenprogrammen zustä ndig. Die
Netzebene 2, der

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regionale Abschnitt des BK-Netzes, ist zustä ndig fü r die Ü bertragung der in den BKVtSt auf die
vordefinierten Kanä le gelegten Programme zu den ü bergeordneten Breitbandkommunikations-
Verstä rkerstellen (Ü BKVrSt), die auch als Kabelkopfstationen bezeichnet werden (vgl. Ziemer 1997, S.
145ff). Diese Kabelkopfstationen werden in der Regel noch von der
Deutsche Telekom, aber auch bereits
(vor allem in den neuen Bundeslä ndern) von privaten Kabelnetzbetreibern betrieben. Auf
Netzebene 2
werden die TV-Programme in die entsprechenden regionalen Kabelnetze eingespeist.
Netzebene 3, der
jeweilige Ortsabschnitt mit Baumstruktur des BK-Netzes, beginnt in den Ü BKVrSt, die vorwiegend in
Gebä uden der
Deutsche Telekom untergebracht sind, verlä uft in den im ö ffentlichen Grund und Boden
noch in Form von Kupferkoaxialkabeln verlegten ö ffentlichen Verteilnetzen und endet an den sogenannten
Ü bergabepunkten (Ü P) in den Kellern der Privathä user. In
Netzebene 4 werden schließ lich die
Hausverteilanlagen zusammengefasst, in denen nicht immer nur einzelne Gebä ude, sondern auch ganze
Stadtteile verkabelt sein kö nnen (siehe Abb. 3, vgl. Ziemer 1997, S. 145ff).
Abb. 3 Ü bersicht der vier Netzebenen des BK-Netzes
Quelle: Steindorf 2000
Von der Netzebene 4 werden 5,8 Millionen deutsche Haushalte direkt mit Fernsehdiensten beliefert, 7,7
Millionen Haushalte werden von Mitgliedsunternehmen der
ANGA (Verband privater Kabelnetzbetreiber)
und weitere 7,8 Millionen von sonstigen privaten Netzbetreibern versorgt. Die Netzebenen 1 bis 3 wurden
bis zum Verkauf der Kabelnetze von der
Deutsche Telekom quasi in Monopolstellung bedient, denn bis
zur Netzebene 4 sind bislang etwa 17,6 Millionen Haushalte an die Kabelnetze der
Deutsche Telekom
angeschlossen (vgl. dazu Messmer 2002, S. 38).
Die fast ausschließ lich via Satellit angelieferten TV-Programme werden in nahezu alle BK-Netze,
entsprechend der Entscheidung der jeweils pro Bundesland zustä ndigen Landesmedienanstalt,
Ende der Leseprobe aus 395 Seiten

Details

Titel
Die Digitalisierung des deutschen Fernsehmarktes
Untertitel
Entwicklung und potenzielle Auswirkungen auf die Marktakteure
Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart
Note
1
Autoren
Jahr
2003
Seiten
395
Katalognummer
V185865
ISBN (eBook)
9783656990536
ISBN (Buch)
9783867467377
Dateigröße
4876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierung, fernsehmarktes, entwicklung, auswirkungen, marktakteure
Arbeit zitieren
Sebastian Daul (Autor)Ingo Ehrmann (Autor), 2003, Die Digitalisierung des deutschen Fernsehmarktes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185865

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