„Der deutsche Zusammenbruch 1918 war historisch einzigartig nicht nur seiner unerwarteten Plötzlichkeit wegen, sondern weil nie zuvor eine Nation die Waffen gestreckt hatte, deren Armeen so tief in Feindesland standen", schrieb Wolfgang Schivelbusch in seinem Werk über die "Kultur der Niederlage".
Welche Ursachen waren verantwortlich für diesen „einzigartigen“ Zusammenbruch? Erfolgte er wirklich in unerwarteter Plötzlichkeit oder war der Zusammenbruch nur der Kulminationspunkt einer Entwicklung, deren Ursachen tief in den Mißständen des wilhelminischen Staatskörpers verortet waren? In der älteren Forschung wurde Ludendorffs Entschluß zur Offensiven Kriegführung im Jahre 1918, welcher in Konsequenz zur Überspannung der deutschen Kräfte führte, als Hauptursache heraus gearbeitet. Kontroversen existierten lediglich in Umfang und Einfluß der Überspannung auf die Truppe. Die erste Hauptrichtung, als deren Exponent z.B. Gerhard Ritter gelten kann, konstatierte bereits für den Mai 1918 erste Anzeichen für die Überspannung und damit ein Nachlassen der Kampfkraft. Als Indikator galten für ihn die zunehmende Meuterei bei Transporten, steigende Desertionszahlen und die nachlassende Widerstandskraft einiger Heeresverbände. Die zweite Hauptrichtung, namentlich z.B. durch Karl Dietrich Erdmann vertreten, erkannte ein wirkliches Nachlassen der Kampfkraft erst nach dem 8.8.1918. Erdmann sah dennoch im Heer bis zu seiner Demobilisierung einen festgefügten Verband. Er schrieb: „Aber bis zum letzten Tag war die Fronttruppe im Kampf fest in der Hand ihrer Führer. Das deutsche Heer insgesamt blieb bis zu seiner Demobilisierung festgefügt.“ Die genaue Klärung der Ursachen gestaltet sich schwierig, da ein Großteil der Akten beim Brand des Heeresarchivs in Potsdam 1945 zerstört wurde. Ich werde in meiner Arbeit weitestgehend der Argumentation des Wilhelm Deist folgen, der mit seinem 1986 erschienenen Aufsatz „Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918?“ einen neuen Ansatz zur Lösung der Frage präsentierte. Ziel der Arbeit ist es, die tiefgehenden, ja systemimmanenten Ursachen für den Ausbruch des verdeckten Militärstreiks sowohl in der Heimat, als auch an der Front und dessen substantielle Bedeutung für den Zusammenbruch des Heeres und damit für den Zusammenbruch des wilhelminischen Staates herauszustellen. Dabei wird vor allem die mentalitätsgeschichtliche Ebene im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Heimat
1. Rückblick: Situation 1916/17
2. Der Metallarbeiterstreik vom 28.01.1918
III. Front
1. Generelle Mißstände
IV. Dialektische Wechselwirkung Front – Heimat
V. Die >>Michael<<-offensive
1. Optionen und Planung
2. Durchführung
VI. Die mentale Ebene
1. Der verdeckte Militärstreik
VII. Das Verhalten der OHL und die „Dolchstoßlegende“
VIII. Zusammenfassung
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden, systemimmanenten Ursachen des verdeckten Militärstreiks in Deutschland während des Jahres 1918. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Wechselwirkung zwischen der Situation an der Front und in der Heimat sowie der Frage, wie diese Faktoren den Zusammenbruch des Heeres und des wilhelminischen Staates maßgeblich beeinflussten.
- Analyse der sozialen Mißstände an der Front und deren Auswirkungen auf die Disziplin.
- Untersuchung der dialektischen Wechselwirkung zwischen Front und Heimat.
- Bewertung der Michael-Offensive als Katalysator für den Zusammenbruch des Militärs.
- Aufarbeitung der Entstehung der Dolchstoßlegende durch die Oberste Heeresleitung.
Auszug aus dem Buch
Optionen und Planung
Zwei strategische Optionen offenbarten sich für das Jahr 1918. Zum einen wäre ein Rückzug in den Osten und damit verbunden eine Defensive im Westen möglich gewesen. Dazu hätte ein Arrangement mit den Westmächten getroffen werden müssen, welches aber nur auf Grundlage eines Verzichts auf Belgien realistisch gewesen wäre. Dies war inakzeptabel. Zum anderen bestand die Möglichkeit, die deutschen Kriegsziele im Westen durch eine gewaltige Offensive zu realisieren. Dabei stand die deutsche Führung aber unter einem doppelten Imperativ. Erstens mußte sie den Krieg gewinnen bevor amerikanische Truppen in großer Zahl in Frankreich anlandeten und massiv in das Kriegsgeschehen eingreifen konnten und zweitens mußte dies erfolgen bevor die deutschen Reserven endgültig erschöpft waren.
Am 11.11.1917 fiel in Mons die grundsätzliche militärische Entscheidung für eine Offensive. Der Kaiser gab nach einer Kronratssitzung am 18.12.1917 seine Zustimmung. Am 08.01.1918 stimmte der Reichskanzler Graf Hertling dem kaiserlichen Befehl für die Westoffensive „freudig“ zu. Für die Offensive bestanden zwei Optionen. Eine Möglichkeit war ein erneuter Angriff gegen die französischen Truppen bei Verdun. Die zweite Möglichkeit bestand in einem Angriff gegen die Briten. Ludendorff präferierte klar einen Schlag gegen die Briten, da sie als Herz des Kriegswillens der Entente angesehen wurden und ihre Armee zwar als zäh und tapfer, aber auch operativ weniger wendig galt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Einzigartigkeit des Zusammenbruchs 1918 und führt in die wissenschaftliche Debatte um die Hauptursachen ein.
II. Heimat: Dieses Kapitel analysiert die zunehmende gesellschaftliche Verelendung im Deutschen Reich durch die englische Blockade und die daraus resultierende Politisierung der Arbeiterschaft.
III. Front: Es werden die sozialen Mißstände innerhalb des deutschen Heeres beschrieben, insbesondere das Lohn- und Versorgungsgefälle zwischen Offizieren und einfachen Soldaten.
IV. Dialektische Wechselwirkung Front – Heimat: Das Kapitel untersucht die ambivalente Beziehung zwischen Front und Heimat und den wechselseitigen negativen Einfluss der Stimmungslagen.
V. Die >>Michael<<-offensive: Diese Sektion behandelt die strategischen Planungen und die Durchführung der letzten großen deutschen Offensive im Jahr 1918.
VI. Die mentale Ebene: Der Fokus liegt auf der psychologischen Verfassung der Soldaten, die Hoffnung auf den Sieg, die Resignation nach dem Scheitern und den verdeckten Militärstreik.
VII. Das Verhalten der OHL und die „Dolchstoßlegende“: Das Kapitel thematisiert die Desinformationspolitik der OHL und die gezielte Konstruktion der Dolchstoßlegende nach der militärischen Niederlage.
VIII. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die zentralen Argumente zusammen und bestätigt, dass die Revolution das Resultat einer langfristigen Entwicklung war.
Schlüsselwörter
Militärischer Zusammenbruch, Novemberrevolution, Michael-Offensive, Verdeckter Militärstreik, Dolchstoßlegende, OHL, Wilhelminisches Kaiserreich, Kriegsmüdigkeit, Frontgemeinschaft, Materialknappheit, Desertion, Arbeitsniederlegung, Erster Weltkrieg, Ludendorff, Soziale Mißstände.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen und die Dynamik des militärischen Zusammenbruchs des Deutschen Reiches im Jahr 1918, mit besonderem Blick auf den Einfluss der Michael-Offensive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die soziale Lage in der Heimat und an der Front, den verdeckten Militärstreik der Soldaten sowie das strategische und politische Handeln der Obersten Heeresleitung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die tiefgehenden, systemimmanenten Ursachen des Zusammenbruchs herauszuarbeiten und zu belegen, dass dieser nicht abrupt geschah, sondern das Resultat einer langwierigen, durch die Frontstimmung beeinflussten Entwicklung war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen wie Feldpostbriefen, Berichten der Militärführung und der Forschungsliteratur beruht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Versorgungslage, die sozialen Disparitäten zwischen Offizieren und Mannschaften, den Verlauf der Michael-Offensive sowie die psychologischen Faktoren, die zur Erosion der militärischen Disziplin führten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Militärischer Zusammenbruch, Novemberrevolution, Verdeckter Militärstreik und Dolchstoßlegende.
Warum war die Michael-Offensive ein Vabanquespiel?
Sie war ein Vabanquespiel, da das Deutsche Reich aufgrund knapper personeller und materieller Ressourcen unter enormem Zeitdruck stand und die Offensive die letzten Reserven verbrauchte, ohne ein klares, erreichbares Operationsziel zu haben.
Wie entstand laut der Arbeit die Dolchstoßlegende?
Die Legende entstand durch die gezielte Desinformationspolitik der OHL, die versuchte, die Verantwortung für die militärische Niederlage auf revolutionäre Tendenzen in der Heimat zu schieben, anstatt die eigenen Planungs- und Systemfehler einzugestehen.
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- Patrick Schweitzer (Author), 2003, Militärischer Zusammenbruch und Revolution 1918, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18589