Militärischer Zusammenbruch und Revolution 1918


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

41 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Heimat
1. Rückblick: Situation 1916/17
2. Der Metallarbeiterstreik vom 28.01.1918

III. Front
1. Generelle Mißstände

IV. Dialektische Wechselwirkung Front – Heimat

V. Die >>Michael<<-offensive
1. Optionen und Planung
2. Durchführung

VI. Die mentale Ebene
1. Der verdeckte Militärstreik

VII. Das Verhalten der OHL und die „Dolchstoßlegende“

VIII. Zusammenfassung

IX. Anhang

X. Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

„Der deutsche Zusammenbruch 1918 war historisch einzigartig nicht nur seiner unerwarteten Plötzlichkeit wegen, sondern weil nie zuvor eine Nation die Waffen gestreckt hatte, deren Armeen so tief in Feindesland standen."[1]

Welche Ursachen waren verantwortlich für diesen „einzigartigen“ Zusammenbruch? Erfolgte er wirklich in unerwarteter Plötzlichkeit oder war der Zusammenbruch nur der Kulminationspunkt einer Entwicklung, deren Ursachen tief in den Mißständen des wilhelminischen Staatskörpers verortet waren? In der älteren Forschung wurde Ludendorffs Entschluß zur Offensiven Kriegführung im Jahre 1918, welcher in Konsequenz zur Überspannung der deutschen Kräfte führte, als Hauptursache heraus gearbeitet. Kontroversen existierten lediglich in Umfang und Einfluß der Überspannung auf die Truppe. Die erste Hauptrichtung, als deren Exponent z.B. Gerhard Ritter gelten kann, konstatierte bereits für den Mai 1918 erste Anzeichen für die Überspannung und damit ein Nachlassen der Kampfkraft. Als Indikator galten für ihn die zunehmende Meuterei bei Transporten, steigende Desertionszahlen und die nachlassende Widerstandskraft einiger Heeresverbände.[2] Die zweite Hauptrichtung, namentlich z.B. durch Karl Dietrich Erdmann vertreten, erkannte ein wirkliches Nachlassen der Kampfkraft erst nach dem 8.8.1918. Erdmann sah dennoch im Heer bis zu seiner Demobilisierung einen festgefügten Verband. Er schrieb: „Aber bis zum letzten Tag war die Fronttruppe im Kampf fest in der Hand ihrer Führer. Das deutsche Heer insgesamt blieb bis zu seiner Demobilisierung festgefügt.“[3] Die genaue Klärung der Ursachen gestaltet sich schwierig, da ein Großteil der Akten beim Brand des Heeresarchivs in Potsdam 1945 zerstört wurde. Ich werde in meiner Arbeit weitestgehend der Argumentation des Wilhelm Deist folgen, der mit seinem 1986 erschienenen Aufsatz „Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918?“ einen neuen Ansatz zur Lösung der Frage präsentierte. Ziel der Arbeit ist es, die tiefgehenden, ja systemimmanenten Ursachen für den Ausbruch des verdeckten Militärstreiks sowohl in der Heimat, als auch an der Front und dessen substantielle Bedeutung für den Zusammenbruch des Heeres und damit für den Zusammenbruch des wilhelminischen Staates herauszustellen. Dabei wird vor allem die mentalitätsgeschichtliche Ebene im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Abschließend möchte ich noch anmerken, daß meine Hausarbeit nach den Regeln der alten Rechtschreibung verfaßt wurde.

II. Heimat:

1. Rückblick: Situation 1916/17

Die Versorgungslage im Deutschen Reich war durch die englische Blockade sehr angespannt. Bereits im Februar 1915 erfolgte die Einführung einer „Brotkarte“. Bis Jahresende 1916 waren die wichtigsten Grundnahrungsmittel rationiert worden. Das Brot mußte gestreckt und die Milch verdünnt werden. Trotz des Rückgriffs auf wenig nährreiche Ersatzstoffe konnte die Lage nicht soweit verbessert werden, daß eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung ermöglicht wurde. Das Kartensystem war kein Garant dafür, daß man wirklich etwas erhielt.

Die langen Warteschlangen vor den Geschäften entwickelten sich zu einem Hort der Unruhe.[4]

Gleichzeitig verwahrloste die Stadtjugend in zunehmendem Maße, da die Mütter im Rahmen der verstärkten Rüstungsanstrengungen zur Arbeit in den Fabriken herangezogen wurden. Im Winter 1916/17 brach die Kartoffelzufuhr dann vollständig zusammen und es kam zum sogenannten „Kohlrübenwinter“[5] Der Hunger der Bevölkerung verstärkte sich zusehends. So schrieb eine Frau aus Hamburg im Februar 1917 in einem Brief:

„Hier bei uns [...] sieht es traurig aus, schon fünf Wochen keine Kartoffeln, Mehl und Brot knapp [...] Man geht hungrig zu Bett und steht hungrig wieder auf [...] Nur die

ewigen Rüben, ohne Kartoffeln, ohne Fleisch, alles in Wasser gekocht.“[6]

Im Frühjahr 1917 traten in den Großstädten die ersten Hungerödeme auf. Zur Linderung der prekären Lage reisten Kolonnen von Frauen und Kindern am Wochenende in die ländlichen Gebiete, um bei den Bauern Nahrungsmittel zu horrenden Preisen erwerben. Gerade für die ärmeren Schichten der Stadtbevölkerung waren diese Kosten auf längere Sicht kaum zu tragen. Häufig mußten zum Kauf der Lebensmittel die letzten Reserven aufgewandt werden, was natürlich zu einer weiteren Verelendung führte. Es handelte sich dabei um ein Phänomen, welches sich auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, natürlich aufgrund des totalen Zusammenbruchs in verstärkterer Form, beobachten ließ. Trotz zunehmender Kontrollen und Verbote gelang es der staatlichen Seite nicht, dieses Phänomen zu unterbinden. Zeitgleich entstand in den Städten ein reger Schwarzmarkthandel. Die Nutzung dieser Option stand aber meist nur den begüterten Schichten offen, da die Preise extrem hoch waren. Dies enthüllte und verstärkte die vom größten Teil der Bevölkerung empfundene gesellschaftliche Ungleichheit. So empörte sich im Februar 1917 eine Frau in einer Hamburger Kriegsküche:

„Alles wird für die Reichen, für die Besitzenden reserviert. Sobald es heißt, Entbehrungen mitmachen zu müssen, dann wollen die Herrschaften keine Brüder und Schwestern mehr von der arbeitenden Klasse sein. Die schönen Reden vom Durchhalten gelten nur für die arbeitende Klasse, die herrschende Klasse hat sich mit ihrem Geldsack schon genug versorgt.“[7]

Die Unfähigkeit der Behörden bei der Bekämpfung des Schwarzmarkthandels wirkte demoralisierend. Es erfolgte ein sprunghafter Anstieg der Eigentums- und Vermögensdelikte.

Das Empfinden für Recht und Gesetz ließ zusehends nach. Auch in den Betrieben änderte sich das Arbeitsklima im Laufe der Zeit. Die Belegschaft der Betriebe war sehr heterogen geworden. Häufig wurden Arbeiter eingezogen und Frauen nahmen ihre Plätze ein. Der innere Zusammenhalt war gelockert worden und die Solidarität untereinander schwand. Die Arbeiterschaft war zu einer schwer kontrollierbaren Masse geworden. Bereits im Jahre 1916 kam es zu ersten wilden Streiks in der Rüstungsindustrie, welche aber meist nur spontaner Natur waren. Ihre Motive und Ziele waren überwiegend wirtschaftlicher Natur.[8]

Eine Politisierung dieser stummen Protestbewegung läßt sich schon im April 1917, als erste Massenstreiks von Metallarbeiter z.B. in Berlin und Leipzig auftraten, konstatieren. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die russische Oktoberrevolution und das „maßlose“ Verhalten der deutschen Delegation im Zuge der Friedensverhandlungen mit Rußland in Brest-Litowsk.

2. Der Metallarbeiterstreik vom 28.01.1918:

Die zunehmende Politisierung führte maßgeblich zum Metallarbeiterstreik vom 28.01.1918, der größten Protestaktion des Krieges. Der Historiker Volker Ullrich beschrieb die Ursachen des Streiks wie folgt:

„Alle Erregungsmomente flossen in dieser größten Massenaktion während des

Krieges zusammen: die Erbitterung über die schlechte Versorgungslage, der Ärger über die Verschleppung der inneren Reformen und die ungehinderte annexionistische Propaganda der Vaterlandspartei, vor allem die nicht unbegründete Befürchtung, die deutschen Politiker und Generäle könnten um maßloser Kriegsziele willen die Friedensverhandlungen mit dem revolutionären Rußland in Brest-Litowsk zum Scheitern bringen.“[9]

Die Büroangestellte Hedwig Brosterhues berichtete ihrem Freunde, der an der Front war, in einem Brief sehr eindrücklich über ihre Erlebnisse in Hamburg an diesem Tage:

„Heute morgen habe ich hier etwas ganz Imposantes gesehen. Vor ungefähr einer

Stunde kommt mein Alter ganz atemlos in die Tür und sagt: Sehen Sie mal dort unten die streikenden Arbeiter. Wir natürlich gleich ans Fenster. Da zog sich eine riesig lange Reihe von Arbeitern und Arbeiterinnen durch die Mönckebergstraße anscheinend nach einem Gewerkschaftshaus [...] Ich kann Dir sagen, als ich das sah, diesen Zug ernster Arbeiter und Frauen, so still durch die Straßen ziehen, da ging es mir ordentlich wie ein Jubel durch und durch.“[10]

Allein in Berlin streikten an diesem Tag ungefähr 400.000 Arbeiter. Von hier aus sprang der Funke in fast alle Industriegebiete über. Die Berliner Streikleitung, die sich am Nachmittag

Konstituierte, gab sich, dem russischen Vorbild folgend, den Namen „Arbeiterrat“.

Die Obrigkeit, welche natürlich eine Wiederholung der russischen Ereignisse auf deutschem Boden befürchtete, stellte die streikenden Betriebe unter militärische Leitung. Demonstrationen und Versammlungen wurden verboten, Gewerkschaftshäuser geschlossen und außerordentliche Kriegsgerichte eingerichtet. In Berlin wurde der verschärfte Belagerungszustand proklamiert. In dem 7-Punkte umfassenden Streikprogramm, welches am nächsten Tage formuliert wurde, rangierten die politischen klar vor den wirtschaftlichen Forderungen. An der Spitze des Programms stand die Forderung nach „schleuniger Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker“, sowie nach „Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen“. Die folgenden Punkte betrafen die Verbesserung der Lebensmittelversorgung, die Aufhebung des Belagerungszustands und der Militarisierung der Betriebe, die Freilassung der politischen Gefangenen, die „durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen“, insbesondere des Reichstagswahlrechts in Preußen.[11] Die Grundtendenz der Forderungen war aber nicht revolutionär, sondern eher pazifistisch und reformorientiert. Als es im Berliner Stadtteil Moabit zu ersten Straßenschlachten zwischen der Polizei und Streikenden kam, deutete alles auf eine bevorstehende Revolution hin.[12] Die Revolution konnte nur durch das Eingreifen der Führer der MSPD und der Gewerkschaften verhindert werden. Sie stellten sich, anfangs widerwillig, da der Streik nicht von ihnen initiiert worden war, an die Spitze der Bewegung (z.B. Eintritt in die Berliner Streikleitung), und ermöglichten damit die Kanalisierung der Spannungen.[13] Dadurch standen sie von zwei Seiten in der Kritik. Viele Konservative, mit denen sie z.B. in Interfraktionellen Ausschüssen und bei Militär- und Zivilbehören zusammenarbeiteten, differenzierten nicht. Für sie lag die gesamte Verantwortlichkeit für den Streik pauschal bei „den“ Sozialdemokraten. Die Radikalen sahen in ihnen die „Kaiserlakaien“, die der Obrigkeit dabei halfen, die Revolution abzuwürgen. Ein Vorwurf, der dann auch nach der „Novemberrevolution“ in verstärkter Form von den Radikalen erhoben wurde. Letztlich gelang es der staatlichen Seite aufgrund des Engagements der Sozialdemokraten und autoritärer Repressalien, die Streikbewegung zum Abflauen zu bringen. Im Laufe des 2. und 3. Februar 1918 wurde in den meisten bestreikten Betrieben wieder gearbeitet. Die radikalen Rädelsführer wurden verhaftet, und zu Haftstrafen verurteilt. Behörden und Unternehmer übten in der Folgezeit noch massiv Vergeltung. Vielerorts wurden Betriebe „militarisiert“, was bedeutete, daß Arbeiter, die sich engagiert am Streik beteiligt hatten, ihren „Gestellungsbefehl“ erhielten und damit den Militärgesetzen unterlagen. Nicht wenige wurden zu Haftstrafen verurteilt. Tausende wurden zur Strafe zum Militärdienst eingezogen und erhielten in ihren Personalpapieren den Vermerk „Berlin 1918“, was an der Front im Umgang mit den Vorgesetzten natürlich nicht sonderlich vorteilhaft war.[14] Dennoch gelang es den Behörden nicht, die aus den Fugen geratene wilhelminische Gesellschaft nochmals zu stabilisieren. Ullrich schreibt über das Ergebnis des Streiks:

„Die Streiks hatten, auch wenn sie mit einer Niederlage der Arbeiter endeten,

ein wichtiges Resultat: Sie enthüllten, wie brüchig die Grundlagen des wilhelminischen Herrschaftssystems inzwischen waren.“[15]

III. Front:

1. Generelle Mißstände

Die Heeresorganisation war geprägt von starken sozialen Mißständen. Diese kristallisierten sich besonders an der Nahtstelle zwischen Offizieren und Mannschaften. Häufig ereignete es sich, daß die Disziplin von Offizieren in verletzender Art und Weise gehandhabt wurde. Eine große Zahl von ihnen nahm in ungerechtfertigter Weise die Mannschaften für ihre Dienste in Anspruch (z.B. Köche, Burschen, Ordonnanzen und Pioniere als Quartierbauer). Ferner nutzten viele in unverhältnismäßig großem Umfang Heeresmaterial, quartierten sich in den bequemeren Unterkünften ein, bekamen die bessere Verpflegung und erhielten die Eisernen Kreuze.[16] Dennoch war das Unmutspotential der einzelnen Verfehlungen sehr unterschiedlich. Von geringerer Bedeutung waren z.B. die zum Teil luxuriöseren Quartiere der Offiziere oder die höhere Zahl von Auszeichnungen. Schwerer wog die erhöhte Urlaubsfrequenz und vor allem das unverhältnismäßig hohe Salär der Offiziere. So verdiente ein Leutnant 310 Mark im Monat, wohingegen ein einfacher Soldat nur 15.90 Mark im Monat erhielt.[17]

Ein Bauernsohn beschrieb diesen Sachverhalt in einem Brief vom 21.04.1918 mit folgenden Worten:

„[...] Was den Soldaten am meisten unzufrieden macht ist die ungleichmäßige

Löhnung im Verhältnis zur Arbeitsleistung. Kein Offizier darf Wache stehen,

weder bei Tag noch bei Nacht und sonst noch vieles nicht. Man könnte eher von Gerechtigkeit sprechen, wenn das Verhältnis der Löhnung umgekehrt wäre. Ich habe schon Offiziere gesehen, welche den Tornister auf dem Buckel hatten, habe aber schon mehr gesehen, denen man alles nachtragen muß, und wenn es noch so leicht ist [...]“[18]

Das Lohngefälle war von besonderer Bedeutung, wenn man sich die Ernährungslage der Fronttruppen verdeutlicht. Nach dem Abschluß des Vormarsches im Jahre 1914, währenddessen sich die Truppe weitgehend aus dem Land versorgt hatte, wurde die Versorgung überwiegend von der Belieferung aus der Heimat abhängig. Die von der „Zentralstelle zur Beschaffung der Heeresverpflegung“ organisierte Versorgung war damit an die Entwicklungen in der Heimat gekoppelt. Demgemäß verschlechterte sich die Ernährungslage im Heer in demselben Maße wie in der Heimat. Obwohl die Rationen der Soldaten, aufgrund der Prioritätenverteilung, stets über denen der versorgungsberechtigten Zivilbevölkerung lagen, waren sie keineswegs ausreichend. Sie waren absolut eintönig und besaßen nur einen geringen Nährwert.[19] Bereits an der Jahreswende 1915/16 waren die ersten Klagen über eine unzureichende Verpflegung laut geworden. Seit Ende 1916 nahm die Verschlechterung der Ernährungslage nochmals rapide zu. So wurde z.B. die Kartoffelration durch Rüben gestreckt. (Vgl. dazu auch den Steckrübenwinter 1916/17 in der Heimat) Im März 1917 wurde die Brotration der Soldaten erneut um 1/3 gekürzt. Daher muß festgehalten werden, dass seit 1917 sehr viele Soldaten an der Ost- und Westfront dauerhaft an Hunger litten. Diese Mangelernährung führte vor dem Hintergrund der anhaltenden Belastungen z.B. durch den Stellungsbau zu Erschöpfungssyndromen bei den Soldaten.[20] Den Haß auf die Offiziere verstärkte zusätzlich, dass viele ihre eh schon höheren Rationen oft auf Kosten der Mannschaftsrationen noch zusätzlich aufwerteten. Dies war möglich, da die Verpflegungsoffiziere, die in der Etappe für die Verteilung der Nahrungsmittel zuständig waren, häufig ihre Standesgenossen bevorzugten. Hinzu kam, daß sich in der Etappe, wohin die Lebensmittel zur Verteilung an die Fronttruppe geliefert wurden, ein reger Schleichhandel etablierte, der die Zufuhr zusätzlich verknappte. Vor diesem Hintergrund gewann natürlich die Lohnfrage eine besondere Bedeutung. Wer es sich leisten konnte, dem war durch den Schleichhandel und die regulär vorhandenen Marketendereien die Möglichkeit geboten, seine Rationen deutlich aufzubessern[21].

Zu einem weiteren klaren Bruch im Verhältnis von Offizieren zu Mannschaften führte der Unterschied zwischen Front und Etappe. An der Front, in der, später ideologisch sehr überhöhten, Frontgemeinschaft, verschwammen die Unterschiede in erheblichem Maße. Die Klassenschranken waren weitestgehend aufgehoben. Offizier und Mannschaft schienen auf einer Ebene. An der Front besaß die Armee einen starken Milizcharakter. Doch war dieser Zustand nur vorübergehend. In der Etappe traten die Unterschiede wieder klar zu Tage. Es herrschte das alte System. Offizier und Mannschaft waren klar getrennt. Bei den Mannschaften entstand ein regelrechter Offiziershaß, da sie z.B. nicht verstanden, warum abgekämpfte Verbände in der Etappe von ihren Offizieren gedrillt werden mußten.[22] Der wachsende Unmut über die Zustände entlud sich schon relativ früh u.a. in Feldpostbriefen. So steht z.B. in einem Brief eines national gesinnten Arbeiters vom Januar 1916 geschrieben:

„[...] Da ist vor allem das Verhältnis des Offiziers zum Manne. Im Kampfe zweifellos echt kameradschaftlich, und in Einzelfällen vielfach gut, entspricht es als Gesamtes doch nicht der Meinung, die man sich von ihm zu Hause macht. Wenigstens an der Westfront sicher nicht. Im Gegensatz zu dem vielberufenen Ausgleich der Stände ist eine breite und tiefe Kluft, verursacht durch eine auch nach meinem Dafürhalten zu weit getriebene Überheblichkeit, die weder durch die Notwendigkeit straffer Manneszucht, noch durch überlegene, sachliche und dienstliche Tüchtigkeit, noch durch den Unterschied der persönlichen Eigenschaften in der Mehrzahl der Fälle gerechtfertigt wird.“[23]

Des öfteren mussten die Soldaten entwürdigende Anreden und wüste Beschimpfungen durch Offiziere über sich ergehen lassen. Auch handfeste körperliche Misshandlungen z.B. durch Reitstock oder Reitpeitsche sollen sich wiederholt sowohl in der Etappe, als auch an der Front ereignet haben. Häufig zeigten sich aber auch Hilfsausbilder (Gefreite) oder Unteroffiziere für die Mißhandlungen verantwortlich, die dadurch überkorrekt wirken wollten, um den Offizieren keinen Grund zur Beanstandung ihrer Ausbildung zu liefern. Besonders vor dem Besuch höherer Offiziere nahm der Drill sehr exzessive Formen an.[24] Selbst im August 1918, also nach vier Jahren des Krieges, wurde an dieser Praxis noch festgehalten, wie dieser von der Postüberwachungsstelle abgefangene Brief zeigt:

„[...], dann die blödsinnigen Schikanen, Befehle von oben herab. Da wissen sie nicht, wie sie den Muschkoten drieseln sollen. Werden vorne abgelöst und kommen in Ruhe,

so ist Exerzieren den ganzen Tag und wie, da werden sie geschliffen wie in Garnison.

[...] Ein Befehl ist z.B. bei uns: Wer von der Front zur Bagage geht feldmarschmäßig, und hat die Tragriemen nicht unter Achselklappen bekommt 14 Tage Arrest. Wer sein Gewehr zur Erleichterung um den Hals hängt und nicht vorschriftsmäßig wie ein

Karabiner auf der Schulter bekommt 14 Tage Arrest. [...]“[25]

Zwar besaßen die Soldaten prinzipiell ein Beschwerderecht, doch war dessen Anwendung und Handhabung sehr kompliziert. Hinzu kam, dass die völlige Abhängigkeit der Soldaten von ihren Vorgesetzten häufig zum Verzicht auf eine Beschwerde führte. Wer sich dennoch

beschwerte, konnte mit an Sicherheit grenzender Gewissheit davon ausgehen, dass er dafür von seinen Vorgesetzten massiv unter Druck gesetzt werden würde. Daher verwundert es nicht, dass viele Soldaten Klagebriefe an die Familie, ihre Landtagsabgeordneten oder Geistliche schrieben. Mitunter nahmen Letztere sich dann den Klagen an. Dieser Weg außerhalb der Militärhierarchie wurde von den Militärbehörden natürlich entschieden abgelehnt.[26] Aus den oben geschilderten Problemen hinsichtlich des Beschwerderechts erklärt sich, warum die Zahl der Verurteilungen von Vorgesetzten wegen vorschriftswidrigem Verhalten oder Mißhandlungen während des gesamten Krieges sehr gering war. „Für den aus den verschiedenen Mißständen resultierenden Legitimitätsverlust militärischer Herrschaft bei den Soldaten war die Ungleichheit in Ernährung und Löhnung jedoch in höherem Maße verantwortlich als die Mißhandlungen.“[27] Wobei hier angemerkt werden muß, daß sich die direkte Mißhandlung von Untergebenen nur auf wenige Vorgesetzte beschränkte. Bei der Bewertung der Offiziere durch ihre Untergebenen muß eine gewisse Differenzierung vorgenommen werden. Sowohl die aktiven Offizieren als auch die Reserveoffiziere aus dem Friedensstand, also jenen Offizieren, die ihr Patent schon vor Kriegsausbruch erhalten hatten, erfreuten sich relativ großer Beliebtheit. Sie wurden als relativ fürsorglich und gerecht in der Behandlung ihrer Untergebenen angesehen. Problematisch war, daß diese Gruppe im Laufe des Krieges enorme Verluste erlitt. So waren im Jahre 1918 nur noch etwa 1/6 der Offiziere im Regimentsdienst der Infanterie aus dieser Gruppe.[28] Ganz anders verhielt es sich mit den Offizieren aus dem „Beurlaubtenstand“ oder den „Kriegsleutnants“, die zum Kriegsende hin auf der Ebene der niederen Offiziere bis zum Kompanie-Chef den Hauptteil stellten. Diese oft sehr jungen (19/20 Jahre) und unerfahrenen Männer besaßen häufig zu wenig Fingerspitzengefühl. Mitunter wirkten sie objektiv überfordert und konnten die von ihnen geforderten Leistungen nicht erbringen. Besonders älteren Soldaten, die sich im Zivilleben eine gewisse Position und damit Respekt erarbeitet hatten, bereitete es durchaus Probleme, sich den wesentlich jüngeren Offizieren unterzuordnen, wie ein Feldpostbrief von A. Reddigond an den Reichstagsabgeordneten Sachse vom 28. April 1915 illustriert:

„[...] Ich bin einem Reserveregiment zugeteilt, das in Kürze wieder an die Front geht. Das zweite Bataillon ist gestern abgerückt wohin? Von den alten Kerlen

36-39 Jahre ist natürlich keiner gern rausgegangen und hat sich der Hurrafimmel ganz

gewaltig verflüchtigt. [...] Die Mannschaften machen nicht mehr mit. Du glaubst

gar nicht, was für eine ungeheure Wut unter den Mannschaften gegenüber den

Offiziergewordenen, Feldwebel-Leutnants (Es handelte sich dabei um ehemalige Unteroffiziere, die aufgrund von besonderen Leistungen vor dem Feind in diesen Dienstgrad befördert wurden. Ihre Zahl war trotz des zunehmenden Mangels an Offizieren insgesamt sehr gering. d. Verf.) und Offizierdiensttuer steckt. [...]“[29]

[...]


[1] Schivelbusch, Wolfgang, Die Kultur der Niederlage, Berlin 2001, S. 229.

[2] Vgl. Ritter, Gerhard, Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des >>Militarismus<< in Deutschland, Vierter Band, Die Herrschaft des deutschen Militarismus und die Katastrophe von 1918, München 1968, S. 283ff.

[3] Erdmann, Karl Dietrich, Der Erste Weltkrieg, Stuttgart 1973, S. 236.

[4] Vgl. Ullrich, Volker, Kriegsalltag. Zur inneren Revolutionierung der wilhelminischen Gesellschaft, in: Der Erste Weltkrieg. Wirkung Wahrnehmung Analyse, hrsg. von Michalka, Wolfgang, Weyarn, 1997, S.607.

[5] Vgl. Ebd. S. 608.

[6] Ebd. S. 609, Vgl. dazu auch Ullrich, Volker, Kriegsalltag, Hamburg im Ersten Weltkrieg, Köln 1982.

[7] Ullrich, Volker, Kriegsalltag. Zur inneren Revolutionierung der wilhelminischen Gesellschaft, a.a.O., S. 609.

[8] Vgl. Ebd. S. 610.

[9] Ullrich, Volker, Die nervöse Großmacht, Aufstieg und Untergang des Deutschen Kaiserreichs 1871 - 1918, Frankfurt am Main 1999, S. 530.

[10] Ullrich, Volker, Kriegsalltag, Hamburg im Ersten Weltkrieg, a.a.O., S. 126.

[11] Vgl. Ruge, Wolfgang, Schumann, Wolfgang (Hrsg.), Dokumente zur deutschen Geschichte 1917-1919, Berlin 1975, S. 32.

[12] Vgl. Ullrich, Volker, Zur inneren Revolutionierung der wilhelminischen Gesellschaft, a.a. O., S. 614f.

[13] Vgl. Berlin, Jörg (Hrsg.), Die deutsche Revolution 1918/19. Quellen und Dokumente, Köln 1979, S. 102f.

[14] Vgl. Feldman, Gerald D., Armee, Industrie und Arbeiterschaft in Deutschland 1914 bis 1918, Übersetzung von Norma von Ragenfeld-Feldman, Bonn 1985, S. 362.

[15] Ullrich, Volker, Die nervöse Großmacht, a.a.O., S. 535.

[16] Vgl. Hobohm, Martin, Soziale Heeresmißstände im Ersten Weltkrieg, in: Wette, Wolfram (Hrsg.), Der Krieg des kleinen Mannes, München 1992, S. 138.

[17] Vgl. Ziemann, Benjamin, Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914 – 1923,

Essen 1997, S. 141.

[18] Ulrich, Bernd, Ziemann, Benjamin (Hrsg.), Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit. Quellen und Dokumente, Frankfurt am Main 1994, S.193.

[19] Vgl. Ziemann, Benjamin, Front und Heimat, a.a. O., S. 142.

[20] Vgl. Ebd. S. 142 ff.

[21] Vgl. Ebd. S. 145.

[22] Vgl. Deist, Wilhelm, Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte, München 1991, S. 217.

[23] Hobohm, Martin, Soziale Heeresmißstände im Ersten Weltkrieg, a.a.O., S. 139.

[24] Vgl. Ziemann, Benjamin, Front und Heimat, a.a.O., S. 149f.

[25] Ulrich, Bernd, Ziemann, Benjamin (Hrsg.), Frontalltag im ersten Weltkrieg, a.a.O., S. 118f.

[26] Vgl. Ziemann, Benjamin, Front und Heimat, a.a.O., S. 151f.

[27] Ebd. S. 156.

[28] Vgl. Ebd. S. 157.

[29] Ulrich, Bernd, Ziemann, Benjamin (Hrsg.), Frontalltag im ersten Weltkrieg, a.a.O., S. 122f.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Militärischer Zusammenbruch und Revolution 1918
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Militarismus"
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
41
Katalognummer
V18589
ISBN (eBook)
9783638229067
ISBN (Buch)
9783638645829
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Militärischer, Zusammenbruch, Revolution, Hauptseminar, Militarismus
Arbeit zitieren
Patrick Schweitzer (Autor), 2003, Militärischer Zusammenbruch und Revolution 1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18589

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