Die Affäre Jürgen W. Möllemann - eine vergleichende Inhaltsanalyse von Süddeutscher Zeitung und Frankfurter Allgemeiner Zeitung


Magisterarbeit, 2004

223 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Abbildungsverzeichnis

 

Abbildung 1: Das Grundmodell publizistischer Konflikte

Abbildung 2: Konfliktverlauf und wichtige Ereignisse (gesamt, Basis: N=382)

Abbildung 3: Konfliktverlauf bei SZ und FAZ im Vergleich

Abbildung 4: Die fünf wichtigsten Themen (alle Zeitungen, nach Hauptthemen in Prozent)

Abbildung 5: Verlauf der fünf wichtigsten Themen plus Konfliktanlass

Abbildung 6: Verlauf der fünf wichtigsten Themen plus Konfliktanlass in der SZ (nach Hauptthemen, absolute Häufigkeit je Konfliktwoche)

Abbildung 7: Verlauf der fünf wichtigsten Themen plus Konfliktanlass in der FAZ (nach Hauptthemen, absolute Häufigkeit je Konfliktwoche)

Abbildung 8: Die fünf wichtigsten Akteursgruppen (Hauptakteure zusammengefasst, in Prozent, alle Zeitungen)

Abbildung 9: Die fünf wichtigsten Akteursgruppen plus die direkt am Konfliktanlass beteiligte Akteursgruppe je Konfliktwoche (Haupt- und Nebenakteure zusammengefasst, in Prozent, alle Zeitungen)

Abbildung 10:Einmischung weiterer Akteursgruppen im Konfliktverlauf (Haupt- und Nebenakteure zusammengefasst, in Prozent je Konfliktwoche, alle Zeitungen)

Abbildung 11: Skandalierung im Verlauf (Vergleich SZ + FAZ, Indikatoren für Etikettierung und Verurteilung zusammengefasst, Mittelwerte je Konfliktwoche)

 

Tabellenverzeichnis

 

Tabelle 1: Strategien und Taktiken in publizistischen Konflikten

Tabelle 2: Unterscheidungskriterien zwischen Konflikt und Skandal

Tabelle 3: Das Stufenmodell der defensiven Abwehrtaktiken

Tabelle 4: Inter- und Intracoderreliabilität der Themenvariablen (nach unterschiedlichen Aggregationsniveaus)

Tabelle 5: Indikatoren für die absolute Berichterstattungsintensität

Tabelle 6: Mediale Koorientierung im Fall Möllemann (absolut, in Prozent, Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 7: Perspektive der Artikel absolut und in Prozent (Vergleich SZ + FAZ, gesamt, Perspektive für Haupt- und Nebenthemen zusammengefasst)

Tabelle 8: Skandal-Etiketten absolut und in Prozent (Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 9: Negative Konsequenzen absolut und in Prozent (Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 10: Bewertung Möllemanns gruppiert absolut und in Prozent (Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 11: Tenor der Artikel absolut und in Prozent (Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 12: Lagerbildung absolut und in Prozent (negative bzw. positive Etikettierer, Konsequenzer, Möllemann-Bewerter zusammengefasst im negativen bzw. positiven Lager, Vergleich SZ + FAZ, gesamt)

Tabelle 13: Skandalierung bei SZ und FAZ absolut (Indikatoren für Etikettierung und Verurteilung zusammengefasst, Mittelwerte)

Tabelle 7: Positionierung im Detail absolut und in Prozent (gesamt, Vergleich SZ + FAZ)

Tabelle 11: Aufschlüsselung der fünf wichtigsten Hauptthemen nach Unterthemen absolut und in Prozent innerhalb des Hauptthemas (alle Zeitungen)

 

1 Einleitung

 

„Abschied“, so lautet der Titel der Karikatur auf dem Umschlag dieser Arbeit (Benedek, 2002). Auf den ersten Blick ist die Aussage klar. Der liberale Politiker Jürgen W. Möllemann ist erfolgreich dabei, sich sein eigenes Grab zu schaufeln. Grund ist die Flugblatt-Affäre, Möllemann machte widersprüchliche Angaben zur Finanzierung der Aktion. Mal versicherte er, dass es die Spender mit dem Namen „Mustermann“ tatsächlich gäbe, mal, dass er die Flugblätter aus seinem privaten Vermögen finanziert habe. Deshalb ist der Grabstein ironisch mit dem Schriftzug „Jürgen W. Mustermann“ graviert. Der Dreck, den Möllemann schwungvoll aushebt, befleckt den hinter dem Grabstein stehenden Liberalen Guido Westerwelle. Der Bundesparteivorsitzende wartet darauf, dass Möllemann zu Ende schaufelt, um im Namen der Freiheitlich Demokratischen Partei (FDP) einen Beileidskranz auf das fertige Grab zu legen. (Benedek, 2002; Möllemann sieht sich als Mustermann, 2003).

 

Am 22. Oktober 2002, als diese Zeichnung in der Süddeutschen Zeitung publiziert wurde, konnte noch niemand ahnen, dass der seit dem 4. April 2002 tobende publizistische Konflikt um Möllemann mit dessen Tod enden würde. Rückblickend wirft diese geradezu prophetische Karikatur etliche Fragen auf. Wer ist verantwortlich für Entstehung und Verlauf der Affäre Möllemann und, damit eventuell verbunden, für seinen möglichen Freitod? Möllemann selbst, wie Benedek suggeriert? Westerwelle, mit dem Möllemann zu dieser Zeit heftig um den Bundesparteivorsitz stritt? Die zahlreichen Feinde Möllemanns in der liberalen Partei oder andere gesellschaftliche Akteure? Oder nahmen die Medien Möllemanns politisches und vielleicht sein tatsächliches Ende nicht nur vorweg, sondern trugen durch die Publikationen solcher Aussagen entscheidend dazu bei?

 

Wahl des Themas

 

Die Karikatur fasst somit treffend zusammen, warum gerade der publizistische Konflikt um Möllemann als Thema dieser Arbeit gewählt wurde. Ein wichtiger Grund ist die Aktualität und die Brisanz des Themas. Zu Beginn dieser Arbeit im März 2003 war die Auseinandersetzung um Möllemann in den Medien noch nicht einmal beendet. Die Affäre Möllemann war eines, wenn nicht das beherrschende innenpolitische Thema im Jahr 2002. Der lange Berichterstattungszeitraum von über 14 Monaten verdeutlicht, welch große Bedeutung Medien und Publikum dem Konflikt beimaßen. Dazu trugen nicht zuletzt die gravierenden Konsequenzen des Konfliktausganges bei. Möllemanns über 30 Jahre währende politische Karriere wurde zerstört, vermutlich stürzte sich der Liberale wegen der Affäre in den Tod.

 

Erst der tödliche Fallschirmsprung am 5. Juni 2003 provozierte zweierlei, erstens die Diskussion über die Todesursache. Die im Anschluss durchgeführten Untersuchungen legen einen Freitod des Politikers nahe. Ob die vorangegangenen realen Auseinandersetzungen oder die Medienberichterstattung darüber Möllemann zu dieser Entscheidung bewogen haben, lässt sich allerdings nur vermuten. (Kläsgen, 2003).

 

Zweitens begann die Selbstreflexion in der Öffentlichkeit, in Teilen der Medien und der eigenen Partei. Nicht zuletzt, weil Möllemann selbst bereits Teile der FDP bezichtigt hatte, eine „Vernichtungsstrategie“ (zit. nach Jürgen W. Möllemann. Chronik einer Polit-Affäre, 2003) gegen ihn zu führen, die er erfolglos abzuwehren versucht hatte.[1] Die Witwe Möllemanns, Carola Möllemann-Appelhoff, und engste Parteifreunde machen die FDP-Führung für dessen Tod mitverantwortlich (Vorwürfe an FDP-Spitze wegen Mitschuld, 2003). Gerüchte, Gerede und Gezänk um den FDP-Politiker verebbten auch nach seinem Tod nicht. Leyendecker (2003), Journalist bei der Süddeutschen Zeitung fragt deshalb selbstironisch: „Kommt es bei Möllemann nicht mehr darauf an, ob etwas wahr ist oder unwahr? Dürfen wir den Toten, noch ein bisschen zumindest, jagen?“

 

Forschungsinteresse

 

Empirisch zu untersuchen, ob dieser publizistische Konflikt gezielt dramatisiert und Möllemann an den Pranger gestellt wurde, wie Leyendecker andeutet, ist das Hauptziel dieser Arbeit. Falls ja, ist natürlich von besonderem Interesse, wer an dieser Jagd beteiligt war und wie sich die untersuchten Medien, Süddeutsche Zeitung (SZ) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), verhielten. Denn einzelne Journalisten wie ganze Medienunternehmen schlüpfen in publizistischen Konflikten häufig in eine Art Doppelrolle (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 14-15). Sie berichten dann über das Geschehen und treiben es gleichzeitig aktiv durch ihre Berichterstattung an (Kepplinger, 1994, S.225-226). Diese Sonderrolle berücksichtigt sowohl der Theorieteil als auch der Ergebnisteil. Liegt ein solches aktives Verhalten der Medien in einem publizistischen Konflikt vor, wird die Berichterstattung selbst ein zentrales Element. Deswegen steht die mediale Berichterstattung über die Affäre Möllemann im Zentrum dieser Arbeit.

 

Aufbau der Untersuchung

 

Im Einzelnen ist die Untersuchung folgendermaßen aufgebaut. In Kapitel 2 wird das Verhältnis von Medien, Politik und Realität im Hinblick auf politische Konflikte beleuchtet. Es bildet den Hintergrund, vor dem sich der Fall Möllemann abspielt. Der erste Abschnitt zeigt, dass grundsätzlich ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Medien und Politik besteht. In politischen Konflikten ist dieses aber zu Gunsten der Medien verschoben. Auf die massenmedialen Funktionen, die in der Konfliktberichterstattung zum Tragen kommen, geht Abschnitt 2.2 ein. Abschnitt 2.3 zeigt, dass die medialen Selektions- und Reduktionsprozesse notwendig sind, damit wir uns in unserer zunehmend komplexen Ereigniswelt zurecht finden können. Allerdings kann die Berichterstattung lediglich ein Abbild unserer realen Welt liefern, das mehr oder weniger starken Verzerrungen unterliegt. Dazu trägt neben den Medien auch das Verhalten der Akteure und des Publikums bei. In diesem Zusammenhang muss klar sein, dass ausschließlich die Berichterstattung über den Konfliktfall untersucht wird, nicht der Konflikt selbst. Das dritte Kapitel befasst sich ausführlich mit der Theorie publizistischer Konflikte. Zum besseren Verständnis veranschaulicht Abschnitt 3.1 einleitend die elementaren Strukturmerkmalepublizistischer Konflikte. Die anschließenden Abschnitte gehen vertiefend auf die wichtigsten Kernelemente publizistischer Konflikte mit Skandalierung ein. Unter 3.2 wird verdeutlicht, dass mediale Resonanz und damit Öffentlichkeit Grundvoraussetzung jedes publizistischen Konfliktes ist. Dabei schwankt die Intensität der Berichterstattung im zeitlichen Verlauf. Es ergibt sich ein für solche Auseinandersetzungen typischer Verlauf, der vom Publikum, entscheidend aber von Medien und Akteuren bestimmt wird. Wie sie ihre Ansichten und Ziele im Konflikt durchzusetzen versuchen, vermittelt Abschnitt 3.4. Nahezu alle besprochenen Charakteristika publizistischer Konflikte treffen ebenfalls auf skandalierte publizistische Konflikte zu. Deswegen wird in Abschnitt 3.5 dargelegt, welche weiteren Kriterien für einen skandalierten publizistischen Konflikt ausschlaggebend sind. Kapitel 4 vermittelt die fallspezifischen Informationen über den Konflikt um Möllemann. Dabei wird auf Vorgeschichte, Anlass und Hintergrund der Auseinandersetzung eingegangen. Abschnitt 4.3 beinhaltet eine chronologisch geordnete Übersicht über die wichtigsten Konfliktereignisse. Kapitel 5 legt die methodische Anlage der durchgeführten Inhaltsanalyse offen, deren Ergebnisse in Kapitel 6 diskutiert werden. Es wird geprüft, ob der Fall Möllemann grundsätzlich den unter Kapitel 3 vorgestellten Kriterien eines publizistischen Konfliktes entspricht. Auch seine fallspezifischen Eigenheiten und die daraus neu gewonnenen Erkenntnisse werden, soweit relevant, diskutiert.

 

2 Zum Verhältnis von Medien, Politik und Realität

 

Im folgenden Abschnitt wird zum einen auf die Beziehung zwischen massenmedialem System und politischem System eingegangen. Zum anderen wird das Verhältnis zwischen massenmedialer Darstellung und realem Ereignis kritisch reflektiert. Dies ist der Hintergrund, vor dem sich die Berichterstattung über politische Konflikte abspielt.

 

2.1 Wechselseitige Abhängigkeit von Medien und Politik

 

Beleuchtet man das Verhältnis von Medien und Politik stößt man im Wesentlichen auf zwei kommunikationswissenschaftliche Hauptansätze - das so genannte Instrumentalisierungsparadigma sowie den Ansatz der Interdependenz und Symbiose (Pürer, 2003, S.298-299; Saxer, 1989, S.64-65). Es existiert ein dritter Ansatz, der hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt wird - das so genannte Gewaltenteilungsparadigma. Vertreter dieses Ansatzes bezeichnen die Massenmedien gerne als unabhängige „Vierte Gewalt", eine Kritik- und Kontrollinstanz, die alle drei klassischen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative überwacht. Gegen diese Vorstellung spricht jedoch, dass die privaten Medien wirtschaftlichen Zwängen und die öffentlichrechtlichen Medien politischen Abhängigkeiten unterliegen. Ein von Autonomie und Distanz geprägtes Verhältnis zwischen Medien und Politik, die Vorstellung von zwei unabhängigen Systemen an sich, ist damit unrealistisch (Pürer, 2003, S.298).

 

Vertreter des Instrumentalisierungsparadigmas betonen das „Dependenz- Dominanz-Verhältnis zwischen Medien und Politik" (Pürer, 2003, S.298). Dabei lassen sich zwei Ausprägungen unterscheiden, die beide von einer einseitig abhängigen Beziehung ausgehen. Im ersten Fall wird angenommen, dass die Politik die Medien dominiert, die Berichterstattung wird durch Pressestellen und professionalisierte Public Relations-Arbeit (PR) im Sinne der Politiker gesteuert. Die Anhänger der zweiten Strömung wie Noelle-Neumann, Oberreuter und Kepplinger sind der gegenteiligen Auffassung. Demnach wird das Verhältnis zwischen Medien und Politik eindeutig von einer Übermacht der Medien beherrscht, wobei ein wachsender Einfluss der Medien auf das politische System erkennbar ist. Den Medien sind dabei oft Sensationen wichtiger als politische Relevanz (Brosius, 1998).

 

Der symbiotische Ansatz vereint beide Strömungen des Instrumentalisierungsparadigmas. Demnach verfügen die Medien ebenso wie die Politik über ausreichende Möglichkeiten, die Berichterstattung zu beeinflussen. Ihre Beziehung ist nicht durch Dominanz geprägt, sondern durch wechselseitige Abhängigkeiten und Anpassungsprozesse zwischen beiden Systemen.[2] Saxer konstatiert, dass eine solche symbiotische Beziehung „besonders problematische Züge" annimmt, wenn es, wie im Fall Möllemann, um die Skandalierung von Politikern geht (Saxer, 1989, S.65).

 

Ein solches symbiotisches Verhältnis steht eingeschränkt wohl auch hinter der politischen Konfliktberichterstattung (Schmitt-Beck & Pfetsch, 1994). Zwar ist das Abhängigkeitsverhältnis von Medien und Politik in publizistischen Konflikten wechselseitig, aber es ist nicht ausgewogen. Aufgrund ihrer Sonderrolle üben die Medien in publizistischen Konflikten den letztlich entscheidenden Einfluss auf die Berichterstattung aus (Kepplinger, Brosius, Staab & Linke, 1989). Dennoch bleibt ein „für beide Seiten existentielles Tauschverhältnis“ (Sarcinelli, 1987, S.218; vgl. auch Sarcinelli, 1994) bestehen. Die Journalisten sind weiterhin auf die Politiker angewiesen, „...weil sie diese als Informationsquelle benötigen, und die Politiker auf die Journalisten, weil diese für sie unverzichtbar sind für den Transport ihrer Absichten, Ideen und Beschlüsse.“ (Meyn, 1999, S.335).

 

2.2 Funktionen massenmedialer Politikberichterstattung

 

Die Vermittlung und Verbreitung politischer Information leisten, neben Hörfunk, Fernsehen und Online-Medien, die Printmedien. Ihre Hintergrundberichterstattung und Darstellung komplexer Sachverhalte können als wichtiger Beitrag in der Politikvermittlung gewertet werden (Meyn, 1999, S.357-361; Wilke, 1999; vgl. auch Koszyk, 1966). Durch den Austausch von Informationen stellen die Medien die notwendige Öffentlichkeit her. Die „Sachlichkeit der Information“ gilt dabei als Stärke seriöser Tageszeitungen wie SZ und FAZ (Wilke, 1998, S. 163). Den überregional verbreiteten Tageszeitungen, namentlich der in dieser Arbeit analysierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Süddeutschen Zeitung, kommt hierbei eine Vorbildfunktion zu (Wilke, 1999, S.310-315; Pürer, 2003, S.294).

 

Über diese grundlegende Vermittlungs- oder Informationsfunktion hinaus erfüllen die Massenmedien weitere spezifische Aufgaben gegenüber dem politischen System (vgl. weiterführend den Überblick bei Pürer, 2003, S.422- 430 sowie Burkhart, 1998). Unter anderem ermöglichen sie es gesellschaftlichen Gruppen oder Individuen, ihre Probleme sowohl gegenüber als auch mit dem politischen System zu artikulieren. Man spricht deshalb von der so genannten Artikulationsfunktion (Pürer, 2003, S.294). Des weiteren fungieren die Medien als Kritik- und Kontrollinstanz gegenüber Regierungen, Parteien und anderen Entscheidungsträgern (Meyn, 1999, S.345). Über alle drei Funktionen wirken sie an der politischen Meinungsbildung der Rezipienten mit (Rudzio, 2000, S.483-490 u. S.501-510; Aufermann, 1975; vgl. weiterführend Ronneberger, 1974).

 

Bei der Berichterstattung über politische Konflikte kommen alle diese Funktionen zum Tragen, wobei für die Journalisten aufgrund ihres Rollenverständnisses die Kritik- und Kontrollfunktion im Vordergrund stehen dürfte. Politischen Einfluss und Kritik an Missständen auszuüben gelten nach den Studien von Schneider, Schönbach und Stürzebecher (1993a; 1993b) sowie Donsbach (1993a) als dominierende, berufliche Motivation deutscher Journalisten. Sie wollen sich für ihre Werte und Ideale einsetzen und ihre Überzeugungen möglichst vielen über die Medien mitteilen. (Schneider et al., 1993a; Schneider et al., 1993b, S.20; Donsbach, 1993a, S.303).

 

2.3 Verzerrung der Realität durch die Medien

 

Häufig wird in Theorie und Praxis der Anspruch an die Medien herangetragen, die Bürger „möglichst umfassend und objektiv" (Pürer, 2003, S.293) sowie wahrheitsgetreu über politische Ereignisse zu informieren (Pöttker, 1999, S.221; Trägerverein des Deutschen Presserats, 1973).[3] Objektiv ist die Berichterstattung dann, wenn die Inhalte möglichst unverzerrt und faktengetreu aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt werden. Die Trennung von Nachricht und Meinung ist zur Erfüllung dieses journalistischen Qualitätskriteriums ebenfalls obligatorisch (Pürer, 2003, S.425). Einzelunternehmen wie ganze Medienbranchen haben sich diesen Grundsätzen selbst verpflichtet (Zerfaß, 1999, S.177-180).

 

Tatsächlich muss aber angezweifelt werden, ob die Berichterstattung dieser Objektivitäts- und Wahrheitsmaxime gerecht wird (Pürer, 2003, S.203-205). Nach Sarcinelli (1998, S.14) existieren zwei getrennte politische Wirklichkeiten, die Politikdarstellung in den Medien einerseits, die Politikherstellung in den Verhandlungs- und Entscheidungssystemen andererseits (vgl. auch Edelman, 1990). Wichtigen Nachrichten und kritischen Gedanken wird der Weg in die Öffentlichkeit versperrt, dem Publikum wird ein mehr oder minder verzerrtes Politikbild vermittelt (Brosius, 1998; Sarcinelli, 1998).

 

Die Ursachen für eine solche Verzerrung sind vielfältig und können einerseits auf Seiten der politischen Akteure, andererseits auf Seiten der Medien selbst gesehen werden. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die zunehmende Mediatisierung der Politik. Dieser Trend schlägt sich in der Intensivierung politischer PR-Arbeit, in Form von Pressemitteilungen und Pressekonferenzen nieder. Des weiteren eignen sich Politiker zunehmend eine mediengemäße Rhetorik und Verhaltenweise an. Sie handeln mehr und mehr rein symbolisch, Pseudoereignisse werden absichtlich für die Medien konstruiert (Hoffmann & Sarcinelli, 1999, S.732-734; Rudzio, 2000, S.500-510). Oberreuter (1989) vertritt die - der Verfasserin verkürzt erscheinende - Ansicht, dass für dieses mediatisierte Verhalten nicht die Politiker selbst, sondern in erster Linie die Medien verantwortlich sind. Die Politik hätte demnach keine andere Wahl, als sich den medialen Eigengesetzlichkeiten zu unterwerfen (Oberreuter, 1989, S.31-41).

 

Der Einfluss der Medien auf die Berichterstattung gründet sich auf ihre Schlüsselstellung im Vermittlungsprozess (Gerhards & Neidhardt, 1991; Kepplinger, 1994; Kepplinger et al., 1989). Auf ihr Verhalten, das bei publizistischen Konflikten häufig zu einer realitätsfernen Berichterstattung führt, wird in Zusammenhang mit der Konflikttheorie in Kapitel 3 näher eingegangen. Die Verzerrungsskala kann grundsätzlich von einer nicht ausgewogenenBerichterstattung, Verkürzungen und Verdrehungen von Sinnzusammenhängen bis hin zu Fälschungen von Inhalten und der Erfindung von vollständigen Beiträgen reichen. Prominente Beispiele gibt es viele, unter anderem die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im Stern 1997, die erfundenen Fernsehbeiträge von Michael Born in der RTL-Sendung „stern tv" oder jüngst die von Tom Kummer erfundenen Interviews im Magazin der Süddeutschen Zeitung (Gangloff, 2000; Reporter als Choreografen der Wirklichkeit, 2000; Trägerverein des Deutschen Presserats, 2003).

 

Das Verhalten des Publikums selbst trägt zu einem verzerrten Meinungsbild bei. Ursache ist die selektive Wahrnehmung des einzelnen Rezipienten (Eilders, 1999; Donsbach, 1993b, S. 141-145; vgl. auch Palmgreen, 1984). Üblicherweise nutzen sie diejenigen Massenmedien, die ihre eigenen Ansichten stützen. Dabei werden vorzugsweise die Argumente wahrgenommen und verinnerlicht, die die eigene Meinung bekräftigen (Donsbach, 1993b). Die Masse der Rezipienten orientiert sich häufig an der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Mehrheitsmeinung (Noelle-Neumann, 1980; Donsbach, 1987; Scherer, 1990).

 

Folglich kann es nicht Ziel dieser Arbeit sein, herauszufinden, was sich objektiv und tatsächlich im Konflikt um Möllemann ereignet hat.

 

3 Publizistische Konflikte

 

Das folgende Kapitel stellt die gängigen Annahmen aus der Konflikttheorie vor, sofern sie für diese Arbeit relevant sind. Erkenntnisse aus bereits durchgeführten Analysen zu einzelnen Konfliktfällen wurden ebenfalls berücksichtigt. Abschnitt 3.1 definiert, was sich hinter dem Begriff „publizistischer Konflikt" verbirgt. Um einen ersten Überblick zu vermitteln, wird zuerst die Grundstruktur solcher Auseinandersetzungen dargelegt. Die anschließenden Abschnitte gehen vertiefend auf die wichtigsten Kernelemente ein, die einen publizistischen Konflikt, inklusive Skandalierung, konstituieren.

 

3.1 Definition und Grundstruktur

 

Publizistische Konflikte können grundsätzlich definiert werden als „...Kontroversen zwischen mindestens zwei Kontrahenten (K1, K2), mit Informationen (I) über einen Konflikt-Gegenstand (G) via Massenmedien (M) vor einem Publikum (P).‘‘ (Kepplinger et al., 1989, S.201; vgl. auch Kepplinger, 1994, S. 214). Publizistische Konflikte sind die am häufigsten auftretende Form massenmedial vermittelter Konflikte.[4] Der Informationsfluss verläuft folglich stets über die Medien zum Publikum. Neue Informationen über den Konfliktgegenstand können von den Kontrahenten, anderen gesellschaftlichen Akteuren und den Medien selbst stammen. Beispielsweise decken Journalisten auf eigene Faust neue Informationen auf, recherchieren in Archiven nach Hintergründen und Zusammenhängen oder greifen die Berichterstattung anderer Medien auf.

 

Handlungsträger des publizistischen Konfliktes sind typischerweise Akteure, Medien und Publikum . Die Beziehungen zwischen ihnen bilden eine für publizistische Konflikte charakteristische Grundstruktur. Kepplinger et al. veranschaulichten sie 1989 im Grundmodell publizistischer Konflikte.

 

Abbildung 1 auf der folgenden Seite zeigt die komplexen Kommunikationsbeziehungen zwischen den beiden Kontrahenten (K1, K2), zu den Massenmedien (M1, M2, Mu) sowie zwischen den Kontrahenten und dem Publikum (P1, P2, Pu). Die Darstellung erfolgt anhand des durchgezogenen schwarzen Liniengeflechts. Die Massenmedien unterscheiden sich in drei Kategorien: die Anhänger der beiden Kontrahenten (M1, M2) und die unentschiedenen oder uninteressierten Medien (Mu). Analog setzten sich die drei Teilpublika P1, P2 und Pu zusammen, die ebenfalls unterschiedliche Ansichten über den zentralen Konfliktgegenstand (G1 bzw. G2) vertreten. Üblicherweise sind die Anhänger des Kontrahenten K1 - im Modell die ihn unterstützenden Medien M1 sowie das Teilpublikum P1 - zugleich Gegner von Kontrahent K2 und umgekehrt.

 

Abbildung 1: Das Grundmodell publizistischer Konflikte

 

 

Quelle: Kepplinger et al., 1989, S. 203; Darstellung leicht modifiziert.

 

Sowohl Kontrahenten, Massenmedien als auch das Publikum sind im Modell als agierende Handlungsträger auf einer Handlungsebene oder einem Handlungsfeld angeordnet. Oberhalb dieser grau gezeichneten Ebene wurden die hinter dem publizistischen Konflikt stehenden, sich widersprechenden Sichtweisen und Interessen der beiden Kontrahenten bezüglich des Konfliktgegenstandes (G1, G2) als gestrichelte Linien dargestellt. Kepplinger bezeichnet diese divergierenden Interessen auch als instrumenter Gegebenheiten (Kepplinger, 1994, S.216; Kepplinger et al.,1989, S. 202). Die positiven, negativen oder neutralen Bewertungen von Massenmedien und Publikum zur jeweiligen Sichtweise werden ebenso symbolisiert.

 

Das Modell verdeutlicht, dass die Massenmedien zwischen Akteuren und Publikum stehen, und somit eine entscheidende Schlüsselstellung einnehmen. Diese Position nutzen Massenmedien oftmals, um ihre eigenen Ziele und Ansichten in publizistischen Konflikten durchzusetzen. (Kepplinger, 1994, S.216-217; Kepplinger et al., 1989, S. 201-206).

 

Tiefer liegende Ursache solcher Auseinandersetzungen sind ein Interessenoder Wertdissens innerhalb der Gesellschaft. Eine Mischung aus beidem ist ebenfalls möglich, wie sie im Fall Möllemann vorliegt (Aubert, 1972). Diese im Hintergrund schwelende Grundsatzdebatte bildet die eigentliche Superstruktur, sie ist wesentlich für das Verständnis eines publizistischen Konfliktes (Kepplinger, 1994, S.217-219.). Durch seine Austragung soll ein exemplarischer Konsens über den Geltungsbereich der diskutierten Werte und Normen gefunden werden, der im Rückschluss verallgemeinert wird und fortan für alle ähnlich gelagerten Debatten Gültigkeit erlangt (Kepplinger et al., 1977, S.32).

 

3.2 Intensität und Verlauf

 

Grundvoraussetzung für die Entstehung publizistischer Konflikte ist, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung überhaupt auf Resonanz in den Massenmedien stößt. Als „Gatekeeper"[5] (White, 1950; Joch-Robinson, 1973, S.344-355; vgl. auch Kepplinger, 1994) bestimmen allein die Medien, ob sie Informationen über einen Konflikt an die Öffentlichkeit weiterleiten, diese verändern oder sogar völlig unterdrücken. Erst durch ihre Berichterstattung kann das Publikum informiert, die notwendige Öffentlichkeit hergestellt werden, die für einen publizistischen Konflikt konstituierend ist. (Kepplinger et al., 1989; vgl. auch Kepplinger, 1994).

 

Das Ausmaß der medialen Resonanz ist abhängig davon, welche Wichtigkeit die Massenmedien der Auseinandersetzung im Hinblick auf das Publikum zuschreiben. Wird eine Auseinandersetzung als wenig bedeutend und damit nicht lösungsbedürftig eingestuft, kann sie die Berichterstattungsschwelle nur verzögert oder überhaupt nicht überschreiten. Wird ihr dagegen eine große Bedeutung zugemessen, ist die Berichterstattung besonders intensiv (Gerhards, 1992; Berens, 2001; vgl. auch Edelman, 1988). Durch das Ausmaß ihrer Berichterstattung entscheiden die Medien als „Agenda-Setter" mit welcher Wichtigkeit ein Konflikt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird (McCombs & Shaw, 1972; Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1948; Brosius, 1994; vgl. auch Eichhorn, 1996, Rössler, 1997). An den Wünschen des Publikums orientieren sich wiederum die Medien, Medien- und Publikumsagenda beeinflussen sich letztlich gegenseitig (Hoffmann & Sarcinelli, 1999). Die Antizipierung von Publikumswünschen durch die Medien kann nach Hoffmann und Sarcinelli (1999, S.721) soweit reichen, dass die Medien selbst zum Objekt werden. Das klassische Stimulus-Response-Modell gilt deshalb als überholt.

 

Typischerweise beurteilen die einzelnen Publikationsorgane, durchaus über die verschiedenen Mediengattungen hinweg, den Wichtigkeitsgrad einer Auseinandersetzung meist ähnlich. Absolut betrachtet schlägt sich diese Einschätzung in einer ungefähr gleich hohen Anzahl veröffentlichter Artikel, einem ähnlich großen Umfang sowie einer ähnlich auffälligen Platzierung und visuellen Aufmachung nieder (Schulz, 1976, S.11-34).

 

Betrachtet man die Berichterstattungsintensität im zeitlichen Verlauf, sind ebenfalls kaum Unterschiede zwischen einzelnen Medien zu erwarten. Bei allen durchläuft der publizistische Konflikt einen typischen Zeitzyklus, den Mathes und Pfetsch 1991 in Anlehnung an Luhmann entwickelten (Luhmann, 1970; Luhmann, 1971; Luhmann, 1981). Aktuell existieren in der Literatur unterschiedliche Bezeichnungen für die einzelnen Phasen. Die zeitlichen Einteilungen sind aber nahezu identisch, weil sie auf dem Modell von Mathes und Pfetsch basieren (Kepplinger, 1994, S.229-231).

 

Es lassen sich vier charakteristische Zeitphasen unterscheiden: eine relativ lange Latenz- und Vorbereitungsphase, eine Aufschwungphase, eine Kulminierungsphase mit Höhepunkt sowie eine Abschwungphase. Von der Latenz- bis einschließlich zur Kulminierungsphase steigt die Berichterstattungsintensität ständig. Danach fällt sie rapide ab. Dieser typische Verlauf lässt sich folgendermaßen erklären.

 

In der Latenzphase berichten meist die so genannten Alternativmedien, deren Verbreitung sich häufig auf vereinzelte gesellschaftliche Zirkel und kleine Gebiete beschränkt (Holtz-Bacha, 1999; vgl. auch Starkulla, 1988, Eurich, 1980). Der Konflikt findet folglich nur eine geringe Beachtung in der Öffentlichkeit. Ausnahme ist das alternative, aber überregional verbreitete und von Journalisten häufig als Quelle genutzte Berliner Publikationsorgan „die tageszeitung", kurz taz (Wilke, 1999). Die Initialberichterstattung der alternativen Presse kann dazu führen, dass etablierte Medien den Konflikt aufgreifen. Erste, vereinzelte Beiträge wirken als Stimuli, so dass weitere Journalisten berichten.

 

Aufgrund solcher „Spill-over-Effects" (Mathes & Pfetsch, 1991) tritt der Konflikt in die Aufschwungphase ein. Mathes und Pfetsch weisen dies 1991 explizit für die taz nach, die im Konflikt um Möllemann als „Wegbereiter" (Wilke, 1999, S.315) fungierte. Mehr und mehr Medien greifen den Konflikt immer öfter auf. Er wird dadurch zunehmend zum Gegenstand allgemeiner öffentlicher Diskussion.

 

In der sich anschließenden Kulminierungsphase verstärkt sich die Berichterstattungsintensität und das Interesse der Öffentlichkeit am Konflikt „dramatisch" (Kepplinger, 1994, S.229) bis zum Höhepunkt. Kepplinger (1994, S.229-231) nennt die folgenden vier Gründe: Erstens befassen sich aufgrund von Koorientierungsprozessen und Rezipientenwünschen immer mehr Journalisten mit dem Konflikt. Galtung und Ruge (1973) sprechen diesbezüglich vom Nachrichtenfaktor der Konsonanz. Zweitens kann jede Äußerung oder Handlung der involvierten Akteure zum Gegenstand der Berichterstattung werden. Beides löst häufig Reaktionen seitens anderer Akteure aus, die dann von den Medien publiziert werden. Drittens gelangen aufgrund von Indiskretionen sowie journalistischen (Hintergrund)Recherchen stets neue Informationen in Umlauf, die bislang nur Eingeweihten bekannt waren. Und viertens meldet sich eine zunehmende Zahl von Trittbrettfahrern zu Wort, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Anliegen lenken wollen. Aufgrund dieser Rückkoppelungsprozesse entfernt sich die Berichterstattung zunehmend von den realen Ereignissen, es entsteht eine Eigendynamik. (Kepplinger, 1994, S. 229-231).

 

Nach einer erfolgten (Schein-)Lösung, verebbt die Berichterstattungsintensität und die öffentliche Aufmerksamkeit in der Abschwungphase relativ schnell (Mathes & Pfetsch, 1991). Bleibt die Problematik ungelöst, entzünden sich daran bald neue publizistische Konflikte (Wasmuht, 1992a; Kepplinger, 1992b, S. 36; vgl. auch Luhmann, 1971). Wasmuht (1992a) kommt zu dem Ergebnis, dass Konflikte meist nur auf aktueller, nicht aber auf struktureller Ebene gelöst werden. Die Zeitspanne, in der Konflikte diesen Zyklus durchlaufen, ist je nach Konfliktfall unterschiedlich lang (vgl. Böcking, 2002; Hormes, 2000; Donsbach & Gattwinkel, 1998; Kepplinger, Eps, Esser & Gattwinkel, 1993; Berens, 2001). Beispielsweise umfasste der publizistische Konflikt um den Fußballtrainer Christoph Daum zwölf Berichterstattungswochen, die Walser-Rede beherrschte 18 Wochen lang die Medien, der Konflikt um Möllemann erstreckt sich gar über 61 Wochen (vgl. Böcking, 2002; Hormes, 2000).

 

Ursache für die - absolut wie temporär betrachtete - ähnlich intensive Berichterstattung der Medien ist, dass sie sich in ihrer Konfliktberichterstattung aneinander orientieren und gegenseitig beeinflussen (Noelle-Neumann & Mathes, 1987; Mathes & Pfetsch, 1991). Dieses Verhalten bezeichnet man als Koorientierung, „Intermedia-Agenda-Setting“ oder als Selbstreferenzialität des massenmedialen Systems (Kepplinger, 2001, S.43-53; Berens, 2001; Marcinkowski, 1993). Die Selbstreferenzialität kann nach Marcinkowski (1993) solche Ausmaße annehmen, dass die Berichterstattung zum Gegenstand weiterer Berichterstattung wird, sich also selbst verstärkt (vgl. auch Schulz, 1993).

 

Eine besondere Vorbildfunktion nehmen dabei die so genannten Leit- oder Meinungsführermedien ein. Vornehmlich Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung fungieren als „sehr wichtige Quellen“ (Kepplinger, 1994, S.224) für Journalisten, insbesondere regionaler Medien. Die Schlüsselstellung dieser Medien innerhalb des Mediensystems belegt eine Befragung Kepplingers (1994) von 214 Redakteuren. Sie übernehmen Informationen, Bewertungen und ganze Berichte der überregionalen Meinungsführermedien (Wilke, 1999; Donsbach & Gattwinkel, 1998; Kepplinger, 1994, S.223).

 

Man bezeichnet diesen Meinungsführerprozess als „Top-down“-Prozess (Mathes & Czaplicki, 1993; vgl. auch Mathes, Gärtner & Czaplicki, 1991). Auch umgekehrte „Bottom-up“-Prozesse sind nach Mathes und Czaplicki (1993) möglich, dabei fungieren regionale Medien als Meinungsführer, die überregionalen Medien greifen ihre Inhalte auf.

 

Folglich beeinflussen Meinungsführermedien die Publikumsagenda in zweierlei Hinsicht: direkt durch ihre eigene Berichterstattung und indirekt durch die Berichterstattung der übrigen Publikationsorgane. Demgegenüber ist der Einfluss der jeweiligen redaktionellen Linie auf die Berichterstattungsintensität bei publizistischen Konflikten eher als gering einzuschätzen. Die politische Färbung des Mediums und des einzelnen Journalisten schlägt sich vornehmlich in der inhaltlichen Darstellung nieder (Schulz,1976, S.11; vgl. auch Wilke, 1989, S.154-155).

 

Der Verlauf eines publizistischen Konfliktes hängt damit ganz entscheidend vom Verhalten Dritter ab. Nicht die Aktionen und Reaktionen der beiden direkt beteiligten Kontrahenten, sondern das Verhalten der Medien und der übrigen Akteure ist ausschlaggebend (Kepplinger et al., 1977). Solche Konfliktverläufe beruhen auf der wechselseitigen Abhängigkeit, die zwischen Medien und Akteuren besteht. Faktisch handelt es sich um einen weitaus komplexeren, interaktiven Prozess als er hier darstellbar ist (Schmitt-Beck & Pfetsch, 1994). Letztendlich spielen die Medien eine entscheidende Rolle, da sie den Einfluss der Akteure auf den Konfliktverlauf mittels verschiedener Selektionsprozesse wie „Gatekeeping" und „Agenda-Setting" erheblich beeinflussen können (Kepplinger et al., 1977, S.23).

 

3.3 Themenverlauf und -darstellung

 

Typisch für publizistische Konflikte ist, dass sich im Verlauf verschiedene Teilkonflikte oder Teilthemen entwickeln. Häufig überschneiden oder überlagern sie sich zeitlich wie inhaltlich. Ursache sind Rückkoppelungen zwischen den einzelnen Teilthemen. Sogar eine vollständige Verdrängung des einen Teilthemas zu Gunsten eines anderen von der Medienagenda und damit von der Publikumsagenda ist möglich. (Kepplinger et al., 1977; Mathes & Pfetsch, 1991).

 

Auslöser sind meist durch Akteure inszenierte oder spektakuläre Geschehnisse, die sich durch einen hohen Nachrichtenwert auszeichnen. Solche Schlüsselereignisse bewirken eine intensive Berichterstattung über einzelne Aspekte oder ganze Themen, weniger wichtige Themen werden dadurch überlagert oder vollständig verdrängt. (Kepplinger & Habermeier, 1995; Brosius & Eps, 1993; vgl. auch Galtung & Ruge, 1973).

 

Der Thematisierungsprozess ist durch eine Verlagerung weg vom ursprünglichen Konfliktanlass gekennzeichnet. Üblicherweise wird der Anlass sehr bald nach Konfliktbeginn von neu entstehenden Themen überlagert (Kepplinger, 1994, S. 217). Jedes Thema durchläuft den gleichen Zyklus wie er unter Abschnitt 3.2 für den Gesamtkonflikt dargelegt wurde (Mathes & Pfetsch, 1991; vgl. auch Kepplinger et al., 1977, S. 31). Die dafür benötigte Zeitspanne ist dabei meist kürzer als beim Gesamtkonflikt und von Thema zu Thema unterschiedlich lang. Die Karriere des einen Themas kann beispielsweise „kurz und heftig" (Böcking, 2002, S.13), die eines anderen lang und wenig intensiv sein.

 

Bestimmt wird die Karriere eines Themas zum einen durch die Intensität des Ereignisses an sich, zum anderen durch die Sensibilität der Medien gegenüber diesem Thema. Ein kurzer und heftiger Themenverlauf beruht auf der Koppelung einer hohen Ereignisintensität mit einer hohen Sensibilität. Themen, deren Ereignisintensität und Sensibilität niedrig sind, zeichnen sich dagegen durch eine wenig intensive Themenkarriere aus. Entscheidend ist die Dringlichkeit, die Gesellschaft und Medien dem jeweiligen Thema zuschreiben. Wird ein Thema als wenig bedeutend und damit nicht lösungsbedürftig eingestuft, wird es die Berichterstattungsschwelle verzögert oder überhaupt nicht überschreiten. (Gerhards, 1992; Berens, 2001; vgl. auch Edelman, 1988).

 

Die Rolle der Medien in Themenverlauf und -darstellung

 

Themenkarrieren und Themeninhalte werden bei publizistischen Konflikten hauptsächlich durch mediales Selektions- und Reduktionsverhalten sowie eigene Recherchen bestimmt (Schulz, 1997; Mathes et al., 1991). Ob die Medien über ein Thema letztlich berichten, hängt von einer Vielzahl verschiedener Einflussfaktoren ab (Schulz, 1997; Mathes et al., 1991; vgl. Auch White, 1950, Lazarsfeld et al., 1948, McCombs & Shaw, 1972).

 

Ein wichtiger Faktor ist der so genannte Nachrichtenwert. Je mehr Nachrichtenfaktoren ein Thema nach Einschätzung der Journalisten erfüllt, desto größer ist dessen Nachrichtenwert und damit die Publikationschance. In erster Linie dürften die Nachrichtenfaktoren „Kontinuität" sowie „Negativität" bei Konfliktthemen zum Tragen kommen. Zusammenhänge, Hintergründe oder weitere Aspekte lassen sich bei Konflikten leicht aufdecken (Nachrichtenfaktor „Kontinuität"). Ferner enthalten sie naturgemäß viele negative, konflikthaltige Aspekte (Nachrichtenfaktor „Negativität"). Der meist komplexe, politische Sachverhalt wird so reduziert, dass das Thema einer breiten Öffentlichkeit leicht vermittelbar ist (Nachrichtenfaktor „Eindeutigkeit"). Erhalten bleiben lediglich einfache thematische Aspekte, einige wenige Argumente und simple Gegensätze (Weiß, 1989). Die tatsächlichen Konfliktinhalte werden meist stark vereinfacht, stereotyp-klischeehaft sowie betont negativ dargestellt. Galtung und Ruge kommen in ihrer Nachrichtenwerttheorie 1973 zu dem Ergebnis, dass insgesamt zwölf Faktoren Ereignissen eine mehr oder weniger große Chance geben, durch die Medienberichterstattung verbreitet zu werden. (Galtung & Ruge, 1973; Kepplinger & Weißbecker, 1991; vgl. auch Schulz, 1976, Meyn, 1999).

 

Die Übereinstimmung des Themas mit der redaktionellen Linie beeinflusst ebenfalls die Themenentscheidung und die inhaltliche Darstellung. Journalisten greifen bevorzugt die Themenaspekte auf, die der politischen Färbung des Veröffentlichungsorgans am ehesten entsprechen. Klein und Maccoby kommen 1954 zu dem Ergebnis, dass über solche Themenaspekte nicht nur häufiger berichtet wird, sie werden auch besser platziert (vgl. auch Schulz, 1976; Kepplinger et al., 1989). Man bezeichnet dieses Selektionsmuster als „News Bias" oder „Medien Bias"[6] (Hagen, 1992; vgl. auch Rosengren, 1979).

 

Überdies werden im Themenverlauf immer wieder die Aspekte besonders betont, die das Konfliktthema erstmals publikationswürdig gemacht haben (Galtung & Ruge, 1973). Dieser Prozess kann soweit reichen, dass sich feststehende Rahmen für die Darstellung und Interpretation bestimmter Themenaspekte oder ganzer Themen entwickeln. Diese so genannten „Frames"[7] können so eng gesteckt sein, dass vollständige Argumentations- und Bewertungsmuster vorgegeben sind. (Scheufele, D. A., 1999; Scheufele, B., 2000; Semetko & Valkenburg, 2000; vgl. auch Brosius, 1991).

 

Medien reduzieren im Bearbeitungsprozess nicht nur die einzelnen Teilthemen, sondern auch die Superstruktur des Konfliktes. Journalisten greifen aus dieser Grundsatzdebatte lediglich Aspekte heraus und projizieren sie auf ein aktuelles Einzelbeispiel, den von der Öffentlichkeit wahrgenommenen publizistischen Konflikt. (Kepplinger, 1977, S. 15 u. S.32; Kepplinger, 1994, S.217-219).

 

Folge solcher medialen Selektions- und Reduktionsprozesse ist eine verzerrte Darstellung der Konfliktberichterstattung. Dies kann die öffentliche Wahrnehmung über eine Auseinandersetzung nachhaltig beeinflussen. Oft hat das Publikum nur Zugang zu einer, aufgrund von Koorientierung und Meinungsführermedienprozessen stark vereinheitlichten, Konfliktversion (Noelle-Neumann & Mathes, 1987; Mathes & Czaplicki, 1993). Die Rezipienten können, müssen aber diese Sichtweise nicht übernehmen.

 

3.4 Akteure und Akteursverhalten

 

Gesellschaftliche Akteure besitzen grundsätzlich die Möglichkeit, neue Argumente und Themen in den dargestellten Thematisierungsprozess einzubringen, allerdings nur über die Medien (Scherer, 1995). Denn zum Akteur wird nur, wer seine Meinungen und Ansichten in den Medien öffentlich machen darf. Welchen gesellschaftlichen Akteuren sie ein Forum bieten und welchen nicht, entscheiden grundsätzlich die Medien. (Kepplinger, 1994, S.220).

 

Die bisher diskutierten Selektions- und Reduktionsmechanismen treffen im Wesentlichen auf die Auswahl und Darstellung der Akteure zu, wobei zwei Punkte an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden sollen.

 

Die Medien lassen eher die Personen zu Wort kommen, deren Aussagen der jeweiligen redaktionellen Linie entsprechen (Hagen, 1992, S.451; Gerhards & Neidhardt, 1991; Kepplinger, 1994; vgl. auch White, 1950, Joch-Robinson, 1973). Hagen (1992, S.449) bezeichnet diese Akteure als „opportune Zeugen".

 

Des weiteren haben Personen mit hohem sozialen Status, insbesondere Prominente, eine größere Chance als andere, sich zum Konflikt zu äußern, aber auch seine Opfer zu werden. Grund dafür ist, dass die Medien solche Themen bevorzugt aufgreifen, die sich auf prominente Personen zuspitzen lassen (Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite-Personen" und „Personalisierung"). (Kepplinger et al., 1977, S. 23-24; Schulz, 1976; Galtung & Ruge, 1973).

 

Politiker wie Möllemann tragen häufig zu diesem Personalisierungs-Trend bei, indem sie versuchen, die Medien vermehrt zur eigenen, überhöhten Selbstdarstellung zu instrumentalisieren (Saxer, 1998, S.61; Sarcinelli, 1987). Erfolgreich beeinflussen können gesellschaftliche Akteure einen publizistischen Konflikt allerdings nur im Rahmen medialer Selektions- und Reduktionsprozesse (Schulz, 1997).

 

Betrachtet man die Akteure im Konfliktverlauf, bilden sich charakteristischerweise zwei Lager um die beiden Kontrahenten, die „...mit ähnlichem Gewicht diskussionswürdige Positionen vertreten." (Kepplinger, 1994, S.214; Kepplinger et al., 1989, S. 201). Des weiteren ist zu beobachten, dass die Anzahl von gesellschaftlichen Akteuren stetig zunimmt. Dies liegt vor allem an unbeteiligten Personen, die sich zu Wort melden. Entweder profilieren sie sich öffentlich, um wie die Kontrahenten „...selbst einige Prominenz zu gewinnen." (Kepplinger et al., 1977, S. 24). Oder sie nutzen als „Trittbrettfahrer" (Kepplinger, 1994, S. 229) den bestehenden Konflikt, um ihre eigenen Interessen öffentlich zur Geltung zu bringen.

 

Hauptziel der Kontrahenten ist, über die Massenmedien das Publikum zu erreichen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Denn die Reaktionen des Publikums können den Ausgang des Konfliktes entscheidend mitbestimmen (Kepplinger, 1994, S.220). Um die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen, richten die Akteure ihr Verhalten vornehmlich auf die realen oder vermuteten Reaktionen des Publikums aus. Dadurch wird das Publikum zu einer Bewertungsinstanz, die bedeutenden Einfluss auf das Verhalten der Konfliktbeteiligten ausüben kann (Kepplinger, 1994, S.220; Noelle-Neumann, 1980). Wegen dieses Einflusses kann man das Publikum selbst im weiteren Sinn zu den Akteuren zählen, auch wenn es im Gegensatz zu den übrigen Akteuren nicht direkt am Konfliktgeschehen teilnimmt und nur sehr selten Gelegenheit hat sich öffentlich zu äußern, von Leserbriefen abgesehen. (Kepplinger, 1994; Noelle-Neumann, 1980).

 

Verfügt einer der beiden Kontrahenten über einen besseren Zugang zu den Medien und damit zum Publikum, kann dies seinen Erfolg bzw. den Misserfolg des anderen bedingen. Bei einer solch ungleichgewichtigen Konstellation spricht man vom asymmetrischen Konflikt (Rapoport, 1975, S.216; Wasmuht, 1992b, S.26). Um ihre Interessen durchzusetzen, agieren die Kontrahenten nicht nur publikums-, sondern auch mediengerecht, also nicht sachbezogen (Kepplinger et al., 1989, S.204-205; vgl. auch Sarcinelli, 1994, Luhmann, 1971). Sie betreiben gezieltes Ereignismanagement, um die Medien für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Viele Ereignisse werden bewusst mediengerecht inszeniert Kepplinger, 1992a; vgl. auch Sarcinelli, 1994). Die rationale Diskussion der zentralen Sachfrage tritt folglich bei publizistischen Konflikten in den Hintergrund (Kepplinger, 1994). Dabei kann sich die kommunizierte Botschaft an drei unterschiedliche Zielgruppen in Massenmedien wie Publikum wenden - an die Anhänger der eigenen Seite, an die Anhänger der Gegenseite sowie an die Neutralen oder Unentschiedenen.

 

Strategien und Taktiken der Akteure in publizistischen Konflikten

 

Den Akteuren stehen zwei Strategien und zwei Taktiken der Beeinflussung offen. Der Kontrahent kann nach der defensiven Strategie vorgehen. Dabei verteidigt er sich, um sein eigenes Erscheinungsbild zu verbessern. Dem steht das so genannte offensive Vorgehen gegenüber, bei dem der Kontrahent seinen Widersacher angreift. Beispielsweise verschlechtert er dessen öffentliches Erscheinungsbild, in dem er dessen Kompetenz und Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Dies wirkt generell glaubhafter als die positive Selbstdarstellung nach der defensiven Strategie. Allerdings kann ein offensives Vorgehen dazu führen, dass sich der Konflikt verschärft und zum eigenen Schaden verlängert wird. (Kepplinger et al., 1977; Kepplinger et al., 1989).

 

Welche Strategie ein Kontrahent wählt, sollte er davon abhängig machen, welchen Schaden er erwartet und wie wichtig ihm eine Konsensfindung ist. Ist der erwartete Verlust hoch, sollte der Kontrahent versuchen, den Konflikt schnellstmöglich ohne Rücksicht auf Konsens- oder Wahrheitsfindung zu beenden (Kepplinger et al., 1977; Kepplinger et al., 1989). Obwohl Studien belegen, dass dies ratsam ist (Kepplinger et al., 1977, S. 14-15), entschied sich Möllemann nicht konsequent für eine der beiden Strategien.

 

Die offensive wie die defensive Variante können entweder mit der Taktik der instrumentellen Aktualisierung oder der Taktik der Umbewertung verknüpft werden. Mit Hilfe der Umbewertung versucht der Kontrahent die bestehende Meinung in der Öffentlichkeit zu Gunsten der eigenen Sichtweise zu ändern. Zu diesem Zweck bewertet er Informationen und Gegebenheiten des Konfliktes explizit anders als dies zuvor der Fall war. Dabei muss er beim gegnerischen Teilpublikum den „’Schutzschild’ der selektiven Zuwendung" (Donsbach,1993b, S.141) überwinden. Nach Donsbach (1993b) gelingt dies am ehesten durch die gezielte Verbreitung ungünstiger Informationen über den jeweiligen Gegenspieler. Denn eine Beeinflussung in Richtung auf eine negativere Meinung über einen Politiker ist viel eher möglich als eine Meinungsänderung zum Positiven. (Kepplinger et al., 1989; Kepplinger, 1994).

 

Im Gegensatz zur Umbewertung versucht der Kontrahent mit Hilfe der instrumentellen Aktualisierung lediglich bestehende Sichtweisen zu verstärken, die seine eigene Position stützen und die seines Gegners schwächen. Um bereits vorhandene Kenntnisse im Publikum zu verstärken, spielt er entsprechende Informationen hoch und thematisiert sie gezielt. (Kepplinger et al., 1989; Kepplinger, 1994).

 

Grundsätzlich ist es einfacher, mittels medialer Berichterstattung den Kenntnisstand des Publikums zu verändern als dessen Meinung (Kepplinger, 1994, S.221-222; vgl. auch Klapper, 1969). Entsprechend dürfte die Taktik der instrumentellen Aktualisierung „erfolgversprechender" (Kepplinger, 1994, S.221) als die Umbewertung sein. Für die beiden Taktiken und die beiden Strategien gilt, dass das neutrale oder unentschlossene Lager am ehesten beeinflussbar ist. Sie tragen entweder zur Stärkung oder Schwächung des Kontrahenten bei (Kepplinger et al., 1989).

 

Tabelle 1 zeigt, wie Strategien und Taktiken verknüpft werden können.

 

Tabelle 1: Strategien und Taktiken in publizistischen Konflikten

 

 

Quelle: Kepplinger et al., 1989, S.206, leicht modifiziert.

 

Der Einfluss der Medien via Publikum auf die Akteure

 

Durch ihre Berichterstattung können die Medien einen Konfliktakteur in der öffentlichen Wahrnehmung stärken oder schwächen. Die massenmediale Einmischung kann so weit reichen, dass Journalisten sich gezielt Taktiken wie die instrumentelle Aktualisierung oder die Umbewertung zu eigen machen, um direkt und aktiv eigene Interessen zu vertreten.

 

Eine instrumentelle Aktualisierung liegt beispielsweise vor, wenn in Berichten Informationen oder in Kommentaren explizite Wertungen vorherrschen, die vornehmlich die Sichtweise eines der beiden Kontrahenten stützen. Bei meinungsbildenden Stilformen sind solche bewusst und absichtlich formulierten Bewertungen üblich, ja sogar erwünscht. Für tatsachenbetonte Artikel wie Berichte erhebt der Journalismus jedoch den Anspruch, wertfrei und objektiv zu sein (Hagen, 1992, S.447; Pürer, 2003, S.203). Dennoch kann es hier zu einer unzulässigen Vermischung mit meinungsbetonten Formen und Inhalten kommen, verdeckte Bewertungen in Berichten sind möglich (Kepplinger, 1994). Hagen weist die explizite Vermischung von Nachricht und Meinung empirisch nach, ein solch meinungsfreudiger, interpretativer Nachrichtenstil ist seiner Ansicht nach für SZ und FAZ sogar kennzeichnend (1992, S.447). Das bewusste Hochspielen von Informationen, die der eigenen Konfliktsicht entsprechen, befürwortet fast die Hälfte aller Journalisten, lautet das Ergebnis einer Studie von Kepplinger et al. (1989; vgl. auch Kepplinger, 1999).

 

Eine Schwächung eines Kontrahenten ist dann erzielt worden, „...wenn die Massenmedien und das Publikum zunehmend Gegebenheiten für relevant halten, die dem Kontrahenten schaden, bzw. wenn sie Gegebenheiten, die ihm zugeschrieben werden, negativer bewerten als zuvor." (Kepplinger et al., 1989, S.205). Wie häufig, in welcher Weise und in welchem thematischen Kontext über einen Akteur berichtet wird, hat Auswirkungen auf dessen Wahrnehmung und Bewertung durch das Publikum (Kepplinger et al., 1989; vgl. auch Kepplinger, 1999). Eine wichtige Rolle spielen dabei durch mediales „Framing" hervorgerufene „Priming-Effekte" (Berens, 2001; Scheufele, B., 2000).

 

Indem die Medien gezielt Einfluss auf Kenntnisstand und teilweise Meinungsbildung des Publikums ausüben, können sie indirekt das Verhalten der Akteure steuern. Sie suggerieren dem Publikum, welche Argumente, Verhaltensweisen und Zielsetzungen eines Akteurs als akzeptabel und legitim gelten und welche nicht. Da der jeweilige Akteur wesentlich vom Wohlwollen der Öffentlichkeit abhängig ist, können die Medien auf diese Weise seinen Handlungsspielraum und seine Legitimation aktiv vergrößern oder verkleinern. Über ihre üblichen Funktionen hinaus machen sich Journalisten und ganze Medienunternehmen häufig selbst zum handelnden Akteur (Kepplinger et al., 1989; Kepplinger, 1992b; vgl. auch Kepplinger, 1977). Diese aktive Rolle kommt in skandalierten publizistischen Konflikten in noch stärkerem Maße zum Tragen. (Kepplinger et al., 1989; Kepplinger, 1992b; vgl. auch Kepplinger, 1999, Kepplinger, 2001).

 

3.5 Skandalierung

 

In dieser Arbeit wird der skandalierte publizistische Konflikt als Sonderform des publizistischen Konfliktes begriffen, wobei der Begriff „Skandal" synonym verwendet wird (Kepplinger et al., 1993; vgl. auch Kepplinger, 1994, S.215- 216). Eine solche Differenzierung erscheint sinnvoll, weil publizistische Konflikte und skandalierte publizistische Konflikte auffällig viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Die unter Kapitel 3 besprochenen grundsätzlichen Voraussetzungen und Merkmale treffen auch auf skandalierte publizistische Konflikte zu.

 

Wodurch unterscheidet sich nun ein skandalierter publizistischer Konflikt (bzw. ein Skandal) von einem publizistischen Konflikt? Sehr vage bezeichnet Schütze (1985, S.24) den Skandal als öffentliche Erregung über ein allgemein empfundenes Ärgernis. Nach Käsler handelt es sich um ein „...komplexes soziales Ereignis, bei dem ein sozial signifikantes, öffentlich-politisches Ärgernis’ in personalisierter und dramatisierter Form (re)präsentiert und medial verbreitet wird." (1989, S.309, Hervorhebungen im Original). Ärger und Vorwürfe werden meist auf eine Person oder Institution, den so genannten Skandalierten (Neckel, 1989), zugespitzt.

 

Andere Definitionen berücksichtigen zusätzlich die sozialen Prozesse, die ablaufen, wenn ein Skandal entsteht. Am Anfang steht nach Nawratil sowie Hondrich eine moralische Verfehlung, die, wenn sie enthüllt wird, ungeteilte Empörung in der Öffentlichkeit hervorruft (Nawratil, 1997; Hondrich, 1992). Hitzler (1989) und Kepplinger et al. (1993) erweitern diese Definition um die so genannte Etikettierung. Demnach ist nicht entscheidend, ob eine sozial gültige Norm tatsächlich verletzt worden ist, sondern ob die Etikettierung eines Ereignisses oder Sachverhalts als nicht normenkonform mehrheitlich akzeptiert wird. Das heißt, ein „...Sachverhalt wird dadurch zum Skandal, daß er bekannt gemacht und erfolgreich als Skandal definiert worden ist." (Hitzler, 1989, S.334; vgl. auch Kepplinger et al., 1993). Dafür sorgen die so genannten Skandalierer (Neckel, 1989), die angebliche oder tatsächliche Verfehlungen des Skandalierten öffentlich denunzieren. Diese erklärten Gegner können sowohl aus den Medien als auch aus der Gesellschaft stammen. Daneben existieren noch mehrere Dritte, wie beispielsweise das Publikum, das der Berichterstattung über den skandalierten publizistischen Konflikt folgt und darauf in verschiedener Weise reagiert. Dabei ist zu beachten, dass sich meist nur ein Teil des Publikums von der (tatsächlichen oder angeblichen) Normverletzung betroffen fühlt und sich empört.

 

Als Hauptursache kann die Zersplitterung moderner Gesellschaften in einzelne (Interessens-)Gruppen, deren Normen und Werte sich entsprechend voneinander unterscheiden, gelten. Das bedeutet, was für den einen ein Skandal ist, kann für einen anderen durchaus eine Bagatelle oder sogar eine legitime Handlungsweise darstellen (Hitzler, 1989). Nach Neckel (1989, S.58) ist diese Triade, bestehend aus Skandalierer, Skandaliertem und Dritten konstituierend für einen Skandal.

 

Obwohl eine Fülle an (auf den ersten Blick unterschiedlichen) Definitionen besteht, lässt sich ein skandalanalytischer Grundkonsens bilden, der auf den folgenden drei Kernelementen beruht. Ein skandalierter publizistischer Konflikt bzw. Skandal entsteht demnach nur dann, wenn erstens eine Normverletzung tatsächlich vorliegt oder angenommen wird, die zweitens der Öffentlichkeit als Skandal vermittelt wird und die folglich drittens eine ungeteilte Empörung, und infolgedessen eine Verurteilung hervorruft (vgl. auch Nawratil, 1997). Da bei beiden Konfliktformen Öffentlichkeit Grundvoraussetzung für ihre Entstehung ist und bei beiden eine Normverletzung vorliegen kann (Kepplinger et al., 1993), bleiben zwei wesentliche Unterscheidungskriterien übrig - die Etikettierung als Skandal und die Verurteilung (vgl. Tabelle 2).

 

Tabelle 2: Unterscheidungskriterien zwischen Konflikt und Skandal

 

 

Entlehnt nach Hormes, 2000, S.77 (hier stärker differenzierte Darstellung).

 

Eine Skandal-Etikettierung, das heißt, die Darstellung eines Sachverhaltes als Skandal, kann nach Kepplinger, Eps, Esser und Gattwinkel (Februar 1993) direkt wie indirekt erfolgen. Eine direkte Etikettierung liegt vor, wenn ein Sachverhalt oder Ereignis explizit als Skandal bezeichnet wird. Eine indirekte Etikettierung beruht auf der für den Skandalierten extrem negativen Umschreibung eines Sachverhaltes, ein ursprünglich wertfreier Sachverhalt wird extrem negativ thematisiert. (Kepplinger et al., Februar 1993).

 

Eine Verurteilung liegt dann vor, wenn sich die Berichterstattung eindeutig gegen eine einzelne Institution oder Person wendet. In diesem Fall überwiegen die ablehnenden Stimmen eindeutig, meist von Beginn an. Das Lager des Skandalierten, selbst seine engsten Weggefährten gehen freiwillig oder gezwungenermaßen relativ schnell auf Distanz. Ab diesem Zeitpunkt ist der Angegriffene chancenlos (Kepplinger, 1994, S.232; vgl. auch Donsbach, 1987; Scherer, 1990). Noelle-Neumann (1980) erklärt das Schweigen der einen Seite mit der Furcht dieser Menschen vor sozialer Isolation und ihrem Wunsch, auf der Siegerseite in einem Konflikt zu stehen. Obwohl sie anderer Meinung sind, äußern sie sich nicht. Folglich muss eine augenscheinlich konsonante Mehrheitsmeinung nicht unbedingt den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen entsprechen (Noelle-Neumann, 1980). Aufgrund des dominierenden Verhaltens des skandalierenden Lagers entsteht der Eindruck eines eindeutigen „Konsenses" in der Öffentlichkeit. Auf dieser Grundlage wird der Skandalierte an den Pranger gestellt und verurteilt (Kepplinger, 2001, S.43-53; Eps, Hartung & Dahlem, 1996). Zugleich verpflichten sich die Skandalierer indirekt selber zum gegenteiligen, von ihnen als korrekt definierten Verhalten (Hitzler, 1989).

 

Eine solche Verurteilung lässt sich anhand mehrerer Kriterien feststellen. Erstens herrscht in der Berichterstattung die Forderung nach negativen Konsequenzen vor. Es wird eine spezifische Verhaltensweise festgelegt, die der Skandalierte ausführen soll (Donsbach & Gattwinkel, 1998).

 

Zweitens zeigt sich eine Verurteilung in den überwiegend negativen Bewertungen der einzelnen Konfliktbeteiligten über den Skandalierten. Journalisten bewerten selbst häufig negativ (Kepplinger & Weißbecker, 1991; Schneider et al., 1993a; Schneider et al., 1993b). Sie können Verfehlungen von Politikern gezielt zu Staatsaffären umdeuten, beispielsweise indem sie die moralische Meßlatte für Politiker besonders hoch ansetzen (Meyn, 1999).

 

Drittens selektieren und betonen die Journalisten gemäß ihrer eigenen Konfliktsicht vorzugsweise negative Bewertungen, Forderungen und sonstige negative Aspekte über den Skandalierten. Deswegen ist die Berichterstattung insgesamt durch einen eher negativ gefärbten Tenor bestimmt (Kepplinger et al., 1993; Kepplinger et al., Februar 1993). Ein skandalierter publizistischer Konflikt wird von einem Lager häufig zielgerichtet in Gang gesetzt. Man bezeichnet diesen Vorgang als Skandalierung. (Kepplinger, 2001, S.43-53).

 

Synonym zur Skandalierung wird oft der Begriff Skandalisierung gebraucht, wobei sich bisher keiner der beiden Begrifflichkeiten durchsetzen konnte (Donsbach & Gattwinkel, 1998). Sogar ein und derselbe Autor verwendet beide Begriffe gleichwertig (Kepplinger, 1994, S.216; Kepplinger, 2001, S.43-53). Der Einheitlichkeit und Verständlichkeit halber wird in dieser Arbeit ausschließlich der Begriff Skandalierung gebraucht.

 

Ein Sonderfall skandalierter publizistischer Konflikte ist der so genannte „Gimmick" (Hitzler, 1989, S.341-343). Diese Selbst-Skandalierung setzen Politiker wie Möllemann oftmals bewusst ein, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Zwar beginnt die Skandalierung der eigenen Person harmlos, sie kann aber ungeahnte und ungewollte Konsequenzen zeitigen. (Hitzler, 1989).

 

Skandalierung und Abwehrtaktiken

 

Um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, gehen Skandalierer folgendermaßen vor. Sie versuchen, das relevant erscheinende (Teil-)Publikum davon zu überzeugen, ein bestimmtes Verhalten als normabweichend und den normabweichenden Akteur als Verantwortlichen anzusehen. Dabei stehen dem Skandalierer eine Reihe „persuasiver Degradierungszeremonien" (Hitzler, 1989, S.336) zur Verfügung, die sich auf die unter Abschnitt 3.4 besprochenen Akteursstrategien und -taktiken zurückführen lassen. Meyn (1999, S.342) betont die Wehrhaftigkeit der Politiker gegen Verleumdung und Rufmord sowie ihren Anspruch auf Privat- und Intimsphäre, dem allein das öffentliche Interesse entgegensteht.

 

Um eine aktive Skandalierung abzuwehren, stehen dem Betroffenen eine Reihe von defensiven Taktiken zur Verfügung (Schütz, 1990; Schütz, 1991; vgl. auch Kepplinger, 2001, S. 115-128). Ist die Skandalierung trotz dieser Abwehrmaßnahmen erfolgreich, sind die Auswirkungen für den Betroffenen oft gravierend. Sie können von der „Karrierebremse" bis zur endgültigen „Zerstörung politischer Reputierlichkeit schlechthin" reichen (Hitzler, 1989, S.350). Schütz hat die zur Auswahl stehenden Taktiken in dem folgenden Modell zusammengefasst (vgl. Tabelle 3).

 

Tabelle 3: Das Stufenmodell der defensiven Abwehrtaktiken

 

 

Quelle: Schütz, 1991, vgl. auch Donsbach & Gattwinkel, 1998; Hormes, 2000, S.38.

 

Die Rolle der gesellschaftspolitischen Akteure im Skandal

 

Werden politische publizistische Konflikte skandaliert, stammen die potenziellen Skandalierer vornehmlich aus den Reihen der politisch engagierten Akteure. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die politischen Gegner des Skandalierten aus konkurrierenden Parteien, seine offenen und verdeckten parteiinternen Widersacher sowie opponierende publizistische Meinungsmacher. Skandalierer machen sich häufig zum öffentlichen „Fürsprecher eines allgemeinen (Aufklärungs- und Reinigungs-)Interesses“ (Hitzler, 1989, S.336-337), tatsächlich geht es ihnen aber nicht um die Wiedergutmachung der Normverletzung an sich.

 

Generell dient die Skandalierung meist als Mittel zum Zweck, um Konflikte auf politischer, ideologischer oder weltanschaulicher Ebene für sich zu entscheiden. Ziel des einzelnen Skandalierers kann die Durchsetzung beruflicher, politischer oder ökonomischer Eigeninteressen sein. Politisch engagierte Skandalierer versuchen auf diesem Weg häufig in der Konkurrenz um die politische Macht die Oberhand zu gewinnen (Donsbach & Gattwinkel, 1998; Hitzler, 1989).

 

Eine Skandalierung erfolgt nicht nur durch die gesellschaftlichen Akteure, sondern auch durch die Medien, sowie die Erwartungshaltung des Publikums (Kepplinger & Hartung, 1993; Donsbach & Gattwinkel, 1998; Hitzler, 1989; Neckel, 1989).

 

Die Rolle der Medien im Skandal

 

Es sind die Medien, die in ihrer Rolle als passive Vermittler das Publikum überhaupt erst auf vorhandene oder vermeintliche Skandale aufmerksam machen. Zudem wächst den Medien aufgrund ihrer Informations- und Kontrollfunktion zwangsläufig „...die Rolle des Skandalierers zu, der eine Verfehlung sichtbar macht und sie als solche denunziert.“ (Neckel, 1989, S.67, Hervorhebungen im Original).

 

Medien inszenieren Skandale oftmals aktiv. Durch eigene Recherche können sie (vermeintliche oder tatsächliche) Skandale selbst aufdecken. Skandalierte publizistische Konflikte bieten gerade ihnen die Gelegenheit ihre Interessen in großem Umfang durchzusetzen (Kepplinger et al., 1977). Erfolg haben die Medien damit wohl nur, wenn sie sich auf eine bereits vorhandene, gleichgerichtete Resonanz im Publikum stützen können. Man bezeichnet dies als mediale Verstärkerfunktion (Neckel, 1989). Nichtsdestoweniger betonen Kepplinger und Hartung (1993, S.5) die Verantwortung der Medien: ihre Fallanalyse ergab, dass Medien (und Akteure) aktiv skandalierten, indem sie Ereignisse gezielt als empörend charakterisierten und so der Öffentlichkeit präsentierten.

 

Diesem vermeintlichen oder tatsächlichen Wunsch des Publikums nach Visualisierung, Personalisierung und Dramatisierung tragen viele Medienunternehmen Rechnung, um sich im Wettbewerb um Auflage und Werbeetats gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen (Käsler, 1989, S.326; Kepplinger, 2001, S.33-42; vgl. auch Schütze, 1985). Speziell die so genannte Skandalpresse nutzt den beträchtlichen Unterhaltungswert von Skandalen zu diesem Zweck (Neckel, 1989, S.55). Letztlich bedingen wohl ökonomische Faktoren den „...Zwang, tagtäglich aus Unbedeutendem Wichtiges zu konstruieren, Auffälligkeiten zu entdecken, vermeintliche Sensationen aufzuspüren oder sie sogar zu produzieren.“ (zit. nach Meyn, 1999, S.338).

 

Als die Medien die Affäre Möllemann thematisierten, war dieser ökonomische Druck besonders hoch. Die Zeitungsbranche musste im Jahr 2002 Verluste beim Gesamtumsatz aus Anzeigen, Beilagen und Vertrieb verkraften. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) konstatiert Einbußen von minus sechs Prozent, in absoluten Zahlen rund 8,8 Milliarden Euro beim Gesamtumsatz deutscher Tageszeitungen. Titel mit Auflagen von über 200 000 Exemplaren wie SZ und FAZ traf besonders die negative Entwicklung der Anzeigenumfänge von durchschnittlich minus 15,6 Prozent (Pasquay, 2003; Schwierige Lage am Werbemarkt hält an, 2002; vgl. auch IVW Auflagen, 2002). Eine Skandalierung im Fall Möllemann erscheint deshalb umso wahrscheinlicher.

 

Es ist anzunehmen, dass einige Medien ihre Schlüsselstellung nutzten und sich aktiv als Skandalierer in den Konflikt um Möllemann einmischten. Die häufig vorhandene Tendenz zum „Prangerjournalismus“, kann, muss aber nicht, zu einer Treibjagd führen, die Journalisten „rudelweise“ auf Politiker veranstalten (Meyn, 1999, S.342-343). Wie die Medien über einen publizistischen Konflikt letztendlich berichten, bleibt „...von Fall zu Fall und von Medium zu Medium zu prüfen und kann nicht von vornherein unterstellt werden.“ (Nawratil, 1997, S.216).

 

4 Der publizistische Konflikt um Jürgen W. Möllemann

 

In diesem Kapitel werden fallspezifische Informationen vermittelt, die als Verständnisgrundlage für die spätere Ergebnisdarstellung und Ergebnisinterpretation dienen. Denn Vorgeschichte und Anlass des publizistischen Konfliktes wurzeln in der über 30-jährigen Laufbahn des liberalen Politikers (*1945, = 2003) Abschnitt 4.1 geht auf diese möglichen Zusammenhänge näher ein, Möllemanns Vita und sein Verhalten stehen dabei im Vordergrund. Der gesamte Fall Möllemann wird danach im Kontext aktueller und vergangener Zusammenhänge beleuchtet (vgl. Abschnitt 4.2). Im Anschluss folgt ein chronologischer Überblick des Konfliktverlaufs in der Berichterstattung von Ende April 2002 bis Juni 2003. Er stellt die wichtigsten Akteursgruppen und Ereignisse im Fall Möllemann stichpunktartig vor (vgl. Abschnitt 4.3).

 

4.1 Vorgeschichte und Konfliktanlass

 

Von Beginn seiner politischen Laufbahn an, galt Möllemanns Interesse dem Nahen Osten, insbesondere der Lösung des palästinensisch-israelischen Konfliktes. Dabei forderte er bis zu seinem Tod eine Entsendung internationaler Beobachter sowie eine Konferenz für die Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen Osten (KSZNO) zur Befriedung der Region. Bereits 1978 sorgte der damalige sicherheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion mit seiner Forderung nach Entsendung von Bundeswehreinheiten im Rahmen eines UNO- Einsatzes im Nahen Osten für erheblichen Aufruhr. 1979 suchte er im Rahmen seiner Nahostreise als einer der ersten deutschen Politiker das Gespräch mit dem Präsidenten der Palästinensischen Befreiungsorganisation, Jassir Arafat. 1988 setzte er sich für die Anerkennung eines selbstständigen palästinensischen Staates ein. Seine pro-arabische, palästinenserfreundliche Haltung war der Öffentlichkeit spätestens seitdem bekannt. Seinen Einsatz würdigte die deutsch-arabische Gesellschaft mit der Berufung Möllemanns zum Präsidenten 1981, 1991 sowie von 1993 bis 2003. (Munzinger-Archiv, 2003; vgl. auch Möllemann, 2003; Deggerich, 2003; Nachruf: Jürgen W. Möllemann. 1945- 2003, 2003).

 

Der Konfliktanlass

 

Seit der Verschärfung des Nahost-Konfliktes Anfang 2001 äußerte sich Möllemann wiederholt kritisch über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern, allerdings ohne größere öffentliche Reaktion. Beispielsweise beschuldigte er im Deutschlandfunk bereits am 02. August 2001 den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon eine terroristische Politik zu betreiben, die den Konflikt mit den Palästinensern schüre (Möllemann: Beobachter sofort nach Nahost, 2001).[8]

 

Erst Möllemanns Interview mit der taz vom 04. April 2002 mit dem Titel „Ich würde mich auch wehren!" löste den publizistischen Konflikt aus. Unmittelbarer Konfliktanlass war die Kritik des Liberalen an der israelischen Politik sowie sein Verständnis für die Terrorattacken der Palästinenser. Die taz zitierte Möllemann mit den Worten: „Israels Politik fördert den Terrorismus.... Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt.... Und ich würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land des Aggressors." (Ich würde mich auch wehren!, 2002; vollständig dokumentiert im Anhang A).

 

Die auf Grundlage dieses taz-Interviews verbreitete Meldung der Deutschen Presseagentur (dpa) griffen verschiedene Medien auf, es kam in diesem Fall zu den unter Abschnitt 3.2 beschriebenen „Spill-over-Effects" (Mathes & Pfetsch, 1991).[9] Die Medien orientierten sich an der taz-Berichterstattung. Das Thema wurde neben weiteren überregional verbreiteten Leitmedien auch von weniger bedeutenden Zeitungen mit regionaler Verbreitung aufgegriffen. In letzterem Fall kann man - unter der Annahme, dass die taz ein überregional verbreitetes Meinungsführermedium ist (Wilke, 1999, S.304 u. S.315) - von einem „Top- down"-Prozess sprechen (Mathes & Czaplicki, 1993).

 

Rückblickend kann man davon ausgehen, dass der Politiker zumindest den anfänglichen Aufruhr bewusst einkalkuliert hat. Schließlich fiel der Liberale während seiner ganzen Laufbahn durch ein stark medienorientiertes Verhalten auf. Möllemann war „zu nachgerade jedem Thema medial präsent" (Hitzler, 1989, S.343). Forciert wurde diese Medienpräsenz durch eine ganze Palette wirksamer Strategien, beispielsweise durch das gezielte Lancieren von Pressemeldungen. Eine Fallstudie zu seiner Person kommt zu dem Ergebnis, dass Möllemann nur zehn Prozent seiner Zeit für politische Aktivitäten aufgewendet hat und 90 Prozent dafür, diese möglichst vorteilhaft zu präsentieren (zit. n. Hitzler, 1989, S.343). Die dahinter stehende Faustregel lautete, dass es „...allemal noch besser ist, daß schlecht von einem gesprochen wird, als daß gar nicht von einem gesprochen wird." (Hitzler, 1989, S.341).

 

Die eigene Profilierung ging bei Möllemann manchmal sogar so weit, dass er sich „...freiwillig selbst skandaliert[e] oder absichtsvoll skandalieren..." (Hitzler, S.340, Hervorhebungen im Original) ließ. Ob Möllemann in dem untersuchten Fall einen solchen „Gimmick" (Hitzler, S.341-343) intendiert hatte, kann mit der vorliegenden Inhaltsanalyse nicht geklärt werden. Die letztlich eingetretenen beruflichen Konsequenzen waren aber, wie so häufig bei Gimmicks, wohl kaum gewollt (Hitzler, 1989).

 

Außerdem bestätigte der ehemalige politische Berater Möllemanns, Fritz Goergen, dem Politiker müsse es vor Beginn des Konfliktes voll bewusst gewesen sein, dass seine Äußerungen schon allein aufgrund ihres Inhalts Missverständnisse, Empörung und eine umfassende Medienberichterstattung nach sich ziehen würden (vgl. auch Empörung über Möllemann, 2002; NahostKonflikt. Sturm der Entrüstung über Möllemann, 2002). Auch habe er den Konflikt dadurch verlängert, dass er keine kohärente Strategie verfolgte. (Persönliche Kommunikation, 20. Mai 2003).

 

Allerdings war der Liberale zeitlebens als provokantes „Stehaufmännchen", wie er sich gerne selbst bezeichnet hat (Möllemann, 2003, S.128-129), berüchtigt. Mit seinen Alleingängen provozierte Möllemann parteiintern wie öffentlich immer wieder Aufregung. 1993 musste er vom Amt des Bundeswirtschaftsministers zurücktreten, weil er sich bei deutschen Handelsketten tur die Vermarktung eines Einkaufswagen-Chips seines angeheirateten Vetters eingesetzt hatte. Solche Anfeindungen und Affären überstand Möllemann über 30 Jahre hinweg, ohne größeren Schaden zu nehmen. (Munzinger-Archiv, 2003; Möllemann, 2003; Deggerich, 2003; Nachruf: Jürgen W. Möllemann. 1945 - 2003, 2003).

 

Es bleibt demnach zu klären, warum seine bereits früher getroffenen Äußerungen gerade zu diesem Zeitpunkt ein solches Medienecho auslösten, das erhebliche Konsequenzen für den Politiker nach sich zog.

 

4.2 Gesellschaftliche und innerparteiliche Hintergründe

 

Zum besseren Verständnis des publizistischen Konflikts ist es deshalb notwendig, die dahinter stehenden Grundsatzdebatten auf gesellschaftlicher wie innenparteilicher Ebene zu berücksichtigen (Wasmuht, 1992a; Kepplinger, 1994)[10].

 

Auf gesellschaftlicher Ebene berührte die Kritik Möllemanns an Israel die grundsätzliche Frage, welche Rolle Deutschland in den politischen Beziehungen zu Israel einnehmen soll. Diesbezüglich lassen sich zwei wichtige Strömungen in der deutschen Gesellschaft unterscheiden. Ein wachsender Teil der Bevölkerung befürwortet eine kritischere Haltung der Bundesregierung (Hogrefe, 2000). Grund sind vor allem die im Rahmen der Eskalationspolitik des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon nachweislich verübten Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern (Bergmann, 2003; Israel und die besetzten Gebiete, 2003; Völkerrechtliche Verpflichtungen, 2003).

 

Die Gegenseite fordert - unabhängig von aktuellen Entwicklungen - an den nach 1945 gewachsenen besonderen deutsch-israelischen Beziehungen unverändert festzuhalten, die sich auf die historische Schuld der Deutschen gegenüber den Juden zurückführen lassen.[11] Ein Wandel in den Beziehungen begünstigt in den Augen vieler Juden und Deutscher einen Wandel im Umgang mit der so genannten historischen Schuld, die auf der Verfolgung und Ermordung von fast sechs Millionen Juden in ganz Europa während der Nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945 gründet (Bundeszentrale für politische Bildung, 1991; Schoeps, 2000; vgl. auch Rosh & Jäckel, 1992).

 

Eckert (1997) beispielsweise warnt die deutsche Gesellschaft davor, 50 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ein Grundmuster der eigenen Entschuldung und Verdrängung zu entwickeln. Die befürchteten Konsequenzen einer solchen Entwicklung reichen von einer Zunahme neonationalistischer Agitation rechtsradikaler und antisemitischer Gruppierungen in Deutschland bis hin zu einem zweiten Holocaust. Der heute noch in Teilen der Gesellschaft bestehende Antisemitismus, Neonationalsozialismus sowie Rechtsterrorismus ruft den Opfern den Holocaust immer wieder in Erinnerung. (Strauss, Bergmann & Hoffmann, 1990; Backes, 1997).

 

Die Verarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, die damit verknüpfte Frage nach der Gestaltung des aktuellen deutsch-jüdischen Verhältnisses sowie (tatsächliche oder vermeintliche) antisemitische Äußerungen sind häufig tiefere Ursache publizistischer Konflikte und Skandale in Deutschland. Prominente Beispiele sind der Historikerstreit, die Debatte um das Holocaust-Mahnmal sowie der Konflikt um die Walser-Rede (Hormes, 2000). Jüngstes Fallbeispiel ist die Hohmann-Günzel-Affäre (Leyendecker, & Klüver, 2003). Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum Möllemanns Kritik am Zentralrat der Juden (ZdJ), insbesondere an dessen stellvertretenden Vorsitzenden Michel Friedman, er sei für aktuelle antisemitische Strömungen in Deutschland mitverantwortlich, auf gesellschaftlicher Ebene sehr ideologie- und emotionsgeladen geführt wurde. Es handelt sich um eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Interpretation und den Geltungsbereich der diskutierten gesellschaftlichen Werte und Normen (Kepplinger et al., 1977).

 

Auf innerparteilicher Ebene boten Möllemanns Äußerungen wohl eine gute Gelegenheit, sich des provokanten „Querulanten" („Sicher gehe ich als Außenseiter zum Parteitag nach Mainz.", 1995) zu entledigen. Schon in den 90er Jahren hatte Möllemann mehrfach erfolglos versucht, sich das Amt des Bundesparteivorsitzenden zu erstreiten. Damals unterlag der Liberale im Kampf um die Macht, 1993 Klaus Kinkel und 1995 Wolfgang Gerhardt. Beide griff Möllemann nach ihrer Wahl heftig an, was FDP-Mitglieder als störend und unnötig bewerteten. Seit Mai 2000 hatte Möllemann den schwelenden Führungs- und Richtungsstreit innerhalb der FDP erneut entfacht. Infolge seiner Niederlage musste er von seinen Parteiämtern auf Bundes- und Landesebene 1994 zurücktreten und konnte seine Karriere erst wieder 1996 als Landesparteivorsitzender in Nordrhein-Westfalen (NRW) aufnehmen. (Munzinger-Archiv, 2003).

 

Auf Bundesebene gelang Möllemann erst ab 1999 der Durchbruch, er wurde Mitglied des Parteipräsidiums. Gestärkt durch seinen fulminanten Wahlerfolg in Nordrhein-Westfalen im Mai 2000 griff der neu gewählte Landesfraktionsvorsitzende Möllemann nicht nur nach dem Bundesparteivorsitz, sondern er wollte zusätzlich eine programmatische Neuausrichtung der Partei durchsetzen. Der glänzende Wiedereinzug in den Düsseldorfer Landtag bescherte ihm lange den Rückhalt des mitgliederstärksten Landesverbandes (näheres zum Wahlergebnis und zur Sitzverteilung unter Nordrhein-westfälisches Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik, 2001). Bei seinen zahlreichen Gegnern aber stießen sowohl der Machthunger des ambitionierten Politikers als auch sein „Projekt 18" auf Ablehnung. Kernziel dieser Strategie war die FDP in der Bundestagswahl 2002 als Volkspartei mit mindestens 18 Prozent Wähleranteil zu etablieren und einen eigenen Kanzlerkandidaten zu stellen. (Munzinger-Archiv, 2003).

 

In dem mehrmonatigen Konflikt mit dem damaligen Bundesparteivorsitzenden Wolfgang Gerhardt konnte sich Möllemann nicht durchsetzen. Im Mai 2001 wurde Generalsekretär Guido Westerwelle Bundesparteivorsitzender, im Jahr darauf sogar erster Kanzlerkandidat der FDP. Zwar konnte Möllemann gemeinsam mit ihm die Inhalte seiner „Strategie 18" vor der Bundestagswahl umsetzen. Aber da er sich mit einem der drei Stellvertreterposten Westerwelles nicht begnügen wollte, kam es zum Machtkampf zwischen Möllemann und Westerwelle (Munzinger-Archiv, 2003; Möllemann, 2003; Deggerich, 2003; Nachruf: Jürgen W. Möllemann. 1945 - 2003, 2003). Die dahinter stehende, grundsätzliche Debatte um die Führungskompetenz Westerwelles beschäftigte die FDP noch lange nach dem Ende des publizistischen Konfliktes um Möllemann (FDP-Landesverbände attackieren Parteichef Westerwelle, 2003; Liberale beraten über künftige Strategie, 2003; Grassmann, 2003).

 

Hinter dem publizistischen Konflikt um Möllemann steht demnach ein ganzes Bündel an Grundsatzdebatten (vgl. auch Kepplinger, 1994). Ursache des publizistischen Konfliktes ist eine Mischung aus allgemeinem Interessen- und Wertdissens, die im Verlauf des Konfliktes exemplarisch gelöst werden soll (Aubert, 1972; Kepplinger, 1994; vgl. auch Kepplinger et al., 1977).

 

Die auf den Konfliktanlass Anfang April 2002 folgenden wichtigsten Ereignisse der Medienagenda werden nun stichpunktartig vorgestellt.

 

4.3 Die Konfliktereignisse im Überblick Stein des Anstoßes

 

4. April 2002: Möllemann löst mit seinem Verständnis für die palästinensischen Terrorattacken gegen Israel den publizistischen Konflikt aus.

 

Sharon, Friedman, Karsli und der Antisemitismus

 

5. /8. April 2002: Möllemanns Äußerungen stoßen auf Kritik, vor allem beim Zentralrat der Juden in Deutschland sowie bei Vertretern anderer Parteien.

 

29. April 2002: Möllemann stellt klar, dass er die palästinensischen Selbstmordanschläge nicht gerechtfertigt hat, hält aber an der Israelkritik fest.

 

11. Mai: Möllemann wehrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. In ihrem Strategiepapier zum Nahen Osten kritisiert die FDP den Staat Israel ebenfalls.

 

16. Mai 2002: Mit Unterstützung Möllemanns wird der umstrittene Politiker Jamal Karsli in die nordrhein-westfälische FDP-Fraktion aufgenommen.[12] Möllemann kritisiert den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon sowie den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman.[13]

 

17. Mai/18. Mai 2002: Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth stellt wegen Volksverhetzung, übler Nachrede und Verleumdung Strafantrag gegen Möllemann.

 

22./25. Mai 2002: Karsli bleibt trotz Protesten Mitglied der FDP- Landtagsfraktion. Möllemann kritisiert erneut Sharon und Friedman.[14]

 

28. /29. Mai 2002: Möllemann räumt sein Fehlverhalten ein. Zentralratspräsident Paul Spiegel reichen diese Versöhnungssignale nicht aus.

 

Flugblatt-Affäre und Wahl-Desaster

 

6. Juni 2002: Karsli tritt aus der FDP-Landtagsfraktion aus. Möllemann entschuldigt sich für seine Angriffe auf Friedman.[15]

 

13. Juni 2002: Möllemann wird vorgeworfen, die Deutsch-Arabische

Gesellschaft für seine anti-israelische Politik zu instrumentalisieren.

 

17. September 2002: In einem Flugblatt greift Möllemann Sharon und Friedman erneut an. Kritiker werfen ihm vor, gezielt Wahlstimmen am rechten Rand gewinnen zu wollen.

 

22./23. September 2002: Westerwelle macht Möllemann für die

Bundestagswahlschlappe von 7,4 Prozent verantwortlich. Möllemann tritt vom Amt des stellvertretenden Bundesparteivorsitzenden zurück.

 

20. Oktober 2002: Möllemann tritt als Landesfraktions- und

Landesparteivorsitzender zurück. Andreas Pinkwart übernimmt das Amt des Landesparteivorsitzenden.

 

24. Oktober 2002: Die Bundespartei verklagt Möllemann, die Spender der rund 840 000 Euro teuren Flugblattaktion preiszugeben.

 

29. Oktober 2002: Die FDP-Bundestagsfraktion verweigert Möllemann einen Platz in einem der Ausschüsse. Ingo Wolf folgt Möllemann als Landesfraktionschef nach.

 

4. November 2002: Die Staatsanwaltschaft leitet gegen Möllemann ein Verfahren wegen des Verdachtes auf Verstoß gegen das Parteiengesetz ein.

 

22. November 2002: Möllemann wird verdächtigt, illegale Waffengeschäfte über seine Firma Web/Tec getätigt zu haben.

 

Der Partei-Austritt

 

25. November 2002: Die FDP-Spitze fordert Möllemanns Parteiaustritt.

 

2. Dezember 2002: Da Möllemann die FDP nicht freiwillig verlässt, leiten Bundestagsfraktion und Bundesparteivorstand Ausschlussverfahren ein.

 

9. Dezember 2002: Der NRW-Landesverband beschließt ebenfalls ein Parteiausschlussverfahren gegen Möllemann. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Untreue und des Betruges.

 

8. Januar 2003: Möllemann gibt eine eidesstattliche Erklärung über die angeblich private Finanzierung seines Wahlkampf-Flugblattes ab.

 

11. Februar 2003: Die FDP-Bundestagsfraktion schließt Möllemann aus.

 

10. März 2003: Die FDP-Landtagsfraktion strengt nach dem im Februar gescheiterten Versuch ein erneutes Ausschlussverfahren gegen Möllemann an.

 

13. März 2003: Möllemann präsentiert sein Buch „Klartext" in München. Spekulationen über eine Parteineugründung kommen auf.

 

17. März 2003: Möllemann tritt aus der FDP aus.

 

Der tödliche Absturz:

 

5. Juni 2003: Der Bundestag hebt einstimmig die Immunität Möllemanns auf. Unmittelbar nach Beginn der Durchsuchungen seiner Geschäfts- und Privaträume stirbt Möllemann bei einem Fallschirmsprung.[16]

 

4.4 Zusammenfassung und Ableitung der Forschungsfragen

 

Grundsätzlich sind publizistische Konflikte durch die Dreiecksbeziehung gekennzeichnet, die zwischen den drei Handlungsträgern - den Konfliktakteuren, den Medien und dem Publikum - besteht. Aufgrund ihrer Schlüsselposition zwischen Konfliktakteuren und Publikum nehmen die Medien eine Sonderrolle in publizistischen Konflikten ein (vgl. Abschnitt 3.1 ).

Ende der Leseprobe aus 223 Seiten

Details

Titel
Die Affäre Jürgen W. Möllemann - eine vergleichende Inhaltsanalyse von Süddeutscher Zeitung und Frankfurter Allgemeiner Zeitung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1.7
Autor
Jahr
2004
Seiten
223
Katalognummer
V185923
ISBN (eBook)
9783656990109
ISBN (Buch)
9783869430515
Dateigröße
1802 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
affäre, jürgen, möllemann, inhaltsanalyse, süddeutscher, zeitung, frankfurter, allgemeiner
Arbeit zitieren
Elisabeth Falgner (Autor), 2004, Die Affäre Jürgen W. Möllemann - eine vergleichende Inhaltsanalyse von Süddeutscher Zeitung und Frankfurter Allgemeiner Zeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185923

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Affäre Jürgen W. Möllemann - eine vergleichende Inhaltsanalyse von Süddeutscher Zeitung und Frankfurter Allgemeiner Zeitung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden