Ich werde in meiner Hausarbeit die von Volterra & Taeschner (1978) vertretene „Unitary Language System“-Hypothese und die von Meisel (1989) und Paradis & Genessee (1996) vertretene „Two-System“-Hypothese als Erklärungsansätze für den bilingualen Erstspracherwerb untersuchen. Ich werde dabei die Erklärungskraft beider Hypothesen durch eine Überprüfung an sprachlichen Daten des Französischen testen. Aufgrund dieser Analyse werde ich versuchen, die Überlegenheit einer Theorie gegenüber der ande-ren hinsichtlich der Erklärungskraft für den bilingualen Erstspracherwerb zu ermitteln. Dabei läßt es sich nicht umgehen, daß sich Anschlußfragen ergeben, die offen gelassen werden müssen.
Inhaltsverzeichnis
1. - Einleitung
2. - Grundzüge der ausgewählten Positionen
2.1. - Volterra & Taeschner (1987)
2.2. - Meisel (1989) und Paradis & Genesee (1996)
3. - Diskussion der Ansätze
3.1. - Konzeptuale Probleme der „ULS“-Hypothese
3.1.1. - Unzureichende Evidenz für drei Erwerbsstufen
3.1.2. - Unzureichende Evidenz für die zweite Erwerbsstufe
3.1.3. - Zirkularität in der Argumentation
3.1.4. - Code-Switching als Evidenz für ein zugrundeliegendes einheitliches System
3.2. - Konzeptuale Vorteile der „Two-System“-Hypothese
3.2.1. - Syntaktsche Abgrenzungskriterien für bilinguale Erwerbsstufen
3.2.2. - Der pragmatische und der syntaktische Modus von Sprachverarbeitung
3.2.3. - Guilfoyle & Noonans (1992) „Structure Building Hypothesis“
3.2.4. - Der syntaktische Modus von Sprachverarbeitung und Code-Switching
3.2.5. - DiSciullo, Muysken & Singhs (1986) „Government Constraint“
3.3. - Die autonome Entwicklung von grammatischen Systemen beim simultanen Erwerb des Deutschen und Französischen
3.3.1. - Der Erwerb der Wortstellung und der Subjekt-Verb-Kongruenz beim simultanen Erwerb des Deutschen und Französischen
3.3.1.1. - Der Erwerb der Wortstellung
3.3.1.2. - Der Erwerb der Subjekt-Verb-Kongruenz
3.3.2. - Der Erwerb von syntaktischen Beschränkungen für Code-Switching beim simultanen Erwerb des Deutschen und Französischen
3.3.2.1. - Der Erwerb von syntaktischen Beschränkungen für Code-Switching
3.4. - Eine erste Evaluation der „ULS“-Hypothese und der „Two-System“-Hypothese
3.5. - Eine Analyse des simultanen Erstspracherwerbes zweier Erstsprachen durch die „ULS“-Hypothese und die „Two-System“-Hypothese
3.5.1. - Die Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09)
3.5.1.1. - Eine Analyse der Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09) durch die „ULS“-Hypothese
3.5.1.2. - Eine Analyse der Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09) durch die „Two-System“-Hypothese
3.5.2. - Die Aufzeichnung I (3;01,02)
3.5.2.1. - Eine Analyse der Aufzeichnung I (3;01,02) durch die „ULS“-Hypothese
3.5.2.2. - Eine Analyse der Aufzeichnung I (3;01,02) durch die „Two-System“-Hypothese
4. - Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob bilinguale Kinder beim Erstspracherwerb eine anfängliche Fusion der grammatischen Systeme durchlaufen („Unitary Language System“-Hypothese) oder ob sich die Sprachen von Beginn an autonom entwickeln („Two-System“-Hypothese). Ziel ist es, anhand sprachlicher Daten des Französischen und Deutschen zu ermitteln, welche Hypothese eine höhere Erklärungskraft für den bilingualen Erwerbsprozess besitzt.
- Vergleich konkurrierender Erwerbshypothesen
- Analyse von Code-Mixing und Code-Switching
- Entwicklung grammatischer Kompetenz und Wortstellung
- Bedeutung funktionaler Kategorien und syntaktischer Beschränkungen
- Evaluation empirischer Longitudinalstudien
Auszug aus dem Buch
3.5.1.2. Eine Analyse der Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09) durch die „Two-System“-Hypothese
Da die „Two-System“-Hypothese - im Gegensatz zur ULS-Hypothese - von syntaktischen Abgrenzungskriterien unterschiedlicher Erwerbsstufen beim bilingualen Erstspracherwerb ausgeht, kann sie die in Abschnitt 3.5.1.1. erwähnten, mit den Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09) verbundenen Erklärungsprobleme der ULS-Hypothese umgehen. Ivar befindet sich zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnungen auf einer Entwicklungsstufe, auf welcher noch ein pragmatischer Modus von Sprachverarbeitung vorherrscht. Noch sind Fälle von lexikalischem Mixing in Ivars sprachlichen Daten stark vertreten und seine noch wenig elaborierte soziolinguistische Kompetenz erlaubt ihm kein adäquates, der zielsprachlichen Norm entsprechendes Code-Switching. Dies läßt sich besonders an dem von Ivar zur Zeitpunkt der Dokumentation beider Aufzeichnungen bevorzugten „Switch Points“ erkennen, d.h. an den „Switch Points“ zwischen Verb und nominalem Objekt in der Aufzeichnung I (2;04,09) und zwischen Personalpronomen und finitem Verb in der Aufzeichung (2;00,29).
Da die funktionale Kategorie INFL anscheinend noch nicht in Ivars Grammatiken des Deutschen und Französischen hervorgetreten ist und Ivar somit offensichtlich noch keinen Zugang zu einem syntaktischen Modus von Sprachverarbeitung hat, kann der „Government Constraint“ noch nicht seine Funktion als syntaktische Beschränkung für Code-Switching ausüben und das Auftreten von lexikalischem Code-Mixing in den Aufzeichnungen I (2;00,29) und I (2;04,09) als ungrammatisch ausschließen. Unter der Annahme, daß Ivar zum Zeitpunkt der Dokumentation beider Aufzeichnungen noch keinen Zugang zur funktionalen Kategorie INFL hat, stellt es sich allerdings als schwierig heraus, die Herkunft der finiten Verben „sent“ und „dort“ sowie die präverbale Position des Personalpronomens „das“ zu erklären. Jedoch erscheint es mir durchaus fraglich, ob Ivar in diesem Alter Verbmorphologie bereits produktiv benutzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. - Einleitung: Vorstellung der konkurrierenden Hypothesen zum bilingualen Erstspracherwerb und Definition der Zielsetzung der Arbeit.
2. - Grundzüge der ausgewählten Positionen: Darstellung der „Unitary Language System“-Hypothese von Volterra & Taeschner sowie der „Two-System“-Hypothese nach Meisel und Paradis & Genesee.
3. - Diskussion der Ansätze: Kritische Analyse der konzeptualen Probleme der ULS-Hypothese im Vergleich zu den Vorteilen der Two-System-Hypothese unter Einbeziehung syntaktischer Kriterien.
4. - Ergebnisse: Abschließende Bewertung, in der die Two-System-Hypothese als Erklärungsmodell für den simultanen Spracherwerb aufgrund der empirischen Belege bevorzugt wird.
Schlüsselwörter
Bilingualer Erstspracherwerb, Unitary Language System, Two-System-Hypothese, Code-Mixing, Code-Switching, Grammatische Kompetenz, Wortstellung, Subjekt-Verb-Kongruenz, Funktionale Kategorien, Government Constraint, Sprachverarbeitung, Pragmatischer Modus, Syntaktischer Modus, Sprachdominanz, Longitudinalstudie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert zwei konkurrierende Erklärungsansätze für den bilingualen Erstspracherwerb: die Hypothese eines anfänglich einheitlichen Systems gegenüber der Hypothese zweier von Beginn an getrennter Systeme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entwicklung der grammatischen Kompetenz, die Rolle von Code-Mixing bzw. Code-Switching sowie die Frage der strukturellen Differenzierung beider Sprachen im frühen Kindesalter.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, durch die Überprüfung an sprachlichen Daten des Deutschen und Französischen zu belegen, dass die Two-System-Hypothese die beobachteten Erwerbsprozesse besser erklären kann als der ULS-Ansatz.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine linguistische Analyse auf Basis von Daten aus Longitudinalstudien (Forschungsprojekt DUFDE) durchgeführt, wobei syntaktische Theorien wie die Government-Constraint-Theorie angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil diskutiert konzeptuelle Probleme der ULS-Hypothese, stellt Vorteile der Two-System-Hypothese heraus und analysiert spezifische Aspekte wie Wortstellung, Subjekt-Verb-Kongruenz und syntaktische Beschränkungen beim Sprachwechsel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind bilingualer Erstspracherwerb, Two-System-Hypothese, Code-Switching, grammatische Kompetenz, funktionale Kategorien und Government Constraint.
Wie bewertet der Autor das Phänomen Code-Mixing bei Kleinkindern?
Der Autor interpretiert Code-Mixing nicht als Beweis für eine anfängliche grammatische Fusion, sondern als Ausdruck einer noch fehlenden pragmatischen und grammatischen Reife, insbesondere vor der Entwicklung funktionaler Kategorien wie INFL.
Welche Rolle spielt die funktionale Kategorie INFL im Analysemodell?
INFL gilt als entscheidender Indikator für den Übergang vom pragmatischen zum syntaktischen Modus der Sprachverarbeitung, ab dem das Kind beginnt, syntaktische Beschränkungen beim Code-Switching zu beachten.
Warum wird die ULS-Hypothese vom Autor kritisiert?
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die methodische Ungenauigkeit bei der Abgrenzung der Entwicklungsstufen und die zirkuläre Argumentation, die Code-Mixing sowohl als Beleg als auch als Erklärungsziel für das einheitliche System heranzieht.
Was ist das Hauptergebnis zur Anwendbarkeit des „Government Constraint“?
Obwohl die Anwendung des Government Constraint bei sehr jungen Kindern problematisch bleibt, erweist sich das Modell als nützliches Werkzeug, um das Verschwinden ungrammatischer Sprachwechsel bei zunehmender grammatischer Reife der Kinder zu erklären.
- Citation du texte
- Magister Markus Mross (Auteur), 2000, Bilingualer Erstspracherwerb Französisch/Deutsch: Fusion oder Differenzierung von grammatischer Kompetenz?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185926