Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung


Diplomarbeit, 2002
140 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Theorie und Praxis der systemtheoretischen
Organisationsberatung
Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines
Diplom-Kaufmannes am Department für Betriebswirtschaft
Munich School of Management
der Ludwig - Maximilians - Universität München
Eingereicht von
Cand. oec. publ.
Alexander Jung
München, den 22. Juli 2002


Vorwort
III
VORWORT
In den vergangenen Jahren gewannen Themen wie Internationalisierung und
Globalisierung, zunehmende Wettbewerbsdynamik und -intensität, steigender
Innovationsdruck, gesellschaftlicher Wertewandel, verkürzte Produktlebenszyklen,
neue politische Rahmenbedingungen, verändertes Konsumentenverhalten etc.
2
gewichtige Prominenz bei all denjenigen, die sich in Theorie und Praxis mit
Organisationen und Unternehmen beschäftigten. Es scheint so, als wandle sich das
Beständige und als sei das einzig Beständige der Wandel.
In diesem Zusammenhang fallen vielfach auch die Schlagwörter des Strukturwandels
und der (Umwelt-)Komplexität, denen Unternehmen und Organisationen vermehrt
ausgesetzt seien.
3
Der inflationäre Gebrauch der Begriffe des Strukturwandels und
der Komplexität darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese weder auf
einer klaren Definition, noch auf einem einheitlichen Begriffsverständnis beruhen.
Vielmehr besteht Uneinigkeit hierüber, so dass unter diesem Deckmantel häufig obige
heterogene Vielfalt von Themen subsummiert wird, denen Organisationen und die
Gesellschaft - mehr oder weniger - hilflos gegenüberstehen.
4
Glaubt man der
einschlägigen Literatur, dann ist dies einer der Gründe dafür, weshalb die
Beratungsbranche in den letzten Jahren wie kaum ein anderer Wirtschaftssektor
boomt und aus diesem nebulösen Begriffs- und Themendschungel beachtliches
Kapital schlägt. Interessanterweise scheint es aber gerade dieser Branche an einem
professionellen Selbstverständnis zu mangeln (vgl. Mingers 1996: 16; König/Volmer
1993: 240ff.). So finden sich zwar zahlreiche Bücher über Berater (Anlageberater,
Versicherungsberater, Familienberater, Berufsberater usw.) und Beratung, ,,wo zwar
Verfahren dargestellt werden, ohne dass aber der Begriff ,Beratung' überhaupt näher
bestimmt wird." (König/Volmer 1993: 43)
5
Nähert man sich Organisationen und Unternehmen hingegen aus der Perspektive der
neueren Systemtheorie und interessiert sich dafür, wie Veränderungen durch Berater
2
Vgl. stellvertretend Wimmer et al. (1996: 33ff.); Kirsch (2001: 49); Steinbrecher (1994: 195ff.).
3
Vgl. Mingers (1996: 94).
4
Auf die Notwendigkeit eines daraus resultierenden systemisch-evolutionären Managements und
eines ganzheitlichen Denkens der Manager weist u.a. Malik (1989) hin.
5
Anhand einer quantitativen und qualitativen Auswertung der Beratungsliteratur versucht
beispielsweise Steyer (1991) eine Klassifikation der Unternehmensberatung zu leisten.

Vorwort
IV
vonstatten gehen (können), erlangen die Begriffe der Komplexität und des
Strukturwandels grundlegende Bedeutung. Darüber hinaus werden sie auch vom
Nominalismusverdacht befreit, indem ihnen die Systemtheorie einen umfassenden
theoretischen Nährboden liefert.
In der vorliegenden Arbeit soll daher der Versuch unternommen werden, diejenige
Sparte der Organisationsberatung darzustellen, die aus einer möglicherweise etwas
unüblichen - weil stark soziologisch geprägten - Position heraus,
Beratungsdienstleistungen anbietet.
Setzt man die allgemeine systemtheoretische Brille auf und interessiert sich für
Unternehmen und Organisationen aus diesem Blickwinkel, ergeben sich interessante,
für manche möglicherweise überraschende und ungewöhnliche Implikationen für die
Theorie und Praxis der Beratung von Organisationen. Der Blick mag am Anfang
unscharf und undeutlich sein, gewöhnt man sich allerdings an das Gestell und die
Gläser, dann sieht man die Welt vielleicht mit anderen Augen.
Zudem macht diese Perspektive die Betrachtung einzelner, spezieller Organisationen
und Unternehmen obsolet. Eine dezidierte Trennung in Organisationen bzw.
Unternehmen macht wenig Sinn, wenn man sich über die Grundlagen beider Formen
Gedanken macht. In der vorliegenden Arbeit soll daher dem kurzsichtigen Vorwurf,
keinen Unterschied zwischen Unternehmen und Organisationen vorzunehmen,
dadurch begegnet werden, dass im hier behandelten Rahmen die Differenz zwischen
beiden nicht erkenntnisleitend ist. Unterschiedlich ist lediglich, dass Unternehmen im
funktional differenzierten Subsystem Wirtschaft operieren, das sich an anderen
binären Codes orientiert, als dies beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser tun.
6
Diese Arbeit versteht sich jedoch als Beitrag zur Ausleuchtung der systemischen bzw.
systemtheoretischen Beratung und interessiert sich demzufolge nicht für die binäre
Codierung verschiedener Funktionssysteme, zu denen dann im Zuge der weiteren
Ausdifferenzierung auch Unternehmen zählen, so dass es durchaus legitim erscheint,
über diesen Unterschied hinwegzusehen, und die Begriffe Unternehmen und
Organisation weitestgehend synonym zu verwenden. Mit anderen Worten
interessieren - trotz der Heterogenität der Organisationstypen - die den
verschiedenen Organisationstypen gemeinsamen Phänomene im Hinblick auf die
6
Zur Beratung von Non-Profit-Organisationen siehe z.B. Maelicke (1994).

Vorwort
V
Beratung. Dies hat zwar sicherlich zur Folge, dass Detailprobleme ausgeblendet
werden, es ermöglicht aber den Weitblick auf die Grundlagen beider Formen.
Im Sinne der systemtheoretischen Terminologie wird im Folgenden also eine
Beobachterposition dritter Ordnung eingenommen, um den systemtheoretischen
Ansatz der Organisationsberatung darzustellen und im Hinblick auf seine blinden
Flecken zu untersuchen, ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, dass man selber
nicht sehen kann, dass man nicht sehen kann (vgl. Luhmann 1990a: 52).
Herzlich bedanken möchte ich mich - vor allem für moralische und logistische
Unterstützung - bei Herrn Christoph Lefkes, Herrn Andreas Wagner, meinen Eltern,
sowie Herrn Dr. David Seidl für dessen Anregungen, sowie dafür, dass mir seine Tür
für Fragen immer offen stand. Darüber hinaus bin ich Herrn Alexander Exner von der
Beratergruppe Neuwaldegg, Herrn Prof. Dr. Heinrich W. Ahlemeyer von Sistema-
Consulting und Herrn Wolfgang Dehm von OSB zu großem Dank verpflichtet, die mir
in interessanten, spannenden und z.T. auch kontroversen Gesprächen einen Einblick
in die Praxis Ihrer Arbeit gewährten, wesentlich zum Verständnis und Gelingen der
Arbeit beitrugen und mich durch Ihre offene, persönliche und kritische Art auch
nachhaltig zur Reflexion eigener Standpunkte anregten.
Der berühmte Beginn der Nachtszene in Goethes Faust I spiegelt in leicht
abgewandelter Form deswegen auch jenes Gefühl wieder, das sich bei mir während
der Suche nach ,,des Pudels Kern" - vor allem auch nach dem Gespräch mit Herrn
Dehm (das ich paradoxerweise gerade deshalb nicht missen möchte) - im Laufe der
Arbeit immer deutlicher eingestellt hat:
Habe nun, ach! Soziologie,
konstruktivistische Theorien,
Und leider auch Familientherapie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

INHALTSVERZEICHNIS
VI
INH ALTSVERZEICHNIS
VORWORT ...III
INHALTSVERZEICHNIS... VI
ABBILDUNGSVERZEICHNIS ... IX
1
EINFÜHRUNG: ENTWICKLUNG DER BERATUNGSBRANCHE UND
ZIELSETZUNG ...1
2
SYSTEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN ...5
2.1
K
ONSTRUKTIVISMUS UND
K
YBERNETIK
2. O
RDNUNG
...5
2.1.1
Konstruktivismus...6
2.1.1.1
Das Maschinenmodell ...7
2.1.1.2
Beobachtungen ...10
2.1.2
Kybernetik 2. Ordnung ...12
2.2
A
UTOPOIESE
,
OPERATIONALE
G
ESCHLOSSENHEIT UND
S
ELBSTREFERENZ
...13
2.2.1
Autopoiese ...13
2.2.2
Operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz ...14
2.3
(S
OZIALE
) S
YSTEME
...16
2.3.1
System/ Umwelt Differenz und Komplexität ...16
2.3.2
Funktionale Differenzierung ...18
2.3.3
Systemebenen ...19
2.4
K
OMMUNIKATION
, E
NTSCHEIDUNG UND
E
NTSCHEIDUNGSPRÄMISSEN
...22
2.4.1
Kommunikation ...22
2.4.2
Entscheidung ...25
2.4.3
Entscheidungsprämissen ...27
2.4.4
Unsicherheitsabsorption ...30
2.5
Z
USAMMENFASSUNG
...31
3
ABGRENZUNG DER SYSTEMISCHEN BERATUNG ...34
3.1
K
LASSIFIKATIONSANSÄTZE VON
B
ERATUNGSFORMEN
...34
3.2
I
NTERNE VS
. E
XTERNE
B
ERATUNG
...36
3.3
E
XPERTENBERATUNG
...37

INHALTSVERZEICHNIS
VII
3.4
P
ROZESSBERATUNG
...41
3.5
M
ECHANISTISCHES UND SYSTEMISCHES
B
ERATUNGSVERSTÄNDNIS
...43
3.6
Z
USAMMENFASSUNG
...45
4
SYSTEMISCHE THERAPIE ...47
4.1
D
IE
S
YSTEMISCHE
(F
AMILIEN
-) T
HERAPIE
...47
4.2
V
ORGEHENSWEISE
...48
4.2.1
Hypothesenbildung ...48
4.2.2
Intervention ...49
4.3
A
USGEWÄHLTE
M
ETHODEN
...50
4.3.1
Paradoxe Intervention...50
4.3.2
Exkurs: double-bind ...53
4.3.3
Zirkuläres Fragen...55
4.4
Z
USAMMENFASSUNG
...56
5
SYSTEMISCHE BERATUNG ...59
5.1
D
AS
K
LIENTENSYSTEM
...60
5.2
D
AS
B
ERATERSYSTEM
...62
5.3
D
AS
B
ERATUNGSSYSTEM
...63
5.3.1
Eingrenzung...63
5.3.2
Die Paradoxie der Intervention...66
5.3.3
Interventionschancen...70
5.4
Z
USAMMENFASSUNG
...75
5.5
E
IN
- B
LICK IN DIE
P
RAXIS
...78
5.5.1
Institutionen...78
5.5.2
Systemische Intervention in der Praxis ...79
5.5.2.1
Interventionsarchitektur ...81
5.5.2.2
Interventionsdesign ...82
5.5.2.3
Interventionstechnik ...84
5.5.3
Zusammenfassung ...85
5.6
E
XKURS
: D
IE
V
ERSTEHENSPROBLEMATIK DER
S
YSTEMTHEORIE
...87
6
ABSCHLIEßENDE BEURTEILUNG UND PERSPEKTIVEN ...91
ANHANG ...97

INHALTSVERZEICHNIS
VIII
LITERATURVERZEICHNIS...124

ABBILDUNGSVERZEICHNIS
IX
ABBILDUNGSVE RZEICHNIS
A
BBILDUNG
1: S
ICH SELBST ZEICHNENDE
H
ÄNDE
...II
A
BBILDUNG
2: D
IE
E
NTWICKLUNG DES
B
RANCHENUMSATZES DER
U
NTERNEHMENSBERATUNG
...1
A
BBILDUNG
3: T
RIVIALE VS
. N
ICHT
-
TRIVIALE
M
ASCHINEN
...8
A
BBILDUNG
4: D
IE WICHTIGSTEN
E
IGENSCHAFTEN VON TRIVIALEN UND NICHT
-
TRIVIALEN
M
ASCHINEN
...9
A
BBILDUNG
5: D
IE
S
YSTEMTYPEN NACH
L
UHMANN
...20
A
BBILDUNG
6: E
INE
T
YPOLOGISIERUNG VON
B
ERATERROLLEN
...35
A
BBILDUNG
7: E
INE IDEALTYPISCHE
K
LASSIFIKATION VON
B
ERATUNGSANSÄTZEN
...36
A
BBILDUNG
8: D
AS KLASSISCHE
P
HASENMODELL
...39
A
BBILDUNG
9: D
IE
V
ERBREITUNG DER
B
ERATUNGSANSÄTZE
...46
A
BBILDUNG
10: B
ETEILIGTE
S
YSTEME DER
B
ERATUNG
...59
A
BBILDUNG
11: E
IN
N
ETZWERK VON AUFEINANDER EINWIRKENDEN NICHT
-
TRIVIALEN
M
ASCHINEN
...64
A
BBILDUNG
12: D
IE
R
EFLEXIONSSCHLEIFE
...80

Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung
1
1 EINFÜHRUNG: ENTWICKLUNG DER BERATUNGSBRANCHE UND
ZIELSE TZUNG
Die Beratungsbranche ist seit Jahren ein boomender Dienstleistungssektor. Das
belegen nicht nur deren Wachstumszahlen (vgl. Abbildung 2), auch bei Studenten aus
unterschiedlichen Fachrichtungen übt diese Branche mitunter eine nahezu magische
Anziehungskraft aus. Das professionelle Image und weltmännische Flair der Berater
7
,
ihr Arbeitseinsatz, ausgiebige Reisen und Honorare haben den Beratern einen elitären
Ruf eingebracht, so dass es für viele Studierende erstrebenswert scheint, diesem zu
folgen und ihre berufliche Karriere in diese Richtung einzuschlagen.
8
Quelle: BDU (2002: 4)
Der Branchenumsatz in Deutschland von 1995 bis 2001 in Mrd.
7,2
7,8
8,4
9,6
10,9
12,2
12,9
0
2
4
6
8
10
12
14
95
96
97
98
99
00
01
Mr
d
.
Abbildung 2: Die Entwicklung des Branchenumsatzes der Unternehmensberatung
7
Hier und im Folgenden wird ausschließlich aus Gründen der Lesbarkeit der maskuline Begriff
verwendet.
8
Aufgrund von Befragungen kommt McKinsey zu dem Ergebnis, dass Consulting bei den meisten
Hochschulabgängern der Wunschberuf ist, vgl. die elektronisch veröffentlichte Pressemitteilung
unter
http://www.mckinsey.de/presse/011113_wunschberuf_consulting.htm
[24.05.2002]. Das
konsequente Einfordern von Leistungsbereitschaft und Erfolgsorientierung durch die
Beratungsfirmen - wofür Schlagwörter wie ,up-or-out' oder ,grow-or-go' stehen - hat ihre
Schattenseite allerdings in einer sehr hohen Fluktuation der Branche.

Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung
2
Über die unterschiedlichen Beratungsphilosophien
9
hinweg hat diese Branche in
Deutschland mittlerweile einen Umsatz von etwa 13 Milliarden Euro erreicht (vgl.
Abbildung 2), beschäftigt derzeit etwa 70.000 Berater in 14.500 Unternehmen und
verzeichnet seit Jahren kontinuierlich zweistellige Wachstumsraten (vgl. BDU 2002:
4).
Die Branche scheint sowohl von konjunkturellen Wachstumsphasen, die für ein
Wachstum des gesamten Wirtschaftssektors sorgen, als auch von Rezessionen zu
profitieren, die viele Unternehmen für ,,Schlankheitskuren" nutzen, wozu sie aus
Legitimationsgründen häufig externe Berater für diese unangenehmen Aufgaben
vorschieben (vgl. Simon 1995: 293).
10
Die Frage, worauf dieser Boom der vergangenen Jahre zurückzuführen ist, wird
zuweilen mit der häufig beschriebenen - und von Beratern aus Eigeninteresse
mitunter auch propagierten bzw. lancierten - zunehmenden Komplexität und
Dynamik
11
der Wirtschaft und Gesellschaft
12
begründet. Diese trägt sicherlich in
erheblichem Maße dazu bei, dass sich Unternehmen und Organisationen ohne
professionelle Hilfe den Anforderungen des modernen Marktes und dem steigenden
Veränderungsdruck nicht mehr alleine gewachsen sehen. Die Lösung der
Unternehmensprobleme wird daher gerne in den Konzepten und Tools der - vor allem
renommierten - Berater gesucht.
Rudolf Wimmer (1991: 48) erklärt die expansive Nachfrage nach externen
Beratungsdienstleistungen mit dem erstarkenden Professionalisierungsgrad des
mittelständischen Managements im deutschsprachigen Raum.
13
So hätten in der
Vergangenheit vor allem Großunternehmen Beratungsleistungen in Anspruch
genommen. In Anbetracht des Rückzugs der alten Form der unmittelbar und
ausschließlich von den Eigentümerfamilien gesteuerten Unternehmen, und der damit
einhergehenden Professionalisierung des Managements der mittelständischen
Unternehmen, würden diese nun auch in zunehmendem Maße Beratungsleistungen
9
Vgl. Kapitel 3.
10
Wimmer/Kolbeck (2002: 201) nennen dies metaphorisch die ,,Blitzableiterfunktion" des Beraters.
11
Rieckmann (1997: 4f.) greift beide Begriffe auf und kombiniert sie zu dem Kunstwort "Dynaxity",
womit er der Tatsache Ausdruck verleihen will, dass sowohl Dynamik als auch Komplexität sich
wechselseitig verstärken und in der modernen Gesellschaft und Wirtschaft gleichzeitig stark
zunehmen.
12
Kirsch (2001: 69) verdeutlicht dies durch eine Auflistung der heterogenen Bezeichnungen mit der die
,,derzeitige" Gesellschaft in der Literatur tituliert.

Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung
3
beanspruchen. Darüber hinaus seien, aufgrund eines verstärkten
gesamtgesellschaftlichen Veränderungsdrucks, auch Teile der bislang
beraterresistenten öffentlichen Verwaltung vermehrt bereit, sich extern beraten zu
lassen.
Um den gestiegenen und individuelleren Anforderungen an Beratungsleistungen
gerecht zu werden, hat sich die Beratungsbranche selbst intern ausdifferenziert und
auch Beratungsansätze mit systemtheoretischen Hintergrund ausgebildet. Dieser
relativ jungen und in der Praxis bisher vielfach vernachlässigten Sparte soll in der
vorliegenden Arbeit die Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Der vereinzelten und sporadischen Adaption in der Praxis zum Trotz wird der
systemtheoretischen bzw. systemischen Beratung
14
dagegen seit einigen Jahren in
der wissenschaftlichen Diskussion hohe Beachtung zuteil. Dies vor allem von
denjenigen Autoren, die darin übereinstimmen, dass die traditionellen
Beratungsformen an ihre Grenzen stoßen, es der Beratung bisher an einer
einheitlichen theoretischen Grundlage mangelt (vgl. stellvertretend Wimmer 1991: 59
und 1995: 247) und die daher in der Systemtheorie einen fruchtbaren Ansatz zur
Entwicklung einer Theorie der Beratung vermuten.
So stolpert man, wenn man versucht, sich einen Überblick über das Spektrum der
Beratungsliteratur zu verschaffen, zwar zwangsläufig über viele mit Anglizismen
aufpolierte Konzepte und Ideen,
15
aber weniger auf ein einheitliches und fundiertes
Theoriegebäude, das neben dem eigenen Gegenstandsbereich auch eine Theorie der
Veränderung aufbieten würde.
16
Die vorliegende Arbeit verfolgt im Sinne einer Beobachtung dritter Ordnung daher eine
zweifache Zielsetzung: Zum einen soll die systemische Beratung im Hinblick auf ihre
theoretischen Grundlagen dargestellt, kritisch beurteilt und mit ihrer Ausprägung in der
13
Vgl. auch Wimmer/Kolbeck (2002: 197f.).
14
Aufgrund ihrer Nähe und Einflüsse aus der systemischen Familientherapie (vgl. Kapitel 4) findet sich
in der Literatur statt systemtheoretischer Beratung häufiger der Begriff der ,,systemischen Beratung"
(vgl. u.a. Mingers (1996), Groth (1996)). Im Folgenden sollen beide Begriffe synonym verwendet
werden, da in der Literatur kein qualitativer Unterschied in der Begriffsverwendung festgestellt
werden kann.
15
In diesem Zusammenhang sei nur an einschlägige Organisationsmoden wie lean production,
reengineering, total quality management, core compentencies, strategic intent, lean management,
customer relationship management usw. erinnert.

Einführung: Entwicklung der Beratungsbranche und Zielsetzung
4
Praxis verglichen werden. Dies evoziert die Frage, inwiefern die systemische
Organisationsberatung als systemtheoretisch angesehen bzw. bezeichnet werden
kann (vgl. Groth 1996). Zum anderen soll der Frage der potentiellen Fruchtbarkeit
einer systemtheoretisch fußenden Theorie der Beratung, sowie der Praxisrelevanz
einer systemtheoretisch begründeten Beratung nachgegangen werden.
Dazu sollen in einem ersten Schritt die relevanten theoretischen Grundlagen der
Systemtheorie für die systemische Beratung aufgearbeitet (Kapitel 2) und
anschließend eine schematische Abgrenzung zu anderen Beratungsphilosophien
geleistet werden, um die systemische Beratung adäquat verorten zu können (Kapitel
3). Im Anschluss daran wird auf eine praktische Anwendung der Systemtheorie in der
systemischen (Familien-)Therapie eingegangen werden (Kapitel 4), durch die der
systemische Beratungsansatz nachhaltig geprägt wurde. Darüber hinaus soll versucht
werden, die Zirkularität der systemischen Beratung durch die Darstellung der
beteiligten sozialen Systeme analytisch zu trennen, um anschließend einen Blick in
die Praxis zu werfen (Kapitel 5). Das Schlusskapitel widmet sich schließlich - im
Hinblick auf die Zielsetzungen - einer Würdigung, sowohl der Theorie, als auch der
Praxis der systemtheoretischen Beratung (Kapitel 6).
16
,,Bisher gibt es (...) noch recht wenig gesichertes Wissen darüber, welche Wirkungen externe
Beratungsleistungen in den betreffenden Organisationen überhaupt auslösen. Die
Beratungsforschung steckt noch in den Kinderschuhen (...)." (Wimmer/Kolbeck 2002: 198).

Systemtheoretische Grundlagen
5
2 SYSTEMTHEORETISCHE GRUNDLAGEN
Um das Organisationsverständnis und die Grundgedanken systemischer Beratung
verstehen und beurteilen zu können, ist es zunächst notwendig, einige relevante
Begriffe und konstitutive Prämissen der Systemtheorie
17
einzuführen.
Systemtheoretisches Gedankengut findet sich mittlerweile in einer Reihe von
Wissenschaftsdisziplinen: u.a. in der Betriebswirtschaftslehre (H. Ulrich, F. Malik, G.
Probst, R. Wimmer), in der Biologie (H. Maturana, F. Varela), in der Familientherapie
(M. Selvini- Palazzoli, H. Stierlin, F.B. Simon), in der Kommunikationstheorie (P.
Watzlawick, G. Bateson), in der Kybernetik (W.R. Ashby, N. Wiener, H. von Foerster),
in der Ökologie (F. Capra, F. Vester) und in der Soziologie (N. Luhmann, T. Parsons,
H. Willke, D. Baecker).
Als Grundpfeiler dieser offenbar ,,fachuniversellen Theorie" (Luhmann 1984: 10)
können der Konstruktivismus und die Kybernetik 2. Ordnung (2.1) und das von
Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela eingeführte Konzept der Autopoiese
identifiziert werden (2.2), das eng mit den Gedanken der Selbstreferenz und der
operationalen Geschlossenheit verbunden ist. Aus diesen Grundgedanken entwickelte
sich in den Sozialwissenschaften - ausgehend von Niklas Luhmann - das Paradigma
der neueren Systemtheorie (2.3)
18
und dessen organisationstheoretische
Ausgestaltung (2.4). Die folgenden Abschnitte widmen sich einer Darstellung der für
die Beratung von Organisationen relevanten Aspekte dieser Ideen.
19
2.1 Konstruktivismus und Kybernetik 2. Ordnung
,,Wenn es in diesem Jahrhundert so
etwas wie eine zentrale intellektuelle
Faszination gibt, dann liegt sie
wahrscheinlich in der Entdeckung des
Beobachters." (Baecker 1993: 17)
17
Nagel (2002:253) lehnt mit Verweis auf Wimmer die Existenz der Systemtheorie ab und identifiziert
demgegenüber lediglich ,,interessante Denkansätze aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen,
die sich wechselseitig enorm befruchten."
18
Die sogenannte ,,neuere Systemtheorie" (die ,,Theorie selbstreferentieller, autopoietischer Systeme"
(Luhmann 1984: 11)) stellt eine Weiterentwicklung älterer Systemtheorien, wie etwa der Theorie
offener oder geschlossener Systeme (vgl. Fuchs (1973) und Bleicher (1972)), dar.
19
Zu den folgenden Ausführungen ist anzumerken, dass sie stark miteinander verwoben sind und sich
insofern nicht trennscharf gegeneinander abgrenzen lassen, was etwaige Redundanzen
unvermeidbar macht.

Systemtheoretische Grundlagen
6
Der Konstruktivismus
20
und die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung sollen hier als
Ausgangspunkt zur Einführung in die neuere Systemtheorie verwendet werden.
2.1.1 Konstruktivismus
Dem Konstruktivismus geht es um die Klärung der Frage, was Erkenntnis ist, und wie
sie zustande kommt.
21
Der Grundgedanke des Konstruktivismus, der sich bis auf
Immanuel Kant zurückführen lässt,
22
besagt, dass jede Erkenntnis
beobachterabhängig ist. Konstruktivistisches Denken geht also nicht von einer
objektiven Realität aus, die für die Erkenntnis relevant wäre, sondern aus
konstruktivistischer Sicht ist die Wirklichkeit eine Konstruktion (vgl.
Klimecki/Probst/Eberl 1991: 120). Wirklichkeit und Realität sind demnach voneinander
zu trennen. Die Wirklichkeit des Menschen wird von diesem nicht in der
phänomenalen Welt (Realität) gefunden, sondern selbst aus dem kognitiven System
heraus erfunden (Wirklichkeit) (vgl. Nicolai 2000: 153). Dies bedeutet jedoch nicht,
dass die Wirklichkeitskonstruktionen losgelöst von der realen Welt nur Vorstellungen,
Illusionen oder gar Träume wären, wie es der Solipsismus annimmt, sondern der
Konstruktivismus geht davon aus, dass es sich zwar bei Erkenntnisprozessen um
Konstruktionen eines Beobachters handelt, die faktische Existenz der Realität dadurch
aber keineswegs geleugnet wird.
23
Ausgehend von dem Satz der undifferenzierten Kodierung (vgl. v. Foerster 1993: 56),
der besagt, dass die Erregungszustände einer Nervenzelle nicht die Natur der
Erregungsursache kodieren, sondern nur kodiert wird: ,,so und so viel an dieser Stelle
meines Körpers, aber nicht was" (v. Foerster 1993: 56), folgt, dass die äußere Realität
nicht im Inneren repräsentiert wird, sondern das Ergebnis einer internen ,,Er-
Rechnung" (v. Foerster 1993: 50), also eine Konstruktion, ist. Zusammen mit dem
Konzept der Autopoiese
24
, der Idee der Selbsterzeugung (vgl. Maturana/Varela 1987:
20
Für eine Einführung und einen ausführlichen Überblick über den Konstruktivismus siehe Jensen
(1999).
21
Für eine knappe aber anschauliche Übersicht über unterschiedliche erkenntnistheoretische
Positionen, siehe Neumann (2001: 182ff.).
22
In seiner ,,Kritik der reinen Vernunft" stellt Kant die These auf, dass wir die ,,Dinge an sich" gar nicht
erkennen können, sondern die Gegenstände unserer Erfahrung immer nur ,,Erscheinungen" sind,
die von den ,,Anschauungsformen" wie Raum und Zeit geprägt werden (vgl. König/Volmer 1993: 28).
23
Eine logische Ableitung der Existenz der Realität liefert Heinz v. Foerster (1993: 216): ,,Wenn ich
annehme, dass ich die einzige Realität bin, dann stellt sich heraus, dass ich nur die Vorstellung von
jemand anders bin, der seinerseits annimmt, dass er die einzige Realität ist. Natürlich lässt sich
dieses Paradox leicht dadurch auflösen, dass man die Realität der Welt postuliert (...)."
24
Vgl. Kapitel 2.2.

Systemtheoretische Grundlagen
7
50) und der damit verbundenen operationalen Geschlossenheit von Systemen, ist es
dieses Prinzip von Heinz von Foerster, was die Konstruktivisten letztlich den Schluss
ziehen lässt, ,,dass jede Erkenntnis unvermeidlich [eine] innere Konstruktion des
Systems ist." (Baraldi/Corsi/Esposito 1999: 100). Damit kann die Wirklichkeit nie
lösgelöst vom Betrachter ­ also objektiv - gesehen werden, der diese Wirklichkeit
konstruiert.
25
Insofern kann der Konstruktivismus auch vereinfacht als eine Theorie
der Beobachtung bzw. als Theorie von Beobachtungssystemen verstanden werden
(vgl. Jensen 1999: 21 u. 220).
Trotz der beobachterabhängigen Konstruktion der Wirklichkeit schließt der
Konstruktivismus die Realität aber nicht aus. Wie im anschließenden Abschnitt gezeigt
werden wird, sind Irritationen der Umwelt und Wechselwirkungen mit der Umwelt
(Realität) vielmehr durchaus denkbar und auch unabdingbar. Linear-kausale
Interventionen von ,,außen" - das lässt sich an dieser Stelle allerdings schon
vorwegnehmen - sind mit einer konstruktivistischen Vorstellung aber unvereinbar.
2.1.1.1 Das
Maschinenmodell
Um dies zu verdeutlichen sei auf die - ebenfalls auf Heinz v. Foerster (1993: 244ff.)
zurückgehende - Unterscheidung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen
26
hingewiesen (vgl. Abbildung 3).
Während triviale Maschinen durch klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge
gekennzeichnet sind (Abbildung 3a), ein bestimmter Input (x) also zu einem genau
berechenbaren Output (y) transformiert (f) wird, folgen nicht-triviale Maschinen ihrer
eigenen Funktionslogik. Ein einfaches Beispiel einer trivialen Maschine ist ein Auto,
das durch den Druck auf das Gaspedal (Input), was u.a. eine Erhöhung der
Motorleistung (Transformationsfunktion) bewirkt, als Ergebnis eine beschleunigte
Geschwindigkeit (Output) zur Folge hat, also ein linearer Ursache-Wirkungs-
Zusammenhang vorliegt. Auch das traditionelle betriebswirtschaftliche
Organisationsverständnis betrachtet Unternehmen letztlich als Trivialsysteme, die
Ressourcen in einem deterministischen Transformationsprozess in Erzeugnisse
25
Dies ist der Ausgangspunkt der Kybernetik zweiter Ordnung, die den wirklichkeitskonstruierenden
Beobachter mit einbezieht, und sich folgerichtig als Beobachter von Beobachtern versteht (vgl.
Böse/Schiepek 1989: 113). Vgl. Abschnitt 2.1.2.
26
Mit der Bezeichnung ,,Maschine" sollen auch psychische und soziale Systeme im Luhmannschen
Sinne verstanden werden.

Systemtheoretische Grundlagen
8
umwandeln (vgl. Picot/Dietl/Franck 1999: 29, Wöhe 2000: 73f., Kieser 1993: 72ff.). In
einem Trivialsystem führt also ein bestimmter Input bzw. eine bestimmte Intervention
von außen zu einem genau bestimmbaren Ergebnis bzw. einer genau bestimmbaren
Wirkung. Das System kann damit analytisch eindeutig bestimmt werden.
Triviale und Nicht-triviale Maschine
Quelle: v.Foerster (1993: 357ff.)
x
f
y
x
y
f
z
z
z`
a) Triviale Maschine
b) Nicht-triviale Maschine
Abbildung 3: Triviale vs. Nicht-triviale Maschinen
Anders verhält es sich bei sogenannten ,,nicht-trivialen Maschinen" (vgl. Abbildung
3b). Sie sind um einen inneren Zustand ,z' erweitert, der wiederum als Maschine (in
der Maschine) aufgefasst werden kann. Der entscheidende Unterschied zur trivialen
Maschine liegt darin, dass der Output (y) auch von diesem inneren Zustand der
Maschine abhängig ist, der sich mit jeder Operation der Maschine ändert, insofern
also - im Gegensatz zu trivialen Maschinen - geschichtsabhängig und nicht
vorhersagbar ist. Jeder Input verändert den inneren Zustand, so dass der gleiche
Input zu verschiedenen Zeiten einen anderen Output hervorbringen kann.
27
Um bei
dem genannten Beispiel zu bleiben, könnte man bei einer nicht-trivialen Auto-
Maschine also nicht sicher sein, ob bei einer Betätigung des Gaspedals im Ergebnis
auch wirklich eine Beschleunigung des Fahrzeugs erreicht werden würde, weil die
innere ,,Er-Rechnung" (des Motors) einen determinierten Output von außen verhindert.
Auch einige neuere betriebswirtschaftliche Ansätze sehen in Organisationen und

Systemtheoretische Grundlagen
9
Unternehmen nicht-triviale Maschinen um monokausalen Erklärungs- und
Beobachtungsmodellen die Betonung der Eigengesetzlichkeit von Organisationen
gegenüberzustellen (vgl. Luhmann 2000: 9).
Die sich aus der Differenzierung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen
ergebenden wichtigsten Eigenschaften, Implikationen und Unterschiede sind in
Abbildung 4 wiedergegeben.
Wichtige Eigenschaften von trivialen und nicht-trivialen Maschinen
Quelle: v.Foerster (1997: 41)
Triviale Maschinen
Nicht-triviale Maschinen
1. Synthetisch determiniert
1. Synthetisch determiniert
2. Analytisch bestimmbar
2. Analytisch unbestimmbar
3. Vergangenheitsunabhängig
3. Vergangenheitsanhängig
4. Voraussagbar
4. Unvoraussagbar
Abbildung 4: Die wichtigsten Eigenschaften von trivialen und nicht- trivialen Maschinen
Durch die Orientierung an einer internen Zustandsfunktion ist eine nicht-triviale
Maschine notwendigerweise historisch, also von ihrer eigenen Geschichte abhängig,
und deshalb auch für die Zukunft nicht vorhersehbar, da jede Operation eine Folge
der vorausgegangenen bzw. eine Ursache der nächsten Operation des Systems
darstellt. Im Unterschied zu trivialen Maschinen ist daher eine Wiederholbarkeit (bzw.
Änderung) aufgrund ihrer Historizität ebenfalls ausgeschlossen (vgl. Simon 1995:
287). Durch die ,,Rekursion" (v. Foerster 1993: 103) bilden sich allerdings (stabile)
,,Eigenwerte", ,,Eigenverhalten" (v. Foerster 1993: 107) bzw. ,,latente Strukturen"
27
Und umgekehrt, dass der gleiche Output aufgrund unterschiedlicher Inputs zustande kommen kann.
Dies besagen die Prinzipien der Äquifinalität und Äquipotentialität (vgl. Simon/Stierlin 1984: 25).

Systemtheoretische Grundlagen
10
(Luhmann/Fuchs 1989: 11) des Systems heraus, die zukünftige Ereignisse (bzw.
Outputs) wahrscheinlicher machen (und im Falle von sozialen Systemen Erwartungen
spezifizieren).
28
Überträgt man den Gedanken der nicht-trivialen Maschinen auf soziale Systeme, wie
Organisationen und Unternehmen, dann bedeutet dies, wie Groth festgestellt hat, eine
Umkehrung der üblichen Fragestellung: Im Gegensatz zur ,,klassischen Frage, ,was
müssen wir ändern, damit sich der Output verbessert?', wird aus systemischer Sicht
zur Frage, ,wie schafft es eine Organisation, ihre Starrheit beizubehalten, obwohl sich
alles ständig ändert?'" (1996: 35).
29
Damit entfernt sich der Blick von den Ursachen
von Problemen (Beobachtungen erster Ordnung) und wendet sich zur Eigenlogik von
Unternehmen und Organisationen (Beobachtung zweiter Ordnung), die für die
Aufrechterhaltung dieser Starrheit sorgt.
2.1.1.2 Beobachtungen
,,Wir erkennen nur, was wir wissen,
sagt Goethe. Wir wissen nur, was wir
erkennen, sagt die Systemtheorie. Und
beide haben recht." (Willke 1994: 110)
Geprägt durch den Konstruktivismus geht die Systemtheorie davon aus, dass alle
Erkenntnis durch systeminterne Beobachtungsoperationen (Konstruktionen) erzeugt
wird, also weder eine Repräsentation der Realität darstellt, noch von dieser
determiniert ist. Damit kommt dem Beobachtungsbegriff eine grundlegende
Bedeutung für Erkenntnisprozesse zu.
Folgt man Luhmann, so kann man Beobachtung als ,,eine Operation bezeichnen, die
aus den Elementen der Unterscheidung und der Bezeichnung (distinction, indication
im Sinne von Spencer Brown) besteht." (Luhmann 1984: 596)
30
28
Als Beispiel hierfür führt v. Foerster die rekursive Anwendung der Quadratwurzeloperation auf sich
selbst an, die nach einigen Iterationen, unabhängig vom Startpunkt, immer den ,,Eigenwert" ,1'
annimmt (vgl. v. Foerster 1993: 258f.). Ein weiteres Beispiel für Rekursion ist die sogenannte Lucas-
Folge: 1,3,4,7,11,18,29,... (vgl. Mingers 1996:39). Die alten Elemente bringen hier durch die
rekursive Anwendung einer Regel immer neue Elemente hervor. Unter Rekursivität versteht man
also die Anwendung einer Operation auf die Ergebnisse einer vorausgegangenen Anwendung der
Operation (vgl. Wollnik 1994: 154). Dies hat zur Folge, dass in rekursiven Zusammenhängen die
Wirkungen ihre Ursachen beeinflussen bzw. dass letztlich nicht zwischen Ursache und Wirkung
unterschieden werden kann (vgl. Böse/Schiepek 1989: 106).
29
Rechtschreibung korrigiert.
30
"Unter einer Operation versteht man die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen
Systems mit Hilfe der Elemente desselben Systems (...). Auch die Beobachtung ist (...) ihrerseits
eine Operation eines Systems (...)" (Baraldi/Corsi/Esposito 1999: 123ff.).

Systemtheoretische Grundlagen
11
,,Unter Beobachtung soll deshalb nichts weiteres verstanden werden, als die Anwendung
einer Unterscheidung, zur Placierung einer Bezeichnung innerhalb dieser Unterscheidung,
mit der die eine, und nicht die andere Seite als Ausgangspunkt für weitere Operationen
markiert wird." (Luhmann 1997b: 76, Fn. weggelassen)
Beobachtungen durch ein System sind also durch dessen Fähigkeit möglich,
Unterscheidungen zu setzen und diese zu bezeichnen, oder wie es Spencer Brown
formuliert:
,,(...) we cannot make an indication without drawing a distinction (...) Once a distinction is
drawn (...) each side of the boundary, being distinct, can be indicated." (zitiert nach Willke
1994: 100)
Information, als ,,Unterschied, der einen Unterschied ausmacht" (Bateson 1981: 582),
und damit Erkenntnis, lässt sich demnach nur durch Beobachtungen, das heißt, durch
Unterscheidungen gewinnen. Denn, ,,alles Beobachten ist ein Unterscheidendes
Bezeichnen, oder genauer: die Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite
einer Unterscheidung." (Luhmann 1990b: 22)
Jede Beobachtung muss folglich je nach Beobachter unterschiedlich sein, denn
beobachten lässt sich nur das, was für den Beobachter in der Form einer Differenz
vorliegt, die das jeweilige System bzw. der Beobachter entsprechend seinen eigenen
Schemata und Unterscheidungen selbst trifft.
Wenn das, was Systeme aus ihrer Umwelt wahrnehmen, abhängig von ihren eigenen
systeminternen Differenzkategorien ist, diese also festlegen, was als Information für
das System gilt, dann wird alles andere, was kein Unterschied im Sinne Batesons ist,
von dem jeweiligen System nur als ,,Rauschen" (Bateson 1981: 529) empfunden. Im
Falle von Organisationen als beobachtende soziale Systeme
31
gilt also beispielsweise
nur diejenige Handlung als Entscheidung, die gemäß ihrer eigenen Interpretation als
solche angesehen wird, das heißt, Organisationen interpretieren Handlungen als
Entscheidungen, alles andere bleibt nur ,,Rauschen" für sie (vgl. Wollnik 1994: 132f.).
Sieht man diese erkenntnisleitenden Differenzen sozialer Systeme als relativ
zeitstabile Strukturen an, also als geschichtsabhängigen inneren Zustand einer nicht-
trivialen Maschine, kann man auch davon sprechen, dass soziale Systeme, und somit
auch Organisationen, strukturdeterminiert sind.
32
31
Vgl. Kapitel 2.3.3.
32
Zum Begriff des Strukturdeterminismus siehe Böse/Schiepek (1989: 172ff.).

Systemtheoretische Grundlagen
12
Zur Strukturdeterminiertheit tritt zudem das jeder Beobachtung inhärente und für den
Beobachter unhintergehbare Problem des ,,blinden Flecks" (vgl. v. Foerster 1993: 26).
Das heißt:
,,Ein System [verstanden als Beobachter, Anm. d. Verf.] kann nur sehen, was es sehen
kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann. Es kann auch nicht sehen, dass es
nicht sehen kann, was es nicht sehen kann." (Luhmann 1990a: 52)
Beobachtet ein System beispielsweise mit der Unterscheidung wahr/nicht-wahr
33
, so
kann es nicht gleichzeitig beobachten, ob diese Unterscheidung selbst wahr ist oder
nicht. ,,Denn die für alles Beobachten notwendige Unterscheidung kann sich im
Moment ihres Gebrauchs nicht selber unterscheiden (...)" (Luhmann 1990b: 16).
Damit sind einem Beobachter zunächst also Erkenntnisgrenzen auferlegt.
2.1.2 Kybernetik 2. Ordnung
An diesem Punkt setzt nun die Kybernetik zweiter Ordnung an. Diese geht davon aus,
dass es einem Beobachter zweiter Ordnung gelingt zu beobachten, was ein
Beobachter erster Ordnung für Unterscheidungen in seiner Beobachtung von
Sachverhalten (Beobachtungen erster Ordnung) trifft, und dass der Beobachter
zweiter Ordnung daraus Rückschlüsse für seine eigenen (Beobachtungs-)
Operationen ziehen kann.
34
,,Diese Beobachtung zweiter Ordnung schließt aus der Beobachtung ihres Gegenstandes
(also: von Beobachtungen) auf sich selbst als Beobachtung (...), schließt also durch die
Beobachtung von Beobachtungen darauf, wie beobachten möglich ist und mit welchen
erkenntnisleitenden Differenzen welche Arten von Informationen produziert werden."
(Willke 1994: 110)
Dies ist aber nicht gleichbedeutend mit einem privilegierten bzw. ,,extramundanen
Standpunkt" (Luhmann 1990b: 15) des Beobachters zweiter Ordnung (er
operiert/beobachtet ebenfalls mit seinen Unterscheidungen und hat folglich auch
seinen eigenen blinden Fleck). Auch die Beobachtung der Beobachtung ist also daran
gebunden, dass sie nicht sehen kann, dass sie nicht sieht, was sie nicht sieht. ,,Wenn
er [der Beobachter zweiter Ordnung, Anm. d. Verf.] aber einen anderen Beobachter
beobachtet, kann er dessen blinden Fleck, dessen Apriori, dessen ,latente Strukturen'
beobachten." (Luhmann/Fuchs 1989: 10f.)
35
33
Die Unterscheidung wahr/nicht-wahr bezeichnet die Leitdifferenz des Wissenschaftssystems (vgl.
Kneer/Nassehi 2000: 132).
34
Luhmann (1990b: 15f.) bezeichnet dies als ,,autologische" Komponente des Beobachtens.
35
Hervorhebungen im Original.

Systemtheoretische Grundlagen
13
Überträgt man diesen Gedanken auf die Organisationsberatung, wie es die
systemische Beratung tut, dann kann davon ausgegangen werden, dass ein
Beobachter zweiter Ordnung (Berater) theoretisch die Beobachtungsoperationen
eines Beobachters erster Ordnung (Klient) beobachten kann. Demnach ist die Art und
Weise, wie der Beobachter erster Ordnung (Klient) seine Wirklichkeit konstruiert, von
Interesse, und nicht der Gegenstand der Beobachtung selbst. Will ein Berater
allerdings diese Beobachtungsoperationen verändern, also etwas in einer
Organisation bewirken, ist er mit dem Problem konfrontiert, dass seine Interventionen
auf ein autopoietisches, selbstreferentielles und operational geschlossenes System
treffen. Was dies bedeutet, soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.
2.2 Autopoiese, operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz
2.2.1 Autopoiese
Das entscheidende Merkmal autopoietischer Systeme
36
besteht in ihrem
geschlossenen Daseinsprinzip, das heißt in ihrer Fähigkeit, die eigene Organisation
aus sich selbst heraus zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Autopoietische Systeme
sind also dadurch gekennzeichnet, dass sie die Elemente, aus denen sie bestehen,
und ihre Struktur, laufend auf der Grundlage eigener Elemente und Strukturen
reproduzieren (vgl. Wollnik 1994: 122).
37
Im Kern bedeutet dies, dass es ,,keine
Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis [gibt]." (Maturana/Varela 1987: 56).
Klassisches Beispiel hierfür ist die Zelle, die sich und ihre Bestandteile laufend selbst
reproduziert (vgl. Maturana/Varela 1987: 53f.; Kneer/Nassehi 2000: 50). Im
Gegensatz zu Maturana und Varela überträgt Niklas Luhmann diesen ursprünglich
naturwissenschaftlichen Begriff auch auf die Beschreibung sozialer Phänomene
38
, er
geht also beispielsweise im Falle von sozialen Systemen davon aus, dass
Kommunikationen das Ergebnis früherer Kommunikationen sind und selbst wiederum
Kommunikationen auslösen.
39
36
Etymologisch betrachtet ist ,,Autopoiesis" eine Zusammensetzung der griechischen Begriffe autos (=
selbst) und poiesis (=Machen, Herstellung). Der Begriff stammt von den chilenischen Biologen
Maturana und Varela, die diesen Begriff zur Beschreibung lebender Systeme eingeführt haben (vgl.
Maturana/Varela 1987).
37
Als Elemente gelten für Systeme diejenigen Einheiten, ,,die für das System nicht weiter auflösbar
sind." (Luhmann 1984: 245f.).
38
Vgl. Luhmann (1984) und Walger (1995c: 302).
39
Vgl. Abschnitt 2.4.

Systemtheoretische Grundlagen
14
,,Der Begriff [der Autopoiesis, Anm. d. Verf.] bezieht sich auf (autopoietische) Systeme, die
alle elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch ein Netzwerk eben dieser
Elemente reproduzieren und sich dadurch von der Umwelt abgrenzen ­ sei es in der Form
von Leben, in der Form von Bewusstsein oder (im Falle sozialer Systeme) in der Form von
Kommunikation. Autopoiesis ist die Reproduktionsweise dieser Systeme." (Luhmann
1990a: 266)
2.2.2 Operationale Geschlossenheit und Selbstreferenz
Eng verbunden mit dem Begriff der Autopoiese sind die Begriffe der operativen
Geschlossenheit und der Selbstreferenz.
Dadurch, dass autopoietische Systeme alles, was sie als Einheit verwenden, selbst
als Einheit herstellen und dabei rekursiv die Einheiten benutzen, die im System schon
konstituiert sind, bezeichnet man sie als operational geschlossen. Maturana und
Varela (1987: 179ff.) sehen beispielsweise im Nervensystem ein operational
geschlossenes System. Mit operationaler Geschlossenheit ist damit zwar gemeint,
dass autopoietische Systeme die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst
wiederherstellen. Strukturell sind sie aber durchaus offen und als dissipative Systeme
auf den Austausch mit ihrer Umwelt - in Form von Energie oder Informationen ­ auch
zwingend angewiesen. ,,So wenig wie es Systeme ohne Umwelten gibt", schreibt dann
auch Luhmann, ,,[gibt es] Umwelten ohne Systeme." (1984: 41) Der Begriff der
operativen Geschlossenheit bezeichnet also ,,nur" den Prozess der Selbstproduktion,
also der Autopoiese, womit autopoietische Systeme zwar autonom in Bezug auf ihre
Operationen, aber nicht autark sind.
40
Ruft man sich die Idee der Eigenwerte nicht-trivialer Maschinen in Erinnerung, dann
lässt sich konstatieren, dass autopoietische, operational geschlossene Systeme
zudem strukturdeterminiert sind (vgl. Wollnik 1994: 123). Dies bedeutet, dass die
Struktur autopoietischer Systeme zu einem Zeitpunkt mitbestimmt, welche
strukturellen Veränderungen im nächsten Moment möglich sind und welche
Informationen überhaupt erst aufgenommen werden können. Strukturbildung ist somit
die Voraussetzung der Selbstproduktion, da Strukturen durch ,,selektive
Einschränkung der Relationierungsmöglichkeiten (...) die Gleichwahrscheinlichkeit
jedes Zusammenhangs einzelner Elemente (Entropie)" (Luhmann 1984: 386), die
40
Autonomie bedeutet also keine Unabhängigkeit von der Umwelt, sondern die relative Wahlfreiheit des
Systems, wie es sich mit den Umwelteinflüssen auseinandersetzen will (vgl. Klimecki/Probst/Eberl
1991: 127). Insofern handelt es sich nur um mitlaufende Selbstreferenz und nicht um reine
Selbstreferenz (vgl. Luhmann 1984: 604).

Systemtheoretische Grundlagen
15
zum Tod des Systems führen würde, aufheben (und damit Redundanz erzeugen).
41
Die relative Invarianz der Strukturen ermöglicht es sozialen Systemen dann,
unabhängig von den Umweltperturbationen, an gewissen Erwartungen festzuhalten
(vgl. Luhmann 1999: 26 und Mingers 1996: 85).
42
Mit dem Begriff der Selbstreferenz
43
wird die Tatsache beschrieben, dass
autopoietische Systeme auf sich selbst Bezug nehmen, also ,,jede Operation, die sich
selbst auf anderes und dadurch auf sich selbst bezieht." (Luhmann 1990a: 269)
Selbstreferentielle Systeme sind demnach in der Lage, das, was zum System gehört,
von dem, was zu ihrer Umwelt gehört, zu unterscheiden. Es kann sich bei der
Selbstreferenz allerdings immer nur um ,,mitlaufende Selbstreferenz" handeln. ,,Reine
Selbstreferenz im Sinne eines ,nur und ausschließlich sich auf sich selbst Beziehens'
ist unmöglich" (Luhmann 1984: 604).
44
Aufgrund dieses operational geschlossenen, selbstreferentiellen und autopoietischen
Charakters nimmt die Umwelt auf das autopoietische System nur Einfluss über
Störungen bzw. Irritationen, wobei das jeweilige System unter Zuhilfenahme ihrer
strukturellen Prädisposition systemintern über deren Informationsgehalt entscheidet.
Psychische und soziale Systeme stellen so beispielsweise jeweils füreinander
spezifische Umwelten dar. Gedanken (als Elemente psychischer Systeme) können
aber selbstverständlich Auswirkungen auf Kommunikationen (als Elemente sozialer
Systeme) haben, und umgekehrt. Insofern sind beide zwar strukturell miteinander
gekoppelt (vgl. Luhmann 2000: S. 397ff.), das heißt, sie benötigen sich wechselseitig,
aber sie determinieren sich dadurch nicht. So wie die Blindheit (vgl. Abschnitt 2.1.1.2)
letztlich die Bedingung für das Sehen ist, so ist die operative Geschlossenheit des
Systems die ,,Bedingung der Möglichkeit für Offenheit." (Luhmann 1984: 606).
41
Vgl. zur Dualität von Strukturen auch Kapitel 5.3.2.
42
Luhmann (1984: 426ff.) unterscheidet in diesem Zusammenhang drei Formen der Stabilisierung von
Erwartungsstrukturen: die sachliche Identifikation von Erwartungszusammenhängen, die
Modalisierung von Erwartungen und die Latenz von Strukturen (vgl. auch Mingers 1996: 85f.).
43
Aufgrund der ,,heillosen Begriffsverwirrung", die in der neueren Systemtheorie um die Begriffe mit den
Wortteilen ,,Selbst-" bzw. ,,Auto-", wegen der ,,nicht immer stringenten Begriffsverwendung" (Kasper
1991: 9) Luhmanns, herrscht, schlägt Kirsch (1997c: 279ff. bzw. 355ff.) im Anschluss an Teubner
ein ,,gradualistisches Autopoiese-Konzept" vor und sympathisiert mit Hejl`s Vorschlag soziale
Systeme als ,,synreferentiell" zu kennzeichnen (vgl. auch Kirsch/zu Knyphausen 1991: 88ff.).
44
Vgl. auch Luhmann (1984: 60, 199, 393). Zu den verschiedenen Formen der Selbstreferenz (basale,
prozessuale (Reflexivität), Systemreferenz (Reflexion)), siehe u.a. Luhmann (1984: 600f.), Kasper
(1991: 10ff.), Baraldi/Corsi/Esposito (1999: 163ff.) und Böse/Schiepek (1989: 143ff.).

Systemtheoretische Grundlagen
16
Denn nur unter Beibehaltung seiner operativen Geschlossenheit und seines
Selbstbezugs (Selbstreferenz), die beide notwendig für die Fortsetzung der
Autopoiese, also für sein Fortbestehen sind, kann sich das System für bestimmte
relevante Impulse aus der Umwelt öffnen, die das System aber - wie erläutert -
selbstselektiv auswählt. Letztlich ist also Umweltkontakt nur in der Form von
Selbstkontakt (Selbstreferenz) möglich (vgl. Luhmann 1984: 59).
2.3 (Soziale) Systeme
Die Luhmannsche Theoriearchitektur ist nicht linear, sondern zirkulär konstruiert. Aus
diesem Grund ist der Einstieg nahezu beliebig wählbar. Im Folgenden wird der
Zugang zu sozialen Systemen über die Differenzierung von System und Umwelt
konzipiert.
2.3.1 System/ Umwelt Differenz und Komplexität
Im Gegensatz zur traditionellen Unterscheidung von Teilen und Ganzem definiert
Luhmann Systeme in Differenz zur ihrer Umwelt (vgl. Luhmann 1984: 20ff.).
Konstitutiv für ein System ist, dass eine Grenze in Form eines Komplexitätsgefälles
zwischen System und Umwelt
45
festzustellen ist, das heißt die Umwelt des Systems
ist immer komplexer als dieses selbst (vgl. Luhmann 1984: 48). Eine ,,Punkt-für-Punkt-
Übereinstimmung" (Luhmann 1984: 47) zwischen System und seiner Umwelt ist
ausgeschlossen, da sonst kein identitätsstiftender Unterschied zwischen System und
Umwelt vorliegen würde. Um die Grenze zur Umwelt zu stabilisieren, muss das
System aber die unendliche Komplexität der Umwelt reduzieren, was es durch den
Aufbau von Eigenkomplexität bewerkstelligt, denn: ,,[n]ur Komplexität kann
Komplexität reduzieren" (Luhmann 1984: 49). Durch die Reduktion von Komplexität
entstehen dann selektive Verbindungen zwischen den Elementen eines Systems und
insofern ,,organisierte Komplexität" (Luhmann 1984: 46) im System.
Mit anderen Worten, will ein System Komplexität reduzieren, benötigt es dazu den
Aufbau von Eigenkomplexität, denn ,,Eigenkomplexität bezeichnet die Eigenschaft
eines Systems, das Chaos unbegrenzter Umweltkomplexität nicht nur zu reduzieren,
45
Wenn hier und im Folgenden von der Umwelt gesprochen wird, so ist immer eine systemspezifische
Umwelt gemeint, denn ,,Umwelt ist ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich
aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene." (Luhmann
1984: 249).

Systemtheoretische Grundlagen
17
sondern in eine spezifische Ordnung zu transformieren, und zwar nach Regeln,
welche zumindest auch von den Anschluss- und Koordinationsbedingungen der
jeweils im System bereits aufgebauten Eigenkomplexität abhängen" (Willke 1994:
103). Reduktion von Komplexität bedeutet also Rekonstruktion von Komplexität mit
einfacheren Mitteln (vgl. Wollnik 1994: 126). Will beispielsweise ein Unternehmen die
Auswirkungen der Euroumstellung auf die Kaufgewohnheiten der Konsumenten
überprüfen, wird es möglicherweise selbst, z.B. in der Marketing-Abteilung, eine
Marktstudie durchführen. Dazu benötigt das Unternehmen allerdings den Aufbau von
Know-how (also Binnenkomplexität), um die Untersuchung erstens durchführen und
die Ergebnisse zweitens verstehen zu können, sie also in Informationen für sich zu
transformieren.
Wie dieses Beispiel verdeutlicht, sind Informationen nicht schon an sich
Informationen, die in der Umwelt ,,lagern", sondern immer selbsterzeugte
Informationen. Die Umwelt enthält für das System demzufolge keine Informationen.
,,Sie ist wie sie ist" (v. Foerster 1993: 102) und enthält allenfalls Daten. Die Umwelt
kann demnach auch nicht direktiv auf das System einwirken, da keine Informationen
übertragen werden, sondern dieses unterscheidet die Umweltphänomene nach
eigenen selbstgewählten Gesichtspunkten und gewinnt dadurch Informationen (vgl.
Luhmann 1984: 265). Je größer also die aufgebaute Eigenkomplexität des Systems
ist, desto größer ist die Menge der (Umwelt-)Komplexität, die das System reduzieren
und als Informationen für sich verwerten kann.
Reduktion von Komplexität bedeutet folglich immer eine Selektion von Möglichkeiten.
In diesem Zusammenhang bezeichnet der Begriff der Kontingenz, dass die Auswahl
der Möglichkeiten auch anders durchgeführt werden kann.
46
Dies bedeutet aber auf
der anderen Seite keineswegs, dass die Selektionen beliebig sind. Luhmann verweist
hierzu auf den Begriff des Sinns, der in sozialen (und psychischen) Systemen die
Anschlussfähigkeit der Selektionen steuert, indem Sinn immer wieder auf Sinn
verweist (vgl. Luhmann 1984: 105). Gleichzeitig zeigt der Sinn durch das ,,laufende
Aktualisieren von Möglichkeiten" (Luhmann 1984: 100) aber auch die Kontingenz
jeder Selektion auf.
46
Luhmann definiert Kontingenz folgendermaßen: ,,Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch
unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch durchaus anders
möglich ist" (Luhmann 1984: 152, Fn. weggelassen).

Systemtheoretische Grundlagen
18
Strukturen und Prozesse helfen bei der Auswahl der Möglichkeiten (vgl.
Böse/Schiepek 1989: 169ff.), wirken also als ,,Selektionsverstärker" (Wollnik 1994:
154), als ,,Muster der Selektion" (Luhmann 1990a: 267) bzw. als ,,Vorselektion des
Seligierbaren" (Luhmann 1984: 74).
47
Die Funktion von Strukturen liegt also in der
Ermöglichung der Anschlussfähigkeit der autopoietischen Reproduktion von Ereignis
zu Ereignis (vgl. Luhmann 1984: 62). Insofern ,,wird ein autopoietisches System, wenn
es überhaupt seine Autopoiesis fortsetzt, Strukturen bilden, um einzuschränken, was
auf was folgen kann." (Luhmann 1992: 172)
Auf der allgemeinen Ebene kondensieren sich diese strukturellen Festlegungen dann
in den Formen der Systemdifferenzierung der modernen Gesellschaften. Hat eine
Gesellschaft also hinreichende Eigenkomplexität aufgebaut, bilden sich zu deren
Reduktion neue Subsysteme, wie beispielsweise die Funktionssysteme und in deren
Gefolge auch Organisationen (vgl. Luhmann 2000: 400).
2.3.2 Funktionale
Differenzierung
Die moderne Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die segmentäre bzw.
stratifikatorische Differenzierung
48
durch die funktionale Differenzierung als primäre
Differenzierungsform ersetzt worden ist (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 122ff.). Dies
bedeutet, dass sich funktionale Teilsysteme anhand von sogenannten binären
Codes
49
voneinander und von ihrer Umwelt differenzieren, um jeweils spezifische
Funktionen für die Gesamtgesellschaft zu erfüllen (vgl. Luhmann 1985: 21). ,,Die
Differenzierung ist funktional in dem Maße, als das Subsystem seine Identität durch
die Erfüllung einer Funktion für das Gesamtsystem gewinnt." (Luhmann 1990a: 267)
So operiert etwa das Wirtschaftssystem anhand der Unterscheidung Zahlung/Nicht-
Zahlung, das Rechtssystem mit dem Code Recht/Unrecht, das Wissenschaftssystem
mit der Differenz von wahr/nicht-wahr etc. (vgl. Kneer/Nassehi 2000: 132). Es findet
47
Strukturen sorgen aber nicht für die Verknüpfung der Elemente, dies erledigt - wie gesagt - der Sinn
(vgl. Groth 1996: 91).
48
Die segmentäre Differenzierung teilte die Gesellschaft in gleiche Teile, wie etwa Familien ein,
während demgegenüber die stratifikatorische Differenzierung die Gesellschaft in ungleiche
Schichten (Adel/Nicht-Adel) hierarchisch unterteilte (vgl. Kieserling 1994: 89).
49
,,Codes bestehen aus einem positiven und einem negativen Wert und ermöglichen die Umformung
des einen in den anderen. Sie kommen durch eine Duplikation der vorgefundenen Realität zustande
und bieten damit ein Schema für Beobachtungen an, innerhalb dessen alles, was beobachtet wird,
als kontingent, das heißt: als auch anders möglich, erscheint" (Luhmann 1990a: 266). Von den
Codes sind die Programme zu unterscheiden, die darüber entscheiden, welcher Code-Wert
schließlich realisiert wird (vgl. Kasper 1991: 7).

Systemtheoretische Grundlagen
19
also eine Systemdifferenzierung, das heißt eine ,,Wiederholung der Systembildung in
Systemen" (Luhmann 1984: 37) statt. Innerhalb dieser Funktionssysteme bilden sich
dann Subsysteme, im Falle des Funktionssystems Wirtschaft also beispielsweise
Unternehmen, die sich selbst aus dem sie umgebenden Funktionssystem Wirtschaft
durch operationale Schließung erneut ausgrenzen. Ab einem bestimmten
Komplexitätsniveau ordnen Unternehmen bzw. Organisationen wiederum ihre
Kommunikationszusammenhänge, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen und mehr
Komplexität absorbieren zu können. Dies geschieht in Abteilungen, die für die
Gesamtorganisation bestimmte Funktionen übernehmen (z.B. Forschung und
Entwicklung, Personal etc). Innerhalb der Abteilungen wird also von den Mitgliedern
nicht mehr alles, sondern nur noch die Erfüllung spezifischer Funktionen erwartet.
2.3.3 Systemebenen
Im Gegensatz zu älteren Systemkonzeptionen, die in Systemen ,,Ganzheiten (...), die
aus Teilen bestehen" (Luhmann 1984: 20), sahen, geht die neuere Systemtheorie
davon aus, dass all jenes als System angesehen werden kann, was sich von seiner
Umwelt abgrenzt. Der ,,Paradigmawechsel in der Systemtheorie" (Luhmann 1984: 15),
besteht also darin, dass die Differenz von Teil und Ganzem durch die Differenz von
System und Umwelt ersetzt wird (vgl. Luhmann 1984: 10).
Von dieser Leitdifferenz ausgehend, unterscheidet Luhmann (1984: 16) drei
Betrachtungsebenen von Systemen (vgl. Abbildung 5), wobei sein Hauptaugenmerk
auf sozialen Systemen liegt. Im Gegensatz zu allopoietischen Systemen, wie
Maschinen, die ihre Elemente nicht selbst reproduzieren, sind Organismen,
psychische und soziale Systeme als autopoietische Systeme zu verstehen (vgl.
Luhmann 1997b: 70ff).
50
50
Vgl. oben Kapitel 2.2.
Ende der Leseprobe aus 140 Seiten

Details

Titel
Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
140
Katalognummer
V185995
ISBN (eBook)
9783869439853
ISBN (Buch)
9783867467865
Dateigröße
1190 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, praxis, organisationsberatung
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Alexander Jung (Autor), 2002, Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185995

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Titel: Theorie und Praxis der systemtheoretischen Organisationsberatung


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