Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens' "Our Mutual Friend"


Hausarbeit, 2003

29 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

1
Sirinya Pakditawan
Seminar II:
Charles Dickens: Our Mutual Friend
Veranstaltungsnummer: 07. 474
Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens'
Our Mutual Friend
WS 2002 / 03
Abgabedatum: 24.1.2003

2
Inhalt
0.
Einleitung 3
1.
Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische Elemente im
Zusammenhang mit Charles Dickens' eigener Beziehung zum Wasser 5
2.
Die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes Element in Charles Dickens' Our Mutual
Friend 8
2.1
Die Bedeutung des Flusses als Kloake der Stadt und Todesort der moralisch depravierten
Figuren Gaffer Hexam, Rogue Riderhood und Bradley Headstone 8
2.2
Die Bedeutung des Flusses als Zufluchts- und Todesort sowie als Spiegel der menschlichen
Existenz am Beispiel des Todes Betty Higdens 14
3.
Die Funktion des Flusses als Leben spendendes Element im Zusammenhang mit den
regenerierenden Taufen John Harmons und Eugene Wrayburns für die Entwicklung ihrer neuen
Identitäten in Charles Dickens' Our Mutual Friend 17
Zusammenfassung 23
Anmerkungen 26
Literaturverzeichnis 29

3
0. Einleitung
,,The river (...) is a symbol of death and rebirth, and of the way (...) life and death are
inextricably related."
1
Charles Dickens' Our Mutual Friend (1864 - 65) wird von der Kritik gemeinsam mit
seinem vorhergehenden Roman Great Expectations (1860 -61) und dem nachfolgenden
Fragment The Mystery of Edwin Drood (1870) als sein Spätwerk angesehen
2
. Diese
Werke der Reifezeit sind so genannte ,,Gegenwartsromane", die sich nach Ludwig
Borinskis
3
Ansicht vor allem durch Dickens' ernsthafte und durchdachte Ausei-
nandersetzung mit politischen und sozialen ,,Gegenwartsfragen" auszeichnen. Diese
Meinung gehört zur jüngeren Forschung, die den sozialkritischen Aspekt in Dickens'
Romanen in seiner Bedeutung und Tragweite anerkennt. Nach Borinski verfügen diese
Romane darüber hinaus über eine äußerst sorgfältige Handlungsführung sowie über eine
reife sprachliche Ausgestaltung, die mit Dickens' Bekundung eines neuen Menschenbildes
verbunden ist. Dickens, der zu dieser Zeit überaus unzufrieden mit den sozialen
Verhältnissen gewesen ist, entwirft in diesen späten Romanen im Allgemeinen ein weit
gehend negatives Bild des gesellschaftlichen Zustandes
4
.
Obwohl Dickens' Spätwerk in der neueren Forschung, seit dem Zweiten Weltkrieg, ein
relativ hohes Ansehen genießt, ist zu beachten, dass die ältere Forschung diese Werke
durchaus stark kritisiert hat. Beispielsweise vertrat Wilhelm Dibelius 1916 die Ansicht,
dass Dickens' Schaffenskraft mit A Tale of Two Cities (1859) ,,die letzte große Frucht
gezeitigt"
5
hat. Auch der junge Henry James urteilte bereits 1865 ähnlich, denn er hielt
insbesondere Our Mutual Friend für den oberflächlichsten Roman von Dickens, für ein zu
wenig gefühltes und ein zu intensiv geschriebenes Werk. Er ging sogar soweit, dem
Roman jeglichen Realitätsbezug abzusprechen: ,,Our Mutual Friend is, to our perception,
the poorest of Mr. Dickens' s works(...) [it] is dug out as with a spade and pickaxe (...).
What a world were this world if the world of Our Mutual Friend were an honest reflection
of it!"
6
In dieser vernichtenden Rezension wirft James Dickens die Oberflächlichkeit vor,
die dieser gerade als Charakteristikum der Gesellschaft bloßzustellen versucht. James war
aber offensichtlich auch von Dickens' Gebrauch der Symbolik irritiert.

4
In der Tat ist Dickens' Neigung zur Symbolik in Our Mutual Friend auch noch später von
Interpreten kritisiert worden. Beispielsweise spricht Horst Oppel sogar davon, dass
Dickens eine große Unsicherheit zeigt, sich offenbar auf seine Symbole
nicht mehr
verlassen kann und deshalb ,,Zuflucht zur Symbolhäufung" nimmt
7
. Er ist außerdem der
Ansicht, dass sich die Fülle der Symbolbeziehungen in Our Mutual Friend ausschließlich
aus dem Defizit einer inneren Einheit im Welt- und Menschenbild Dickens' erklären lässt.
Oppel kritisiert also primär die Unverbundenheit der Elemente sowie die mangelnde
Kohärenz in der Entwicklung der Handlung
8
.
Dennoch scheinen die Symbole, insbesondere das Grundsymbol Fluss, Dickens' Our
Mutual Friend erst zu einer Einheit zu machen. Dabei wird die Themse in diesem Werk,
wie in allen Romanen der Reifezeit, in denen London Ort des Geschehens ist, zum
Schauplatz der Handlung
9
. Obwohl die Themse in Our Mutual Friend als ein zum
Abwasserkanal verkommener Fluss dargestellt wird, ist sie das wesentliche verbindende
Element, durch das die zentralen Handlungsstränge aufeinander bezogen werden. Die
beiden Handlungsstränge ordnen sich dabei zu zwei Figurengruppen, um John Harmon,
Bella Wilfer und den Boffins sowie um Lizzie Hexam, Eugene Wrayburn und Bradley
Headstone. Aus diesem Grund erscheint die Themse, die das Schicksal, Leben und Tod,
der Figuren bestimmt, als ihr ,,gemeinsamer Freund"
10
. Es ist also die außermenschliche
Erscheinung Fluss, die zwischen den Figuren eine Verbindung herstellt.
Die Betrachtung der Bedeutung des Flusses, der Themse, ist grundlegend für das
Verständnis des Romans Our Mutual Friend, zumal der Fluss eine Verbindung zwischen
den Figuren und den Handlungssträngen herstellt. Auf diese Weise macht der Fluss als
Symbol den Roman erst zu einem kohärenten Gefüge. Aus diesem Grund soll in der
folgenden Analyse die Funktion des Flusses als antinomisches Element in den
Mittelpunkt gestellt werden. Hierzu erscheint es notwendig, zunächst auf die grundlegende
Bedeutung von Wasser und Fluss als widersprüchlichen, da Leben spendenden und Leben
vernichtenden Elementen einzugehen. Dabei soll auch Dickens' Beziehung zum Motiv
Wasser angesprochen werden, da sich auf diese Weise sein Rückgriff auf bestimmte, mit
dem Wasser verbundene Leitgedanken erklären lässt. Anschließend soll zum einen die
Funktion des Flusses als Leben vernichtendes, zum anderen als Leben spendendes Element
in Dickens' Our Mutual Friend untersucht werden.

5
1. Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische
Elemente im Zusammenhang mit Charles Dickens' eigener Beziehung
zum Wasser
Da der Fluss das zentrale Symbol in Our Mutual Friend darstellt, erscheint es sinnvoll,
zunächst auf die grundlegende Bedeutung von Fluss und Wasser einzugehen. Auf diese
Weise kann der Verweisungsbereich umrissen werden, aus dem Dickens schöpft, wenn er
das Wasser im Hintergrund einzelner Szenen in Our Mutual Friend gegenwärtig sein lässt.
Das Wasser enthält im Allgemeinen eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten, die
teilweise auf archaische, aus mythischem Denken gespeiste Vorstellungen zurückgehen.
Die lebenserhaltende Kraft der Gewässer hinterließ nämlich bereits Spuren in Mythen und
Erzählungen von Meeresgottheiten
11
. Das Wasser ist deshalb ein archetypisches Symbol,
ein Urbild. Schon in der Antike galt das Wasser aufgrund seines fluiden, beweglichen
Charakters als Symbol des Antinomischen und Paradoxen.
Einige Bedeutungsgehalte des Wassers ergeben sich aus seinen verschiedenen Er-
scheinungsformen. Zum Beispiel ist die Quelle generell ein Sinnbild des Ursprungs,
während der Fluss ein Gleichnis des menschlichen Lebens darstellt und auch als ein
Spiegel der menschlichen Existenz angesehen werden kann. Der Fluss stellt zudem auch
ein Symbol für den Lebensweg des Menschen und für die verrinnende Zeit dar. Das Meer
ist dagegen ein Bild der Ewigkeit und ein Sinnbild des ruhenden Seins
12
. Weitere
Bedeutungsgehalte ergeben sich aus Assoziationen, die dem Wesen des Elements Wasser
selbst entspringen. Beispielsweise versinnbildlicht die Beweglichkeit des Wassers das
Lebendige, die Wandelbarkeit des Moments und somit auch das Vergängliche. Mit seiner
Verformbarkeit wird das Wasser aber generell zum Bild des Lebens. Darüber hinaus wird
das Wesen des Wassers mit der Vorstellung des ewigen Kreislaufs verbunden sowie mit
der ambivalenten Fähigkeit, sowohl Leben hervorbringen als auch solches vernichten zu
können
l3
.
Auch der Fluss ist, wie das Wasser selbst, ein antinomisch gestaltetes Natursymbol. Seine
Gestalt wird sowohl durch die Landschaftsform als auch durch die Fluidität und
Beweglichkeit des Wassers bestimmt. Der Fluss bildet als Gestaltzusammenhang ein
abgeschlossenes und gegliedertes Ganzes, das durch die zielgerichtete Bewegung des

6
Wassers vom Festland abgetrennt ist
14
. Die Gestalt des Flusses ist dabei so prägnant, dass
seine spezielle Eigenart kaum verändert werden kann.
Bereits in der Romantik nahmen Wassermotive einen breiten Raum in der Literatur ein.
Doch während Dichter der Romantik das Wasser ausschließlich als Element des
Erhabenen, als ein dem Wesen der Natur besonders nahe stehendes Element behandelt
haben, schöpft der späte Dickens seine Symbole nicht mehr aus dem antiken oder mit-
telalterlich - romantischen Vorstellungsbereich
l5
. Für Dickens bringt seine unmittelbare
Umwelt nämlich alle Bedingungen mit, um zur mythischen Landschaft zu werden. Zwar
übernimmt Dickens traditionelle Aspekte der Flusssymbolik, nämlich die Eigenschaft des
Flusses, sowohl Leben zu spenden als auch zu vernichten, gewinnt aber Eigenständigkeit
durch die Deutung der Themse als Kloake und Schauplatz des Konkurrenzkampfes. Bei
Dickens bilden somit auch Fluss und umgebendes Land eine Ausdruckseinheit. Auf diese
Weise werden Horizontalerstreckung und Tiefendimension der Themse gleichermaßen
bedeutsam für die Darstellung gesellschaftlicher und moralischer Verkommenheit
16
. Auf
diese Zusammenhänge wird in der folgenden Analyse besonders einzugehen sein.
Die Beschäftigung mit dem Motiv Wasser ist bei Dickens vorwiegend biographisch
begründet. Als Zwölfjähriger war Dickens nämlich gezwungen, in einer Fabrik zu arbeiten,
von der aus er die Themse überblicken konnte. Aus diesem Grund erscheint es nahe
liegend, das Motiv des Wassers bei Dickens als ein Symbol der Freiheit anzusehen
l7
.
Jedoch ist die biographische Auslegung wenig aussagekräftig über den eigentlichen
Symbolgehalt des Flusses, da sich dieser nicht im bloßen Aufzeigen eines Bereichs der
Freiheit erschöpft. Das Symbol Wasser und die damit verbundene Assoziation mit der
Freiheit enthält nämlich auch dessen Antinomien. Diese ergeben sich daraus, dass dem
Wesen der Freiheit das Element der Auflösung inhärent ist.
Die Vorstellung des Ertrinkens, die Entgrenzungserfahrung im Wasser, übte dabei auf
Dickens eine ans Obsessive grenzende Faszination aus. Am deutlichsten kommt der
Zwangscharakter dieser Vorstellung darin zum Ausdruck, dass das Motiv des Ertrinkens in
den Werken ständig wiederkehrt, so auch in Our Mutual Friend. Das Ertrinken stellt dabei
einerseits den Angsttraum schlechthin dar und enthält zudem die Assoziation des Verfalls
und des Todes. Andererseits stellt das Ertrinken und die Errettung aus diesem Zustand auch
die Möglichkeit einer Wiedergeburt im Leben dar
l8
. In der folgenden Analyse soll
insbesondere auf den Konnex von Ertrinken, Errettung und Wiedergeburt im Leben

7
beziehungsweise auf die Verbindung zwischen Ertrinken und Tod und dem Wesen der
Figuren eingegangen werden.

8
2. Die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes Element in Charles
Dickens' Our Mutual Friend
2. l. Die Bedeutung des Flusses als Kloake der Stadt und Todesort der moralisch
depravierten Figuren Gaffer Hexam, Rogue Riderhood und Bradley Headstone
Die Themse erscheint in Our Mutual Friend primär als ein verdorbener, zum Abwas-
serkanal verkommener Fluss. Die Themse ist deshalb nicht mehr ein Stück unberührte
Natur, sondern vielmehr ein abweisender, dunkler Bereich. Auf diese Weise präsentiert sie
sich vor allem als zerstörendes, zersetzendes Element, das alle in seinem Bereich liegende
Dinge der eigenen Formlosigkeit anzugleichen trachtet:
And everything so vaunted the spoiling influences of water ­ discolored copper, rotten wood, honey-
combed stone, green dank deposit ­ that the after­consequences of being crushed, sucked under, and
drawn down, looked as ugly to the imagination as the main event. (OMF, I, Kap. XIV, S. 173;
Hervorhebung SP)
Der Fluss wird als eine zerstörerische Kraft dargestellt, die das individuelle Leben in
amorphen Urschlamm aufzulösen trachtet. Hierbei gibt es auch eine Parallelisierung von
Fluss und Land, denn die Themse ist von ,,ooze and scum" (OMF, IV, Kap. XV, S. 781)
umgeben. An ihrem Ufer gehen die waterside men nämlich ihren undurchsichtigen
Geschäften nach, und im Allgemeinen wird der ,,menschliche Abschaum" der Stadt an die
Ufer des Flusses gedrängt, wo er in den verseuchten Fluten zu versinken droht:
(...) by the Docks (...) down by where accumulated scum of humanity seemed to be washed from
higher grounds, like so much moral sewage, and to be pausing until its own weight forced it over the
bank and sunk it in the river. (OMF, I, Kap. III, S. 30; Hervorhebung SP)
Dennoch erscheint die Themse als breit dahinfließendes Gewässer, das seinen Weg
ungeachtet aller Hindernisse nimmt, als Lebensstrom
19
. Da das Wasser der Themse primär
als ein aggressives Element erscheint, kann es dadurch aber seine Umwelt transformieren.
Es vermag nämlich alles, was sich in seinen Bereich begibt, in einer unaufhaltsamen
Bewegung mit sich fortzuführen. Diese Tatsache weist bereits auf die ambivalente
Qualität des Flusses hin. In Our Mutual Friend nimmt dabei insbesondere der zähe
Morast der Tiefe metaphorische Bedeutung an, denn er versinnbildlicht den moralischen
Sumpf, in den verdorbene Menschen herabgezogen werden. Auf diese Weise wird die
Themse zum Todesort von verabscheuungswürdigen Individuen.
Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens' "Our Mutual Friend"
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1.5
Autor
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V186078
ISBN (eBook)
9783869439341
ISBN (Buch)
9783656992073
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, flusses, element, charles, dickens, mutual, friend
Arbeit zitieren
Sirinya Pakditawan (Autor), 2003, Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens' "Our Mutual Friend", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186078

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