Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes


Seminararbeit, 2004

59 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Studiengang Finanz- und Anlagemanagement
Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt
sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes
Hausarbeit zur Vorlesung Finanzmärkte und Finanzintermediäre
Peter Steffen
Wintersemester 2004 / 2005

II
I
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis... II
II
Abbildungsverzeichnis... III
1
Einleitung... 1
2
Historische Einführung ... 1
2.1
Entstehung der Aktiengesellschaften und des Aktienhandels ... 1
2.2
Entwicklung der Aktienkursindizierung... 4
2.3
Aktienkursindizierung in Deutschland ... 6
3
Konzeption und Verwendung von Aktienindizes... 7
3.1
Funktionen von Aktienindizes ... 7
3.2
Grundlagen der Konstruktion und Berechnung... 8
3.2.1
Wahl der Zusammensetzung und der Indexbasis... 8
3.2.2
Berechnungsmethoden ... 10
3.2.2.1
,,Unechte" Indizes ... 10
3.2.2.2
,,Echte" Indizes... 11
3.2.3
Gewichtungsmethoden... 15
3.2.3.1
Börsenumsatz... 16
3.2.3.2
Börsenkapitalisierung ... 16
3.2.3.3
Free Floating Capital ... 17
3.2.4
Mathematische Bereinigung von externen Markteinflüssen ... 17
3.3
Verwendungsbereiche von Aktienkursindizes... 18
3.3.1
Aktienindizes als Instrument der Marktanalyse... 19
3.3.2
Vergleichsmaßstab zur Performancemessung ... 20
3.3.3
Basis für Terminmarktinstrumente ... 22
3.3.3.1
Indexfutures... 22
3.3.3.2
Indexoptionen ... 23
4
Deutsche Aktienkursindizes ­ Die DAX-Indizes ... 23
4.1
Porträt der wichtigsten DAX-Indizes ... 24
4.1.1
DAX 30 ... 24
4.1.2
MDAX ... 25
4.1.3
SDAX... 25
4.1.4
TecDAX ... 25
4.2
Entstehungsgeschichte des DAX... 26
4.3
Zusammensetzung und Auswahlkriterien ... 27
4.4
Berechnungsmethode der DAX-Indizes... 29
5
Globale Aktienkursindizes ... 32
5.1
Dow Jones... 33
5.1.1
Chronologische Entwicklung ... 33
5.1.2
Zusammensetzung und Auswahlkriterien ... 34

III
5.1.3
Berechnungsmethode ... 35
5.2
Standard & Poor's Indizes... 37
5.2.1
Chronologische Entwicklung ... 38
5.2.2
Zusammensetzung und Auswahlkriterien ... 39
5.2.3
Berechnungsmethode ... 41
5.3
NASDAQ ... 42
5.3.1
NASDAQ Composite ... 42
5.3.2
NASDAQ 100 ... 44
5.4
Nikkei Stock Average ... 45
5.4.1
Chronologische Entwicklung ... 45
5.4.2
Zusammensetzung und Auswahlkriterien ... 46
5.4.3
Berechnungsmethode ... 48
5.5
STOXX Indizes... 49
5.5.1
Chronologische Entwicklung ... 49
5.5.2
Zusammensetzung und Auswahlkriterien ... 51
5.5.3
Berechnungsmethode ... 52
III
Fazit...V
IV
Literaturverzeichnis ... VI
II
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Trendumkehrformationen
S. 20
Abb. 2: Trendbestätigungsformationen
S. 20
Abb. 3: Aufbauhierarchie der DAX-Indizes
S. 24
Abb. 4: Aufnahmeregeln der DAX-Indizes
S. 29
Abb. 5: Kursverlauf des Dow Jones 1990 ­ 1999
S. 36
Abb. 6: S&P Indexfamilie
S. 37
Abb. 7: Die 10 größten Unternehmen des S&P 500 Index
S. 39
Abb. 8: Branchenstruktur des S&P 500
S. 40
Abb. 9: 7-Jahres-Vergleich S&P 500, DJIA, NASDAQ Composite und NASDAQ 100
S. 43
Abb. 10: STOXX Indizes
S. 50
Abb. 11: Derivative Finanzinstrumente auf STOXX Indizes
S. 53

1
1
Einleitung
Täglich werden wir heute in den Medien mit Informationen über die neusten Entwicklungen der
wichtigsten Aktienindizes versorgt. Wirtschaftsjournalisten betätigen sich in der Interpretation
der Zahlen und Analysten geben Prognosen zur künftigen Marktentwicklung an den Börsen ab.
Doch was verbirgt sich hinter den einfachen und doch so bedeutsam erscheinenden Ziffern der
Aktienindizes? Auf welche Weise können sie für Analysen und Prognosen verwendet werden?
Und welche Unterschiede gibt es zwischen den diversen Indizes?
Mit der nachfolgenden Arbeit verbindet sich das Ziel, dem Leser einen möglichst tiefen und
umfassenden Einblick in die Thematik der Aktienindizes zu erlauben, damit er schließlich selbst
zur Beantwortung jener Fragen befähigt ist. Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, sollen
die wichtigsten nationalen und internationalen Aktienmarktindizes nicht nur beschrieben
werden, sondern auch ihre Verwendungsbereiche aufgezeigt und ihre Aussagekraft untersucht
werden. Dies schließt einen Blick auf die historischen Grundlagen ebenso ein, wie eine darauf
aufbauende Darstellung der relevanten mathematisch-statistischen Theorie.
2
Historische Einführung
Obgleich im Fokus dieser Arbeit die wichtigsten deutschen und globalen Aktienindizes des
beginnenden 21. Jahrhunderts stehen, ist gerade für das vollständige Verständnis ihrer
theoretischen Grundlagen ein Blick in die Vergangenheit unerlässlich. Deshalb sei an dieser
Stelle zur besseren Erläuterung der mit der Aktienkursindizierung verbundenen Intention
zunächst ein kurzer historischer Abriss über die Entstehung der Aktiengesellschaften und des
Börsenhandels sowie die Entwicklung der Aktienkursindizierung gestattet.
2.1 Entstehung der Aktiengesellschaften und des Aktienhandels
Die Entstehung der ersten Aktiengesellschaften lässt sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt
genau zurückdatieren. Die Ursache dafür liegt in der schwierigen Abgrenzung verschiedener
Arten der Unternehmensfinanzierung, die sich über mehrere Jahrhunderte hinweg
weiterentwickelten, bis die ersten Aktiengesellschaften der Geschichte entstanden, die in Ihren
wesentlichen Merkmalen mit den heutigen Aktiengesellschaften übereinstimmen.
Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab eine Bank in Genua erstmals verzinste Anleihen
aus, um auf diese Weise die Staatsschulden zu finanzieren. Da die Anleihen jedoch mit
staatlichen Steuereinnahmen besichert wurden und somit das Fehlen eines unternehmerischen

2
Risikos angenommen werden muss, kann die Bank noch nicht als Aktiengesellschaft im
heutigen Sinne anerkannt werden. Jenes stellt nämlich neben Miteigentümerschaft am
Unternehmen, Anspruch auf Gewinnbeteiligung, Haftungsbeschränkung und Übertragbarkeit
der Aktien eines der wichtigsten charakteristischen Merkmale einer Aktiengesellschaft dar.
1
Als dann ausgangs des 15. Jahrhunderts zu Beginn der Kolonialisierung überall in Europa
Kolonialhandelsgesellschaften gegründet wurden, entfaltete sich eine wirtschaftliche Dynamik,
die dem Handel eine neue, globale, Dimension verlieh. Die Überseeunternehmungen hatten
einen enorm hohen Kapitalbedarf, mussten sie ja nicht nur Handelsflotten und
Kolonialniederlassungen betreiben, sondern oft auch ganze Hafenstützpunkte und ­städte
errichten, sowie Land, Verkehrswege und Rohstofflagerstätten erschließen.
2
So gilt die 1602 gegründete Holländisch-Ostindische Kompanie nach übereinstimmender
Meinung der Wirtschaftshistorik als erste Aktiengesellschaft im modernen Sinne. Der Handel
und auch die Spekulation mit den Aktien der Kompanie florierten von Anfang an, wobei tägliche
Kursschwankungen von 30 % an der Tagesordnung waren. Auch das Beleihen von Aktien und
insbesondere der Terminhandel kamen bereits sehr frühzeitig auf. Durch die Erfolge der ersten
Aktiengesellschaften und die Reize des spekulativen Aktienhandels inspiriert, folgten bis zur
Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche weitere Gesellschaftsgründungen. 1747 konnte in
Amsterdam mit den Aktien von 44 verschiedenen Gesellschaften gehandelt werden.
3
Parallel zur Entwicklung in Holland entstand auch in Großbritannien das Geschäft mit den
Aktien von Kolonialhandelsgesellschaften. Dort kam es, ausgelöst durch weitgreifende
Aktivitäten zur Verbesserung der Infrastruktur und die einsetzende Industrialisierung, bald
ebenfalls zu einem Boom von Gesellschaftsgründungen und einem regen Handel mit
Wertpapieren.
4
In Amerika emittierte eine Versicherungsgesellschaft 1752 die ersten Aktien. Die in der
Folgezeit entstehenden Aktiengesellschaften entstammten jedoch größtenteils dem
Transportsektor.
5
Die Landerschließung erforderte in den USA große Kapitalmengen und
folgerichtig wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein das Aktiengeschäft von den großen
Eisenbahngesellschaften dominiert.
6
Der Versuch in Deutschland Handelskompanien nach holländischem oder englischen Vorbild zu
gründen schlug fehl. Die 1682 gegründete Brandenburgisch-Afrikanische Kompanie, die erste
1
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 9 f.
2
Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 156
3
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 10 ff.
4
Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 196
5
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 14
6
Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 218

3
Aktiengesellschaft im deutschen Raum, musste 1717 ihre Geschäfte wieder einstellen und das
Restvermögen wurde an die Holländisch-Westindische Kompanie veräußert.
7
Durch die
politische und gesellschaftliche Zersplitterung Deutschlands bis tief ins 19. Jahrhundert hinein
fanden Handels- und Wirtschaftsaktivitäten weitestgehend regional beschränkt statt.
8
Erst die
Bemühungen Preußens, mit dem Zollverein von 1834 einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu
schaffen sowie andere ökonomische Restriktionen aufzuheben, verbunden mit der
einsetzenden Industrialisierung und dem Beginn des Eisenbahnbaus, machten kapitalintensive
Unternehmungen möglich und notwendig.
9
Zahlreiche große Aktiengesellschaften wie auch
Bankhäuser, teilweise Unternehmen, die bis heute bestehen, entstanden in der folgenden
Euphorie der Gründerzeit in Deutschland. Dementsprechend entwickelten sich auch in
Deutschland bis Ende des 19. Jahrhunderts ein diversifiziertes Angebot an Wertpapieren und
ein reger Aktienhandel.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass mit dem Aufkommen der Aktiengesellschaften in allen
beschriebenen Staaten sehr ähnliche Folgen induziert wurden. Die Frühzeit des Aktienhandels
war geprägt durch ein hohes Maß an unkontrollierbarer Spekulation, irrational schwankendes
Kursverhalten und zahlreiche Betrugsversuche. Kleinkapitalanleger konnten sich faktisch auf
keine Schutzrechte berufen, eine Kontrolle der Unternehmensführung war kaum möglich,
Dividenden wurden oftmals vollkommen unregelmäßig ausgezahlt und Aktiengesetze konnten
Spekulationen, Intransparenz des Aktienhandels und Betrugsversuche nur durch restriktive
Maßnahmen verhindern.
10
Obgleich die Emission von Aktien zur Finanzierung von Unternehmungen während der
Industrialisierung fast selbstverständlich wurde und bald auch ausführliche Aktiengesetze den
Wertpapierhandel reglementierten, erwuchs die sich entwickelnde Diversität der
Aktiengattungen Ende des 19. Jahrhunderts zum Problem für Anleger, Banken und
Unternehmen. Der Aktienmarkt wurde allmählich für Laien wie auch für Experten sehr
unübersichtlich: langfristige Kursentwicklungen waren nur mühsam zu erkennen, Vergleiche
und Analysen der Performance von Aktien und des Gesamtmarktes gestalteten sich als höchst
aufwendig und fundierte Kauf- oder Verkaufsentscheidungen waren kaum möglich. Aus dieser
Problematik heraus setzte die Entwicklung der Aktienkursindizierung ein und versuchte ein
Instrument zu schaffen, mit dem auch Laien auf schnelle und einfache Weise die Entwicklung
der Aktienmärkte überblicken und einzelne Wertpapiere mit der Gesamtmarktentwicklung
vergleichen konnten.
7
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 15 ff.
8
Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 186 f.
9
Vgl. Parker: Historischer Weltatlas, S. 206 f.
10
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 19 ff.

4
2.2 Entwicklung der Aktienkursindizierung
Die Historie der Aktienkursindizierung ist bis heute untrennbar mit dem Namen eines
amerikanischen Wirtschaftsjournalisten verbunden, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die
grundlegenden Theorien der Aktienkursindizierung und der technischen Aktienanalyse
entwickelte: Charles Henry Dow (* 1851; 1902).
Dow, der unter problematischen sozialen Bedingungen aufgewachsen war und weder einen
akademischen Abschluss noch überhaupt irgendeinen Schulbesuch vorweisen konnte, kam
1879 nach New York, um dort als Wirtschaftsjournalist zu arbeiten. Im November 1882
gründete er zusammen mit Edward D. Jones und Charles M. Bergstresser an der Wall Street in
Manhattan die Firma Dow Jones & Company. Zunächst operierte die Firma als
Nachrichtenagentur für die Broker an der Wall Street. Ab November 1883 editierte sie erstmals
eine Zeitung, den ,,Customer's Afternoon Letter". In den folgenden Jahren entwickelte Dow
Jones & Company den ,,Customer's Afternoon Letter" weiter und gab ab Juli 1889 das ,,Wall
Street Journal" heraus, das sich bis heute seine Position als führende Finanz- und
Wirtschaftszeitung erhalten hat. Neben seiner Tätigkeit als Wirtschaftsjournalist war Dow bis zu
seinem frühen Tod auch als Buchautor, Historiker, Ökonom, Unternehmer und Broker
erfolgreich aktiv.
11
Seine bedeutendsten Verdienste liegen jedoch auf dem Gebiet der statistischen
Börsenbeobachtung. Der weltweit erste Aktienindex wurde am 3. Juli 1884 im ,,Customer's
Afternoon Letter" veröffentlicht. Über die ursprüngliche Idee und Entstehungsgeschichte dieses
Index ist leider kaum etwas überliefert, da diesbezüglich weder private noch firmeninterne
Dokumente existieren. Gemeinhin bekannt ist allerdings, dass Dow in seinen Überlegungen ein
Instrument zu entwickeln suchte, mit dem man den amerikanischen Aktienmarkt "auf einen Blick
im Griff haben konnte". Um 1885 wurden an der Wall Street nämlich täglich, verteilt auf etwa 35
verschiedene Papiere, regelmäßig ca. 250.000 Aktien gehandelt. Die Unübersichtlichkeit des
Aktienmarktes machte die Entwicklung eines Marktbarometers geradezu zwanghaft notwendig
und Dows Konzept stellte genau das Instrument dar, auf das die Finanzwelt gewartet hatte.
Der von Dow berechnete Index setzte sich aus den meistgehandelten Werten der New Yorker
Börse zusammen. Unter den insgesamt 11 Titeln waren 10 Eisenbahngesellschaften und eine
Dampfschifffahrtsgesellschaft vertreten, weshalb Dow ihm den nahe liegenden Namen
"Railroad Average" verlieh. Berechnet wurde der Index als modifiziertes arithmetisches Mittel
der Tagesschlusskurse der enthaltenen Wertpapiere. Die Bezeichnung Dow Jones Index
stammt nicht von Dow selbst, sondern wurde erst später eingeführt. Sie ist auch insofern
11
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 22 ff.

5
irreführend, dass allein Dow, nicht aber sein Geschäftspartner Jones, für die Konzeption und
Umsetzung des Indexkonzeptes verantwortlich zeichnete.
12
Die Idee eines Marktindikators, der die wichtigsten gehandelten Werte einer Börse
repräsentiert, war so erfolgreich, dass in der Folge eine Vielzahl weiterer Indizes entwickelt
wurde. Verschiedenste Konstruktionskonzepte sollten eine jeweils möglichst genaue und
repräsentative Maßzahl hervorbringen, mit der die Kursentwicklung in einem Markt oder auch
nur in einzelnen Branchen über einen langen Zeitraum analysiert werden konnte. Auch der
Railroad Average von Dow wurde weiterentwickelt und um andere Indizes ergänzt (siehe
Kapitel 5.1 Dow Jones), wird jedoch noch immer fortgeführt. An dem grundlegenden Prinzip der
Aktienindizierung hat sich demnach bis heute trotz einer Vielfalt von unterschiedlichen
Berechnungsmethoden nichts geändert.
Einen zweiten Meilenstein in der Entwicklung der Aktienkursindizierung stellt das Aufkommen
der elektronischen Datenverarbeitung dar. Als Dow 1884 seinen Railroad Average berechnete,
konnte er sich noch nicht einmal eines Taschenrechners bedienen. Sein Index enthielt jedoch
nur wenige Werte und wurde nach einer relativ einfachen Formel berechnet, so dass ihm eine
tägliche Berechnung möglich war. Berechnungen während der Handelszeit waren schon allein
deshalb unmöglich, weil die Informationen über Kursveränderungen mangels technologischen
Fortschritts gar nicht schnell genug aktualisiert und übermittelt werden konnten. Deshalb wählte
man zur Indexberechnung die jeweiligen Tagesschlusskurse.
Später wurden Indizes entwickelt, die mit weitaus komplizierteren Formeln unter
Berücksichtigung von Börsenkapitalisierungen berechnet wurden und die teilweise mehrere
hundert Titel enthielten. In diesen Fällen wäre eine tägliche Berechnung so arbeitsintensiv
gewesen, dass man sich entschloss diese Indizes nur einmal wöchentlich zu berechnen.
Der amerikanischen Firma Standard & Poor's gelang es 1957 als erste, ihren 500 Werte
umfassenden Aktienindex mittels eines Lochkarten-Computersystems täglich neu berechnen zu
lassen. In Deutschland bediente sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung erstmals 1961 eines
Computers, um Ihren FAZ-Index zu berechnen. Bis in die 70er Jahre hinein war die Benutzung
von Computern derart kostenintensiv, dass sich vielfach die Frage stellte, ob ein täglich oder
gar stündlich neu berechneter Index überhaupt seine Kosten wert sei.
13
Erst in den 80er Jahren wurden so leistungsfähige Computersysteme entwickelt, dass eine
Berechnung nicht nur stündlich, sondern sogar faktisch in Echtzeit ermöglicht wurde. Seit 1982
in den USA, seit 1985 in Japan und seit 1988 auch in Deutschland werden viele der relevanten
Aktienindizes während der Börsenzeit alle 60 Sekunden, inzwischen teilweise sogar alle 15
12
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 29 ff.
13
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 59 ff

6
Sekunden, neu berechnet. Die Komplexität der Indexformeln, ihre Zusammensetzung und ihre
Berechnungshäufigkeit waren fortan weder technologisch noch kostentechnisch begrenzt.
Voraussetzung dafür war schließlich die Möglichkeit der Vernetzung der Computersysteme an
den Börsenplätzen, wodurch jede Kursveränderung sofort in den aktuellen Index einfließen
kann. Heute können die aktuellen Indexstände über das Internet jederzeit auf der ganzen Welt
abgerufen werden.
2.3 Aktienkursindizierung in Deutschland
In Deutschland stellte die Frankfurter Zeitung erstmals 1919 einen Index auf, der aus 25 Aktien
und 10 Anleihen berechnet wurde. Die Redakteure bemühten sich, durch die Auswahl der
enthaltenen Wertpapiere ein möglichst breites Spektrum des deutschen Aktienmarktes
abzudecken und wählten aus jeder Branche die meistgehandelten Werte aus. Zwar handelte es
sich bei diesem ersten deutschen Index der FZ bereits um eine basierte Kennziffer, eine
Gewichtung der verschiedenen Titel innerhalb des Indexportfolios erfolgte jedoch nicht.
Komplexität und Aktualität bei der Berechnung von Indizes waren zur damaligen Zeit durch die
unterentwickelte Informationstechnologie ambivalente Zielgrößen.
Im Übrigen wurde der Index der FZ sehr schnell wieder unbrauchbar. Die mit der
wirtschaftlichen Krise einhergehende Hyperinflation dezimierte die Aussagekraft der
Indexkennziffer vollständig und ihre Berechnung wurde wieder eingestellt. Ab 1923 berechnete
auch das Statistische Reichsamt eine monatliche Aktienindexziffer. Deren Teilindex für Bergbau
und Schwerindustrie nahm im Oktober 1923 auf Basis des Jahres 1913 (=100) einen Wert von
296,5 Milliarden Punkten an. Wegen der fragwürdigen Aussagekraft rechnete man den Index ab
1924 auf Goldmarktbasis um und führte ihn bis Ende 1942 fort. Unterbrochen durch Kriegs- und
Nachkriegschaos
sowie
mangelnde
Kursgrundlagen
wegen
des
umfangreichen
Schwarzhandels wurde erst ab Mai 1956 wieder ein Aktienindex durch das Statistische
Bundesamt berechnet.
14
Schon 1953 hatte die Commerzbank den gleichnamigen Aktienindex aufgelegt, 1958 folgte die
Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Index zu den am meisten beachteten deutschen
Marktbarometern zählte. Andere Großbanken und Zeitungen, so z.B. die WestLB, die
Süddeutsche Zeitung oder die Börsenzeitung, antizipierten die Entwicklung mit eigenen
Indexkonzepten. Die größte Präzision wurde jedoch nach wie vor dem Index des Statistischen
Bundesamtes zugeschrieben, der sich nun täglich aus 430 in der BRD notierten Titeln
errechnete.
15
14
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 45 ff.
15
Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 150 ff.

7
In den 80er Jahren wurde dann der Deutsche Aktienindex DAX entwickelt. Evolutionäre Schritte
in der Informationstechnologie erlaubten eine sich permanent aktualisierende Berechnung und
die Benutzung einer komplexen, alle externen Einflüsse ausschaltenden Berechnungsformel.
Ein hochpräziser und dennoch übersichtlicher, aussagekräftiger Marktindikator sollte
geschaffen werden, der die Entwicklung der wichtigsten deutschen Aktien abbildete. Zudem
beabsichtigte man einen Index zu schaffen, der gleichzeitig als operative Grundlage für
Terminmarktgeschäfte benutzt werden konnte, weil der Handel mit Futures und Optionen auf
Indizes sich allmählich zu einem prosperierenden Marktsegment entwickelte.
16
Heute können wir konstatieren dass der DAX, zusammen mit seinen Subindizes, der zweifellos
wichtigste deutsche Aktienindex ist und weitreichend als Marktanalyseinstrument wie auch als
Basis für Terminmarktgeschäfte verwendet wird. Andere deutsche Indexkonzepte wurden durch
ihn vollkommen verdrängt und finden in der Praxis nur noch geringe Beachtung und
Anwendung. Auf seine Konstruktion, Zusammensetzung und Anwendungsbereiche soll jedoch
später noch genauer eingegangen werden.
3
Konzeption und Verwendung von Aktienindizes
Bevor sich eine detaillierte Untersuchung der wichtigsten nationalen und internationalen
Aktienindizes anschließt, werden im Folgenden zunächst die theoretischen Grundlagen der
Konstruktion und Berechnung von Aktienindizes dargestellt. Die Besonderheiten und
Gegensätze unterschiedlicher Indexkonzepte sollen aufgezeigt werden, damit der Leser ein
grundlegendes Verständnis für den mathematisch-statistischen Hintergrund von Indexziffern
aufbauen kann und ihm sich die Funktionsweise und die Verwendungsmöglichkeiten von
Aktienindizes erschließen.
3.1 Funktionen von Aktienindizes
Bei den Aufgaben von Aktienkursindizes unterscheidet man grundlegend zwischen deskriptiven
und operativen Funktionen.
17
Zum einen sind Aktienindizes Maßzahlen, mit deren Dokumentation und Präsentation die
Kursentwicklung an einem Markt auf einen Blick verdeutlicht werden kann. Sie dienen somit als
allgemeines Börsenbarometer. Ferner können sie durch ihre präzise und kontinuierliche
Dokumentation des Indexportfolios über einen langen Zeitraum als Vergleichsmaßstab zur
Performancemessung eines individuellen Aktienportfolios herangezogen werden. Über diese
16
Vgl. Janssen: Der Deutsche Aktienindex DAX, S. 5 f.
17
Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 20

8
ex-post-Analyse hinaus werden Indizes im Rahmen von Chartanalysen und Trendprognosen
auch als Grundlage für zukünftige Anlageentscheidungen genutzt.
Zum anderen fungieren Indizes als operative Basis für diverse Terminmarktinstrumente. So
können sie z.B. als Investitionsobjekt für den Handel mit Futures und Optionen dienen.
Außerdem gewinnen Aktienindizes eine immer größere Attraktivität als Fondsanlage, mit der vor
allem die Möglichkeiten der Risikodiversifikation ausgenutzt werden können. Diese Funktionen
sind erst zu Beginn der 80er Jahre herausgebildet worden und haben die
Verwendungsmöglichkeiten von Aktienindizes weit über ihre ursprüngliche deskriptive Funktion
ausgedehnt. Inzwischen wurden sogar Aktienindizes entwickelt, die durch ihre Konzeption
speziell auf die Bedürfnisse des Handels mit Terminmarktinstrumenten ausgerichtet sind (siehe
Kapitel 4.1 Deutscher Aktienindex DAX).
18
3.2 Grundlagen der Konstruktion und Berechnung
Bei näherem Vergleich von Aktienindizes stellt man sehr schnell fest, dass es keine einheitliche
Konzeption zur Berechnung von Aktienindizes gibt. Begründen kann man dies mit dem Mangel
an einheitlichen Grundvorstellungen über den Aufbau des idealen, des perfekten Index.
19
Diese
Uneinheitlichkeit resultiert wiederum aus der Verschiedenheit der mit der Indexierung
verbundenen Absichten sowie teilweise auch aus der technologisch bedingten historischen
Beschränkung bei der Wahl der Indexformel. Letztendlich hat sich in der Vergangenheit jedoch
gezeigt, dass die meisten Indizes für ihren jeweiligen Zweck ein geeignetes
Konstruktionskonzept fanden. Methodologische Einigkeit besteht allerdings über die Tatsache,
dass der Index eine statistische Messzahl sein soll, die durch Vergleich mit einem bestimmten
Basiszeitpunkt in der Vergangenheit Rückschlüsse auf die Entwicklung während des
Messzeitraumes ermöglicht.
20
Die verschiedenen Ansätze zur Bestimmung einer
zweckmäßigen Messzahl sollen in diesem Kapitel demonstriert werden.
3.2.1
Wahl der Zusammensetzung und der Indexbasis
Entscheidend für die spätere Aussagekraft eines Aktienindex ist die Auswahl der darin
einbezogenen Aktientitel. Damit er seine wesentlichen Funktionen erfüllen kann, müssen die
ausgewählten Aktien eine homogene Gesamtheit bilden. Es ist zur Beschreibung der
Gesamtmarktentwicklung wenig sinnvoll, das Indexportfolio nur aus den Titeln einer einzigen
Branche aufzubauen. Vielmehr sollte durch die enthaltenen Aktien ein möglichst breites
18
Vgl. Janssen: Der Deutsche Aktienindex DAX, S. 2 ff.
19
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 78
20
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 70

9
Branchenspektrum abgebildet werden, wodurch man den Aktienindex als Spiegelbild einer
Volkswirtschaft
begreifen
kann.
Dies
impliziert,
dass
durch
die
Wahl
der
Indexzusammensetzung eine möglichst hohe Repräsentativität für den gesamten Markt erzielt
werden sollte.
21
Dabei stellt sich noch vor der Auswahl der Aktien die Frage, wie viele verschiedene Aktien
überhaupt notwendig sind, um eine ausreichende Repräsentativität zu erreichen. Zur
Beantwortung dieser Frage ist zunächst zu bedenken, dass keineswegs alle an einer Börse
notierten Papiere einen regelmäßigen, d. h. täglichen, Handel aufweisen können. Einem sehr
breit angelegten Index, der auch kleinere, kaum gehandelte Papiere einschließt, dürfte deshalb
ein Mangel an Aktualität anhaften, weil er teilweise auf historische Kursdaten zurückgreifen
müsste. Für die Anwendung derivativer Finanzinstrumente auf einen Aktienindex ist ebenfalls
ein regelmäßiger Handel der in ihm enthaltenen Wertpapiere erforderlich.
22
Man muss jedoch auch anerkennen, dass ein sehr umfassender Index den Vorteil besitzt, dass
jede marginale Markttendenz in ihn eingeht. Grundsätzlich steigt der indikative Gehalt eines
Index also umso stärker an, je mehr Aktiengattungen er enthält.
Empirische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bereits mit einer sehr kleinen Anzahl
von Aktientiteln das Marktgeschehen sehr exakt wiedergegeben werden kann, sofern die
ausgewählten Aktien einen hohen Repräsentationsgrad für den Gesamtmarkt besitzen. Schon
ein Index aus etwa 15 Papieren korreliert in seiner Entwicklung so stark mit der
Gesamtentwicklung, dass eine Aufnahme zusätzlicher Aktien nur noch marginale Auswirkungen
auf die indikative Präzision des Index determinieren würde. Auch die Möglichkeit einer
Manipulation ist bei einem solchen Index ausgeschlossen, weil die Aktien der ausgewählten
Unternehmen gewöhnlich eine so hohe Streuung aufweisen und ihre Börsenkapitalisierung
derart groß ist, dass der für Manipulationen erforderliche Kapitalaufwand unverhältnismäßig
hoch wäre.
23
Damit können auch die Anforderungen an idealerweise in den Index aufzunehmende Aktien
konkretisiert werden. Um den Gesamtmarkt in einem Aktienindex mit möglichst wenigen Aktien
abzubilden, sollten diese folgende Merkmale aufweisen:
-
inländische Gesellschaft von überregionaler Bedeutung
-
hohes Grundkapital in Relation zu dem am Markt vertretenen Kapital
-
großer Streubesitzanteil (hohes free floating capital) und hohe Marktbreite
-
Branche mit hohem volkswirtschaftlichem Repräsentationsgrad
21
Vgl. Rühle: Aktienindizes in Deutschland, S. 62
22
Vgl. Richard: Aktienindizes, S. 45 ff.
23
Vgl. Richard: Aktienindizes, S.46
Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes
Hochschule
International School Of Management, Standort Frankfurt
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
59
Katalognummer
V186126
ISBN (eBook)
9783656995425
ISBN (Buch)
9783656995470
Dateigröße
1221 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
indizes, aktienmarkt, aktienkursindizes
Arbeit zitieren
Peter Steffen (Autor), 2004, Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186126

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