Sozialstrukturanalyse: Soziale Milieus


Seminararbeit, 2003
48 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

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Seminar Sozialstrukturanalyse
Studienfach: Allgemeine Soziologie
Teilprüfung in: Sozialstrukturanalyse, Kernbereich
Semester: Sommersemester 2003
Soziale Milieus
eingereicht am
Lehrstuhl für Soziologie
Martin
Weiß
6.
Fachsemester
Abgabetermin: 23.10.2003

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Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung ... 3
2.
Definition des Begriffs ,,Soziales Milieu" und theoretischer... 4
Überblick ... 4
3.
Entstehungsgeschichte der Konzepte sozialer Ungleichheit ... 6
3.1.
Historische Einordnung von Modellen sozialer Ungleichheit ... 7
3.1.1.
Die vorindustrielle Ständegesellschaft... 7
3.1.2.
Die frühindustrielle Klassengesellschaft ... 7
3.1.3.
Die industriegesellschaftliche Schichtgesellschaft... 8
3.2.
Soziale Ungleichheiten in postindustriellen Gesellschaften ... 8
3.2.1.
,,Neue" soziale Ungleichheiten... 8
3.2.2.
Das Konzept der Lebenslagen ... 9
3.2.3.
Das Konzept der Lebensstile und der Milieus ... 10
3.2.4.
Historische Verortung des Milieubegriffes ... 10
4. Einordnung der Milieutheorie in die soziologischen ... 12
Hauptströmungen... 12
4.1. Konflikttheorien und Milieutheorie ... 12
4.2. Struktur-Funktionalismus und Milieutheorie ... 13
4.3. Symbolischer Interaktionismus und Milieutheorie ... 13
4.4. Verhaltenstheorien und Milieutheorie... 14
4.5. Theoretische Einordnung der Milieutheorie... 14
5. Milieus in Deutschland ... 15
6.
Kurzüberblick der Sinus Milieus - Was sind die Sinus-Milieus? ... 26
6.1. Soziodemografie
reicht nicht aus... 26
6.2. Überblick
über die Methode... 27
6.3. Tauglichkeit
des
Sinus-Milieumodells ... 27
6.4. Nutzen
der
Sinus-Milieus... 28
6.5. Kritik
an
den Sinus-Milieus ... 28
7. Clusteranalyse und Interpretation der Ergebnisse zur Fragestellung ,,Gibt es
in der gegenwärtigen Gesellschaft noch Milieus?"... 30
8.
Fazit ... 46
Literaturverzeichnis... 47

3
1.
Einleitung
,,Soziale Milieus", ,,Lebensstile", ,,soziale Ungleichheit" all das sind Schlagwörter, die uns in der
heutigen Zeit immer wieder begegnen. Die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland
unterliegt, wie bei vielen postindustriellen Gesellschaften, einem immer rascher
voranschreitenden Wandel. In der deutschen Gesellschaft sind Umbrüche der
Gesellschaftsstrukturen und Mentalitäten zu erkennen, die ein neues Sozialgefüge entstehen
lassen.
In der vorliegenden Arbeit soll nun näher auf den Begriff der ,,Sozialen Milieus" eingegangen
werden. Zunächst soll der Begriff näher definiert und erläutert werden. Des Weiteren soll ein
historischer Überblick über die Entwicklungen der Sozialstruktur und den Milieus gegeben
werden. Verschiedene Untersuchungen der deutschen Sozialstruktur ergaben, dass ,,die
sozialen Milieus der nach Ständen, Klassen und Schichten gegliederten Gesellschaft (...) sich
seit der Entstehung der Bundesrepublik erheblich verändert" (Vester et al. 2001: 13) haben.
Weiter beschäftigt sich die Arbeit mit der Frage, wie die Milieutheorie, bzw. die sozialen Milieus,
in die vier Hauptströmungen der Soziologie eingeordnet werden können. Kann man also soziale
Milieus und deren Entwicklungslinien in struktur-funktionalistischen oder konflikttheoretischen
Ansätzen einordnen, oder sind Milieutheorien doch eher mikro-orientiert und können sie somit
den verhaltenstheoretischen oder interaktionistischen Ansätzen zugeordnet werden? Weiter
werden in der Arbeit die einzelnen sozialen Milieus vorgestellt und erläutert. Welche Personen
mit welchen Einstellungen welchem Milieu zugerechnet werden können und welche
Wertvorstellungen die einzelnen Milieus kennzeichnen. Anschließend sollen die Ergebnisse
einer selbst durchgeführten Clusteranalyse vorgestellt und interpretiert werden. Ziel der
Untersuchung war es, mittels der Daten des ALLBUS 2000 zu analysieren, ob das Konzept der
sozialen Milieus die Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland veranschaulichen kann,
oder ob eine Weiterentwicklung bzw. ein anderer Ansatz dies besser beschreiben könnte. Am
Ende der Arbeit wird ein kurzes Fazit gezogen und diskutiert, ob die Theorie der sozialen Milieus
in sich geschlossen und auf die BRD anwendbar ist.

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2.
Definition des Begriffs ,,Soziales Milieu" und theoretischer
Überblick
Die soziologische Milieuforschung setzt an der umfassenden Ästhetisierung der Alltagswelt
selbst an. Hierbei reflektiert der Begriff des Ästhetischen die Einsicht, dass für die Alltagswelt
der Menschen die Fragen ,,Wie möchte ich leben?", ,,Wie soll die Gesellschaft aussehen, der ich
angehöre?", ,,Wie kann ich mich gegenüber anderen abgrenzen?" etc. die alltagsästhetische
Verfassung der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist (vgl. Ueltzhöffer 1999: 627-628).
Fragen des Lebensstils entscheiden heute nicht nur über die Lebensweise und Lebensziele
einzelner Personen oder Gruppen, sondern prägen zunehmend auch die strukturierenden
Merkmale von Gesellschaften. Demnach wird die soziale Struktur hoch entwickelter
Konsumgesellschaften nicht mehr in erster Linie durch schichtbezogene Variablen wie
Einkommen, Beruf, Lebensstandards oder Prestige bestimmt, sondern vielmehr durch die
alltagsästhetischen Beziehungswahlen der Menschen und die grundlegenden und vielfältigen
Wertorientierungen (vgl. Ueltzhöffer 1999: 628). Vor allem im Bereich der menschlichen Denk-
und Verhaltensweisen, die als Folgen oder aber auch als Bestimmungsgründe ungleicher
Lebensbedingungen zu verstehen sind, finden sich heute sehr differenzierte Strukturen. So
ergaben empirische Befunde, dass insbesondere eine Pluralisierung von Milieus und
Lebensstilen zu beobachten ist (vgl. Korte/Schäfers 2002: 222).
Soziale Milieus beschreiben Menschen mit jeweils charakteristischen Einstellungen und
Lebensorientierungen, also ,,Gruppen Gleichgesinnter" (Korte/Schäfers 2002: 222). ,,Neuere
soziologische Milieubegriffe beziehen neben dem Umfeld von Menschen auch dessen typische
Wahrnehmung und die damit in Zusammenhang stehenden Werthaltungen der Menschen in die
Betrachtung ein. So fassen die (...) ,,Sozialen Milieus" Gruppen Gleichgesinnter zusammen, die
jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen
und Mentalitäten haben." (Hradil 2001: 425). Personen, die dem gleichen sozialen Milieu
angehören, interpretieren und gestalten ihre Umwelt in ähnlicher Weise und unterscheiden sich
dadurch von anderen sozialen Milieus.
Differenziert dazu muss man den Begriff des ,,Lebensstils" betrachten. ,,Als Lebensstil
bezeichnet man typische Regelmäßigkeiten in der Gestaltung des Alltags." (Korte/Schäfers
2002: 222). Gemeinsam ist beiden theoretischen Konzepten, dass eine zunehmende
Pluralisierung, sowohl bei den Lebensstilen als auch den sozialen Milieus, zu beobachten ist.
Diese Pluralisierung ist in dreierlei Weise zu beobachten. So hat sich die Verknüpfung zwischen

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ungleichen, insbesondere schichtspezifischen Lebensbedingungen einerseits, und milieu- bzw.
lebensstilspezifischen Lebensweisen andererseits gelockert. Diese Entwicklung wird als kausale
Pluralisierung bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Personen der gleichen Berufs- oder
Statusgruppe heute häufig unterschiedlichen Milieus oder Lebensstilgruppierungen angehören.
Andererseits finden sich Mitglieder einiger Milieus sowohl im oberen, als auch unteren Teil der
sozialen Schichtung (vgl. Korte/Schäfers 2002: 223).
Die Zunahme der Vielfalt der Lebensweisen wird als morphologische Pluralisierung bezeichnet.
Selbst bei einer äußerst groben Aufteilung der deutschen Bevölkerung ,,muss man heute ca. ein
Dutzend verschiedene Milieus und Lebensstilgruppen auseinanderhalten. Daneben haben für
die Menschen in postindustriellen Gesellschaften Zugehörigkeiten zu kleineren Gruppierungen,
z.B. zu Freundeskreisen, regionalen Milieus oder großstädtischen Lebensstilen, oft ähnlich
große Bedeutung wie die Zugehörigkeit zur Kultur und Lebensweise von Großgruppen, wie der
Arbeiterschaft, der ,Mittelschicht' oder dem ,konservativen Milieu'" (Korte/Schäfers 2002: 223).
Schließlich spricht man noch von finaler Pluralisierung. Darunter versteht man, dass die
Zugehörigkeit zu ,,Lebensweisegruppierungen" sowohl die gesellschaftliche
Standortbestimmung, als auch viele alltägliche Verhaltensweisen der Menschen prägt. Dies
beginnt bei der Kindererziehung, über politische Beteiligung, bis hin zur Lebensplanung.
Grundeinstellung und Lebensweise spielen eine genauso große Rolle wie Beruf und Status. Zu
beachten gilt, dass die Milieuzugehörigkeit in postindustriellen Gesellschaften schnelllebiger ist
und nicht mehr eine lebenslang andauernde Stabilität aufweist, wie früher beispielsweise die
Prägung durch das katholische Milieu oder das Arbeitermilieu (vgl. Korte/Schäfers 2002: 223).
Der Ansatz der sozialen Milieus geht von verschiedenen theoretischen Überlegungen aus. Zum
einen wird postuliert, dass die dem Schicht- bzw. Klassenmodell ,,als Differenzierungsparadigma
der Moderne zugrunde liegenden sozioökonomischen Lebensbedingungen" (vgl. Ueltzhöffer
1999: 630) in der Alltagswelt postindustrieller Gesellschaften in sehr unterschiedlicher Weise
wirksam, sicht- und erfahrbar werden. Des Weiteren wird angenommen, dass gleiche
sozioökonomische Lebensbedingungen im Alltag ungleiche ,,Stilwelten" produzieren können.
Diese Stilwelten scheinen sich losgelöst vom Schicht- und Klassenzusammenhang zu entfalten,
während andere wiederum schicht- bzw. klassenspezifischen ,,sozialhierarchischen Linien" (vgl.
Ueltzhöffer 1999: 630-631) folgen. Die soziale Zugehörigkeit wird demnach weniger von schicht-
bzw. klassenspezifischen Merkmalen geprägt, als von Gemeinsamkeiten der grundlegenden
Wertorientierungen, der Lebensweisen und deren habituellen Grundmustern.

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Über die Milieuzugehörigkeit des Einzelnen bestimmen subjektive alltagsästhetische
Beziehungswahlen. Diese werden von objektiven Merkmalen wie Alter, Einkommen, Bildung etc.
und natürlich auch vom Herkunftsmilieu beeinflusst, aber nicht entschieden. Soziale Milieus sind
demnach also keine frei im sozialen Raum schwebende Zufallsgebilde, sie bilden vielmehr
vergleichsweise stabile, wenn auch veränderbare ,,sozialästhetische Strukturen" (Ueltzhöffer
1999: 627). Milieuwahlen sind dennoch nicht individueller Beliebigkeit überlassen, sondern
werden auf dem Hintergrund objektiv strukturierender Merkmale getroffen, die der Einzelne zwar
mehr denn je beeinflussen und verändern kann (z.B. Bildung, Einkommen, Arbeit), denen er
aber nach wie vor ausgeliefert ist, so z.B. dem Milieu, in das er hineingeboren wurde. Soziale
Milieus sind ein fester Bestanteil des kulturellen Pluralismus postindustrieller Gesellschaften und
sind für das Ungleichheitsgefüge eben dieser postindustriellen Gesellschaften von
entscheidender Bedeutung. So sind soziale Milieus Ausdruck starker Segregationstendenzen
innerhalb von Gesellschaften. Zum einen auf der sozioökonomischen Ebene, im Sinne einer
zunehmenden Ausgrenzung wirtschaftlich benachteiligter Bevölkerungsgruppen und
andererseits auf der sozialästhetischen Ebene, ,,im Sinne eines Auseinanderdriftens
milieuspezifischer Wertewelten, der kommunikativen Abschottung der sozialen Milieus
gegeneinander und der Radikalisierung milieuspezifischer Geschmackskulturen, Einstellungs-
und Verhaltensmuster" (Ueltzhöffer 1999: 631).
Man kann zusammenfassend sagen, dass die sozialen Milieus ,,der nach Ständen, Klassen und
Schichten gegliederten Gesellschaft" (...) sich seit der Entstehung der Bundesrepublik erheblich
verändert" (Vester et al. 2001: 13) haben. Sie sind nicht mehr länger als festgefügte politische
Großgruppen zu verstehen, sondern als lebensweltliche Traditionslinien, ,,die sich nach dem Stil
und den Prinzipien ihrer alltäglichen Lebensführung unterscheiden (...). Allerdings haben sich
die ,,Familienstammbäume" der sozialen Milieus erheblich differenziert und modernisiert."
(Vester et al. 2001: 13).
3.
Entstehungsgeschichte der Konzepte sozialer Ungleichheit
Wir haben nun geklärt, was man generell unter sozialer Ungleichheit versteht, und wie man in
diesem Zusammenhang den Begriff ,,Soziales Milieu" definieren kann. Wie ist es aber dazu
gekommen, dass man heutzutage zur Beschreibung der Sozialstruktur, zusätzlich zu den
klassischen Kategorisierungsbegriffen der Sozialstrukturanalyse wie ,,Klasse" und ,,Schicht",
noch den Milieubegriff verwendet? Beschreibt dieser Begriff ein Konzept, das sich aus den

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klassischen Begrifflichkeiten heraus entwickelt hat? Oder aber hielten diese den Anforderungen
der Sozialstrukturanalyse moderner Gesellschaften nicht mehr stand, und es bedurfte eines
grundsätzlich neuen Ansatzes, der auf eine vollkommen andere Art und Weise versucht, die
Ungleichheiten in modernen Gesellschaften realitätsnäher abzubilden? Diese und ähnlich
gelagerte Fragen soll dieses Kapitel erhellen.
3.1. Historische Einordnung von Modellen sozialer Ungleichheit
Vereinfachend gesagt können in Europa vier Epochen mit jeweils eigenen Ungleichheitsgefügen
ausgemacht werden (Korte/Schäfers 2002: 208). Wir werden nicht auf alle Epochen
ausführlicher eingehen können, aber zum besseren Verständnis der heutigen Konzepte sollte
wenigstens ein kurzer Blick auf diese geworfen werden.
3.1.1. Die vorindustrielle Ständegesellschaft
Seit Beginn des Mittelalters, bis hin zu den politischen und wirtschaftlichen Revolutionen des 18.
und 19. Jahrhunderts, war die familiale Herkunft die mit Abstand wichtigste Determinante
sozialer Ungleichheit. Das heißt, dass praktisch schon mit der Geburt im Adels-, Bürger oder
Bauernstand entschieden war, welche rechtlich festgelegten Privilegien das gesamte
Alltagsleben bestimmten, und so zu jeweils ,,standesgemäßen" Lebensweisen führten.
Entscheidend ist hierbei, dass kaum von Stand zu Stand auf- oder abgestiegen werden konnte,
die einzelnen Stände also kaum durchlässig waren für Mitglieder anderer Stände.
3.1.2. Die frühindustrielle Klassengesellschaft
Die eben genannte Determinante der familialen Herkunft wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts
allmählich abgelöst durch die Determinante Besitz. Über bessere oder schlechtere
Lebensbedingungen entschied also, ob man Besitz hatte (z.B. Kapital, Fabriken o.ä.) oder nicht
­ und man somit zu Reichtum, Macht und Einfluss gelangen konnte. Die zwei Klassen
derjenigen mit und derer ohne Besitz waren, im Gegensatz zur Ständegesellschaft, nicht
rechtlich voneinander getrennt, sondern durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Barrieren.

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Aber auch diese sorgten dafür, dass gesellschaftliche Auf- und Abstiege weiterhin selten
blieben.
3.1.3. Die industriegesellschaftliche Schichtgesellschaft
Die Zahl der besitzlosen Arbeiter und Angestellten wuchs im Laufe des 20. Jahrhunderts immer
mehr an, und gleichzeitig wurden immer deutlichere Ungleichheiten innerhalb dieser Gruppe
offenkundig. Dies führte zu einer Hierarchie der Berufe, in der die Lagen der verschiedenen
unselbständig Erwerbstätigen auseinanderdrifteten, z.T. sogar in sehr starkem Ausmaß. Somit
war also zu dieser Zeit die Stellung im Beruf zur wichtigsten Determinante vieler Menschen
geworden, und nicht mehr die Herkunft oder der Besitz. Die Vor- und Nachteile von
Qualifikation, Einkommen, Prestige etc., die mit dem Beruf einhergehen, stellen nun die
wichtigsten Dimensionen sozialer Ungleichheit dar; jene Verteilung von Vor- und Nachteilen
werden als ,,Schichtungsgefüge" bezeichnet. Das Klassen- und Ständegefüge wurde zwar noch
nicht völlig verdrängt, jedoch vom Schichtungsgefüge überlagert. Aus diesem Grund werden
Industriegesellschaften auch als geschichtete Gesellschaften bezeichnet.
3.2. Soziale Ungleichheiten in postindustriellen Gesellschaften
Im Schichtungsgefüge von Industriegesellschaften lassen sich die ungleichen
Lebensbedingungen der Menschen in eine vertikale Struktur einordnen, mit den bereits
erwähnten Dimensionen. Dies bedeutet, dass derjenige, der in dieser Verteilung oben
anzutreffen ist, Vorteile hat; umgekehrt hat der unten stehende Nachteile, unabhängig davon, ob
ihm dies bewusst ist, oder es für ihn von Bedeutung ist oder nicht.
3.2.1. ,,Neue" soziale Ungleichheiten
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass bestimmte neue Formen sozialer Ungleichheit
postindustrieller Gesellschaften nicht mehr ganz in diese vertikale Struktur passen. Denn seit
den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sind nicht nur wirtschaftliche Ursachen maßgebend für
die Herausbildung sozialer Ungleichheit, sondern auch außerberufliche Statusdeterminanten,
wie etwa der Wohlfahrtsstaat und soziokulturelle Faktoren. Dies bedeutet nicht, dass der Beruf
für eine Person (und für die von ihr abhängigen Familienmitglieder) nur noch in geringem

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Ausmaß den Zugang zu Vor- und Nachteilen bestimmt, aber immer mehr rücken auch solche
Disparitäten in den Vordergrund, die z.T. quer zu den beruflichen, vertikalen Ungleichheiten
stehen ­ aus diesem Grund werden sie häufig auch als horizontale Ungleichheiten bezeichnet.
Es fällt in diesem Zusammenhang auf, dass heutzutage in den modernen Gesellschaften, wo
nur durch individuelle Leistung erworbene Ungleichheiten echte Gültigkeit haben, vor allem jene
biologischen bzw. ,,quasinatürlichen Merkmale" (Korte/Schäfers 2002: 220) der Ungleichheit für
die Betroffenen, z.B. Frauen oder Ausländer, nur schwer erträglich sind.
Wichtig sind für die Menschen heute auch ,,neue" Ungleichheitsdimensionen wie die der Freizeit-
, Arbeits-, Gesundheits- und Wohnbedingungen, sowie der Ungleichbehandlung. Diese ,,neuen"
Ungleichheitsdimensionen sind zwar nicht wirklich neu, aber ihnen wird mittlerweile eine viel
höhere Bedeutung zugemessen. Die gleichzeitig abnehmende Dominanz der vertikalen
Schichtung hat zur Folge, dass Statusinkonsistenzen immer häufiger zu beobachten sind;
besonders im mittleren Bereich des gesellschaftlichen Gefüges, wo verschiedene
Kombinationen von Vor- und Nachteilen nebeneinander existieren, mit teils sehr
unterschiedlichen Ausprägungen.
Der Begriff der sozialen Schichten bot sich hier nur noch bedingt an, um solche Konstellationen
gut beschreiben zu können ­ so wurde das Konzept der Lebenslagen formuliert, um eine
angemessenere Abbildung sozialer Ungleichheit darstellen zu können.
3.2.2. Das Konzept der Lebenslagen
Im Gefüge der Lebenslagen ist der untere Bereich nicht wie der mittlere Bereich durch ein
Nebeneinander von Vor- und Nachteilen gekennzeichnet, sondern durch die Anhäufung
unterschiedlicher Nachteile. Im Gegensatz aber z.B. zum unteren Teil des Klassensystems, der
Arbeiterschaft, handelt es sich hier aber um keine große und einheitliche Gruppe von Personen,
die über ein gewisses Machtpotenzial verfügt, sondern um eine ganze Reihe verschiedenartiger
Problem- und Randgruppen, die zu den Verlierern in den postindustriellen Gesellschaften
gehören, und meist außerhalb des Erwerbslebens stehen. Die Entwicklung im Gefüge der
Lebenslagen geht dahin, dass die Risiken von Armut und Arbeitslosigkeit sich nicht allein auf die
unteren Lagen beschränken, sondern z.T. weit in die mittleren Bereiche hineinwirken. Die
überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt jedoch unter relativ befriedigenden Bedingungen,

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und bei den oberen Lagen zeichnet sich ab, dass sich für bestimmte Gruppierungen immer
deutlichere Vorteile ergeben.
Als Folge der unterschiedlich gelagerten Möglichkeiten von Individuen in ihrem persönlichen
Lebensumfeld ergeben sich, wie oben kurz angedeutet, auch im Bereich der menschlichen
Denk- und Verhaltensweisen heute differenzierte Strukturen. Empirische Befunde, auf die in
nachfolgenden Kapiteln näher eingegangen wird, zeigen eine Pluralisierung von Lebensstilen
und Milieus auf.
3.2.3. Das Konzept der Lebensstile und der Milieus
Der Begriff des Lebensstils bleibt (ähnlich wie der des Milieus) in der Literatur häufig etwas
diffus. Er bezieht sich zwar wie der des Milieus gleichermaßen auf Gruppen, beide sind aber
eigentlich auf unterschiedlichen Ebenen zu verorten. In der Literatur werden die beiden Begriffe
nicht immer sauber voneinander getrennt; Schulze meinte hierzu etwa: ,,statt von Milieus zu
sprechen könnte man auch andere Ausdrücke verwenden, etwa Lebensstilgruppen,
Subkulturen, ständische Gemeinschaften, soziokulturelle Segmente, erlebbare gesellschaftliche
Großgruppen" (Zerger 2000: 79). Trotzdem lassen sich die beiden Begriffe doch in ihrer
Ausrichtung unterscheiden. Laut Zerger beschreiben Lebensstile in erster Linie bestimmte
Muster eines für den Alltag typischen, regelmäßigen Handelns, der Milieubegriff bezieht sich
dagegen stärker auf die allgemeinen sozialen, kulturellen und ökonomischen
Lebensbedingungen, die das individuelle Denken und Handeln prägen. Ergänzend hierzu kann
auch Hradils Definition herangezogen werden (vgl. Kap. 2).
Es gilt also festzustellen, dass ein wesentliches Unterscheidungskriterium zwischen
Lebensstilen und Milieus die soziologische Betrachtungsebene ist: Milieus sind hier mehr auf der
Meso- bzw. Makroebene einzuordnen, Lebensstile hingegen mehr auf der Mikroebene.
3.2.4. Historische Verortung des Milieubegriffes
Wir haben bis jetzt den Begriff ,,Milieu" definiert, und versucht, ihn gegenüber anderen aktuellen
Konzepten zur Beschreibung sozialer Ungleichheiten abzugrenzen. Die Tatsache, dass in der
modernen Ungleichheitsforschung dieser Begriff benutzt wird, bedeutet aber nicht, dass er
lediglich ein neuartiges Produkt aus dem Erfindungsreichtum moderner Soziologen ist. Vielmehr
Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Sozialstrukturanalyse: Soziale Milieus
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1.3
Autor
Jahr
2003
Seiten
48
Katalognummer
V186144
ISBN (eBook)
9783869438894
ISBN (Buch)
9783656992356
Dateigröße
1366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, milieus, Sozialstrukturanalyse
Arbeit zitieren
Martin Weiß (Autor), 2003, Sozialstrukturanalyse: Soziale Milieus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186144

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