Die mobile Generation - Eine Untersuchung zum Umgang von Jugendlichen mit Mobiltelefonen


Diplomarbeit, 2007
63 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

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1 Einleitung 8

1 Einleitung

Die mobile Kommunikation ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Seit große Teile der Bevölkerung über ein Mobiltelefon verfügen, findet Kommunikation nicht mehr nur in geschützten Räumen wie Wohnhäusern und Büros statt, sondern immer mehr im öffentlichen Raum. Überall auf der Straße, in der U-Bahn oder auf dem Sportplatz sieht man Menschen mit einem Handy 1 am Ohr. Sie vereinbaren Termine, geben ihren augenblicklichen Standort durch, teilen mit, wie der Tag gelaufen ist oder wann sie nach Hause kommen. Dabei scheint es sie nicht zu stören, dass sie Geschäftliches, Privates oder gar Intimes öffentlich machen. Dieser Freizügigkeit trägt auch der größte deutsche Telefonanbieter Rechnung: Die geschlossene Telefonzelle gehört der Vergangenheit an, nur noch nach allen Seiten offene Telefonsäulen werden installiert.

Vor allem bei Jugendlichen ist das Handy beliebt. Nach der aktuellen Jugend, Information, (Multi-) Media-Studie, kurz JIM-Studie 2005, des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) besitzen heute 92 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein Mobiltelefon. Dabei sind die weiblichen Jugendlichen mit 94 Prozent etwas besser ausgestattet als ihre männlichen Altersgenossen mit 90 Prozent. Bei den 12- bis 13-Jährigen verfügen 84 Prozent über ein Handy (mpfs: JIM-Studie 2005, S. 48). Am liebsten versenden die Jugendlichen mit ihren Handys kurze Textnachrichten über den Short Message Service (SMS) 2 . Dass sich dieser Dienst steigender Beliebtheit erfreut, belegen die Statistiken der Bundesnetzagentur zum Versenden von SMS: Lag die Zahl der versendeten SMS 1998 noch bei 600 Millionen, so waren es sieben Jahre

1 Die Bezeichnung Handy für das Mobiltelefon hat sich nur in Deutschland eingebürgert. Im

Englischen spricht man vom mobile oder cellular phone. Die Italiener sprechen vom telefoni-

no, die Niederländer vom mobieltje und die Schweden vom ficktelefon (Taschentelefon).

2 SMS: Short Message Service, dt. Kurznachrichtendienst. Ein Mobilfunkdienst, mit dem kurze

Textnachrichten (maximal 160 Zeichen) an Mobilfunkteilnehmer gesendet werden können;

auch die Nachricht selbst wird so genannt. (Brockhaus 2006a)

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2 Die Entwicklung des Mobiltelefons zum Massenmedium 10

2 Die Entwicklung des Mobiltelefons zum Massenmedium

Laut dem Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) besaßen Ende 2003 1,3 Milliarden Menschen auf der Welt ein Handy; das bedeutet, dass jeder fünfte Weltbürger mobil telefonieren konnte. Im Jahr 2004 wurden weltweit „715 Millionen Handys ausgeliefert“ (http://www.heise.de).

Der Jahresbericht der Bundesnetzagentur weist für Deutschland im Jahr 2005 einen Bestand von 79,2 Millionen Handyvertragsverhältnissen aus. Im Jahr 2004 hatte Deutschland 82,42 Millionen Einwohner (Brockhaus 2006b), d.h. vom Baby bis zur 110 Jahre alten Rentnerin Irmgard von Stephani (http://www.wikipedia.org) besitzt, rein statistisch gesehen, fast jeder Bundesbürger ein Handy. Bei der angegebenen Vertragszahl sind Nutzer mit Mehrfachverträgen jedoch nicht gesondert ausgewiesen. Im Großen und Ganzen ist aber davon auszugehen, dass die Penetration des deutschen Handymarktes bald an seine natürlichen Grenzen stößt.

Dass Mobiltelefonieren einmal für jedermann erschwinglich sein würde, hätte man sich vor fast 50 Jahren nicht einmal träumen lassen. 1958 ging in Deutsch-land das erste Mobilfunknetz, das A-Netz, an den Start. Betrieben wurde es von der Deutschen Bundespost mit einer Trägerfrequenz von 160 Megahertz (MHz). Ein Verbindungsaufbau war damals „nur ausgehend von einem Mobiltelefon möglich und auf Handvermittlung angewiesen“ (Schiller 2003, S. 27). Die frühen Mobiltelefone waren in Autos eingebaut, da sie aufgrund ihrer klobigen Bauweise in Röhrentechnik viel Platz benötigten und ein hohes Maß an elektrischer Energie verbrauchten. Das Gewicht der Sende- und Empfangsanlage betrug 16 Kilogramm (kg).

Damals musste man für das „Autotelefon Typ B 72“ (Abb. 1, S. 11) der Firma Süddeutsche Telefonapparate-, Kabel- und Drahtwerke AG stolze 15.000 Deutsche Mark (DM) (rund 7.500 Euro) bezahlen. Die monatliche Grundgebühr betrug 60 DM (rund 30 Euro), hinzu kamen noch die Gesprächskosten (Mu- seumsstiftung Post und Telekommunikation, „B 72“). Zum Vergleich: Zu dieser

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Die erste SMS wurde im Dezember 1992 in Großbritannien versendet; sie war damals tatsächlich noch kostenlos. In Deutschland gibt es den Kurznachrichtendienst seit 1995 (Brockhaus 2006d). In den ersten Jahren fand der Short Message Service wenig Beachtung bei den Handynutzern. Erst als sich gegen Ende des ausgehenden 20. Jahrtausends auch viele Jugendliche ein Handy zulegten, nahm die Zahl der versendeten SMS drastisch zu (vgl. Androutsopoulos/Schmidt 2001, S. 28/ Schlobinski et al. 2001, S. 4).

3.1 SMS in den Massenmedien

Es dauerte nicht lange, bis sich die Medien und die Wissenschaft des neuen Phänomens SMS annahmen. Tageszeitungen und Zeitschriften widmeten sich den kleinen Botschaften höchst intensiv, wenn auch oft auf marktschreierische Weise. Schon bald hieß es von der „Generation SMS“ (Wurzenberger 2000), sie habe eine Geheimsprache entwickelt, die von Erwachsenen nicht mehr zu verstehen sei.

Thomas Michel gibt in seinem Artikel „BIBALUR und *knuddelknutsch*“ einen typischen Dialog zwischen zwei Nutzern wie folgt wieder: „<<WZTSD?:-@>> -<<KO15MISPÄ;-)>> - <<OK WWW>>“ 9 (Michel 2001). In dem Artikel wird den Schreibern von Kurznachrichten u.a. unterstellt, sie hätten eine „Hochgeschwindigkeitssprache entwickelt“, „die bei Uneingeweihten nur Fragezeichen hinterlässt“. Auch Spiegel-Online berichtete in seinem Artikel „2B or not 2B“ (Spiegel-Online 2003) von einer 13-jährigen schottischen Schülerin, die einen ganzen Aufsatz in dieser „Hochgeschwindigkeitssprache“ geschrieben habe. Ihr Aufsatz wird als „kryptisches Werk im lautmalerischen SMS-Stil“ bezeichnet. Der Artikel zitiert darüber hinaus auch Lehrer und Eltern, die „vor einem Niedergang der Schriftsprache und der Grammatik“ warnen.

9 Übersetzung: „Wo zum Teufel steckst Du?“(erbost) - „Komme 15 Minuten später.“ (ver-

schmitzt grinsend) - „Okay, wird werden warten.“

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3.2 SMS und Wissenschaft

Nach den Medien entdeckte auch die Wissenschaft das Thema SMS und Mobiltelefon. Sie machte es rasch zum Gegenstand ihrer Forschung. Vor allem europäische Wissenschaftler nahmen sich dieses Forschungsfeldes an, allen voran die aus den skandinavischen Ländern. So starteten 1998 die Kommunikations-forscherin Eija-Liisa Kasesniemi und die Ethnologin Pirjo Rautiainen das Forschungsprojekt „Handy-Kultur von Kindern und Jugendlichen in Finnland“ (vgl. Höflich/Gebhardt 2003, S. 291 - 312, 314, 315). In den folgenden Jahren erschienen weitere wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Die Herangehensweise der meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war von interdisziplinärer Art. So erklärten sich nicht nur die Kommunikationswissenschaftler für dieses Forschungsfeld zuständig - was man an sich bei einem Thema wie dem Mobiltelefon annehmen könnte - sondern auch Soziologen, Psychologen, Linguisten und Pädagogen betätigten sich auf diesem Gebiet.

3.3 Handy und SMS aus Sicht der Kommunikationswissenschaft

In Deutschland waren die Kommunikationswissenschaftler Joachim R. Höflich und Patrick Rössler unter den ersten, die sich mit dem Thema Handy, SMS und Jugendliche wissenschaftlich beschäftigten. In ihrer Studie „Mobile schriftliche Kommunikation - oder: E-Mail für das Handy. Die Bedeutung elektronischer Kurznachrichten (Short Message Service) am Beispiel jugendlicher Handynutzer“ (Höflich/Rössler 2001) betrachteten sie den Komplex unter kommunikationssoziologischen und psychologischen Aspekten. Im Rahmen ihrer Studie wurden 204 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aus verschiedenen Regionen Deutschlands zu ihrem Handy-Gebrauch befragt. Dabei stellte sich heraus, dass Jugendliche unter 16 Jahren vorwiegend Prepaid-Angebote nutzen. Dieses Angebot der Netzbetreiber ist laut Höflich und Rössler „ein wichtiger Mo-tor für die Marktdurchsetzung von SMS unter Jugendlichen“ (Höflich/Rössler 2001, S. 442 u. 451).

Höflich/Rössler vergleichen die SMS-Botschaften der Jugendlichen mit „flüch- tigen Einträgen in ein virtuelles Poesie-Album“ (Höflich/Rössler 2001, S. 444)

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und messen dem Schreiben von SMS „ein psychologisches Bedürfnis nach Rückversicherung“ (Höflich/Rössler 2001, S. 447) zu, womit das Erkundigen nach dem Befinden der kontaktierten Person gemeint ist sowie das Bedürfnis zu erfahren, was der jeweils andere gerade so macht. So verwundert nicht, das „97 Prozent aller Befragten, immer oder meistens eine schnelle Rückantwort des Kontaktierten“ (Höflich/Rössler 2001, S. 452) erwarten.

Weiterhin ergab die Untersuchung, dass Jugendliche das Mobiltelefon vor allem nutzen, um sich zu verabreden, und dass sie an diesem Medium besonders den Umstand schätzen, dass sie immer erreichbar sind. Die Autoren ziehen aus ihren Befragungen darüber hinaus noch den Schluss, dass dank Handy „selbst Jugendliche zum Schreiben kommen, die ansonsten möglicherweise nie einen Brief oder eine E-Mail verfasst hätten“ (Höflich/Rössler 2001, S. 458).

Höflich und Rössler legen in ihrer Studie dar, wie wichtig besonders der Short Message Service für die Jugend geworden ist. Doch wie versiert die Jugendlichen mit dem neuen Kommunikationsmedium Handy umgehen, dieser Frage gehen Höflich und Rössler in ihrer Arbeit nicht nach.

3.4 SMS und Sprachwissenschaft

Die Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski et al. stellen in ihrer Studie „Simsen. Eine Pilotstudie zu sprachlichen und kommunikativen Aspekten in der SMS-Kommunikation“ (Peter Schlobinski et al. 2001) fest, dass „sich bisher keine Kommunikationstechnologie derart schnell durchgesetzt [...] hat“ (Schlobinski et al. 2001, S. 5) wie die SMS-Kommunikation. Bei der Arbeit von Schlobinski et al. handelt es sich um eine empirische Untersuchung. Auf der Grundlage von 760 SMS von 150 Personen - u.a. von Schülern, Mitgliedern eines Sportvereins und Studenten - werden die „sprachlichen Mittel in der SMS-Kommunikation sowie Aspekte des Kommunikationsverhaltens“ analysiert (Schlobinski et al. 2001, S. 6).

Die Studie ergab, „dass zwar über 60% von der normorientierten Groß- und Kleinschreibung abgewichen wird [...], allerdings liegt zu 43% eine konsequente Klein- bzw. Großschreibung vor“ (Schlobinski et al. 2001, S. 7). Bei den Satz- zeichen erstaunte die Wissenschaftler, dass nur 10 Prozent der Schreiber auf

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2001, S. 27). Geschrieben wird zum größten Teil an Freunde und Partner, seltener an Familienmitglieder. Der angeschriebene Personenkreis beschränkt sich bei dem überwiegenden Teil der Schreiber auf ein bis sechs Kontaktpersonen (Schlobinski et al. 2001, S. 27, Tabelle).

Schlobinski et al. untersuchten im Rahmen ihrer Studie eingehend die sprachlichen Mittel in den Kurzbotschaften. Dabei wiesen sie nach, dass die Schreiber von SMS neue Abkürzungen wie „hdgl“ und dessen Varianten in den Kurznachrichten eingeführt haben; eine Bevorzugung englischer Abkürzungen und Akronyme konnte hingegen nicht belegt werden. Außerdem wurde festgestellt, dass der per SMS kontaktierte Personenkreis auf wenige persönlich bekannte Menschen beschränkt ist.

3.5 Die „konzeptionelle Mündlichkeit“ der Kurznachricht

Mit dem Short Message Service und dessen Aneignung durch eine Kleingruppe befassen sich die Linguisten Jannis Androutsopoulos und Gurly Schmidt in ihrer Untersuchung „SMS-Kommunikation: Ethnographische Gattungsanalyse am Beispiel einer Kleingruppe“ (Androutsopoulos/Schmidt 2001). Die explorative Studie untersucht anhand eines Textkorpus von 934 Kurzbotschaften, die von fünf befreundeten Personen geschrieben wurden, wann SMS eingesetzt werden und welche Binnenstruktur die Nachrichten aufweisen.

Die Autoren sehen „in der dauerhaften Verfügbarkeit und ‚Handlichkeit’“ (Androutsopoulos/Schmidt 2001, S. 28) des Mobiltelefons einen wichtigen Fak-tor für die große Beliebtheit der SMS-Kommunikation, der insbesondere für Jugendliche durch den niedrigen Neupreis eines Handys und die überschaubaren monatlichen Kosten noch gesteigert werde. Auch die im Gegensatz zum Internet „leicht zu erlernende Bedienung“ (Androutsopoulos/Schmidt 2001, S. 28) und die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten erleichtern den Zugang zum Medium Handy.

Androutsopoulos/Schmidt kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass „die Binnenstruktur von Kurznachrichten von zwei Haupttendenzen dominiert wird: „Reduktion einerseits, kreativer Freiraum anderseits“ (Androutsopoulos/Schmidt 2001, S. 28). Diese Tendenzen machen sie an der technischen Beschränkung

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Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die mobile Generation - Eine Untersuchung zum Umgang von Jugendlichen mit Mobiltelefonen
Hochschule
Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg
Note
1.7
Autor
Jahr
2007
Seiten
63
Katalognummer
V186239
ISBN (eBook)
9783869438290
ISBN (Buch)
9783869430744
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
generation, eine, untersuchung, umgang, jugendlichen, mobiltelefonen
Arbeit zitieren
Diplom-Journalist Rainer F. Schuh (Autor), 2007, Die mobile Generation - Eine Untersuchung zum Umgang von Jugendlichen mit Mobiltelefonen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186239

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