Umweltzerstörung - Verschuldung - Wachstum - Zusammenhänge, Probleme und Widersprüche der globalisierten Volkswirtschaft


Diplomarbeit, 2006
114 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

II
Umweltzerstörung - Verschuldung - Wachstum - Zusammenhänge, Probleme und
Widersprüche der globalisierten Volkswirtschaft
Inhaltsverzeichnis ... II
1. Ausgangspunkt: Die ökonomische, ökologische und soziale Situation der Welt zu
Beginn des 21. Jahrhunderts ... 1
1.1.
Einführung in das Thema
1.2.
Problemstellungen
1.3.
Ethische Normen für das Zusammenleben der Menschen
2. Umweltzerstörung - der Zustand unseres Lebensraumes ...10
2.1.
Luft und Wasser
2.2.
Flora und Fauna
2.3.
Nahrungs - und Energieversorgung
2.4.
Nutzung erneuerbarer Energien
2.5.
Ursachen der Zerstörung und Verteilung des Umweltverbrauchs (Partizipation)
2.6.
Nationale und internationale Aktivitäten
2.7.
Übergreifende (philosophische) Aspekte
3. Weltweite Verschuldung ... 33
3.1.
Die Rolle der Verschuldung im Wirtschafts - und Geldkreislauf
3.2.
Die Verschuldung der Unternehmen
3.3.
Die Verschuldung der privaten Haushalte und Nationalstaaten
3.4.
Auswirkungen und Probleme der Verschuldung
3.5.
Die Verschuldung der Entwicklungsländer
3.6.
Die Rolle internationaler Organisationen

III
4. Industrielles Wachstum und seine Auswirkungen ... 71
4.1.
Das industrielle Wachstum
4.2.
Wachstumsmessung und die Eigenschaften des Wachstums
4.3.
Wachstum als Problemlösungsansatz - der "Wachstumsfetisch"
4.4.
Auswirkungen des Wachstums unter den Bedingungen der kapitalistischen
Wettbewerbswirtschaft
4.5.
Wachstum und Verteilung
5. Auswege und Alternativen - Ansatzpunkte einer nachhaltigen Entwicklung ... 88
5.1.
Zum Begriff der Nachhaltigkeit
5.2.
Nachhaltigkeitsindikatoren
5.3.
Diskussion der Nachhaltigkeitskonzepte
5.4.
Menschlich wirtschaften - für eine Demokratisierung der Wirtschaft
6. Fazit ... 105
Literaturverzeichnis ... IV
Verzeichnis der Grafiken ... IX

- 1 -
1. Ausgangspunkt: Die ökonomische, ökologische und soziale Situation der Welt zu
Beginn des 21. Jahrhunderts
1.1. Einführung in das Thema
Daß die Menschen mit ihrer Lebensweise die Natur auf der Erde negativ beeinflussen
wird heute kaum noch bestritten. Neu ist allerdings die Qualität, die dieser Prozeß erreicht
hat. Es ist eine Stufe erreicht, in der möglicherweise die Chance zur Umkehr schon nicht
mehr gegeben ist. Eine zunehmende Zahl von Wissenschaftlern warnt mittlerweile vor
einer ökologischen Katastrophe. Die Zeiten, als nur ein kleines Grüppchen von
Kassandra- Rufern die Welt wachzurütteln suchte, sind vorbei.
1
Mittlerweile muß damit gerechnet werden, daß das Ökosystem der Erde kippt, und
niemand kann sagen, was es bedeuten wird, wenn dies passiert.
Wenn im folgenden von ,,Umweltzerstörung" die Rede ist, dann deshalb, weil in
Anbetracht der gravierenden, sich z. T. gegenseitig überlagernden Schäden, die
mittlerweile das Ökosystem der Erde belasten, das Wort ,,Umweltverschmutzung" zu
schwach erscheint. Das Wort ,,Umweltverschmutzung" suggeriert, daß man mit etwas
Mühe die Sache wieder säubern kann. Dies ist leider nicht der Fall.
Hauptverursacher der Umweltzerstörung ist der Mensch, insbesondere mit seinem
wirtschaftlichen Tun und der Nutzung der aus diesem Tun hervorgehenden Produkte.
Diese Tatsache allein ist schon Grund genug, sich mit der Thematik im Rahmen einer
wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen. Hinzu kommt aber, daß die
Umweltprobleme, obwohl sie in der weltweiten Öffentlichkeit durchaus diskutiert werden,
in der Tagespolitik (wie auch im Hochschulalltag) kaum eine Rolle zu spielen scheinen.
Der Themenkreis Umwelt - Wachstum - Verschuldung wurde nicht zuletzt deshalb als
Thema dieser Arbeit gewählt, weil zwischen diesen Themengebieten eine Reihe von
Zusammenhängen bestehen
2
, die jedoch in der öffentlichen wie auch in der
wissenschaftlichen Diskussion oft in einer Weise dargestellt werden, die den Erfahrungen
1
Die ,,Pioniere": Dennis Maedows, Donella Meadows, Erich Zahn, Peter Milling, Die Grenzen des Wachstums,
16. Aufl. 1994
2
Vergl. z. B. Fricke zur Wechselwirkung von Umweltzerstörung und Armut, Gerald Fricke, Kyoto, 2001, S.13

- 2 -
vieler Menschen zuwider läuft.
3
Ausgangspunkt der Betrachtung wird die Frage sein, inwieweit unverzichtbare ethische
und moralische Grundsätze in der heutigen menschlichen Gesellschaft verwurzelt sind,
auf denen eine ,,Umweltethik" basieren könnte.
Im weiteren soll auf ökologische, polit - ökonomische und sozio - ökonomische
Fragestellungen eingegangen werden. Diese Fragestellungen sollen in ihren
Zusammenhängen und im globalen Maßstab betrachtet werden. Auf andere Probleme wie
z. B. Korruption, geschlechterspezifische Fragestellungen u. ä. kann dagegen nicht
eingegangen werden. Auch das Konzept des ,,Ökosozialproduktes" soll keine
Berücksichtigung finden.
Die Zerstörung der natürlichen Umwelt ist in verschiedenen Teilen der Welt
unterschiedlich fortgeschritten. Das Problem ist ein globales, die Auswirkungen der
Schädigungen sind aber insbesondere in den Regionen zu finden, die bis heute nur
unzureichend von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren können. Die Profiteure der
Globalisierung sind andere als die, die den Preis zu zahlen haben.
4
Das erschwert eine
Problemlösung, denn die Profiteure verteidigen ihre Interessen mit allen Mitteln, die ihnen
zur Verfügung stehen.
Der Diskurs um das Problem wird weiterhin erschwert durch vielfältige Interdependezen.
Kaum läßt sich eine gerade Kausalkette bilden. Meist hat ein Phänomen mehrere
Ursachen, die ineinander greifen, wird selbst wiederum zur Ursache für andere
Phänomene usw. Dies macht es leichter, die Verteidigung egoistischer Interessen als
Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion zu tarnen. Zum Beispiel: Obwohl immer klarer
wird, daß die Erwärmung der Erdatmosphäre mit allen ihren zu erwartenden dramatischen
Folgen wesentlich durch das Handeln der Menschen verursacht wird
5
, finden sich immer
noch Verteidiger der Hypothese, daß es sich dabei um einen natürlichen Prozeß handeln
kann.
6
3
z. B. BDI - Präsident Rogowski, der einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und einer
Verringerung der Arbeitslosigkeit unterstellt.
http://www.innovations-report.de/html/berichte/wirtschaft_finanzen/bericht-2547.html , 01.01.2006. Dies wird
näher zu untersuchen sein.
4
Vergl. Elmar Altvater, Preis, 1992, S.111
5
Dies ist die überwiegende Meinung der Klimaforscher weltweit. http://www.forum.mpg.de/archiv/20021018/ ,
01.01.2006
6
So der dänische Statistiker Bjørn Lomborg, dem aber von Seiten der Klimaforscher vorgeworfen wird, heikle

- 3 -
Jedoch ist es nicht die Tatsache, daß man in diesem und anderen Fällen Entscheidungen
aufgrund von Wahrscheinlichkeiten treffen müßte, die konkrete Maßnahmen verhindert
oder verschleppt. Dies wäre kein Grund, denn schon die Brundlandt - Kommission hielt in
ihrer Definition für den Begriff "Nachhaltigkeit" fest, daß es darum geht, das Risiko zu
vermeiden, daß folgende Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können.
7
Daß dieses Risiko gegeben ist, wird heute kaum noch bezweifelt.
Viel wichtiger scheint zu sein, daß es (ökonomische) Interessen gibt, die den Status Quo
zu erhalten suchen. Dies wird zu zeigen sein.
1.2. Problemstellungen
Diese Arbeit soll zunächst das Problem der Umweltzerstörung deutlich werden lassen.
Dabei kann es nicht darum gehen, jede Einzelheit zu erwähnen. Denn die Schäden am
ökologischen System der Erde sind mittlerweile so vielfältig, ihre Ursachen und Ihre
Auswirkungen so umfangreich, daß die Auswahl in diesem Rahmen notwendigerweise
unvollständig bleiben wird.
So galt es zum Beispiel, eine regionale Auswahl zu treffen. Beispiele für das die natürliche
Umwelt schädigende und zerstörende Tun des Menschen hätten sich auch in der näheren
Umgebung finden lassen. Man denke nur an die Ölverklappung in der Nordsee, die mit
dem Gütertransport in Verbindung stehenden Probleme (Feinstaub, Abgase,
Gummiabrieb, Lärm, Flächenversiegelung) oder auch die Problematik des Luftverkehrs.
Aber gerade die verheerenden Folgen von Umweltzerstörung und (ökonomischem)
Wachstum und ihr struktureller Zusammenhang mit den sozialen Lebensbedingungen der
Menschen und der Schuldenkrise offenbaren sich noch viel gravierender in den
Entwicklungsländern, so daß auch Beispiele aus diesen Regionen exemplarisch
dargestellt werden sollen.
Aufgrund seiner Relevanz für die (Über)Lebensbedingungen der Menschheit wird das
Thema "Umweltzerstörung" der Ausgangspunkt der weiteren Ausführungen sein.
Der enge Zusammenhang des Prozesses der Umweltzerstörung mit den Prozessen
Fakten zu unterschlagen und bewußt Zahlen in falschem Zusammenhang zu interpretieren.

- 4 -
"Verschuldung" und "Wachstum" wird Gegenstand der darauf folgenden Kapitel sein.
Dieser gestaltet sich so:
"Eine Vielzahl lokaler, regionaler und globaler Umweltprobleme trägt in weiten Teilen der Erde zur
Verschärfung von Hunger, Armut und Elend bei. ... Umgekehrt nötigen Verelendung, Hunger und
Armut die Menschen vielerorts zu ökologisch nachteiligen Verhaltensweisen und tragen somit
ihrerseits zur Verschärfung der weltweiten Umweltprobleme bei."
8
,,Die ökologische Katastrophensituation tritt auf den Plan vor dem Hintergrund eines ´gar nicht genug
dramatisierbaren´
Auseinanderbrechens
der
Weltgesellschaft
in
extreme
Armut
und
Unterentwicklung einerseits, in Bedürfnis - Überbefriedigung und Machtkonzentration andererseits."
9
Das Problem des Hungers, der Armut und der Umweltzerstörung kann aus Sicht der
neoklassischen Wirtschaftstheorie durch Wachstum gelöst werden, gefördert z. B. durch
Kredite des IWF und der Weltbank.
10
Aus dieser Konstellation ergibt sich der
Zusammenhang zwischen den drei Themen Umweltzerstörung, Verschuldung und
Wachstum.
1987 prägte die Brundtland - Kommission
11
den Begriff der ,,Nachhaltigkeit", in dessen
drei Zielstellungen (ökologische Ziele, ökonomische und soziale Ziele
12
) sich der
Zusammenhang ebenfalls spiegelt.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß von der Erreichung dieser Ziele das Überleben der
Menschheit abhängt. Es muß daher ein Grundkonsens in der Gesellschaft hergestellt
werden, der diese Ziele beinhaltet.
1.3. Ethische Normen für das Zusammenleben der Menschen
a) Der Ist - Zustand
Ethische und moralische Grundvorstellungen sind der zeitgenössischen Weltgesellschaft
7
Nach der Übersetzung in Volker Hauff (Hrsg.), Zukunft, 1987, zitiert in Gerald Fricke, Kyoto, 2001, S. 199
8
Steffen Bauer, Umweltpolitische Herausforderungen, in: bpb, Informationen zur politischen Bildung Nr.
287/2005, S. 9
9
Stephan Wittmann, Ökologische Grenzen, 1992, S. 2
10
Der Eindruck drängt sich auf, daß diese These oftmals ,,nachgeplappert" wird, nicht aus eigener
Überzeugung, sondern infolge mangelnder eigener Überlegung, aus Gutgläubigkeit oder motiviert durch die
Zielstellung, diese Ansicht ,,festzuklopfen". Das Versprechen erfüllt sich nicht, wie die weiteren Ausführungen
zeigen werden.
11
Gro Harlem Brundtland, eine norwegische Politikerin, war Vorsitzende der nach ihr benannten Welt -
Kommission für Umwelt und Entwicklung der UN. Der Bericht der Kommission gilt als das am häufigsten
zitierte Werk im umweltpolitischen Diskurses. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit dieser Kommission
war die Prägung des Begriffs ,,Sustainability" bzw. ,,sustainable Development", der auf dem ,,Erdgipfel" der UN
1992 in Rio de Janeiro als internationales Leitprinzip der Weltgemeinschaft vorgeschlagen wurde.
12
vergl. Steffen Bauer, Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, in: bpb, Informationen zur politischen Bildung
Nr. 287/2005, S. 18

- 5 -
offenbar - trotz aller Beteuerungen - nicht implizit. Die Beispiele, die sich für unethisches,
unmoralisches, ja anti - humanistisches Tun von Menschen aufführen ließen, könnten
jeglichen Rahmen sprengen.
In der ökonomisch determinierten Gesellschaft wird das Handeln der Menschen sehr
weitgehend von wirtschaftlichen Aspekten bestimmt. Dies geschieht in fast allen
gesellschaftlichen Bereichen und unabhängig davon, ob der Einzelne dies gutheißt oder
nicht.
13
Der "Markt" greift in alle Bereiche hinein. Unter anderem mit der Frage "Markt und
Moral" befaßt sich die Wirtschaftsethik, ein Spezialbereich der Ethik, mit zunehmend
kritischen Ergebnissen.
14
Aber die Erkennung dieser Tatsachen erfolgt unterschiedlich
und richtet sich nach dem Blickwinkel des Akteurs.
15
Die wirtschaftliche Tätigkeit vollzieht sich auf dem "Markt". Hier erfolgt i. d. R. der
Austausch zwischen dem Käufer und dem Verkäufer einer Ware oder Dienstleistung.
Dabei ist es so - und dem widerspricht auch die neoklassische Wirtschaftstheorie nicht -
daß sich im Handelsprozeß ein Preis herausbildet, auf den sich Käufer und Verkäufer
einigen. Die Voraussetzungen, unter denen das geschieht, sind jedoch näher zu
betrachten.
Jeder der Handelspartner, Käufer wie Verkäufer, wird versuchen, soviel wie möglich zu
bekommen und so wenig wie möglich zu geben. Dies stellt zunächst die
Ausgangsposition für die Verhandlung dar, an deren Ende u. U. der Abschluß des
Geschäftes steht. Inwieweit dieser Versuch gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren
ab. So scheint die Annahme nicht unberechtigt, daß der stärkere Partner (z. B. der
kapitalstärkere) dem schwächeren Partner seine Bedingungen diktieren kann.
16
Im
13
Auch die Gründung eines Vereins, der Kindern und Jugendlichen ein Freizeitangebot unterbreiten will, also
eine rein gemeinnützige Überlegung, ist mit Finanzierungsfragen verbunden.
14
,,Aber ein selbstorganisierter Markt führt zu schwerwiegenden, moralisch problematischen Konsequenzen.
Der Markt ist grundsätzlich nicht in der Lage, die unterschiedlichen Startchancen der Menschen zu würdigen.
Wer Geld hat, kann am Markt antreten, wer keines hat, eben nicht. Der Markt hat kein Auge für Arme, Kranke
und Behinderte. Der Gedanken des gerechten Ausgleichs ist ihm fremd. ... Der Markt ist auch nicht in der
Lage, den Verbrauch natürlicher Ressourcen umweltgerecht zu steuern und sorgsam umzugehen mit der
Umwelt - er ist ökologisch blind. Blind ist er auch für soziale Anliegen: Wie wir heute sehen, korrelieren höhere
Arbeitslosenzahlen mit höheren Gewinnen und Aktienkursen. Und blind ist der Markt endlich im Blick auf die
Sinnstiftung: Er bringt mit derselben Begeisterung Waffen, pornographische Videos, Lebensmittel und
Kulturgüter hervor. Das einzige Kriterium ist die Verkäuflichkeit. Die Marktmechanismen und -ergebnisse
können fundamentalen Menschenrechten diametral widersprechen." Hans Ruh, Das Shareholder-Value-
Konzept, in Thomas Maak, York Lunau (Hrsg.), Weltwirtschaftsethik, 2. Aufl. 1998, S. 196 [Hervorhebung
nicht im Original]
15
,,Ich bin mir .. sicher, daß wir es hier nicht mit einer systembedingten, breiten moralischen ,,Erosion" zu tun
haben." Heinrich v. Pierer, Zwischen Profit und Moral, in: Heinrich von Pierer, Karl Homann, Gertrude Lübbe-
Wolf, Moral, 203, S. 10 f.
16
ALDI nutzt seine Marktmacht: ,,WLV-Präsident Franz-Josef Möllers warf der Führung von Aldi Nord in Essen
vor, die Preise für Milch und Milchprodukte auf ein Niveau zu drücken, bei dem kein deutscher Milchbauer

- 6 -
Tauschprozeß auf dem Markt gewinnt also oft nicht das bessere Produkt oder die bessere
Dienstleistung, sondern der "Clevere", die aggressivere Werbung, die schamlosere
Ausnutzung von Gutgläubigkeit o. ä. Die Verletzung ethisch - moralischer Normen scheint
in diesem Prozeß vorprogrammiert.
17
Die explizite Forderung nach Durchsetzung ethischer Werte und Normen ist notwendig,
insbesondere,
da
im
der
aktuellen
Diskussion
entsprechende
Vorstellungen
gesellschaftlicher Gruppen immer wieder als völlig abwegig und unerfüllbar dargestellt
werden.
18
Als Gründe dafür müssen dann häufig die sogenannten "Sachzwänge"
19
herhalten.
Daß diese Forderungen bestehen zeigt, daß menschliche Werte und Normen sich nicht
im Selbstlauf durchsetzen. Stattdessen ist das marktwirtschaftliche System in seiner
kapitalistischen Form hochgradig anfällig für die Verletzung humanistischer und ethischer
Aspekte, wie die folgenden Kapitel zeigen werden.
b) Der Soll - Zustand
Die umfassendste und allgemeinste Norm für das Zusammenleben der Menschen auf der
Erde bietet die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" der UN.
,,Artikel 23
1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und
befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
2. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
3. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die
mehr existieren könne. Bedroht seien auch Arbeitsplätze in den Unternehmen der Futtermittelerzeugung und
Lebensmittelverarbeitung sowie der Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft."
http://www.wlv.de/nachrichten/themen/2004/05/milchproteste/Aktion_Westfalen.php , 02.01.2006
17
Psychologische Werbung, Marketingforschung, Kaffefahrten, Drückerkolonnen, Strukturvertriebe, Ponzi -
Finanzierung, Moral Hazard, überteuerter Verkauf von Ramsch - verkaufen geht über alles, der
Gebrauchswert ist fraglich, und der ,,Normalverbraucher" ist meist der Dumme. All dies weist nicht darauf hin,
daß das Problem des Wirtschaftssystems auf den Angebotsseite liegt. Vergl. z. B. Hans - Lothar Merten,
Finanzberater, 1997, S. 29 ff. zur Praxis der Strukturvertriebe im Finanzdienstleistungsbereich. Auch
Bartmann: ,,Nicht die Nachfrage bestimmt Art und Umfang der Produktion, sondern die Produktion sucht sich
ihre Nachfrager, die zu immer mehr Konsum überredet werden müssen". Hermann Bartmann,
Umweltökonomie, 1996, S. 6
18
Zum Beispiel die Forderung nach garantierten Mindestlöhnen, die verhindern sollen, daß Menschen trotz
Arbeit in die Armut abgleiten.
19
"Sachzwänge sind sie, weil sie nicht mehr ohne kritische Anstrengungen auf ihre gesellschaftliche Herkunft
zurückgeführt und in ihrem Herrschaftsmechanismus durchschaut werden können, um sie zu verändern."
Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf, Grenzen, 2004, S. 17

- 7 -
ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz
sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.
Artikel 24
Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige
Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.
Artikel 25
1. Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie
Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung,
ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen gewährleistet sowie das
Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder
Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel
durch unverschuldete Umstände."
20
Diese Rechte, niedergelegt auf Beschluß der Vollversammlung der Vereinten Nationen,
sollten allen Bürgern der Welt zustehen. Heute, 57 Jahre später, scheint die Menschheit
von der Gewährleistung dieser Rechte für alle Bürger weiter entfernt zu sein denn je.
c) Probleme und Forderungen
Nachdem der "real existierende Sozialismus"
21
an den ihm innewohnenden Widerspüchen
scheiterte, war zunächst die Erwartung an das übriggebliebene Wirtschaftssystem, den
Kapitalismus
22
, groß. Diese Erwartungen werden mit immer größer werdender
Deutlichkeit enttäuscht. Die Welt, die Menschheit ist heute gespaltener, als sie es je zu
Zeiten war, als es noch zwei große Lager gab.
Die Zerstörung der natürlichen Umwelt hat einen Umfang erreicht, der ein Umsteuern, das
Verhindern einer Katastrophe, kaum mehr möglich erscheinen läßt. Der Widerspruch von
arm und reich ist nicht mehr definiert zwischen Ost und West, Nord und Süd, sondern
verlagert sich in die Pole hinein. Es gibt Reiche im Süden und Osten wie auch Arme im
Westen.
23
Dabei nimmt die Diskrepanz zwischen den Einkommensstarken und
20
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217 A (III) [der UN - J.G.] vom 10.12.1948,
http://www.unhchr.ch/udhr/lang/ger.htm , 04.10.2005
21
Daß diese Bezeichnung unberechtigt ist, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht diskutiert werden.
22
Statt des Begriffs ,,Kapitalismus" wird heute fast ausnahmslos der Begriff ,,Marktwirtschaft" gebraucht. Die
Gründe dafür sind einleuchtend dargestellt in Elmar Altvater, Marktwirtschaft in der gegenwärtigen
Auseinandersetzung, o. A. d. D., und: Elmar Altvater, Ende, 2005, S. 42 ff.
23
30 Millionen Menschen gelten in den USA als ,,hungrig", schreibt Chossudovsky und beruft sich dabei auf

- 8 -
Vermögenden und den ,,Nicht - Besitzern" immer gravierendere Züge an.
24
Diese Probleme sollen gelöst werden durch Wachstum, so jedenfalls die überwiegende
und damit herrschende Lehrmeinung der Wirtschaftswissenschaft und der mit ihr
begründeten politischen Doktrin des Neoliberalismus.
Die kapitalistisch - marktwirtschaftliche Ordnung impliziert das "Recht des Stärkeren". Sie
impliziert verschiedene Formen von Zwang und Gewalt.
25
Zum Schutz der Schwächeren
kennt vor allem die "Soziale Marktwirtschaft" eine Reihe von Regelungen, die aber
zunehmend im Zuge der neoliberalen "Deregulierung" auf dem Prüfstand stehen. Zwang
und Gewalt drücken sich zunächst aus in ökonomischen Herrschaftsverhältnissen, dann
jedoch auch national und international als körperliche, als Waffengewalt. Auch dieser
Zusammenhang wird zu zeigen sein.
Diese und andere Gründe führen zu folgenden Überlegungen:
- Es scheint dringend angebracht, ethisch - moralische Normen und ein humanistisches
Ideal als Grundlage für den Umgang der Menschen untereinander national und
international zu etablieren und in verbindlichen Regeln festzuschreiben.
- Eine Norm ähnlich des Kantschen Kategorischen Imperativs muß als Leitbild für die
menschlichen Gesellschaft etabliert werden, soll sie nicht in Barbarei versinken.
26
Die in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgestellten Rechte der
Weltbürger sind selbst dort, wo sie im Moment formal gelten, bedroht.
27
Im Jahr 2000 konkretisierte die Millenniums - Erklärung der Vereinten Nationen mit ihren
eine Studie des Centre on Hunger, Poverty and Nutrition Policy der Tufts University. Vergl. Michel
Chossudovsky, Global brutal, 2003, S. 40
24
,,358 Milliardäre sind gemeinsam so reich wie insgesamt 2,5 Milliarden Menschen, fast die Hälfte der
Weltbevölkerung." Hans - Peter Martin, Harald Schumann, Globalisierungsfalle, S. 40. Das Verhältnis hat sich
in den letzten 10 Jahren weiter zu ungunsten der ,,Nicht - Milliardäre" verschlechtert.
25
Der früher gebrauchte Begriff ,,Ellbogengesellschaft" untertreibt. Er scheint jedoch auch negativ belegt zu
sein und drückt aus, daß viele Menschen diese Gesellschaft nur akzeptieren, weil es ihnen darin (noch)
einigermaßen wohl ergeht und Alternativen nicht in Sicht zu seien scheinen.
26
Die aktuell ausbrechende Gewalt in Frankreichs Städten hat sozio - ökonomische Ursachen und bestätigt
das gesagte eindrucksvoll.
27
,,In Zeiten des Anti-Terror-Kampfes und umstrittener Sparzwänge werden von staatlicher Seite
Menschenrechte und Menschenwürde zur Disposition gestellt. ...Diskriminierung und Ausgrenzung entlang
von Marktgängigkeit wird zur bestimmenden Logik staatlicher Politik." Dr. Elke Steven, Komitee für
Grundrechte und Demokratie, in der Presseerklärung zur Präsentation des Grundrechte-Report 2005, Berlin,
23.05.2005

- 9 -
Millenniums - Entwicklungszielen und Zielvorgaben die Aufgaben, die vor der
Völkergemeinschaft stehen. Dazu gehören unter anderem:
-
Ziel 1: Beseitigung der extremen Armut und des Hungers
-
Ziel 7: Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit, mit Zielvorgabe 9: Die Grundsätze
der nachhaltigen Entwicklung in einzelstaatliche Politiken und Programme einbauen
und den Verlust von Umweltressourcen umkehren, Zielvorgabe 10: Bis 2015 den
Anteil der Menschen um die Hälfte senken, die keinen nachhaltigen Zugang zu
sauberem Trinkwasser haben und Zielvorgabe 11: Bis 2020 eine erhebliche
Verbesserung der Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern
herbeiführen
-
Ziel 8: Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft, mit Zielvorgabe 12: Ein
offenes, regelgestütztes, berechenbares und nicht diskriminierendes Handels - und
Finanzsystem weiterentwickeln, Zielvorgabe 15: Die Schuldenprobleme der
Entwicklungsländer durch Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene
umfassend angehen und so die Schulden langfristig tragbar werden lassen,
Zielvorgabe 16: In Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern Strategien zur
Beschaffung menschenwürdiger und produktiver Arbeit für junge Menschen erarbeiten
und umsetzen und Zielvorgabe 17: In Zusammenarbeit mit den Pharmaunternehmen
erschwingliche unentbehrliche Medikamente in den Entwicklungsländern verfügbar
machen.
28
Zur Überprüfung der Fortschritte dienen Zeitziele und Indikatoren.
Dies ist eine Auswahl der Ziele mit Blick auf das Thema dieser Arbeit. Im Bericht wird
explizit auf die Verbindung dieser Ziele zur UN - Menschenrechtscharta hingewiesen.
29
Die Entwicklungsziele sind Menschenrechte, die einem großen Teil der Menschen auf
dem Planeten Erde bisher vorenthalten werden.
28
Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V., Human Development Report 2003, deutsche
Übersetzung, S. 1 ff
29
ebenda, S. 31

- 10 -
2. Umweltzerstörung - der Zustand unseres Lebensraumes
Der "ökologische Fußabdruck" der Menschheit ist schon jetzt 121% groß.
30
Das bedeutet,
daß die Menschheit 21% mehr Ressourcen in Anspruch nimmt, als der Planet Erde
dauerhaft zur Verfügung stellen kann. Und es bedeutet gleichzeitig, daß der
Ressourcenverbrauch (Quellen und Senken) innerhalb einer kurzen Periode deutlich
unter den "Schwellenwert" zurückgefahren werden muß, um Nachhaltigkeit zu erreichen.
Grafik 1: Ökologischer Fußabdruck
31
Wirtschaften bedeutete in allen Phasen der menschlichen Entwicklung eine
Wechselwirkung des Menschen mit der Natur. Auch bei den Naturvölkern entnahmen die
Menschen der Natur Dinge, die sie für ihr tägliches Überleben brauchten. Aufgrund der
geringen Produktivität gab es jedoch kaum etwas, was ,,weggeworfen" wurde. Wurde ein
Tier erlegt, wurden fast alle seine Teile in irgendeiner Weise verwendet. Es gab keine
Verschwendung.
32
,,Die Indianer paßten sich der Natur an... Fast alle nordamerikanischen
Indianer lebten in einer äußerst feinfühligen Symbiose mit der heimischen Wildnis. Die
Europäer dagegen waren gezwungen, ihre Zivilisation durch Umformung und
Unterordnung der Natur unter ihren Willen voranzutreiben. ... Nachdem sie sich
niedergelassen hatten, mußten also die Pflanzer und Pilgerväter das Gleichgewicht der
30
WWF, Living Planet Report 2004, S.1
31
Aus WWF, Living Planet Report 2004, S.1
32
,,An einem Büffel gab es praktisch nichts, was die Indianer nicht verwendeten. Er bedeutete Leben für
Tausende von Plains - Indianern versorgte sie mit den zum Überleben wichtigsten Dingen wie z.B. Nahrung,
Unterkunft und Kleidung. Die Häute ergaben ein Tipi für die ganze Familie, Sohlen für Mokassins, Taschen,
Kleider und Riemen. Das dickste Leder kam von alten Bullen, das zarteste von ungeborenen Kälbern. Das
dicke Nackenfell diente zur Herstellung von Schilden. Aus dem Pansen wurde ein Kochtopf, die Sehnen
wurden als Garn verwand. Die Knochen gaben handliche Schaber und Messer. Aus Hufen und Hodensäcken
fertigte man Rasseln. Aus den Rippen zusammengebunden wurden Schlitten." http://www.itchy-
q.com/greatpl.html#Der%20Büffel , 01.12.2005

- 11 -
Natur zerstören, um eine Zivilisation, wie sie sie kannten, errichten zu können."
33
Mit der Industrialisierung und der Entwicklung des ökonomischen Systems des
Kapitalismus änderte sich das Verhältnis des Menschen zur Natur rasant. Infolge
steigender Produktivität wurde permanent mehr geschaffen, als zum (Über) - Leben
notwendig war. Dieses Mehrprodukt beansprucht zusätzliche Naturressourcen. Da jede
Produktion immer ,,Kuppelproduktion"
34
(Altvater) ist, beansprucht sie nicht nur
Ressourcen, sondern weiteren Umweltraum, um die Abfälle der Produktion (und die der
Produkte, z. B. Autoabgase) aufzunehmen.
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. rückten dann die negativen Auswirkungen des
wirtschaftlichen Verhaltens des Menschen mehr und mehr in den Blickpunkt. Als
Startpunkt der öffentlichen Diskussion kann heute der von Donella und Dennis Meadows
verfaßte Bericht an den Club of Rome ,,Die Grenzen des Wachstums" aus dem Jahr 1972
betrachtet werden. Ein weiterer Meilenstein in diesem Erkenntnisprozess war der 1987
erschienene ,,Brundtland - Bericht".
Die Hiobs - Botschaften häufen sich. Nicht nur einzelne Umweltereignisse wie die
Hurricanes der letzten Monate, sondern Nachrichten beunruhigen, die man schon länger
kennt. Gletscher schmelzen, das Ozonloch wächst, der Regenwald verschwindet. Es
bleibt das ungute Gefühl, daß diese Nachrichten in den letzten Jahren eine neue Qualität
erhalten haben. Und: Daß nach wie vor ein Umsteuern im Weltmaßstab nicht zu erkennen
ist. ,,The level of awareness and action has not been commensurate with the state of the
global environment today; it continues to deteriorate."
35
Anhand einiger Beispiele soll im folgenden das Problem der weltweiten
Umweltzerstörung umrissen werden.
33
Theodore R. Fehrenbach, Die Comanchen, 1992, S. 222
34
Der Begriff beschreibt die Tatsache, daß im Produktionsprozeß neben nützlichen Gegenständen immer
auch ,,Abprodukte" entstehen.
35
UNEP, Global Environment Outlook 3, Zusammenfassung, S. 1

- 12 -
2.1 Luft und Wasser
a) Globale Erwärmung
Eines der drängendsten und meistdiskutierten Umweltprobleme ist die Erderwärmung. Als
Hauptauslöser des sog. ,,Treibhauseffektes" wird hauptsächlich der CO
2
- Eintrag in die
Atmosphäre angesehen, der durch die Nutzung fossiler Brennstoffe im Weltmaßstab
entsteht. Die Konzentration dieses Gases in der Atmosphäre wird für das Jahr 2003 mit
376 ppm (parts per million) angegeben, gegenüber einem vorindustriellen Wert von 280
ppm.
36
Insbesondere aufgrund der CO
2
- Einträge kann die Erde nicht mehr die Wärmemenge ins
All abstrahlen, die zur Erhaltung eines Gleichgewichts mit der von der Sonne
aufgenommenen Energie nötig wäre. Die Erdatmosphäre heizt sich auf. Die Folgen sind
unmittelbar spürbar und werden im allgemeinen Sprachgebrauch euphemistisch
,,Klimawandel" genannt. In Folge der Erhöhung der Durchschnittstemperatur von einem
halben Grad (was ja zunächst nicht sonderlich viel erscheint) sehen wir schon heute eine
Reihe von Wettererscheinungen, die außergewöhnlich sind und für die Zukunft nichts
gutes verheißen. Drastisch ausgedrückt: ,,Es besteht das Risiko, daß die Menschheit nicht
überleben wird."
37
Das 2002 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1861
38
, 2004
war das viertwärmste Jahr.
39
,,Die letzen 10 Jahre (1995 - 2004) waren - mit Ausnahme
des Jahres 1996 - die wärmsten seit Beginn der Beobachtungen. Im 20. Jahrhundert hat
sich das Weltklima um mehr als 0,6 °C erwärmt, das Tempo des Anstiegs hat sich seit
1976 deutlich erhöht."
40
Der Anstieg des Meeresspiegels um 10 bis 20 cm in den letzten
100 Jahren wird darauf zurückgeführt.
41
,,Nach Angaben des IPCC
42
wird die anhaltende Erwärmung der Atmosphäre
schwerwiegende und unumkehrbare Folgen für die landwirtschaftliche Produktion, die
Artenvielfalt, Trinkwasserreserven, menschliche Siedlungen und die Ausbreitung von
36
Fischer Welt Almanach 2006, S. 684
37
Rejendra Pachauri, Chef des IPCC (s. a. FN 42), zitiert in ,,Klimawandel: Schlimmer als gedacht", o.A.d.V.,
in WISU Nr. 3/2005, S. 264
38
vergl. Fischer Welt Almanach 2004, S. 1314
39
vergl. Fischer Welt Almanach 2006, S. 682
40
ebenda
41
vergl. Fischer Welt Almanach 2004, S. 1314
42
Intergovernmental Panel of Climate Change - Zwischenstaatliche Kommission für Klimaveränderungen

- 13 -
Krankheiten wie Malaria oder Cholera haben. Von den Auswirkungen werden am
stärksten Entwicklungsländer und Inselstaaten betroffen sein."
43
Das fatale an dieser Aussage ist, daß sie sich nicht auf einen fernen Zeitraum in
hunderten oder tausenden von Jahren bezieht. sondern auf die nächste Zukunft, die
nächsten Jahre und Jahrzehnte. Erste Auswirkungen sind weltweit spürbar. So berichtet
die FAZ von einer extremen Trockenperiode im Amazonas - Quellgebiet. Die natürliche
Schwankung des Wasserstandes wurde bei weitem überschritten. Flüsse und Seen
trockneten aus. Dörfer, die sonst nur auf dem Wasserweg erreicht werden können, waren
von der Außenwelt abgeschnitten. Die Trinkwasserversorgung war nicht mehr
gewährleistet. Eine Katastrophensituation für hunderttausende Menschen. ,,Zum dritten
Mal innerhalb der verangenen 10 Jahre ist es damit zu einer verheerenden Dürreperiode
im regenreichsten Gebiet der Erde gekommen. ... Zum ersten Mal werden nun die
extremen Trockenperioden mit globalen Klima - Erscheinungen in unmittelbare Beziehung
gebracht."
44
b) Gewässer
In engem Zusammenhang mit der Erwärmung der Atmosphäre steht das Phänomen des
Abschmelzens der Polkappen und der Gletscher. Für die Vermutung, daß dies u. a. zu
einem Versiegen des Golfstromes und damit zu einem (u. U. extremen) Absinken der
Winter - Temperaturen in Europa führen könnte, gibt es einen hochaktuellen Beleg. ,,Was
Computerprogramme seit Jahren vorhersagen, haben Messungen britischer Forscher nun
erstmals bestätigt. Das Strömungssystem, das wie eine riesige Umwälzpumpe warmes
Wasser in den Nordatlantik bringt und kälteres Wasser wieder in südlichere Breitengerade
transportiert, habe sich seit 1957 um etwa 30 Prozent abgeschwächt."
45
Dieser Vorgang ist ein Beispiel für die Gefahr, Klimaprozesse falsch einzuschätzen. Denn
der überwiegende Anteil der Veränderung dürfte sich den letzen Jahren ergeben haben,
während in den ersten Jahren dieser Periode die Veränderungen wahrscheinlich kaum
meßbar waren. Ähnlich wie bei der Erderwärmung kann es zu einem ,,Überschwingen des
Systems" (Meadows) kommen, selbst dann, wenn die Ursache der Gleichgewichtsstörung
schon lange nicht mehr besteht.
46
43
Fischer Welt Almanach 2004, S. 1314
44
Josef Oehrlein, Dürre im Regenwald, in FAZ, 24.11.2005, S. 9
45
Europas Heizung lässt nach: Meeresströme langsamer, dpa - Meldung vom 30.11.2005,
http://portale.web.de/Computer/Wissenschaft/msg/6015617/ , 01.12.2005
46
Daß die Ursache der Gleichgewichtsstörung schnell verschwindet ist natürlich unwahrscheinlich, denn dies

- 14 -
Im Jahr 2002 waren nach WHO - Angaben 1,1 Mrd. Menschen nicht ausreichend mit
sauberem Trinkwasser versorgt. 2,6 Mrd. Menschen fehlte der Zugang zu
Sanitäreinrichtungen. Infolge von Infektionen sterben jährlich rund 2,2 Millionen
Menschen, über 90% davon sind Kinder unter 5 Jahren.
47
Auch wenn auf diesem Gebiet
nach massiven Investitionen einige Fortschritte erreicht werden konnten
48
, die Erreichung
der Milleniumsziele der UN ist nach wie vor in weiter Ferne.
Aktuell ist nicht nur die Versorgung mit sauberem Wasser ein drängendes Problem der
Menschen in vielen Regionen, sondern auch der Streit um die Frage, wie diese
Versorgung organisiert werden soll. In den Industrieländern wird Privatisierung und
Deregulierung in diesem Sektor angestrebt, entsprechend dem neoklassischen
Paradigma, daß der ,,Markt" die bestmögliche und preisgünstigste Versorgung ermöglicht.
Oft ist es jedoch nicht allein der Markt, der sich per ,,ökonomischem Gesetz" zur Lösung
eines Problems anbietet, sondern der Werdegang ist ein anderer. Staatliche Behörden
und die Legislative ,,sorgen" für einen Absatzmarkt für ein unternehmerisches Angebot,
indem sie den Bürgern per Gesetz Lasten für Investitionen auferlegen, ohne daß diese die
Möglichkeit der Entscheidung haben.
Zwar spüren die Menschen auch hier, daß die Privatisierungen nicht die Versorgung
verbessern, wohl aber verteuern.
49
Noch drastischer stellt sich jedoch die Frage in vielen
Entwicklungsländern, wo es nicht nur um die Versorgung mit Trinkwasser geht, sondern
ebenso darum, ob dieses Wasser in irgendeiner Weise bezahlbar ist. Die Zweifel, ob man
die Versorgung mit diesem lebenswichtigen Gut privaten (und damit gewinnorientierten)
Unternehmen überlassen sollte, wird dort bei weitem nicht mit einem eindeutigen ´ja´
beantwortet.
50
,,Die Süßwasservorkommen werden darüber hinaus durch Verschmutzung weiter verrin-
gert. Täglich werden etwa 2 Millionen Tonnen Abfälle einschließlich Industrieabfällen und
würde eine schnelle und spürbare Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen voraussetzen, was im
Moment geradezu utopisch erscheint. Der Begriff des ,,Überschwingens" (mit Zusammenbruch) ist der
Ausdruck Meadows´ für das Wirken des dialektischen Grundgesetzes vom ,,Umschlagen quantitativer
Veränderungen in qualitative und umgekehrt". Durch kleine, aber größer werdende Veränderungen
(Quantitäten) bewegt sich das System aus seinem Gleichgewicht heraus. Wird die Grenze überschritten, kann
es zum Zusammenbruch kommen. Das Gleichgewicht stellt sich unter neuen Voraussetzungen wieder ein,
eine neue Qualität ist erreicht. Vergl. hierzu die Neuinterpretation der Hegelschen Dialektik bei Engels,
Friedrich Engels, Dialektik, 1961, S. 54
47
Vergl. Fischer Welt Almanach 2006, S. 699
48
Vergl. UNEP, GEO - Yearbook 2004/5, S.90
49
Ein Beispiel für Leistungen, die nie bestellt wurden:
http://www.buergerinitiative-schmalkalden.de/haupt1.htm , 03.12.2005
50
vergl. Anette v. Schönfeld, Aktion Schutzdeich gegen Wasserprivatisierung, Gerhard Dilger, Aufstand
gegen den Ressourcen-Klau in Bolivien, in: Forum Umwelt und Entwicklung, Rundbrief 2/2005, S. 4f.

- 15 -
Chemikalien,
Haushaltsmüll
und
Agrarabfällen
(Düngemittel,
Pestizide
und
Pestizidrückstände) in Vorflutern abgelagert. Wenngleich zuverlässige Daten über
Ausmaß und Schwere der Belastung unvollständig sind, geht eine Schätzung von einer
globalen Abwasserproduktion von etwa 1.500 km
3
aus. Unter der Annahme, dass 1 Liter
Abwasser 8 Liter Süßwasser verunreinigt, könnte sich die aktuelle Abwasserbelastung auf
bis zu 12.000 km
3
weltweit belaufen. Wie immer sind die Armen am stärksten betroffen:
50 Prozent der Bevölkerung von Entwicklungsländern sind durch verschmutzte Quellen
gefährdet."
51
Auch die Funktion der Meere als Nahrungsquelle für die Menschen ist in Frage gestellt.
Neben der Verschmutzung stellt die Übernutzung der Fischbestände ein gravierendes
Problem dar. Der weltweite Gesamtfischbestand hat sich nach Schätzungen zwischen
Anfang der 1970er und Ende der 1990er Jahre nahezu halbiert.
52
Der Kabeljau/Dorsch ist wegen Überfischung vom Aussterben bedroht. Der
Zusammenbruch der Bestände
53
kostete 30000 neufundländische Fischer ihre Jobs.
54
Dieser Fakt zeigt zum einen den Zusammenhang zwischen verschiedenen Aspekten der
Umweltzerstörung, in diesem Fall der Überfischung, der Biodiversität (Artensterben
55
) und
der Untergrabung der Ernährungsgrundlage der Menschheit. Zudem zeigt sich der
Zusammenhang der ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragen, der das Thema
dieser Arbeit bestimmt und der (zumindest in diesem Fall) offensichtlich nicht durch
Wachstum gelöst werden kann.
Als Ursache der Überfischung stellt Fischer Weltalmanach die Überkapazitäten der
Fangflotten dar.
56
Hier wird in typischer Weise zu kurz gegriffen, denn die
Überkapazitäten bei den Fangflotten sind Folge entsprechender Investitionen, d. h.
entsprechender Gewinnerwartungen privater Investoren. Eine Verbindung zum zweiten
Kernthema dieser Arbeit schafft die Tatsache, daß die Fischreiindustrie Subventionen in
Höhe von 15 - 20 Mrd. USD jährlich erhält.
57
Das schafft zusätzliche Probleme, denn es
51
UN, WWAP - World Water Assessment Programme, Weltwasserentwicklungsbericht, dt. Zusammen-
fassung, 2003, S. 9 f.
52
Fischer Welt Almanach 2004, S. 1342
53
Auch dies ein ,,Umschlag in eine neue Qualität".
54
Fischer Welt Almanach 2006, S. 703
55
Neue Studien zeigen, daß durch die Überfischung auch eine Bedrohung der Art durch genetische
Verarmung gegeben ist. http://www.netzeitung.de/wissenschaft/202242.html , 04.12.2005
56
Fischer Welt Almanach 2006, S. 702
57
,,Nach Schätzung der Weltbank bewegen sich die weltweiten Fischereisubventionen zwischen 14 und 20
Mrd. USD und machen damit rund 20-25 % des in diesem Wirtschaftszweig erzielten Umsatzes aus. Andere
Schätzungen beziffern die Höhe der Subventionen weit höher." Stephan Fürnkranz, Klaudia Janach, Silvia
Scholz, Zustand der Meere, 2004, S. 10, auf

- 16 -
erhöht den Druck auf die Millionen Küstenfischer, die sich direkt vom Fischfang ernähren
und in ungleicher Konkurrenz zu den Fangflottillen der westlichen Industrienationen
stehen.
58
Aber Fischer Welt Almanach nennt auch exemplarisch eine Interessengruppe, die
Vereinbarungen auf diesem Gebiet blockiert: Großbritannien verhinderte die Einrichtung
einer Schutzzone in der Nordsee, um die Interessen seiner ,,Fish & Ships" - Produzenten
zu schützen.
59
2.2. Flora und Fauna
c) Wälder
Wälder spielen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt. Sie filtern und speichern Wasser,
stabilisieren das regionale Klima, schützen vor Erosion und sorgen mit der Aufnahme von
Kohlendioxid und der Abgabe von Sauerstoff für unsere Atemluft. Sie sind aber auch ein
unersetzlicher Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen.
Insbesondere trifft dies für die tropischen Regenwälder zu, deren Abholzung seit den
1970er Jahren im Brennpunkt weltweiten Interesses steht. Sie sind eine der größten
Kohlenstoff - Senken des Planeten
60
und beherbergen einen großen Teil der auf der Erde
heimischen Pflanzen - und Tierarten. Das Ökosystem ,,Tropischer Regenwald" befindet
sich in einem empfindlichen Gleichgewicht. Es bildet einen geschlossenen Stoffkreislauf
und produziert keinen Überschuß, so daß es zu einer externen Nutzung eigentlich nicht in
der Lage ist, jedenfalls nicht in industriellem Maßstab.
Obwohl sich die Waldverluste in den 1990er Jahren verlangsamt haben, die jährlichen
Nettoverluste gingen von 13 Mill. ha in den 1980er Jahren auf 9,4 Mill. ha (globale
Waldfläche) in den 1990er Jahren zurück
61
, ist noch immer ein permanenter Waldverlust
weltweit zu beobachten. ,,Die Zerstörung des Amazonas- Regenwaldes in Brasilien setzt
sich mit praktisch unvermindertem Tempo fort. Nach Angaben der brasilianischen
http://64.233.179.104/search?q=cache:fZ0iBmNrZXMJ:www.wifo.ac.at/Stefan.Schleicher/teach/course/kv_env
ir/1-4_Meer.pdf+subventionen+fischereiindustrie+20+Mrd.+USD&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=4 , 08.03.2006
58
Fischer Welt Almanach 2006, S. 703
59
Fischer Welt Almanach 2006, S. 703
60
56 % der Waldflächen des Planeten liegen im tropischen und subtropischen Bereich. Fischer Weltalmanach
2006, S. 693
61
Fischer Welt Almanach 2006, S. 693

- 17 -
Regierung gingen im Jahr 2004 wie schon im Vorjahr mehr als 20000 km
2
Regenwald -
ein Gebiet der Größe Hessens - verloren." Bis heute wurden damit rund 16% des
Amazonas-Regenwaldes zerstört.
62
Auch die Abholzung des Regenwaldes ist mitverantwortlich für die ungewöhnliche Dürre
in diesem Gebiet, über die die FAZ berichtete. Denn der Wasserdampf, der im Amazonas-
Gebiet als Regen niedergeht, stammt etwa zur Hälfte aus dem Atlantik und zur anderen
Hälfte aus der Verdunstung am Boden. ,,Ohne Urwald könnten die Regenfälle um 20 bis
30 Prozent zurückgehen, und die Durchschnittstemperatur könnte um drei bis fünf Grad
steigen."
63
,,Die Abholzung der Wälder vor allem im Bundesstaat Mato Grosso und in Rondonia hat
im vergangenen Jahr mit 26100 Quadratkilometern ein Rekordniveau erreicht. Beim
Staatlichen Institut für Raumforschung (Inpe) schätzt man, daß im Amazonasgebiet schon
680 Millionen Quadratkilometer verloren sind, das sind 17,5 Prozent des Urwaldes."
64
d) Artensterben
35000 Arten von Lebewesen verschwinden jährlich für immer von der Erde. Die
Geschwindigkeit des Artenverlustes liegt um den Faktor 1000 - 10000 über der
natürlichen Aussterberate. Fast ein Drittel aller Arten sind bedroht.
Selbst der Sperling, der mir in meiner Kindheit noch den Schlaf raubte, weil Heerscharen
dieser Species sich morgends auf der zum Haus führenden Energieversorgungsleitung
versammelten und einen höllischen Lärm verursachten, wurde nach einem
Populationsverlust von 20 Prozent in den vergangenen sechs Jahren 2002 in die
Vorwarnstufe für gefährdete Tierarten eingestuft.
65
Zu den wichtigsten Ursachen für die Bedrohung der biologischen Vielfalt zählt die
Vernichtung von Lebensräumen, die Übernutzung von Ökosystemen (wie im Falle des
Kabeljau), die Verschmutzung durch Schadstoffe und die globale Erwärmung. Damit ist
die Biodiversität ein weiteres Paradebeispiel, wie eng verflochten die Prozesse im
ökologischen System der Erde sind und welche Auswirkungen eine einzelne Störung
62
Fischer Welt Almanach 2006, S. 694
63
Josyane Ronchail, zitiert in Josef Oehrlein, Dürre im Regenwald, FAZ, 24.11.2005, S. 9
64
ebenda. Man beachte die Differenz der Angaben zu Fischer Welt Alamanach.
65
Alle Angaben aus Fischer Welt Almanach 2006, S. 696 f.

- 18 -
entlang der Wirkungskette (man sollte besser von "Wirkungsnetz" sprechen) haben kann.
Neben den genannten gibt es weitere wichtige, ebenfalls menschengemachte Ursachen
für den Verlust der Artenvielfalt. Dazu zählt z. B. der Anbau gentechnisch veränderter
Arten in der Landwirtschaft. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang der Fall des us -
amerikanischen Biotechnologie - Konzerns Monsanto, der im nächsten Abschnitt
,,Nahrungversorgung" eine Rolle spielen wird.
2.3. Nahrungs - und Energieversorgung
e) Nahrungsversorgung
Die Nahrungversorgung ist in weiten Teilern der Welt chronisch und akut bedroht.
Weltweit leiden über 850 Millionen Menschen Hunger, die Zahl ist im vergangenen Jahr
erneut gewachsen. Die Zahlen über die Hungertoten schwanken.
66
Daher soll Jean
Ziegler zu Wort kommen, der UN - Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung:
,,Die Anzahl der Menschen, die unter Hunger leiden, steigt von Jahr zu Jahr. Ob jüngst in Niger, der
Mongolei oder den besetzten palästinensischen Gebieten - überall habe ich das tägliche Massaker
des Hungers erlebt. 100 000 Menschen sterben täglich an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen
- meist in den 122 Ländern der Dritten Welt, in denen 4,8 Milliarden Menschen leben. Hunger ist zu
einer Massenvernichtungswaffe geworden. Dabei sagt derselbe Welternährungsbericht, der diese
Opferzahlen vorlegt, dass die Weltlandwirtschaft in ihrer heutigen Entwicklungsstufe ohne Problem
12 Milliarden Menschen, das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung, ernähren könnte ­ bei
2700 Kalorien pro Tag. Es gibt keine Fatalität. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die
Weltordnung des globalisierten Raubtierkapitalismus ist nicht nur mörderisch. Sie ist auch absurd.
Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit."
67
Wir erleben eine rückwärts gerichtete Entwicklung, denn die Enquete - Kommission des
Deutschen Bundestages zur Globalisierung stellte noch vor drei Jahren fest:
,,Trotz dieser weltweit durchschnittlich ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln sind 826 Millionen
Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen, davon 792 Millionen in Entwicklungsländern
und 34 Millionen in Ost- und Mitteleuropa (s. Abbildung 7-7), und eine weitere Milliarde von
Menschen ist ständig dem Risiko von Ernährungsproblemen ausgesetzt (von Braun: 2002: 1)."
68
Der neoliberale Ansatz, das Problem zu lösen, heißt - man ahnt es - Wachstum. Die
einfache Logik - wo mehr ist, kann man auch mehr verteilen - hilft über die Frage hinweg,
warum in einer Welt, in der Menschen über Einkommen von einer Mio. USD täglich
66
Auch nach intensiver Recherche war eine ,,offizielle" aktuelle Zahl nicht aufzufinden.
67
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Globalisierung/ziegler.html , 05.12.2005.
68
Enquete- Kommission Globalisierung, S. 333

- 19 -
verfügen, andere Menschen verhungern.
69
Die prinzipielle Möglichkeit, alle Menschen zu ernähren, stellt auch Hein (,,... es gibt
weltweit genügend Nahrungsmittel"
70
) fest. Er verweist allerdings darauf, daß ,,aufgrund
mangelnder Kaufkraft Bedürfnisse nicht nachfragewirksam werden", so daß ,,im
marktwirtschaftlichen Rahmen keine Angebotsstrukturen zu erreichen [sind], die den
Grundbedürfnissen entsprechen."
71
,,Eine adäquate Einkommens- und Sozialpolitik ist
Voraussetzung dafür, daß der Bedarf an Nahrungsmitteln tatsächlich in zahlungsfähige
Nachfrage umgesetzt wird;"
72
Am Mangel an kaufkräftiger Nachfrage haben die Vertreter der BWI
73
ihren Anteil. Die
vom IWF verordnete ,,Strukturanpassungspolitik" wie auch diverse Projekte der Weltbank
helfen nicht, diesen Zustand zu verbessern, im Gegenteil. Das Handeln dieser
Organisationen wird Gegenstand des Abschnitts ,,Internationale Organisationen" im
Kapitel ,,Weltweite Verschuldung" sein.
Die von den BWI durchgesetzte Politik der ,,Deregulierung" entmachtet faktisch die
nationalen Regierungen und ermöglicht es internationalen Großkonzernen wie Monsanto,
mit genmanipuliertem Saatgut in die Märkte der Entwicklungsländer einzudringen.
74
Dieses Saatgut hat oft die Eigenschaft, daß aus ihm kein neues Saatgut gewonnen
werden kann, so daß Bauern, die dieses Saatgut verwenden, gezwungen sind, im
Folgejahr erneut bei Monsanto einzukaufen.
75
Zudem ermöglicht das Abkommen von
69
Bei dem Verweis auf extrem hohe Einkommen wird gern der Begriff ,,Neiddiskussion" ins Spiel gebracht. In
diesem Zusammenhang kann dies nur als purer Zynismus gewertet werden.
70
Wolfgang Hein, Welternährung, in: Robert Kappel (Hrsg.), Weltwirtschaft und Armut, Hamburg 1997, S. 263
f.
71
ebenda, S. 266
72
Wolfgang Hein, Welternährung, in: Robert Kappel (Hrsg.), Weltwirtschaft und Armut, Hamburg 1997, S. 278
73
Bretton-Woods-Institutionen, also insbesondere der IWF (IMF) und die Weltbank (IBRD). Die BWI habe
offiziell den Auftrag, Gelder für die Armutsbekämpfung, Wachstums- und Entwicklungsförderung
bereitzustellen und zu koordinieren und die Stabilität des Finanzsystems zu sichern.
74
Im Zuge der SAP (Strukturanpassungsmaßnahmen als Voraussetzung der Kreditgewährung) sind die
Entwicklungsländer gezwungen, ihre Märkte zu öffnen. (Deregulierung, Liberalisierung). Konzerne wie
Monsanto können nun mit ihren Produkten in diese Märkte vordringen und dort hochproduktiv erzeugte und
oft zusätzlich subventionierte Produkte vermarkten, was heimische Kleinbauern ruiniert.
75
Zu den Eigenschaften dieses Saatgutes:
,,BIODIVERSTITÄT UND HYBRIDSAATGUT
"Normalerweise haben die Pflanzen in ihrem Erbgut Eigenschaften, die nicht in jeder einzelnen Pflanze
hervortreten, aber bei den Enkeln oder Urenkeln erscheinen können. Man spricht von Biodiversität oder
genetischer Diversität, also der Vielfalt der Möglichkeiten für kommende Generationen. Bei den Pflanzen ist
das z.B. interessant, wenn sich die klimatischen Bedingungen ändern und es weniger regnet: Die Pflanzen,
die der Trockenheit widerstehen, überleben besser, und eine neue Varietät mit dieser Eigenschaft kann sich
entwickeln. [...] In den 1930ern erschienen in den USA, später in Frankreich, hybride Maissorten, genannt
Hybride F1. Das Prinzip ist, die genetische Verschiedenheit zu unterdrücken, indem bei fremdbestäubenden
Pflanzen die wiederholte Selbstbefruchtung erzwungen wurde. Das ergibt eine "reine", aber geschwächte

- 20 -
Uruguay, Patente auf Pflanzen einzutragen, selbst, wenn diese schon lange zum
regionalen Gemeingut gehören.
76
Von der Weltbank geförderte Projekte dienen oft dem Aufbau von Monokulturen zu
Exportzwecken. Dies hat verheerende Auswirkungen auf die Biodiversität und die
Nahrungmittelproduktion in diesen Gebieten.
77
Ziegler weist zudem auf zwei Dinge hin: Die Argrarsubventionen der Industrienationen
zerstören den Markt für heimische Produkte in den Entwicklungsländern
78
, und die
weltweiten Aufwendungen für Waffenkäufe haben die 1000-Milliarden-USD-Grenze
jährlich überschritten.
79
Die Bezeichnung ,,unethisch" für die dahinter stehenden
Interessen erscheint schlichtweg zu schwach.
Als vorläufiges Fazit kann man festhalten, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln kein
Erzeugungs -, sondern ausschließlich ein Verteilungsproblem ist.
f) Energieversorgung
In den ersten Winterstürmen des Jahres 2005 erlebten zahlreiche Bewohner des sonst
energiesicheren Deutschland, wie es ist, wenn man ohne Strom auskommen muß. Eine
Situation, in der man sich vielleicht zum ersten mal über die Herkunft der elektrischen
Energie Gedanken macht, die wir wie selbstverständlich nutzen.
Etwa die Hälfte der in Deutschland verwendeten Elektroenergie (50,6 %) stammten im
Jahre 2002 aus der Verstromung von Kohle. 28,4 % stammten aus Kernenergie, 9,3 %
aus Erdgas, 4,1 % aus regenerativen Wasserkraftquellen und 2,9 % aus Windenergie.
80
Abstammungslinie. Wenn man danach zwei reine Elternlinien kreuzt, ergibt das in der ersten Generation der
Nachkommen (Generation F1) spektakuläre Pflanzen mit allen guten Eigenschaften ihrer Eltern. Allerdings
reproduzieren die Nachkommen dieser Nachkommen nicht die guten Eigenschaften ihrer Eltern: die Pflanzen
degenerieren, sie haben ihre reproduktive Fähigkeit verloren. Das ist für ein Unternehmen eine
interessante Eigenschaft. Sie erlaubt ihm, jedes Jahr neues Saatgut zu verkaufen. Dagegen ist es für
die Bauern nicht interessant, die jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen."" [Hervorhebung nicht im
Original] , L'Almanach des villages et des villes d'Afrique, 2005
http://www.solidarische-welt.de/westafrika/aspap.shtml?print , 06.12.2005
76
Gemeint ist das TRIPS - Abkommen (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights). Einige
Auswirkungen des Abkommens sind dargestellt in: Action Aid u. a., Das TRIPS-Abkommen auf dem
Prüfstand, 2001
http://www.misereor.de/fileadmin/user_upload/Medienkatalog/12-2005/Patentrecht-kritiker.pdf , 02.01.2006
77
Das Vorgehen der Agrar- Konzerne in Zusammenarbeit mit IWF, Weltbank, regionalen Organisationen
sowie US-Regierung, World Food Programme und USAID mit seinen Auswirkungen schildert Chossudovsky.
Vergl. Michel Chossudovsky, Global brutal, 18 Auflage 2003, S.164 ff.
78
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Globalisierung/ziegler.html , 05.12.2005
79
http://www.nachrichten.ch/detail/225200.htm
, 05.12.2005
80
http://www.env-it.de/umweltdaten/public/document/downloadImage.do?ident=5965 , 02.01.2006

- 21 -
Die Verstromung von Kohle zur Energieerzeugung trägt nicht unerheblich zur CO
2
-
Belastung der Atmosphäre bei. Dies und die prinzipielle Erschöpflichkeit der
Kohleressourcen stellt einen erheblichen Nachteil dieser Form der Energieversorgung
dar. Zudem besteht der Nachteil, daß der Wirkungsgrad dieser Kraftwerke nur im Bereich
von 40 Prozent liegt. ,,Im Durchschnitt der fossil gefeuerten Kraftwerke verbesserte sich
der Nutzungsgrad von 37 % im Jahr 1990 auf reichlich 39 % zwölf Jahre später".
81
Die
restliche Energie wird ungenutzt in die Umgebung abgestrahlt. Hinzu kommen
Leitungsverluste auf hunderten Kilometern Übertragungsleitung.
Einen Ausweg aus dieser Situation stellen Blockheizwerke dar, die einen Wirkungsgrad
von 80 % und mehr erreichen, was bedeutet, daß aus der gleichen Menge
Primärenergieträger die doppelte Menge Energie gewonnen werden kann wie in
konventionellen Kraftwerken. ,,Solche Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen können große
Heizkraftwerke für die Versorgung ganzer Regionen oder Blockheizkraftwerke sein, die
einzelne Gebäude, Siedlungen oder Betriebe versorgen. Es zeichnet sich zunehmend der
Trend ab, die konventionelle zentrale Stromerzeugung durch dezentrale Anlagen zu
ergänzen. Strom soll somit vermehrt dort erzeugt werden, wo die Prozesswärme direkt zu
Heizzwecken genutzt werden kann."
82
2.4. Nutzung erneuerbarer Energien
,,Der Anteil der gesamten erneuerbaren Energie (dazu gehören Wasserkraft, Windenergie,
Biomasse, Sonnenenergie, Erdwärme) an der Stromerzeugung betrug im Jahr 2003 7,9
%, im ersten Halbjahr 2004 sogar 10 %."
83
Die Verwendung erneuerbarer Energien wird eine Schlüsselrolle für die Zukunft der
Menschheit spielen. Dezentrale und regenerative Energien besitzen eine Reihe von
Vorteilen gegenüber der konventionellen Energieerzeugung. Zu erwähnen sind neben den
erheblichen Effizienzvorteilen auch die relative Erhöhung der Versorgungssicherheit,
81
Angaben des Umweltbundesamtes auf http://www.env-
it.de/umweltdaten/public/theme.do;jsessionid=2A7F51A26248CE5215C57F7C86D57D64?nodeIdent=2324 ,
05.12.2005
82
Angaben des Umweltbundesamtes auf http://www.env-
it.de/umweltdaten/public/theme.do;jsessionid=2A7F51A26248CE5215C57F7C86D57D64?nodeIdent=2323 ,
05.12.2005
83
http://www.env-
it.de/umweltdaten/public/theme.do;jsessionid=2A7F51A26248CE5215C57F7C86D57D64?nodeIdent=2324 ,
Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Umweltzerstörung - Verschuldung - Wachstum - Zusammenhänge, Probleme und Widersprüche der globalisierten Volkswirtschaft
Hochschule
Hochschule Schmalkalden, ehem. Fachhochschule Schmalkalden
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
114
Katalognummer
V186262
ISBN (eBook)
9783869438139
ISBN (Buch)
9783656992516
Dateigröße
1617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umweltzerstörung, verschuldung, wachstum, probleme, widersprüche, volkswirtschaft
Arbeit zitieren
Jan George (Autor), 2006, Umweltzerstörung - Verschuldung - Wachstum - Zusammenhänge, Probleme und Widersprüche der globalisierten Volkswirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186262

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