Die literarische Darstellung psychischer Erkrankung bei Hermann Hesse


Examensarbeit, 2007

75 Seiten, Note: 0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über den Einfluss der Psychoanalyse auf das Werk Hermann Hesses
2.1 Das Unbewusste
2.1.1 Das kollektive Unbewusste nach C. G. Jung
2.2. Ödipus-Komplex und Sexualtrieb
2.3. Die Sublimierung
2.4 Die Analyse

3. Der Selbstmord als „präsuizidales Syndrom“

4. Innenansichten des Wahnsinns
4.1 Erregungszustände
4.2. Zwang und Kontrollverlust
4.3. Wahrnehmungsstörungen und Wahn
4.4 Spaltungserscheinungen und Schizophrenie

5. Erzähltechnische Perspektiven bei der Verwendung der Wahnsinns-Thematik

6. Traum und Drogenrausch als Nachbarerscheinungen psychischer Erkrankung

7. Kulturelle Bezüge der Wahnsinnsdarstellung - die Melancholie

8. Psychische Kra nkheit als Krise der Kommunikationslosigkeit

9. Die Beziehung zwischen psychischer Erkrankung und Künstlertum

10. Positivierung der Geisteskrankheit

11. Außenseitertum und Auszeichnung im Wahnsinn

12. Psychische Erkrankung in ihrer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft

13. Eine Krankheit der Moderne

14. Psychische Erkrankung als Mittel der Erkenntnis

15 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn Arnold Zweig mit dem oft zitierten ersten Satz von Georg Büchners „Lenz“, in dem es heißt „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte“ die moderne europäische Prosa beginnen lässt, erklärt er den Irrsinn zum Schlüsselthema der Moderne.[1] Das allein könnte Anlass genug sein, sich der literarischen Darstellung von psychischer Erkrankung bei Hermann Hesse zu widmen. Tatsächlich ist es aber auch seine biographische Nähe zu pathologischen Seelenzuständen, die Hesse für eine solche Untersuchung prädestiniert. Schließlich ist Hesse schon zu Internatszeiten melancholisch, wird von der Schule genommen und unternimmt einen Suizidversuch.[2] Er besucht bereits als Jugendlicher verschiedene Nervenheilanstalten und muss sich unter anderem einer „Gebetsheilung“, einem Exorzismus unterziehen.[3] Später sollte seine erste Frau an einer Depression leiden und der Bruder Hans Selbstmord begehen.[4]

Stolte konstatiert für Hesse einen „krankhafte[n] und unheilbare[n] Hang zur Melancholie“, sowie eine „psychopathische Veranlagung“.[5] Dass solche Ferndiagnosen zulässig sind, wird hier bezweifelt, weil literarische Werke möglicherweise „autotherapeutisch“ seien mögen, wie Volker Michels das für Hesses annimmt,[6] nicht aber als Dokumentation einer Krankheit gelesen werden dürfen. Geht man so vor, so gelangt man zu Aussagen über einen vermeintlichen „Altersschwachsinn“ König Lears, nennt Othellos Eifersucht eine „Psychose“ und Gretchens Zustand „delirant“.[7] Das alles sind anschauliche und mehr oder minder belegbare Urteile, die am Kern der Sache allerdings völlig vorbeigehen. Literatur ist ein anderer Untersuchungsgegenstand als die menschliche Psyche. Sie folgt nicht notwendig den Mechanismen, die der Psychologe beschreibt, sondern unterliegt einem Gestaltungswillen, der sich psychopathologischer Zustände bedient, und sie zu einem bestimmten Zweck instrumentalisiert. Gleichviel muss es nicht verwundern, dass Hermann Hesse, auch aus den dargestellten Gründen, so häufig ausgerechnet zu diesem Mittel gegriffen hat.

Den folgenden Untersuchungen der Literarisierung von psychischer Erkrankung liegen dabei in erster Linie die Erzähltexte Hermann Hesses zugrunde, unter ihnen wiederum bevorzugt die Romane. Zuweilen müssen aber auch andere Äußerungen Hesses, etwa aus dem Briefwechsel, herangezogen werden, insofern sie dem Ziel der Arbeit nützlich sein können.

Dieses Ziel nun sei zum einen, die zentrale Bedeutung seelischer Ausnahmezustände für die Erzähltexte aufzuzeigen und sie auf einige wesentliche Eigenschaften zu untersuchen, zum anderen, ihre Funktion zu beschreiben.

Dabei wird dergestalt vorzugehen sein, dass die eher deskriptiven Teile der Untersuchung an ihrem Anfang stehen und damit die Grundlage einer späteren Interpretation bilden. Es wird also zunächst der Versuch unternommen, die Darstellung psychischer Erkrankung nach verschiedenen Prinzipien zu systematisieren. Dabei soll vor allem die Wirksamkeit von Konzepten der Psychoanalyse nachgewiesen, daneben aber auch aus der Suizidforschung eine Begrifflichkeit gewonnen werden, die verschiedene Erscheinungsformen psychischer Erkrankung zu beschreiben hilft. Des Weiteren sind Bezüge zu bestehenden Darstellungskonventionen, vornehmlich der Melancholie, ebenso zu betrachten wie solche zu verwandten Themenkomplexen. Mit letzteren sind etwa der Traum und der Drogenrausch gemeint, die beide eine veränderte Wahrnehmung und damit eine Ähnlichkeit mit Fällen seelischer Erkrankung aufweisen.

Besonders da zum Untersuchungsgegenstand keine Forschungsergebnisse vorliegen, wird die Beweisführung auf eine genaue und durchsichtige Textarbeit angewiesen sein. Dass das häufige Zitieren ein Lesehindernis darstellt ist ein Makel, der dafür hingenommen werden muss.

Damit psychopathologische Fälle aufzuspüren, sie zu benennen und auf sie psychologische Erklärungsmuster anzuwenden, ist nicht viel getan, solange man nicht danach fragt zu welchem Zweck dies geschieht. Das soll in einem zweiten Teil der Arbeit geschehen, wenn unter anderem eine gesellschaftskritische Funktion der Krankheitsdarstellung untersucht werden soll. Darüber hinaus soll der eingangs aufgeworfenen Frage nach dem Verhältnis von Moderne und Nervenkrankheit nachgegangen werden, in deren Umfeld das Konzept der psychischen Erkrankung mehreren Umwertungsprozessen zu unterliegen scheint.

2. Über den Einfluss der Psychoanalyse auf das Werk Hermann Hesses

„Mir selbst, der für die neuere wissenschaftliche Psychologie nie das geringste Interesse gehabt hatte, schien in einigen Schriften von Freud, Jung, Stekel und anderen so Neues und Wichtiges gesagt, daß ich sie mit lebendigster Teilnahme las“[8] schreibt Hermann Hesse in einem kurzen Aufsatz, „Kunst und Psychoanalyse“, der im Juli 1918 in der „Frankfurter Zeitung“ erscheint. Freud selbst dankt brieflich für die wohlwollende Besprechung und erhält im September Antwort: „Daß Sie mir ein Wort des Dankes sagen, berührt mich ganz wie eine Beschämung, denn im Gegenteil bin ich es, der Ihnen tiefen Dank schuldet. Ihn heute ein erstes Mal auszusprechen, ist mir eine große Freude. Die Dichter waren ja unbewusst immer Ihre Bundesgenossen, sie werden es immer mehr auch bewusst werden.“[9]

Damit ist zweierlei angedeutet: Zum einen Hesses intensive Beschäftigung mit der Psychoanalyse und zweitens seine Einschätzung ihrer Bedeutung für das künstlerische Schaffen. Eine Bundesgenossenschaft empfindet der deutsche Autor, nicht Gefolgschaft, ganz ähnlich wie Robert Musil, von dem die Beschreibung der Psychoanalyse als eine „finster drohende und lockende Nachbarmacht“ stammt.[10] Und so zählt Hesse Nietzsche, Dostojewski und Jean Paul, Vertreter seiner Zunft, zu den Vorläufern Freuds.[11] Hesse selbst war nach eigenen Angaben schon um das Jahr 1913/14 auf die Psychoanalyse gestoßen,[12] was eine Rezension von Eugen Löwensteins „Nervöse Leute“ aus dem Jahr 1914 belegt. Aus dem gleichen Jahr stammt die Ausgabe von Freuds „Traumdeutung“, die sich in seiner Bibliothek findet.[13]

In eben dieser Löwenstein-Rezension lobt Hesse, dass der Autor „die Neurasthenie nicht mehr als körperliche Schwäche und ererbte Degenerationserscheinung [...] sondern vor allem als seelische Erkrankung“ behandle.[14] Ein Lob, das bereits als aufschlussreich für unsere späteren Betrachtungen gelten darf, insofern als es programmatisch verstanden und auf das Werk Hesses selbst angewandt werden kann.

Der unterzog sich vor dem Hintergrund einer persönlichen Krise, die mit dem Weltkrieg zusammenfiel, 1916 einer psychoanalytischen Kur in Sonmatt bei Luzern. Den 72 stationären Sitzungen bei dem Jung-Schüler Dr. Josef Bernhard Lang folgten nach Beendung der Kur weitere 60 ambulant.[15] Ob Hesse mit Langs Behandlung unzufrieden war, wie Cremerius nahe legt, und deshalb zwischenzeitlich mit Johannes Nohl einen anderen, noch recht unerfahrenen Therapeuten aufsuchte, ist nicht zu belegen und erscheint angesichts der Tatsache, dass Hesse noch im gleichen Jahr 1918 zu Lang zurückkehrte, eher unwahrscheinlich.[16] Der Schriftsteller war auch schon 1909 ein erstes Mal psychoanalytisch behandelt worden, damals von Dr. Albert Fraenkel, ohne dabei unmittelbar zur Näheren Beschäftigung mit der Psychoanalyse angeregt zu werden.[17] Umso nachhaltiger wirkte dann die dem Umfang nach eher oberflächliche Analyse bei C.G. Jung.[18] Bei letzterem war Hesse 1920/21 kaum länger als zwei Wochen in Behandlung, wenn sich auch ein längerer Briefwechsel anschloss.[19] Wie großen Eindruck die Behandlung auf Hesse machte, geht aus einem Brief an Hans Reinhart hervor: „Bei Jung erlebe ich zur Zeit, in einer schweren und oft kaum ertragbaren Lebenslage stehend, die Erschütterung der Analyse. Es geht bis aufs Blut und tut weh. Aber es fördert. Ob die Analyse auch für Sie nötig ist, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, dass Dr. Jung meine Analyse mit außerordentlicher Sicherheit, ja Genialität führt.“[20]

Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit die mannigfachen Bezüge zur Psychoanalyse im Werk Hesses darzustellen. Das tut eine mittlerweile recht umfangreiche Literatur, die sich unter anderem der Schwierigkeit ausgesetzt sieht, zwischen den Einflüssen der Lehre Freuds und Jungs zu unterscheiden, zwischen solchen, die auf die Therapie und anderen, die auf die theoretische Auseinandersetzung in der Lektüre zurückgehen. Erschwert wird diese Arbeit zusätzlich durch den Umstand, dass Hesse den Begriff Psychoanalyse offenbar häufig synonym für die psychotherapeutische Behandlung verwendet und

Freudsche wie Jungsche Theorien vermengt.[21] Inwieweit Hesse in der Lage oder Willens war zwischen der Psychoanalyse Freud und der abgewandelten Konzeption Jungs zu differenzieren, muss in unseren Überlegungen aber weitgehend ausgespart bleiben. Für die Darstellung psychischer Erkrankung interessiert in erster Linie die Mächtigkeit von Modellen, die im psychoanalytischen Umfeld ihren Ursprung haben und die Art ihrer Adaption an relevanten Textstellen. Gemeint sind in erster Linie solche aus den Romanen „Demian“ und „Narziß und Goldmund“, wobei ersterer, aus dem Jahre 1919, als direkte Reaktion auf die Therapiesitzungen bei Dr.Lang verstanden werden darf.[22] Ganz im Sinne von Hesses Äußerung im bereits zitierten Artikel über „Künstler und Psychoanalyse“: „Für den einzelnen Künstler nun [...] entstand rasch die Bemühung, aus der neuen Psychologie auch als Künstler zu lernen.“[23] Dass Hesse dies in der Folge getan hat, soll nun, nach der groben Rekonstruktion der unterschiedlichen Kontakte mit der Psychoanalyse, mit doppeltem Zweck am Text nachgewiesen werden.

Zum einen, um anzuzeigen, wie sehr die Texte psychoanalytisch aufgeladen sind, zum anderen aber auch um einige elementare psychoanalytische Konzepte als solche in Erinnerung zu rufen.[24] Wenn möglich wird das da getan wo es um psychische Krisenfalle geht, ausschließlich aber zu Fragen, die später für die Krankheitsdarstellung bedeutsam werden und somit gleichsam das gedankliche Fundament von Überlegungen bilden, auf die wir spater zurückgreifen können.

2.1 Das Unbewusste

Das Wissen, dass Freud nicht der Entdecker des Unbewussten, wohl aber sein Promotor ist, hat mittlerweile auch im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit Fuß gefasst.[25] Spezifisch für die Psychoanalyse ist vielmehr die Hoffung durch einen Bewusstwerdungsprozess, etwa in der Analyse, dem therapeutischen Gesprach, verdrangte Konflikte zuganglich zu machen und mitunter zu ihrer Bewaltigung beizutragen. Unter eben diesen Vorzeichen steht die Beschreibung des Unbewussten bei Hermann Hesse.

So stört sich der Protagonist Klein in der Erzählung „Klein und Wagner“ an einer vorübergehenden, attraktiven Frau und generalisiert: „wie hatte ihre [der Frauen] schamlose Herausforderung ihn geärgert“.[26] Gerade an seiner Abwehr aber erkennt Klein, dass er die aggressiv ablehnende Einstellung nur übernommen habe, aus Angst vor den Ansprüchen seiner eigenen Natur.[27] Er erlebt an diesem Beispiel die Absonderung von Teilen seines Wesens aus dem Bereich des Bewussten, der zugleich der des Erlaubten ist. Das sexuelle Verlangen nach der fremden Frau, das Klein sich hier so rigide untersagt, hat seine Entsprechung in einer Szene in der über die Zuschauer einer Tanzdarbietung gesagt wird: „Viele empfanden für einen Augenblick nachdenkliche Trauer darüber daß zwischen ihrem Leben und ihren Trieben soviel Zwiespalt und Streit bestand, daß ihr Leben kein Tanz, sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten war - Lasten, die schließlich nur sie selber sich aufgebürdet hatten.“[28]

Den eigentlichen Kern der Erzählung bildet die Analogisierung Kleins mit dem Mörder Wagner, der vor dem eigenen Suizid seine Familie tötet. Klein erinnert sich an ein Gespräch über den Fall: „Es war die Frage gewesen, wie weit bei einer solchen Tat von Zurechnungsfähigkeit die Rede sein könne, und im weiteren darüber, ob und wie man überhaupt eine solche Tat, eine solche grausige Explosion menschlicher Scheußlichkeit verstehen und erklären könne.“[29] Klein entrüstet sich im Verlauf der Unterhaltung, fordert Folter und Strafe.[30] Im Nachhinein sieht er aber auch in dieser Reaktion nur das Symptom einer in sich aufkeimenden Aggression gegen die eigene Familie und in seinen Ausfällen gegen Wagner die symbolische Sanktion der eigenen Wunschvorstellungen.[31] Die Erkenntnis wird Klein zum Aha-Erlebnis: „Unbegreiflich, daß er das erst jetzt sah!“[32] Außerdem vermittelt sich ihm ein verändertes, wenn auch recht desillusioniertes Menschenbild: „Wie war ich damals noch dumm und kindlich gewesen, als ich mich, ein menschenfreundlich gesinnter Kriegsgegner, über diese Bilder entsetzt hatte! Heute wußte ich, dass kein Tierbändiger, kein Minister, kein General, kein Irrsinniger Gedanken und Bilder in seinem Gehirn auszubrüten fähig war, die nicht ebenso scheußlich, ebenso wild und böse, ebenso roh und dumm in mir selber wohnten.“[33] Eine Erkenntnis, wie sie die Sozialpsychologie, vor dem Hintergrund der ethischen Krise nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, in den populären Milgram-Experimenten bestätigen sollte.[34] Neben „Klein und Wagner“ lässt sich das Unbewusste als Teil von Hesses psychologischem Grundverständnis besonders gut an seinem Roman „Demian“ nachweisen. Dort heißt es: „Das Schauen ins Feuer hatte mir gutgetan, es hatte Neigungen in mir gekräftigt und bestätgt, die ich immer gehabt, doch nie eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar.“[35] Und: „Nun, in jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem sie teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.“[36]

Der „Demian“ ist auch der Roman in dem Hesse mit dem sich aus dem Ei schälenden Vogel ein besonders einprägsames Bild vom Unbewussten und seiner nach Verwirklichung drängenden Kraft gestaltet hat.[37] Eine eingehendere Betrachtung dieser Darstellung führt aber notwendig über C.G. Jungs Auffassung von der Existenz eines „kollektiven Unbewussten“, die darum in aller Kürze angedeutet werden soll.

2.1.1 Das kollektive Unbewusste nach C. G. Jung

Nach C.G. Jung ist das Unbewusste eine Art Reservoir von Erfahrungen, das neben den persönlichen, in Auseinandersetzung mit der Umwelt gewonnenen, kollektive Elemente hat. Diese sind in bildhafter Form, in so genannten Archetypen hinterlegt und erweisen sich etwa in kulturanthropologischen Übereinstimmungen, indem die Archetypen als eine „Matrix der mythenbildenden Phantasie der Völker“ erkennbar werden.[38] Anders ausgedrückt: Für C. G. Jung bedeuten die Bilder, in denen sich das Unbewusste ausdrückt, also etwa Traumsymbole und archaische Embleme, nicht verklausulierte Botschaften des Verdrängten, sondern sind der Ausdruck einer allen Menschen eigenen innerpsychischen Ordnung.[39] Mehr noch: Die phylogenetisch begründeten Archetypen werden im Einzelnen im Sinne von unbewussten Motivationsstrukturen, dem Trieb vergleichbar, wirksam.[40] Daraus ergibt sich, dass der Individuationsprozess als ein Muster im Menschen vorgeprägt ist und als ein Wachstums- oder Bewusstwerdungsvorgang verstanden werden muss.[41] In seinem Verlauf projiziert der Mensch bestimmte Vorstellungen in die Außenwelt und integriert, bzw. assimiliert sie dann wieder, erweitert damit gleichsam das eigene Selbstbild und erreicht einen höheren Grad an Ganzheit.

Hesse deutet eine solche Vorstellung in dem eingangs erwähnten Aufsatz „Künstler und Psychoanalyse“ an, wo es heißt: „nur in der intensiven Selbstprüfung der Analyse wird ein Stück Entwicklungsgeschichte wirklich erlebt und mit dem blutenden Gefühl durchdrungen. Über Vater und Mutter, über Bauer und Nomade, über Affe und Fisch zurück wird Herkunft, Gebundenheit und Hoffnung des Menschen nirgends so ernst, so erschüttend erlebt, wie in einer ernsthaften Psychoanalyse.“[42] Die psychischen Dispositionen, wie sie Hesse hier bis auf Entwicklungsstadien des Menschen, Bauer und Nomade, sowie noch weiter zurückreichend auf seine evolutionären Vorgänger, Affe und Fisch, zurückverfolgt, drängt, der Analytischen Psychologie Jungs zufolge, in wiederholenden, deutlicher werdenden Traumbildern ins Bewusstsein, womit grundsätzlich die Nähe zum bildlichen Symbol bei Jung noch stärker als bei Freud betont wird, der letztlich auf Versprachlichung abzielt.[43]

Damit sei auf den Traum im „Demian“ zurückverwiesen, in dem Emil Sinclair ein Wappenzeichen, das einen Vogel zeigt, essen muss und eben jener Vogel ihn daraufhin von innen zu „verzehren beginne.“[44] In Form einer Notiz Demians gibt Hesse eine wiederum rätselhafte Deutung des Traumes mit den Worten: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“[45]

„Als ein numinoser Faktor bestimmt der Archetypus die Art und den Ablauf der Gestaltung, mit einem anscheinenden Vorwissen oder im apriorischen Besitz des Zieles“, nach: C.G.Jung: Archetyp und Unbewusstes. In: Ders.: GW, Bd. 9/I, S.51.

Mit dem Vorwissen der Archetypenlehre Jungs lässt sich das Orakel insofern auflösen als mit dem sich befreienden Vogel eine Vorstellung, die bisher im Verborgenen gelegen, wohl aber bereits angelegt war, realisiert wird. Der Bewusstwerdungsprozess hat einen Widerstand, nämlich die Eierschale, die, wie überkommene Vorstellungen, repräsentiert in der Welt, zertrümmert werden muss. Die Verweise auf Geburt und Gott bekräftigen den Entwicklungscharakter einerseits und das teleologische Ziel der Ganzheit. Unaufgeklärt bleibt dann noch die Gottheit Abraxas. Sie ist ebenfalls ein direkter Verweis auf C.G.

Jung, der die „Septem Sermones ad mortuos“, also die „Sieben Ansprachen an die Toten“ verfasst, die die Botschaft von einer Gottheit enthalten, die Gut und Böse in sich vereinigt.[46] Vom auffinden eben dieser Gottheit handelt nun „Demian“. In ihr personifiziert sich das transpersonal präexistente Unbewusste: „Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist, der alles weiß!“[47]

2.2. Ödipus-Komplex und Sexualtrieb

Neben dem Unbewussten gehört der Ödipus-Komplex, als Repräsentant der Freudschen Triebtheorie, zu den einflussreichsten unter den psychoanalytischen Denkmodellen. Freud beschreibt ihn wie folgt: „Schon in den ersten Kinderjahren (etwa von 2 bis 5 Jahren) stellt sich eine Zusammenfassung der Sexualstrebungen her, deren Objekt beim Knaben die Mutter ist. Diese Objektwahl nebst der dazugehörigen Einstellung von Rivalität und Feindseligkeit gegen den Vater ist Inhalt des sogenannten Ödipus-Komplexes “.[48] Durch das Werk Hermann Hesses zieht sich nun tatsächlich eine Verehrung für Mutterfiguren, bis zum angedeuteten Inzest. So heißt es über Demian im gleichnamigen Roman, „er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten.“[49] Und der späte Roman „Narziß und Goldmund“ trägt zeitweilig gar die Arbeitstitel „Der Weg zur Mutter“ und „Das Lob der Sünde“.[50] Er darf damit als das Plädoyer für einen weniger restriktiven Umgang mit Sexualität gelesen werden, wie ihn Goldmund im Roman praktiziert.

Damit wäre aber längst noch nicht alles über die Funktion der Mutterfiguren bei Hesse gesagt. Besonders in „Goldmund und Narziß“ sowie im „Demian“ wird die Mutter metaphorisch überhöht. In beiden Romanen tragen die entsprechenden Figuren den Namen Eva und werden als „Mutter aller Wesen“ beziehungsweise als „Urmutter“ vorgestellt.[51] Nicht umsonst ist es die Mutter Gottes, Maria, die Goldmund verehrt.[52] Indem die Mutter zum Ursprungsort allen Lebens verklärt wird, bekommt der Tod, über den insbesondere als Selbstmord und damit als Indiz psychischer Erkrankung noch zu sprechen sein wird, eine Bedeutung als ein Moment der Rückkehr. So meint Goldmund auf dem Totenbett die Mutter, die er kaum gekannt und sein Leben lang vermisst hat, wieder zu finden.[53] Im Augenblick seines Todes glaubt er gar, es seien ihre Finger, die ihm „das Herz herausnehmen.“[54]

Mit der Zunahme solcher Gedanken einher geht jedoch, wenigstens in „Narziß und Goldmund“, der psychische Verfall: „Goldmund blickte ihm mit seinem Lächeln in die Augen, mit diesem neuen Lächeln, das er von seiner Reise mitgebracht hatte, das so alt und so gebrechlich aussah und das manchmal ein wenig schwachsinnig zu sein schien.“[55] Ganz nach der Beschreibung der Psychologin Edith Jacobson, die eine geheilte Patientin mit den Worten zitiert: „Ich rannte und rannte, zurück zum Mutterleib.“[56] Träfe die Parallele zu, hätte Hesse eine Spur zu den Ursachen von psychischer Erkrankung gelegt, wie sie an anderer Stelle zu untersuchen sein werden.

Vorerst gilt es festzuhalten, dass die Entrückung der Mutter in den Romanen Hesses mit ihrer sexuellen Konnotation zusammengeht. Emil Sinclair erträumt sich eine Umarmung mit einer Gestalt, die er zugleich für die Mutter und den Freund Demian hält und die er als ein „Verbrechen“ empfindet, das sein Gewissen plagt, „wie aus furchtbarer Sünde.“[57] Und weiter: „Ich nannte es [das Traumbild] Mutter und kniete vor ihm in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und Mörder. Es verlockte mich zu den zartesten Liebesträumen und zu wüsten Schamlosigkeiten, nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht und niedrig.“[58]

Dahinter steht unschwer zu erkennen ein doppeltes sexuelles Tabu, zum einen gegen die Homosexualität, zum anderen gegen den Inzest. Das zur Heiligen stilisierte Bild der Mutter verkehrt sich zur Hure und provoziert einen inneren Konflikt. Die in mystischen Kindheitserinnerungen konservierte Mutter Goldmunds gilt als schön, wild und heidnisch. Sie ist Tänzerin, als Hexe verschrien und läuft schließlich Mann und Kind davon.[59] Über sie schreibt Hesse: „in ihr war, irgendwo unter anmutigen Hüllen, auch alles Furchtbare und Dunkle, alle Gier, alle Angst, alle Sünde, aller Jammer, alle Geburt, alles Sterbenmüßen.“[60]

Das Gegenstück zur libidunösen Beziehung zur Mutter, die Rivalität mit dem Vater, sei nur der Vollständigkeit halber exemplarisch für „Klein und Wagner“ aufgezeigt. Erneut ist es ein Traum, der als „Fenster zur Seele“ später gesondert betrachtet werden soll, der, ganz nach psychoanalytischer Manier, Aufschluss über die Figurenkonstellation gibt.

In diesem Fall sieht Klein sich als Beifahrer in einem Auto bei dem Versuch jemandem das Steuer zu entreißen, um selbst zu lenken: „Wer konnte es gewesen sein? Jemand, den er verehrte, dem er Macht über sein Leben einräumte, den er über sich duldete, und den er doch heimlich haßte, [...] .Vielleicht sein Vater?“[61] Vergrößert wird die Figur des Vaters noch durch die Information, dass der schon nicht mehr lebe, also seine Macht noch über den Tod hinaus ausübe und durch Kleins Ausruf „Wenn sein Vater das noch erlebt hätte!“, der eine fortgesetzte Furcht oder aber ein Revanchebedürfnis Kleins zum Ausdruck bringt.[62]

Was für das Besondere, also den Ödipus-Komplex, gezeigt werden konnte, nämlich dass Hesse in seiner Darstellung psychischer Zusammenhänge und psychischer Krisenzustande im Besonderen, auf die Psychoanalyse Freuds zurückgreift, lässt sich auch für den allgemeinen Fall, den Triebverzicht, nachweisen.

Prototypisch ist dafür die Äußerung des Lehrers Pistorius aus dem „Demian“ dem Protagonisten Emil Sinclair gegenüber: „Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren Jahren meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun.“[63] Eben einen solchen Traum, der ja nur Ausdruck unterdrückter oder doch unbewältigter Wünsche ist, hat der junge Goldmund. Als Kind sieht er sich aus Lehm Figuren bilden „und er machte den Tieren und Männern lächerlich große Geschlechtsteile, im Traum kam ihm das sehr witzig vor. Dann wurde er des Spiels müde und ging weiter, da fühlte er hinter sich etwas leben, etwas Lautloses, Großes sich nähern, und sah zurück und sah mit tiefem Erstaunen und mit großem Schrecken, der aber nicht ohne Freude war, seine kleinen Lehmfiguren groß und lebendig geworden. Gewaltig große, stumme Riesen, marschierten die Figuren an ihm vorbei, noch immer wachsend, riesig und schweigend zogen sie weiter, in die Welt hinein, hoch wie Türme.“[64]

Bemerkenswert ist neben dem Vergleich der riesigen Figuren mit Türmen, die ja selbst Phallussymbole und im Grunde eine in die Beschreibung des Traumes getragener Deutungshinweis sind, dessen es freilich nicht bedurft hätte, der Hinweis auf die „Freude“, die sich mit dem Schrecken über die Traumereignisse verbindet. Kurz: Zum einen plaziert Hermann Hesse hier einen wenig kryptisierten Lusttraum, der ausdrücklich einem Kind Sexualität zugesteht und damit zum Bekenntnis zur Psychoanalyse wird, zum anderen versieht er diesen Traum mit gemischten Gefühlen, die den Widerstreit zweier innerpsychischer Instanzen anzeigen, einen Streit, den die Figur des Pistorius zugunsten einer unschuldigen Zwanglosigkeit und zuungunsten einer moralisierenden Unterdrückung entschieden hätte.

Zur Stigmatisierung von Sexualität sei zuletzt noch auf eine Passage im „Steppenwolf“ verwiesen: Harry Haller bekommt an der Garderobe eines Maskenballes eine rote „Kartonmünze“ zugesteckt, auf der neben dem Hinweis „nur für Verrückte“ steht: „Hermine ist in der Hölle.“[65] Dies bleibt dabei nicht der einzige Hinweis auf sexuelle Ausschweifung, die sich mit vornehmlich biblischen Symbolen der Sünde verbindet. In der „Hölle“ erscheint Hermine nämlich bald als Mann gekleidet und erobert Frauen mit „dem Zauber von Lesbos“.[66] Dazu spielt eine „Teufelskapelle“.[67] Und Haller beschreibt: „Schlangen blickten mich aus grünem Laubschatten verführend an.“[68] Dabei war schon über den vorangegangenen Abend zu lesen gewesen: „Ich [Haller] war voll brennender Sehnsucht, voll erstickender Angst, und ich klammerte mich wild an Maria, lief noch einmal flackernd und gierig durch alle Pfade und Dickichte ihres Gartens, verbiß mich noch einmal in die süße Frucht des Paradiesbaumes.“[69]

2.3. Die Sublimierung

Ein dritter und bedeutsamer Aspekt der Freud-Adaption Hesses ist seine Übernahme des Sublimierungs-Konzepts. Das ist im Kontext dieser Arbeit von besonderem Interesse, als sich erweisen wird, wie sehr psychische Erkrankung und Künstlerschaft bei Hermann Hesse einen gemeinsamen Komplex bilden, dessen Schnittstelle wesentlich auf die Psychoanalyse zurückgeht.

Eine Definition des psychoanalytischen Fachbegriffs gibt Herta Steinbauer indem sie den Vorgang der Sublimierung beschreibt als „die Fähigkeit des Menschen, die sexuellen Triebkräfte von sexuellen Zielen und Objekten abzulenken und auf andere, von der Gesellschaft höher bewertete Ziele zu richten: insbesondere künstlerisches Schaffen, wissenschaftliche Arbeit und ganz allgemein Betätigung im Sinne der Gemeinschaft.“[70] Damit bietet Freud eine Erklärung, die sich von dem Ansatz C.G. Jungs wesentlich unterscheidet. Jener hatte Kreativität als eine Leistung des kollektiven Unbewussten aufgefasst, die nach außen dränge und damit, nach Brumlik, die gleiche Funktion habe, wie das Genie in der romantischen Ästhetik.

Dass Hesse in einem Brief an Jung seine Auffassung des Begriffes deutlich an Freud anlehnt,[71] bezeugt auch den dominanten Einfluss der Psychoanalyse Freud gegenüber der Analytischen Psychologie Jungs:

„Für mich ist Sublimierung zwar letzten Endes auch „Verdrängung“, aber ich wende das hohe Wort nur an, wo es mir erlaubt scheint, von „geglückter Verdrängung“ zu reden, also von Auswirkungen eines Triebs auf einem zwar uneigentlichen, aber kulturell hochrangigen Gebiet, z.B. dem der Kunst [...] Und wo ein begabter Mensch mit einem Teil seiner Triebkräfte solche Dinge fördert, finde ich seine Existenz und sein Tun von höchstem Wert, auch wenn er vielleicht als Individuum pathologisch ist.“[72]

An anderer Stelle formuliert Hesse prägnanter: „Ist denn, vom Künstler aus gesehen, die Kunst etwas anderes als ein Versuch [.] das Unverdauliche der Wirklichkeit im Geist zu sublimieren?“[73]

In den Erzähltexten Hesses taucht die Sublimierung implizit vor allem in „Narziß und Goldmund“ und „Klingsors letzter Sommer“ auf. Ganz entgegen der üblichen Erzählweise Hesses, die das Fremdwort gewöhnlich meidet, wird der Gedanke der Sublimierung auch explizit gemacht. Namentlich im „Glasperlenspiel“ findet der Begriff in einer Häufung Verwendung, die seine Bedeutung für das Denken Hesses unterstreicht.[74]

In „Klingsors letzter Sommer“ wird derweil über den Maler gesagt, er „liebt ja den Tod, er liebt ja seine Angst vor dem Tode, seine Schwermut, sein Elend, nur die Angst hat ihn ja all das gelehrt, was er kann und wofür wir ihn lieben.“[75] Geliebt wird Klingsor also für das, was er kann, für seine Kunst. Und die ist das Produkt seiner psychischen Krise, zu der er deshalb ein ganz ambivalentes Verhältnis haben muss. Hesse lässt Klingsor aber auch selbst diese Ansicht zum Ausdruck bringen, indem er ihn zu dem Freund und Berufskollegen Louis sagen lässt: „unsere ganze Kunst ist bloß ein Ersatz, ein mühsamer und zehnmal zu teuer bezahlter Ersatz für versäumtes Leben, versäumte Tierheit, versäumte Liebe“.[76]

Für „Narziß und Goldmund“ gilt der Zusammenhang genauso: „Manchmal war ihm [Goldmund] dann aus der hoffnungslosen Hingabe an den Anblick des Sinnlosen und Furchtbaren plötzlich eine Freude aufgeblüht, eine heftige Verliebtheit, die Lust, ein schönes Lied zu singen oder zu zeichnen“.[77]

2.4 Die Analyse

Konnte die Darstellung von Sublimierungsvorgängen im Werk Hermann Hesses schon einen direkten Beitrag zur Darstellung psychischer Erkrankung leisten, indem sie probate Bewältigungsstrategie vorstellen, soll mit der Betrachtung von therapieähnlichen Situationen und Genesungsvorgängen der Komplex über Hesses psychoanalytische Auslegung der seelischen Konstitution des Menschen abgeschlossen werden, ohne freilich in der Folge ganz aus dem Blickfeld zu geraten.

In der Sekundärliteratur findet sich dazu das eindeutige Urteil von Cremerius: „In ,Klein und Wagner’ wie im ,Steppenwolf geht es Hesse um die dichterische Aufarbeitung der Freudschen Theorie des Unbewußten, der Triebtheorie und der Ich-Psychologie. Ferner geht es um die Illustration des therapeutischen Prozeßes, d.h. um die Darstellung der Arbeit an den Abwehrmechanismen mit dem Ziel, Unbewußtes bewußt zu machen, um die Freudsche Maxime: ,Wo Es war, soll Ich werden.’“[78]

Ausgehend von dieser These sei in der Folge also die Anwendung der geschilderten Prinzipien und die Positionierung Hesses der Gegenstand einer genaueren Untersuchung, in deren Verlauf sich zeigen wird, dass sich auch über die von Cremerius genannten Texte hinaus unschwer Belege für seine Behauptung erbringen lassen.

Zum „Setting“ der psychoanalytischen Therapie gehört nur randständig die prominente Couch, unverzichtbar aber ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Analytiker und Analysand. Und eben ein solches Verhältnis entwickelt sich in den Erzählungen Hesses immer wieder. So übernimmt im „Demian“ der Organist Pistorius, angeblich Hesses Psychoanalytiker Dr. Lang nachgebildet,[79] die Aufgabe des Traumdeuters und des vorwissend nachsichtigen Gesprächspartners.[80]

Schon 1916 hatte Hesse unter dem starken Eindruck der Analyse das Märchen „Der schwere Weg“ geschrieben, in dem in gleicher Weise ein Bergführer, Metapher für den in die Untiefen der eigenen Seele führenden Therapeuten, beschrieben wird: „mit diesem seinem furchtbaren Verstehen, mit diesem schwer zu ertragenden Wissen, Ahnen, Schon- im-voraus-verstanden-Haben.“[81] An gleicher Stelle gewährt Hesse auch Einblick in die Ambivalenz des Analysanden, beziehungsweise, in der Darbietungsform des Märchens, des ich-perspektivischen Bergsteigers: „und ich haßte ihn und liebte ihn, wie ein Verurteilter das Beil über seinem Nacken haßt und liebt. Vor allem aber haßte und verachtete ich sein Wissen, seine Führerschaft und Kühle, seinen Mangel an lieblichen Schwächen, und haßte alles das in mir selber, was ihm recht gab, was ihn billigte, was seinesgleichen war und ihm folgen wollte.“

Die Antwort auf die Frage, wie Hesse die Psychoanalyse bewertet habe, in erster Linie natürlich ihren Therapieerfolg, lässt sich dagegen widerspruchsfrei aus Äußerungen im „Demian“ erschließen. Da hatte der Freund den verstörten Jugendlichen Emil vordergründig von dem erpresserischen Kromer, tatsächlich aber dem inneren Konflikt, resultierend aus den divergierenden Anforderungen an die eigene Rolle, die des folgsamen Kindes, in der Familie und die des Wagemutigen im Kreis der Gleichaltrigen, befreit. Dabei hatte Emil mit „Angstanfällen und würgendem Herzklopfen“ unverwechselbare Anzeichen einer sich ankündigenden psychischen Erkrankung gezeigt, so dass sogar von seiner „geschädigte[n] Seele“ die Rede war.[82] Diese Deutung stützt Hesse ausdrücklich indem er Emil rückblickend sagen lässt: „Ich glaube heute mit Bestimmtheit, dass ich fürs Leben krank und verdorben geworden wäre, wenn er [Demian] mich nicht aus den Klauen Kromers befreit hätte.“[83] Und auch die Mutter registriert die positive Veränderung ihres Sohnes als einen Gesundungsvorgang: „sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine veränderte Stimme, fühlte, dass ich genesen, dass ich ihr wiedergegeben war.“

In „Klein und Wagner“ wird der Traum als symbolischer Ausdruck einer verdrängten Wahrheit verwandt und mit den Worten: „Dieser Traumgeist war roh, aber genial. Er traf den Nagel auf den Kopf.“ als gültige Instanz anerkannt.[84] Im Übertrag von Eigenschaften des phantasierten Mörders Wagner auf die eigene Person führt Hesse eine Deutung vor, die auf der Annahme eines manifesten und eins symbolischen Trauminhaltes beziehungsweise auf der Verschiebung uneingestandener Wünsche beruht.[85] Ein wesentliches Element der Analyse wird damit als Methode bei Hermann Hesse etabliert und legitimiert.

Zuletzt soll noch eine besonders eindrucksvolle und in vieler Hinsicht aussagekräftige Therapiesituation untersucht werden, wie sie in „Narziß und Goldmund“, wenn auch verdeckt repräsentiert ist. Dabei wird Narziß, zwar der Lehrer Goldmunds im Kloster, selbst aber noch nicht geweiht, dafür gerügt, den jüngeren Freund mit einem Gespräch, in dessen Verlauf er als Interpret der seelischen Verfassung Goldmunds aufgetreten war, in die Krise gestürzt zu haben: „Was du mir da geschildert hast, ist ein Gespräch, das man einen Eingriff in eine fremde Seele nennen könnte, es ist, möchte ich sagen, ein seelsorgerliches Gespräch [...]. Wie kommt es, daß du mit einem Schüler im Ton des Beraters über Dinge sprichst, die bloß den Seelsorger angehen? Die Folgen, wie du siehst, sind üble gewesen.“[86] Damit erscheint Narziß als der Auslöser einer Verstörung, ja Erkrankung Goldmunds, die als Bewusstwerdungsvorgang verstanden aber auch eine Voraussetzung von Heilung bedeutet. Damit ist dem, der sich um ein Verstehen der gestalterischen Funktion von psychischer Erkrankung bei Hermann Hesse bemüht, vielleicht schon ein Schlüssel in die Hand gegeben, der später erprobt werden soll. Vorläufig rechtfertigt Narziß sich, er habe geglaubt Goldmund „etwas besser zu kennen, als er selbst sich kennt.“[87] Auf die direkte Frage des Abtes, ob Goldmund krank sei, antwortet Narziß: „Nein, bis heute war er gesund. Am Leibe gesund. [...] An der Seele ist er allerdings krank. Ihr wißt, er ist im Alter, wo die Kämpfe mit dem Geschlechtstrieb beginnen.“[88] Er geht damit erneut wie der Therapeut Goldmunds vor, der eine Diagnose stellt, die zudem noch Ausdruck der Erkenntnis ist, dass unterdrückte Sexualität die Ursache von psychischer Erkrankung sei, das fatale Gespräch nur der Auslöser ihrer Symptome. Den Einwand „Aber diese Kämpfe sind ja etwas Natürliches, was jeder durchmachen muß. Darum kann man ihn doch nicht krank an der Seele nennen.“ begegnet Narziß mit dem Argument: „Goldmund war schon vorher seelenkrank, schon lange, darum sind diese Kämpfe für ihn gefährlicher als für andere. Er leidet, wie ich glaube, daran, daß er einen Teil seiner Vergangenheit vergessen hat.“[89] Womit ein zweites Prinzip der Psychoanalyse durch Narziß auf Goldmund angewandt wäre: Der Mechanismus der Verdrängung, während der libidinöse Ödipus-Konflikt, als Begleiterscheinung des Reifungsprozesses als universell bestätigt wird. Narziß wird dann auch konkret und äußert die Vermutung:

„Es ist seine Mutter und alles, was mit ihr zusammenhängt. Auch ich weiß darüber nichts, ich weiß nur, dass dort die Quelle seiner Krankheit liegen muß. Goldmund nämlich weiß angeblich nichts von seiner Mutter, als daß er sie früh verloren hat. Es macht aber den Eindruck, als schäme er sich ihrer. Und doch muß sie es sein, von der er die meisten seiner Gaben geerbt hat; denn was er über den Vater zu sagen hat, läßt diesen Vater nicht als den Mann erscheinen, der einen so hübschen, vielbegabten und eigenartigen Sohn hat. Ich weiß dies alles nicht aus Berichten, ich schließe es aus Anzeichen.“[90]

Als Methode wird Narziß hier das analytische Deuten zugeschrieben. Und die Wirkung, die er damit erzielt verweist auf die Richtigkeit der gemachten Annahmen, indirekt auf die Wirksamkeit der „Therapie“:„Ich habe ihn daran erinnert, dass er sich selbst nicht kennt, dass er seine Kindheit vergessen hat und seine Mutter. Irgendeines meiner Worte muß ihn getroffen haben und in das Dunkel gedrungen sein, gegen das ich schon so lange kämpfe. Er war wie entgeistert, er sah mich an, als kenne er mich und sich selbst nicht mehr. Ich

[...]


[1] Büchner: Werke und Briefe, S.339.

[2] Schneider: Hermann Hesse, S.20.

[3] Ebd., S.20.

[4] Stolte: HermannHesse, S.42f.

[5] Ebd., S.34f.

[6] Hesse: SW, Bd.5, S.706.

[7] Vgl. Geyer: Dichter des Wahnsinns.

[8] Hesse: SW, Bd.14, S.352.

[9] Hesse: GB, Bd.1, S.378.

[10] Musil: GW, Bd.1, S.1404.

[11] Hesse: SW, Bd.14, S.355.

[12] Kory: Hesses Beziehung zur Tiefenpsychologie, S.64.

[13] Ebd., S.57.

[14] Ebd., S.89f.

[15] Cremerius: Freund und die Dichter, S. 94f.

[16] Ebd., S.95f.

[17] Ebd., S.95.

[18] Ebd., S.97.

[19] Ebd., S.97.

[20] Hesse: GB, Bd.1, S.473.

[21] Kory: Hesses Beziehung zur Tiefenpsychologie, S.54.

[22] Zu den zeitlichen Bezügen von Entstehung und Therapie vgl. Michels im Nachwort zu „Demian“. In: Hesse: SW, Bd. 3, S.490.

[23] Hesse: SW, Bd.14, S.352.

[24] Entsprechend einer Äußerung Freuds über die Psychoanalyse: „Die Annahme unbewußter seelischer Vorgänge, die Anerkennung der Lehre vom Widerstand und der Verdrängung, die Einschätzung der Sexualität und des Ödipus-Komplexes sind die Hauptinhalte und die Grundlagen ihrer Theorie“; in: Freud: GW, Bd.13, S.223. Zitiert nach: Müller-Pozzi: Psychoanalytisches Denken, S.9.

[25] Müller-Pozzi: Psychoanalytisches Denken, S.53.

[26] Hesse: SW, Bd.8, S.228.

[27] Hesse: SW, Bd.8, S.229.

[28] Ebd., S.243.

[29] Ebd., S.220.

[30] Eine Szene, die im übrigen an die berühmte „Werther“-Episode, beschrieben im Brief vom 12. August erinnert, in der Werther den Selbstmörder aus Liebeskummer gegen Albert in Schutz nimmt und damit gleichsam den überwältigenden leidenschaftlichen Impuls gegen die disziplinatorische Gewalt der Vernunft. In: Goethe: Werther.

[31] Hesse: SW, Bd.8, S.221.

[32] Ebd., S.220.

[33] Ebd., S.184.

[34] Vgl. etwa: Lüttke: Gehorsam und Gewissen.

[35] Hesse: SW, Bd.3, S.315f.

[36] Ebd., S.317f.

[37] Ebd., S.305.

[38] Baumann, Günter: Der archetypische Heilsweg, S.8.

[39] Vgl. auch: Brumlik: C.G. Jung zur Einführung, S.125.

[40] Ebd., S.53.

[41] Hesse: SW, Bd.14, S.352.

[42] Brumlik: C.G.Jung zur Einführung, S 53f.

[43] Hesse: SW, Bd.3, 303.

[44] Ebd., S. 305.

[45] Baumann, Günter: Der archetypische Heilsweg, S.7.

[46] Hesse: SW, Bd.3, S.302.

[47] Freud: GW, Bd.13, S.221.

[48] Hesse: SW, Bd.3, S.280.

[49] Schneider: Hesse, S.88.

[50] Hesse: SW, Bd.3, S.347 bzw. Hesse: SW, Bd.4, S.297,418, 405 und 448.

[51] Hesse: SW, Bd.4, S.391.

[52] Ebd., S.528.

[53] Ebd., S.530.

[54] Hesse: SW, Bd.4, S.530.

[55] Jacobson: Depression, S.287.

[56] Hesse: SW, Bd.3, S.308.

[57] Ebd., S.309.

[58] Ebd., S.314f.

[59] Ebd., S.317.

[60] Hesse: SW, Bd.8, S.213f.

[61] Ebd., S.218.

[62] Hesse: SW, Bd.3, S.322.

[63] Hesse: SW, Bd.4, S.318f.

[64] Hesse: SW, Bd.4, S.156.

[65] Ebd., S.156.

[66] Ebd., S.157.

[67] Ebd., S.158.

[68] Ebd., S.150.

[69] Steinbauer: Die Psychoanalyse und ihre geistesgeschichtlichen Zusammenhänge, S.168.

[70] Dazu auch Kory: Hesses Beziehung zur Tiefenpsychologie, S.22.

[71] Hesse: GB, Bd.1, S.225.

[72] Zitiert nach: Kory: Hesses Beziehung zur Tiefenpsychologie, S.78.

[73] Z.B. auf dem engen Raum von kaum 30 Seiten dreimal, in : Hesse: SW, Bd.5, S. 95, 116 und 119.

[74] Hesse: SW, Bd.8, S.316.

[75] Ebd., S.292.

[76] Hesse: SW, Bd.4, S.417.

[77] Cremerius: Freund und die Dichter, S. 36.

[78] Ebd., S.95.

[79] Hesse: SW, Bd.3, S.319.

[80] Hesse: SW, Bd.9, S. 115.

[81] Hesse: SW, Bd.3, S.267.

[82] Ebd., S.266.

[83] Hesse: SW, Bd.8, S.262.

[85] „Wagner war er selbst [...]. Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.“ In: Hesse: SW, Bd.8, S.262.

[85] Hesse: SW, Bd.4, S.308.

[86] Hesse: GB, Bd.1, S.225.

[87] Ebd., S.309.

[88] Ebd., S.309.

[89] Ebd., S.309.

[90] Hesse: SW, Bd.4, S.309f.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Die literarische Darstellung psychischer Erkrankung bei Hermann Hesse
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
0
Autor
Jahr
2007
Seiten
75
Katalognummer
V186414
ISBN (eBook)
9783869437194
ISBN (Buch)
9783869431710
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, erkrankung, hermann, hesse
Arbeit zitieren
André Weikard (Autor:in), 2007, Die literarische Darstellung psychischer Erkrankung bei Hermann Hesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186414

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