Die psychosoziale Versorgung türkeistämmiger Migranten in Deutschland


Diplomarbeit, 2007
82 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen

Tabellen

1 Einleitung

2 Überblick über die psychosoziale Versorgung und die Versorgungsforschung des deutschen Gesundheitssystems
2.1 Psychosoziale Versorgung
2.2 Versorgungsforschung

3 Türkeistämmige Migranten
3.1 Daten und Fakten zu Migranten in Deutschland
3.1.1 Statistische Angaben zu türkeistämmigen Migranten
3.1.2 Geschichtlicher Hintergrund der Türken in Deutschland
3.2 Die psychosoziale Gesundheit türkischer Migranten
3.2.1 Wichtige Einflussgrößen auf die psychosoziale Gesundheit
3.2.2 Der psychosoziale Gesundheitszustand von türkischen Migranten
3.2.3 Forschungsstand zur psychosozialen Gesundheit von Migranten

4 Kulturelle Missverständnisse und Schwierigkeiten in der Versorgung
4.1 Kultur
4.2 Sprache
4.3 Die Beziehung und Kommunikation zwischen Fachpersonal und türkischen Migranten in der Versorgung
4.4 Medizinsystem
4.5 Krankheitsverständnis
4.6 Rollenverständnis und Wertorientierung
4.6.1 Die traditionelle türkische Familie
4.6.2 Die migrierte türkische Familie
4.7 Essen

5 Die psychosoziale Versorgungssituation der Migranten in Deutschland am Beispiel von türkischen Migranten
5.1 Chancen(un)gleichheit
5.1.1 Zugangsbarrieren
5.1.2 Dolmetscherproblematik
5.2 Bedarf, Inanspruchnahme und Nachfrage
5.3 Über-, Unter-, Fehlversorgung und Versorgungslücken
5.4 Ambulante psychosoziale Versorgung
5.4.1 Prävention
5.4.2 Psychosoziale Beratungsstellen
5.4.3 Psychologische Beratungs- und Psychotherapieangebote
5.4.4 Notfallambulanzen
5.5 Stationäre psychosoziale Versorgung
5.5.1 Psychiatrische Kliniken
5.5.2 Rechtliche Betreuung

6 Konzepte, Leitlinien und Praxismodelle für eine bessere Versorgung von Migranten
6.1 Lösungsansätze, Modelle und Konzepte
6.1.1 Interkulturelle Kompetenz als Grundlage für die psychosoziale Versorgung von Migranten
6.1.2 Entwürfe für eine migrantensensible interkulturelle Beratung und Therapie
6.1.2.1 Verbindung von traditioneller Behandlung mit der Regelversorgung
6.1.2.2 Klientenzentrierte Beratungsansatz
6.1.2.3 Ressourcenförderung
6.1.2.4 Netzwerkarbeit
6.1.3 Die 12 Sonnenberger Leitlinien - für kultursensible Versorgung in Psychiatrie und Psychotherapie
6.2 Beispielhafte Vorreiterinstitutionen und Projekte/Angebote
6.2.1 Das Ethno-Medizinischen Zentrums Hannover e.V. (EMZ)
6.2.1.1 MiMi-Projekt des EMZ
6.2.1.2 Institut für transkulturelle Betreuung (Betreuungsverein) e.V.(ITB)
6.2.1.3 Gemeindedolmetscherdienst des EMZ
6.2.2 Interkulturelles Kompetenztraining
6.2.3 Donna Mobile
6.2.4 Interkulturelles Gesundheitsnetzwerk in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg

7 Ausblick: aktuelle Fragen der Versorgungsforschung im Bereich der Migrantenversorgung

8 Literatur

Danksagung

Ich danke Frau Prof. Dr. Nicola Wolf-Kühn und Herrn Prof. Dr. Michael Kraus für die Betreuung und Begutachtung der Arbeit

Besonders bedanken möchte ich mich bei meiner Familie und meinen Freunden, die mich mental und teilweise auch finanziell das gesamte Studium hindurch begleitet und unterstützt haben

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellen

Tabelle 1: Türkische Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland

Tabelle 2: Gebräuchliche türkische Redewendungen zur Umschreibung der Befindlichkeit, ins Deutsche übersetzt, und ihre inhaltlichen Bedeutungen

1 Einleitung

Die psychosoziale Gesundheitsversorgung in Deutschland ist reformierungsbedürftig. Schon deutschen Patienten bietet sie Zugangsbarrieren und Probleme. Umso schwieriger ist es für Migrantinnen und Migranten1 in Deutschland eine gleichberechtigte psychosoziale Versorgung zu erhalten. Daher soll die Arbeit die Aufmerksamkeit auf die psychosoziale Versorgung von Migranten in unserem Gesundheitssystem lenken und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Da die Türkei neben Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien zu den früheren Anwerbestaaten für Gastarbeiter gehört, stammt aus ihr eine der größten Zuwanderungsgruppen.(Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2005) Daher wird sich diese Arbeit speziell der psychosozialen Versorgung der Gruppe der türkeistämmigen2 Migranten in den Institutionen der Regelversorgung widmen, sofern die Literatur diese spezifischen Angaben zulässt. Die Arbeit bezieht sich auf Erwachsene dieser Gruppe und schließt spezielle Aspekte der psychosozialen Versorgung alter Migranten, Kinder und Jugendlicher sowie illegal in Deutschland lebender Migranten und traumatisierter Migranten nicht mit ein. Der Schwerpunkt liegt also auf türkischstämmigen Migranten, die hauptsächlich in den 70-er Jahren als Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen sind und hier mehr oder weniger, mit ihren nachgeholten Familien, heimisch geworden sind, und deren teilweise in Deutschland geborenen Nachkommen. Außerdem bezieht sich die Arbeit auf aus der Türkei stammende Asylbebwerber und Flüchtlinge.

Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel ein Überblick über die psychosoziale Versorgung sowie die Versorgungsforschung des deutschen Gesundheitssystems gegeben, um ein grundlegendes Verständnis zu diesen Begrifflichkeiten zu schaffen.

Des Weiteren werden im dritten Kapitel türkischstämmige Migranten, ihr geschichtlicher Hintergrund und statistische Angaben zu dieser Bevölkerungsgruppe dargelegt. Um eine Grundlage für die psychosoziale Gesundheitsversorgung von Migranten zu schaffen, werden die bestehenden Daten dargestellt, die Aufschluss über den psychosozialen Gesundheitszustand geben sollen sowie, damit verbunden, die Hindernisse ihrer Ermittlung erläutert.

Das darauf folgende vierte Kapitel setzt sich mit den kulturellen Unterschieden im Allgemeinen, sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten sowie Problemen und Missverständnissen in der Kommunikation zwischen Fachpersonal und Migranten in der psychosozialen Versorgung auseinander. Dafür geht das Kapitel auf das Medizinsystem, besonders im traditionellen Sinne, ein und behandelt das traditionell geprägte Krankheitsverständnis türkischer Migranten. Rollenverständnis und Wertorientierung der traditionellen türkischen Familie und der nach Deutschland migrierten Familie werden festgehalten.

Daran schließt sich im fünften Kapitel die Darstellung der psychosozialen Gesundheitsversorgung an, in dem Bedarf, Inanspruchnahme und Nachfrage erläutert werden. Außerdem wird die aktuelle Versorgungslage abgebildet, was die Darstellung der bestehenden Über-, Unter-, und Fehlversorgung sowie Versorgungslücken einschließt.

Darauf folgend werden im sechsten Kapitel bereits bestehende Grundlagen, Konzepte und Leitlinien für die psychosoziale Versorgung von Migranten dargestellt und beispielhafte Projekte und Vorreiterinstitutionen beschrieben. Das siebente Kapitel schließt die Arbeit mit einem Ausblick auf aktuell zu bearbeitende noch offene Bereiche und Fragen der Versorgungsforschung im Bereich der Migrantenversorgung ab.

2 Überblick über die psychosoziale Versorgung und die Versorgungsforschung des deutschen Gesundheitssystems

Im Folgenden wird eine kurze Einführung in die psychosoziale Versorgung mit ihren Angeboten und Inhalten sowie in die Versorgungsforschung gegeben.

2.1 Psychosoziale Versorgung

„Es handelt sich [bei psychosozialer Versorgung] um professionelle und formell organisierte Tätigkeit in Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie, die sich an Menschen in Lebens- und Beziehungskrisen und Personen mit psychischen Befindlichkeitsstörungen richten.“ (Sickendiek und Nestmann, 2001, S. 661) Die psychosoziale Versorgungslandschaft Deutschlands berücksichtigt die Interventionsbereiche der Gesundheitsförderung, der Prävention, der Kuration und Behandlung sowie der Rehabilitation und Pflege psychischer und physischer Erkrankungen und Belastungen, die sich in den stationären, teilstationären und ambulanten Versorgungssektoren sowie dem öffentlichen Gesundheitsdienst ansiedeln. (Lanfranchi, von Wogau und Eimmermacher, 2004, Hurrelmann und Laaser, 2006) Speziell „das“ psychosoziale Versorgungssystem, das systematisch angeordnete und aufeinander abgestimmte Einrichtungen und Leistungen bietet, die in Deutschland überall gleichmäßig verteilt sind, gibt es in dem Sinne nicht. (Angermeyer, Riedel-Heller und Roick, 2006)

Die Angebote der psychosozialen Versorgung werden in vielen verschiedenen Einrichtungen erbracht, die regional sehr unterschiedlich verteilt sind. (Angermeyer et al., 2006) Dazu gehören unter anderem Beratungsstellen und Sozialberatungsdienste von meist öffentlichen Trägern, Krankenhäuser und psychiatrische Fachkliniken, Gesundheitsämter, Sozialpsychiatrische Zentren und Dienste und Rehabilitationskliniken.(Pauls, 2004) Krankenhäuser und psychiatrische Kliniken werden häufig in gemeinnütziger Trägerschaft geführt, jedoch zunehmend privatisiert. (Angermeyer et al., 2006)

An der psychosozialen Versorgung beteiligen sich der Staat - mit Bund, Ländern, Landkreisen und Gemeinden -, die kassenärztlichen Vereinigungen, die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), die Unfall-, Pflege- und Rentenversicherung, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer und ihre Verbände, außerdem Interessenverbände und nicht zuletzt die Patienten, die zum Teil durch Patientenverbände und Selbsthilfeorganisationen vertreten sind. (Angermeyer et al., 2006) In der psychosozialen Versorgung gibt es verschiedene Behandlungsformen, dazu gehören unter anderem psychosoziale Diagnostik, psychosoziale Beratung, Psychotherapie, soziale Therapie, Netzwerkinterventionen und soziale Unterstützungsintervention, Krisenintervention sowie soziale Prävention und Rehabilitation. Sie sollen dem Hilfesuchenden die Möglichkeit, bieten bestehende Defizite auszugleichen, psycho-soziale Kompetenzen zu erlangen und zu festigen, soziale Netzwerke und Unterstützung auf- und auszubauen und seine eigenen und in seinem Umfeld bestehenden Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erkennen und zu nutzen. (Pauls, 2004)

2.2 Versorgungsforschung

Im deutschen Gesundheitswesen gibt es eine Reihe von Versorgungsproblemen, aber nur geringe Kapazität, sie umfassend zu lösen. Daten und Wissen über die Versorgungslage und die darin bestehenden Verknüpfungen sind nur unzureichend vorhanden. Die Versorgungsforschung, als fachübergreifendes Forschungsgebiet der Gesundheitssystemforschung, hat daher das Ziel, dieses fehlende Wissen hervorzubringen und der Öffentlichkeit anzubieten. (Pfaff, 2003) Die Versorgungsforschung beschäftigt sich daher mit Struktur, Funktionen, Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit des Gesundheitswesens und seiner Institutionen. (Hurrelmann, Laaser und Razum, 2006) Aufgrund der sich verändernden Bedürfnisse, die unter anderem durch demographischen Wandel an das Versorgungssystem gerichtet werden, ist es notwendig, dass die Versorgungsforschung dem Leitbild einer „lernenden Versorgung“ folgt, (Pfaff, 2003) mit dem Ziel, keine steifen Versorgungsstrukturen zu erhalten, sondern „(…)die Gesundheits- und Krankenversorgung in ein lernendes System zu verwandeln, das durch geeignete Lernstrukturen und -prozesse in der Lage ist, die drei Endziele Patientenorientierung, Qualität und Wirtschaftlichkeit gemeinsam und kontinuierlich zu verbessern.“ (Pfaff, 2003, S. 19) Die tatsächliche Kranken- und Gesundheitsversorgung in den bestehenden Institutionen steht im Mittelpunkt der Versorgungsforschung. Innerhalb dieser Einrichtungen werden gemeinsam mit den Patienten die entscheidenden Versorgungsleistungen ausgeführt. In der Krankenversorgung enthalten sind die medizinische und die psychosoziale Versorgung. (Pfaff, 2003)

Hauptsächliche Aufgabenbereiche der Versorgungsforschung sind zum einen die Darstellung und Untersuchung der Versorgungssituation von gesunden und erkrankten Bevölkerungsgruppen. Daran knüpft die wissenschaftliche Entwicklung, Betreuung und Verwirklichung neuer Versorgungsprogramme an. Außerdem hat die Versorgungsforschung die Aufgabe, die Wirksamkeit bestehender Versorgungsprozesse und -strukturen in der Alltagssituation zu evaluieren. Des Weiteren setzt sie sich mit der Effektivität diagnostischer und therapeutischer Verfahren in der Gesundheitsversorgung auseinander, und es ist für die Verwirklichung neuer Programme von Bedeutung, die vorhandenen Strukturen zu beschreiben. (Pfaff, 2003) Hauptbetätigungsfelder der Versorgungsforschung sind also Leistungsmessung, Leistungsbewertung, Qualitätssicherung, Qualitätsmanagement, Implementierung und Umsetzung von Leitlinien, Kosten- Nutzen-Analysen einzelner Versorgungsschritte, Organisation der stationären, ambulanten und integrierten Versorgung sowie Verbesserung der Patienteninformation und Patientenkompetenz. (Hurrelmann et al., 2006) Zum anderen ist es Aufgabe der Versorgungsforschung, die einzelnen Wissenschaften und ihre Bereiche zusammenzuführen und eine intentionale Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis einzuarbeiten, denn Versorgungsforschung mit ihren komplexen Fragestellungen zur Versorgungsstruktur ist wissenschaftsübergreifend und benötigt zum Beispiel Wissen aus Psychologie, Soziologie und Forschungsmethodik (Pfaff, 2003)

3 Türkeistämmige Migranten

Dieses Kapitel soll die Gruppe der türkeistämmigen Migranten aus der sehr heterogenen Migrantengruppe herausdifferenzieren. Es wird der geschichtliche Hintergrund türkischer Migranten dargelegt und ein kurzer Überblick zu statistischen Daten gegeben.

Den zweiten Schwerpunkt des Kapitels bildet die Darstellung der psychosozialen Gesundheit der türkischen Migranten in Deutschland unter Betrachtung von Einflussgrößen, die sich auf den Gesundheitszustand auswirken können. Das Kapitel schließt mit dem Stand der Forschung zur psychosozialen Gesundheit von Migranten.

3.1 Daten und Fakten zu Migranten in Deutschland

Im Migrationsbericht von 2005 des BAMF (BAMF, 2005) werden Migranten wie folgt definiert: „Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt. Von internationaler Migration spricht man dann, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.“(S.10) Nicht alle Migranten sind Ausländer, denn einige von ihnen haben die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten oder einen deutschen Pass neben ihrem beispielsweise türkischen Pass und werden dadurch nach deutschem Gesetz Deutsche. Dadurch werden sie in der Statistik nicht mehr als Ausländer geführt. In dieser Arbeit wird nur auf die internationale Migration eingegangen.

Die heterogene Gruppe der Migranten setzt sich aus den folgenden Zuwanderungsgruppen zusammen, die freiwillig und auch unfreiwillig eingewandert sind. Dazu gehören: Ehegatten- und Familiennachzug von Drittstaatsangehörigen, Spätaussiedler, jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, Asylzuwanderer, Kriegs-, Bürgerkriegs- und De-facto-Flüchtlinge, Werkvertrags-, Saison-, Gast- und Grenzarbeitnehmer sowie sonstige zeitlich begrenzte Arbeitsmigranten aus den Neuen EU-Staaten und aus nicht EU-Staaten, außerdem IT- Fachkräfte und ausländische Studierende. (BAMF, 2005)

Diese Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf Ehegatten- und Familiennachzug aus der Türkei, Werkvertrags-, Saison-, Gast- und Grenzarbeitnehmer sowie sonstige zeitlich begrenzte Arbeitsmigranten, sowie Asylzuwanderer und De-facto-Flüchtlinge, da sich die Gruppe der türkischstämmigen Migranten hauptsächlich aus diesen Zuwanderungsgruppen zusammensetzt.(BAMF, 2005) Außerdem bezieht sie sich auf die so genannte 2. Generation der Migranten die in Deutschland geboren ist und durch ihre indirekte Migration als Menschen mit Migrationshintergrund bezeichnet wird.

3.1.1 Statistische Angaben zu türkeistämmigen Migranten

Hinter den USA und der Russischen Föderation steht Deutschland derzeit an dritter Stelle der Länder mit dem höchsten Anteil von Migranten an ihrer Bevölkerung. (Borde, 2007)

Dem Statistischen Bundesamt (2007) zufolge lebten im Jahr 2005 in Deutschland 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Nur 7,3 Millionen davon (8,9% der Bevölkerung), und damit weniger als die Hälfte, sind Ausländer. Der mit 8,0 Millionen Menschen (9,7% der Bevölkerung) etwas größere Teil sind Deutsche Rückwanderer. 10,4 Millionen Menschen, die so genannte „Bevölkerung mit eigener Migrationserfahrung“, sind seit 1950 zugewandert, das sind gut zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund. Unter ihnen sind die Ausländerinnen und Ausländer mit 5,6 Millionen gegenüber den Deutschen deutlich in der Mehrheit (54%). (Statistisches Bundesamt, 2007) Zu den Top Five der Herkunftsländer, aus denen sich Ausländer in Deutschland aufhalten, gehören die Türkei, Italien, Polen, Griechenland und das ehemalige Serbien und Montenegro (Stand: 2005). (BAMF, 2007) 14, 2% aller Zuwanderer kommen aus der Türkei. (Statistisches Bundesamt, 2007) Momentan leben in Deutschland ca. 2,5 Millionen Türken, wobei davon ca.1, 8 Millionen die türkische Staatsangehörigkeit haben. (Boztepe, 2006) Mit 35% (44 465 Personen) erlangten im Jahr 2004 am häufigsten türkische Staatsbürger die deutsche Staatsangehörigkeit. Als Asylsuchende kamen 2004 mit 4.148 Personen 11,6% aller Erstantragsteller aus der Türkei. Im Jahr 2005 waren es mit 2.985 Personen 10,2 % (BAMF, 2005), und im Jahr 2006 stellten 1.949 Asylbewerber türkischer Abstammung ihren Erstantrag. (BAMF, 2006) Davon stellt die Volksgruppe der Kurden die größte Antragstellergruppe aus der Türkei mit ca. 80% dar. (BAMF, 2005)

3.1.2 Geschichtlicher Hintergrund der Türken in Deutschland

Um in der psychosozialen Versorgung die einzelnen Generationen von Migranten mit ihren psychosozialen Problemen und gegebenenfalls psychischen Störungen und Krankheiten verstehen zu können, bedarf es eines historischen Hintergrundwissens seitens des professionellen Helfers3. (Gün, 2007) „Ohne Kenntnis dieser Hintergründe kann der Patient in seinem historischen Gewachsensein und seiner persönlichen Biographie nicht als Subjekt erfasst werden, sondern nur in einer isolierten Symptomatik.“ (Gün, 2007, S. 232)

Die Folgenden Ausführungen sind nicht auf Vollständigkeit bedacht. Sie sollen einen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe der Ansiedelung türkischer Migranten in Deutschland und ihre kulturellen Besonderheiten geben. Die Anwerbung von Arbeitsmigranten4, die nicht, wie man häufig meint, ausschließlich Männer betraf, lässt sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase war Phase der Anwerbeverträge und der ersten Gastarbeiter, die zweite Phase die des Familiennachzugs und die dritte Phase die der Flüchtlinge und der völligen Niederlassung. (David und Borde, 2001)

Mit der Hauptwelle der Einwanderungsbewegung türkischer Migranten begann zwischen den späten 50-er Jahren und 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts die erste Phase. Ausgangssituation dafür war der Mangel an Arbeitskräften zum Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands in der Industrie und Landwirtschaft als Folge des 2. Weltkrieges. Aus diesem Grund schloss Deutschland ab Dezember 1955 zunächst mit Italien, Spanien und Griechenland und am 30. Oktober 1961 auch mit der Türkei Anwerbeverträge. Es folgten weitere Verträge mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien bis zum Oktober 1968. Gemäß dem Titel meiner Arbeit werde ich mich im weiteren Verlauf dieses Kapitels nur auf türkeistämmige Arbeitsmigranten beziehen. Die größte Zahl der Gastarbeiter kam in den 60-er und 70-er Jahren aus der Türkei. (Gün, 2007) Zunächst war ihr Frauenanteil gering, stieg aber immer weiter an, so dass er 1972 23 % betrug. (Boos-Nünning, 1998) Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden durch eine Deutsche Verbindungsstelle der Bundesagentur für Arbeit noch in ihrem Heimatland einer eingehenden fachlichen und gesundheitlichen Eignungsprüfung unterzogen. Des Weiteren wurde von hier aus auch ihre Reise von Istanbul nach München organisiert. (Gün, 2007)

Diese erste Generation von Migranten kam aus einer sozialen Notlage heraus nach Deutschland, um zu Arbeiten und mit dem ersparten Geld nach wenigen Jahren zu ihren Familien in die Türkei zurückzukehren und dort ein wirtschaftlich besseres Leben zu führen als zuvor. Beide Seiten, sowohl Anwerber als auch Angeworbene, waren daher nicht auf eine langfristige Migration eingestellt. Anfangs gab es ein Rotationsprinzip, was bedeutet, dass Gastarbeiter drei bis vier Jahre in Deutschland arbeiteten und dann in die Türkei zurückgingen. Deutschland hatte bei bestehender Notwendigkeit dann die Möglichkeit, wieder neue türkische Arbeiter zu rekrutieren. (Gün, 2007)

Nach dem durch die Ölkrise hervorgerufenen Anwerberstopp 1973 setzte der erhoffte Abwanderungsstrom der Migranten nicht ein. Im Gegenteil stieg die Zahl der Bevölkerung deutlich an. Lebten 1970 noch 469.000 Türken in Deutschland, so waren es 1975 schon 1.077.100. (David und Borde, 2001) Somit begann nun die zweite Phase, der Familiennachzug der bisherigen Gastarbeiter, die immer weniger an einer Remigration in ihre alte Heimat interessiert waren und dadurch zu so genannten De-facto-Einwanderern5 wurden. (Ulrich, 1998) Hatte es in der ersten Fassung des Anwerbevertrags von 1961 noch eine Aufenthaltsbeschränkung der Gastarbeiter für zwei Jahre gegeben, so entfiel diese schon in der Neufassung der deutsch-türkischen Vereinbarung vom 30.09.1964 ersatzlos. (David und Borde, 2001) Die Zuwanderung, hauptsächlich durch Familienzuzug, war zwischen 1978 und 1980 höher als die Rückwanderung, was die steigenden Bevölkerungszahlen der tükischen Migranten in Deutschland zeigen (s. Tabelle 1)

Tabelle 1: Türkische Wohnbevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten6

( nach David & Borde, 2001, S.40 , Boztepe, 2006)

Die dritte Phase der Migration türkischer Arbeitsmigranten in Deutschland zeichnet sich durch endgültige Niederlassung aus. Die meisten der bis Ende der 1980-er Jahre nach Deutschland gekommenen Gastarbeiter und ihre Familien bleiben dauerhaft und remigrieren, oft nicht aus eigenem Antrieb, aber zum Wohle ihrer Kinder und Enkel (zweite und dritte Generation der Migranten), nicht in die Türkei. Die durch Änderungen im Zuwanderungsgesetz erschwerte Einwanderung nach Deutschland führte dazu, dass kaum neue Arbeiter nach Deutschland gelangen können und die Zahl der Zuwanderer sinkt. Weitere Zuzüge der türkischen Migrantengruppe beschränken sich hauptsächlich auf Nachzüge von Familienmitgliedern sowie zukünftigen oder neuen Ehemännern/-frauen aus der Türkei, soweit dies möglich ist.

Außerdem sind es nun Flüchtlinge und keine Gastarbeiter mehr, die aus der Türkei nach Deutschland gelangen wollen. Es sind meist Kurden, die seit ende der 1980-er Jahre nach Deutschland kommen. (David und Borde, 2001, Gün, 2007)

3.2 Die psychosoziale Gesundheit türkischer Migranten

In diesem Teil der Arbeit wird der psychosoziale Gesundheitszustand türkischer Migranten dargestellt, um den Behandlungsbedarf dieser Bevölkerungsgruppe zu verdeutlichen.

Der Begriff „psychosozial“ verdeutlicht nach Weiss (2003), dass Medizin und Sozialwissenschaften auf unterschiedlichen Grundlagen, Verfahrensweisen und damit verbundenen Denk- und Vorgehensweisen beruhen. In diesem Grenzbereich bewegt sich die Thematik der psychosozialen Gesundheit von Migranten. Der Begriff umschreibt eine Grauzone zwischen den Fachrichtungen Psychiatrie, Psychologie und Soziologie.

In dieser Arbeit wird „psychosoziale Gesundheit“ so genutzt, dass damit auf die Verbindung von psychischer Befindlichkeit der Migranten und ihre soziale Lage hingewiesen wird. Dabei sollen physische Aspekte der Gesundheit von Einwanderern in dem Sinne nicht außer Acht gelassen werden, als dass sich psychisches Befinden auf den Körper auswirkt.

3.2.1 Wichtige Einflussgrößen auf die psychosoziale Gesundheit

Bei Migranten kann man im Vergleich zur Bevölkerung deutschen Ursprungs davon ausgehen, dass sie im Durchschnitt ein erhöhtes Armuts- und Gesundheitsrisiko haben und stärker unsicheren Aufenthalts- und Lebensperspektiven ausgesetzt sind als diese. Dadurch haben sie auch einen erhöhten Beratungs- und Unterstützungsbedarf. (Weiser, 2007)

Der gesundheitliche Zustand von Migranten wird von ihrer sozialen Lage stark beeinflusst. (Geiger und Razum, 2006)

Damit in Zusammenhang steht die Migration als besonderer Einflussfaktor.

Der Prozess der Migration beinhaltet nicht nur die Verarbeitung vieler neuer Erfahrungen und Umstände, sondern auch den Umgang mit Verlusten und zieht normalerweise langwierige Adaptionsprozesse nach sich. Dieser Akkulturationsvorgang kann sehr stressbelastet sein und sowohl zu körperlicher als auch psychischer Anspannung führen. Der individuelle Verarbeitungsprozess wird in erheblichem Ausmaß mitbestimmt durch den psychosozialen Kontext und das soziale Klima, in dem die Migranten leben. Migrations und Akkulturationsprozesse sind jedoch nicht per se Ursache für psychische Erkrankungen, beeinflussen aber die gesundheitlichen Belastungen, da sie besondere Stressoren darstellen. (Kizilhan, 2007, S. 54/55)

Der Migrationsprozess vereint Chancen und Risiken in sich, die die sozialen, ökonomischen und auch gesundheitlichen Lebensaspekte von Migranten beeinflussen. Durch die Migration hervorgerufene psychosoziale Belastungen können den Gesundheitszustand beeinträchtigen. Dazu gehören zum Beispiel: (Geiger und Razum, 2006, Gün 2007, Ozankan und Atik, 2007)

- die Trennung von der in der Heimat zurückgebliebenen Familie und der Erwartungsdruck durch sie
- Enttäuschung der eigenen Vorstellungen über das Einwanderungsland
- aufgrund von Rollenveränderungen entstandene Konflikte in Familien, die zusammen im Zuwanderungsland leben, und Norm- und Wertunterschiede zwischen den Generationen und auch zum Einwanderungsland
- Entwurzelungserleben
- Verlust sozialer Kontakte und Halt gebender kommunikativer Beziehungen
- Ungewissheit und dadurch Unsicherheit und Orientierungslosigkeit im Hinblick auf Zukunftsperspektiven
- ein unsicherer Aufenthaltsstatus besonders von Flüchtlingen und eingeschränktes politisches Mitbestimmungsrecht
- arbeitsrechtliche Belastungen und unzureichendes Wissen über die gesetzmäßigen Hintergründe
- Vereinsamung, Isolation, Rollenverlust und -diffusion und das Gefühl, nicht zur Gesellschaft des Einwanderungslandes dazuzugehören Zusätzliche Gesundheitsrisiken birgt, wie auch bei Deutschen, die häufige Zugehörigkeit der Migranten zu unteren sozialen Schichten. Zu diesen Risiken gehören unter anderem Arbeitslosigkeit oder hohe Arbeitsplatzgefährdung und schlechtere, sprich gesundheitsgefährdendere Arbeitsbedingungen wie Schichtarbeit und schlechte Wohnsituation sowie finanzielle Krisen durch unterdurchschnittliches Einkommen, was auch eine geringe Alterssicherung zur Folge hat. (Gün, 2007) Im Jahr 2003 betrug die Arbeitslosenquote bei Ausländern im Jahresdurchschnitt 20,1% und war damit fast doppelt so hoch wie die der Deutschen mit 11,6%. (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2004), was sich auch im Jahr 2005 mit einem Jahresdurchschnitt an Ausländern von 670.000 Arbeitslosen nicht verändert hat.7 (BAMF, 2007)

Es ist bekannt, dass ein niedriger sozioökonomischer Status bei der stammdeutschen Bevölkerung mit einer erhöhten Prävalenz kardiovaskulärer Risikofaktoren sowie erhöhter Mortalität und Morbidität verbunden ist. (Razum, 2006) In Deutschland liegen bisher keine epidemiologischen Zahlen zur psychischen Morbidität von Migranten vor. (Machleidt, 2006)

Jedoch ist in Verbindung mit der Zugehörigkeit zu unteren sozialen Schichten nicht zwingend eine schlechte gesundheitliche Verfassung zu assoziieren. Migranten weisen im Durchschnitt eine niedrigere Sterblichkeit auf. Dieser Effekt wird in Fachkreisen Healthy-migrant-effect genannt, was frei übersetzt das „Phänomen der gesunden Migranten“ bedeutet. (Razum, 2006)

Der von Razum (2006) als „gängig“ bezeichnete Erklärungsansatz dafür beruht darauf, dass sich türkische Migranten der ersten Generation einer akribischen Gesundheitsuntersuchungen unterziehen mussten, bevor sie nach Deutschland kommen konnten, wodurch ein positiver Selektionseffekt entsteht (Razum, 2006, Weiss, 2003). Dadurch hatten die Zugewanderten eine niedrigere Sterblichkeit als die Bevölkerung des Ziellandes. Laut dem „gängigen“ Erklärungsmodell verlieren die Zugewanderten diesen Vorteil aber recht schnell. Als Folge von sozioökonomischer Benachteiligung, Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem und gesundheitlicher Belastung im Zuwanderungsland steigt die Sterblichkeit der Migranten schnell an.

Eine andere, dem gegensätzliche Theorie, die heute jedoch als veraltet gilt und kaum mehr vertreten wird, dreht sich um negative psychosoziale Selektion. Sie geht davon aus, dass besonders die Menschen auswandern, die eine Neigung zu psychischen Störungen haben und sich deshalb in ihrem Heimatland nicht zurechtfinden würden. Was besagt, dass diese Menschen bereits eine Anfälligkeit für psychische Störungen mitbringen und nicht erst durch die Umstände im Einwanderungsland erkranken. Diese These wurde laut Weiss (2003) nie mit Hilfe von empirischen Daten im Herkunftsland der Migranten überprüft. (Gün, 2007, Weiss, 2003)

Laut Razum (2006) gibt es empirische Befunde, die für das „gängige“ Erklärungsmodell sprechen. So unterscheiden sich zum Beispiel türkische Migranten vielfältig von ihren Landsleuten aus der Türkei, unter anderem in Persönlichkeitsmerkmalen wie Offenheit gegenüber Neuem und ihrer Risikobereitschaft. Daten zur Mortalität der türkeistämmigen Bevölkerung liegen in Deutschland nicht vor. Die Nutzung von Ressourcen, wie familiäre Bindungen, können einen positiven Effekt auf die Integration und somit auch auf das psychosoziale Befinden haben. Der in der Theorie postulierte schnelle Anstieg der Sterblichkeit stimmt aber mit empirischen Beobachtungen in dem Maße nicht überein. Zwischen 1980 und 1994 wiesen in Deutschland lebende türkische Staatsbürger im Alter von 25 bis 65 Jahren eine durchweg niedrigere Sterblichkeit auf als Deutsche.

Laut weiteren Ausführungen von Razum (2006) darf man aber durch die bisher niedrige Sterblichkeit nicht davon ausgehen, dass sie unter den Migranten nicht in den nächsten Jahren ansteigt. Die 1. Generation der Migranten hat das Rentenalter erreicht und jahrzehntelange Latenzzeit vieler chronischer, nichtübertragbarer Krankheiten läuft ab. Des Weiteren wächst bei den über 65 jährigen das Risiko, an Krebs zu erkranken oder einen Schlaganfall zu erleiden. Die 2. und 3. Migrantengenration ist in Deutschland aufgewachsen und teilweise auch hier geboren, was zur Folge hat, dass sie ihren Lebensstil überwiegend dem des Ziellandes angepasst hat. Dadurch gleicht sich ihr Risiko- und Mortalitätsprofil mehr dem deutschen als dem türkischen an. Außerdem werden auch die Resultate der sozioökonomischen Benachteiligung bei diesen Generationen sichtbar.

3.2.2 Der psychosoziale Gesundheitszustand von türkischen Migranten

Mehrere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Migranten, die in Deutschland leben, öfter an psychischen und psychosomatischen Störungen erkranken als an Infektionskrankheiten oder somatischen Erkrankungen. Obgleich es nur unzureichendes Datenmaterial zur psychosozialen Gesundheit von Migranten und einzelnen Migrantengruppen wie den türkischen Zuwanderern gibt, sind eindeutige Anzeichen zu spezifischen Gesundheitsproblemen und Besonderheiten der Krankheitsverläufe vorhanden. Trotz methodischer Schwierigkeiten können einige Kernpunkte ausgeführt werden. Migranten sind deutlich höheren Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiken ausgesetzt als deutsche Vergleichsgruppen, wozu ihre psychosoziale Situation und Probleme in der Gesundheitsversorgung in großem Maße beitragen. (Collatz und Fischer, 1998)

Die Auswertung verschiedener Studien und statistischer Daten ergeben einen Erkrankungsschwerpunkt bei Migranten an folgenden Erkrankungen:(zitiert nach Gün, 2007, S. 253, 254)

- Höherer Rate von Suiziden und Suizidversuchen jüngerer Frauen
- häufigere Infektionskrankheiten der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts und der Harnwege
- hohe Rate an Tuberkuloseerkrankungen
- häufigere Infektionskrankheiten bei Migranten-Kindern
- schlechterer Impfstatus bei Migranten-Kindern
- früher und häufiger auftretende chronische Erkrankungen
- erhöhte Unfallrate (Betriebsunfälle bei Erwachsenen und Verkehrsunfälle von Kindern)

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte psychische Störungen und Probleme vermehrter bei Migranten auftreten als andere. Dazu gehören zum Beispiel Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenie, Ängste und Zwänge sowie somatoforme Störungen. Es bestehen allerdings auch große Unterschiede zwischen Ethnien und Geschlecht der Migranten. (Gün, 2007, Keller, 2004) Andererseits machen Haasen, Yagdiran, Lambert und Maß (2000) darauf aufmerksam, dass es einen hohen Anteil an Fehldiagnosen bei psychisch kranken türkischen Migranten gibt.

Somatisierungstendenzen können von Ärzten häufig nicht auf psychische Erkrankungen zurückgeführt werden. Durch Verständigungsschwierigkeiten kommt es auch häufig zu Fehldiagnosen, was die eigentliche Krankheit chronifiziert. (Keller, 2004)

Besonderheit der gesundheitlichen Situation türkischer Frauen

Zu den am eindringlichsten erörterten und häufiger auftretenden gesundheitlichen Problemen bei Migrantinnen gehören Probleme während Schwangerschaft und Geburt, psychosomatische Erkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen und einige psychiatrische Erkrankungen.

Zu den häufigsten Schwangerschafts- und Geburtsproblemen von Migrantinnen gehören Frühgeburten, Probleme im Geburtsverlauf und eine höhere Missbildungsrate als bei Kindern von deutschen Frauen. Diese Probleme sind auf den niedrigen sozialen Status vieler Migrantinnen, der eine höhere allgemeine Belastung mit sich bringt, und auf ungenügende Sprachkenntnisse und damit verbunden mit einer niedrigen Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen in Zusammenhang zu bringen. (Hewartz-Emden & Riecken, 2001)

In einer Befragung zu neurotischen und psychosomatischen Symptomen, die 2002 in der Frauenklinik der Berliner Charité/ Campus Virchow-Klinikum mit 320 deutschen und 262 türkischstämmigen Patientinnen durchgeführt wurde klagten türkische Frauen über eine höhere psychische Symptombelastung, wie zum Beispiel diffuse Schmerzen, Kopf- und Verspannungsschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden,Schlaflosigkeit, Ängste, Depressionen, Nervosität und andere als die deutschen Patientinnen. (Kentenich, David, Borde, Hemmerling und Gerstner, 2003) Unter Traumatisierungen wie zum Beispiel der posttraumatischen Belastungsstörung leiden besonders Flüchtlinge und Asylbewerber. Da die Behandlung dieser psychischen Störung bei Migrantinnen aufgrund ihres Schweregrades nicht in die Regelversorgung integriert ist, sondern in speziellen interkulturell fachkundigen Zentren mit notwendigen Kenntnissen für Diagnostik und Therapie wie dem Zentrum für Folteropfer in Berlin durchgeführt wird, findet in der vorliegenden Arbeit keine weitere Auseinandersetzung mit dieser Thematik statt. Psychogene Anfälle treten bei jungen türkischen Migrantinnen häufiger als bei der deutschen Bevölkerung auf, damit verbunden ist eine hohe Suizidrate. Nach Kardels, González und Beine (2001) macht Petersen (1995) innerfamiliäre Schwierigkeiten für psychogene Anfälle bei türkeistämmigen Migranten verantwortlich. Ursachen dafür sind kulturelle Probleme und Unterschiede von Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund, die in Kapitel 4 dieser Arbeit ausgeführt werden.

[...]


1 Zur besseren Lesbarkeit wird im Folgenden die männliche Form verwendet, wenn beide Geschlechter gemeint sind. Bei ausdrücklicher Differenzierung zwischen männlicher und weiblicher Form wird dies im Text kenntlich gemacht. Dieses Vorgehen hat keinerlei diskriminierenden Hintergrund.

2 Mit „türkeistämmig“ werden nach Gün (2007) in dieser Arbeit alle aus der Türkei migrierten ethnischen und religiösen Gruppen (z.B. Kurden, Yeziden, Aleviten, Sunniten u. a.) und ihre Nachfahren mit Migrationshintergrund zusammengefasst. Die Bezeichnungen „türkeistämmig“, „türkischstämmig und „türkisch“ werden im Text gleichrangig verwendet.

3 mit professionellen Helfern werden im folgenden Text alle Fachkräfte gemeint die an der psychosozialen Versorgung von Migranten beteiligt sind

4 Arbeitsmigranten werden landläufig auch unter dem Begriff „Gastarbeiter“ geführt. Beide Begriffe finden in der Arbeit gleichwertige Verwendung.

5 Mit De - Facto Einwanderern sind Menschen gemeint, „ (…) die nach einem langjährigen Aufenthalt im Zuge einer Bleiberechtsregelung ein Aufenthaltsrecht in Deutschland erhalten haben.“ (Bamf, 2005, S.62)

6 Schätzwert von Boztepe (2006)

7 Neuere Zahlen liegen bisher nicht vor.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Die psychosoziale Versorgung türkeistämmiger Migranten in Deutschland
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
82
Katalognummer
V186459
ISBN (eBook)
9783656997542
ISBN (Buch)
9783869432069
Dateigröße
941 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
versorgung, migranten, deutschland
Arbeit zitieren
Anne Liebenau (Autor), 2007, Die psychosoziale Versorgung türkeistämmiger Migranten in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186459

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