Vertonungen des Goethe-Gedichts: Erster Verlust


Seminararbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Hintergrund

2. Das Gedicht Erster Verlust, von Goethe
2.1 Analyse des Gedichts nach Strophen
2.1.1 Formale Bedeutung des Gedichts nach Strophen
2.1.2 Inhaltliche Bedeutung des Gedichts
2.2 Vertonungen des Gedichts
2.2.1 Reichardt
2.2.2 Zelter
2.2.3 Schubert
2.2.4 Mendelssohn

3. Biographien
3.1 Reichardt
3.2 Zelter
3.3 Schubert
3.4 Mendelssohn

4. Goethes Vorstellung von Vertonungen seiner Gedichte- Goethe und seine Haltung zu Schubert

5. Anhang
5.1. Tabellen
5.2. Notenbeispiele- Anfänge der Vertonungen

6. Literatur

1. Einleitung und Hintergrund

Wenn man erstmals die Vertonung eines Gedichts hört, kann es sein, dass sich die Wahrnehmung vom ursprünglichen Gedicht (ohne Musik) verändert hat. Ein bekanntes Gedicht mag einem durch die Vertonung dieses Gedichts fremdartig erscheinen (Tschense, S. 9). Zu jedem Gedicht kann man mehrere Vertonungen, d.h. andere musikalische Kompositionen dazu schreiben. Jede Komposition desselben Gedichts kann die Wahrnehmung des Gedichts verändern. Der Grund dafür liegt in der Art der Vertonung. Darunter ist die Instrumentierung, die Melodie und Begleitung, die Harmonie, die gewählte Rhythmik, das Tempo, etc. gemeint. Die Komposition eines Stücks zu einem Gedicht ist auch eine Interpretation des Gedichts. Dasselbe Gedicht kann von einem Interpreten oder Komponisten z.B. als ernst, traurig oder als Ironie betrachtet werden. An dem Text des Gedichts selber wird nichts geändert, sondern das Umfeld, in das es sich befindet, wird durch die Musik für das Verständnis des Textes manipuliert und verändert. Es gibt so viele Möglichkeiten Musik zu einem Gedicht zu schreiben, dass es keine zwei identischen Vertonungen von verschiedenen Komponisten gibt.

Im 19. Jahrhundert gab es kaum einen Komponisten, der sich nicht an der Vertonung eines Goethe Gedichts versucht hätte (Tschense, S. 11). Franz Schubert (1797- 1828) war einer der wichtigsten Komponisten, der Lieder nach Goethe-Gedichten vertont hat. Schubert bewunderte Goethe, welcher jedoch wenig Interesse für Schubert zeigte (Tschense, S. 11). Goethe hatte eine bestimmte Liedästhetik bzw. eine bestimmte Liedvorstellung wie die Vertonungen seiner Gedichte klingen sollte (Tschense, S. 12). Viele Komponisten wussten nicht wie Goethes Liedästhetik aussah. Johann Friedrich Zelter und Carl Friedrich Reichardt jedoch waren zwei Komponisten, die in der Literatur als sehr „Goethe-nah“ verstanden werden (Tschense, S. 12, 35, 36). Goethe gefiel Fanny Hensels Auffassung und Vertonung seiner Gedichte. Er bat sie sogar diverse Gedichte von ihm zu vertonen (MGG, Bnd 11, S. 1535). Diese werden in dieser Arbeit jedoch nicht aufgeführt. In dieser Arbeit werden Vertonungen von Zelter, Reichardt, Schubert und Mendelssohn behandelt.

2. Das Gedicht Erster Verlust, von Goethe

Das Gedicht „Erster Verlust“, von Goethe, handelt von dem Verlust der Liebe (s. Abb. 1). Der Titel deutet an, dass vermutlich noch weitere solche Verluste gefolgt haben, da es ja der erste Verlust gewesen ist. In der ersten Strophe sehnt sich der Erzähler nach den schönen Tagen der ersten Liebe. In der zweiten Strophe werden diese Gefühle dargestellt. Es geht um die Einsamkeit, die Traurigkeit und den Schmerz des Erzählers. Die dritte Strophe handelt wieder von der Sehnsucht der schönen Tage. Die Anzahl der Zeilen in jeder Strophe ist rückläufig. Soll Goethes Gedicht dem Leser durch seine Struktur verdeutlichen, dass die schöne Zeit des Glücks vorbei und damit unwiederbringlich ist? Oder soll dieses Gedicht dem Leser Hoffnung geben? Wie werden diese Fragen durch die musikalischen Vertonungen von Reichardt, Zelter, Schubert und Mendelssohn beantwortet? In wiefern spiegeln die musikalischen Interpretationen bzw. Kompositionen die Vorstellung von Goethes Verständnis seiner Gedichte? In dieser Arbeit werden diese Fragen durch Analyse des Gedichts und der Vertonungen erörtert.

2.1 Analyse des Gedichts nach Strophen

Das Gedicht „Erster Verlust“, von Goethe, weist eine rückläufige Zeilenanzahl in jeder Strophe auf. Die letzte Strophe stellt eine Art Zusammenfassung der ersten beiden Strophen dar, „da sie aus dem ersten und [aus] einer Abwandlung des vierten Verses der ersten Strophe besteht“ (Tschense, S. 393ff.).

2.1.1 Formale Bedeutung des Gedichts nach Strophen

In der ersten Strophe geht es um den Verlust der ersten Liebe. Man kann es auch so interpretieren, dass es um den Verlust der ersten Momente der Liebe geht. Der schmerzhafte Akzent zu Beginn deutet einen Verlust an, der nicht nur der Verlust vom Anfang sein muss. Man besingt besonderes die Momente der ersten Liebe, weil diese besondere Momente gewesen sind. Die Liebe ist jedoch nicht gänzlich verloren.

Die zweite Strophe handelt vom Verlust und vom verlorenen Glück. Das verlorene Glück repräsentiert zugleich die verlorene Liebe. Typische Zeichen für den Verlust der Liebe sind die Gefühle der Einsamkeit und der „Wunde“. Die Einsamkeit stellt eine Sehnsucht nach der verlorenen Liebe dar. Mit dieser Liebe wäre keine Einsamkeit vorhanden. Die Einsamkeit ist ständig vorhanden und erinnert daher permanent an den Verlust der Liebe. Die „Wunde“ stellt eine Verletzung dar, die bis in die Gegenwart bleibt. Auch wenn die Erinnerung an die verlorene Liebe nicht mehr vorhanden ist, bleibt die Wunde. Die Heilung solcher Wunden braucht lange. Die Wunde stellt die Spur einer Verletzung dar, die nicht verheilt ist. Weiterhin holt die Wunde Erinnerungen an früher hervor.

In der dritten und letzten Strophe geht es wieder um den ersten Augenblick, wie in der ersten Strophe, jedoch in zusammengesetzter Form. Die Zeilenanzahl beträgt in der ersten Strophe vier Zeilen, in der zweiten Strophe sind es drei und in der letzten Strophe sind es nur noch zwei Zeilen. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich geht der Gehalt der Zeilen zurück.

2.1.2 Inhaltliche Bedeutung des Gedichts

Es ist unklar ob es um den Verlust des Augenblicks oder um die erste Liebe geht. Durch den Titel kann man interpretieren, dass es um den Verlust der ersten Aufregung geht. Zum Schluss des Gedichts scheint der Verlust des Augenblicks oder der ersten Liebe verschwunden zu sein. Es ist möglich, dass der Verlust jetzt ein anderer ist. Der Verlust hat sich in einen Verlust der ganzen Liebe gewandelt. Es hat eine Verwandlung im Begriff und Verständnis des Verlusts stattgefunden. Goethe war dieses Bild von großer Bedeutung.

2.2 Vertonungen des Gedichts

Die Analyse des Gedichts verdeutlicht dem Leser, was Goethe vielleicht mit seinem Werk gemeint haben könnte. Jeder Vortragende dieses Gedichts mag eine andere Interpretation haben. Es gibt keine richtige oder falsche Interpretation. Auch der Komponist ist ein Interpret. Wie können Komponisten durch ihre Musik eine Interpretation ihres Verständnisses vom Gedicht „Erster Verlust “ darstellen? Im folgenden werden Vertonungen einiger Komponisten vorgestellt und analysiert. Durch die Analyse dieser Vertonungen wird eine Antwort auf diese Frage möglich sein.

2.2.1 Reichardt

Reichardt lebte von 1758-1814. Das genaue Datum der Vertonung von Goethes Gedicht „Erster Verlust“ ist nicht bekannt. Da Reichardt und Goethe 1782 aufeinander trafen, ist es möglich, dass seine Vertonung des Gedichts „Erster Verlust“ um diese Zeit ca. entstanden ist. Reichardt baut seine Vertonung ähnlich auf wie es bereits Goethe in seinem Gedicht getan hat. Reichardt beginnt mit einer klagenden Melodie in c-Moll. Die erste Strophe hat ihre eigene Melodie mit einem Höhepunkt im 5. Takt auf „Ach“. Das Wort „Ach“ soll ein Ausdruck der klagenden Stimme sein, die nach der Vergangenheit langt und somit den Sinn der ersten Strophe symbolisiert. Reichardt vertont die erste Strophe in nur einer Phrase, die auch die Hauptmelodie der gesamten Vertonung dargestellt. Die erste Phrase beginnt mit der Note „Es“ und endet auch mit ihr. Der musikalische und harmonische Kreis ist somit geschlossen. Reichardt kehrt sozusagen zurück zu der Ursprungsnote seiner Hauptmelodie. Auch Goethe beendet sein Gedicht mit den ersten Worten des Gedichts. Der Text Goethes sehnt sich nach der Vergangenheit zurück. Reichardt hat diese Idee musikalisch elegant übertragen. Reichardt wiederholt hier die letzte Zeile der ersten Strophe Goethes. Er verwendet die Wiederholung als Kadenz, die die erste Strophe auf pathetische Art beendet. Danach folgt die zweite Strophe Goethes. Das Thema schweift etwas ab. Es geht um den Selbstmitleid des Erzählers, um den Schmerz, die Trauer und das verlorene Glück. Reichardt setzt musikalisch in der Dominate der c-moll Tonart an, also in G- Dur. Wieder weist die Vertonung Reichardts nur eine Phrase pro Strophe auf. Ein besonderer Aspekt der Vertonung ist, dass der Rhythmus sich verändert hat. In der ersten Strophe waren die Betonungen auf der ersten und der dritten Zeit des Taktes. Jetzt ist die Betonung auf der 2. und 4. Zählzeit. Es sind Synkopen. Die obere Stimme fällt selten mit der unteren Stimmen zusammen. Durch diese musikalischen Merkmale und Techniken entsteht der Eindruck einer bewegten, inneren Unruhe in der Musik und im Text. Diese leichte musikalische Unruhe stört das Zuhören des Textes jedoch keineswegs. Die musikalische Vertonung Reichardts ist wie in Goethes Gedicht etwas kürzer in der Länge als die erste Strophe.

Schliesslich hört man die Vertonung der dritten Strophe in Reichardts Komposition. Die Melodie der ersten Strophe kehrt zurück. Inhaltlich fasst Goethe die erste Strophe in zwei Zeilen zusammen, indem er die gleichen Worte wieder verwendet. Auch Reichardt hält sich weitgehend an dieses Muster. Reichardt schreibt hier das Anfangsmotiv der Hauptmelodie und geht dann gleich in die Schlusskadenz über. Allerdings wiederholt er auch hier die letzte

Zeile Goethes. Somit wird Reichardts Komposition zu keiner exakten Übertragung des Textes in seiner Vertonung.

2.2.2 Zelter

Zelter lebte von 1758-1832. Es ist unklar wann die Vertonung von Goethes „Erster Verlust“ genau entstanden ist. Die Vertonung von Zelters Stücks „König von Thule“, auch ein Goethe­Gedicht, ist 1813 entstanden. Möglicherweise ist auch das Gedicht „Erster Verlust“ ca. um 1800 entstanden.

Das Stück spiegelt musikalisch den Sinn des Gedichts in einer Weise, die auch Goethe gefallen hat. Das Wort „Ach“ stellt einen Seufzer dar. Zelter wählt an dieser Stelle den Seufzer als Auftakt, um den Beginn des Stücks darzustellen. Da der Auftakt jedoch auf die dritte Zählzeit gesetzt worden ist, stellt der Seufzer keinen echten Auftakt dar. Normalerweise wird der Auftakt nicht auf eine markante Zählzeit gesetzt. Ein innerer musikalischer Konflikt wird bereits zu Anfang der Vertonung gesetzt.

Der erste Akkord ist eine Septime. Die Septime ist dissonant und erzeugt somit Spannung in der Harmonie. Diese Spannung mag ein Ausdruck des Schmerzes sein. Weiteres erkennt der Leser im ersten und zweiten Takt einen stimmungsmalerischen Aspekt in der Musik. Die acht absteigenden Achteln können eine rhetorisch- musikalische Figur eines Seufzers sein. Jede zweite Note wird wiederholt und klingt somit etwas schwerfällig und mühsam.

Die zweite Strophe entspricht in Zelters Vertonung den Takten 26-35. Inhaltlich geht es um die Verletzung der Wunde, dem erneuten Versuch das Glück wieder herbeizubringen. Der Versuch gelingt jedoch nicht. Wie Reichardt stellt Zelter musikalisch gesehen eine so genannte „home note“, eine Note um die sich andere Noten bewegen, dar. Die Strophe beginnt und endet auf dem „Cis“. In den neun Takten erscheint das „Cis“ 12 Mal. Da in diesen neun Takten insgesamt 25 Noten vorhanden sind, ist ca. jede zweite Note ein „Cis“. Somit stellt das „Cis“ die wichtigste Note in diesen neun Takten dar. Die Melodie versucht sich wiederholt von dieser Note zu entfernen. Es gelingt ihr jedoch nicht, da sie von den Harmonien in den Bässen immer wieder zu dem „Cis“ zurückgezogen wird. Die Erinnerung und der Wunsch einer Flucht oder einer Änderung sind vorhanden. Musikalisch gesehen ist dies jedoch nicht möglich, weil die Melodie von ihrer Harmonie abhängig ist.

Die dritte Strophe beginnt musikalisch wie der Beginn der ersten Strophe. Zelter variiert das Thema, indem er die Worte „holde Zeit“ melodisch streckt, zwei Triolen und eine Verzierung hinzufügt. Zwei Takte später endet er den Klavierpart mit einer ausgedehnten Kadenz in der Tonika.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vertonungen des Goethe-Gedichts: Erster Verlust
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V186525
ISBN (eBook)
9783869436487
ISBN (Buch)
9783656993971
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vertonungen, goethe-gedichts, erster, verlust
Arbeit zitieren
Stéphanie Lüders (Autor), 2008, Vertonungen des Goethe-Gedichts: Erster Verlust , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186525

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