Geschichte der Steuertheorie: Revolution und Besteuerung


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Revolution, Staatsstreich, Revolte, Sezessionskrieg
2.2. Besteuerung

3. Individualbetrachtung
3.1. Warum revoltiert der Steuerzahler
3.2. Wann revoltiert der Steuerzahler

4. Revolution
4.1. Ursachen und ihre steuerpolitische Relevanz
4.1.1. Sozioökonomische Voraussetzungen
4.1.2. Finanzkrise des Staates
4.1.3. Staatsineffizienz und Reformunfähigkeit
4.1.4. Abnehmende Repression
4.1.5. Neue Ideen
4.2. Folgen

5. Staatsstreich

6. Revolte

7. Sezessionskrieg

8. Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Revolutionen spielen eine wichtige Rolle in der Menschheitsgeschichte. Mehrere Disziplinen setzen sich mit dem Phänomen auseinander: Politologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften sind nur drei davon. Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Revolution und Besteuerung. Dass ökonomische Faktoren bei Revolutionen eine große Rolle spielen, ist eine spätestens seit Marx allgemein akzeptierte Ansicht. Welche Rolle dabei der Besteuerungsaspekt spielt, ist jedoch oftmals unklar, was zum einen auf die unterschiedliche Auslegung des Begriffes Revolution, zum anderen auf die Schwierigkeiten der „Absonderung“ des Besteuerungsaspektes von anderen ökonomischen Ursachen, Motivationen und Folgen der Revolution und außerdem auf empirische Schwierigkeiten zurückzuführen ist.

Diese Arbeit stellt zunächst einige Überlegungen zur individualtheoretischen Motivation des revoltierenden Steuerzahlers an, basierend auf zwei Public-Choice- Modellen. Bei der anschließenden Betrachtung der Makroebene werden die wichtigsten Revolutionsursachen und deren Besteuerungsrelevanz sowie die steuerpolitischen Folgen einer erfolgreichen Revolution aufgezeigt. Aufgrund der in der Wissenschaft und Öffentlichkeit variierenden Begriffseingrenzung werden zudem drei verwandte Konfliktphänomene und deren Besonderheiten im Hinblick auf Besteuerung vorgestellt.

2. Begriffsklärung

2.1. Revolution, Staatsstreich, Revolte, Krieg

Es gibt keinen einheitlichen Begriff der Revolution in den Sozialwissenschaften.1 Zusammenfassend stellt Hans Wassmund die wichtigsten Merkmale der Revolution so dar: (1) plötzliche, gewaltsam und illegal durchgeführte Veränderungen der Rechtsordnung und Institutionen, (2) Neuartigkeit der Werte und Normen sowie Idealität der angestrebten Ordnung, (3) Diskrepanzen, Krisen und Disharmonien in einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche, (4) Herausbildung einer auf langfristige Zielsetzungen angelegten Massenbewegung.2

Eine begriffliche Abgrenzung der Revolution von unmittelbar verwandten Phänomenen ist wichtig. Grundsätzlich sind drei Erscheinungen vom Interesse: Staatsstreich, Revolte und Sezessionskrieg. Als Staatsstreich bezeichnet man das illegal und gewaltsam herbeigeführte Absetzen der bestehenden Regierung durch andere etablierte Träger staatlicher Funktionen.3 Revolte ist „der wütende und gewaltsame Ausdruck von Individuen oder Gruppen, die sich weigern, die bestehenden Zustände weiter hinzunehmen“4. Revolten zeichnen sich durch konkrete, systemkonforme Forderungen aus. Der Sezessionskrieg entsteht, im Gegensatz zu einem „konventionellen“ Krieg, im Inneren eines bis dahin einheitlichen Staatsgebildes, indem sich die Bevölkerung eines Gebietes gegen die Zentralgewalt auflehnt und versucht, ihr Gebietsbereich von dem Rest des Staates gewaltsam abzutrennen.5

2.2. Besteuerung

Als Besteuerung werden in dieser Arbeit öffentliche Abgaben in Form von Geldleistungen verstanden, die ein Gemeinwesen durch Zwang und in einseitig fest­gesetzter Höhe, ohne unmittelbare Gegenleistung von natürlichen und juristischen Personen seines Hoheitsgebiets erhebt.6 Damit werden Sachleistungen („Hand- und Spanndienste“)7, Tributzahlungen8 sowie Inflation9 ausdrücklich ausgeschlossen.

3. Individualbetrachtung

3.1. Warum revoltiert der Steuerzahler

In diesem Abschnitt wird das „Revolutionsparadox“ von Gordon Tullock zusammenfassend dargestellt.10 Dabei wird eine geringfügige Modifikation des Modells vorgenommen, um dieses der steuerpolitischen Fragestellung anzupassen. Das Individuum sieht sich in einer Revolution (Revolte, Sezessionskrieg)11 drei Alternativen gegenüber: er kann auf der Seite der Revolutionäre gegen die Regierung kämpfen (2), die Regierung bei der Revolutionsniederschlagung aktiv unterstützen (3) oder neutral bleiben (1). Die individuellen Gewinnfunktionen sehen dabei wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Pg steht für das Ziel der Revolution: „a good, clean, beneficial and efficient government“12, wird also als ein öffentliches Gut betrachtet, welches allen Bürgern nach dem Sieg der Revolution zur Verfügung stehen wird. RI bzw. DI ist die erwartete individuelle Belohnung für die Teilnahme an einer erfolgreichen Revolution bzw. an einer erfolgreichen Bekämpfung der Revolution (z.B. ein Posten in der neuen Regierung13 ). PI bzw. PP ist die erwartete Bestrafung für die Partizipation an einer misslungenen Revolution bzw. für den Kampf gegen eine gelungene Revolution. Lv ist die Wahrscheinlichkeit des Revolutionserfolges, wenn man von der Neutralität des Individuums ausgeht, LI ist der Einfluss des Individuums auf den Ausgang der Revolution durch seine Teilnahme. IR steht für Verletzung durch Kampfhandlungen, Lw für die Verletzungswahrscheinlichkeit. E bezeichnet den „Unterhaltungswert“ der Teilnahme an Kampfhandlungen.

Das Tullocksche Modell wird nun modifiziert. Das öffentliche Gut Pg wird in zwei Variablen aufgeteilt: das Ziel der gerechten Besteuerung Ptg und die Summe aller anderen Ziele der Revolution PRg. Geht man davon aus, dass der Revoltierende eine individuelle steuerliche Besserstellung und der Konterrevolutionär eine Schlechterstellung im Falle des Revolutionserfolgs erwarten, kann man die variablen RI und Pp entsprechend in RtI und RRI bzw. PtP und PRP aufteilen.

Die Aufspaltung der steuerpolitischen Ziele des Bürgers in das öffentliche Gut und den angestrebten privaten Gewinn erscheint im Rahmen dieses Modells als zulässig. Dafür wird unterstellt, dass der revoltierende Steuerzahler zum einen eine Vor­stellung des gerechten Steuersystems hat, welches der Gesellschaft als Ganzes zugute kommen soll, zum anderen diese vorstellung von persönlichen steuerpolitischen Interessen trennen kann. Freilich kann über die relative Stärke der steuerpolitischen Zielsetzungen im Rahmen dieses Modells keine Aussage gemacht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn man die plausible Annahme der geringen Bedeutung des individuellen Einflusses auf den Konfliktausgang unterstellt, kann man L¡ approximativ gleich Null setzen. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass den an Kampfhandlungen partizipierenden Bürger der Netto-Gewinn (NP) interessiert, d.h. der Extra-Gewinn, den er macht, wenn er nicht neutral bleibt. Unter Berücksichtigung dieser beiden Überlegungen können (2) und (3) wie folgt umgeformt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses (Approximations-)Ergebnis zeigt, dass - im Einklang mit Tullocks “Revolutionsparadox”14 - ein Bürger, welcher vor der Entscheidung über die Teilnahme an einem Aufstand gegen die Regierung bzw. an dessen Niederschlagung steht und Steuerüberlegungen in seine Entscheidung miteinbezieht, diese Entscheidung abhängig von der individuellen steuerlichen Besserstellung trifft und nicht vom Ziel allgemeiner gerechter Besteuerung.15

Tullock geht davon aus, dass E eine relativ geringe Rolle in der Gleichung spielt. Dagegen ist der Erwartungswert der Verletzung LW* IR von größerer Bedeutung.

Wie auch bei anderen Modellen der Public-Choice-Schule, ist hier die grundlegende Annahme des rational handelnden Individuums ein Gegenstand der Kritik.16 Die Annahme eines positiven Pg = Ptg + PRg kann ebenfalls als eine Vereinfachung angesehen werden. Dennoch, auch wenn man diese Unterstellung fallen lässt, ändert es nichts an dem Resultat.17 18 Problematischer ist die die Realität sehr vereinfachende Annahme einer „guten“ Revolution gegen ein „schlechtes“ Regime. Die empirische Nachweisbarkeit des Paradoxes erscheint problematisch. Tullock selbst war der Meinung, dass ein formal-statistischer Nachweis seines allgemeinen Modells auf­grund der Dateninsuffizienz überhaupt nicht möglich ist.19 Dieses Problem gilt umso mehr für die in diesem Abschnitt vorgenommene steuerpolitische Ausdifferenzierung des Modells. Ferner wird z.B. von Peter Kurrild-Klitgaard die statische Betrachtung des Paradoxes kritisiert. Er versucht, ein dynamisches Modell zu entwickeln,20 in welchem der Bürger seine Erwartungen und damit die Gewinnfunktion während der Kampfhandlungen revidieren kann. Morris Silver erweitert den Unterhaltungsterm E, den Tullock als Spaß-Motivation21 verstand. Silver fügt so weit reichende Faktoren wie „sence of duty to class, country, the law, race, humanity, ... God, revolutionary brotherhood” hinzu.22 Dies macht E jedoch unnötig breit und verwischt die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Gütern im Modell.

3.2. Wann revoltiert der Steuerzahler

In diesem Abschnitt wird auf das von Raymond Jackson überarbeitete23 Modell von James Buchanan und Marilyn Flowers zurückgegriffen.

Der Steuerzahler konsumiert private und öffentliche Güter (s. Anhang: Abbildung 1). Dabei kann er die letzteren entweder selber (Transformationslinie AB) oder gemeinschaftlich mit anderen (Transformationslinie AC) herstellen. Die Linie AC ist steiler als AB, d.h. der Nutzen ist im Falle einer kollektiven Lösung größer: Allein konnte er das maximale Nutzenniveau im Punkt E1 erreichen - auf der Indifferenzkurve U1. Die gemeinschaftliche Produktion ermöglicht ihm nun das Erreichen des Punktes E2 auf der Indifferenzkurve U2.

Steigen staatliche Ausgaben und damit die Steuerlast für den Steuerzahler, dann bewegt er sich auf AC über den Punkt E2 hinaus. Für jede zusätzliche Einheit an öffentlichen Gütern muss er auf private Güter verzichten - das Verhältnis zwischen den beiden Arten der Güter entspricht nicht mehr dem Gleichgewicht und steigert die Unzufriedenheit des Steuerzahlers. Je weiter die Regierung das Verhältnis verändert, umso unzufriedener wird er. Im Punkt R1 (erste „Aufstandsschwelle“) befindet sich der Steuerzahler auf der Indifferenzkurve U1, also auf dem gleichen Nutzenniveau, welches er auch durch Eigenproduktion von öffentlichen Gütern erreichen kann.

Die zweite „Aufstandsschwelle“ ist im Punkt R0 erreicht: dieser befindet sich auf der gleichen Indifferenzkurve wie der Punkt A („Naturzustand“), in welchem alle Ressourcen des Steuerzahlers für private Güter ausgegeben wurden. Nach R0 fordert der Steuerzahler nicht mehr die Kürzung der Staatsausgaben, sondern gar die Auflösung des Staatsverbandes. Denn nun würde er sich auch dann besser stellen, wenn überhaupt keine öffentlichen Güter mehr produziert würden, ob selbständig oder gemeinschaftlich.

[...]


1 Vgl. J. Davies (1971), S. 136-137; M. Silver (1974), S. 63.

2 Vgl. H. Wassmund (1974), S. 41.

3 Duden: Das Bedeutungswörterbuch (1985); vgl. auch H. Wassmund (1974), S. 27.

4 H. Wassmund (1974), S. 31.

5 Vgl. Brockhaus (1973). Der Bürgerkrieg wird nicht als ein gesondertes Phänomen angesehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine Form der bewaffneten Konfliktaustragung.

6 Vgl. Gabler (1997) i.V. m. § 3 I AO.

7 Vgl. S. Homburg (2000), S. 1; Dworak (1980), S. 236ff.

8 Anders bei C. Adams (1993), S. 166f.

9 Anders bei M. Stürmer (1986), S. 178.

10 Zuerst erschienen in : Public Choice, Vol. XI, 1971, S. 89-99.

11 Für einen Staatsstreich gelten andere Prämissen, da die Mehrheit der Bevölkerung am Staatsstreich nicht beteiligt ist und die Anreize für beteiligte Akteure - Mitglieder der Regierungseliten - anders als hier geschildert aussehen. Vgl. dazu G. Tullock (1974), S. 61f.

12 G. Tullock (1974), S. 36

13 Ibid, S. 45: „leaders of revolutions continuously encourage their followers in such views ... that they ... would have a good position in the ‘New Jerusalem’“

14 Vgl. G. Tullock (1974), S. 39.

15 Für historische Evidenz siehe P. K. O’Brien et al. (1999), S. 87 und C. Brinton (1965), S. 30f.

16 Vgl. P. Kurrild-Klitgaard (1997), S. 131.

17 Vgl. G. Tullock (1974), S. 41.

18 Vgl. ibid, S. 36.

19 Vgl. ibid, S. 46.

20 Vgl. R. G. Holcombe (1999), S. 156.

21 Vgl. G. Tullock (1971), S. 92.

22 M. Silver (1974), S. 64f., 68.

23 Vgl. R. Jackson (1971), S. 93-96.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Geschichte der Steuertheorie: Revolution und Besteuerung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1.7
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V186550
ISBN (eBook)
9783869436302
ISBN (Buch)
9783656994237
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
revolution, besteuerung
Arbeit zitieren
Paul Amann (Autor), 2006, Geschichte der Steuertheorie: Revolution und Besteuerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186550

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