Deutschland ein Integrationsmärchen. Die fotografischen Darstellungen türkischer Migranten zur Fußball-WM 2006 in der deutschen Tagespresse.


Diplomarbeit, 2007
118 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I - Theoretischer Teil
1. Sport und Integration
1.1. Integrationshoffnung Sport
1.2. Interkulturelle Konflikte
1.3. Integration in 2-D
1.3.1. Systemintegration
1.3.2. Sozialintegration
1.4. (Soziale-)Integration von Migranten
1.5. Zusammenfassung
2. Sport und Gesellschaft
2.1. Bewegungen: Das mimetische Element im Sport
2.1.1. Sport als kulturelle Praxis
2.1.2. Gesten: symbolisch kodierte Bewegungen
2.2. Körper: Der Zuschauer
2.3. Zusammenfassung
3. Fußball-WM 2006: Mega-Event - Kulturspektakel - national kodiertes Ereignis
3.1. Ein Ereignis mit Mega-Dimensionen
3.2 Event: Spaß-, Spiel- und Medienereignis
3.3 Eine Theateraufführung
3.3.1 Inszenierung von Kultur
3.3.2 Fußball und Theater
3.4 Ein Fest der Nation
3.5 Zusammenfassung
4 Fußball und Gemeinschaft
4.2 „Religiöse“ Gemeinschaft
4.3 Der Sportzuschauer
4.3.1 Emotion
4.3.2 Bewegung
4.3.3 Geste
4.4 Die Nationalflagge als „heiliges“ Symbol
4.5 Zusammenfassung

Teil II - Empirischer Teil
5 Bildinterpretation aus kultursoziologischer Sicht
5.2 Bildinterpretation als struktural-hermeneutische Symbolanalyse
5.3 Entwicklung der Methode
5.4 Pressefotografie: Bedeutung und Botschaft
5.5 Repräsentationen über den Fremden
5.5.1 Differenz
5.5.2 Stereotypisierung
5.6 Eignungsprüfung des Analyseverfahrens
5.7 Methodisches Vorgehen
5.7.1 Deskriptionsanalyse (Phase I)
5.7.2 Rekonstruktionsanalyse (Phase II)
5.7.3 Kultursoziologische Interpretation (Phase III)
6 Analyse: Fotografien der türkischen Bevölkerung in deutschen Tageszeitungen zur WM 2006
6.2 Auswahl der Zeitungen
6.3 Auswahl des Bildmaterials
6.4 Ersteindrucksanalyse und Typenbildung
6.5 Auswahl der Prototypen
6.5.1 Türkische Fußballfans bei der Arbeit (Gruppe A)
6.5.2 Doppelfans (Gruppe B)
6.5.3 Verhüllte Deutschlandfans (Gruppe C)
6.6 Einzelfallanalyse von A
6.6.1 Deskriptionsanalyse
6.6.2 Rekonstruktionsanalyse
6.6.3 Kultursoziologische Interpretation
6.7 Einzelfallanalyse von B
6.7.1 Deskriptionsanalyse
6.7.2 Rekonstruktionsanalyse
6.7.3 Kultursoziologische Interpretation
6.7. Einzelfallanalyse von C
6.7.1. Deskriptionsanalyse
6.7.2. Rekonstruktionsanalyse
6.7.3. Kultursoziologische Interpretation
7. Fazit
7. Literaturverzeichnis

Teil III - Dokumentation
8. Bildmaterial nach „Familienähnlichkeiten“
8.1. Gruppe A
8.2. Gruppe B
8.3. Gruppe C

„Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier, Gleich wogenden Phantasmen,

Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust Aufsteigen die Miasmen!“ (Heine 1961: 71).

Heinrich Heine - Auszug aus

Deutschland. Ein Wintermärchen

Einleitung

Die Bundesregierung hat bei der Pressekonferenz am 6. Dezember zum offi- ziellen Abschlussbericht der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht nur einen finanziellen Erfolg, sondern auch einen positiven Imagezuwachs für Deutsch- land bilanziert. Innenminister Schäuble sprach von einer „wunderbaren Weltmeisterschaft, die dazu beigetragen habe, dass das Bild von Deutsch- land im Ausland eine ‚enorme Aufwertung’ erfahren habe“ (Die Welt 08.12.2006: 1). Schäuble führte weiter aus, dass die Weltmeisterschaft eine gute „Werbeaktion gegen Ausländerfeindlichkeit und für Integration“ (a.a.O.) gewesen sei. In Bezug auf den Zusammenhang des Turniers und Fragen der Integration wird der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB) Theo Zwanziger in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung etwas konkreter und erklärte, die „Weltmeisterschaft sei der größte Beitrag zur Integration in Deutschland. […] Die WM habe gezeigt, was der Fußball auf diesem Feld leisten könne. Menschen aus allen Kulturen haben ein Fest gefeiert: ‚Die Türken haben in ihren Gaststätten die deutsche Fahne aufgehängt, es gab keine Barrieren mehr’“ (Schmidt-Fink 2006: 16).

Tatsächlich wurde in den deutschen Medien im Zusammenhang mit der Fußball-WM über ein neues Wir-Gefühl, über ein neues Bewusstsein der Bevölkerung, vielleicht schon so etwas wie Nationalstolz oder Patriotismus berichtet. Diese neue Deutschland-Euphorie wurde auch den Migrantinnen und Migranten attestiert. Mit Verlauf der WM wurden vornehmlich türkische Mitbürger, also jene Gruppe, die bislang als „Integrationsmuffel“ galten, als Deutschlandfans dargestellt und erhielten somit ein neues Pro-Deutschland- Image (vgl. Sirin 2006: 16). Muslimische Frauen mit Deutschlandkopftuch und Ladenbesitzer, die ihren Dönerimbiss oder ihr Teehaus mit der Deutsch- landfahne schmückten, waren mit einem Schlag sichtbar integriert und fühl- ten sich, wenn man den Berichterstattungen Glauben schenkt, als ein Teil von Deutschland. Ahmet Dede, gebürtiger Türke und Ladenbesitzer in Kreuzberg, antwortet der Berliner Zeitung fast trotzig, als man ihn auf die Deutschlandfahne im Schaufenster anspricht: "Ich lebe doch hier!" (Berliner Zeitung 29. 06. 2006: 22). Auch Mehmet Acikalin, Kellner im Café Alibi in Berlin, wird in der Berliner Zeitung an anderer Stelle wörtlich zitiert mit dem Satz: "Klar bin ich für Deutschland, das ist schon etwas wie ein Nationalge- fühl" (Berliner Zeitung 05.07.2006: 19). Hat König Fußball innerhalb von vier Wochen das erreicht, worüber Politiker Jahre lang debattieren? Ist das Fuß- ballwunder komplett, „Deutschland. Ein Integrationsmärchen“, oder war der Fußballsommer reinster „Partyotismus“ (Neues Deutschland 04.07.2006: 3), ein rauschendes Fest der Nationalitäten, das einen deutschen Patriotismus aus einer Partylaune heraus erzeugte, der mit Ende der Festlichkeiten Tag für Tag schwächer wird?

In meiner Arbeit geht es um die Darstellung der türkischen Migranten zurzeit der Fußball-WM 2006. Ziel ist es, die verschiedenen Abbildungen bzw. Foto- grafien in deutschen Tageszeitungen während der WM zu dokumentieren und sie nach ihrer Bedeutung mittels der Bild-Text-Methode von Stefan Mül- ler-Doohm zu analysieren. Im Ergebnis sollen die verwendeten Repräsenta- tionspraktiken erforscht werden, um die eventuelle Inszenierung eines

„Deutschland-Fan-Images“ zu prüfen. Dabei steht weniger die allgemeine Darstellung des Fremden oder des Fußballfans als vielmehr die Inszenierung (des Integrationspotentials) der Fußball-WM im Vordergrund. Dahinter ver- birgt sich die Frage: Kann Sport zwischen den Kulturen und den Menschen integrativ wirken und wie können insbesondere Sportereignisse wie die Fuß- ball-WM diesen Integrationseffekt erzielen? Sind Sport und Sportveranstal- tungen im Besonderen überhaupt das geeignete Mittel für eine Integrations- arbeit in Deutschland? Welche Bedeutung nehmen diese so genannten „cul- tural performances“ (Fischer-Lichte 1998: 23) in unserer Gesellschaft und auf die Manifestierung von Kultur ein? Die zu untersuchenden Bilder sind somit das Medium, durch das ich die Kultivierungseffekte des Sports, im Rahmen der Fußball-WM, in Augenschein nehmen werde. Lassen die Photographien Rückschlüsse auf die Integration der türkischen Migranten zu? Oder sind sie lediglich als solidarische Geste von Fußballfans zu deuten?

Die Arbeit ist in drei große Hauptteile untergliedert, die sich an dem Format einer empirischen Arbeit orientieren. Im theoretischen Teil wird zu- nächst die Integrationsfähigkeit des Sports allgemein geprüft. Ich werde die Integrationsdebatte um den Sport als „Integrationsfaktor Nr. 1“ aufnehmen, um somit den Einstieg in die Thematik zu erleichtern und um den Integrati- onsbegriff eingehender zu klären. Unter zweitens werden anschließend die kultivierenden Eigenschaften des Sports und seine zentralen Elemente, die für die Bildung von kulturellen Gemeinschaften elementar sind, vorgestellt. Erst nach diesen Einblicken werde ich mich an das Ereignis Fußball-WM heranwagen, um den besonderen Rahmen dieses Spektakels vorzustellen. Dabei werde ich mich bei Ansätzen der Kulturtheorie in Hinblick auf die E- ventforschung bedienen sowie dem Ansatz über performative Ereignisse und der Aufführung von Kultur. Insbesondere mit dem Konzept eines „ perfomati- ven turns “ soll auf die zunehmende Bedeutung von Ritualen und anderen Formen sozialen Handelns für die Kultivierung der Gesellschaft Bezug ge- nommen werden (Wulf 2001: 206f). Vordergründig soll dabei geklärt werden wie stark die WM eine integrative Wirkung erzielen kann und von welcher Dauer diese ist? Inwieweit sind Sportevents oder der Sport allgemein vorteil- haft für Integrationsfragen?

Teil zwei wird den empirischen Teil meiner Arbeit ausmachen. Ich werde hier die Methode einer kultursoziologischen Bildanalyse von Stephan Müller-Doohm näher vorstellen und die Pressefotografie als besonderen Bild- typen erläutern, insbesondere in Hinblick auf die Anwendung des Analyse- verfahrens.

Im dritten Teil schließt sich die Dokumentation zu dieser Arbeit an. Hier ist das gesamte Bildmaterial abgebildet, welches die Grundlage für meine Arbeit bildet.

Aufgrund einer besseren Lesbarkeit habe ich mich bei Personenbezeichnungen meist für die männliche Form entschieden, sie implizieren jedoch genauso die weibliche. Sie sind daher kein Beleg für die frauenfeindliche oder gar diskriminierende Haltung meiner Person.

Teil I - Theoretischer Teil

1. Sport und Integration

Schon länger wird dem Sport, insbesondere in Deutschland dem Vereinsport, in der Öffentlichkeit allgemein ein hohes Integrationspotential zugesprochen. Vielerorts wird u. a. von Politikern oder Verbandsvorsitzenden Sport als gro- ße Integrationshoffnung gehandelt. Schlagkräftige Argumente wie „Sport spricht alle Sprachen“, „Sport ist Integrationsfaktor Nummer eins“ und „Sport kennt keine Grenzen“ sind im gesellschaftlichen Diskurs allgegenwärtig.

1.1. Integrationshoffnung Sport

Vieles deutet in der aktuellen Integrationsdebatte darauf hin, das Sport als einzig verlässliches Mittel geblieben ist, um die Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in der Bundesregierung konsequent umzusetzen. So betrachtet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bspw. den Sport und seine Mitgliedorganisationen als einzigartige Möglichkeit für die Integra- tion in unserer Gesellschaft:

„Für eine langfristige Integration bietet der Sport mit seinen weit reichenden individuellen Chancen und sozialen Möglichkeiten ein wichtiges Handlungsfeld. Hierbei richtet sich die Aufmerksamkeit in Sport und Bewegung auf das Erleben, Erfahren und Verstehen des Selbst und des Anderen“ (Baumann u.a. 2001: 5).

Mit Hilfe des Bundesprogramms Integration und Sport von 2001 setzt der DOSB nach eigener Einschätzung auf ein „zeitgemäßes und zukunftswei- sendes“ (a.a.O.) Integrationskonzept, das sich in das Gesamtkonzept der Bundesregierung einbettet. Es macht deutlich, wie Sport und Integration nach Meinung der Politik zusammengehören. Der Sport dient mittels seiner politischen und religiösen Neutralität als „Bühne für interkulturelle Begegnun- gen“ (a.a.O.), auf der Sprachbarrieren und kulturelle Vorurteile überwunden werden und ein Beitrag zur Gewaltprävention geleistet wird. Dabei steht der Dialog zwischen Aufnahmegesellschaft und der Zielgruppe im Vordergrund, der eine gegenseitige Akzeptanz fördern soll (Baumann u.a. 2001: 6). Migranten, Spätaussiedler und sozial benachteiligte Einheimische (Baumann u.a. 2001: 5) sollen demnach durch „soziales Lernen“ und der Vermittlung von „sozialen Zielen“ in die Mehrheitsgesellschaft integriert werden: Ganz nach dem Motto „Integration als gelebter Alltag“ (vgl. DOSP 2006: 4). Kurz gesagt spiegelt sich im Programm des DOSP und allgemein in der Integrationspolitik der Bundesregierung ein assimilativer Integrationsansatz wieder. Integration wird hier mit Assimilation gleichgesetzt.

Bei dem Konzept der Assimilation handelt es sich um einen Prozess der „automatischen“ Angleichung der Migranten an die Aufnahmegesell- schaft, meist im Verlauf mehrerer Generationen (Treibel 1997: 16f). Allge- mein geht es darum, Menschen fremder Kulturen an die eigene anzuglei- chen, folglich nicht um eine kulturelle Gleichberechtigung und Partizipation in unserer Gesellschaft. Die Risiken und Probleme dieses Integrationsansatzes stehen nicht im Mittelpunkt dieser Arbeit, sie sind an anderer, prominenter Stelle schon viel ausführlicher und zur Genüge besprochen worden (vgl. Es- ser 2001: 17-24 und Treibel 1997: 11-31).

Wichtig ist, dass Debatten zur Integration und den Integrationskonzep- ten in ihrer Begrifflichkeit und Bedeutung viel differenzierter geführt werden müssen als das bspw. in den Programmen und Integrationsmodellen der Bundesrepublik geschieht. Integration muss bei einer differenzierten Betrach- tung eben nicht die „spurenlose Assimilation“ bedeuten (vgl. Esser 2001: 17f).

Des Weiteren wird deutlich, dass in Deutschland die Organisationsform Verein „traditionell fast ein Synonym für Sport“ (Klein/Kothy 1998: 419) geworden ist. Sportvereine werden als die kleineren Funktionseinheiten des Staates gesehen, um Regeln, Werte, kontrollierte Konfliktlösungen, etc. zu vermitteln. Insbesondere die politische Wertschätzung seiner Integrationskraft macht den Sport zum wichtigen „Element des sozialen Lebens und der subsidiären Partnerschaft von Sport und Staat“ (a.a.O.).

Doch können im Sport wirklich kulturelle Barrieren überwunden wer- den? Reicht der bloße Kontakt zwischen Migranten und Deutschen bei Wettkämpfen oder im Verein aus, um Gebrauch von den vielseitigen Funktionen des Sports zu machen?

1.2. Interkulturelle Konflikte

Sport gilt als Medium zur interkulturellen Kommunikation und somit als Patentrezept für die Beseitigungen kultureller Unterschiede (vgl. Klein/Kothy 1998: 416f). Die gelebte Praxis sieht jedoch anders aus.

Aus der Studie Entwicklung und Regulierung ethnisch-kultureller Kon- flikte im Sport von 1998 geht hervor, dass der Sport nicht, wie allgemein vermutet, im besonderen Maße zur interethnischen Integration und zur Regu- lierung gesellschaftlicher Konflikte beiträgt (Klein/Koty 1998: 436). Vielmehr scheinen kulturelle Konflikte in deutschen Vereinen ‚normal’ zu sein. Zumin- dest scheint der „Gründungsboom ethnischer Vereine“ (Isoplan GmbH 03/1995: 6 zit. in Klein/Kothy 1998: 421) seit Mitte der 1980er Jahre ein Indiz dafür zu sein. Leider liegen bezüglich der eingetragenen, eigenethnischen Sportvereine in der Bundesrepublik keine verlässlichen Daten vor. Schätzun- gen gehen davon aus, dass zwischen 5 und 10 % der Migranten einem deut- schen Sportverein beigetreten sind, wogegen ca. 1% in selbstorganisierten Migrantenvereinen Sport treibt (Goldberg/Halm/Sauer 2003: 2). Somit sind die Migranten im Vergleich zur deutschen Bevölkerung, die mit etwa 30 % in Sportvereinen organisiert sind, im Vereinsleben deutlich unterrepräsentiert (a.a.O.). Zudem ergibt eine Studie über Fußballvereine in Nordrhein- Westfa- len (Klein/Kothy/Cabadag 2000: 285-288 zit. in: Goldberg/Halm/Sauer 2003: 5f), dass der Trend eigenethnischer Vereine fortschreitet. Sie sind ein Beleg für die Konfliktlage und das Konfliktpotential im deutschen Vereinsport. Ferner scheinen gewalttätige Auseinandersetzungen bei Fußballspie- len im Ligaalltag zwischen Deutschen und Türken an der Tagesordnung zu stehen. Als Ursachen werden zum einen sport- und situationsspezifische As- pekte, aber genauso häufig gesellschaftliche Konflikte angegeben, die sich meist durch diskriminierende, ausländerfeindliche Äußerungen unter den Spielern oder von den Zuschauertribünen zeigen (Klein/Kothy 1998: 433f). In der häufigen Beteiligung von Migranten an Konflikten im Sport se- hen Sportsoziologen, dass gesellschaftliche Konflikte zunehmend in den Wettkampfsport hineingetragen und somit auf dem Platz ausgetragen wer- den: „Der Sport ist Austragungsort eines sozialen Konflikts, in dem Mehr- heitsgesellschaft und Migranten um die Veränderung der sozialen Rangord- nung, die Verteilung von Ressourcen und die Anerkennung kultureller Normen kämpfen“ (Pilz 2002: 12f).

Zudem wird angenommen, dass Fußball aufgrund seines Stellenwerts als Nationalsportart in Deutschland und auch in anderen Ländern ein beson- deres Medium für diese „symbolischen Konfliktaustragungen“ (Pilz 2002:13) bietet.

Auch wenn in den Sportverbänden eine Umorientierung bezüglich der integrativen Wirkung des Sports einsetzt und man gelernt hat, dass die allei- nige Aufforderung an die Migranten zum Mitmachen nicht ausreicht (vgl. Goldberg/Halm/Sauer 2003: 1), müssen wir lernen zu akzeptieren, dass „die bloße Tatsache der Verschiedenartigkeit […] die Menschen nicht zur Interak- tion an[regt]“ (Sennett 1997: 440). Das heißt, wenn Sport die Rolle eines Me- diators zwischen den Kulturen einnehmen und als Ort zur interkulturellen Verständigung dienen soll, reicht es nicht aus, diesen Raum zu schaffen und sie den Akteuren und vor allem sich selbst zu überlassen. Auch der DOSB räumt in einer Grundsatzerklärung von 2004 ein, dass Sport nicht per se in- tegrativ ist, man müsse bewusst und sensibel mit ihm umgehen, damit er seine Chancen und Möglichkeiten entfalten kann (Kübler u.a. 2000: 6). Viel mehr noch muss der Sport sein Selbstverständnis erneuern, d.h. seine im- manenten Regeln und Normen überdenken, die an der Konstruktion kulturel- ler Selbstbilder beteiligt sind (vgl. Halm 2006: Internetquelle). Dieser Ansatz wäre jedoch nicht allein auf den Sport zu begrenzen, sondern es wäre ein gesamtgesellschaftliches Projekt.

1.3. Integration in 2-D

Wie am Beispiel des Sports deutlich wird, scheint der Begriff Integration im politischen und öffentlichen Diskurs bisweilen recht häufig benutzt zu wer- den, ohne dabei auf seine Vielschichtigkeit und seine notwendige Differen- zierung hinzuweisen. In diesem Zusammenhang werden Begriffe wie „multi- kulturelle Gesellschaften“ oder das Konzept der „Assimilation“ sowie Thesen einer nationalen „Leitkultur“ diskutiert, die u.a. durch ideologische Bewertun- gen belegt sind oder mit anderen versteckten politischen Konzepten in Ver- bindung betrachtet werden (Esser 2001: Zusammenfassung). Vor diesem Hintergrund ist es von besonderem Wert, den Begriff der Integration zu klä- ren, um eine anschließende Analyse über das Integrationspotenzial der Fußball-WM bestreiten zu können.

Für die Bedeutungsbestimmung von Integration können zunächst zwei Wortbildungen weiterhelfen: Integration kann zunächst aus dem Lateinischen „integratio“ übersetzt werden, das soviel bedeutet, wie die Wiederherstellung eines Ganzen und einer Einheit sowie Erneuerung und Vervollständigung (Duden Fremdwörterbuch 2001: 447). Die zweite Wortbildung „integritas“ bezeichnet die Unversehrtheit und Ganzheit einer Einheit. Das bedeutet, hier werden in einem System systemfremde Teile so eingebunden, dass sie sich danach nicht mehr von den systemeigenen unterscheiden (Hinrichs 2003: 12). Während die erste Wortbedeutung einen Wandel des Systems, eine Er- neuerung durch die Aufnahme systemfremder Teile meint, steht beim zwei- ten Wort die Unversehrtheit des Systems im Vordergrund. Gemeinsam sind beiden Bedeutungen, dass hier die Integrationsleistung von der existierenden Mehrheit, die ein System bildet, ausgehen muss.

Hartmut Esser, der u.a. für seine Beiträge zur Migrationssoziologie bekannt ist, definiert Integration zunächst ganz allgemein als Zusammenhalt einzelner Teile zu einem systemischen Ganzen, das sich somit als System von der jeweiligen Umgebung abgrenzt (Esser 2001: 1). Eine wesentliche Grundvorrausetzung für Integration ist demnach „die Interdependenz der Tei- le, ihre wechselseitige Abhängigkeit“ (Esser 2001: 73). Diese allgemeine De- finition lässt nun, auf soziale Systeme angewandt, zwischen zwei Arten der gesellschaftlichen Integration unterscheiden: Die System- und die Sozialin- tegration.

1.3.1. Systemintegration

Systemintegration beschreibt den formellen Zusammenhalt des Ganzen, d.h. es bezeichnet die Integration des Systems selbst, den äußeren Mechanismen oder Rahmungen, welche den Akteur in die Gemeinschaft einbeziehen (vgl. Esser 2001: 3f).

Die Systemintegration ist über drei Mechanismen möglich: Erstens über die materiellen Wechselbeziehungen zwischen den Gesellschaftsmit- gliedern auf den einzelnen Märkten; zweitens in der Form der Organisation über institutionelle Regeln, meist durch eine staatliche Autorität legitimiert und durchgesetzt; sowie drittens über die (kulturellen) Orientierunge n der Akteure, die über diverse Medien mechanisiert werden (vgl. Esser 2001: 6ff). Mit Medien meint Esser nicht die üblichen Massenkommunikationsmit-tel, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Vermittlungsmechanismen zwi-schen den Akteuren, ohne die sie nicht in Kontakt getreten wären (vgl. Esser 2001: 7f). Dabei unterscheidet er u.a. die „symbolisch generalisierten Medien […] mit denen bewirkt wird, dass die Akteure sofort den Vorgaben und ‚Logi-ken’ der Bereiche folgen und, unabhängig von ihren sonstigen Motiven, wie selbstverständlich ganz spezifische Handlungen ausführen, die dann […] systemintegrativ ihren Zusammenhalt sichern“ (Esser 2001: 7). Beispielsweise sind Bewegungen, die im Rahmen des Sports ausge-führt werden, ein solches symbolisches Medium, mit denen Handlungen voll-zogen werden, über die Gemeinschaft erlebt und folglich hergestellt wird (siehe Punkt 2.1).

1.3.2. Sozialintegration

Die Sozialintegration bezieht sich auf die Akteure selbst und auf ihre Einbindung in das jeweilige soziale System. Sie bezieht sich auf das menschliche Handeln und beschreibt einen Prozess im Sinne der „integratio“ als Vervollständigung und Erneuerung.

Der Grad der sozialen Integration beläuft sich u.a. in Form „des Er- werbs von Sprachkenntnissen, der Beteiligung am Bildungssystem und am Arbeitsplatz, der Entstehung von Akzeptanz, der Aufnahme von interethni- schen Freundschaften, der Beteiligung am öffentlichen und politischen Leben und auch der emotionalen Identifikation mit dem Aufnahmeland“ (Esser 2001: 8).

Im Fall der Sozialintegration werden vier Dimensionen und Formen unterschieden, die untereinander in kausaler Beziehung stehen (Esser 2001: 73): Kulturation (Erwerb von Wissen und Fertigkeiten), Platzierung (Über- nahme von Positionen und Verleihung von Rechten), Interaktion (Aufnahme sozialer Beziehung) und Identifikation (emotionale Zuwendung zum jeweili- gen sozialen System).

Abb. 1: Systemintegration und die vier Dimensionen der Sozialintegration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: H. Esser, Integration und ethnische Schichtung, S. 16.

Alle vier Dimensionen hängen voneinander ab. So ist das Erlangen einer gesellschaftlichen Position bzw. Platzierung abhängig von den individuellen Fertigkeiten und dem Wissensstand einer Person. Kulturation macht erst eine Platzierung möglich, die wiederum erst eine Interaktion und Identifikation in einem sozialen System ermöglichen (a.a.O.).

Des Weiteren ist eine strikte Unterteilung zwischen System- und Sozial- integration nicht immer möglich, teilweise greifen sie, wie am Beispiel der systemintegrativen Wirkung der Medien deutlich wurde, ineinander über: „Die Medien funktionieren auf der Grundlage gewisser kultureller Orientierungen, die die Akteure in bestimmten Situationen leiten und sie zu einem Handeln bringen, dessen - meist unintendiertes - Ergebnis die Integration des jewei- ligen sozialen Systems ist“ (Esser 2001: 8). Ähnliches gilt für die Märkte und die institutionellen Organisationen, auch sie beruhen auf den Interaktionen und Handlungen sowie den Fertigkeiten der Akteure. Es ist dieses wechsel- seitige Interesse, etwas anbieten zu können, das der eine hat und der andere braucht, welches die Attraktivität der sozialen Beziehungen ausmacht. Es sind diese sozialintegrativen Voraussetzungen, welche eine Systemintegrati- on erst ermöglichen (vgl. a.a.O.).

1.4. (Soziale-)Integration von Migranten

Bei der Integration von Migranten und anderen fremdethnischen Minderhei- ten ist meistens die soziale Integration gemeint. Nach Esser ist die „Sozialin- tegration in die Aufnahmegesellschaft […] eigentlich nur in der Form der Assimilation möglich“ (Esser 2001: 20). Er unterscheidet, in Anlehnung seiner Terminologie zur sozialen Integration - Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation - vier Dimensionen der Assimilation: die kulturelle, strukturelle, soziale und identifikative Assimilation (Esser 2001: 22).

Mit dem Begriff der Assimilation ist nach diesem Verständnis die An- gleichung der Migranten in die verschiedenen Bereiche gemeint und nicht mit einer kompletten „Gleichheit der Individuen in allen Belangen“ (a.a.O.) zu verwechseln. Doch das Assimilationskonzept, wie einige andere Integrati- onsmodelle auch, verlagert die Funktion der Einbeziehung einseitig auf die Seite der ethnischen Minderheiten (vgl. Hinrichs 2003: 13ff). Dabei sind es doch genau die wechselseitigen Interessen zwischen beiden, die soziale Be- ziehungen ausmachen. Gesellschaftliche Diskriminierung oder Distanzierung gegenüber ausländischen Gruppen können trotz der Erfüllung aller Dimensi- onen der Sozialintegration dazu führen, dass sie gesellschaftlich und/oder politisch nicht akzeptiert und somit im System nicht integriert werden. Es gibt ebenso viele Mechanismen und Dimensionen der Marginalisie-rung von Migranten, wie es sie für Integration gibt. So können bspw. visuell sichtbare, kulturelle Differenzen wie Kleidung, Hautfarbe, Körperschmuck, kulturelle Gesten und Bewegungen als gesellschaftliche Distinktionen dazu führen, dass andere Personen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden (vgl. Treibel 1997: 11). Insbesondere die Hautfarbe macht deutlich, dass die Aufnahmegesellschaft für die Integration des anderen etwas leisten muss. So z.B. sollten wir aufhören, unsere „inneren Repräsentationen“ über den Frem- den auf den Migranten zu übertragen. Die Hautfarbe kann definitiv nicht wie andere Kleidungsstücke gewechselt werden, sie bleibt als kulturelle Differenz bestehen. Aber wir können unsere innere Einstellung dazu verändern. Wir müssen aufhören die Migranten als Bedrohung, als kulturelle Überflutung, Unterwanderung, Überfremdung etc. zu betrachten (vgl. Rätzel 1997: 170f). Ebenso sollte der Schwerpunkt in öffentlichen Diskussionen nicht auf den kulturellen Attributen liegen, bspw. bei Debatten um das Kopftuchverbot oder dem Bau von Moscheen (vgl. Beger 2000: 91).

Integration ist auch auf der Basis „universalistischer, transnationaler Werte und Ziele“ (Hinrichs 2003: 17) möglich, aus denen neue Werte und Ziele hervorgehen. Wilhelm Hinrichs bspw. stützt sich bei einer Analyse der Integrationschancen Ausländischer Bevölkerungsgruppen in Deutschland von 2003 auf ein Integrationsmodell, das auf einem Konsensgedanken aufbaut: „Die Integration einer Gesellschaft ist dementsprechend nur gewährleistet, wenn ein breiter Konsens über die Beziehungen zwischen Macht, Geld, Prestige und Fähigkeiten einerseits und deren Verflechtungen mit dem System sozialer Arbeitsteilung andererseits besteht“ (Fuchs-Heinritz/ Lautmann u.a. 1997: 303 zit. in Hinrichs 2003: 17).

Für die Integrationswirkung in modernen Gesellschaften sind somit auch universalistische Werte und Orientierungen als „das synthetisierende ‚gemeinsame Dach’ der sozialen Gruppe in einer Gesellschaft“ (Hinrichs 2003: 17) bedeutend. „Unter dem Dach können sich integrative Status- und Rollenverteilungen auf höchst unterschiedliche Weise vollziehen: durch An- gleichung, Konfliktaustragung, Konsens oder wechselseitige Toleranz und Akzeptanz kultureller Differenz.“ (a.a.O.). Diese Werte oder Ziele können u.a. der gemeinsame Kampf gegen Armut oder die Erhaltung der Umwelt sein. Nach Hinrichs’ Einschätzung ist dieses Modell im Vergleich u.a. zum Assimilationsmodell analytisch leistungsfähiger und ermöglicht die Deutung unterschiedlicher Integrationsmechanismen (vgl. a.a.O.).

Natürlich beruht der Ansatz des Konsensgedankens auf einem ebenso einseitigen Weltbild, dem eines humanistischen und somit durchaus eurozentristisch orientiertem Bildungsstand. Doch zumindest wird in diesem Modell die Aufnahmegesellschaft als Einflussgröße für eine funktionierende Integration von ausländischen Gruppen mit berücksichtigt.

1.5. Zusammenfassung

Sport bedeutet nicht per se Integration. Insbesondere der Vereinsport kann auf diesem Feld nur bedingt Erfolge erzielen. Zudem kann Sport „nur“ Teil eines Integrationsprogramms sein, man sollte sich nicht ausschließlich dar- auf berufen und glauben, dass im Sport quasi automatisch integrative Pro- zesse freigesetzt werden. Allein schon aufgrund der unterschiedlichen Integ- rationsebenen wird deutlich, dass Sport nur beschränkt leistungsfähig ist.

Denn sollten Migranten weiterhin im Bereich der wirtschaftlichen Teilnehmer- chancen benachteiligt bleiben, kann dies keinesfalls durch den Sport ausgeglichen werden.

2. Sport und Gesellschaft

Der Sport erhält in demokratischen Gesellschaften wie Deutschland eine be- sondere Aufmerksamkeit hinsichtlich seines integrativen Potentials allein schon deshalb, weil diese Staatsform gegenüber anderen durch einen „Man- gel an Selbstdarstellung“ (Gebauer 1998: 227f) ausgezeichnet ist. Es fehlt weitestgehend an konkreten Repräsentationselementen, Staatlichkeit sinn- lich erfahrbar zu machen. Dadurch besteht das Problem eine innere Verbun- denheit und Beziehung des Individuums zum sozialen Ganzen herzustellen (vgl. a.a.O.). Genau diese Lücke soll der Sport schließen können. Doch wie soll das funktionieren? Wie entsteht durch Sport und seiner Aufführung durch Spiele ein gesellschaftlicher Zusammenhalt?

Gemeinhin denken wir beim Sport an körperliche Bewegung, bei der durch gezielte Übungen eine höhere körperliche, aber auch geistige Fitness des Sporttreibenden erzielt werden kann. Neben der reinen Körpererziehung und -kultivierung sowie einer generellen Leistungssteigerung kann Sport weitaus mehr leisten. Sport ist nicht nur Teil der Gesellschaft und unserer Kultur, sondern er gestaltet diese maßgeblich mit. Aus ihm heraus entsteht Gemeinschaft. Er stellt Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesell- schaft her. Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, durch den Sport werden Gemeinschaftserfahrung, im Verständnis eines kollektiven Gedächt- nisses, aufbewahrt und weitergegeben. Doch dazu später mehr.

Gunter Gebauer, Sportsoziologe und Philosoph an der Freien Universität Berlin, betrachtet Sport als „soziale Repräsentation“ (Gebauer 1998: 227), in der sich die gesamte Gesellschaft widerspiegelt. Damit sind nicht nur einzel- ne Repräsentationen von verschieden Sportgruppen wie Seglern, Inline- Skatern etc. gemeint, sondern Sport ist in der Lage eine allgemeine Ebene zu schaffen, welche die gesamte Gesellschaft mit einbezieht (Gebauer 1998: 229).

Dabei geht es nicht allein um die bloße Identifikation des Zuschauers mit Spitzensportlern oder den Gruppendynamiken unter Freizeitsportlern. Gebauer sieht vielmehr einen anthropologischen Zusammenhang zwischen Sport und der Darstellung von Gesellschaft. Für ihn sind dabei zentrales E- lement die Bewegungen (vgl. Gebauer 1998: 225). Sie sind der Grund dafür, warum Sport besonders gut geeignet ist repräsentative und zugleich verge- sellschaftende Wirkungen zu erzielen. Er definiert Sport als „eine besondere Art der Darstellung, eine Aufführung von alltäglichen Bewegungsweisen in- nerhalb eines besonderen Handlungsrahmens“ (Gebauer 1998: 229).

Die Bewegungen sind somit die Darstellungsmöglichkeit, das Medium des Sports: „Sportbewegungen sind oft Kodifizierungen von Alltagsbewegun- gen; sie sind zu Gesten geworden; sie bilden systematisch geordnete Kon- texte und erzeugen besondere Gemeinschaften“ (Gebauer 1998: 227).

Um zu verstehen, was mit der Kodifizierung von Alltagsbewegungen und einer Ausbildung von Gesten gemeint ist, muss die Argumentation zum Verständnis von „bewegten Gemeinschaften“ Gebauers sowie anderer Autoren erörtert werden.

2.1. Bewegungen: Das mimetische Element im Sport

Neben kulturell ausgeprägten Lebensstil-Elementen, die über den Ge- schmack und bestimmte Vorlieben vorgeben, wie wir uns kleiden, was wir essen, wie wir unsere Wohnung einrichten etc., sind auch Körperbewegun- gen Teil einer sozialen Anlage, die wir im Laufe unseres Lebens erlernt ha- ben (Gebauer 1998: 230). Auch sie sind Ausdrucksformen der jeweiligen Gesellschaft. Geprägt werden diese Bewegungen durch die jeweiligen Kul- turgegenstände wie Messer und Gabel oder dem Taschentuch, der Zahn- bürste etc. sowie der sozialen Umgebung und den darin angewanden Kulturtechniken, die uns lehren, wie wir uns waschen, wie wir essen und wie wir sprechen (a.a.O.).

Bewegungen sind das verbindende Element zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft sowie ein sichtbares Unterscheidungsmerkmal zwischen verschiedenen Kulturen. Bewegungen sind kulturspezifisch, weil sie über den Prozess der sozialen Mimesis erlernt werden. Der Begriff der Mimesis wird in der Anthropologie als die menschliche Fähigkeit bezeichnet, „Verhalten und Ereignisse sinnlich nachzuvollziehen, symbolisch zu wiederholen und körper- lich darzustellen“ (Wulf 2001: 76). Dabei geht es nicht um die reine Imitation, sondern um einen kreativen Prozess der Nachahmung. Im Zuge einer kreati- ven Nachahmung bezieht sich das Individuum auf einen anderen Menschen oder auf eine andere ‚Welt’, mit der Absicht ihm oder ihr ähnlich zu werden (a.a.O.). Dies geschieht zumeist in Form einer performativen Darstellung und Inszenierung von Gesten und Ritualen.

Die beteiligten Körper werden beim gemeinsamen „Gehen, Marschie- ren, Laufen […] zu [einer] gemeinsamen Geste zusammengeschaltet […], als würden sie einen einzigen Körper bilden“ (Gebauer 1998: 230). Diese Bewe- gungen werden mittels der Mimese vom Individuum meist unbewusst inkor- poriert. Man nennt diese inkorporierten Verhaltensweisen bzw. Bewegungen die soziale Motorik des Menschen (vgl. a.a.O.). Durch andere Vorbilder, Leh- rer, Meister etc. nehmen wir unsere Bewegungsweisen auf, über sie wird eine Zugehörigkeit zur gesamten Gemeinschaft hergestellt (Gebauer 1998: 230f). Bewegungen sind somit als ein nonverbales Kommunikationsmittel zu verstehen. Sie ermöglichen eine „blitzschnelle Verständigung, über verschie- dene Sinneskanäle aufgenommen, und stellen nahezu unmittelbar […] Ge- meinschaften her. […] Bewegungen sind ein Medium“ (Gebauer 1998: 227).

Doch was hat das alles mit dem Sport zu tun? Warum werden Sportbewegungen als kodifizierte Alltagsbewegungen betrachtet?

2.1.1. Sport als kulturelle Praxis

Die Antwort klingt zunächst simpel: Sport und Spiele sind kulturelle Praxis (Gebauer/Alkemeyer 2001: 117). Neben anderen Kultivierungsinstitutionen wie der Schule, der Familie etc. werden im Sport Handlungsmöglichkeiten sowie die dafür nötigen Bewegungsabläufe in unzähligen Wiederholungen trainiert. Sie ermöglichen es dem Einzelnen, ohne spezifisches theoretisches Wissen aus Situationen heraus zu handeln und daraus ein besonderes situa- tionsbezogenes Wissen zu mobilisieren (vgl. Gebauer/Alkemeyer 2001: 117f). Dieses Wissen kann nicht gelehrt werden, niemand könnte es formu- lieren, es muss situativ, intuitiv erprobt werden. Es befähigt den Spieler Spielsituation zu erfassen, einen Vorteil zu erkennen und diesen mit den Fä- higkeiten seines Körpers abzustimmen. Er muss die Bewegungen andere Mitspieler oder des Gegners in Bruchteilen von Sekunden einschätzen und darauf reagieren. Folglich wird ein komplexes Verhaltensrepertoire entworfen und gleichzeitig durch zahlreiche Wiederholungen einverleibt. Die im Rahmen des Sports aufgeführten und einstudierten Handlun- gen nehmen direkten Bezug auf unsere gesellschaftliche Praxis (Gebau- er/Wulf 1998: 62f). Wir laufen, springen und gehen, bilden kooperierende Gemeinschaften und entwickeln Strategien gegen andere, treffen spontane Entscheidungen, die wir auf die gegebene Situation abpassen (a.a.O.). Sportbewegungen sind somit eine besondere Form der Zusammenfassung von Alltagsbewegungen, die zwar „individuell sind, zugleich aber auch Er- gebnisse eines Prozesses der Kodifizierung, sie sind zu kulturellen Prototy- pen gemacht worden“ (Gebauer/Alkemeyer 2001: 118). Das bedeutet, dass die einstudierten Bewegungen spezifisch für unsere Kultur sind. Sie stecken unser gesellschaftliches Repertoire an Bewegungs- und Handlungsweisen ab. Doch wie bekommen Bewegungen eine kulturelle Bedeutung? Was ver- birgt sich hinter dem Prozess der Kodifizierung?

2.1.2. Gesten: symbolisch kodierte Bewegungen

Zunächst werden im Sport, ähnlich wie bei „oralen Kulturen“, kulturelle Inhalte über Körperbewegungen ausgedrückt. Es werden u.a. Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, die von den Teilnehmern gehört, behalten und weitergegeben werden (vgl. Gebauer/Alkemeyer 2001: 119).

Sport bekommt somit seinen darstellenden, performativen Charakter (vgl. Gebauer/Wulf 1998: 62). Ausdrucksmittel von kulturellen Inhalten ist die Geste. Die im Sport aufgeführten Bewegungen erhalten ihre kulturelle Bedeutung durch ihre Kodifizierung zu Gesten. Kurz gesagt, Gesten sind symbolisch kodierte Bewegungen (Gebauer/Alkemeyer 2001: 120).

Gesten werden, wenn sie in bestimmten kulturellen Rahmen aufgeführt werden, zu spezifischen (An)Zeichen der sozialen Motorik der jeweiligen Ge- sellschaft. Man kann auch sagen, sie werden zu Repräsentationen der jewei- ligen Gesellschaft oder Kultur. Ich möchte dies an einem praktischen Beispiel verdeutlichen.

Die leichtfüßigen Dribblings brasilianischer Fußballspieler werden in dem Moment zur typisch brasilianischen Geste, in dem wir die Eleganz und das Temperament dieser Spielweise auf die Alltagswelt bzw. auf die brasilia- nische Lebensweise übertragen. Für uns repräsentieren sie die brasiliani- sche Kultur.

Infolgedessen sind Gesten vergleichbar mit Symbolen aus der Zeichen- theorie. Nach der Zeichentypologie von Charles Sanders Peirce gelten sym- bolische Zeichen als kulturgebunden, da ihre Bedeutung innerhalb der Kultur festgelegt werden muss, sie basieren auf Konventionen (vgl. Krampen 1981: 23). Das bedeutet aber auch, dass sie in anderen Kulturkreisen möglicher- weise keine oder zumindest nicht die gleiche Bedeutung einnehmen. Die Geste „ist auf andere Personen gerichtet und überträgt - als körperliches Medium - kulturelle Bedeutung“ (Gebauer/Alkemeyer 2001: 120). Mehr noch, sie tritt in einen Kommunikationsprozess, einen Dialog ein, bei dem nicht verbalisierte Botschaften zwischen den Teilnehmern ausgetauscht werden. Je nachdem, wie die teilnehmenden Personen auf die Gesten und die über- mittelten Botschaften reagieren, wird das gegenseitige Verhältnis hergestellt, entweder zwischen Mitspielern, Gegnern oder Zuschauern (a.a.O.).

2.2. Körper: Der Zuschauer

Der Zuschauer ist nunmehr für meine Untersuchung die Teilnahmemöglich- keit, der ich eine besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Denn es sind die türkischen Fußballzuschauer, von denen behauptet wird, dass sie mit der deutschen Nationalmannschaft mitfieberten, und dass sich mit dem zuneh- menden Erfolg der Mannschaft eine Identifikation mit Deutschland einstellte. An dieser Stelle wird jedoch nicht die im Fußball spezifische Darstellung des Fans (siehe Punkt 4.2) im Vordergrund stehen, sondern zunächst der allge- meine Moment der Zugehörigkeit aus der Perspektive des Zuschauers.

Das Zugehörigkeitsgefühl wird im Sport über eine „doppelte Bewe- gung“ (Gebauer/Alkemeyer 2001: 123) erzeugt: Zum einen greift der Athlet auf die soziale Motorik seiner Gesellschaft zurück, die er bei einem sportli- chen Wettkampf aufführt und erneuert; der Zuschauer sieht diese ihm ver- trauten Bewegungen bzw. Gesten und nimmt sie als Bilder in sich auf (vgl. Gebauer 1998: 231f). Seine Zugehörigkeit stellt sich spontan durch die sinn- liche Wahrnehmung des Sehens ein. Durch die Beteilung an der inszenierten sozialen Bewegung entsteht die vergesellschaftende Wirkung des Sports:

„Beim Zusehen wird die Teilhabe an der Gesellschaft umstandslos und mit hoher In- tensität erneuert. Die Athleten liefern Bilder, die sich die Zuschauer zu eigen ma- chen. Gezeigt werden mit diesen Bildern Bewegungsweisen, zu denen auch die Zu- schauer gehören. Besitz von Bildern und Teilhabe an der sozialen Motorik - über diese gegenseitige Verschränkung werden die Zuschauer - durch die Vermittlung des Athleten - mit ihrer Gesellschaft verbunden und die Sportler als deren exempla- risches Körpergedächtnis eingesetzt. Die Zuschauer können sich und ihre Gesell- schaft insgesamt im Athleten wiederentdecken und sich als diesem zugehörig, ja, mit ihm solidarisch empfinden“ (Gebauer 1998: 232).

Die Aufführung sportlicher Ereignisse lebt von den Zuschauern, den Momen- ten des Erlernens, Behaltens und Reproduzierens (Gebauer/ Alkemeyer 2001: 120f). Wichtiges Element dabei sind die dabei aufgeführten Bewegun- gen und Gesten bzw. deren Kodifizierung durch Symbole und anderen kom- munikativen Strukturen (vgl. Gebauer/Alkemeyer 2001: 118). Die dabei pro- duzierten Bilder von Sportlern, Zuschauern etc. und u.a. ihren ausgeführten Gesten erlangen durch die Zirkulierung im öffentlichen Diskurs ihre weiterfüh- rende Bedeutung (siehe Punkt 5.3.).

Die Aufführung von Gesten erneuert die Erinnerungen an die vorgetra- genen Inhalte und gibt neue Akzente. Folglich werden sie Teil einer „kollekti- ven Gedächtnisfunktion“. Ein kollektives Gedächtnis, das über Körperprozes- se funktioniert: „Der Sport ist […] aufbewahrte Kommunikation […], er ver- wirklicht einen alternativen Modus des Behaltens und Erinnerns“ (Gebau- er/Alkemeyer 2001: 121f) Der Athlet fungiert dabei als „soziales Gedächtnis“ (Gebauer 1998: 231). Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Athleten und Zuschauern, das die besondere Bedeutung des Sports und seinen Auffüh- rungscharakter verdeutlicht.

2.3. Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch den Sport Vergemein- schaftungsprozesse angetrieben werden, die durch ihre performative Darstel- lung, insbesondere durch die Bewegung, der sozialen Motorik ihren Aus- druck findet. In einem „doppelten Akt“ von Sportlern auf der einen Seite und Zuschauern auf der anderen Seite „wird der soziale Zusammenhalt der Ge- sellschaft symbolisch von neuem konstituiert“ (Gebauer 1998: 234). Es wer- den Gesten einstudiert, Bilder von Bewegungen, Athleten etc. inkorporiert. Die spontane Beteilung an der sozialen Motorik im Sport, egal ob als Zu- schauer oder Sportler, bildet insgesamt den Habitus und produziert, und re- produziert somit Gemeinschaft (a.a.O).

Wir haben erfahren, durch welche Mechanismen Sport Gemeinschaft bzw. Zugehörigkeit zur Gesellschaft entstehen lässt. Dieser Ansatz liefert uns jedoch keine Erklärung, wie Sport kulturelle Grenzen überwinden kann. Viel- mehr gibt er uns Argumente an die Hand, welche die kulturelle Spezifität des Sports unterstreichen: „Sport ist Ausdrucksmittel ethnisch-kultureller Identität und als solches kann er Grenzen zwischen Menschen verfestigen“ (Halm 2006: siehe Internetquelle).

Im Sport werden Bewegungen aus dem gesellschaftlichen Reservoir aufgeführt und aktualisiert, die spezifisch für die jeweilige Kultur sind. Es werden Gesten vollzogen, die als symbolische Handlungen per se an den Kulturrahmen gebunden sind. Außerhalb dieses Rahmens könnten diese von anderen Kulturen missverstanden werden, weil sie nicht über die nötigen, in Kulturen immanenten Dekodierungsmöglichkeiten verfügen. Somit können kulturelle Konflikte im Sport begründet werden. Es erklärt, wie im Sport ein abgegrenzter Raum entsteht, in dem sich zwei unterschiedliche Kultursyste- me gegenüberstehen, die sich allein schon aufgrund ihrer Körpersprache nicht verstehen können.

3. Fußball-WM 2006: Mega-Event - Kulturspektakel - national kodiertes Ereignis

„Die Welt zu Gast bei Freunden“ (Blatter 2005 Grußwort zur Weltmeister- schaft 2006 zit. in Wernecken/Bacher 2006: 214). Der offizielle Slogan zur 18. Fußball-WM belegt bereits eindrucksvoll, welche Erwartungen, Wünsche und Ziele von Seiten der Initiatoren bestehen. Es geht nicht ausschließlich um einen sportlichen Wettkampf, einen friedlichen Kräftevergleich der Nationen, sondern insbesondere stehen politische Ziele im Rampenlicht. Man möchte sich die Völker verbindende Funktion eines internationalen Turniers zu eigenen machen, um mit alten Vorurteilen und Stereotypen über Deutschland aufzuräumen (vgl. Wernecken/Bacher 2006: 214f):

„2006 bietet sich den Deutschen die Möglichkeit, mit einer ganzen Reihe von Kli- schees und vorgefassten Meinungen über Deutschland aufzuräumen. Die Welt wird sehen können, was für ein wunderbares Land Deutschland tatsächlich ist: die Schönheit und Vielfältigkeit der Landschaft, das reiche kulturelle Erbe und nicht zu letzt die Freundlichkeit und der Humor der Menschen“ (Blatter 2005 zit. in Werne- cken/Bacher 2006: 214).

Dahinter steht die Idee Deutschland als besonders weltoffenes, tolerantes und gastfreundliches Land zu vermitteln und dahingehend zu inszenieren (vgl. Wernecken/Bacher: 214f). Neben dem historischen Schatten, der über Deutschland liegt, ist die deutsche Bevölkerung bisher nicht primär für ihre Gastfreundschaft bekannt. Abgezäunte Kleingärten, von Schäferhunden bewacht, symbolisieren ein ganz anderes Deutschland.

Im folgenden Abschnitt möchte ich die Besonderheiten der Fußball-WM her- ausarbeiten und zeigen, dass dieses Ereignis einen ganz besonderen Fest- rahmen darstellt, der einen Mix von Interessen und Einflussfaktoren mit sich bringt und insbesondere die Mehrdimensionalität dieses Turniers unter- streicht.

Zunächst werde ich die WM als performatives (Spaß-) Ereignis im E- ventrahmen kenntlich machen sowie die besondere nationale Kodierung des Ereignisses hervorheben. Anschließend wird die Bedeutung der WM für die deutsche Gesellschaft als nationales Gedächtnis geklärt. Letztlich werden die Fußballfans in ihrer Bedeutung und Wirkung erfasst, um zu klären wie Gemeinschaft erzeugt wird und ob sich dadurch integrative Prozesse ableiten lassen, die eben auch auf eine interkulturelle Verständigung bzw. Annäherung von Migranten und der deutschen Gesellschaft hinweisen.

3.1. Ein Ereignis mit Mega-Dimensionen

Fußball liegt in Deutschland mit seiner Popularität weit vor anderen Sportar- ten und man kann ihn daher als Volksport bezeichnen (vgl. Holtz-Bacha 2006: 6). Die Weltmeisterschaft ist somit die Krönung der sportlichen Ereig- nisse, die sich alle vier Jahre wiederholt. Die WM ist längst viel mehr als nur ein Sportereignis oder normaler, internationaler Wettkampf. Es ist eine Ver- anstaltung mit „Mega-Dimensionen“ (vgl. Wernecken/Bacher 2006: 218), die ein Milliardenpublikum anspricht.

Nach einer Umfrage des TNS Infratest interessieren sich 64% aller Deutschen für die Weltmeisterschaft 2006 (TNS Sport Juni 2004 zit. in Wer- necken/Bacher 2006: 219). Besonders bei den Endrunden von Weltmeister- schaften und Europameisterschaften werden viele Zuschauer erreicht, die sich sonst eher weniger für den Fußballsport als solchen interessieren. All- gemein gelten internationale Turniere als so genannter "common meeting ground" des Fernsehpublikums, als gemeinsame Begegnungsstätte, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt (Holtz-Bacha 2006: 6f). Weiterfüh- rend sind sie im besonderen Maße dazu geeignet, "die affektiven Bindungen an die (politische) Gemeinschaft zu erneuern und zu bestätigen“(a.a.O.). Zu- schauer aller Bevölkerungsschichten versammeln sich und fiebern mit ihrem Nationalteam mit, somit entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das identitätsstif- tend ist (Holtz-Bacha 2006: 7). Diese große Aufmerksamkeitsaktivierung macht deutlich, welchen Impact die Fußball-WM hat. Es wird dadurch ebenfalls deutlich, welche Möglichkeiten sich hier für die verschiedensten Parteien aus Wirtschaft und Politik eröffnen.

Ingesamt lässt sich ein Mix von Interessen und Einflussfaktoren bescheinigen, bei der die „Weltmeisterschaft zugleich Plattform und Anlass ist“ (Wernecken/Bacher 2006: 217).

3.2 Event: Spaß-, Spiel- und Medienereignis

Um sich der Fußball-WM als solche zu nähern und ihren Rahmen abzustecken, werde ich sie zunächst als Event definieren.

Events werden allgemein als eine spezielle Form des Festes definiert, das sich bestimmter kultureller und ästhetischer Mittel bedient, um ein ein- zigartiges Erlebnis zu erzeugen (vgl. Hepp/Vogelgesang 2003: 15). Dabei sollen insbesondere Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl zwi- schen den Teilnehmern vermittelt werden (a.a.O.). Weiterhin sind Events „performativ-interaktive Veranstaltungen […], die raumzeitlich verdichtet sind und eine hohe Anziehungskraft für relativ viele Menschen haben“ (a.a.O). Events sind folglich, nach der Vorstellung von Ronald Hitzler, besonders ge- eignete "Kollektiv-Vehikel", welche die Teilnehmer aus der Routine des All- tags herausholen und sie "zeitweilig an symbolisch vermittelten, mehrkanali- gen Sinnenfreuden […] partizipieren [lässt]" (Hitzler 2000: 403 zit. in Hepp/Vogelgesang 2003: 15).

Bedeutendes Element bei der Definition von Events ist der Spaßaspekt, oder wie man nach Gerhard Schulze sagen muss, der Aspekt einer erlebnisorientierten Gesellschaft bzw. „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze 1993 zit. in Hepp/Vogelgesang 2003: 16). Nach diesem Verständnis suchen die einzelnen Gesellschaftsmitglieder als „Manager ihres Erlebens“ gezielt Situationen auf, die ein kalkulierbares Spaß-Erlebnis garantieren

(Hepp/Vogelgesang 2003: 16). Events bedienen diese Spaßorientierung im hohen Maße, weswegen sie zu einem festen Bestandteil der gegenwärtigen Kultur geworden sind (a.a.O.).

Die beiden Autoren Andreas Hepp und Waldemar Vogelgesang bezeichnen diese spezielle Forme des Festes, in ihrem gleichnamigen Buch, als Populäre Events, da ein „Spezifikum der Populärkultur der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften das Erleben von Vergnügen ist“ (a.a.O). Doch was bedeutet Popkultur für die beiden Autoren?

[...]

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Deutschland ein Integrationsmärchen. Die fotografischen Darstellungen türkischer Migranten zur Fußball-WM 2006 in der deutschen Tagespresse.
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.7
Autor
Jahr
2007
Seiten
118
Katalognummer
V186614
ISBN (eBook)
9783869435961
ISBN (Buch)
9783656993803
Dateigröße
3083 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutschland, integrationsmärchen, darstellungen, migranten, fußball-wm, tagespresse
Arbeit zitieren
Dipl. Soz. Sebastian Wergin (Autor), 2007, Deutschland ein Integrationsmärchen. Die fotografischen Darstellungen türkischer Migranten zur Fußball-WM 2006 in der deutschen Tagespresse., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186614

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