Die Bundesregierung hat bei der Pressekonferenz am 6. Dezember zum offiziellen Abschlussbericht der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht nur einen finanziellen Erfolg, sondern auch einen positiven Imagezuwachs für Deutschland bilanziert. Tatsächlich wurde in den deutschen Medien im Zusammenhang mit der Fußball-WM über ein neues Wir-Gefühl, über ein neues Bewusstsein der Bevölkerung, vielleicht schon so etwas wie Nationalstolz oder Patriotismus berichtet. Diese neue Deutschland-Euphorie wurde auch den Migrantinnen und Migranten attestiert. Mit Verlauf der WM wurden vornehmlich türkische Mitbürger, also jene Gruppe, die bislang als "Integrationsmuffel" galten, als Deutschlandfans dargestellt und erhielten somit ein neues Pro-Deutschland-Image. Muslimische Frauen mit Deutschlandkopftuch und Ladenbesitzer, die ihren Dönerimbiss oder ihr Teehaus mit der Deutschlandfahne schmückten, waren mit einem Schlag sichtbar integriert und fühlten sich, wenn man den Berichterstattungen Glauben schenkt, als ein Teil von Deutschland.
Hat König Fußball innerhalb von vier Wochen das erreicht, worüber Politiker Jahre lang debattieren? Ist das Fußballwunder komplett, "Deutschland. Ein Integrationsmärchen", oder war der Fußballsommer reinster "Partyotismus", ein rauschendes Fest der Nationalitäten, das einen deutschen Patriotismus aus einer Partylaune heraus erzeugte, der mit Ende der Festlichkeiten Tag für Tag schwächer wird?
In meiner Arbeit geht es um die Darstellung der türkischen Migranten zurzeit der Fußball-WM 2006. Ziel ist es, die verschiedenen Abbildungen bzw. Fotografien in deutschen Tageszeitungen während der WM zu dokumentieren und sie nach ihrer Bedeutung mittels der Bild-Text-Methode von Stefan Müller-Doohm zu analysieren. Im Ergebnis sollen die verwendeten Repräsentationspraktiken erforscht werden, um die eventuelle Inszenierung eines "Deutschland-Fan-Images" zu prüfen. Dabei steht weniger die allgemeine Darstellung des Fremden oder des Fußballfans als vielmehr die Inszenierung (des Integrationspotentials) der Fußball-WM im Vordergrund. Dahinter verbirgt sich die Frage: Kann Sport zwischen den Kulturen und den Menschen integrativ wirken und wie können insbesondere Sportereignisse wie die Fußball-WM diesen Integrationseffekt erzielen? Sind Sport und Sportveranstaltungen im Besonderen überhaupt das geeignete Mittel für eine Integrationsarbeit in Deutschland? Welche Bedeutung nehmen diese so genannten "cultural performances" in unserer Gesellschaft und auf die Manifestierung von Kultur ein? Die zu untersuchenden Bilder sind somit das Medium, durch das ich die Kultivierungseffekte des Sports, im Rahmen der Fußball-WM, in Augenschein nehmen werde. Lassen die Photographien Rückschlüsse auf die Integration der türkischen Migranten zu? Oder sind sie lediglich als solidarische Geste von Fußballfans zu deuten?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Teil I – Theoretischer Teil 4
1. Sport und Integration 5
1.1. Integrationshoffnung Sport 5
1.2. Interkulturelle Konflikte 7
1.3. Integration in 2-D 8
1.3.1. Systemintegration 9
1.3.2. Sozialintegration 10
1.4. (Soziale-)Integration von Migranten 11
1.5. Zusammenfassung 13
2. Sport und Gesellschaft 15
2.1. Bewegungen: Das mimetische Element im Sport 16
2.1.1. Sport als kulturelle Praxis 17
2.1.2. Gesten: symbolisch kodierte Bewegungen 18
2.2. Körper: Der Zuschauer 19
2.3. Zusammenfassung 20
3. Fußball-WM 2006: Mega-Event – Kulturspektakel – national kodiertes Ereignis 22
3.1. Ein Ereignis mit Mega-Dimensionen 23
3.2 Event: Spaß-, Spiel- und Medienereignis 24
3.3 Eine Theateraufführung 26
3.3.1 Inszenierung von Kultur 27
3.3.2 Fußball und Theater 29
3.4 Ein Fest der Nation 31
3.5 Zusammenfassung 32
4 Fußball und Gemeinschaft 33
4.2 „Religiöse“ Gemeinschaft 33
4.3 Der Sportzuschauer 34
4.3.1 Emotion 35
4.3.2 Bewegung 36
4.3.3 Geste 37
4.4 Die Nationalflagge als „heiliges“ Symbol 38
4.5 Zusammenfassung 39
Teil II – Empirischer Teil 41
5 Bildinterpretation aus kultursoziologischer Sicht 42
5.2 Bildinterpretation als struktural-hermeneutische Symbolanalyse 44
5.3 Entwicklung der Methode 45
5.4 Pressefotografie: Bedeutung und Botschaft 47
5.5 Repräsentationen über den Fremden 49
5.5.1 Differenz 49
5.5.2 Stereotypisierung 51
5.6 Eignungsprüfung des Analyseverfahrens 52
5.7 Methodisches Vorgehen 53
5.7.1 Deskriptionsanalyse (Phase I) 54
5.7.2 Rekonstruktionsanalyse (Phase II) 56
5.7.3 Kultursoziologische Interpretation (Phase III) 58
6 Analyse: Fotografien der türkischen Bevölkerung in deutschen Tageszeitungen zur WM 2006 59
6.2 Auswahl der Zeitungen 59
6.3 Auswahl des Bildmaterials 60
6.4 Ersteindrucksanalyse und Typenbildung 63
6.5 Auswahl der Prototypen 64
6.5.1 Türkische Fußballfans bei der Arbeit (Gruppe A) 64
6.5.2 Doppelfans (Gruppe B) 65
6.5.3 Verhüllte Deutschlandfans (Gruppe C) 66
6.6 Einzelfallanalyse von A 66
6.6.1 Deskriptionsanalyse 66
6.6.2 Rekonstruktionsanalyse 69
6.6.3 Kultursoziologische Interpretation 73
6.7 Einzelfallanalyse von B 74
6.7.1 Deskriptionsanalyse 74
6.7.2 Rekonstruktionsanalyse 76
6.7.3 Kultursoziologische Interpretation 78
6.7. Einzelfallanalyse von C 80
6.7.1. Deskriptionsanalyse 80
6.7.2. Rekonstruktionsanalyse 83
6.7.3. Kultursoziologische Interpretation 88
7. Fazit 90
7. Literaturverzeichnis 95
Teil III – Dokumentation 103
8. Bildmaterial nach „Familienähnlichkeiten“ 104
8.1. Gruppe A 104
8.2. Gruppe B 108
8.3. Gruppe C 111
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die fotografische Darstellung türkischer Migranten in der deutschen Tagespresse während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Ziel ist es, die verwendeten Repräsentationspraktiken zu analysieren, um zu prüfen, ob ein „Deutschland-Fan-Image“ inszeniert wurde und welche Rückschlüsse dies auf das Integrationspotenzial von Sportereignissen zulässt.
- Kultursoziologische Bildanalyse und deren Methodik
- Fußball-WM als performatives „Mega-Event“ und Kulturspektakel
- Rolle von Identität, Mimesis und nationaler Kodierung im Sport
- Wahrnehmung und Inszenierung von Integration durch Pressefotografie
- Die „religiöse“ Gemeinschaft und Bedeutung von Symbolen (z.B. Nationalflagge)
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Inszenierung von Kultur
Bis vor ca. 50 Jahren herrschte in den westlichen Geistes- und Sozialwissenschaften Einigkeit darüber, dass sich Kultur ausschließlich über Texte und Monumente artikuliert und manifestiert (Fischer-Lichte 2004: 36). Die Tatsache, dass Kultur ebenso durch performative Akte wie Rituale, Zeremonien, Feste, Spiele, Wettkämpfe, Vorträge, Konzerte etc. hervorgebracht werden kann, schien lange Zeit eine Eigenart oraler und zugleich primitiv bewerteter Kulturen zu sein (vgl. Fischer-Lichte 1998: 23).
Ausgehend von der Theaterwissenschaft entwirft Erika Fischer-Lichte eine Theorie des Performativen, die unsere zeitgenössische Kultur als eine Kultur der Inszenierung beschreibt bzw. als eine Inszenierung von Kultur (Fischer-Lichte 1998: 24). Mehr noch, es scheint als habe sich eine Erlebnis und Spektakelkultur gebildet, die sich über die „Inszenierung von Ereignissen selbst hervorbringt und reproduziert“ (a.a.O.). Doch wie konnte es dazu kommen?
Im Zuge kultureller Pluralisierungsprozesse sind Zugehörigkeitsbedingungen zu den neuen Gemeinschaftsformen zunehmend schwieriger, weil sie offener und unverbindlicher geworden sind. Daher benötigt es neue soziale Mechanismen, um sich dieser Zugehörigkeit zu versichern (vgl. Hepp/ Vogelgesang 2003: 14). Genau diese Funktion sollen diese „inszenierten Ereignisse“ erfüllen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sport und Integration: Untersucht das theoretische Potenzial des Sports als Integrationsfaktor und beleuchtet kritisch assimilative Ansätze sowie interkulturelle Konflikte im deutschen Vereinswesen.
2. Sport und Gesellschaft: Analysiert Sport als „soziale Repräsentation“ und zeigt auf, wie durch körperliche Bewegungen und Mimesis gemeinschaftsstiftende Prozesse in einer Gesellschaft entstehen.
3. Fußball-WM 2006: Mega-Event – Kulturspektakel – national kodiertes Ereignis: Betrachtet die WM als inszeniertes „Event“, das durch mediale Vermittlung und performative Akte zur Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft beiträgt.
4. Fußball und Gemeinschaft: Fokussiert auf die Fankultur und die „religiöse“ Dimension des Fußballs, in der Symbole wie die Nationalflagge zur Identitätsstiftung und Abgrenzung genutzt werden.
5. Bildinterpretation aus kultursoziologischer Sicht: Stellt die struktural-hermeneutische Analysemethode nach Müller-Doohm vor, die als Grundlage für die Untersuchung der Pressefotografien dient.
6. Analyse: Fotografien der türkischen Bevölkerung in deutschen Tageszeitungen zur WM 2006: Wendet die Methodik konkret auf das ausgewählte Bildmaterial an, unterteilt in drei Darstellungstypen, und bewertet deren Beitrag zum Integrationsdiskurs.
7. Fazit: Fasst zusammen, dass die WM zwar integrative Momente bot, die mediale Inszenierung jedoch häufig stereotype Bilder produzierte, die nicht als Beleg für nachhaltigen Integrationserfolg dienen können.
Schlüsselwörter
Fußball-WM 2006, Integration, Assimilation, Pressefotografie, Bildanalyse, Kultursoziologie, performative Inszenierung, nationale Identität, stereotype Darstellung, Migranten, Mimesis, Gemeinschaft, soziale Repräsentation, Ereignisrahmen, Bild-Text-Botschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die fotografische Darstellung von türkischen Migranten in deutschen Tageszeitungen während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und hinterfragt deren Bedeutung im Kontext der gesellschaftlichen Integrationsdebatte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen zählen die Integration durch Sport, die soziologische Theorie des „performativen Events“ (insbesondere durch Gunter Gebauer und Erika Fischer-Lichte) sowie die kritische Bildinterpretation nach der Methode von Stefan Müller-Doohm.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist die kritische Prüfung, inwieweit die mediale Berichterstattung während der WM 2006 ein „Deutschland-Fan-Image“ von Migranten inszenierte und ob diese Bilder tatsächlich auf gelungene Integration schließen lassen oder lediglich als Werbebotschaften fungierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Der Autor nutzt die struktural-hermeneutische Bildanalyse von Stefan Müller-Doohm. Hierbei werden in einer dreistufigen Interpretation (Deskription, Rekonstruktion und kultursoziologische Interpretation) Bild und Text als Einheit gedeutet.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil über Sport, Gesellschaft und Events sowie einen empirischen Teil, in dem Bildmaterial aus verschiedenen Zeitungen systematisch nach Kategorien („Familienähnlichkeiten“) ausgewertet wird.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Integration, Bildanalyse, Fußball-WM, nationale Identität, Repräsentation, Stereotypisierung, performative Aufführung und kulturelle Praxis.
Warum wird der Dönerladen als analysierter Ort besonders hervorgehoben?
Der Dönerladen dient im analysierten Bildmaterial als typischer, stereotypischer Handlungsrahmen, der für deutsche Betrachter die Identität der abgebildeten Personen als „Türken“ konstruiert und somit die Integrationsdarstellung prägt.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor hinsichtlich der Integrationsdebatte?
Der Autor warnt vor der Gleichsetzung von kurzfristiger, medial inszenierter „Event-Solidarität“ mit echter gesellschaftlicher Integration und kritisiert, dass stereotype Darstellungen die Differenz zwischen Kulturen eher zementieren als abbauen.
- Citar trabajo
- Dipl. Soz. Sebastian Wergin (Autor), 2007, Deutschland ein Integrationsmärchen. Die fotografischen Darstellungen türkischer Migranten zur Fußball-WM 2006 in der deutschen Tagespresse., Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186614