In der vorliegenden Diplomarbeit wird das noch relativ unbekannte Phänomen Psychotherapeuten als Opfer von Stalking näher betrachtet. Weltweit gibt es hierzu bisher erst wenige Untersuchungen, deren Ergebnisse im ersten Teil dieser Arbeit ausführlich beschrieben werden.
Es wird angenommen, dass es eine hohe Dunkelziffer belästigter Psychotherapeuten gibt, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, sich gegen stalkende Patienten zur Wehr zu setzen und unter der psychischen Belastung leiden, die diese Situation mit sich bringt. Das tatsächliche Ausmaß von Stalking ist, wie viele andere kriminelle Vergehen ebenfalls, nur feststellbar, wenn die Opfer davon berichten. Zwar scheinen, nach den Ergebnissen der Untersuchungen in anderen Teilen der Welt, extreme und schwer kontrollierbare Formen nur selten vorzukommen, dennoch wäre es in Anbetracht der Tatsache, dass Psychotherapeuten als Risikogruppe gelten, sinnvoll, einen genaueren Überblick über Auftretenshäufigkeit und -formen zu haben. Da es hierzu bisher in Deutschland noch keine Untersuchung gab, wurde im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit eine Befragung von Psychiatern, psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten durchgeführt, um die es im zweiten Teil der Arbeit geht.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
THEORETISCHER HINTERGRUND
II. Stalking (Überblick über allgemeine Aspekte)
1. Definitionsproblem
1.1. Klinische Definitionen
1.2. Juristische Definition
2. Opfer
3. Stalker
3.1. Motive
3.2. Verhaltensweisen
3.3. Psychisches Funktionsniveau und psychiatrische Auffälligkeiten
4. Folgen für die Opfer
III. Therapeuten als Opfer von Stalking
1. Grenzen und ethische Richtlinien einer Psychotherapie
2. Bisherige Studien
2.1. Ziele der Untersuchungen
2.2. Untersuchungsgegenstände
3. Therapeuten
3.1. Sicherheitssorgen
4. Stalker
4.1. Motive
4.1.1. Fallbeispiele
4.2. Arten von Grenzüberschreitungen beim Stalking
4.3. Psychisches Funktionsniveau und psychiatrische Auffälligkeiten
4.3.1. Pathologische Bindungsstile
4.3.2. Affektive Störungen
4.3.3. Schizophrenie bzw. Psychosen
4.3.4. Persönlichkeitsstörungen
5. Auswirkungen auf die Opfer
6. Sicherheitsmaßnahmen und Prävention
PRAKTISCHE UNTERSUCHUNG
IV. Fragestellung
V. Methoden
1. Messinstrument
2. Untersuchungsplanung und -durchführung
3. Stichprobe
VI. Ergebnisse
1. Demographische Daten der Befragten
a) Geschlecht und Alter
b) Berufserfahrung
2. Sicherheitssorgen und -maßnahmen
2.1. Zusammenhang zwischen Sorge und Sicherheitsmaßnahmen
3. Arten von Grenzüberschreitungen
a) Stalking-Verhaltensweisen
b) Kriminelle Verhaltensweisen
c) Bedrohungen und Übergriffe
3.1. Demographische Daten und Opfer-Erfahrungen
3.2. Erlebnisse und Besorgnis
4. Täter
a) Beziehung zum Therapeuten
b) Diagnosen
4.1. Geschlecht Therapeut und Täter
5. Dauer und Häufigkeit
5.1. Häufigkeit und Dauer der Vorfälle und Diagnose der Täter
6. Motive
6.1. Motive und Verhaltensweisen
7. Auswirkungen
a) Angst und Belastung
b) Impact of Event-Skala
7.1. Geschlecht der Opfer und Ausmaß der Belastung
7.2. Ausmaß der Belastung und Verhaltensweisen
8. Umgang mit der Situation
8.1. Umgang mit und Ausmaß der Grenzüberschreitungen
9. Sicherheitsmaßnahmen und Prävention
10. Informationsbedarf bzgl. geeigneter Reaktionsmöglichkeiten
VII. Diskussion
1. Ergebnisse
2. Verbesserung des Fragebogens
3. Sonstiges
VIII. Literaturverzeichnis
IX. Anhang
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Phänomen "Psychotherapeuten als Opfer von Stalking" in Deutschland, um Erkenntnisse über die Verbreitung, die Formen der Grenzüberschreitungen sowie die Auswirkungen auf die betroffenen Therapeuten zu gewinnen. Forschungsleitend ist dabei die Frage, inwieweit Psychotherapeuten im Rahmen ihrer Berufsausübung Ziel von Stalking-Handlungen werden, wie sie auf diese reagieren und welchen Informationsbedarf sie hinsichtlich präventiver Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten in kritischen Situationen haben.
- Psychotherapeuten als Risikogruppe für Stalking-Erfahrungen
- Analyse typischer Stalking-Verhaltensweisen durch Patienten
- Psychische und physische Auswirkungen auf die betroffenen Therapeuten
- Umgang von Therapeuten mit Grenzüberschreitungen und Sicherheitsbedürfnisse
- Relevanz von Präventionsmaßnahmen und Schulungen in der Ausbildung
Auszug aus dem Buch
I. Einleitung
„Dear Dr. Orion, I was surprised, flattered, by your interest, since I know you and Dr. J. are an item. Hope we can pursue, but if you don´t respond, I´ll understand.“
So lautete ein Brief, den die Psychiaterin Dr. Doreen Orion erhielt. Absenderin war Fran Nightingale, eine 38jährige Frau, die bis zum Vortag in der geschlossenen psy chiatrischen Abteilung eines Krankenhauses 2 Wochen lang behandelt worden war.
Dr. Orion schenkte dem Brief keine besondere Beachtung. Warum sollte sie auch? Zwar war sie verwundert darüber, dass ihre Patientin sie als „interessiert“ wahrge nommen hatte, in einer offenbar über professionelles Interesse hinausgehenden Art und Weise. Auch fragte sie sich, woher Fran Nightingale von ihrer Beziehung zu einem anderen Arzt wusste. Aber schließlich enthielt der Brief weder eine Drohung noch eine Frage oder eine Aufforderung, der sie zwingend nachkommen musste. Im Gegenteil: es hieß ja, wenn sie nicht reagierte, würde ihre ehemalige Patientin akzeptieren, dass es keinen weiteren Kontakt geben wird. Damit könnte man auch das Missverständnis in Bezug auf das Interesse auf sich beruhen lassen.
Alles in allem ein Brief, den man getrost ignorieren kann, was Dr. Orion dann auch tat. Wie hätte sie zu dem Zeitpunkt auch ahnen können, dass das nur der erste Brief war - der Erste von Hunderten. Der Auftakt zu einer mehrjährigen Flut von Nachrich ten und Anrufen, täglicher Beobachtung, Verfolgung und Kontrolle. Die damit verbun dene Angst, Wut und Hilflosigkeit - weder Ignorieren noch Bitten noch einstweilige Verfügungen, nicht einmal ein Umzug in einen anderen Staat konnten die ehemalige Patientin davon abbringen, sich der Psychiaterin zu nähern - veranlassten Dr. Orion letztlich dazu, ihre Erfahrungen in einem Buch festzuhalten: „I know you really love me“. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches (1997) dauerte das Stalking bereits 8 Jahre.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Problematik durch ein Fallbeispiel, das die Tücke von Stalking im Kontext der therapeutischen Beziehung verdeutlicht.
II. Stalking (Überblick über allgemeine Aspekte): Theoretische Fundierung des Stalking-Begriffs, der verschiedenen Stalker-Typologien und der allgemeinen Auswirkungen auf Opfer.
III. Therapeuten als Opfer von Stalking: Untersuchung der spezifischen Risikofaktoren für Therapeuten, ethische Herausforderungen und Überblick über bisherige Studien zum Thema.
IV. Fragestellung: Darstellung der Zielsetzung der vorliegenden Untersuchung zur Exploration des Phänomens bei deutschen Therapeuten.
V. Methoden: Beschreibung des Fragebogens, der Auswahl der Stichprobe in Osnabrück und des methodischen Vorgehens bei der Datenerhebung.
VI. Ergebnisse: Ausführliche Darstellung der Befragungsergebnisse zu Demographie, Art der Grenzüberschreitungen, Reaktionen der Täter und Auswirkungen auf die Therapeuten.
VII. Diskussion: Kritische Reflexion der Ergebnisse, Einordnung in den internationalen Kontext und Ausblick auf notwendige Verbesserungen in der Ausbildung.
Schlüsselwörter
Stalking, Psychotherapeuten, Patient, Grenzüberschreitung, therapeutische Beziehung, Sicherheitssorgen, Prävention, Erotomanie, psychische Belastung, Opferrolle, Patientenbeziehung, Berufsrisiko, Patienten, psychiatrische Auffälligkeiten, Psychotherapieausbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, dass Psychotherapeuten Opfer von Stalking durch ihre Patienten oder deren Angehörige werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Definitionsprobleme von Stalking, verschiedene Motive von Stalkern, die spezifische Dynamik in der therapeutischen Beziehung sowie die Auswirkungen auf die betroffenen Therapeuten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, die Aufmerksamkeit auf die Problematik zu lenken, da Therapeuten aufgrund ihrer Empathie und Professionalität ein erhöhtes Risiko tragen, und durch eine eigene Datenerhebung einen Überblick über die Lage in Deutschland zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine explorative Befragung von Psychotherapeuten und Psychiatern in Deutschland mittels eines strukturierten Fragebogens.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Hintergrund über Stalking im Allgemeinen und einen speziellen Teil zu Therapeuten als Opfer, gefolgt von der praktischen Untersuchung mit Ergebnisdarstellung und Diskussion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit den Begriffen Stalking, Psychotherapeuten, therapeutische Beziehung, Grenzüberschreitungen, Opferrolle und Prävention zusammenfassen.
Wie unterscheidet sich Stalking gegenüber Therapeuten von anderen Formen?
Bei Therapeuten resultiert Stalking oft aus der besonderen Dynamik der professionellen Hilfeleistung, wobei Patienten die professionelle Zugewandtheit fälschlicherweise als privates Interesse missverstehen oder aufgrund von Rachegefühlen nach Therapieabbrüchen handeln.
Warum ist das Thema in der therapeutischen Ausbildung so wichtig?
Die Ergebnisse zeigen, dass viele Therapeuten sich unvorbereitet fühlen und erst durch Vorfälle lernen, wie mit extremen Grenzüberschreitungen umzugehen ist; daher wird eine frühzeitige Vermittlung von Präventionsstrategien in der Ausbildung gefordert.
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- Svenja Engbrink (Autor), 2009, Psychotherapeuten als Opfer von Stalking, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186704