Die Schweiz stellt insgesamt ein sehr interessantes Forschungsgebiet in Bezug auf Sprachen dar, da sie über vier Nationalsprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch) verfügt (vgl. Dürmüller, 1996, 11) und es dort verstärkt zu Sprachkontakten kommt. Die Sprachensituation im Tessin stellt innerhalb der Schweiz zudem ein sehr interessantes Untersuchungsgebiet dar, da es sich um eine mehrheitlich italienischsprachige Region handelt, in der jedoch auch das Deutsche als Minderheitensprache vorhanden ist und eine wichtige Rolle spielt. Deutsch und Italienisch stehen im Tessin in besonderem Maße in Kontakt, da das Deutsche in Bezug auf die Schweiz insgesamt und auch in verschiedenen Wirtschaftszweigen des Tessins sehr bedeutsam ist und andererseits das Italienische die Muttersprache der überwiegenden Mehrheit der Bewohner des Kantons darstellt (vgl. Petralli, 1991). Die beiden Sprachen stellen somit, je nachdem welches Gebiet man betrachtet (Gesamtschweiz oder Tessin), jeweils Minderheits- oder Mehrheitssprachen dar. Interessant ist, zu untersuchen, wie sich in heutiger Zeit der Sprachkontakt auf die beiden Sprachen auswirkt. In dieser Arbeit werden hierzu tessinische Zeitungen beider Sprachen anhand einer primär synchronen Vorgehensweise auf Sprachkontaktphänomene hin untersucht. Zeitungsartikel spiegeln das tägliche Leben stets recht aktuell wieder und sollten in einer Sprache verfasst sein, die korrekt jedoch nicht literarisch ist (vgl. SEM 65, 41), was Zeitungen geeignet erscheinen lässt, um sprachliche Veränderungen zu untersuchen.
Diese Arbeit zum deutsch-italienischen Sprachkontakt im Tessin ist, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ein Versuch, die Theorie zur Interferenz im Sprachkontakt anhand von Zeitungstexten anzuwenden. In Kapitel 2 wird zunächst etwas genauer darauf eingegangen, was Sprachkontakt bedeutet und welche sprachlichen Phänomene daraus resultieren können. Kapitel 3 dient dazu, die sprachliche Situation im Tessin etwas genauer zu beleuchten und im vierten Kapitel werden zunächst Vorgehensweise und Materialien der Untersuchung der Zeitungsartikel dargelegt und anschließend die Ergebnisse vorgestellt. Das letzte Kapitel stellt eine kurze Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse dar.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sprachkontakt
3 Sprachkontaktsituation im Tessin
4 Untersuchung des Sprachkontakts anhand von Zeitungsartikeln
4.1 Entlehnungen
4.1.1 Deutsche Entlehnungen ohne erkennbare Genuszuordnung
4.1.2 Deutsche Lehnwörter: semantische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.3 Deutsche Lehnwörter: semantische und morphologisch phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.4 Deutsche Lehnwörter: morphologisch-phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.5 Italienische Entlehnungen ohne erkennbare Genuszuordnung
4.1.6 Italienische Lehnwörter: semantische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.7 Italienische Lehnwörter: semantische und morphologisch phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.8 Italienische Lehnwörter: morphologisch-phonologische Kriterien der Genuszuordnung
4.1.9 Genuszuordnung bei hybriden Zusammensetzungen in der TZ
4.2 Voranstellung der Adjektive im CdT
5 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen des deutsch-italienischen Sprachkontakts in der Schweiz, speziell im Kanton Tessin, anhand einer synchronen Analyse von Zeitungsartikeln. Ziel ist es, auf Basis soziolinguistischer Voraussetzungen und der Theorie zur Interferenz im Sprachkontakt zu prüfen, wie sich lexikalische Entlehnungen und grammatische Transferphänomene, wie etwa die Genuszuordnung von Lehnwörtern oder die Adjektivstellung, in tessinischen Printmedien manifestieren.
- Deutsch-italienischer Sprachkontakt im Kanton Tessin
- Analyse von Sprachkontaktphänomenen in Zeitungen (TZ und CdT)
- Untersuchung von Genuszuweisungen bei Lehnwörtern
- Grammatische Interferenzen wie die Adjektivstellung
- Soziolinguistische Einordnung der Tessiner Sprachsituation
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Deutsche Entlehnungen ohne erkennbare Genuszuordnung
In folgendem Beispiel ist das Genus nicht erkennbar, da kein Artikel zugeordnet wurde. Der entlehnte Begriff wird auf Italienisch erklärt:
• È Kate Winslet, ieri protagonista alla Berlinale con gran parte del cast di The Reader, a parlare del personaggio che interpreta nel film di Stephen Daldry, tratto dal romanzo di Bernhard Schlink, il primo libro tedesco ad arrivare, nel 1999, in cima alle classifiche del New York Times. (...) Vergangenheitsbewältigung: «lotta per venire a patti col proprio passato». È questo il termine tedesco: il passato al quale fa riferimento è naturalmente quello della guerra e del nazismo. (CdT, 07.02.2009, 31)
Das folgende Beispiel zeigt eine deutsche Entlehnung, die hervorgehoben, jedoch nicht erklärt wurde. Der Autor ging wohl davon aus, dass es sich um einen Begriff handle, der von den Lesern verstanden würde:
• Il post-diploma quale «Wirtschaftsingenieur» è stato pure molto importante. (CdT, 05.02.2009, 35)
Im Folgenden wurden deutsche Namen in den italienischen Text integriert, ohne sie hervorzuheben. Leider ist aufgrund der vokalischen Anlaute nicht erkennbar, welcher Artikel und somit welches Genus den Begriffen zugeordnet wurde:
• Un’idea alla quale Ponti sta pensando da quando ha letto del futuro dell’Axenstrasse. (CdT, 20.02.2009, 25)
• Tutt’altra ricompensa, invece, per il direttore d’orchestra inglese Thomas Aclés (...), per l’Orchester der Oper Zürich, per il coro (Chor der Oper Zürich) diretto da Ernst Raffelsberger e per tutti i cantanti: (...). (CdT, 21.02.2009, 29)
• L’identificazione dello scultore è stata possibile grazie al confronto con una serie di benefattori conservati presso l’Antikenmuseum di Basilea. (CdT, 20.02.2009, 20)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die sprachliche Situation in der Schweiz und im Tessin als Forschungsgebiet und definiert das Ziel der Arbeit, Sprachkontaktphänomene anhand von Zeitungsartikeln zu untersuchen.
2 Sprachkontakt: Dieses Kapitel definiert Sprachkontakt, Interferenz, Lehnwörter sowie die Mechanismen des lexikalischen Transfers und führt in die theoretischen Grundlagen der Genuszuordnung bei Lehnwörtern ein.
3 Sprachkontaktsituation im Tessin: Hier wird die soziolinguistische Situation des Tessins beschrieben, wobei das Verhältnis zwischen Italienisch, Deutsch und dem Italiano Regionale Ticinese sowie der soziale Bilingualismus ohne Diglossie beleuchtet werden.
4 Untersuchung des Sprachkontakts anhand von Zeitungsartikeln: Der Hauptteil analysiert Hypothesen zu Entlehnungen und grammatischer Interferenz anhand der „Tessiner Zeitung“ und des „Corriere del Ticino“, wobei Genuszuordnungen und Adjektivstellungen untersucht werden.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Ergebnisse der Arbeit, bestätigt die Hypothesen zu lexikalischen Entlehnungen und Genuszuordnungen und diskutiert die grammatischen Interferenzen sowie Möglichkeiten für zukünftige Studien.
Schlüsselwörter
Sprachkontakt, Tessin, Italienisch, Deutsch, Lehnwörter, Genuszuordnung, Zeitungsartikel, Interferenz, Zweisprachigkeit, Soziolinguistik, Adjektivstellung, Sprachvariation, Transfer, Schweizer Mehrsprachigkeit, Morphologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den sprachlichen Kontakt zwischen Deutsch und Italienisch im Kanton Tessin, unter besonderer Berücksichtigung der in Zeitungsartikeln auftretenden Interferenzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Integration deutscher Begriffe ins Italienische (und umgekehrt), die Genuszuweisung bei Lehnwörtern sowie die abweichende Stellung von Adjektiven im italienischen Zeitungstext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, Hypothesen über Sprachkontaktphänomene anhand einer korpusbasierten Analyse aktueller tessinischer Printmedien zu überprüfen und theoretische Ansätze der Migrationslinguistik anzuwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine primär synchrone Vorgehensweise, bei der ausgewählte Zeitungsartikel der „Tessiner Zeitung“ und des „Corriere del Ticino“ analysiert und mittels linguistischer Wörterbücher und Grammatiken ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse lexikalischer Entlehnungen – kategorisiert nach Genuszuordnungsregeln (semantisch, morphologisch-phonologisch) – sowie die Untersuchung grammatischer Interferenzen, wie die Voranstellung von Adjektiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sprachkontakt, Tessin, Interferenz, Lehnwörter, Genuszuordnung, Soziolinguistik und Mehrsprachigkeit beschreiben.
Wie beeinflusst das Deutsche das Italienische im Tessin laut der Analyse?
Der Einfluss zeigt sich vor allem in der Übernahme von Lehnwörtern und hybriden Zusammensetzungen, wobei die italienische Oberflächenstruktur weitgehend intakt bleibt, jedoch semantische Unterschiede durch den kulturellen Transfer entstehen.
Welche Rolle spielen Zeitungen bei der Sprachkontaktforschung?
Zeitungen spiegeln das aktuelle tägliche Leben wider und müssen korrekt, aber nicht literarisch sein, was sie zu einem geeigneten Material für die Untersuchung sprachlicher Veränderungen und der Akklimatisierung neuer Begriffe macht.
Was besagt die Hypothese zur Genuszuordnung?
Die Hypothese postuliert, dass die Genuszuweisung hierarchisch erfolgt, wobei semantische Kriterien (wie das natürliche Geschlecht oder Referenzwörter) Vorrang vor morphologisch-phonologischen Kriterien haben.
Warum weichen Adjektive im Corriere del Ticino von der Norm ab?
Die Autorin deutet an, dass der starke deutsch-italienische Sprachkontakt eine Rolle spielt, da im Deutschen Adjektive stets dem Nomen vorangestellt werden, was als potentielle Quelle für Interferenz im Italienischen fungiert.
- Citar trabajo
- Dipl.-Betriebswirtin (BA) und M.A. Gisa Becker (Autor), 2009, Sprachkontakt Deutsch-Italienisch im Tessin - am Beispiel von Zeitungsartikeln , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186741