Person Siegfried Bernfelds und der Weg von der Jugendbewegung zur Psychoanalyse


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Von der J ugendbewegung zur Psychoanalyse
2.1 Die Jugendbewegung - Wandervogel und Wiener Bewegung
2.2 Bernfelds Rolle im Zionismus
2.3 Die Psychoanalyse - Rolle und Sichtweise Bernfelds
2.4 Erziehung bei Bernfeld und die Rolle der Psychoanalyse darin
2.4.1 Erziehung als eine schwierige Aufgabe
2.4.2 Verwahrlosten-Pädagogik bei Bernfeld.

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Siegfried Bernfeld (1892-1953) war ein Mann mit vielen Gesichtern, der in dreierlei Hinsicht Außenseiter war: er war Jude, Sozialist und Psychoanalytiker. Gerade diese Außenseiterrollen ermöglichten es ihm jedoch auch, die Welt mit anderen Augen als andere zu sehen und neue Dimensionen zu erschließen. Er war im Laufe seines Lebens sowohl charismatischer Führer der Jugendbewegung, engagierte sich für die jüdische Jugend und setze sich für den Zionismus ein. Zudem war er praktizierender Psychoanalytiker und Gesellschaftskritiker und veröffentlichte Arbeiten zu sehr unterschiedlichen Themen. Diese Arbeit bietet einen groben Überblick über das Leben und Werk Bernfelds, wobei vor allem sein Engagement für die Jugend hervorgehoben wird. Dieser Überblick soll verdeutlichen, wie vielseitig Bernfeld war und in welcher Form er sich für die einzelnen Themen engagierte. Es soll zudem aufgezeigt werden, wie Bernfeld die unterschiedlichen Bereiche miteinander verband.

Im zweiten Kapitel werden zum einen die verschiedenen oben bereits erwähnten Bereiche, in denen Bernfeld sich im Laufe seines Lebens engagiert hat, genauer dargestellt und gegebenenfalls die Verbindungen zwischen den Themen verdeutlicht und parallel dazu die wichtigsten Lebensdaten Bernfelds genannt. In Kapitel 2.4 werden die Leistungen Bernfelds als Pädagoge und seine Theorien zur Pädagogik dargestellt. Im dritten Kapitel werden die Ergebnisse noch einmal kurz zusammengefasst.

2 Von der Jugendbewegung zur Psychoanalyse

In diesem Kapitel soll das Leben und Werk Bernfelds dargestellt werden. Seine Arbeiten lassen sich dabei sowohl zeitlich als auch inhaltlich grob in drei Bereiche unterteilen: zunächst sein Engagement für die Jugendbewegung, anschließend für den Zionismus und am Ende für die Psychoanalyse. Parallel dazu arbeitete er als Pädagoge worauf in Kapitel 2.4 speziell eingegangen wird. Zwischen den einzelnen Bereichen gibt es Überschneidungen, die in den verschiedenen Unterkapiteln mit dargestellt werden.

2.1 Die Jugendbewegung - Wandervogel und Wiener Bewegung

Die Jugendbewegung begann sich Ende des 19. Jahrhunderts zu formieren, so dass Bernfeld, der 1892 in Lemberg/Galizien geboren wurde und bei Wien aufwuchs, diese Zeit voll miterlebte. In dieser Zeit versuchten Jugendliche der bürgerlichen Schichten sich im Generationenkonflikt als eine selbstständige gesellschaftliche Kraft zu definieren und sich von den festgefahrenen Normen der Gesellschaft zu distanzieren. Die älteste und stärkste Organisation der damaligen Jugendbewegung nannte sich „Wandervogel“ und wurde 1898 von Berlin aus gegründet. Es handelte sich zunächst um ein Zurückkehren zur Natur in Form von Ausflügen der Jugendlichen, wobei sich der Protest, der von dieser Organisation ausging, im Laufe der Jahre steigerte.

Bernfeld hatte bereits auf dem Gymnasium, das er von 1902 bis 1911 besuchte, Kontakt zu Gustav Wyneken, welcher 1906 die „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“ gründete. Wynekens Ideen zur Jugendgemeinde prägten Bernfeld sehr, so dass er in seiner Studienzeit (1911-1915) Anführer einer weitaus radikaleren Jugendbewegung in Wien wurde, wo die starke Unterdrückung der Jugendlichen zu vielen Selbstmorden geführt hatte. Diese Bewegung wurde vorwiegend von jüdischen höheren Schülern, psychologischen Revolutionären und den ärmsten Schülern vorangetrieben. Einer von Bernfelds Anhängern hebt besonders sein mitreißendes Aussehen, die ruhige, verhaltene Art, sein umfassendes Wissen und seine Begabung für Gemeinschafts- und Organisationsarbeit hervor.[1] Er hatte das Talent, die Bedürfnisse der Jugendlichen in einem radikalen Ton darzustellen und die Jugendlichen zu führen.[2]

Der Höhepunkt der Protestbewegung wurde 1913 erreicht. Hierzu kam es, da zum einen im Mai die erste Ausgabe von „Der Anfang. Zeitschrift der Jugend“ erschien, was von vielen Seiten als skandalös empfunden wurde. Bernfeld war mit Walter Benjamin zeitweilig Redakteur dieser Zeitschrift. Des Weiteren trafen im Oktober Studenten in Breslau zusammen, um Fragen zum Thema „Jugend“ zu diskutieren. Ein weiteres wichtiges Ereignis dieses Jahres war, dass am 11. und 12. Oktober zum ersten Mal der Freideutsche Jugendtag am Hohen Meißner von Anhängern der Jugendbewegung gefeiert wurde. Hierbei wurde die berühmte „Meißnerformel“ geprägt:[3]

„Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“[4]

Diese Formel spiegelt die konfliktscheue Haltung der Wandervögel und die Einstellung Wynekens wider. In Wien stimmte man mit diesem sehr engen Protest nicht überein und formulierte die Ziele der Jugendbewegung wesentlich politischer:[5]

„... daß wir es wagen hinter jener Unbefriedigung des Einzelnen ein allgemeines Uebel zu sehen, daß wir bewußt unsre Lage, die Lage der Jugend betrachten, ihren Zusammenhang mit der ganzen Ordnung der Welt, des Staates, der Gesellschaft zu erfassen trachten und Lösungen suchen, die nicht allein uns befriedigen, sondern die erlösen.“[6] Es ging der Wiener Jugendbewegung somit darum, den Zusammenhang zwischen Jugendlichen und Gesellschaft bzw. ihrem Umfeld zu erforschen, um sich durch das Verständnis der bestehenden Verhältnisse von diesen zu befreien.

Die Wandervögel tabuisierten im Gegensatz zur Wiener Bewegung sowohl homo- als auch heterosexuelle Bedürfnisse, obwohl sie offiziell genau gegen diese Tabuisierung waren. Es ist jedoch zu sagen, dass es auch bei den Wandervögeln unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema gab und es so zur Spaltung innerhalb der Bewegung kam. Dagegen trat die Wiener Bewegung gegen die monogame Ehe und für die „Berechtigung und Notwendigkeit der völligen Promiskuität“[7] ein. Die „Freie Liebe“ galt aufgrund dessen bereits als Zeichen der Wiener Bewegung, noch lange bevor sie es war.[8] Die weit verbreitete Zeitschrift „Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen“ stellte einen Zusammenhang zwischen der Jugendbewegung und der Psychoanalyse her. Die Psychoanalyse hätte den Jugendlichen als theoretische Grundlage dienen können, die sexuellen Tabus abzubauen. Dies war jedoch nicht der Fall, so dass die sexuelle Revolution rein theoretisch blieb.[9]

1913 wurde das „Akademische Comité für Schulreformer“ (A.C.S) von Bernfeld gegründet, das ein Propaganda- und Diskussionsforum darstellte. Schüler und Studenten hatten dort die Möglichkeit, ihre Ideen rund um die Jugend zu diskutieren und gegebenenfalls umzusetzen. Diese Sprechsäle waren in der damaligen Zeit eine große Errungenschaft für die Jugendlichen, die zuvor in der Gesellschaft nichts zu sagen hatten. Die Idee, einen Sprechsaal für Diskussionen bereitzustellen, verbreitete sich auch in andere Städte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich „Der Anfang. Zeitschrift der Jugend“ zu einem periodisch erscheinenden Heft entwickelt. Die Inhalte führten zu Angriffen einiger Politiker gegen die Jugendbewegung und insbesondere Wyneken, den Redakteur, da sie die Gefahr des Autoritätsverlusts für die Politiker bargen.[10]

April bis Juli 1914 war eine sehr turbulente Phase der Jugendbewegung, die detailliert in tagebuchähnlichen Aufzeichnungen eines Jugendlichen festgehalten ist. Aus diesen Aufzeichnungen gehen auch kleinere Aktionen im Rahmen der Jugendbewegung hervor und es wird deutlich, wie einzelne Bereiche organisiert waren und die Sitzungen der Vereinigung verliefen. Beispielsweise wird beschrieben, dass festgelegt wurde, wer welche Zeitungen auf Angaben zur Jugend und Jugendbewegung durcharbeitete und die wichtigen Informationen an die restlichen Mitglieder des A.C.S. weitergeben sollte. Auch sollten alle Mitglieder an den gegnerischen Versammlungen teilnehmen und es wurde ein Vervielfältigungsamt gegründet, in dem innerhalb von 24 Stunden beliebig viele Exemplare einer Flugschrift o.ä. erstellt werde konnten. Besonders deutlich wird jedoch auch der Kampf „der Gesellschaft“ gegen die Jugendbewegung. Beispielsweise wurden Gerüchte über Aufforderungen zum Geschlechtsverkehr in den Sprechsälen verbreitet und in Predigten wurde vor der Jugendbewegung gewarnt.[11]

[...]


[1] Vgl. Müller, 1995, S. 37 f

[2] Vgl. Fallend, 1992, S. 50 f

[3] vgl. Fallend, 1992, S. 48 f

[4] Engelhardt, 1923, S. 60

[5] Vgl. Fallend, 1992, S. 49

[6] Bernfeld, 1917, S. 2

[7] Fallend, 1992, S. 50

[8] Jungmann, 1936, S. 687

[9] Fallend, 1992, S. 53 f

[10] Vgl. Fallend, 1992, S. 54

[11] Vgl. Fallend, 1992, S. 56 ff

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Person Siegfried Bernfelds und der Weg von der Jugendbewegung zur Psychoanalyse
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V186744
ISBN (eBook)
9783869435077
ISBN (Buch)
9783656991991
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
person, siegfried, bernfelds, jugendbewegung, psychoanalyse
Arbeit zitieren
Dipl.-Betriebswirtin (BA) und M.A. Gisa Becker (Autor), 2005, Person Siegfried Bernfelds und der Weg von der Jugendbewegung zur Psychoanalyse , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186744

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