Die Konsequenzen des europäischen Parallelhandels mit Arzneimitteln auf die pharmazeutische Industrie - aus der Sicht eines ausgewählten Arzneimittelherstellers


Bachelorarbeit, 2010

76 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Parallelhandel mit Arzneimitteln in der EU
2.1 Grundlagen
2.1.1 Definition und Begriffsabgrenzung
2.1.2 Ursachen für die Entstehung von Parallelhandel
2.1.3 AuswirkungendesParallelhandels
2.2 Die Besonderheiten der Importbranche
2.2.1 Charakteristika
2.2.2 Die Entwicklung der wichtigsten Importmärkte
2.3 Bewertung von Parallelhandel
2.3.1 Vorteile und Chancen
2.3.2 NachteileundRisiken
2.4 RechtlicheRahmenbedingungen
2.5 Möglichkeiten zur Reduzierung des Parallelhandels
2.5.1 EuropäischerPreiskorridor
2.5.2 Produktdifferenzierung
2.5.3 Duales Preissystem
2.5.4 Kontingentierung der Liefermenge
2.5.5 Lieferverzicht
2.5.6 Direkte Distribution
2.5.7 Teilzusammenfassung

3. Parallelhandel mit Produkten der XY AG
3.1 Die XY AG
3.2 Analyse derParallelhandelsströme
3.3 KalkulationdesUmsatzverlustes
3.4 Analyse und Bewertung der Möglichkeiten zur Reduzierung des Parallelhandels
3.4.1 Europäischer Preiskorridor
3.4.2 Produktdifferenzierung
3.4.3 DualesPreissystem
3.4.4 Kontingentierung der Liefermenge
3.4.5 Lieferverzicht
3.4.6 Direkte Distribution
3.4.7 Empfehlung

4. Fazit

Glossar

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

[Verzeichnis unternehmensinterner Quellen]

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb.1 Ablauf des Parallelhandels

Abb.2 Umsätze und Mitarbeiterzahl des deutschen Importmarkts seit 1998

Abb.3 Umsätze und Marktanteile der Importe in Dänemark 2000 - 2009

Abb.4 Umsätze undMarktanteileder Importe inEngland 2000-2009

Abb.5 Europäischer Preiskorridor

Tabellenverzeichnis

Tab.l Übersichtzurterritorialen Erschöpfung

Tab.2 Ergebnis der Analyse zum Parallelhandel bei der XY AG

Tab.3 Der Umsatzverlust für die XY AG durch Parallelhandel von Januar 2009bisJuni 2010

Tab.4 Produkt A: verkaufte Mengen und Preise in Österreich, Deutschland und Italien in 2009

Tab.5 ProduktA:UmsatzverlustdurchEuropäischenPreiskorridor

Tab.6 Umsätze in den Exportländern der XY AG

Tab.7 Vor- und Nachteile der Strategien zur Begrenzung von Importen

1. Einleitung

Der Parallelhandel mit Arzneimitteln boomt. Dieses Jahr feiert der deutsche Parallelhandel sein 35-jähriges Jubiläum. Mit zunehmender Annäherung der europäischen Staaten entstand aus einer unsicheren Geschäftsidee, die Preisunterschiede für Medikamente innerhalb der EU auszunutzen, ein etablierter Nischenmarkt. In Deutschland werden derzeit täglich 60.000 parallelimportierte Arzneimittel in den Apotheken abgegeben.[1] Auch die Zukunft des Paral­lelhandels scheint vielversprechend: Steigende Ausgaben im Gesundheitswesen veranlassen die Politik zur gezielten Förderung von Parallelhandel. Daher gibt es in fast allen hochpreisi- gen EU-Ländern Gesetze, die die Abgabe von parallelimportierten Arzneimitteln stimulieren und so zu Einsparungen im Gesundheitssystem führen sollen.

Mit wachsendem Einfluss des Parallelhandels wächstjedoch auch der Druck auf die Pharma- branche: sinkende Margen müssen die kontinuierlich steigenden Forschungs- und Entwick­lungskosten decken, um auch in Zukunft die Profitabilität zu gewährleisten. Demzufolge ist es dringend notwendig, sich als Arzneimittelhersteller mit dem Thema Parallelhandel aktiv auseinanderzusetzen und im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten geeignete Strategien zu entwickeln.

In der vorliegenden Arbeit sollen die Auswirkungen des Parallelhandels mit Arzneimitteln auf die pharmazeutische Industrie am Beispiel der XY AG dargestellt werden. Darauf basie­rend werden mögliche Handlungsoptionen diskutiert und es wird eine Empfehlung gegeben, wie die XY AG künftig dem Parallelhandel begegnen sollte.

Dazu wird zuerst der Parallelhandel mit Arzneimitteln innerhalb der EU unter theoretischen Aspekten betrachtet. Zunächst wird der Leser in die Grundlagen des Parallelhandels und die Spezifika der Importbranche eingeführt. Dabei wird kurz auf die Entstehung der Preisunter­schiede innerhalb der EU eingegangen - eine ausführliche Betrachtung der Angebotsseite soll jedoch nicht Bestandteil der Arbeit sein. Im folgenden Teil werden die Standpunkte der verschiedenen Interessengruppen, v. a. die von Parallelhändlern, Gesundheitsorganisationen und Herstellern, gegenübergestellt. Auf die öffentliche Diskussion um den Nutzen bezie­hungsweise das Risiko von Parallelhandel mit Arzneimitteln soll in dieser Arbeit nur einge­schränkt eingegangen werden, da der Fokus auf der Sicht der Hersteller liegen soll. Anschließend wird das rechtliche Spannungsfeld des Parallelhandels dargestellt: Einerseits der Grundsatz des freien Warenverkehrs innerhalb der EU, andererseits der Schutz von Mar­kenrechten des Herstellers.

Abgeleitet aus den rechtlichen Rahmenbedingungen werden danach die theoretischen Hand­lungsoptionen der Pharmaindustrie zur Begrenzung des Parallelhandels erläutert.

Der zweite Teil der Arbeit setzt sich mit dem Parallelhandel mit Produkten der XY AG aus­einander. Nach einer kurzen Vorstellung des Unternehmens sowie der Charakteristika des Marktes erfolgt die Analyse der Parallelhandelsströme. Darauf basierend wird anschließend der Umsatzverlust für die XY AG kalkuliert. Im letzten Abschnitt werden nun die möglichen Strategien zum Umgang mit Parallelhandel thematisiert. Dabei wirdjede Handlungsalternati­ve hinsichtlich ökonomischer und rechtlicher Konsequenzen kritisch betrachtet. Dazu werden auch Beispiele von konkurrierenden Pharmaunternehmen herangezogen, die bereits Maß­nahmen zur Beschränkung des Parallelhandels unternommen haben. Mögliche Schwierigkei­ten hinsichtlich der Realisierbarkeit werden ebenso in die Betrachtungen mit einbezogen. Als Ergebnis der Ausführungen wird eine Strategie vorgeschlagen, wie die XY AG in Zukunft das Thema Parallelhandel in adäquater Weise handhaben sollte.

2. Der Parallelhandel mit Arzneimitteln in der EU

2.1 Grundlagen

Zum Einstieg in die spezifische Thematik des Parallelhandels werden zunächst die wesentli­chen Begriffe erläutert. Anschließend werden die wichtigsten Ursachen und Auswirkungen dieser Handelsform zusammengefasst.

2.1.1 Definition und Begriffsabgrenzung

Parallelhändler nutzen Preisunterschiede bei Arzneimitteln innerhalb der EU gewinnbringend aus: Sie importieren Arzneimittel aus Ländern mit geringen Preisen, um sie anschließend in Ländern mit relativ hohen Preisen zu verkaufen. Damit lässt sich Parallelhandel als „Import identischer Produkte desselben Herstellers außerhalb (parallel) der offiziellen Ver­triebskanäle des Herstellers.“2 definieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ablauf des Parallelhandels

Quelle: Eigene Abbildung, in Anlehnung an: VfA (2002), (siehe Internetverzeichnis).

Der Arzneimittelhersteller verkauft - selbst, durch ein Tochterunternehmen oder einen Li­zenznehmer - das Produkt in den Markt, in der Regel an einen dort ansässigen Großhändler. Dieser beliefert neben den Apotheken zur Abdeckung des lokalen Marktes auch den Parallel­händler oder exportiert selbst in das Ausland. Teilweise werden die Importeure auch von den Apotheken beliefert. Bevor das Medikament in das Zielland importiert werden darf, muss es „angepasst“ werden: neue Etikettierung, Umpacken (bei veränderter Packungsgröße) und Hinzufügen des Beipackzettels in der Sprache des Importlandes. Nach erfolgreicher Anmel­dung des Parallelimports im Zielland und beim Hersteller darf der Parallelhändler das Arz­neimittel über den Großhändler wieder in den regulären Verkehr bringen. Dabei tritt er in Preiswettbewerb mit dem Original des Herstellers (Intrabrand - Wettbewerb)3.

Im Zusammenhang mit Parallelhandel stößt man häufig auch auf die Begriffe Parallelimport, Reimport, Grauimport und grenzüberschreitender Handel.

Während Parallelimporte alle parallel gehandelten Produkte umfasst, stellen Reimporte eine Untergruppe dar. Sie wurden im Inland produziert, durch den Hersteller ins Ausland gebracht und an den dortigen Großhandel verkauft. Durch Parallelhändler werden die Produkte zurück ins Inland transportiert, also reimportiert. Das Schlagwort Grauimport wird synonym mit Parallelimport verwendet; es deutet jedoch gleichzeitig einen rechtlichen „Graubereich“ an: das Produkt wurde von dem Parallelhändler außerhalb der „offiziellen“ Vertriebsstruktur auf einem vom Hersteller nicht gewollten Markt eingeführt. Dennoch ist Parallelhandel ein lega­les Geschäft und von der EU gewollt und gefördert. Der Begriff des grenzüberschreitenden Handels wird zumeist vom Parallelhandel im engeren Sinne abgegrenzt:

Er bezeichnet Warenströme, die nicht offiziell als Parallelimporte angemeldet werden, aber faktisch diese darstellen, z.B. die Importe aus Kanada in die USA. Denn die Wiedereinfuhr von Arzneimitteln in die USA ist nur durch den Hersteller, nicht aber durch Dritte, gestattet. Zum grenzüberschreitenden Handel zählen z.B. auch deutsche Urlauber in Griechenland, die dort preisgünstiges Aspirin auf Vorrat erwerben und nach Deutschland einführen.4

2.1.2 Ursachen für die Entstehung von Parallelhandel

Parallelhandel basiert auf dem Grundprinzip des freien Warenverkehrs innerhalb der EU und unterstützt damit die Entwicklung eines gemeinschaftlichen Binnenmarktes. Der Gesund­heitsmarkt ist geprägt durch eine hohe nationale Regulierung und zeigt daher große Unter­schiede zwischen den EU-Staaten. Parallelhandel nutzt die (Preis)-unterschiede und soll lang­fristig zu einer Angleichung der Märkte (Arbitrage-Effekt) und einer Stärkung des Wettbe­werbs führen. Damit ist Parallelhandel aus Sicht der Europäischen Kommission eine „wichti­ge Triebfeder der Marktintegration5 “und wird von der EU z.B. durch entsprechende gesetzli­che Rahmenbedingungen gefördert.

Noch gibt es signifikante Preisunterschiede innerhalb des europäischen Binnenmarktes; je nach Medikament können sich die Herstellerabgabepreise stark unterscheiden6.Sie bilden die Grundlage für Parallelhandel und basieren auf verschiedensten Faktoren, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen.

Eine Hauptursache für die Preisunterschiede liegt in der (unterschiedlichen) Regulierung der Gesundheitssysteme. Die Staaten wollen einerseits allen Bevölkerungsgruppen Zugang zu innovativen Arzneimitteln ermöglichen, andererseits aber auch die Kosten des Systems ge­ring halten.

Angesichts wachsender Staatsdefizite in ganz Europa greift der Gesetzgeber zunehmend in die Preisgestaltung der Hersteller ein.[7] Dies kann entweder durch direkte oder indirekte Preiskontrolle erfolgen. Die Fixierung von Arzneimittel(höchst)preisen sowie Preisverhand­lungen stellen Formen direkter Regulierung dar. So werden beispielsweise in Griechenland und Belgien die Herstellerabgabepreise von einer Behörde zentral festgelegt. Jegliche Ände­rungen bedürfen einer staatlichen Genehmigung. In anderen europäischen Ländern, z.B. Frankreich und Finnland, ergeben sich die Preise als Resultat von Verhandlungen zwischen einer staatlichen Behörde und den Pharmaunternehmen.

Außerdem kann die Verwendung von Referenzpreisen angeordnet werden: die Medikamen- tenpreise richten sich dann nach international und national vergleichbaren Präparaten. Weite­re gängige Instrumente sind per Gesetz verordnete Preissenkungen sowie zeitlich begrenzte Preisbindungen (Preismoratorium).8

Neben den direkten Maßnahmen kann der Staat auch indirekt Einfluss auf die Arzneimittel­preise durch das Festbetragssystem nehmen. Dabei ist zunächst der Pharmahersteller in seiner Preissetzung frei. Tatsächlich wird er sich aber am Erstattungspreis der gesetzlichen Kran­kenkasse, festgelegt durch den Staat, orientieren. Denn verlangt das Pharmaunternehmen einen höheren Preis als die Erstattungsgrenze, so muss der Patient die Preisdifferenz voll­ständig selbst tragen. Das führt zu einer drastischen Änderung der Preiselastizität: Ist die Nachfrage aus Sicht des Patienten unterhalb des Erstattungspreises noch stark unelastisch, wird sie oberhalb des Festbetrages deutlich elastischer. So kommt es zur Angleichung der Arzneimittelpreise einer Wirkstoff-/ Festbetragsgruppe aufNiveau des Erstattungspreises.[9] Aufgrund national unterschiedlicher Regulierungen entstehen zwangsläufig unterschiedliche Preise. Dieser Effekt wird durch die Preisdiskriminierung des Herstellers noch verstärkt. Er hat in der Vergangenheit hohe Investitionen für Forschung und Entwicklung getätigt. Diese müssen nun durch entsprechend hohe Deckungsbeiträge wieder erwirtschaftet werden. In Niedrigpreisländern wie Griechenland können teilweise nur Preise knapp oberhalb der Grenzkosten durchgesetzt werden. In Ländern mit relativ freier Preisgestaltung, z.B. Deutschland, ist es daher für den Hersteller notwendig, hohe Gewinnmargen zu erzielen. Darüber hinaus tragen auch unterschiedlich hohe Handelsmargen zu einer deutlichen Preis­spanne bei. Relevant sind dabei besonders die Margen der Großhändler, die innerhalb der EU zwischen 2 % und 10 % des Apothekeneinkaufspreises ausmachen.[10] Nicht zuletzt haben auch Wechselkurse einen Einfluss auf die Preisunterschiede innerhalb Europas und damit auf die Entwicklung der Parallelhandelsströme. So wurde z.B. England mit sinkendem briti­schem Pfund aus dem Importland Nummer eins zu einem wichtigen Exportmarkt. [11] Um für die Parallelhändler ein attraktives Geschäft zu ermöglichen, reichen schon Preisunter­schiede von ca. einem Euro je Verkaufseinheit[12] aus. Da sie - im Gegensatz zur Pharmain­dustrie - ein generell geringeres Risiko tragen und die Branche durch eine geringe Wert- schöpfung geprägt ist, kalkulieren die Händler häufig mit geringen Margen von unter 3 %.[13]

2.1.3 Auswirkungen des Parallelhandels

Der Parallelhandel betrifft neben den Importeuren selbst hauptsächlich zwei Interessengrup­pen: die nationalen Gesundheitsbehörden und die Pharmaindustrie.

Auf der einen Seite erhoffen sich die nationalen Regierungen Einsparungen in den Gesund­heitssystemen. Hohe Defizite zwingen die Gesetzgeber zu radikalen Sparmaßnahmen. Neben Generika bieten parallelimportierte Arzneimittel die einzige Möglichkeit, in Preiswettbewerb mit dem Original des Herstellers zu treten. Teilweise profitieren die Konsumenten auch di­rekt von den Einsparungen. Auf der anderen Seite beklagen die Pharmahersteller einen finan­ziellen Schaden durch Parallelhandel, weil sich die Marktabsätze von hochpreisigen Ländern in Länder mit niedrigeren Medikamentenpreisen verlagern. Außerdem warnt die Industrie vor Arzneimittelfälschungen und möglichen Schwierigkeiten bei Rückrufaktionen und Haftung der Hersteller.[14]

Die EU betrachtet die Auswirkungen des Parallelhandels aus einer übergeordneten Perspekti­ve. Das EU-Parlament hebt die Vorteile eines europäischen Binnenmarktes hervor und sieht durch Parallelhandel eine Möglichkeit zur Annäherung der Gesundheitssysteme. Andererseits wird, seit Arzneimittelfälschungen auch innerhalb der EU aufgetaucht sind, zunehmend die Patientensicherheit in den Fokus gerückt und auf einen Zusammenhang mit Parallelimporten hin untersucht.

2.2 Die Besonderheiten der Importbranche

Nach den Grundlagen soll nun ein intensiverer Blick auf die Parallelimporteure geworfen werden. Denn um schlussendlich die Handlungsoptionen der XY AG als Reaktion auf den Parallelhandel zu diskutieren, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit dem Umfeld der Im­porteure.

Zunächst werden die allgemeinen Einflussfaktoren für Parallelhandel sowie die Besonderhei­ten, die diese Form des Handels mit sich bringen, erläutert. Anschließend wird kurz die Marktsituation in den wichtigsten Importländern beschrieben, und zwar in Deutschland, Dä­nemark und England. Auf die Situation in den Exportländern wird im Zusammenhang mit möglichen Maßnahmen der Pharmaindustrie zur Begrenzung von Parallelhandel im Gliede­rungspunkt 2.5 eingegangen.

2.2.1 Charakteristika

Neben den Originalherstellem und den Generikafirmen gelten die Parallelhändler als fester Marktbestandteil. Sie sind in besonderem Maße von den Umweltbedingungen, d.h. den ande­ren Marktteilnehmern sowie den gesetzlichen Grundlagen, abhängig. Die wichtigsten Ein­flussfaktoren für den Parallelhandel sind:[15]

1. der Preis

- Die Preisdifferenz zwischen Ex- und Importland ist der wichtigste Einflussfaktor; er bildet die Existenzgrundlage der Branche und ist Ausgangspunkt jeglicher Kal­kulation und Strategieplanung der Händler.

2. der Importmarkt

- Die Parallelhändler gehen von einem direkten Zusammenhang zwischen der Ge­samtgröße des pharmazeutischen Marktes und den verkauften Parallelimporten aus. Daher orientieren sich die gehandelten Produkte an den Absatzzahlen der O­riginalhersteller im Importland, d. h. für Parallelhandel muss der Markt im Import­land ausreichend groß sein.[16]
- Außerdem spielt auch die Akzeptanz der Importe bei Patienten und Apothekern eine wichtige Rolle. Diese wiederum ist abhängig z.B. von finanziellen Anreizen und der öffentlichen Meinung/ Presse.

3. die gesetzlichen Rahmenbedingungen

- die Vereinheitlichung des europäischen Binnenmarktes/ Förderung der Warenver­kehrsfreiheit Je homogener die europäischen Gesundheitsmärkte strukturiert sind, desto kom­fortabler ist die Arbeit für den Parallelhändler, z.B. bei der Arzneimittelzulassung.
- nationale Gesundheitsvorschriften Der Aufwand der Importeure, insbesondere beim Umpacken und Etikettieren, hängt auch von nationalen Gesetzen in den Importländern ab. So müssen z.B. bei speziellen Produkten Informationsbroschüren den Verpackungsinhalten beigefügt werden.[17]
- die gesetzliche Förderung von Parallelhandel durch die Gesundheitspolitik

In vielen europäischen Ländern wie Deutschland wird Parallelhandel systematisch durch den Gesetzgeber gefördert, z.B. durch die Vorgabe von Quoten.[18]

- die Urteile des EuGH zum Thema Parallelhandel und die damit verbundenen Handlungsspielräume der Hersteller

Viele Pharmahersteller haben bereits Maßnahmen zur Begrenzung des Parallel­handels ergriffen und damit den Bezug der Produkte in den Exportländern er­schwert. Argumentierend mit der Warenverkehrsfreiheit klagten die Importeure und bekamen teilweise Recht; teilweise wurden jedoch auch den Herstellern Spielräume, z.B. bei der Gestaltung der Lieferketten, zugesprochen.[19]

Die Parallelhändler haben versucht, sich auf die vielfältigen Einflussfaktoren einzustellen und ihr Geschäft zu optimieren. Als Hauptproblem gilt nach wie vor die Situation auf den Beschaffungsmärkten: die Importeure sind häufig nicht in der Lage, die Nachfrage der Im­portländer zu decken. Die Großhändler der Exportländer sind zunächst verpflichtet, den loka­len Bedarf an Arzneimitteln zu decken, so dass die Parallelhändler das nehmen müssen, was „übrig bleibt“[20]. Sie sind auf enge Zusammenarbeit mit den Großhändlern angewiesen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor der Branche ist damit die stetige Identifizierung neuer Bezugs­quellen, z.B. über geeignete Fachmessen. Nur durch enge Kontakte können die Importeure an größere Packungsmengen gelangen: jeweils mehr als 100 Lieferantenbeziehungen aus den verschiedensten Ländern Europas werden durch die Einkaufsabteilungen gepflegt. In Bezug auf die Importeure selbst ist die Branche recht übersichtlich und wird von Mittelständlern geprägt.[21]

Um eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften, setzen die Parallelhändler zunehmend auf teurere Spezialprodukte. Seit 2004 hat sich der durchschnittliche Packungspreis eines Imports auf rund 74 € mehr als verdoppelt[22]. Dabei spielen immer mehr die „nicht-klassischen“ Me­dikamente eine Rolle, z.B. Injektionen, Spezialtherapeutika (häufig „hospital only products“) sowie Arzneimittel, die entlang der gesamten Lieferkette gekühlt werden müssen.[23]

Durch Spezialisierung auf derartige Produkte werden nicht nur höhere Margen erwirtschaftet, sondern es werden auch die Hauptmarken der Originalhersteller (und damit diverse Liefer strategien, die den Bezug der Produkte erschweren sollen) umgangen.[24]

Das Portfolio der Importeure umfasst in der Regel 500 bis 2000 Produkte. Dabei verteilen sich die Produkte zu etwa gleichen Teilen auf patentgeschützte und nicht patentgeschützte Produkte. Generika nehmen mit einem Anteil von 3 % nur eine untergeordnete Rolle ein, da bei diesen keine ausreichenden Marge erzielbar ist.

Der Hauptvertriebsweg der Importeure ist der pharmazeutische Großhandel. Weniger als 10 % des Umsatzes werden nach Angaben der Branche direkt mit Apotheken erzielt. Dabei nut- zen, bis auf wenige Ausnahmen, alle großen Anbieter einen eigenen Außendienst.[25]

Um die Anliegen der Branche bestmöglich durchzusetzen, haben sich die europäischen Paral­lelhändler in einer Vereinigung zusammengeschlossen. Die EAEPC (European Association of Euro - Pharmaceutical Companies) vertritt die Interessen der Branche gegenüber den nati­onalen Regierungen, den Gesundheitsorganisationen, dem EU-Parlament sowie der Öffent­lichkeit. Außerdem informiert die Organisation über die Vorteile eines freien Warenverkehrs innerhalb Europas sowie über Einsparpotentiale durch Parallelhandel. Ebenso sollen risiko­reiche Gesetzesvorschläge frühzeitig in der Diskussion entkräftet werden, so dass sie nie den Gesetzesstatus erreichen. So sorgte z.B. ein Vorstoß des EU-Kommissars Günter Verheugen 2008 für Empörung innerhalb der Branche: er wollte zum Schutz vor Fälschungen ein EU - weites Umpackverbot für Arzneimittel durchsetzen. Das hätte das Ende für die gesamte Branche bedeutet. Die Lobby konnte jedoch den Entwurf stoppen - bis heute wurde kein derartiger Vorschlag mehr diskutiert.[26]

Auch in der aktuellen Diskussion zur Gesundheitsreform in Deutschland sind Parallelimpor­teure rege beteiligt. Ab 1. August 2010 werden die Zwangsrabatte für Arzneimittel von 6 auf 16 % erhöht. Außerdem war eine Abschaffung der Importquote[27], die die Apotheken zur Ab­gabe preisgünstiger Importe verpflichtet, von Gesundheitsminister Rösler geplant. Die Lobby der Parallelhändler konnte zunächst die Erhöhung der Zwangsrabatte auch für Importe nicht verhindern. Daraufhin kündigte Kohlpharma, Deutschlands größter Importeur, den Abbau von 150 Stellen an. Die Lobbyisten konnten jedoch einen Teilerfolg erzielen: Statt einer Ab­schaffung der Importquote, soll diese von 5 auf 10 % erhöht werden.

Das Gesundheitsministerium erhofft sich dadurch die Realisierung von Einsparungen in Hö- he von 100 Mio. €jährlich[28]. Dies istjedoch als unrealistisch einzuschätzen, da die tatsächli- 2Q che Importquote im deutschen GKV-Markt bereits bei ca. 12% (wertmäßig) liegt.[29]

Allein diese beiden Gesetzesvorschläge verdeutlichen die Unsicherheit der Importbranche. Sie ist anfälliger als andere Industriebranchen, da sie von vielfältigen Umweltfaktoren ab­hängig ist, die die Parallelhändler nur in begrenztem Maße beeinflussen können. Daher ist auch der Blick in die Zukunft recht ungewiss:

Einerseits wird der Kostendruck auf die Gesundheitssysteme weiter zunehmen, so dass die Importeure auch auf zukünftige gesetzliche Förderung hoffen dürfen. Andererseits sind sie immer auf ausreichend große Preisdifferenzen angewiesen. Zunächst ergeben sich durch EU- Erweiterungen von Niedrigpreisländern neue Potentiale auf den Beschaffungsmärkten der Parallelhändler. Bei einer Angleichung der Gesundheitssysteme und -standards in Europa könnten diese Preisunterschiede jedoch in Zukunft dahinschmelzen. Ebenso müssen die ge­setzlichen Möglichkeiten erhalten bleiben. Da der Schutz des freien Warenverkehrs eine Pri­orität für die Europäische Union ist, sollte der gesetzliche Rahmen für Importe auch in Zu­kunft erhalten bleiben.

2.2.2 Die Entwicklung der wichtigsten Importmärkte

In den vergangenen Jahren erfolgte der Parallelhandel entlang einer Ost-West-Achse und, in geringerem Umfang, einer Süd-Nord-Direktion. Typische Quellen für die Parallelhändler waren damit Griechenland, Tschechien, Ungarn, Polen und Spanien. Die Produkte wurden nach Deutschland, England, Niederlande und Skandinavien importiert. Heute gibt es ein der­artiges Preisgefälle innerhalb Europas nicht mehr - „gekauft wird, wo bestimmte Produkte günstig zu haben sind“[30]. Die hochpreisigen Zielländer sind im Wesentlichen identisch geblieben. Deutschland ist dabei das Hauptimportland mit über 50 % des gesamten Import­umsatzes.[31]

Dort nahm auch die Erfolgsgeschichte des Parallelhandels seinen Anfang: Dem österreichi­schen Apotheker Andreas Mohringer fielen in einer englischen Apotheke die nationalen Preisunterschiede bei Arzneimitteln auf und er gründete den ersten Parallelhandel „Eurim“. Damals war das Geschäftsmodell aufgrund der inhomogenen Märkte noch recht risikoreich.

Erst in den folgenden Jahrzehnten wuchs ein europäischer Binnenmarkt für Medikamente, basierend auf einer Harmonisierung der nationalen Gesetze, z.B. bei der Zulassung von Arz­neimitteln und Importen.

Heute sind allein in Deutschland 18 Parallelhändler angemeldet, welche zusammen ca. 36 Mio. Packungen im Gesamtwert von 2,6 Mrd. € liefern. Der Branchenpionier Eurim ist heute der drittgrößte Importeur Deutschlands; Marktführer ist mit knapp 1 Mrd. € Umsatz Kohlpharma/ MTK-Pharma[32]. Ähnlich der Umsätze nahm in den letzten Jahren auch die Zahl der Mitarbeiter in der deutschen Importbranche stark zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Umsätze und Mitarbeiterzahl des deutschen Importmarkts seit 1998 Quelle: VAD (2009), S. 79.

Der wertmäßige Marktanteil der parallelimportierten Arzneimittel stieg im betrachteten Zeit­raum von 1998 bis 2009 von 2 auf 12 %. [33] Teilweise übersteigt der Umsatz des Parallelim­ports den Umsatz des Originalproduktes des Herstellers. Die Ursache für die rasante Ent­wicklung der Importe liegt in der gezielten staatlichen Förderung: bereits seit 1989 sind die Apotheker laut § 129 Abs. 1 Nr. 2 SBG V zur Abgabe von preisgünstigeren importierten Medikamenten verpflichtet. Die aus der Importklausel basierenden Einsparungen blieben jedoch deutlich hinter den Erwartungen der Krankenkassen zurück, so dass 2004 die Im- port(abgabe)quote hinzugefügt wurde: Apotheker sind verpflichtet, 5 % des Fertigarzneimit­telumsatzes pro Krankenkasse mit preisgünstigen Importarzneimitteln zu erzielen.

Der Apothekenverkaufspreis muss dabei mindestens 15 % oder 15 € günstiger sein als das entsprechende Original des Herstellers.[34] Bei Nichterreichen der Vorgabe ist eine „Strafzah­lung“ an die Krankenkassen fällig. Um den Preisabstand zu erzielen, haben sich deutsche Parallelhändler auf hochpreisige Spezialarzneimittel spezialisiert, so handelt z.B. CC Pharma ausschließlich mit Onkologie-Produkten.[35]

Die neu eingeführte Quotenregelung mit Mindestpreisabständen führte 2004 zu deutlichen Einschnitten; der deutsche Markt für Importe schrumpfte um ca. 30 % - erholte sich jedoch vollständig und wuchs weiter über dem Markt, selbst im Wirtschaftskrisenjahr 2009. Aktuell diskutiert die deutsche Politik eine Erhöhung der Importquote auf 10 % sowie eine Verände­rung des minimalen Preisabstandes zwischen Original und Import.[36]

Neben Deutschland ist Dänemark ein wichtiger Importmarkt, der aller Voraussicht nach auch in Zukunft noch stark wachsen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Umsätze und Marktanteile der Importe in Dänemark 2000 - 2009 Quelle: [Interne Daten]

Die Umsätze der in Dänemark abgegebenen Importe stiegen von 2000 bis 2009 um 150 % auf ein Niveau von über 250.000 €. Das stetige Wachstum des Importmarktes ist auf die kon­sequente staatliche Förderung zurückzuführen. So wird in Dänemark der Vergütungsbetrag auf das günstigste aller wirkstoffgleichen Arzneimittel beschränkt.

Dieses kann entweder ein Originalprodukt, ein Generikum oder ein Parallelimport sein. Wählt der Patient nicht das günstigste Medikament der Wirkstoffgruppe, muss er die Diffe­renz selber tragen. Durch finanzielle Anreize und Transparenz (alle Preise sind im Internet öffentlich zugänglich) fördert die Gesundheitspolitik das Preisbewusstsein der Endverbrau­cher und damit auch den Parallelhandel. Allerdings wird auch der Konkurrenzdruck der Im­porteure untereinander erhöht, der günstigste Anbieter auf dem Markt zu sein. Falls ein Arzt kein Import-Substitut wünscht, muss er das speziell begründen.[37]

Bis 2005 war England das wichtigste Importland innerhalb Europas. Vor allem getrieben durch finanzielle Anreize für Apotheker verdoppelte sich das Handelsvolumen von 2000 bis 2004.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Umsätze und Marktanteile der Importe in England 2000 - 2009 Quelle: [Interne Daten]

Mit den 2005 gesetzlich verordneten „price cuts“ von 7 % bei allen Medikamenten, entwi­ckelten sich die Importe rückläufig. Als Alternative zu einer ganzheitlichen Preisänderung konnten die englischen Pharmahersteller selbst innerhalb ihrer Produktpalette die Preissen­kungen gewichten. Dabei wählten sie häufig Marken aus, die besonders von Parallelhandel betroffen waren.

Zusätzlich zu den „price cuts“ ließen eine hohe Anzahl auslaufender Patente sowie ein zu­nehmend schwacher Euro-Wechselkurs das nationale Preisniveau weiter sinken. Seit 2007 entwickelt sich England damit immer mehr zu einem Exportland. Mit erneuten „price cuts“ von 3,9 % bzw. 1,9 % in 2009 und 2010 durch das NHS (National Health Service) wird Eng­land auch weiterhin als Exportland attraktiv bleiben[38]. Die pharmazeutische Industrie fürchtet nun ein Abfließen von Arzneimitteln in den hochpreisigen US-Markt. Dort sind Importarz­neimittel zwar seit 1987 verboten. Jedoch hat der Kongress 2009 ein Gesetzesvorhaben zur Zulassung von Importen aus bestimmten Ländern, u. a. den EU-Mitgliedsstaaten und Kana­da, vorgelegt. Außerdem haben bereits einige Kommunen - trotz des aktuellen Verbotes - begonnen, ihre Angestellten mit preisgünstigeren Arzneimitteln aus Kanada zu versorgen. Setzt sich dieser Trend zugunsten der Importe weiter fort, bietet der Export aus England in die USA ein riesiges Potential für die Parallelhändler. Zum einen sind die Preisunterschiede deutlich größer als innerhalb der EU. Zum anderen ermöglicht dieselbe Sprache einen gerin­geren bis gar keinen Aufwand beim Umpacken der Medikamente und die Produkte könnten per Seehandel kostengünstig transportiert werden.

Die in England ansässige Pharmaindustrie hat daher bereits Strategien entwickelt und im eng­lischen Markt implementiert, um dem Parallelhandel proaktiv entgegenzuwirken. Eine Maß­nahme war z.B. die Einführung eines Direktvertriebes. Dieses System als mögliche Strategie zur Begrenzung von Parallelhandel wird zu einem späteren Zeitpunkt genauer analysiert.[39]

2.3 Bewertung von Parallelhandel

Im folgenden Kapitel soll kurz auf die kontroverse Diskussion der Importarzneimittel einge­gangen werden. Dabei werden die Sichtweisen von Parallelimporteuren und Gesundheitsor­ganisationen dem Standpunkt der Hersteller gegenübergestellt.

2.3.1 Vorteile und Chancen

Mit wachsenden Kosten der europäischen Gesundheitssysteme wird auch die Finanzierbar­keit von innovativer Medizin für alle Patienten verstärkt diskutiert. Das bietet ein ideales Umfeld für die Lobby der Importeure, die Vorzüge des Parallelhandels zu publizieren. Nach Ansicht des Verbands der Arzneimittelimporteure Deutschlands (VAD) generieren Parallel­importe Einsparungen in Millionenhöhe und sorgen für einen gesunden Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt.

Die Kosten für die Gesundheitssysteme können gesenkt werden, ohne dass der Patient auf Qualität verzichten muss. Denn das importierte Medikament ist dasselbe Markenprodukt, welches auch der Hersteller im Importland vertreibt.[40]

Man unterscheidet direkte und indirekte Einsparungen für das Gesundheitssystem:

11 direkt

- Versicherungen

Die Gesundheitsversicherung spart Kosten durch die, im Vergleich zum Original, geringeren Preise der importierten Arzneimittel.

- Apotheken

Die erzielten Gewinne der Apotheken sind abhängig von den nationalen Vorschrif­ten: teilweise erhalten sie finanzielle Anreize zur bevorzugten Abgabe von Importen, teilweise existieren fixe Margen und die Apotheken werden gesetzlich zur Abgabe der parallelgehandelten Arzneimittel gezwungen.[41]

- Patienten

Die Patienten profitieren von stabileren Gesundheitsbeiträgen und, je nach Arznei­mittel, von einem geringeren Eigenbeitrag. Teilweise kann sich auch die Rezeptge- bühr vermindern, wenn eine Substitution durch einen Import stattfindet.[42]

2) indirekt

Außerdem werden indirekte Einsparungen durch das Vorhandensein eines Wettbe­werbers generiert, denn die Pharmaindustrie optimiert die Preisstrategie nicht mehr monopolistisch. Ohne Importe kann der Hersteller während der Patentlaufzeit den höchstmöglichen Preis erzielen, der durch den Kostenträger erstattet wird. Durch Pa­rallelhandel kommt nun eine Alternative zum Originalprodukt auf den Markt, so dass sich die Preispolitik des Herstellers auch an der Konkurrenz ausrichten muss.[43]

Zur Bestimmung der Höhe der durch Parallelimporte generierten direkten Einsparungen wur­den in den vergangenen Jahren drei empirische Studien durchgeführt. Sie ergaben Einsparun­gen von ca. 45 bis 700 Mio. €jährlich, was in den betrachteten Importländern etwa 1-2 % der Arzneimittelausgaben ausmacht[44].Diese Studien betrachten jedoch jeweils nur eine Stich­probe an Medikamenten sowie nur einige EU-Länder. Daher wurde eine interne Analyse an­gefertigt, die sich auf alle in den Apotheken verkauften Arzneimitteln in 12 Ländern Europas stützt. Dabei ergab sich für 2009 ein mittlerer Preisabstand zwischen Original und Import von 4,2 % (gewichtet nach Länderumsatz); in Deutschland betrug der Preisabstand 11 %. Da­durch können die deutschen Ausgaben für Arzneimittel um 0,6 % (Europa 0,2 %) gesenkt werden.Daher sind eine deutsche Importquote und weitere Gesetze zur Förderung von Im­porten hauptsächlich als politisches Instrument - und nicht als effektives Mittel zur Kosten­senkung - zu betrachten.

Weiterhin argumentieren die Befürworter des Parallelhandels dass Importe zu einer Stärkung des Wettbewerbs führen und der Zugang zu innovativer Medizin verbessert wird. Die verbes­serte Marktversorgung tritt jedoch nicht flächendeckend ein, da Importe nur in den hochprei- sigen Ländern vorliegen. In diesen Märkten wird jedoch die Versorgung stabiler, da im Falle einer out-of-stock-Situation des Originals dem Patienten Alternativen angeboten werden können. Außerdem führt eine dynamische Wettbewerbssituation zu einer beschleunigten An­näherung der europäischen Gesundheitssysteme auf dem Weg zu einem einheitlichen Bin­nenmarkt. Gegen dieses Argument äußern Kritiker jedoch Bedenken. Bereits 1991 stellte eine Untersuchung der EU-Kommission fest, dass allein durch Parallelimporte kein europäi­scher Binnenmarkt für Arzneimittel entstehen könnte. Grundvoraussetzung hierfür sei viel­mehr eine Homogenisierung der nationalen Preisregelungen.

Die Verluste der Pharmaindustrie wertet die Lobby der Parallelhändler ebenso als positives Phänomen der Wettbewerbskräfte. Denn die Hersteller werden gezwungen, ihre Ressourcen effektiver einzusetzen. Nicht zuletzt schafft Parallelhandel auch neue Arbeitsplätze und da­mit zusätzliche Steuereinnahmen für den Staat. Allein in Deutschland zählt die Branche über 3.000 Angestellte.

[...]


[1] Vgl. Verband deutscher Arzneimittelimporteure VAD (2009) (Siehe Internetverzeichnis).

[2] Douglas, Morton (2005), S.5.

[3] Vgl. Douglas, Morton (2005), S. 6f.

[4] Vgl. Douglas, Morton (2005), S. 6f.; Lieck, Stefan (2008), S. 4f.

[5] Douglas, Morton (2005), S. 64.

[6] Vgl. Anhang 1, Preisunterschiede innerhalb Europas.

[7] Vgl. Anhang 2, Staatliche Preisregulierungsmaßnahmen in ausgewählten Ländern.

[8] Vgl. Schöffski, Oliver/ Fricke, Frank-Ulrich/ Guminski, Werner (2008), S. 157ff.

[9] Vgl. Wasem, Jürgen/ Greß, Stefan/Niebuhr, Dea (2005), S. 55ff.; Stüwe, Heinz (2008), S. 17.

[10] Vgl. Anhang 3, Preisstruktur in Europa.

[11] Vgl. IMS Health (2009a), S. 10 und Lieck, Stefan (2008), S. 3f.

[12] Vgl. [Internes Gesprächsprotokoll]

[13] Vgl. Henke, Klaus-Dirk, (2010), S.3.

[14] Vgl.Asstech GmbH(2009),S. 2ff.

[15] Vgl. Toumi, Pr Mondher (2009), S. 29ff.

[16] Vgl. Anhang 5, Telefoninterviews mit deutschen Parallelhändlern.

[17] Vgl. ebenda.

[18] Vgl. VfA (2002), S. 2ff.

[19] Vgl. Kiehl, Philippe (2009), S. 240ff.

[20] Vgl. dazu Anhang 5, Telefoninterviews mit deutschen Parallelhändlern.

[21] Vgl. Hollstein, Patrick (2010b).

[22] Zum Vergleich: der durchschnittliche Packungspreis eines Arzneimittels liegt bei knapp 15 €.

[23] Vgl. Hollstein, Patrick (2010b).

[24] Vgl. Toumi, Pr Mondher (2009), S. 31.

[25] Vgl. Hollstein, Patrick (2010b).

[26] Vgl. EAEPC (2010a) (siehe Internetverzeichnis); Deutsches Ärzteblatt (2008) (siehe Internetverzeichnis).

[27] Vgl. auch 2.2.2, S.11f.

[28] Vgl. Ärzte-Zeitung (2010) (siehe Internetverzeichnis); Rauers, Janina (2010c); Müller, Alexander (2010).

[29] Vgl. IMS Health (2009a), S. 6.

[30] Hollstein, Patrick (2010b).

[31] Vgl. Douglas, Morton (2005), S. 58ff. sowie Anhang 6+7, Parallelimporte in den europäischen Zielmärkten bzw. Anteil der Parallelimporte.

[32] Vgl. Hollstein, Patrick (2010a) und (2010b).

[33] Vgl. [Interne Daten].

[34] Vgl. VfA (2010) (siehe Internetverzeichnis).

[35] Vgl. VfA (2002), S. 2ff.

[36] Vgl. Rauers, Janina (2010c).

[37] Vgl. Poget, Julien (2008), S. 13ff.; [unternehmensinterne Quellen].

[38] Vgl. Toumi, Pr Mondher (2009), S. 20ff.

[39] Vgl. Grünzweig, Clemens/ Schultes, Rainer (2009), S. 437f.; Douglas, Morton (2005), S. 77; Rauers, Janina (2010b).

[40] Vgl. VAD (20091, S. 36ff.

[41] Vgl. Kanavos, Panos / Costa-i-Font, Joan (20051, S. 15f.

[42] Vgl. Apotheke am Theater Freiburg (20101 (siehe Internetverzeichnisf

[43] Vgl. EAEPC (2010b1 (siehe Internetverzeichnis!; VAD (20091, S. 36ff; Europäische Kommission (20041, S. 8f.

[44] Vgl. Anhang 8, Studien zur Bestimmung der (direkten) Einsparpotentiale durch Parallelhandel.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Die Konsequenzen des europäischen Parallelhandels mit Arzneimitteln auf die pharmazeutische Industrie - aus der Sicht eines ausgewählten Arzneimittelherstellers
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
76
Katalognummer
V186765
ISBN (eBook)
9783656995036
ISBN (Buch)
9783869434094
Dateigröße
2905 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konsequenzen, parallelhandels, arzneimitteln, industrie, sicht, arzneimittelherstellers
Arbeit zitieren
Dorothee Kahlert (Autor), 2010, Die Konsequenzen des europäischen Parallelhandels mit Arzneimitteln auf die pharmazeutische Industrie - aus der Sicht eines ausgewählten Arzneimittelherstellers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186765

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