Wie reagierte der frühneuzeitliche Staat im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert auf das Gauner- und Räuberwesen?

Anspruch und Wirklichkeit


Hausarbeit, 2003

38 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung/ Begriffsbestimmung

II. Das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert - Romantisierung, zeitgenössisches Bild und Wirklichkeit vom Gauner- und Räuberleben
1. Romantisierung/ Mystifizierung des Räuberwesens in der Literaturgeschichte
2. Zeitgenössisches (obrigkeitliches) Bild vom Gauner und Räuber
3. Wirklichkeit des Gauner- und Räuberwesen im 18. Jahrhundert

III. Ursachen und Gründe für das Gauner- und Räuberwesen - Erklärungsansätze

IV. Reaktion des frühneuzeitlichen Staates auf das Gauner- und Räuberwesen
1. „Policey“ - Verordnungswesen
2. Strafwesen und Strafvollzug
3. Strafverfolgung und „Visitationen“

V. Resümee / Anspruch und Wirklichkeit der Reaktion des frühneuzeitlichen Staates

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Hausarbeit wurde im Rahmen meines Studiums der Geschichtswissenschaften an der Fernuniversität Hagen erstellt. Die Arbeit wurde vom damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter und Dozenten im Arbeitsbereich Geschichte und Gegenwart Alteuropas des Historischen Institutes, Herrn Dr. Thomas Sokoll, betreut und begutachtet.

Die Analyse diente zur Erlangung eines Leistungsscheines für das Hauptstudium und bezieht sich auf den Studienkurs Nr. 04168 - Absolutismus. Die Literaturrecherche berücksichtigt den Publikationsstand bis zum Jahr 2003. Die Arbeit wurde vom Oktober bis Dezember 2003 gefertigt. Sie genügte in ihrer Qualität den Ansprüchen einer Studienleistung und wurde mit der Note 1,3 bewertet.

Nachfolgend wird die Hausarbeit in ihrer inhaltlichen Ursprungsfassung wiedergegeben und Interessierten zum wissenschaftlichen Gebrauch unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Mainz, September 2011

Michael Böhm-Udelhoven, M.A.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers.

Kontakt:

Michael Böhm-Udelhoven

I. Einleitung / Begriffsbestimmung

Gauner und Räuber gab und gibt es in nahezu allen Kulturepochen menschlicher Geschichte. Als Stichworte seien hier das Raubrittertum des Mittelalters oder die „Revolverbanditen“ des „Wilden Westens“ genannt.

Die vorliegende Arbeit behandelt das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert, das sich vor allem auf die kleineren Territorialstaaten des Wes- tens, Südwestens und Südens konzentrierte.1 Charakteristisch an diesem erscheint, dass es sich aus einem weiterverbreitenden Marodenwesen2 entwickelte, welches wiederum Folge von Kriegen, Hungersnöten, religiösen Auseinandersetzungen und einer anhaltenden wirtschaftlichen Rezession im 16. bis 18. Jahrhundert war.3 Das 18. Jahrhundert wird hierbei vielfach als „ Jahrhundert der Bettler und Gauner “ 4 oder als „ wahres Dorado für Gauner, Diebe und Räuber “ 5 beschrieben.

Zwei Kennzeichen prägen das Gauner- und Räuberwesen im Sinne der vorliegenden Arbeit: Zum einen handelt es sich, allerdings mit gewisser Relativierung6, primär um ein ländliches Kriminalitätsphänomen und zum anderen steht dieses in unmittelba- rem Bezug zur damaligen verbreiteten Armut und nichtsesshaften Lebensweise, dem Vagantenwesen. Verdeutlicht wird letzteres bereits an der zeitgenössisch synonymen Wortverwendung vom Gauner und Vaganten, weshalb das Gauner- und Räuberwesen des 18. Jahrhunderts nicht losgelöst vom Vagantenwesen betrachtet werden kann. Eine dementsprechende begriffliche Verquickung findet sich daher auch in sämtli- cher Forschungsliteratur vor.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Gaunern und Räubern ist dem Bereich der Historischen Kriminalitätsforschung7 zuzuordnen, deren zentraler Untersu- chungsgegenstand Kriminalität ist. Lange Zeit wurde Kriminalitätsforschung vorwie- gend auf dem Terrain der (historischen) Rechtswissenschaft8 betrieben, bevor mit den 70er Jahren, insbesondere durch die Pionierarbeiten von Blasius und Küther9 eine sozialgeschichtliche Ausrichtung von Kriminalität als Kultur-, Gesellschafts- und vor allem Sozial- und Alltagsgeschichte, so als Unterschichtenforschung, vorge- nommen wurde, die in den 90er Jahren geradezu eine Hochzeit erlebte.10

Im Gegensatz zur defizitär empirischen Beschäftigung mit der Bewertung von Kri- minalität als Recht und Unrecht im Rahmen der Rechtsgeschichte und der jeweiligen Ausprägung der Kriminalität im Rahmen der Kriminologie und auch der sich der Sozialgeschichte annähernden Historischen Kriminologie11 mit deren Forschungsin- teresse an der sozialen Kontrolle, basiert die sozialgeschichtlich orientierte Krimina- litätsforschung auf der Annahme, dass Kriminalität ohne Kenntnis des sozialen, le- bensweltlichen Umfeldes, also des ökonomischen, sozialen und politischen Bezugs- rahmens, insbesondere der Lage der Unterschichten sowie sozialer Ausgrenzungsme- chanismen, nicht verständlich ist. Kriminalität wird hier in einem Spannungsfeld zwischen sozialer Kontrolle und gesellschaftlichen Bedingungen, zwischen Normen und Herrschaftsstrukturen, zwischen Obrigkeit und Untertanen betrachtet.12

An dieser sozialhistorischen Ausrichtung orientiert sich auch die vorliegende Arbeit. Durch Auswertung einschlägiger Forschungsliteratur soll hierbei unter bewußter Vernachlässigung von bandenbezogener oder territorial bedingter Spezifika13 die Thematik der Reaktionsmechanismen und des Reaktionsvermögens des absolutisti- schen, frühneuzeitlichen Staates gegenüber dem Gauner- und Räuberwesen in gene- reller Weise erschlossen werden. Die nachfolgenden Betrachtungen knüpfen dement- sprechend an die bisherige Forschung zur Unterschichtenproblematik, deren Lebens- weise und Verhältnis zur ständischen Gesellschaft14 sowie zur Kriminalitätsgeschich- te, insbesondere dessen Funktionalität, Ausprägungen, Hintergründe und Kontext zu den bestehenden Herrschaftsstrukturen, bspw. dem Verhältnis der Untertanen zur Obrigkeit,15 an.

In der vorliegenden Arbeit sollen durch die Betrachtung der Erscheinungsformen und des tatsächlichen Wirkens der Gauner und Räuber als Kollektivphänomen einer dis- kriminierten und stigmatisierten Unterschicht - Akteursperspektive - sowie deren Einbettung im gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Kontext als ländli- ches Kriminalitätsphänomen - Strukturperspektive - zum einen das Forschungswis- senüber die staatlichen Reaktionsmechanismen gegenüber den Gaunern und Räubern zusammengeführt und das Reaktionsvermögen des frühneuzeitlichen Staates im zeit- historischen Kontext diskutiert werden.

Die Arbeit konzentriert damit ihre Perspektive in Erweiterung zur bestehenden For- schung auf den Akteur des frühneuzeitlichen Staates und dessen Instrumentarien der Reaktion.

Es gilt im Folgenden aufzuzeigen, dass vergleichbar der Diskrepanz der Darstellung der Lebens- und Wirkungsweise des Gauners und Räubers in der Wissenschaft und dem romantisierten Bild der Räuberromane, auch die in diesen Romanen geschilderte Überlegenheit der „Räuberbanden“ sowie Hilflosigkeit und Ineffizienz staatlicher Reaktion nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erheblich relativiert werden muss. Entgegen gleichlautender, vereinzelt auch in der Forschung vertretener Meinung16 wird hier, in Anlehnung an Danker17, die Auffassung vertreten, dass der frühneuzeitliche Staat grundsätzlich dem Phänomen zu begegnen vermochte. Allerdings differierten hier Anspruch und Wirklichkeit erheblich.

Das in den Verordnungen und Mandaten gesetzte Ziel, das Gauner- und Räuberwe- sen „auszurotten“, konnte weder durch ein drakonisches Strafwesen noch den Aus- bau staatlicher Strafverfolgung und Kontrolltätigkeit im 18. Jahrhundert erreicht werden.

Um die Reaktion des frühneuzeitlichen Staates auf das Gauner- und Räuberwesen verstehen zu können, muss zunächst einmal aufgezeigt werden, wie der Gauner und Räuber sich, im Gegensatz zu dem durch die Rezeption geprägten und bis in die heu- tigen Tage wirkenden Bild vom edlen Räuber sowie dem zeitgenössisch negativ kon- notierten Bild eines mordenden Banditen, tatsächlich im 18. Jahrhundert dargestellt hat, was im Kapitel II erfolgen wird. Des Weiteren bedarf es hiernach in Kapitel III den sozialen, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Hintergrund des Phänomens in Kernzügen aufzuzeigen. Auf diesem Fundament können dann in Kapi- tel IV die verschiedenen Formen und Ebenen der staatlichen Reaktion aufgezeigt und erläutert werden, um abschließend in einem Resümee die Ausgangsfragen reflektie- ren und die These nach Anspruch und Wirklichkeit der staatlichen Reaktion diskutie- ren zu können.

Zuvor müssen jedoch wesentliche, teils bereits angeführte Begriffe erörtert und soweit möglich bestimmt werden18:

Das 18. Jahrhundert wird der Epoche des Absolutismus zugerechnet, welches sich an die zeitgenössisch vorherrschende Staatsform der unumschränkten Herrschaft des Monarchen anlehnt. Charakteristisch für diese Epoche ist die Herausbildung des mo- dernen, auf den Souverän, territoriale Integrität und einheitlichen Untertanenverband gestützten und um Monopolisierung der Staatsgewalt bestrebten Staates.19

Diese Staatsform geht einher mit einer ständischen Gesellschaftsordnung, in welcher Statuszuweisung starr nach Herkunft bestimmt wird.

Diese Gesellschaftsform ist gekennzeichnet durch eine hohe interne Integrationsleis- tung wie aber auch gleichermaßen scharfen Ab- und Ausgrenzungen. Letztere treffen als negative Privilegierung vor allem Standeslose, so „Unehrliche“, Vaganten, ethni- sche Minderheiten, Juden und „Zigeunern“, und eben auch Kriminelle, wie Gauner und Räuber.20

Nach Lange rekrutierten sich die Gauner und Räuberüberdurchschnittlich stark eben aus diesen Standeslosen. Nämlich insbesondere die Gruppe der „Unehrlichen“ und die der Vaganten.21

„Unehrlich“ war bis in das 19. Jahrhundert keine moralische, sondern eine soziale Kategorie, die denjenigen zugeschrieben wurde, die wegen der Ausübung eines bestimmten Gewerbes oder Lebensweise als verfemt galten und deshalb gemieden, verachtet und sozial ausgegrenzt wurden. Begründet lag dies darin, dass ihre Tätigkeit, war sie teils auch gesellschaftlich notwendig und toleriert sowie teils durchaus existenzsichernd, als nieder, schmutzig oder allgemein ehrlos angesehen wurden. Dies betraf Müller, Schinder, ebenso wie Hausierer, Gaukler, Huren, uneheliche Kinder und selbst subalternde Beamte, denen Ehre und Recht verwehrt wurden und als Outcasts in der Ständegesellschaft anzusehen sind.22

In recht enger Nachbarschaft zu den Unehrlichen standen die Vaganten.23 Ullrich definiert sie als „ [..] Sammelbezeichnung für das „ fahrende Volk “ , also für Gruppen von

Menschen, die nicht se ß haft sind, eine unstete Lebensweise führen und zu meist einem ambulanten Gewerbe nachgehen, um ihre Existenz zu fristen. “ 24

Das Vagantenwesen stand hierbei im engen Verhältnis zum Armutsproblem und Bet- telwesen. Als bereits im Mittelalter bestehendes Phänomen stieg die Anzahl der Va- ganten in der frühen Neuzeit infolge von Kriegen, religiösen Auseinandersetzungen und Hungerkatastrophen an. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge betraf dies 3- 10% der Gesamtbevölkerung im 18. Jahrhundert.25 Zumeist Armut, aber auch Schicksalsschläge und soziale Ausgrenzung ließen Unterschichtsangehörige sozial absinken und trieben diese zu einer mobilen und oftmals kümmerlichen Lebensweise mit Bettelei als Haupttätigkeit, die oft mit einem Gewerbeüberdeckt wurde.26 Die Vaganten bildeten eine soziale Randgruppe, der man teils nur zeitweise angehörte und die an ihren Rändern kaum abzugrenzen war. Sie waren damit keine klar umris- sene und einheitliche soziale Schicht und daher nach Seidenspinner von einer ausge- prägten Unübersichtlichkeit27 charakterisiert, was für die Unehrlichen gleichermaßen galt.

Vereinzelte Forschungsauffassung von einer Gegengesellschaft der Vaganten ist daher kritisch zu erachten. Angebrachter erscheint hier Dankers Begriff der „alternativen Subkultur“.28

Diese fehlende klare Begriffsbegrenzung und Übersichtlichkeit der Unehrlichen wie der Vaganten erschwert es auch, diese untereinander, wie aber auch gegenüber ethnischen Minderheiten, wie den „Zigeunern“ und Juden, abzugrenzen.29

Wie unterschieden sich nun die Gauner und Räuber, oder wie auch immer zeitgenössisch bezeichnet30, von den zuvor bezeichneten Gruppen, die das Rekrutierungs- und Lebensumfeld der Gauner und Räuber bildeten?31

Insbesondere das Vagantenwesen erscheint hierbei eng mit diesen verwoben zu sein, was sich bereits an dem zeitgenössischen synonymen Begriffsgebrauch von „Vagan- ten“, „starken Bettler“32, „Jauner“33, und „Räuber“ verdeutlicht. Soziale Diskriminie- rung, Ausgrenzung und wirtschaftliche Not förderten oftmals das Überschreiten der Schwelle zur Kriminalität, so durch Gelegenheitsdiebstahl. Die Übergänge vom Va- ganten zum Gauner waren somit fließend und können nicht scharf abgegrenzt wer- den, da unter Umständen schon die nicht seßhafte Lebensweise oder Zugehörigkeit zur „Zigeunerethnie“ unter Strafe stand.

Daher finden sich zum Gauner und Räuber, abgesehen von ausschweifenden Beschreibungen in zeitgenössischen Quellen34, keine klare Definition in der Forschungsliteratur vor.

Drei Aspekte zeichnen den Gauner und Räuber im Sinne dieser Arbeit aus: Er ent- stammt im wesentlichen der Unterschicht, führt infolge seiner kriminellen Kariere eine nicht seßhafte Lebensweise und bewältigt seinen Lebensunterhalt, abgesehen von Notzeiten, in denen er der Bettelei nachgeht oder sich als Soldat verdient, grund- sätzlich mit kriminellen, gegen das Eigentum oder Vermögen anderer gerichtetes Verhalten.

Er unterscheidet sich hierdurch vom Sozialrebellen, der sich aus der bäuerlichen Schicht rekrutiert und dessen Verhalten sich als sozialer Protest gegen die Obrigkeit richtet.35

Die Gruppe der Gauner und Räuber wird nachfolgend stets generalisierend in ihrer Gesamtheit betrachtet. Auf eine Spezifizierung der Gruppe in Gaunern, Räubern (gekennzeichnet durch Gewaltanwendung bei ihrem Vorgehen) oder gar „Räuberbanden“36 wird bewusst verzichtet.

Was wurde im 18. Jahrhundert als kriminell erachtet?

Die Historische Kriminalitätsforschung orientiert sich an einem weiten Kriminalitätsbegriff als Produkt von Normen, Instanzen sozialer Kontrolle und abweichendes Verhalten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingungen. Wesentlich für diese Untersuchung erscheint hierbei die Annahme, dass Kriminalität auf eine obrigkeitliche Betrachtungsweise und Definitionsgewalt fußt, die nicht zwingend auf gesellschaftlichen Konsens basierte und ihren Ausdruck in generalisierenden Verordnungen sowie einer oft willkürlichen Verfolgungspraxis nahm.37 Kriminell war demnach, was von der Obrigkeit als sozial abweichend angesehen und als strafbare Handlung normiert war. Dies betraf in klassischer Weise Eigentums- und Vermögensdelikte wie aber auch generell Vagieren und ortsfremdes Betteln.

Der frühneuzeitliche Staat und die Ständegesellschaft reagierten hierauf mit Mechanismen der Stigmatisierung und Marginalisierung, teils ganzer gesellschaftlicher Gruppen, denen regelmäßig soziale Ausgrenzung und Kriminalisierung sowie schließlich die staatliche Verfolgung und Bestrafung folgten.

Diese staatlichen Reaktionsmechanismen können hierbei im Kontext des von Oest- reich entwickelten, epochenprägenden Begriffes der Sozialdisziplinierung verstanden werden. Als „ zentraler Leitbegriff der deutschen Frühneuzeitforschung “ 38 wird hie- runter ein, alle Bereiche von Gesellschaft und Staat umfassender undüber den Be- griff der sozialen Kontrolle hinausgehender Prozess der menschlichen und gesell- schaftlichen Disziplinierung verstanden, der zur Stärkung staatlicher und wirtschaft- licher Effizienz und Macht bezweckt, den Menschen nach den Ordnungsvorstellun- gen des Staates in die gesellschaftliche und staatliche Ordnung einzufügen.39

Zum Ausdruck kam dieser Disziplinierungsanspruch insbesondere in den Polizeiord- nungen, wie den Bettel- und Gaunermandaten, die undifferenziert auf diejenigen ab- zielten, die aufgrund ihrer nicht seßhaften und sozial abweichenden Lebensweise sich dem Herrschaftsanspruch bzw. der Territorialität des absolutistischen Staates zu ent- ziehen versuchten.

II. Das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert - Romantisierung, zeitgenössisches Bild und Wirklichkeit vom Gaunerund Räuberleben

Zum Gauner und Räuber bestehen heute zwei unterschiedliche Geschichtsbilder. Das weitverbreitete, populäre Bild aus der Rezeption, den Räuberromanen, der Kunst und des Films orientiert sich hierbei an einer verklärten Sicht vom edlen Räuber, während die Wissenschaft anhand der Aufarbeitung der historischen Quellen ein differenziertes und weit ernüchterndes Bild, insbesondere von den „Räuberbanden“, abgibt.40 Im Folgenden wird die historische Wirklichkeit des Gauner- und Räuberwesen nachgezeichnet werden, indem diese zunächst von dem verklärten Bild in den Mythen und Legenden der Kriminalliteratur als auch der durch die Obrigkeit bewußtüberzogenen, zeitgenössischen Darstellungsweise differenziert wird.

II. 1. Romantisierung/ Mystifizierung des Räuberwesens in der Literaturgeschichte

Beginnend mit dem auslaufenden 18. Jahrhundert entwickelt sich in der Literaturge- schichte ein Räuberbild, das sich von dem zuvor bestehenden düsteren Bild abhebt, in weiterer Folge Kunst und Film inspiriert und bis in die heutigen Tage, nahezu kon- serviert, die Vorstellung vom Räuber als die eines edlen Räubers, als Schlapphut tragend und mit Pistolen bewaffneten, in Wäldern und einsamen Wirtshäusern hau- senden Rächers erlittenen Unrechts, als Kämpfer gegen Obrigkeit und soziale Miß- stände, als edelmütig, großherzigen, todesmutigen, die Frauenherzen eroberten und trotz raubend und mordend gleichermaßen Kriminellen wie Wohltäter und Rebellen bestimmt.41

Spektakuläre Verbrechen sowie „Räuberbanden“ waren schon von jeher beliebter Gegenstand der Kriminalliteratur gewesen.

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstehenden und zu ihrer Zeit bereitsüberaus populären Werken, insbesondere von Friedrich Schiller („Die Räuber“, 1781) und Christian Vulpius („Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann“, 1797), entwickelte sich geradezu eine Flut an literarischen Werken, Theaterstücken sowie, oft durch Räuberprozesse inspirierten, publizierten „Aktenmäßige Fallsammlungen“, später auch zunehmend Trivialwerken und Groschenromanen, die bis in das 20. Jahrhundert hinein reicht und teils zu Verfilmungen führte. Über die Räuber wurden Legenden und Mythen entwickelt, die, wie etwa beim Räuber Schinderhannes, bereits zu Leb- zeiten einsetzten.

Was war nun der Grund für die in diesen Werken oftmals verklärende, romantisierte und mystifizierte Lebens- und Wirkungsweise der Räuber gewesen, die wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hatte?

Dies kann wesentlich im Zusammenhang mit der Kulturepoche der Romantik, mit dem Übergang der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft, der fortschreitenden Rationalisierung, der Entfremdung und Entwurzelung der Menschen durch die be- ginnende Industrialisierung und damit einher gehenden Urbanisierung erklärt werden. Der Räuber wurde hierbei zum Sinnbild des freien, ungebundenen Lebens, der Selbstverwirklichung des Individuums stilisiert. Auf ihn wurden die Sehnsucht des Bürgers nach Wildheit, Lust, Gewalt, aber auch Sexualität und Mystik projektziert, die das „zivilisierte“ Leben ihm vorenthielt.42 Zugleich diente insbesondere die im 19. Jahrhundert aufkommende Trivialliteratur zum Räuber als Kompensation der Verarbeitung der Lebensrealität, der Lebensbewältigung einfacher Leute. In Einzel- fällen, wie am Beispiel des Schinderhannes, fußte die Stilisierung zusätzlich auf poli- tische, so gegen die französische Besatzungsherrschaft gerichtete Ressentiments.43

II. 2. Zeitgenössisches (obrigkeitliches) Bild vom Gauner und Räuber

Durch Schwankliteratur und Volkserzählungen sowie obrigkeitliche Publikationen bestand bei der Bevölkerung bis zum Ende des 18. Jahrhundert ein ganz anderes Bild von den Räubern. Ihnen wurden so magische, dämonische Fähigkeiten nachgesagt, beispielsweise das Gerücht, dass sie wegen der Schnelligkeit des Kommens und Flüchtens auf "schwarzen Ziegenböcken ritten".44

Das zeitgenössische Bild, das wesentlich durch die Obrigkeit bestimmt war, kenn- zeichnete sich durch Übertreibungen und der Dämonisierung der Räuber, denen pau- schal Bettler, Vaganten, „Jauner“ und „Zigeuner“ gleichgesetzt wurden. Sie wurden so als gefährlich und gottlos, mal brutal und gewalttätig, mal listig und verschlagen, immer aber als bösartig dargestellt und als „Halbwilde“ oder „gottloses Gesindel“ bezeichnet.45

Obrigkeitliche Publikationen, wie „Aktenmäßige Geschichten“ und Gaunermandate, vermittelten hierbei ein Bild eines ungeheuren Ausmaßes und beständiges Ansteigen der Bandenkriminalität.46 Auch die Gefährlichkeit der Räuber wurde hierbei maßlosüberzeichnet. So kursierten unglaubliche Gerüchteüber Räuber und Raubüberfälle, die sich gemäß Lange in dieser Dimension nach der Quellenlage nicht ereignet haben konnten.47

Die „Räuberbanden“ und besonders deren spektakuläre Überfälle waren oftmals Ge- genstand intensiver Berichterstattung in den Zeitungen aber auch in der mündlichen Nachrichtenübermittlung. Die Räuber waren so den Menschen des 18. Jahrhunderts ständig präsent.48 Allerdings war hierbei der Alltag der Menschen, nach Danker, vielmehr durch Strafexempel und die generelle Angst vor Räubern bestimmt, als durch tatsächlich erfahrene Überfälle und sonstigen direkten Kontakt.49

Aus der Sichtweise der Obrigkeit waren die Räuber und Gauner „ [..] Staatsfeinde[.] par excellence, die zu bekämpfen im Interesse aller Untertanen liegen muss[te]. “ 50

Deren Existenz wurde als Störungen der göttlich gesetzten Ordnung, des harmoni- schen Polizeistaatsgedankens erachtet, da sie sich der obrigkeitlichen Sozialdiszipli- nierung durch nichtsesshafte und kriminelle Lebensweise entzogen. Sie wurden daher vom Staat als „landschädliche Leute“ wegen ihrer randständigen bzw. außerhalb der Gesellschaft stehenden Existenz als Bedrohung für die gesamte Bevölkerung be- trachtet.51

II. 3. Wirklichkeit des Gauner- und Räuberwesen im 18. Jahrhundert

Im Unterschied zum zuvor aufgezeigten zeitgenössischen Bild vom Gauner und Räu- ber und dem in Kapitel II.1 geschilderten, verklärten Bild in der Rezeption wird in der Geschichtswissenschaft nach der Quellenlage grundsätzlich ein weitaus differen- ziertes und vor allem nüchterneres Bildüber das Gauner- und Räuberwesen im 18. Jahrhundert gezeichnet.

So sind nach durchgängiger Forschungsauffassung allein das in zeitgenössischen Publikationen geschilderte Ausmaß und die Erscheinungsform des Gauner- und Räuberwesen erheblich in Zweifel zu ziehen. Abgesehen davon, dass letzteres generell durch die jeweiligen politischen, sozialen und ökonomischen Gegebenheiten bestimmt war,52 sollen nachfolgend, unter Vernachlässigung regionaler oder bandenbedingter Spezifika, der Forschungsstand zur Verbreitung, zum Ausmaß sowie zur Erscheinungsform und im weiteren zur Lebens- und Wirkungsweise der Gauner und Räuber in Kernpunkten aufgezeigt werden.

Anders als in zeitgenössischen Publikationen gebetsmühlenartig beklagt, können dramatische Zu- und Überhandnahmen der Gauner- und Räuberpopulation im 18. Jahrhundert durch die Forschung nicht bestätigt werden. Hierzu fehlen schlicht ver- läßliche Daten. Danker geht in einer Schätzung von ca. 50.000 zeitgleich im gesam- ten Reichsgebiet agierenden Gaunern, vom stigmatisierten Fahrenden bis zum Bandi- ten, aus.

Allgemein lassen sich dagegen im 18. Jahrhundert eine Intensivierung staatlicher Verfolgungsbemühungen feststellen, was letztlich zu einer Erhöhung dokumentierter Aufgriffe führte, wobei hier jedoch die schon erwähnte Thematik der begrifflichen Verquickung der Gauner mit den Vaganten und die verstärkte Beschäftigung mit dem Gauner- und insbesondere dem im 18. Jahrhundert aufkommenden Bandenunwesen zu beachten gilt.53

Über die räumliche Verbreitung des Gauner- und Räuberwesens im Reich liegen nur in Bezug auf das Bandenunwesen, „den Räuberbanden“, nachweislich gesicherte Erkenntnisse vor. Diese fanden sichüberwiegend in den schwach besiedelten und schwer zugänglichen, zumeist bewaldeten Regionen im Westen, Südwesten und Süden des Reiches vor, was vor allem in der dort herrschenden Kleinstaaterei und damit besseren Schutz vor staatlicher Verfolgung gelegen haben dürfte.

Zum Gaunerwesen insgesamt liegen diesbezüglich keine gesicherten Zahlen vor. Zeitgenössische Quellen, in denen Zahlen oder beispielsweise Aufgriffe dokumen- tiert sind, unterliegen der bereits erwähnten Problematik, dass hier nicht grundsätz- lich zwischen Vaganten oder Bettler und tatsächlichen Kriminellen unterschieden worden ist. Mit gewisser Logik dürfte aus dem Bandenunwesen vergleichbaren Gründen jedoch anzunehmen sein, dass sich das Gaunerwesen gleichermaßen in den Kleinstaaten des Reiches umfassender und nachhaltiger ausbilden konnte.54

Auch die in den zeitgenössischen Publikationen geschilderten Erscheinungsformen des Gauner- und Räuberwesen werden von der heutigen Geschichtswissenschaft nicht bestätigt. So belegen sich weder das zeitgenössische Bild einer allgemein bedrückenden und beängstigenden Massendelinquenz noch die oftmals schauerlich ausgemalten Schilderungen der gewaltsamen Raub- und Einbruchsstraftaten der Gauner und Räuber durch eine kritische Auswertung zeitgenössischer Quellen, wie Strafregister, Gaunerlisten und Hinrichtungsverzeichnissen.

Die Kriminalitätsbegehung durch die Gauner umfaßte neben Falschspiel und Betrügereien im wesentlichen kleinere Eigentumsdelikte, vom Gelegenheits- und Taschendiebstähle auf Märkten, Messen oder Weihen, Wildereien bis hin zu einfachen Diebstählen und, damals als „einfache Einbrüche“ bezeichnete, Diebstählen aus unverschlossenen Gebäuden. Als Beute wurden hierbei zunächst Nahrungsmittel und Kleidung sowie Geld und Edelmetall gesucht, weswegen Seidenspinner diese Kriminalität als Alltags-, Klein- und Notdelinquenz bezeichnet.55

Selbst für die berüchtigten „Räuberbanden“ waren, unspektakulärer als vermutet, die zuvor bezeichneten Diebstahlsformen, wobei hier dem Kirchendiebstahl wegen der relativ geringen Entdeckungsgefahr besondere Bedeutung zukam, neben Einbrüchen, bei denen jedoch stille, heimliche und nächtliche Arbeitsweisen wegen der Gefahr von Verfolgungsmaßnahmen bevorzugt wurden, als charakteristisch zu bezeichnen. Raub auf offener Straße, gewaltsame Einbrüche wie allgemeine Gewaltdelikte stell- ten grundsätzlich Randerscheinungen dar, die als spektakuläre Aktionen jedoch gro- ßes Aufsehen erregten. 56

Wie Ausmaß und Erscheinungsform des Gauner- und Räuberwesen unterschied sich auch deren tatsächliche Lebens- und Wirkungsweise von der Rezeption in der Litera- turgeschichte sowie dem Bild in zeitgenössischen Publikationen. Zuvor soll allerdings die bereits in der Einleitung angesprochene Frage des gesell- schaftlichen Rekrutierungsfeldes der Gauner und Räuber aufgegriffen und vertieft werden.

Aus der Auswertung von Steckbriefen, Gaunerlisten und Justizprotokollen zeigt sich, dass sich die Gauner und Räuber, abgesehen von vereinzelten ehrlichen Seßhaften, im wesentlichen aus unterständischen oder standeslosen Schichten rekrutierten, so inüberproportionaler Weise aus der Gruppe der Unehrlichen und ethnischer Minderhei- ten (wie „Zigeuner“ und Juden), vor allem aber aus der Vagantenpopulation und letztlich auch, in nicht unbedeutender Weise, aus desertierten oder entlassen Solda- ten.57 Ihre Zugehörigkeit zu diesen stigmatisierten Randgruppen war hierbei nicht selten erst Folge von Not oder sozialer Diskriminierungs- und Ausgrenzungsprozes- sen, die im nachfolgenden Kapitel vertiefend aufgezeigt werden. Danker verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass ein nicht unbedeutender Teil der Räuber aus voll- oder teilintegrierten Elternhäusern stammten, aber in Folge ihrer Delinquenz zu Vaganten wurden.58

Mit den Vaganten und Bettler verband die Gauner und Räuber ein gemeinsames soziales Umfeld als Ausdruck ihrer gleichermaßen ausgestoßenen gesellschaftlichen Rolle. Blauert verweist hier auf ein oftmals feingewebtes Netz familiärer und beruflicher Bindungen zwischen Dieben und Vaganten.59

Wie in der Einleitung bereits aufgezeigt, waren die Übergänge vom „starken Bettler“ und Vaganten zum Gelegenheitsdieb und Gauner fließend. Von der Obrigkeit wurden sie zudem durch synonyme Begriffsverwendung als gleiche sozial schädliche Masse betrachtet und verfolgt. In dessen Folge bildete sich bei der Vagantenpopulation ein gemeinsames spezifisches Selbstverständnis als Überlebensstrategie auf obrigkeitli- cher Verfolgung bzw. „ kulturell verfestigte Ö konomie des Überlebens “ 60 heraus, dessen soziale Ausformung von Danker als „alternative Subkultur“ beschrieben wird.61

Diese Kultur, zu der gleichermaßen Unehrliche aufgrund ihrer den Vaganten ver- gleichbaren sozialen Status Zugang hatten, zeichnete sich so durch eine gemeinsame Sprache, dem Rotwelsch, einer hierin vorgenommen Eigenbezeichnung als „Kochemere“, die als „Vertraute/ Eingeweihte“ sich von derübrigen Gesellschaft, den „Wittischen“ (Ehrlich/ Dummen) abgrenzte, der Kenntnis des anderenüber Spitznamen und dem Verständnis von grafischen, geheimen Hinweis- und Informati- onszeichen, den Zinken, aus.62

Diese „kochemere Welt“ bildete für Gauner und Räuber quasi „ Kristallationspunkt[.] “ 63 wie „ Rekrutierungsreservoir “ 64. In „kochemer bayes“ fanden sie Mittäter und Helfershelfer. Sie erhielten dort für ihr Überleben notwendige Hinweise und Informationen, Unterschlupf und Absatz ihres Stehlgutes.65

Abgesehen von denüberlieferten Wirkungsregionen der „Räuberbanden“ hatte deren tatsächliches Leben nahezu kaum etwas mit dem in der Romantik geprägten Räuber- bild gemein.

Entgegen so mancher bis in die heutigen Tage bestehenden Vorstellung, verfügten die Masse der Diebes- und „Räuberbanden“ des 18. Jahrhundertüber keine feste und dauerhafte Bandenstruktur mit festen Aufnahmeritualen und einem Räuberhaupt- mann an der Spitze. Die Banden bestanden zumeist aus Einzelnen oder einer kleinen Gruppe vertrauter, teils auf Generationen zurückblickenden, Gauner, die jeweils zu größeren Einbrüchen und Raubüberfällen weitere, ihnen bekannte Gleichgesinnte aus der „kochemeren Gesellschaft“ rekrutierten und aus ihrer Gruppe den Erfahrensten, Fachkundigsten oder sich wechselseitig zum Anführer bestimmten.

Nach oder zwischen größeren Aktionen gingen sie unspektakulärer Kleinkriminalität nach oder versuchten sich in ihrer ursprünglichen Rolle als Vagant, Tagelöhner oder zeitweise als Soldat dem Zugriff der obrigkeitlichen Verfolgung zu entziehen. Letztlich kann daher den Räubern auch kein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl, abgesehen von einem klaren regionalen Bezug und Abgrenzung zu anderen Banden, nachgewiesen werden. So stellt Danker als Motivlage für gemeinschaftliche Gefangenenbefreiungen mehr die Angst vor Aufdeckung der Mittäter beim Verhör als Solidarität und Verbundenheit unter den Räubern heraus.66

Zur Gauner- und Räuberpopulation zählten zu einem nicht unbedeutenden Teil auch Frauen und Kinder. Den Frauen kam in bedeutender Weise zu, durch Gelegenheits-, Taschendiebstähle und Bettelei das tägliche Einkommen der Gruppe zu sichern.67 Insgesamt führten die Räuber eher ein beschauliches und infolge recht kostspieliger Unterkunft und Lebensführung, so insbesondere in den kalten Wintermonaten, oft auch ein eher jämmerliches Dasein, das weniger von Ruhm und Reichtum als erleb- ten Notzeiten geprägt war, in denen sie zu Bettelei, Trickdiebstahl und „Speckein- brüche“ greifen mussten.68

Das Verhältnis der Gauner und Räuber zur seßhaften Bevölkerung kann dagegen als zwiespältig bezeichnet werden. Abgesehen von dem existenzsichernden „kochemeren Umfeld“ konnten sie, zumeist in ihren Rollen als Vagant und Bettler, Unterschlupf und Almosen erhalten, was auf den gängigen Kontakt und Inanspruch- nahme derer Dienste aber auch Furcht vor Rache oder aber persönliche Bereiche- rungsabsichten fußte. Von einer Unterschichtensolidarität kann hierbei jedoch nicht gesprochen werden. So waren die Seßhaften selbst Opfer der mitleidslosen Krimina- lität der Gauner, weswegen sie andererseits sich an Verfolgungsmaßnahmen beteilig- ten und die obrigkeitlichen Vorstellungenüber die Gaunerpopulationübernahmen.69

Das Kapitel abschließend soll hier der bereits in der Einleitung diskutierte Begriff des „ländlichen Kriminalitätsphänomens“ noch einmal aufgegriffen werden, bevor sich im nachfolgenden Kapitel mit den Ursachen des Gauner- und Räuberwesens auseinandergesetzt werden wird.

Wie bereits dargelegt wurde, erfolgte ein nicht unbeachtlicher Anteil der Kriminali- tätsbegehung durch die Gauner und Räuber in Städten, womit man deren Wirken - fokussiert man dieses allein auf die Örtlichkeit der Straftatenbegehung - nicht zwei- felsfrei als „ländliches Kriminalitätsphänomen“ bezeichnen könnte. Allerdings ver- nachlässigt eine derartige Betrachtung das viel bedeutendere, eigentliche Umfeld sowie dem Lebens- und Wirkungsprozess der Kriminalitätsbegehung, die „kochemere Welt“, die, wie zuvor aufgezeigt wurde, primär ein Leben in Nichtsess- haftigkeit, ein Leben auf der Straße, im ländlichen Raum darstellten. Die Kriminali- tätsform des Gauner- und Räuberwesen in Deutschland ist somit, wie früh bereits Hobsbawn konstatierte70, durchaus als ländliches Phänomen zu betrachten.

[...]


1 Vgl. Blauert 1995, S. 57.

2 Dieses allgemeine Phänomen war von einem weiträumigen, strukturellen Verarmungsprozess mit Zunahme landloser Unter- schichten gekennzeichnet und wird auch unter dem Begriff der Krisenzeit diskutiert. Vgl. u.a. Jütte 2000, S. 2; Eibach 1996, S. 701.

3 Vgl. Siebenmorgen 1995, S. 9; Seidenspinner 1995a, S. 27 f.

4 Seidenspinner 1995a, S. 28. Vgl. auch Danker 2001, S. 83.

5 Blauert 1995, S. 57.

6 Zunächst einmal unterscheidet sich dieses Kriminalitätsphänomen grundsätzlich von dem im Spätmittelalter sich ausbilden- den gewerblichen Gaunerwesen in den Städten (vgl. Schwerhoff 1991; Siebenmorgen 1995, S. 9) sowie der sich im Rahmen der fortschreitenden Industrialisierung herausbildenden städtischen Kriminalität (vgl. u.a. Blauert 1995, S. 58). Eine Relativie- rung bedarf es darüber hinaus, da ein nicht unbedeutender Anteil der Straftaten der Gauner- und Räuber in den Städten vorge- nommen wurde (vgl. Lange 1994, S. 155; Danker 2001, S. 131). Hier spiegelt sich allerdings nur das Endresultat des Lebens- und Wirkungsprozesses der Gauner- und Räuber nieder, welcher sich ansonstenüberwiegend in ländlichen Regionen abspielte und somit primär als ländliches Phänomen betrachtet werden kann. Auf diesen Aspekt wird noch in Kapitel II.3 eingegangen.

7 Zum Begriff siehe insbesondere Schwerhoff 1992, S. 387.

8 Hier sei insbes. auf das lange dominierende Werk „Geschichte des Verbrechens“ von Radbruch und Gwinner hingewiesen.

9 Blasius hatte 1976 Holzdiebstähle in Preußen untersucht und diese als Existenzsicherung der Unterschichten als Folge unso- zialer Gesetzgebung analysiert (vgl. Eibach 1996, S. 694 f.). Küther beschäftigte sich 1983 mit der Lebenswelt nichtsesshafter Unterschichten in Süddeutschland und zeigte hier sozioökonomische und politische Bezüge auf (vgl. Küther 1983).

10 Zur Diskussion und Abgrenzung der einzelnen Bereiche siehe insbesondere Schwerhoff 1991, S. 19; Schwerhoff 1992, S. 385; Eibach 1996, S. 683, 692; Nitschke 1990, S. 17.

11 Vgl. Frank 1995, S. 17; Nitschke 1990, S. 17.

12 Vgl. Eibach 1996, S. 681, 710; Danker 1988, S. 10; Lange 1994, S. 9; Schwerhoff 1991, S. 18 ff.; Reif 1984, S. 7.

13 So beschäftigt sich die Überzahl der Literatur zum Gauner- und Räuberwesen mit einer speziellen Bande, die stets in einem regionalen Umfeld agierten (vgl. Blauert 1993a). Die Klassiker der Gauner- und Räubergeschichte, wie von Küther 1987, Danker 1988 bzw. 2001 sowie Lange 1994, beschäftigen sich dagegen umfassend und in allgemeiner Form mit dem Phänomen, woran sich die vorliegende Arbeit anschließt.

14 Hier sei insbesondere auf die allgemeinen Untersuchungen von Küther 1983 zum Vagantenwesen, von Danckert 1963 zu den Unehrlichen und Sachße 1983a bzw. Jütte 2000 zum Armen- und Bettlerwesen sowie die themenspezifischen Untersu- chungen insbesondere von Küther 1987, der die Gauner und Räuber als eine „Gegengesellschaft“ zur Ständischen analysiert und Danker 1988 und 2001, der im Kontrast zu Küther das Phänomen gesellschaftlich lediglich als „alternative Subkultur“ erachtet.

15 An diesem Forschungskontext (Kriminalität und Gesellschaft bzw. Herrschaft) orientierten sich insbes. Danker 1988 und Lange 1994.

16 So vertritt insbesondere Küther 1987 die Auffassung von der Überlegenheit der Räuber und grundsätzlicher Ineffizienz staatlichen Reaktionsvermögens (vgl. Danker 1988, S. 407 und Seidenspinner 1995a, S. 31).

17 Vgl. Danker 1988 und Danker 2001.

18 Hierbei gilt, in Anlehnung an Küther, generell zu bedenken, dass die Begriffsbestimmung sich an den spezifischen Sprach- gebrauch der zeitgenössischen Obrigkeit und somit auch an deren Sicht orientiert (vgl. Küther 1983, S. 7; Danker 2001, S. 178).

19 Vgl. zum Begriff Absolutismus Kunisch 1999, S. 20 f., 37. Die Verwendung des Absolutismus als Epochenbegriff ist hierbei allerdings kritisch zu erachten (vgl. Kunisch 1999, S. 179 ff.). Von Oestreich wird diese Staatsform als frühneuzeitlicher Staat bezeichnet (vgl. Oestreich 1967, S. 61 ff.).

20 Vgl. Kunisch 1999, S. 48, 179; Danker 1988, S. 342 f.; Danker 2001, S. 44 f., 313; Lange 1994, S. 47.

21 Vgl. u.a. Lange 1994, S. 100 ff. Hierauf wird noch detailliert in Kapitel II.3 eingegangen.

22 Vgl. Danckert 1963, S. 7 ff; Friedeburg 2002, S. 23; Küther 1987, S. 23 ff.; Seidenspinner 1995b, S. 159; Nitschke 1990, S. 41. Eine Aufstellung aller als unehrlich geltende Gewerbe kann insbesondere Danckert 1963 sowie Küther 1983, S. 17 entnommen werden.

23 Begriff aus dem Lateinischen von vagantes= Umherschweifende (vgl. Fuchs 2001, S. 822). Für den heute nicht mehr ge- bräuchlichen Begriff Vagant setzte sich in der Folgezeit die Begriffe Vagabund und Landstreicher durch. Beide Gruppen, die Unehrliche wie Vaganten, weisen eineüber das Begriffliche hinausgehende Schnittmenge auf, da die Vaganten gleichermaßen als standes-, rechts- und ehrlos angesehen wurden, wie aber auch jegliche sozial ausgegrenzten Gruppen (vgl. Küther 1987, S. 23).

24 Ullrich 1994b, S. 628.

25 Vgl. Küther 1983, S. 26 ff.; Seidenspinner 1995a, S. 28; Blauert 1995, S. 58 f.; Danker 2001, S. 254 f.

26 Vgl. Küther 1983, S. 7 ff.; Danker 1988, S. 346 ff.; Seidenspinner 1995a, S. 27 ff.; Lange 1994 36 ff.; Ullrich 1994b, S. 628.

27 Vgl. Seidenspinner 1995b, S. 162; Seidenspinner 1995a, S. 28; Lange 1994, S. 36.

28 So werden die Vaganten und Gauner insbesondere von Küther als Gegengesellschaft interpretiert (vgl. Küther 1987, S. 86). Zum Begriff „alternative Subkultur“ siehe Danker 1988, S. 302 ff. Die Thematik wird zudem noch in Kapitel II.3 aufgegri ffen.

29 So galten Letztere als gleichermaßen verfemt und ehrlos sowie sozial ausgegrenzt und wurden oft kriminalisiert und verfolgt, was sich allein an der zeitgenössisch gängigen synonymen Wortverwendung von „Zigeunern“ mit Gaunern und Räubern ver- deutlichte. Zudem stellten die „Zigeuner“ einen beachtlichen Teil der Vaganten (vgl. Küther 1987, S. 24 ff.; Lange 1994, S. 55 f.).

30 So in allgemeiner Weise bspw. als „Strolche“ und „Gesindel“ oder nach der Kriminalitätsbegehung bspw. als „Beutel- und Seckelschneider“, „Falschmünzer“, oder „Kirchen- und Straßenräuber“ bezeichnet (vgl. u.a. Blauert 1995, S. 58 f.)

31 Vgl. u.a. Siebenmorgen 1995, S. 9.

32 Als „starke Bettler“ wurden die spezifische Gruppe der Vaganten bezeichnet, die als gesunde und Arbeitsfähige ihren Le- bensunterhalt durch offensives Betteln und Gelegenheitsdiebstählen bestritten (vgl. Sachße 1983b, S. 98; Küther 1983, S. 8) .

33 Frühneuzeitlicher, aus dem Dialekt geprägter Begriff für Gauner.

34 Bspw. die Ausführungen vom Hofgerichtsrat von Grolmann in Lange 1994, S. 15.

35 Dieser Typus ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung und ist im Deutschen Reich als absolutes Ausnahmephänomen anzusehen. Vgl. Hobsbawn 1979, S. 37; Nitschke 1990, S. 49 f.; Küther 1987, S. 8, 107.

36 Die Bande als strafrechtliche Einordnung wäre vor allem an eine feste Organisationsstruktur, ein Gemeinschaftsbewusstsein sowie ein arbeitsteiliges Vorgehen geknüpft. Diese Merkmale fanden sich in den „Räuberbanden“ allerdings tatsächlich, anders als es in den Räuberromanen suggestiert wird, tatsächlich nur bedingt vor (vgl. u.a. Danker 1988, S. 276). Siehe auch Kap. II.3.

37 Vgl. Schwerhoff 1992, S. 393 f.; Eibach 1996, S. 701. In dieser Annahme unterscheidet sich die Historische Kriminalität s- forschung von der Rechtsgeschichte, welche von einem grundsätzlichen Konsensüber Normen und Werte ausgeht

38 Schwerhoff 1992, S. 412.

39 Vgl. Schwerhoff 1991, S. 30 ff; Nitschke 1990, S. 9; Flemming 1994, S. 573 f.; Seidenspinner 1995b, S. 159; Danker 1988, S. 430 ff.

40 Vgl. Siebenmorgen 1995, S. 9.

41 Vgl. Danker 2001, S. 275 ff.; Klauß 1997, S. 61; Seidenspinner 1995a, S. 34; Siebenmorgen 1995, S. 9 f.; Küther 1987, S. 7. Dieses Bild kommt hierbei dem des Sozialrebellen (vgl. Einleitung, Fußnote Nr. 35) sehr nahe.

42 Das „zivilisierte Leben“ ist hierbei in Bezug auf das Untertanenideal im Kontext der staatlichen Sozialdisziplinierung zu verstehen, wonach diesem eine feste Etikette und Verhaltensformen auferlegt waren.

43 Vgl. Danker 2001, S. 21 ff., 275 ff.; Siebenmorgen 1995, S. 9 f.; Klauß 1997, S. 61 ff.; Seidenspinner 1995a, S. 34.

44 Vgl. Lange 1994, S. 157; Danker 1988, S. 475; Seidenspinner 1995a, S. 34.

45 Vgl. Danker 1988, S. 452.; Danker 2001, S. 276; Seidenspinner 1995a, S. 27, S. 30 ff.

46 Vgl. Lange 1994, S. 165; Danker 1988, S. 441 f. Gleichmaßen wurden auch das Bettler- und Vagantenproblem von der damaligen Obrigkeitüberzeichnet (vgl. Wettmann-Jungblut 1990, S. 159).

47 Vgl. Lange 1994, S. 18, 165.

48 Vgl. Danker 1988, S. 213; Seidenspinner 1995a, S. 33.

49 Vgl. Danker 1988, S. 15; Danker 2001, S. 164.

50 Danker 2001, S. 277.

51 Vgl. Danker 1988, S. 331, 358; Danker 2001, S. 250; Lange 1994, S. 165.

52 Vgl. Küther 1987, S. 13.

53 Vgl. Danker 1988, S. 443; Danker 2001, S. 162 ff.; Blauert 1995, S. 58; Jütte 2000, S. 196; Eibach 1996, S. 701.

54 Vgl. u.a. Küther 1983, S. 20 ff.

55 Vgl. Seidenspinner 1995(a), S. 33; Lange 1994, S. 99 ff.

56 Vgl. Danker 1988, S. 208 ff, 221, 438, 443, 481; Danker 2001, S. 10, 119 ff.; Blauert 1993a, S. 90; Blauert 1995, S: 60 f.; Seidenspinner 1995a, S. 33; Jütte 2000, S. 201 ff.; Wettmann-Jungblut 1990, S. 158; Lange 1994, S. 151 ff.

57 Vgl. Lange 1994, S. 60 ff.; Danker 1988, S. 237 ff., 357; Küther 1987, S. 20.

58 Vgl. Danker 1988, S. 244 f., 482; Danker 2001, S. 143 ff.; Küther 1987, S. 27 ff.

59 Vgl. Blauert 1995, S. 61.

60 Seidenspinner 1995a, S. 28.

61 Vgl. Danker 1988, S. 326 ff.; Danker 2001, S. 75. Danker distanziert sich mit dieser Bezeichnung von der von ihm als überzogen anzusehenden Interpretation von Küther als die einer Gegengesellschaft. Danker verweist hier insbesondere auf den Umstand einer nicht nachzuweisenden Unterschichtssolidarität und den hierzu gegenteiligen Nachweis einer klaren Einbin- dung der Vaganten in die bestehende Gesellschaft. Ein geschlossenen Gruppengefühl kann allerdings bei aus ethnischen Min- derheiten zusammengesetzten Räuber- und Diebesbanden konstatiert werden (vgl. auch Jütte 2000, S. 9; Nitschke 1990, S. 50 f.; Lange 1994, S. 99 f.).

62 Vgl. Danker 1988, S. 308 ff.; Danker 2001, S. 73 ff, 156 ff.; Klauß 1997, S. 32 ff.; Schwerhoff 1992, S. 396; Seidenspinner 1995a, S. 29 f. und Seidenspinner 1995b, S. 158; Siebenmorgen 1995, S. 9; Jütte 2000, S. 238 ff.; Lange 1994, S. 41, 131 ff.

63 Seidenspinner 1995a, S. 33.

64 Danker 1988, S. 341. Vgl. auch Friedeburg 2002 S. 24.

65 Vgl. Danker 1988, S. 309 ff.; Lange 1994, S. 34, 131 ff., 251; Küther 1987, S. 63; Sachße 1983b, S. 98.

66 Vgl. Danker 2001, S. 132 ff.; Küther 1987, S. 30 ff, Blauert 1995, S. 60; Lange 1994, S. 63 ff., 121 ff.; Nitschke 1990, S. 49.

67 Vgl. Blauert 1995, S. 60 f.; Danker 1988, S. 220 ff.

68 Vgl. Danker 1988, S. 221 ff.; Danker 2001, S. 66 f, 138, 151.

69 Vgl. Küther 1987, S. 114; Danker 1988, S. 331 ff.; Danker 2001, S. 12, 73; Wettmann-Jungblut 1990, S. 159; Lange 1994, S. 133 f., 189.

70 Vgl. Hobbsbawn, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Wie reagierte der frühneuzeitliche Staat im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert auf das Gauner- und Räuberwesen?
Untertitel
Anspruch und Wirklichkeit
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1.3
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V186800
ISBN (eBook)
9783869434650
ISBN (Buch)
9783656991014
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
staat, deutschen, reich, jahrhundert, gauner-, räuberwesen, anspruch, wirklichkeit
Arbeit zitieren
Michael Böhm-Udelhoven (Autor), 2003, Wie reagierte der frühneuzeitliche Staat im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert auf das Gauner- und Räuberwesen? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186800

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