Die vorliegende Arbeit behandelt das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert. Charakteristisch an diesem erscheint, dass es sich aus einem weiterverbreitenden Marodenwesen entwickelte, welches wiederum Folge von Kriegen, Hungersnöten, religiösen Auseinandersetzungen und einer anhaltenden wirtschaftlichen Rezession im 16. bis 18. Jahrhundert war.
Zwei Kennzeichen prägen das Gauner- und Räuberwesen im Sinne der vorliegenden Arbeit: Zum einen handelt es sich, allerdings mit gewisser Relativierung, primär um ein ländliches Kriminalitätsphänomen und zum anderen steht dieses in unmittelbarem Bezug zur damaligen verbreiteten Armut und nichtsesshaften Lebensweise, dem Vagantenwesen. Verdeutlicht wird letzteres bereits an der zeitgenössisch synonymen Wortverwendung vom Gauner und Vaganten, weshalb das Gauner- und Räuberwesen des 18. Jahrhunderts nicht losgelöst vom Vagantenwesen betrachtet werden kann. Eine dementsprechende begriffliche Verquickung findet sich daher auch in sämtlicher Forschungsliteratur vor.
Die Arbeit orientiert sich an einer sozialhistorischen Ausrichtung. Durch Auswertung einschlägiger Forschungsliteratur soll hierbei unter bewusster Vernachlässigung von bandenbezogener oder territorial bedingter Spezifika die Thematik der Reaktionsmechanismen und des Reaktionsvermögens des absolutistischen, frühneuzeitlichen Staates gegenüber dem Gauner- und Räuberwesen in genereller Weise erschlossen werden.
Die nachfolgenden Betrachtungen knüpfen dementsprechend an die bisherige Forschung zur Unterschichtenproblematik, deren Lebensweise und Verhältnis zur ständischen Gesellschaft sowie zur Kriminalitätsgeschichte, insbesondere dessen Funktionalität, Ausprägungen, Hintergründe und Kontext zu den bestehenden Herrschaftsstrukturen, bspw. dem Verhältnis der Untertanen zur Obrigkeit, an.
In der vorliegenden Arbeit sollen durch die Betrachtung der Erscheinungsformen und des tatsächlichen Wirkens der Gauner und Räuber als Kollektivphänomen einer diskriminierten und stigmatisierten Unterschicht ? Akteursperspektive ? sowie deren Einbettung im gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Kontext als ländliches Kriminalitätsphänomen ? Strukturperspektive ? zum einen das Forschungswissen über die staatlichen Reaktionsmechanismen gegenüber den Gaunern und Räubern zusammengeführt und das Reaktionsvermögen des frühneuzeitlichen Staates im zeithistorischen Kontext diskutiert werden.
Die Arbeit konzentriert damit ihre Perspektive in Erweiterung zur bestehenden Forschung auf den Akteur des frühneuzeitlichen Staates und dessen Instrumentarien der Reaktion.
Um die Reaktion des frühneuzeitlichen Staates auf das Gauner- und Räuberwesen verstehen zu können, muss zunächst einmal aufgezeigt werden, wie der Gauner und Räuber sich, im Gegensatz zu dem durch die Rezeption geprägten und bis in die heutigen Tage wirkenden Bild vom edlen Räuber sowie dem zeitgenössisch negativ konnotierten Bild eines mordenden Banditen, tatsächlich im 18. Jahrhundert dargestellt hat, was im Kapitel II erfolgen wird. Des Weiteren bedarf es hiernach in Kapitel III den sozialen, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Hintergrund des Phänomens in Kernzügen aufzuzeigen. Auf diesem Fundament können dann in Kapitel IV die verschiedenen Formen und Ebenen der staatlichen Reaktion aufgezeigt und erläutert werden, um abschließend in einem Resümee die Ausgangsfragen reflektieren und die These nach Anspruch und Wirklichkeit der staatlichen Reaktion diskutieren zu können
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung/ Begriffsbestimmung
II. Das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert – Romantisierung, zeitgenössisches Bild und Wirklichkeit vom Gauner- und Räuberleben
1. Romantisierung/ Mystifizierung des Räuberwesens in der Literaturgeschichte
2. Zeitgenössisches (obrigkeitliches) Bild vom Gauner und Räuber
3. Wirklichkeit des Gauner- und Räuberwesen im 18. Jahrhundert
III. Ursachen und Gründe für das Gauner- und Räuberwesen – Erklärungsansätze
IV. Reaktion des frühneuzeitlichen Staates auf das Gauner- und Räuberwesen
1. „Policey“ – Verordnungswesen
2. Strafwesen und Strafvollzug
3. Strafverfolgung und „Visitationen“
V. Resümee / Anspruch und Wirklichkeit der Reaktion des frühneuzeitlichen Staates
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem staatlichen Anspruch der totalen Ausrottung des Gauner- und Räuberwesens im 18. Jahrhundert und der historischen Wirklichkeit, in der dieses Phänomen trotz staatlicher Verfolgungsbemühungen fortbestand. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der frühneuzeitliche Staat tatsächlich in der Lage war, gegen diese Randgruppen vorzugehen, oder ob staatliche Maßnahmen eher als Demonstration von Macht und Disziplinierung zu deuten sind.
- Sozialgeschichtliche Analyse des Gauner- und Räuberwesens als ländliches Kriminalitätsphänomen.
- Differenzierung zwischen romantisierten Mythen, obrigkeitlicher Stigmatisierung und historischer Realität.
- Untersuchung der strukturellen Ursachen: Armut, Ausgrenzung und Marginalisierung.
- Bewertung staatlicher Reaktionsmechanismen wie Policeyordnungen, Strafwesen und Visitationen.
- Reflektion über die Wirksamkeit staatlichen Handelns im Kontext der Sozialdisziplinierung.
Auszug aus dem Buch
II. 1. Romantisierung/ Mystifizierung des Räuberwesens in der Literaturgeschichte
Beginnend mit dem auslaufenden 18. Jahrhundert entwickelt sich in der Literaturgeschichte ein Räuberbild, das sich von dem zuvor bestehenden düsteren Bild abhebt, in weiterer Folge Kunst und Film inspiriert und bis in die heutigen Tage, nahezu konserviert, die Vorstellung vom Räuber als die eines edlen Räubers, als Schlapphut tragend und mit Pistolen bewaffneten, in Wäldern und einsamen Wirtshäusern hausenden Rächers erlittenen Unrechts, als Kämpfer gegen Obrigkeit und soziale Mißstände, als edelmütig, großherzigen, todesmutigen, die Frauenherzen eroberten und trotz raubend und mordend gleichermaßen Kriminellen wie Wohltäter und Rebellen bestimmt.
Spektakuläre Verbrechen sowie „Räuberbanden“ waren schon von jeher beliebter Gegenstand der Kriminalliteratur gewesen.
Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstehenden und zu ihrer Zeit bereits überaus populären Werken, insbesondere von Friedrich Schiller („Die Räuber“, 1781) und Christian Vulpius („Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann“, 1797), entwickelte sich geradezu eine Flut an literarischen Werken, Theaterstücken sowie, oft durch Räuberprozesse inspirierten, publizierten „Aktenmäßige Fallsammlungen“, später auch zunehmend Trivialwerken und Groschenromanen, die bis in das 20. Jahrhundert hinein reicht und teils zu Verfilmungen führte. Über die Räuber wurden Legenden und Mythen entwickelt, die, wie etwa beim Räuber Schinderhannes, bereits zu Lebzeiten einsetzten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung/ Begriffsbestimmung: Einführung in das Thema der Kriminalitätsgeschichte und Abgrenzung der zentralen Begriffe Gauner, Räuber und Vaganten im 18. Jahrhundert.
II. Das Gauner- und Räuberwesen im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert – Romantisierung, zeitgenössisches Bild und Wirklichkeit vom Gauner- und Räuberleben: Gegenüberstellung der Mythenbildung durch die Literatur, des obrigkeitlichen Feindbildes und der wissenschaftlich rekonstruierten sozialen Realität der Randgruppen.
III. Ursachen und Gründe für das Gauner- und Räuberwesen – Erklärungsansätze: Analyse der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, insbesondere Massenarmut und staatliche Ausgrenzungs- sowie Stigmatisierungsprozesse als Wegbereiter für Kriminalität.
IV. Reaktion des frühneuzeitlichen Staates auf das Gauner- und Räuberwesen: Detaillierte Untersuchung der staatlichen Gegenmaßnahmen durch Verordnungswesen, Strafjustiz und polizeiliche Streifentätigkeiten (Visitationen).
V. Resümee / Anspruch und Wirklichkeit der Reaktion des frühneuzeitlichen Staates: Zusammenfassende Bewertung der Diskrepanz zwischen dem staatlichen Ausrottungsanspruch und der tatsächlichen Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen im absolutistischen Kontext.
Schlüsselwörter
Gauner, Räuber, 18. Jahrhundert, Frühneuzeit, Kriminalitätsgeschichte, Sozialdisziplinierung, Vaganten, Stigmatisierung, Marginalisierung, Policey, Strafrecht, Absolutismus, Randgruppen, Kriminalisierung, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Staat im 18. Jahrhundert im Deutschen Reich auf das Phänomen des Gauner- und Räuberwesens reagierte und inwieweit Anspruch und Wirklichkeit staatlicher Kontrolle übereinstimmten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die soziale Herkunft der Täter, die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und historischer Realität sowie die Methoden staatlicher Disziplinierung und Verfolgung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das staatliche Reaktionsvermögen zu bewerten und aufzuzeigen, dass die staatliche Rhetorik der "Ausrottung" oft eher der Demonstration von Macht als der tatsächlichen Kriminalitätsbekämpfung diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozialgeschichtlich orientierte Untersuchung, die Kriminalität als Produkt gesellschaftlicher Bedingungen und obrigkeitlicher Normsetzungen betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ursachen der Delinquenz (insb. Armut und Ausgrenzung), die verschiedenen staatlichen Instrumentarien (Policey, Strafvollzug) und die Wirksamkeit der polizeilichen Visitationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Gauner, Räuber, 18. Jahrhundert, Sozialdisziplinierung, Vaganten, Stigmatisierung und Kriminalitätsgeschichte.
In welchem Verhältnis standen Vaganten zu Gaunern und Räubern?
Die Übergänge waren fließend; Vaganten bildeten oft das soziale Rekrutierungsreservoir für kriminelle Banden, da ihre nicht-sesshafte Lebensweise sie systematisch in die Illegalität drängte.
Warum konnte der Staat das Phänomen trotz aller Anstrengungen nicht beseitigen?
Der Staat bekämpfte zwar die Symptome, schuf aber durch das absolutistische Wirtschafts- und Sozialsystem, das Randständige ausgrenzte und ihnen legale Lebensformen verwehrte, ständig neue Grundlagen für die Kriminalität.
- Citar trabajo
- Michael Böhm-Udelhoven (Autor), 2003, Wie reagierte der frühneuzeitliche Staat im Deutschen Reich im 18. Jahrhundert auf das Gauner- und Räuberwesen? , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186800