Die Funktion des Geldes in Lessings 'Minna von Barnhelm'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und historische Einordnung des Stückes

2 Das Verhältnis der einzelnen Charaktere zum Geld
2.1 Die Geldgierigen
2.2 Die Großmütigen

3 Funktion des Geldes im Hinblick auf die Beziehung der Charaktere untereinander
3.1 Das Spiel des Großmuts
3.2 Geld und Liebe

4 Geld und Ehre

5 Fazit

6 Literatur

1 Einleitung und historische Einordnung des Stückes

Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ fällt in ein Jahrhundert großer sozialer Veränderungen. So wird der Adel in seiner ökonomischen Vormachtstellung zunehmend von den aufstrebenden bürgerlichen Kaufleuten abgelöst. Lessing lebte fast exakt zeitgleich mit Adam Smith, dem wichtigsten Vertreter der damals neuen, wegweisenden Markttheorie des klassischen Liberalismus, welcher letztendlich den bestehenden Merkantilismus ablöste. Die Vertreter des Liberalismus sprachen sich für ein gemäßigtes Eingreifen der Monarchen in die Wirtschaft aus. Der Gewinner dieses neuen Marktmodells war das Bürgertum, dem vorher der Zugang zu den Märkten verwehrt geblieben war.

Gleichzeitig fällt Lessings Stück in eine Zeit der Depression. Nach dem siebenjährigen Krieg wurde der Großteil der angeworbenen Söldner mangels Beschäftigung aus der preußischen Armee entlassen, wodurch auf einen Schlag tausende Menschen ohne ein Auskommen dastanden.[1] Auch war durch den Krieg ein hohes Maß an Vergreisung innerhalb der preußischen Bevölkerung zu beobachten,[2] was die finanzielle Situation vieler Familien weiter verschlechtert haben dürfte. Gleichzeitig presste Friedrich II. durch seine erbarmungslose Eintreibungspolitik von Kontributionszahlungen das Letzte aus den von Preußen besetzten Gebieten heraus.[3] Gegen diese unmenschlich hohen Forderungen gab es durchaus Widerstand innerhalb der preußischen Armee.[4] Dass mit den Kontributionszahlungen auch Geld verdient werden konnte, zeigt der bürgerliche Kaufmann Gotzkowski. Er streckte Kontributionen für zahlungsunfähige Städte und Provinzen vor und kassierte bei dem daraus entstandenen Wechselgeschäft eine Provision.[5] Der Vorwurf gegen Tellheim, dass er mit dem Wechselgeschäft bei den Kontributionszahlungen aus eigener Profitgier gehandelt haben könnte, kommt also nicht von ungefähr.

Zu der ohnehin finanziell desolaten Lage Preußens und dessen Umland kam es nach Kriegsende auch noch zu einer großen Finanzkrise. Viele Banken und Geschäftsleute mussten Konkurs anmelden. Genau auf dieses Jahr, nämlich 1763, datiert Lessing das Stück, obwohl er es erst 1767 fertigstellte. Dies ist natürlich nicht zufällig gewählt. Das Publikum wird in dem Jahr der tatsächlichen Fertigstellung, nur vier Jahre später, noch sehr stark unter dem Eindruck der Krise gestanden haben. Mit diesem Wissen im Hinterkopf hat der Fokus des zeitgenössischen Zuschauers wohl besonders auf den finanziellen Bezügen des Stückes gelegen.

Lessing selber war mit der finanziellen Situation Preußens durch seine Arbeit bei dem , Generalmünzdirektor ‘ General Tauenzien bestens vertraut.[6] So ist es also nicht verwunderlich, dass sich das Lustspiel zu einem maßgeblichen Teil um finanzielle Beziehungen, Probleme und Sorgen dreht. Es ist ständig die Rede von Talern, Wechseln, Pistolen und Ähnlichem.

In der folgenden Arbeit werde ich untersuchen, wie die Einstellung der einzelnen Personen zum Geld aussieht und welchen Einfluss das Geld auf die Beziehungen der Charaktere untereinander hat.

2 Das Verhältnis der einzelnen Charaktere zum Geld

Wenn man die Charaktere des Stückes hinsichtlich ihres Verhältnisses zum Geld betrachtet, kann man sie in zwei Gruppen einteilen. Die eine Gruppe ist geldgierig und die andere großzügig und freigiebig.

Der ersten Gruppe gehören Riccaut und der Wirt an.

2.1 Die Geldgierigen

Der Wirt verhält sich höflich und übertrieben unterwürfig, was von den anderen Figuren und dem Publikum negativ wahrgenommen wird. Er fungiert wie viele Wirte zu der Zeit Friedrich II. als eine Art „Vorposten der Polizei“[7] und damit als verlängerter Arm des absolutistischen Staates.[8] Der Wirt ist immer darauf bedacht möglichst viel Kapital zu schlagen. Als er Bedenken bezüglich der Zahlungsfähigkeit Tellheims hat, räumt er kurzerhand dessen Zimmer zugunsten der zahlungskräftigen Minna von Barnhelm. Dies lässt sich aus unternehmerischer Sicht sicherlich nachvollziehen. Darüber hinaus ergreift der Wirt aber auch die Chance zu betrügen, wenn sie sich ihm bietet. So behauptet er, als er merkt, dass Minna den Ring den Tellheim ihm verpfändet hat zurückkaufen will, dass er hundert Pistolen darauf geliehen hätte.[9] In Wirklichkeit waren es nur achtzig Pistolen.[10] Dies hindert ihn allerdings nicht daran, das Pfänden des Ringes Werner gegenüber als Wohltat zugunsten des Majors anzupreisen.[11] So bestätigt sich die unnatürlichen Höflichkeit als reine Maskerade, um als sauberer Geschäftsmann zu wirken.

Auch Riccaut lässt sich so charakterisieren, dass er wohl keine Gelegenheit auslassen würde an Geld zu kommen. Dies wird bereits durch seinen Namen angedeutet. Mit vollem Titel heißt er „Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Prêt-au-val, de la branche de Prensd'or“, wobei man „Seigneur de Prêt-au-val“ frei mit ,Herr von Schuldental ‘ und „de la branche de Prens d'or“ mit ,aus der Linie der Goldnehmer ‘ übersetzen kann. Riccaut outet sich in dem Gespräch mit Minna und Franziska als Falschspieler, schafft es aber trotzdem, Minna zehn Pistolen zu entlocken, um sich dem Glückspiel widmen zu können.

Einerseits gibt sie ihm das Geld, wohl weil er sich selbst als Freund Tellheims bezeichnet. Andererseits hat sie Mitleid weil er ihr erzählt, dass er, wie Tellheim, aus dem Dienst entlassen wurde und nun kein Geld mehr hat. Sowohl Minnas Mitleid als auch Riccauts Verhalten sind relativ gut nachzuvollziehen, wenn man seine Lebensumstände betrachtet. Er ist ein abgedankter Offizier der preußischen Armee, der sich, so sagt er zumindest, im Krieg ruiniert hat. Üblicherweise wurden ausländische Abenteurer zu der Zeit, in der das Drama spielt, von der preußischen Armee angeworben, um in Freibatallionen zu dienen, denen im Krieg niedere Aufgaben zuteil wurden. Die Mitglieder standen auf einer sehr niedrigen sozialen Stufe. Nach Kriegsende wurden die meisten Freibatallione aufgelöst und die Männer ihrem Schicksal überlassen.[12] Eine Pension hatten die Ausgedienten dabei nicht zu erwarten. Selbst bei aus Verletzungsgründen notwendigen Entlassungen gab es nur eine sehr geringe Pension und das auch nur in sehr wenigen Fällen.[13] So ist es durchaus denkbar, dass Riccaut, abgedankt und arbeitsunfähig, überhaupt nichts anderes übrig bleibt als von Almosen und kleinkrimminellen Handlungen, wie dem Glücksspiel, zu leben. Dies ändert natürlich nichts an der negativen Wahrnehmung des Charakters durch sein im Kontrast zu seiner Erscheinung stehendes, arrogantes Auftreten, das dann auch in der Folgeszene von Franziska ins Lächerliche gezogen wird.[14] Man könnte sagen, Riccaut verkörpert das, was aus einem ohne Abfindung aus der preußischen Armee entlassenen Offizier wird, wenn er nicht den alles determinierenden Ehrbegriff verinnerlicht hat, wie es bei Tellheim der Fall ist. Riccaut ist somit das negative Spiegelbild, eine Karikatur Tellheims.[15] Damit lässt er Tellheims Edelmut umso stärker hervortreten.[16]

Allerdings kann man bei Riccaut und dem Wirt nicht von dem ,reinen‘ Typ des Geldgierigen im Sinne des Trauerspiels sprechen.[17] Erstens ist die Befriedigung der Geldgier durch Betrug, Diebstahl, Bestechung und andere Verbrechen nicht der zentrale Antrieb für das Handeln der beiden Charaktere. Vielmehr nutzen sie nur die Situation, um zu betrügen oder Geld zu erschleichen, wenn sie sich ihnen bietet. Riccaut hat die Gelegenheit, Geld von Minna zu bekommen nur, weil er Tellheim aufsuchen will, um ihm die durchweg positive Nachricht zu überbringen, dass die Vorwürfe gegen ihn fallengelassen werden. Ebenso ist er es, der dem Feldjäger den neuen Aufenthaltsort des Majors mitteilt und somit maßgeblich zur Auflösung dessen Misere beiträgt.[18]

Auch ist nicht die Gier nach Geld das Hauptmotiv des Stückes, wie in vielen bürgerlichen Trauerspielen.[19] Eher ist das Nichtvorhandensein von Geld auf Seiten Tellheims das bestimmende Thema.

2.2 Die Großmütigen

Die anderen Hauptpersonen des Stückes werden vom Publikum positiv wahrgenommen. Dies liegt insbesondere auch daran, dass sie allesamt eher freigiebig und großmütig sind, was das Geld angeht.

Werner zum Beispiel ist durch seinen Einsatz in der Armee zu einigem Reichtum gekommen. Als er bemerkt, dass Tellheim aufgrund des Prozesses und der Einbehaltung sowohl des Wechsels als auch seines Soldes finanzielle Probleme hat, scheut er sich nicht, ihm all sein Geld zu offerieren. Er schleppt sein Geld gleich säckeweise auf die Bühne. Werner formuliert den bemerkenswerten Satz: „Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen.“[20] Man könnte nun den Eindruck gewinnen, für Werner bestünde aus einem neuen bürgerlichen Selbstbewusstsein heraus keine Hierarchie mehr zwischen Adel und Bürgern. Der Satz klingt fast wie eine Vorwegnahme einer sozialistischen Einstellung gegenüber dem Eigentum. Dass er dies so nicht gemeint haben kann, merkt man in der Szene zwischen Franziska, Minna und ihm, in der er völlig steif angesichts des adligen Fräuleins wird. Er besteht auf der Wahrung der Subordination, die in seiner Funktion als Soldat der preußischen Armee eine zentrale Rolle spielt. Mit Sicherheit kann man sagen, dass Werner Geld nicht als oberste Priorität sieht.

[...]


[1] Vgl. Dyck: Minna von Barnhelm, S.81-85.

[2] Vgl. ebd., S. 15f.

[3] Vgl. ebd., S. 69f.

[4] Vgl. Griebel: Historische Studien zu Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“, S. 255.

[5] Vgl. Dyck: Minna von Barnhelm, S. 71-73.

[6] Vgl. Michelsen: Die Verbergung der Kunst, S. 208.

[7] Rüskamp: Dramaturgie ohne Publikum, S. 74.

[8] Vgl. Ebd., S. 74.

[9] Vgl. Lessing: Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück, 3.Aufzug, 3.Auftritt, S. 48 (im Folgenden mit ,Primärtext:‘ abgekürzt).

[10] Vgl. Ebd. 2.Aufzug, 2.Auftritt, S. 31.

[11] Vgl. Ebd. 3.Aufzug, 3.Auftritt, S. 48.

[12] Vgl. Dyck: Minna von Barnhelm, S. 83f.

[13] Ebd. S. 91f.

[14] Vgl. Primärtext: 4. Aufzug, 3.Auftritt S. 72.

[15] Vgl. Rüskamp: Dramaturgie ohne Publikum, S. 72.

[16] Vgl. Michelsen: Die Verbergung der Kunst, S.210.

[17] Vgl. Fiederer: Geld und Besitz im bürgerlichen Trauerspiel, S 132-134.

[18] Vgl. Primärtext: 5.Aufzug, 6.Auftritt, S. 94

[19] Vgl. Fiederer: Geld und Besitz im bürgerlichen Trauerspiel, S. 126f.

[20] Primärtext: 3.Aufzug 7.Auftritt, S. 55f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Geldes in Lessings 'Minna von Barnhelm'
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für neuere deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Deutsche Komödien und Komödientheorien des 17. und 18. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V186911
ISBN (eBook)
9783656100997
ISBN (Buch)
9783656100942
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Minna, Barnhelm, Daniel Fulda, Lustspiel, Ringintrige, Gottsched, Funktion des Geldes, Komödie, Komödientheorie, Geld, Funktion
Arbeit zitieren
Peter Schumacher (Autor), 2011, Die Funktion des Geldes in Lessings 'Minna von Barnhelm', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186911

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