Lachen im Angesicht des Grauens? Die Komik in Roberto Benignis Film "La vita é bella"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Holocaust- Komödie

3. Debatte um die Darstellbarkeit des Holocausts im Film
3.1 Holocaust- Komödien und ihre Kritik
3.2 Publizistische Kontroverse um Roberto Benignis „La vita é bella“

4. Analyse der Komikelemente in „La vita é bella“
4.1 Märchencharakter des Films
4.2 Wortwitz, Körper- und Situationskomik
4.3 Komik im Konzentrationslager?

5. Funktion der Komik in „La vita é bella“

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturliste

1. Einleitung

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten soll wach bleiben. Darüber herrscht allgemeiner Konsens in der westlichen Welt. Doch die Frage wie eine Erinnerungskultur geschaffen werden soll, wird kontrovers diskutiert, wie jüngst die Debatte um den Bau des Holocaust-Denkmals in Berlin zeigte. Bereits 1951 findet, angestoßen durch Theodor W. Adornos Diktum „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“[1] eine Auseinandersetzung statt, welche Rolle die Kunst in diesem Zusammenhang spielen darf. Denn wir soll ein Erinnern aussehen und wer darf sich überhaupt über den Holocaust äußern, angesichts der Tatsache, dass immer weniger Zeitzeugen über die Vergangenheit berichten können? Und welche Medien sind dazu geeignet?

In der vorliegenden Hausarbeit mit dem Titel „Lachen im Angesicht des Grauens? Die Komik in Roberto Benignis Film „La vita é bella““ soll eine Auseinandersetzung stattfinden, welche Rolle die Gattung Film und insbesondere das Genre der Komödie im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur des Holocausts spielt. Hierbei wird nach einer kurzen Diskussion des Begriffs der Holocaust- Komödie, die Debatte um die Darstellbarkeit des Holocaust im Film nachvollzogen. Unter diesem Aspekt ist kein historischer Abriss zu verstehen, sondern eine Ausarbeitung der Grundprobleme, welche Theoretiker und Kritiker formuliert haben. Anschließend wird die Rolle der Holocaust- Komödie in diesem Kontext herausgestellt, wobei sich die Hausarbeit konkret mit der publizistischen Debatte um den Film „La vita é bella“ beschäftigen wird. Darauf aufbauend sollen die erarbeiteten Grundprobleme der Diskussion über die Darstellbarkeit des Holocaust im Film in Form einer Analyse von „La vita é bella“ diskutiert werden. Hierbei sollen die Elemente der Komik besondere Beachtung finden, welche dann in einem abschließenden Teil auf ihre Funktion hin untersucht werden.

Die Untersuchung stützt sich schwerpunktmäßig auf das Werk von Margrit Frölich, Hanno Loewy und Heinz Steinert „Lachen über Hitler – Auschwitz Gelächter?“ und auf Sven Kramers Sammelband „Die Shoah im Bild“.

2. Die Holocaust- Komödie

Der Begriff der Holocaust- Komödie ist in den diversen journalistischen Feuilletons wie auch in der wissenschaftlichen Fachliteratur häufig anzutreffen, jedoch findet neben der Verwendung keine weitergehende Erläuterung statt. Um in der nun folgenden Hausarbeit trotzdem ein grundlegendes Verständnis des Begriffs voraussetzen zu können, soll eine Annäherung an eine Definition der Holocaust- Komödie über das Genre der Filmkomödie erfolgen.

Doch lässt sich auch bei einer näheren Beschäftigung mit dem Genre der Filmkomödie feststellen, dass es „schwierig bzw. unmöglich ist [...] eine formelhafte, zeitlos gültige Definition dafür vorzulegen“[2]. Dies hängt zum Einen damit zusammen, dass Komik ein zeit- und kontextabhängiges Wahrnehmungsphänomen ist und zum Anderen die Genregrenzen insbesondere zur Tragödie nicht eindeutig abzugrenzen sind[3]. Dennoch gibt es eine Reihe von Merkmalen, die eine Zuordnung zum Genre der Filmkomödie ermöglichen.

Die Filmkomödie ist ein von Komik geprägter auf Erheiterung ausgerichteter Spielfilm, dessen Abstufungen von „lustig- harmlos und clownesk über parodistisch und ironisch-satirisch bis hin zu grotesk- surreal reichen“[4]. Komische Effekte werden durch physische Aktionen, wie zum Beispiel der Kampf mit der Tücke des Objekts (Slapstickkomödie), aber auch auf der sprachlichen Ebene durch komische Dialoge erzielt. So wird die Komik in vielen Filmen durch eine Doppelbödigkeit der Dialoge bzw. Sprachduelle getragen. Ein weiteres Element, welches sich unter dem Begriff der Screwball- Comedy fassen lässt, ist ein fröhlich- freches Miteinander der Geschlechter.[5] Des weiteren unterliegt das Genre den Handlungskonventionen eines glücklichen Ausgangs[6].

Doch wie lässt sich nun die Holocaust- Komödie näher definieren? Handelt es sich lediglich um eine Komödie, die zur Zeit des Holocaust spielt und die oben erläuterten Elemente der Komik, wie auch in gängigen Komödien einsetzt? Bei einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Holocaust- Komödien wird deutlich, dass die Komik häufig die Funktion hat das Unrealistische der Darstellung zu betonen[7]. In diesem Zusammenhang tritt insbesondere die Metapher des Schauspielens und Inszenierens hervor. So besitzt häufig das Gestaltungsmittel des Spiels im Spiel eine bedeutende Rolle. Dem Publikum wird dadurch signalisiert, dass hier kein Versuch der Wahrhaftigkeit unternommen wird.

3. Debatte um die Darstellbarkeit des Holocausts im Film

Die Debatte um die Darstellbarkeit des Holocausts im Film ist grundsätzlich eine Auseinandersetzung um die moralische Normierung bildlicher Darstellung. Hierbei impliziert die Frage nach der Darstellbarkeit, dass es gewisse Grenzen gibt, deren Überschreitung die Missachtung der Rechte und Gefühle anderer bedeutet.

Deshalb vertreten eine Reihe von Personen, darunter Theodor W. Adorno, Claude Lanzmann und Elie Wiesel die Meinung der Nichtdarstellbarkeit des Holocaust. Denn nach ihnen sei jede filmische Verarbeitung eine „Trivialisierung des Geschehens“[8] und bezweifle damit seine Einzigartigkeit[9]. Außerdem plädieren sie für ein „Recht am eigenen Bild, das auch den Opfern zugestanden werden“[10] müsse, da sie „selbst nicht mehr entscheiden können, ob Nachgeborene sie nackt im Massengrab sehen sollen“[11]. Die Befürworter eines Bilderverbots orientieren sich zumeist an Adornos Diktum von 1951 „Keine Lyrik nach Auschwitz“[12], wodurch er das Ende der Kultur beziehungsweise Zivilisation eingeläutet hat.

Jedoch lässt sich anmerken, dass demgegenüber die meisten Theoretiker und Kritiker einen zunehmend gemäßigten Kurs verfolgen. Für sie ist entscheidend, auf welche Art und Weise der Holocaust abgebildet wird und wenden sich somit gegen ein allgemeines Verbot der Darstellung. Für Vertreter dieser Richtung, wie Jorge Semprun, Gertrud Koch und Ruth Klüger steht eine literarische oder filmische Beschäftigung mit dem Thema außer Frage, da durch eine derartige Auseinandersetzung mit dem Thema eine Wiederholung der Verbrechen vermieden werden könne[13].

Die Debatte um die Darstellbarkeit des Holocaust hat eine lange Tradition (seit den 50-er Jahren) und offenbart ein breites Spektrum an Meinungen bei Theoretikern und Kritikern. Nachdem nun die Hauptvertreter der Debatte und ihre Auffassungen genannt worden sind,

sollen nun des weiteren, die für die Arbeit entscheidenden Grundprobleme der Diskussion um die Darstellbarkeit des Holocausts im Film herausgearbeitet werden. Insgesamt kristallisieren sich hier, wie oben bereits angedeutet, drei Grundprobleme in Bezug auf die filmische Darstellung heraus. Zum Einen das erwähnte grundsätzliche Bilderverbot, „wonach jede Imagination zwangsläufig eine Banalisierung und Verfälschung von historischem Geschehen zur Folge haben muss“[14]. Geht man demgegenüber von keinem absoluten Verbot der Darstellung aus, müssen Filme, insbesondere solche mit einer realistischen Darstellungsweise, „die Grenzen einer Visualisierung des Grauens reflektieren und nach Formen suchen“, welche „die Dimension der Unfassbarkeit der Vernichtung bewusst werden lässt“[15].

Zum Anderen dreht sich ein weiteres Problem um das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion. Denn allzu häufig wird die Frage nach der Authentizität als „Wertkriterium für die Realitätsangemessenheit und die Glaubwürdigkeit“[16] des Films eingesetzt. So versuchen nicht nur Dokumentarfilme die Vergangenheit möglichst realistisch abzubilden, sondern auch Spielfilme orientieren sich an einer detailgetreuen Nachbildung[17].

So muss sich der Spielfilm gegen die Einwände einer Fiktionalisierung des Holocausts wenden. Denn durch diese Art der Darstellung würde mit „falschen Mitteln eine Sinnstiftung betrieben, die den Zuschauer zu einer emotionalen Identifizierung mit den Opfern drängt“[18]. Dadurch geht die objektive Distanz zum Ereignis verloren und der Holocaust dient nur noch als Hintergrund, um eine bestimmte Botschaft zu übertragen. Somit wird er zum einem konsumierbaren Geschehnis. Als letztes Grundproblem lässt sich der Widerspruch von Hoch- und Massenkultur nennen. So können kulturindustriell gefertigte, massenmediale Produkte zu einer Trivialisierung und Verflachung des Holocausts führen. Denn die Massenmedien zeigen nach Detlev Claussen einen „publikumswirksamen Artefakt Holocaust, mit dem das Grauen eingerahmt, mit Sinn versehen und damit verharmlost wird“[19].

Aus der Debatte gehen bestimmte Normen hervor, die Terrence Des Pres 1988 in einem häufig zitierten Aufsatz „Holocaust Laughter“ zu drei Konventionen für die Darstellung des Holocaust zusammenfasst. Die drei Grundregeln werden nun kurz aufgeführt, weil sich viele Kritiker der künstlerischen Auseinadersetzung mit dem Holocaust darauf berufen und sie somit für die weitergehende Ausarbeitung der Hausarbeit von Relevanz sind.

„1. Der Holocaust soll als eine eigene Totalität dargestellt werden, als ein einzigartiges Ereignis, als ein Sonderfall und ein abgezirkelter Bereich, vor oder nach aller Geschichte oder getrennt von ihr.
2. Darstellungen des Holocaust haben so genau wie möglich zu sein und den Fakten und Bedingungen des Ereignisses gerecht zu werden; es gibt keine legitimen, auch keine künstlerischen Gründe für Veränderungen oder Manipulationen.
3. Man soll sich dem Holocaust als einem bedeutenden, vielleicht sogar religiösen Ereignis nähern, mit einer Ernsthaftigkeit die alle Reaktionen ausschließt, von denen seine außergewöhnliche Bedeutung verdunkelt oder der Tod so vieler Menschen entehrt werden könnte.“[20]

[...]


[1] Petra Kildaisch (Hrsg.), Lyrik nach Auschwitz: Adorno und die Dichter (Stuttgart 1995), S.10.

[2] Heinz- B. Heller / Matthias Steinle (Hrsg.), Filmgenres. Komödie (Stuttgart 2005), S.20.

[3] Vgl. ebd.

[4] Susanne Marschall, „Komödie“, in: Thomas Koebner (Hrsg.), Reclams Sachlexikon des Films (Stuttgart 1998), S. 357.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Jörn Glasenapp/ Claudia Lillge (Hrsg.), Die Filmkomödie der Gegenwart (Paderborn 2008), S. 7.

[7] Vgl. Hanno Loewy, „Komödie und Satire in der filmischen Repräsentation des Holocaust. Eine Filmografie, in: Margrit Frölich/ Hanno Loewy und Heinz Steinert (Hrsg.), Lachen über Hitler- Auschwitz Gelächter? Filmkomödie, Satire und Holocaust (München, 2003), S.17.

[8] Martina Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film (Münster 2001). S. 33

[9] Vgl. ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Kildaisch, Lyrik nach Auschwitz, S.10.

[13] Vgl. Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film, S.33-34.

[14] Anja Oster / Walter Uka, „Der Holocaust als Filmkomödie: Komik als Mittel der Darstellung des Undarstellbaren“, in: Sven Kramer (Hrsg.), Die Shoah im Bild (München 2003), S.251.

[15] Ebd.

[16] Frauke Beigel, Hitler in der Filmkomödie: Exemplarische Fallstudien zur Funktion des Komischen (München 2008), S.8.

[17] Vgl. ebd., S.23-24; Sven Kramer, Auschwitz im Widerstreit. Zur Darstellung der Shoah in Film, Philosophie und Literatur (Wiesbaden, 1999), S.29.

[18] Oster/ Uka, Holocaust als Filmkomödie, S.251.

[19] Ebd., S.253.

[20] Kathy Laster/ Heinz Steinert, „Eine neue Rezeption der Shoah? Zur Rezeption von La vita é bella“, in: Margrit Frölich/ Hanno Loewy und Heinz Steinert (Hrsg.), Lachen über Hitler- Auschwitz Gelächter? Filmkomödie, Satire und Holocaust (München, 2003), S. 185; Vgl. Terrence Des Pres, „Holocaust Laughter“, in: Berel Lang (Hrsg.), Writing the Holocaust (New York, 1998), S.216- 133.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Lachen im Angesicht des Grauens? Die Komik in Roberto Benignis Film "La vita é bella"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V186969
ISBN (eBook)
9783656103974
ISBN (Buch)
9783656104254
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Leben ist schön, Holocaust, Komik
Arbeit zitieren
Sarah Nolte (Autor), 2010, Lachen im Angesicht des Grauens? Die Komik in Roberto Benignis Film "La vita é bella", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186969

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