Metaphern des Essens und Trinkens in Aravind Adiga, "The White Tiger" und Timothy Mo, "Sour Sweet"


Magisterarbeit, 2011
85 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Bedeutung des Essens und Trinkens im Hinblick auf Identitätsbildung

3 Chinesisches Essen
a Ursprünge, Entwicklung, Charakteristika
b Chinesisches Essen in der Diaspora – Die Bedeutung chinesischer Restaurants
c Chinesische Takeaways in Großbritannien

4 Indisches Essen
a Ursprünge und Entwicklung
b Indisches Kastensystem und Essen
c Religion und Essen

5 Essen und Trinken in Timothy Mos Sour Sweet

6 Essen und Trinken in Aravind Adigas The White Tiger

7 Schlussbetrachtung

8 Erweiterte Bibliographie

1 Einleitung

Der Thematik des Essens und Trinkens wurde unter den Gesichtspunkten der Anthropologie, Philosophie und Kulturwissenschaft bis vor einigen Jahren nur wenig Beachtung geschenkt. Im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrzehnte wird diesem Themenkomplex allerdings stetig mehr Bedeutung beigemessen. Dem Essen und allen dazu gehörigen Vorgängen, angefangen beispielsweise bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln, der Zubereitung eben dieser, der Art und Weise des Konsums, bis hin zu Ritualen und Festen, bei denen Essen und auch Trinken eine große Rolle spielen, sind heutzutage immer häufiger Bestandteil wissenschaftlicher Abhandlungen und Betrachtungen. Das mangelnde Interesse am Essen und seinem Konsum ist auf die ursprüngliche Haltung zurück zu führen, Essen sei eine niedere, sinnliche Tätigkeit, die, genauso wie der damit einhergehende ' taste ', einzig und allein dazu diene, körperlichen Genuss zu generieren. In ihrem interdisziplinären Reader über Geschmack, Essen und Trinken beschreibt Carolyn Korsmeyer dies wie folgt:

[…] a strong tendency among theorists, at least of the Western tradition, to downgrade taste (along with touch and smell) as merely „bodily“ senses, in contrast to the more intellectually coordinate senses of sight and hearing. Indeed, many have concluded that taste is hardly worth a great deal of attention – any more than, say, digestion; as long as it works, it can be ignored. This derogatory view presumes as well that the objects of taste are relatively inarticulate and meaningless, especially in comparison to objects of vision and hearing, which are senses that are indispensable for communication, empirical investigation, learning, and the creation of works of art.[1]

Das angebliche Fehlen geistiger Forderung und Förderung beim Akt des Essens zog somit vorwiegend Desinteresse von Seiten der Kulturwissenschaften nach sich.

Mittlerweile hat sich die vorherrschende Meinung der Anthropologie, Philosophie und Kulturwissenschaft aber dahin gehend verändert, dass die Komplexe des Essens und Trinkens nicht mehr länger als sinnentleerte, rein körperliche Vorgänge betrachtet werden, sondern ihnen eine ganze Reihe von anthropologisch und kulturell gewichtigen Funktionen zugeschrieben werden. Eine der wohl wichtigsten Funktionen, die durch Essen und Trinken beeinflusst werden, ist die der Identitätsbildung.

Essen und Trinken konstituieren identitätsstiftende Prozesse. Dabei dienen sie sowohl dazu, die Identität einzelner Personen zu definieren, als auch diejenige, bestimmter Personengruppen. Solche Personengruppen können beispielsweise Religionsgemeinschaften sein, Nationalitäten oder einfach Familien. Durch ihre Kraft, In – und Exklusion von Personen abzubilden, stellen Essen und Trinken einen wichtigen Faktor bei der Bildung von Gemeinschaften dar. Auf den Aspekt der Identitätsbildung soll im zweiten Kapitel dieser Arbeit näher eingegangen werden. Dabei soll das gemeinschafsstiftende Moment des Essens und Trinkens sowohl auf regionaler, als auch religiöser und kultureller Basis Beachtung finden und damit einhergehende Einflüsse auf die Bildung einer Identität herausgestellt werden. Dabei stellt sich auch die Frage, ob im heutigen Zeitalter fortschreitender Globalisierung eine Veränderung in der Wahrnehmung kultureller Grenzen in Bezug auf Essen und Trinken festzustellen ist und wie interkultureller Austausch in diesem Feld stattfindet.

Die Behandlung des Themas des Essens und Trinkens in der Literatur stellt einen wichtigen Zugewinn bei der ganzheitlichen Beschäftigung mit Essen und Trinken mit Blick auf Identitätsbildung dar. Literatur ist dabei ein akkurates Mittel, unterschiedliche Esskulturen abzubilden und näher zu bringen. Insbesondere die postkoloniale Literatur bietet, mit ihrer Darstellung unterschiedlichster Kulturkreise und deren Interaktion miteinander, einen Quell vielfältiger Interpretationsansätze. So gab die Literatur postkolonialer Autoren diesen schon immer die Möglichkeit, mithilfe des Themas des Essens und Trinkens Orte der Abgrenzung zu schaffen, Missstände anzuprangern und generell Kritik zu üben. Traditionelle Speisen einzelner Nationen in einem fremden Kontext eröffnen vielerlei Gelegenheiten, Interaktion zwischen verschiedenen Kulturen zu artikulieren und zu repräsentieren. Dabei zeigt sich, dass diese Interaktion häufig vorurteilsbehaftet und von Ignoranz geprägt ist. Doch auch importierte Nahrungsmittel in postkolonialen Ländern bergen Signifikanz im Bezug auf die Identitätsbildung der Personen, die diese konsumieren oder gerne konsumieren würden. Denn mit der Aneignung fremdländischer, kulinarischer Waren geht auch immer der Gedanke des Konsums der fremdländischen Kultur an sich einher. Dies lässt sich auf beiden Seiten verfolgen, die westliche Bevölkerung versucht anhand des Konsums 'orientalischer' Speisen ihr Verlangen nach 'exotischen' Erlebnissen zu stillen, während in postkolonialen Ländern der Verzehr westlicher Nahrungsmittel mit einem gewissen Prestige zusammenhängt.

Die Beschäftigung des Themas findet in der Literatur zumeist auf metaphorischer Ebene statt. Metaphorik birgt allein schon die Erwähnung von Essen und Trinken, da damit ein breites Spektrum an Bezugspunkten bei jedem Menschen angesprochen wird. Denkt man an Nahrungsaufnahme, denkt man zumeist auch an Familie, an Feierlichkeiten und an Geborgenheitsgefühle. Der Verbindung von Essen und Trinken mit Erinnerungen an sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen, wird gemeinhin große Bedeutung beigemessen. Gerüche von Essen, der Geschmack eines Mahls oder eines Getränks kann ganze Episoden aus der Kindheit oder generell der Vergangenheit hervorrufen. Darüber hinaus werden damit einhergehend auch die zu dem Zeitpunkt empfundenen Gefühle wieder neu geweckt. Doch auch auf sprachlicher Ebene können Begrifflichkeiten, die dem Feld der Nahrungsmittel, - aufnahme und - zubereitung entspringen, dazu genutzt werden, eine Aussage zu untermalen.[2] Durch die für jeden Menschen essentielle Ernährung, sind solche Begriffe gemeinhin bekannt und können somit nahezu von jeder Person verstanden werden.

Häufige Verwendung finden Metaphern des Essens und Trinkens aber auf konventionellem Wege. Sinn einer Metapher ist es, eine Aussage zu treffen, ohne das Gemeinte tatsächlich zu artikulieren. Dafür werden dann Begrifflichkeiten gewählt, die nicht selten einem ganz anderen semantischen Feld entspringen, als dem eigentlich Besprochenen. Der Leser muss also abstrahieren, um den hintergründigen Sinn der Aussage zu erfassen. Im Klartext bedeutet dies, dass Metaphern des Essens und Trinkens oftmals dazu benutzt werden, auf andere Dinge hinzuweisen. So kann beispielsweise der Genuss eines Gerichts aus der Kindheit als Hinweis darauf angesehen werden, dass der Speisende Heimweh empfindet. Natürlicherweise unterliegen solche Metaphern der Interpretation, die bekanntlichermaßen von Mensch zu Mensch verschieden sein kann. Richtig oder falsch gibt es in diesem Zusammenhang demnach nicht, zwei verschiedene Leser können, je nach ihrem eigenen Wissens- und Lebenshintergrund, völlig unterschiedliche Erkenntnisse aus ein und demselben Text erlangen. Unbestritten bleibt aber, dass mit der Verwendung solcher Metaphern dem Text eine zweite (oder auch vielfache) Bedeutungsebene gegeben werden soll, die zu erkennen Aufgabe des Lesers ist, wenn er den Text in seiner Gesamtheit erfassen möchte.

Die beiden in dieser Arbeit behandelten Romane Sour Sweet und The White Tiger erscheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Der eine spielt im London der 1960er, der andere im heutigen Indien. Beides sind postkoloniale Texte, wobei Sour Sweet die Diaspora im Blickfeld hat, derweil The White Tiger die Geschichte eines Inders erzählt, der in Indien lebt. Eine vergleichende Analyse beider Texte scheint demnach zunächst wenig naheliegend. Doch in einem Punkt ähneln sich die Romane: beide legen starke Betonung auf Essen und Trinken und deren Einfluss auf die Identitätsbildung und - erhaltung ihrer Protagonisten. Demzufolge bietet sich ein Vergleich auf diesem Felde durchaus an, wobei zu beachtet sein wird, dass die jeweiligen Romane das Thema auf unterschiedliche Weise adressieren. Dies ergibt sich aus der unterschiedlichen Lokalisierung ihres Handlungsortes. Logischerweise wird es sich in Timothy Mos Sour Sweet um interkulturelle Interaktionen, Abgrenzungsmechanismen und Anpassung drehen, aufgrund des Fokus, der auf einer chinesischen Familie, die in London lebt, liegt. In Aravind Adigas Roman The White Tiger hingehen, werden solche Dinge nicht thematisiert werden. Dort finden soziale Interaktionen innerhalb eines Kulturkreises Gehör. Um die Vorgänge innerhalb der Romane besser verstehen zu können, soll zunächst ein Überblick über chinesisches Essen, mit dem Schwerpunkt der Bedeutung chinesischer Restaurants und Takeaways, gegeben werden, worauf ein Abriss indischer Essenskultur, besonders im Zusammenhang mit Kastenwesen und Religion folgen soll.

Ziel dieser Arbeit ist es also, der Frage nachzugehen, inwieweit Metaphern des Essens und Trinkens innerhalb der Romane Sour Sweet von Timothy Mo und The White Tiger von Aravind Adiga eingebunden wurden, diese zu identifizieren und sie bezüglich ihrer Bedeutung bei der Frage nach einer Identitätsbildung der Protagonisten zu analysieren, um anschließend einen Vergleich ziehen zu können und eine Aussage über die Verwendung von Metaphern des Essens und Trinkens in postkolonialer Literatur machen zu können.

2 Die Bedeutung des Essens und Trinkens im Hinblick auf Identitätsbildung

„Du bist, was du isst.“ Dieser allseits bekannte Spruch trifft ziemlich genau die Einstellung vieler Kulturen zum Thema des Essens und Trinkens. Vielerorts betrachtet man das Essen anderer Kulturen mit Misstrauen, teilweise sogar mit Ekel, während man das Essen der eigenen Kultur in der Regel rühmt. Nicht umsonst hört man häufig den Spruch, dass es bei der „Muttern am besten schmecke“.

People everywhere are certain that they not only know what is good for people to eat, but also that the way that they are human is somehow connected to their food habits. Why else do members of one culture so often find the food habits of another odd; or mildly unpleasant; or down-right disgusting? […] Eating habits […] are not only acquired habits but also historically derived habits, uninscribed in our nature, except by early social learning.[3]

Traditionelle Gerichte variieren je nach Kulturkreis, Region und Religion. Im Falle der Region hat dies vor Allem praktische Gründe, welche oft im Zusammenhang mit individueller Lebenswirklichkeit stehen. Verschiedene regionale Gegebenheiten bedingen den Verzehr bestimmter Nahrungsmittel: - nicht jedes Gemüse kann überall angebaut, nicht jede Tierart überall gehalten werden. Demzufolge essen Menschen in südlichen Gefilden teilweise völlig andere Nahrungsmittel als Menschen aus dem Norden. Einhergehend mit regionalen Unterschieden begegnet man immer wieder kulturellen Unterschieden, häufig auch begründet auf religiösen Ansichten.

Certainly, human beings are omnivores and as such are relatively unusual in the animal kingdom. But that does not mean all people everywhere eat any and anything. Indeed, they do not eat everything available to them that is not poisonous and potentially nutritious. They are selective. Since the selections they make are only partly explicable in biological terms, they must, then, be made on some cultural basis. […] We learn the cultural conventions of the group to which we belong and only within that, to the extent that material and ideological circumstances allow, give expression to individually perceived food preferences. For taste, literally and metaphorically, is culturally shaped and socially controlled. Eating may be essential to life and have an inescapably biological nature, but simultaneously food has a socio-cultural character that is learned.[4]

[…] what is eaten establishes one's social, religious, and ethnic memberships. […] The surest way of discovering a family's ethnic origins is to look into its kitchen. Long after dress, manners, and speech have become indistinguishable from those of the majority, the old food habits continue as the last vestiges of the previous culture. Taboos against certain foods mark one as an adherent of a particular religion: Moslems and Jews reject pork, Hindus beef, and some Protestant denominations alcohol.[5]

Religiöse Konventionen bezüglich der Essensauswahl sind zumeist von bestimmten Verzichten gekennzeichnet. So essen Juden beispielsweise nur koscher und müssen auf unkoscheres Essen verzichten, Muslimen ist es untersagt, Schweinefleisch zu verzehren und Vergorenes zu trinken. Hindus wiederum essen kein Rindfleisch und Christen sollen an Freitagen kein Fleisch sondern nur Fisch zu sich nehmen. Bemerkenswert an dieser Stelle ist die praktizierte Unterscheidung zwischen „Fleisch“ einerseits und „Fisch“ andererseits, welche ansonsten in keiner anderen Religion praktiziert wird. Dies unterstreicht auch den narrativen Charakter des Essens und seine Ritualhaftigkeit. Die Thematik des Essens und Trinkens in einen religiösen Kontext zu stellen, betont ihren kulturellen Gehalt. Bei diesen Vorkommnissen wird deutlich, inwieweit Essen und Trinken identitätsstiftend fungieren: Die Identität als Jude, Moslem, Hindu oder Christ wird durch gewisse Nahrungsmittelkonventionen, natürlich nebst anderen Konventionen, konstituiert.

Food is also inextricably linked to religious beliefs, practices and identities. […] here it is important to stress that a person's most cherished beliefs and sense of identity may be embodied in not eating certain foods, or by eating them on specific occasions, or by serving them on particular days.[6]

Neben Religionen beziehen auch viele „Aberglauben“ Nahrungsmittel in ihre Rituale mit ein. Dies gilt nicht nur für beispielsweise Naturvölker, bei denen diese Rituale häufig als magischer Humbug abgetan werden, sondern auch eher westlich geprägte Kulturen weisen solche abergläubischen Rituale auf (z.B. werfen sich manche Menschen Salz über die Schulter, was Glück bringen soll). Und ebenso gab es schon so manche politisch motivierte Aktion in der Geschichte, die Essen, oder vielmehr den Verzicht auf Essen, als Vehikel zum Transport einer bestimmten Botschaft instrumentalisierten:

For all that we denigrate the magical beliefs connected with food in simpler societies, it should be remembered that some of us throw salt over a shoulder to ward off bad luck, or eat fish in the belief that it is a superior brain food, or order oysters with the hope of increasing sexual potency. […] In the political sphere, injustice is dramatized by fasting, as practiced by Gandhi and Martin Luther King Jr., among many others.[7]

Generell haben Essen und Trinken eine so hohe emotionale Signifikanz, dass sie nicht selten mit Begebenheiten, die eigentlich nichts mit Nahrungsmitteln zu tun haben, in Verbindung gebracht werden. So ging es beispielsweise bei der Boston Tea Party nicht um Tee per se, sondern um einen Steuer- und Zollstreit. Der Tee wurde sich hierbei nur zunutze gemacht, um ein Zeichen zu setzen. Ein anderes Beispiel sind die Anfänge des Civil-Rights Movement im Süden der USA in den 1950er Jahren, welches mit einem Streit darüber begann, dass Afro-Amerikaner darauf bestanden, zusammen mit weißen Amerikanern beim Essen zu sitzen, da dies Gleichheit konstituiere.[8] Auch innerhalb von Familien begegnet man dieser Übertragung von Essen und Trinken auf damit nicht zusammenhängende Vorgänge: „A child who misbehaves is sent to bed without dinner, while obedience is rewarded with candy or ice cream.“[9]

Im Zuge der stetig fortschreitenden Globalisierung und der damit korrelierenden Verfügbarkeit von immer mehr Produkten, wird es unentwegt unkomplizierter an den kulinarischen Genüssen fremder Kulturkreise und Regionen teilzuhaben. Französische Haute Cuisine gehört heutzutage ebenso zum Alltag wie die Fastfood-Kette McDonald's, deren Restaurants nahezu auf der ganzen Welt anzutreffen sind. In unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft gehört es mittlerweile zum guten Ton in 'exotischen', 'orientalischen' Küchen bewandert zu sein. Kochsendungen, in denen Sterneköche ihre Tricks und Kniffe zum Teil mit Hilfe von allgemein zugänglichen Produkten vermarkten, sind hierbei nur eine Facette, während sich die Begriffe „Öko“ und „Bio“ zunehmend zu Markern von Lebensstandard und Bildung mausern, repräsentieren sie doch exemplarisch eine gewisse Zahlungsfähigkeit sowie eine aufgeklärt- kritische Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber. Hausmannskost, wie man sie schon von Kindesbeinen an kannte, gilt derweil als zu einfach, zu wenig elaboriert und zu „normal“. Dementsprechend findet man in den westlichen Ländern an nahezu jeder Ecke ein chinesisches, indisches, thailändisches und italienisches Restaurant, wenn nicht gar noch mehr. Dieses Streben der vornehmlich westlichen Bevölkerung nach immer neuen Erfahrungen auf dem Gebiet des Essens und Trinkens zeigt eindrücklich, wie sehr Essen dazu dient, sich selbst zu definieren. Kennt man verschiedene Kochkünste nicht, ist man nicht bewandert genug und somit auch insgesamt nicht hinreichend gebildet, nicht Kosmopolit genug.

For some, a babel of national dishes provides an opportunity for expressing the worldliness of the cosmopolitan. […] awareness of national identity is incorporated into a self-conscious supra -national variant, making a virtue of fluency in different national styles. Most Western metropolises offer scope for this mode of national expression in eating.[10]

Gleichzeitig mit dem sich über den Erfahrungsschatz in kulinarischer Hinsicht definierenden Gestus trifft man auch immer wieder auf ein anderes Phänomen des Definierens: die Stereotypen. Verschiedene Nationen werden häufig mit einem speziellen Nahrungsmittel bzw. einem speziellen Gericht assoziiert. Bei Chinesen denkt man automatisch an Reis, Deutsche wurden schon während des zweiten Weltkrieges in Anlehnung an das für Deutschland typische Sauerkraut als 'Krauts' bezeichnet, Franzosen bringt man mit Froschschenkeln in Verbindung und Italiener mit Spaghetti, um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch Eigenschaften der einzelnen Nationen werden metaphorisch mit Bezug auf Essen und Trinken dargestellt, wie Peter Farb und George Armelagos in ihrer Anthropology of Eating beschreiben:

The linking of food with human behavior has been applied to stereotypes about entire nations: The French subtlety of thought and manners is said to be related to the subtlety of their cuisine, the reserve of the British to their unimaginative diet, German stolidness to the quantities of heavy food they consume, and the unreliability of Italians to the large amounts of wine they drink.[11]

Augenscheinlich diente Essen schon allzeit als Vehikel, um Menschen zu definieren und zu kategorisieren. Das verwundert auch nicht, da die Nahrungsaufnahme eins der wenigen Dinge ist, die für alle Menschen essentiell ist: jeder Mensch muss essen und trinken, unabhängig von sozialem Status, Religion, politischer Gesinnung oder Ethnie. Neben den häufig abwertend gemeinten Fremdcharakterisierungen mittels Metaphern des Essens und Trinken durch Außenstehende, trifft man des Öfteren auch auf von den Mitgliedern einer Nation selbst auferlegte, gewollte Assoziationen zu einem bestimmten Nahrungsmittel. So beispielsweise bei den Walisern, die Lauch als Emblem für ihre Nation gewählt haben. Dies kennt man bereits aus Shakespeares Zeiten und es hat sich bis in die heutige Zeit erhalten.

[…] expressing nationality in terms of food is both widespread and long-standing. Regarding the leek as a badge of the Welsh is as recognisable in Britain today as it was to Shakespeare's audience. […] the association lives on four centuries and more later. […] Using food as a badge (at times, quite literally) is one, seemingly long-standing, mode of expressing national identity.[12]

Trotz der Gleichheit aller Menschen im Hinblick auf die Notwendigkeit zu essen und zu trinken, galt das Thema lange Zeit als zu banal, um von der Kulturwissenschaft Beachtung zu finden. Mittlerweile finden sich aber immer mehr anthropologische, philosophische und kulturwissenschaftliche Abhandlungen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. In der Einleitung zu ihrem Reader Food and Culture erläutern Carole Counihan und Penny van Esterik die Signifikanz von Essen in Bezug auf nahezu alle Lebensbereiche und verleihen dadurch ihrer Forderung nach einer ganzheitlichen, interdisziplinären Beschäftigung mit dem Thema Gewicht:

Food touches everything. Food is the foundation of every economy. It is as central pawn in political strategies of states and households. Food marks social differences, boundaries, bonds, and contradictions. Eating is an endlessly evolving enactment of gender, family, and community relationships. […] Food is life, and life can be studied and understood through food.[13]

Dabei wird häufig der Frage nachgegangen, in wie weit Essen und Trinken zur Identitätsbildung sowohl einzelner Personen als auch von Personengruppen wie beispielsweise Kulturkreisen beitragen. In dem Feld der Philosophie beschreibt Deane W. Curtin in seiner Anthologie die ursprüngliche Haltung der Philosophie gegenüber dem Thema Essen und seine jetzige Herangehensweise wie folgt:

Philosophers in the dominant western tradition have been uninterested in those aspects of life that “give color to existence,“ those common, everyday experiences that, as we say, “add spice to life.“ Rather, they have confined their attention to those aspects they thought could be ordered by “theories” […] The purpose of this introductory essay is to begin to claim food as an important philosophical subject by exploring the ways in which food structures what counts as a person in our culture. […] it attempts to disrupt the transcendentalizing patterns of philosophical thinking by beginning with the possibility that some aspects of our experience are valuable just because they are physical, transitory, and completely ordinary.[14]

Essen dient also durchaus dazu, einen Menschen als solchen zu definieren und ist demzufolge wichtiger Bestandteil bei der Frage, was ein Mensch ist und was ihn ausmacht. So kann man auch anhand des Reflektierens über Essen den Menschen vom Tier unterscheiden, welches ja auch essen muss, um zu überleben, dies aber rein reflexartig und ohne weiteres Nachdenken tut.

While all living things have to eat, it is only human beings (as far as we can tell) who ponder in what it means to eat. Indeed, we tend to distinguish the human species from all others in terms of the capacity for speech, memory and abstract thought. Eating and reflecting on what and how we eat are facts of life human beings have in common.[15]

All animals feed but humans alone eat. A dog wolfs down every meal in the same way, but humans behave in a variety of ways while eating. In North American and European societies, for example, business negotiations are conducted over cocktails and lunch; seductions may begin with champagne and oysters; wedding and birthday parties center around an elaborately decorated cake; and gifts of food are part of exchange at Christmastime. In simpler societies, eating is associated with initiation and burial rites, the roles of the sexes, economic transactions, hospitality, and dealings with the supernatural – virtually the entire spectrum of human activity.[16]

Anthropologen sind mittlerweile einhellig der Meinung, dass Nahrung und Nahrungsaufnahme einen sozialen Vorgang konstituieren, „[it is] a matter of non-verbal communication.“[17] Oder um es mit den Worten des französischen Strukturalisten Roland Barthes auszudrücken:

For what is food? It is not only a collection of products that can be used for statistical or nutritional studies. It is also, and at the same time, a system of communication, a body of images, a protocol of usages, situations, and behavior. […] No doubt, food is, anthropologically speaking (though very much in the abstract), the first need; but ever since man has ceased living off wild berries, this need has been highly structured. Substances, techniques of preparation, habits, all become part of a system of differences in signification; and as soon as this happens, we have communication by way of food.[18]

[…] food serves as a sign not only for themes, but also for situations; and this […] means for way of life that is emphasized, much more than expressed, by it. To eat is a behavior that develops beyond its own ends, replacing, summing up, and signalizing other behaviors, and it is precisely for these reasons that it is a sign.[19]

Beispielsweise der Akt der Nahrungsbeschaffung, die Zubereitung derselben, die Inklusion oder Exklusion von Personen bei der Nahrungsaufnahme – all dies sind soziale Komponenten. Farb und Armelagos verdeutlichen dies am Beispiel von Chinesen, bei denen oftmals der soziale Charakter des gemeinsamen Essens deutlich zutage tritt:

For most Chinese, social transactions are almost inseparable from eating transactions. The giving and sharing of food is the prototypic relationship in Chinese society, as if the word were literally made flesh. Only a Chinese living alone and in abject poverty would sit down to a solitary meal. It is usual to eat with one's family or kin; when these are unavailable, people eat in teashops or at work rather than by themselves. No important business transaction and no marriage arrangement is ever concluded without the sharing of food. The quality of the meal and its setting convey a more subtle social message than anything that is consciously verbalized; attitudes that would be impolite if stated directly are communicated through the food channel.[20]

Ebenso wie die Präferenzen von Nahrungsmitteln schon in der Kindheit angelegt werden, indem man in ein bestimmtes soziokulturelles Umfeld hinein geboren wird und die dortigen Gegebenheiten übernommen werden, lernt man dabei auch die Konventionen, die mit der Nahrungsaufnahme einhergehen:

Food consumption habits are not simply tied to biological needs but serve to mark boundaries between social classes, geographic regions, nations, cultures, genders, lifecycle stages, religions and occupations, to distinguish rituals, traditions, festivals, seasons and times of day.[21]

Each society's culture is transmitted to children through eating with the family, a setting in which individual personalities develop, kinship obligations emerge, and the customs of the group are reinforced. Children learn at mealtime to express a formal reverence for food through the custom of saying grace, as in what Christians know as the Lord's Prayer […], and they become acquainted with the regulations governing what their society considers edible.[22]

Als Folge der schon in der Kindheit erlernten und assimilierten Essenskonventionen entwickeln sich viele Erinnerungen und damit verbundene Emotionen im Menschen. Zum Einen erinnert man sich beim Geruch und Geschmack spezifischer Nahrungsmittel und Getränke zurück an frühere Begebenheiten, in denen man diesen Geruch oder Geschmack bereits erfahren hat. Diese Erinnerung kann zum Beispiel Gefühle von Freude, Geborgenheit, Heimweh, Trauer oder Ähnliche hervorrufen, je nachdem, welche Erlebnisse mit dem jeweiligen Essen verbunden werden.[23] Sara Delamont betont hierbei das Gefühl des Besonderen bei der Erinnerung an gewisse Gerichte, aufgrund von Verbindungen, die man zu einem Erlebnis herstellt: „food from our families, our childhood, our homeland, our first foreign holiday, is irrevocably fixed for us as special.“[24]

Der Bedeutung der Reminiszenz verleiht auch Sidney Mintz in seinem Aufsatz „Eating and Being: What Food Means“ besonderes Gewicht:

That food can also excite strong positive feelings we all know and recognize. The tastes, smells, colours, and textures of foods are enshrined among our earliest memories. Reawakened by association, they can take us back to our infancy: dependent, fragile, busily soaking up emotional and bodily nourishment in the arms or on the laps of those who made us human by teaching us to like the foods our culture deemed proper human food. Within this maturational process lies much of what foods can mean and, hence, much of their mystery.[25]

Zum Anderen wählt man sein Essen auch aufgrund von Erinnerungen, da man sich daran erinnert, welches Essen einem schmeckt. Darüber hinaus markieren verschiedene Lebensmittel gewisse Tagesabschnitte. So bezeichnet der Konsum von Alkohol beispielsweise die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit, da Alkohol in der Regel nur nach Feierabend konsumiert wird. Gleichzeitig dienen alkoholische Getränke meistens dazu, die Stimmung zu heben. Die Aussicht auf ein alkoholisches Getränk weckt somit vornehmlich positive Emotionen und Gefühle der Befreiung von Konventionen.[26]

Essen im Hinblick auf Identitätsbildung kommt auch im Feld der gender studies beträchtliche Bedeutung zu. In den meisten Fällen ist es die Frau, die das Essen zubereitet und unter den Familienmitgliedern aufteilt. Dadurch nimmt sie eine Sonderstellung innerhalb der Familie ein, sie ist dafür verantwortlich, dass die Familie zum Essen zusammenkommt. Die Verteilung des Essens ist dabei besonders wichtig, da dies soziale Beziehungen und Hierarchien deutlich macht:

Commensality, eating together, marks social division as frequently as it demonstrates social solidarity. Particular kinship or family statuses such as being a daughter-in-law, senior wife or head of household, being old, being young, being adopted, being last born or first born, being boy or girl, can all be the opportunity for special treatment, good or bad, in the patterns and rituals of family food allocation.[27]

Example after example, across the world, from Europe, from India, or from sub Saharan Africa, can be found to show that food allocation within the household is marked by more or less degrees of formality and convention. Within these conventions, it is rarely the case that the allocation of food is equal.[28]

Essen fungiert hierbei also als identitätsstiftendes Moment innerhalb der Familie. Den Teilnehmern an der Mahlzeit wird durch die Verteilung des Essens ihr jeweiliger Stellenwert in der Familie verdeutlicht. So ist es in der Regel der Ehemann/Vater, der den größten Teil des Hauptbestandteils des Essens bekommt, meistens Fleisch. Dies wird üblicherweise damit begründet, dass der Mann aufgrund seiner Größe und seines Energiehaushaltes die größere Portion benötigt. Aber neben diesem physiologischen Argument, welches keineswegs in allen Fällen Bestand hat, birgt dieser Umstand auch symbolische Aussagekraft: der Mann wird dadurch in seiner Stellung als Familienoberhaupt bestätigt.[29] In zwei in Großbritannien durchgeführten Studien[30] stellte sich heraus, dass die Zubereitung des Essens für die Frau doppelt konnotiert ist. Zum Einen hat die Frau den Eindruck, ihrer Familie etwas Gutes zu tun, ihr ein Geschenk zu machen. Zum Anderen regen sich in ihr aber gleichzeitig Gefühle des Zwangs, die mit dem Schenken einhergehen:

Both of the British studies also bring out the strong elements of affection and love with which food is offered by wives/mothers to the family. Women in all the studies report pleasure at feeding their children, and often pleasure at getting special food for the husband, or getting the proper meal 'right'. In this sense, the meals cooked and served by the wife/mother are a gift. […] it was found that many women express bondage, in other ways, in the sense that cooking, as with many other aspects of housework, is not done from choice, and is hard, relentless work. For women, meals as a gift cannot be separated from this work.[31]

Gleichzeitig kommt der Frau aber auch eine Machtstellung innerhalb der Familie zu. Durch die Zuschreibung der Rolle als Köchin ist die Frau dem Mann insofern überlegen, als dass der Mann alleine auf sich selbst gestellt nicht in der Lage wäre, ein gleichwertiges Mahl zuzubereiten. Er wäre ihm zwar möglich, etwas zu Essen zu machen, er könnte aber nicht eine solche Mahlzeit, die als Zentralpunkt der Familie gilt, hervor bringen, wie die Frau. Darin zeigt sich die gegenseitige Abhängigkeit von Mann und Frau innerhalb einer Familie.[32] Augenscheinlich dient Essen in Bezug auf Familien also auf vielfältige Weise der Definition:

Questions of femininity and masculinity, of love, of family life, of how needs are prioritized as well as the difficulties of male/female interdependence, are all raised by meals, by food and by cooking.[33]

Dabei haben die diversen geschlechtsspezifischen Gesichtspunkte, die anhand von Essen symbolisiert werden, nicht nur für Mann und Frau Tragweite, sondern auch für etwaige Kinder, die an den Familienessen teilnehmen:

In important ways, then, children learn more than male authority and table manners along with the proper dinner. They learn about the gendered selves, personhood is constructed and reproduced in family meals. Family food practices express a great deal about gender power. These constructions both structure the way men and women feel […].[34]

Der Stellenwert von Essen und Trinken wird schon allein dadurch ersichtlich, dass bei nahezu allen wichtigen Stationen im Leben eines Menschen und an besonderen Feiertagen gemeinschaftliches Dinieren eine große Rolle spielt. Bei Hochzeiten gibt es in der Regel eine große Hochzeitstorte, deren gemeinsames Anschneiden durch das Brautpaar einen der Höhepunkte einer Hochzeitsfeier darstellt. An Weihnachten trifft sich meist die Familie zu einem Festessen, bevor die Geschenke ausgepackt werden und an Ostern suchen die Kinder versteckte Eier. In der Kirche wird der Leib Christi verteilt, symbolisiert in der Hostie. Und selbst nach Beerdigungen begeht man danach den so genannten Leichenschmaus, der bei Bewältigung der Trauer helfen soll.

In almost every society, the milestones of passage from one stage to another in the biological and social development of the individual are celebrated with food and drink. The birth of a child becomes the occasion for a feast. Initiation rites and graduation ceremonies are celebrated to mark the launching of a new breadwinner. A marriage frequently entails the exchange of scarce or prestigious foods between the two families. And the dead pass to another world feasted by those who remain in this one.[35]

Dem gemeinschaftsstiftenden Moment wird hierbei beträchtliche Bedeutung beigemessen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Essen und Trinken in vielerlei Arten der Definition und Identitätsbildung dienen. Sowohl ganze Nationen und Kulturkreise, als auch Individuen lassen sich anhand ihrer Nahrungsmittelauswahl, der jeweiligen Zubereitungsart und des Aktes der Nahrungsaufnahme beschreiben und voneinander abgrenzen. Wie Farb und Armelagos es beschreiben, lässt sich aus anthropologischer Sicht nahezu alles über einen Menschen erfahren, wenn man sich sein Essen anschaut:

An anthropologist who knows what the members of a society eat already knows a lot about them. Learning how the food is obtained and who prepares it adds considerably to the anthropologist's store of information about the way that society functions. And once the anthropologist finds out where, and with whom the food is eaten, just about everything else can be inferred about the relations among the society's members. This is possible because human behavior has evolved in great part as an interplay between eating behavior and cultural institutions – and because behavior, in turn, influences anatomy, physiology, and the evolution of the human organism itself. Eating, in short, is inseparable from the behavior and the biology of the human species and from the adaptation that humans have made to the conditions of their existence on the planet. Cultural traits, social institutions, national histories, and individual attitudes cannot be entirely understood without an understanding also of how these have meshed with our varied and peculiar modes of eating.[36]

Demzufolge stellt die Untersuchung der Essenskonventionen bestimmter Personen oder Personengruppen immer einen Zugewinn dar, egal ob in der Anthropologie, der Psychologie oder den diversen Kulturwissenschaften.

3 Chinesisches Essen

a Ursprünge, Entwicklung, Charakteristika

Die Ursprünge der Kochkunst der meisten Nationen der Welt sind unglücklicherweise nicht mehr erhalten, da sie zum Teil nie niedergeschrieben wurden, oder aber die Aufzeichnungen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verloren gegangen sind. Nur für wenige Küchen sind deren Ursprünge dokumentiert und bis in die heutige Zeit überliefert. Eine dieser wenigen ist die chinesische Kochkunst, bei der sowohl mehrere tausend Jahre alte Aufzeichnungen als auch archäologische Funde von ihren Ursprüngen zeugen. Das mag darin begründet sein, dass die Chinesen schon immer sehr viel Wert auf ihre Küche gelegt haben:

Perhaps no other civilization has put as much emphasis on the art of cooking or taken so much pleasure in food as the Chinese. Since the earliest times, cooking in China has carried a prestige unmatched and perhaps somewhat ncomprehensible to people in other cultures.[37]

Die frühesten überlieferten Aufzeichnungen zum Thema Essen stammen aus der Shang-Dynastie[38]. Zu dieser Zeit war es in der Gesellschaft äußerst wichtig, auf dem kulinarischen Gebiet sehr gebildet zu sein: „a knowledge of food and drink marked one as educated.“[39] Nahrungsauswahl, - zubereitung und - konsum wurden mit dem Konzept von Bildung stark verknüpft, was die Wichtigkeit des Essens eindeutig hervor hebt. So verwundern auch Statistiken aus dem Shang Palast nicht, die besagen, das fast 60 Prozent der Bediensteten in diesem Palast ausschließlich mit Vorgängen rund um das Essen beschäftigt waren:

Of the 4000 persons who tended the Shang royal palace, 2271, or nearly sixty percent, were concerned with various aspects of preparing and serving meals. These included the 162 master dietitians who made out the menus, the 128 chefs who cooked for the royal family plus 128 others who cooked for guests at feasts, the 335 specialists in plant foods and 70 in meat, and the 24 who had charge of preparing turtles and shellfish – not to mention, among others, 450 who prepared and served wine, 170 who served other beverages, 94 icemen, and 62 specialists in pickles and sauces.[40]

Diese hohe Anzahl an Beschäftigten nur für die Nahrungszubereitung und - servierung mag nach heutigen Standards lächerlich erscheinen, zeigt aber doch eindrucksvoll, wie bedeutsam das Essen für die Chinesen damals gewesen sein muss. Nicht zuletzt war Essen eng verbunden mit dem Glauben und ein wichtiger Bestandteil bei Ritualen, was ein Argument für die sehr gewissenhafte Beschäftigung mit Nahrungsmitteln sein mag.

In der Zhou-Dynastie[41] entwickelten sich bereits viele der charakteristischen Gerichte, Zubereitungsformen und Gebrauchsgegenstände, die heutzutage mit der chinesischen Küche in Verbindung gebracht werden: „Under the Chou, nearly all of the twenty different methods of cooking known in China today were practiced […].“[42] Auch die heute nicht mehr weg zu denkenden Essstäbchen, die eine der Besonderheiten der chinesischen Cuisine ausmachen, wurden zu dieser Zeit erfunden:

The small pieces of food used, together with the scarcity of tables in China, made necessary a utensil that would require the use of only one hand while the other held the bowl of food. For this, chopsticks amounted to an extension of the thumb and forefinger of one hand, allowing delicate manipulation without dirtying the fingers.[43]

Anhand dieses Beispiels lässt sich deutlich die Nostalgie erkennen, die häufig mit Essenskonventionen einhergeht. In der heutigen Zeit besteht eigentlich nicht mehr die Notwenigkeit, das Essen mit Essstäbchen zu essen, da es mittlerweile einfachere Utensilien zur Nahrungsaufnahme gibt und auch kein Mangel an Tischen mehr in China herrscht. Ungeachtet dessen werden die Essstäbchen aber immer noch in fast jedem chinesischen Haushalt verwendet, da dies eine Tradition ist, die über Jahrhunderte in den chinesischen Alltag integriert war und aufgrund dessen auch heute noch beibehalten wird. Für Touristen in China und auch Besucher in chinesischen Restaurants in westlichen Ländern, macht gerade dieser Gebrauch ihnen unbekannter Essbestecke den besonderen Charme und das Gefühl einer 'authentischen' Erfahrung exotischer Küche aus.

Neben den Essstäbchen wurden in der Zhou-Dynastie noch andere Charakteristika der chinesischen Kochkunst entwickelt:

The Chinese under the Chou Dynasty had already developed other hallmarks of their cuisine: an emphasis on the mincing and flavoring of foodstuffs before they are cooked, and the use of a single staple in a variety of ways. In a land where population was increasing and where drought and other calamities periodically caused the people to go hungry, everything that was potentially edible had to be used – including rats (known euphemistically as “household deer”), snakes (“brushwood eels”), and grasshoppers (“brushwood shrimps”).[44]

Die durch hohe Bevölkerungsdichte und damit einhergehende drohende Hungersnöte benötigte Vielfalt an Zubereitungsarten und Verwendungsmöglichkeiten einzelner Lebensmittel lasse sich anschaulich am Beispiel der Sojabohne darlegen:

The soybean typifies the diversity of ways in which a single resource might be used. The beans are first simmered and reduced to a purèe, from which the “milk” is strained off. This milk is then dried to make the nutritious and easily digestible bean curd that is used in many Chinese dishes. The purèe itself is put in a cool, dark place to ferment, after which it is soaked in brine for a few weeks. This liquid, after straining, becomes soy sauce; and even the residue in the strainer is used to make a thick, flavorful “cheese”. In addition [...] the soybean yields an oil for cooking and a flour with a high protein content; or the bean can be sprouted and eaten raw.[45]

Die Song-Dynastie[46], die bis ins dreizehnte Jahrhundert n. Chr. andauerte, wies zum größten Teil bereits die Küche auf, die auch heutzutage in China anzutreffen ist. Mittlerweile hatten sich drei der vier uns bekannten unterschiedlichen regionalen Stile entwickelt: der nördliche (Peking) und der südliche (Shanghai) Stil und derjenige, der in Sichuan beheimatet ist.[47]

[...]


[1] Korsmeyer, Carolyn. "Introduction."The Taste Culture Reader: Experiencing Food and Drink. Ed. Carolyn Korsmeyer. Oxford: Berg, 2005. 1-9. Print. S. 2.

[2] Vgl. hierzu Newman, John. "Eating and Drinking as Sources of Metaphor in English."Cuadernos De Filologia Inglesa 6.2 (1997): 213-31. Dialnet. Web. 31 July 2011. <http://dialnet.unirioja.es/servlet/articulo?codigo=2526535>.

[3] Mintz, Sidney. "Eating and Being: What Food Means."Food: Multidisciplinary Perspectives. Ed. Barbara Harriss-White und Raymond Hoffenberg. Oxford, UK: Blackwell, 1994. 102-15. Print. S. 104.

[4] Murcott, Anne. "Food as an Expression of National Identity."The Future of the Nation State: Essays on Cultural Pluralism and Political Integration. Ed. Sverker Gustavsson und Leif Lewin. London: Routledge, 1996. 49-77. Print. S. 53

[5] Farb, Peter, und George J. Armelagos. Consuming Passions: the Anthropology of Eating. Boston: Houghton Mifflin, 1980. Print. S. 6.

[6] Delamont, Sara. Appetites and Identities: an Introduction to the Social Anthropology of Western Europe. London: Routledge, 1995. Print. S. 37

[7] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 9.

[8] Vgl. Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 5.

[9] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 5.

[10] Murcott. "Food, Identity." S. 66

[11] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 3f.

[12] Murcott. "Food, Identity." S. 63f.

[13] Counihan, Carole, und Penny Van Esterik. Introduction. Food and Culture: a Reader. Ed. Carole Counihan und Penny Van Esterik. New York: Routledge, 1997. 1-7. Print. S. 1

[14] Curtin, Deane W. "Food/Body/Person."Cooking, Eating, Thinking: Transformative Philosophies of Food. Ed. Deane W. Curtin und Lisa M. Heldke. Bloomington: Indiana UP, 1992. 3-22. Print. S. 3-4.

[15] Murcott. "Food, Identity." S. 52

[16] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 3.

[17] Murcott. "Food, Identity." S. 53

[18] Barthes, Roland. "Toward a Psychosociology of Contemporary Food Consumption."Food and Culture: a Reader. Ed. Carole Counihan und Penny Van Esterik. New York: Routledge, 1997. 20-27. Print. S. 21f.

[19] Barthes. "Food Consumption." S. 25.

[20] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 4f.

[21] Lupton, Deborah. "Food and Emotion."The Taste Culture Reader: Experiencing Food and Drink. Ed. Carolyn Korsmeyer. Oxford: Berg, 2005. 317-24. Print. S. 317f.

[22] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 5f.

[23] Vgl. Lupton. "Food and Emotion." S. 319f.

[24] Delamont. Appetites and Identities. S. 24

[25] Mintz. "Eating and Being." S. 104.

[26] Vgl. Lupton. "Food and Emotion." S. 319f.

[27] Whitehead, Ann. "Food Symbolism, Gender Power and the Family."Food: Multidisciplinary Perspectives. Ed. Barbara Harriss-White und Raymond Hoffenberg. Oxford, UK: Blackwell, 1994. 116-29. Print. S. 121.

[28] Whitehead. "Food Symbolism." S. 120f.

[29] Vgl. Whitehead. "Food Symbolism." S. 124.

[30] Vgl. hierzu Charles, Nickie, und Marion Kerr. Women, Food, and Families. Manchester, UK: Manchester UP, 1988. Print.; Murcott, Anne. The Sociology of Food and Eating: Essays on the Sociological Significance of Food. Aldershot, Hants, England: Gower, 1983. Print. und Murcott, Anne. (1985) “On the social significance of the cooked dinner in south Wales.“Social Science Information 21 (1985): 4-5. Print.

[31] Whitehead. "Food Symbolism." S. 124f.

[32] Vgl. Whitehead. "Food Symbolism." S. 126.

[33] Whitehead. "Food Symbolism." S. 127f.

[34] Whitehead. "Food Symbolism." S. 125.

[35] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 73.

[36] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 4.

[37] Tuan, Yi-Fu. "Pleasures of the Proximate Senses - Eating, Taste, and Culture."The Taste Culture Reader: Experiencing Food and Drink. Ed. Carolyn Korsmeyer. Oxford: Berg, 2005. 226-34. Print. S. 230.

[38] Die Shang-Dynastie regierte China etwa vom 16. bis zum 11. Jahrhundert v. Chr.

[39] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 192.

[40] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 192.

[41] Die Zhou-Dynastie: Die westliche Dynastie mit der Hauptstadt Zongzhou/Hao regierte zirka 1122/1045-770 v. Chr.; die östliche Dynastie mit der Hauptstadt Chengzhou (770-256 v. Chr.).

[42] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 192.

[43] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 192.

[44] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 193.

[45] Farb, Armelagos. Consuming Passions. S. 193.

[46] Die Song-Dynastie: Die nördliche Dynastie regierte 960–1126 n. Chr. in Kaifeng; die südliche Dynastie regierte 1126–1279 n. Chr. in Hangzhou.

[47] Vgl. hierzu auch Goody, Jack. "The High and the Low - Culinary Culture in Asia and Europe."The Taste Culture Reader: Experiencing Food and Drink. Ed. Carolyn Korsmeyer. Oxford: Berg, 2005. 57-71. Print. S. 58f.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Metaphern des Essens und Trinkens in Aravind Adiga, "The White Tiger" und Timothy Mo, "Sour Sweet"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie)
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
85
Katalognummer
V187034
ISBN (eBook)
9783656103905
ISBN (Buch)
9783656103769
Dateigröße
1557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postcolonial, postkolonial, essen, trinken, metapher, Adiga, Mo, Sour Sweet, The White Tiger, Indien, China
Arbeit zitieren
Kim Keller (Autor), 2011, Metaphern des Essens und Trinkens in Aravind Adiga, "The White Tiger" und Timothy Mo, "Sour Sweet", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187034

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