Zu Jean Baudrillards "Warum ist nicht alles schon verschwunden?"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Das' Verschwinden
2.1 Exzess
2.2 Objektive
2.3 Kunst
2.4 Subjekt

3 La Grande Disparition

4 Lichtmalerei
4.1 Chlorophyll
4.1.1 digital processing
4.1.2 void
4.2 Ikonoklast
4.2.1 punctum
4.2.2 Verpixelung

5 „world withoutus“
5.1 K.I./A.I.
5.2 Das Gestell

6 Bibliographie

2. Das’ Verschwinden

2.1 Exzess

In seinem letzten Essay, ein Text der mindestens Kathedralenbogenschlussstein ist, ahnt Baudrillard - der ja leider 2007 von uns gegangen ist - bereits sein eigenes Verschwinden. Er wirft damit nochmals Fragen auf, fasst sein Denken in einer weit ausladenden, nachgeradezu barocken Geste nochmals zusammen, bringt es aber quasi minimalistisch auf den Punkt. Andere Probleme können nur im Futur anskizziert werden, bleiben vorerst offen stehen, doch auch hier Kontinuitäten auch in den Brüchen. Es ist beinahe schon ein japanisches Buch.

Es hat schon etwas morbides - er, der sonst um keine Antwort verlegen war, ahnt das Kommende, in halb freudiger, halb besorgter bis nostalgischer Erwartung, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Es geht ihm auch um den Blick.

Doch zunächst: das Verschwinden (nicht nur seines, das des Menschen als Gattungswesen, des Menschen per se, an und für sich) ist ein besonderes. Er, wir, verschwinden hier schon, noch vor dem Tod. Weder handelt es sich um ein Aussterben, wie bei den plumpen Dinosauriern, noch um eine Gefährdung der Art auf einer Roten Liste - gemeinhin sind wir selbst auf der Jagd nach den seltenen Trophäen. Höchstens dass es Selbstbedrohung ist, Experten bisweilen in Vernichtung, doch auch das meine Baudrillard nicht. Auch will er nicht auf eine Erschöpfung hinaus, eine Verausgabung der Kräfte, oder der vor allem von (Neo-)Realisten so geschätzten Ressourcen.[1] Die Rede ist von einer uns eigenen, ganz einzigartigen Form des Vergehens. Ja, von einer Kunst. Die sich auch schon lange nicht mehr um das Naturgesetz schert.

2.2 Objektive

Dann zitiert er Arendt. Und diese Kafka[2] - es geht um den Archimedischen Punkt - der sich auch auf ihn in einem Aphorismus aus den „Paralipomena“ bezieht. Man hätte aber auch getrost Weber anführen können.

„Er“ (sein Vater!), hat ihn bei Kafka gegen sich verwendet, bei Arendt ist es wohl die Natalität, die daraus immer wieder entspringende und sich neu einfügende „vita activa“, das freie Handeln, nicht der aus dem Kontemplativen wuchernde Stumpfsinn. Sowie Theorie, die ohne Empirie leer ist. Aber davor war es eben die blinde Erfahrung. So ist es also die Verwissenschaftlichung, die sich nun anmaßt von einem neutralen „Great Beyond“, einem objektivierten (absoluten?) Außerhalb die Welt richtig, wahr, endgültig usf. zu erfassen. Galileis Heliozentrismus, ein jovialer Zeus, der sich im solaren Mythos Batailles' ermüden wird.

Und darum kann man auch sagen, dass die „Realität“ mit ihrem „Existieren“ beginnt sich aufzulösen. Im Sinne von Analyse, was ja nichts anderes heißt. Mit Derrida, aber auch mit Freud schon, ist da dann fortan immer ein Rest, eine Differenz, eine Spur, eine Verschiebungsleistung, die nie so ganz ins Raster passt und immer schon woanders ist, als da wo man sie gerade noch zu erkennen geglaubt hatte. Die sich dann auch aus dem enttarnten Unbewussten verdrängt usw.

Es ist wie bei Adam, dem Gott den Auftrag erteilt, die Dinge zu benennen. Er muss sie noch in der „wahren Sprache“ gesagt haben, die der Divinität vielleicht, die womöglich noch das Wesen des Wirklichen, der „Dinge“, Pflanzen, Tiere, des Himmels usw. bezeichnet. Doch auch das ist mit Sicherheit schon eine „gefallene“ Bezettelung, der nicht mehr die göttliche formgebende Macht über das Benannte innewohnt.

Denn damit ist es Pustekuchen mit der Einführung der Kategorien, der Abstraktion, des Klassenkampfes. Ein Begriff signifiziert eine Ideologie vielleicht, eine „Wahrheit“. Und wird damit Streitmasse. Und überhaupt: es ist nicht mehr der Klassenkampf, es ist die Wahrheit über den Klassenkampf und nichts als die Wahrheit. Oder die Realität des Klassenkampfes. Aber niemals der Klassenkampf selbst.

Man könnte auch sagen um den Klassenkampf ist es geschehen, sobald man ihn begrifflich erfasst hat. Nicht nur dass man ihn methodisch-didaktisch stranguliert, ihn regelhaft parlamentarisiert und gleich einem „filibuster“ totdiskutiert, man hat auch hier wieder das Archiv[3]. Man kann sich neuen Dingen zuwenden, sobald man die alten „verurteilt“ hat, oder zumindest abwenden, wenn es geht für immer. Schloß, Prozess oder Amerika gar? Am Ende passt man - ganz kafkaesk - den Fall der Schubladengröße an.

Es ist, so Baudrillard, wie bei Hegel, wo die Eule der Minerva (zu spät?) ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt. Einer Götzendämmerung vielleicht?

2.3 Kunst

Aber man könnte im Gegenteil auch denken, dass es Begriffe gibt, die noch nicht da sind. Die noch gefunden werden müssen. Doch auch dazu bedarf es, dem YinYang nahe, dem Prinzip der Zerstörung, dem Kali-Yuga[4]. So impliziert Baudrillard dass das Geschwätz über die Globalisierung ergo ebenfalls schon ein Friedhofsgeläut sein muss und in der Tat - der Kommunitarismus, die multitude, der „schizophrene“ anti-Diskurs auf Plateaus einer „New World Order“ jenseits des Washington Consensus macht sich breiter denn je.

Auf der anderen Seite haben wir es mit einer Überrealisierung, einer übertriebenen Verwirklichung von Ideen zu tun, von Utopien, Träumen, jedwedem Begehrens, dem Reich der Phantasie im Allgemeinen, welches dann aber eher Phantasmen hervorbringt, die anfangen uns heimzusuchen, geisterhaft herumzuspuken, als Hyperrealität, realer als das Reale. Mit dem Ergebnis einer völlig verkünstelten, ja künstlichen Welt. Man kann auch sagen es handele sich um den Gipfel des Materialismus überhaupt. Zwar handelt es sich mehr und mehr um rein virtuelle Produkte, aber ganze Bataillone und Teufelsmaschinerien von Apparatschiks sind um die Herstellung dieser zentriert und bemüht. Nicht nur das - die bald schon totalitär objektiv und durchrationalisiert operational gewordene Ordnung kann schließlich endlich des Menschen selbst entbehren: „es“ braucht uns nicht mehr, wir werden allesamt kollektiv abgeschafft, als kürzbarer Posten in der Bilanz. Ob es sich dann um die Erzeugung von Unfassbarem oder Greifbarem handelt, spielt gar keine Rolle mehr. Im Grunde ist das ja auch schon das Schicksal des modernen Menschen, lediglich noch etwas auf die Spitze getrieben.[5] Das System entwickelt eine Eigendynamik, wird zum Selbstläufer - weniger das perpetuum mobile als das Teufelsrad, das einen in der Mitte hält so lange man dort bleibt (möglicherweise befindet sich dort ein Trichter, der alle in den Abyssos saugt, früher oder später), oder aber gnadenlos ins All schleudert, sollte man sich ein bisschen zu weit von der Norm entfernen. Oder einer dieser Räume die einen an die Wand pressen, den Druck der immer gigantischeren Drehmomente und Umdrehungszahlen am eigenen Leibe erfahren lassen, ohne Chance aufFlucht - letztendlich werden wir alle noch Kampfpiloten oder Astronauten, die auch bei 11 G (kurzzeitig nur versteht sich) gekonnt durchhalten, dank teurer Druckmanschetten (Hochpräzisionsuhren[6] ). Ansonsten gibt es eben „Redouts“ oder „Blackouts“, wir kennen das als Kollateralschäden, das wurde uns allen längst schon medial angelernt.

[...]


[1] Auch früher schon verschwinden bei Baudrillard Sachen. So die Macht hinter Umfragen, Wahlen & anderen Riten wie Gesten, so das unbekannte Reale hinter dem hyper (hier: hype) im Kino, vgl. Baudrillard, KOOL KILLER, loc. cit., „Politik & Simulation“ S. 39 ff. sowie „Geschichte: ein Retro-Scenario“, S. 49 ff.

[2] „Er hat den archimedischen Punkt gefunden, hat ihn aber gegen sich ausgenutzt, offenbar hat er ihn nur unter dieser Bedingung finden dürfen.“ zit. nach Arendt, loc. cit. S. 318, hier insbesondere auch S. 329 ff. „36 Die Entdeckung des archimdeischen Punkts“.

[3] Ein schöner Ansatz dazu auch bei Derrida, loc. cit., S. 302 ff. „Freud und der Schauplatz der Schrift“.

[4] фГ^^1. Baudrillards' Katastrophe bzw. Implosion als Unterarten?

[5] So wie Beaubourg, dass nurmehr „Black Box“ zur Durchschleusung und makrogerechten Verarbeitung der drängelnden Masse ist, s.. Baudrillard, KOOL KILLER, loc. cit., S. 59 ff. oder die Menschenfarmen als Batteriewesen in „Matrix“.

[6] Derart die Schuldenuhr vom Times Square, deren limes gegen » schwirrt, so die Milleniums-Uhr am Centre Georges Pompidou, die auf 2000 runterzählte, einmal ein „open end“ nach oben, dessen Maß sich entschuldigte, einmal eines, dass bereits recht unbeschadet überstanden wurde, http://www.egs.edu/facultv/jean- baudrillard/articles/global-debt-and-parallel-universe/ & http://www.egs.edu/facultv/iean- baudrillard/articles/paroxvsm-the-end-of-the-millennium-or-the-countdown/

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zu Jean Baudrillards "Warum ist nicht alles schon verschwunden?"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (GSI)
Veranstaltung
Jean Baudrillard: Politik in der medialen Welt
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V187137
ISBN (eBook)
9783656104339
ISBN (Buch)
9783656104704
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean, baudrillards, warum, simulation, verschwunden, dissimulation, punctum, fotografie, virtualität, cyberspace
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2011, Zu Jean Baudrillards "Warum ist nicht alles schon verschwunden?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187137

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