„Die Reise nach Wirikuta“ – Teilnehmende Beobachtung im Film?

Eine Analyse der Bildsprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
18 Seiten, Note: 2.00

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. „Die Reise nach Wirikuta“ – Eine kurze inhaltliche Zusammenfassung

3. Technische Stilmittel – Die Sprache des Films
3.1 Einstellungen, Einstellungsgrößen und Einstellungslängen
3.2 Kameraperspektive und Perspektivenwechsel

4. Filmanalyse - Bildanalyse
4.1 Die fünf Handlungsphasen
4.1.1 Einführung in die Thematik und das Feld
4.1.2 Beginn der Pilgerreise, der Weg nach Wirikuta
4.1.3 Die Ankunft, in den „Jagdgründen“
4.1.4 Die Heimfahrt
4.1.5 Rückkehr in das Dorf, Wiedereingliederung in die Gemeinschaft

5. Conclusio

Bibliografie

Anhang

1. Einführung

Der Film in der Kultur- und Sozialanthropologie hatte in seinen Anfängen einen eher umstrittenen Stellenwert. Auch heute wird unser Fach nach wie vor von Printmedien dominiert, doch durch die immer weiter sensibilisierte Weise mit diesem Medium umzugehen - als bildliche Ergänzung der Übermacht an Texten und als Möglichkeit ein breiteres Publikum anzusprechen - entstand bis heute bereits eine nicht unbeachtliche Anzahl an kultur- und sozialanthropologischen Filmen, die Rezipienten weit mehr mitgeben als das Gefühl eines kurzen Ausflugs in exotische Gefilde.

In meiner Arbeit setze ich mich mit dem Film „Die Reise nach Wirikuta. Die Huichol und der Peyote-Kaktus“ (1998) der Kultur- und Sozialanthropologen Ingrid Kummels und Manfred Schäfer auseinander. Im Zuge einer Analyse seiner Bildebene werde ich mich im Besonderen der Bildgestaltung mittels Kamerablick widmen.

Anhand einer Betrachtung der Handlungsphasen möchte ich exemplarisch auf die Kamera als (tonloses) Kommunikationsmittel eingehen, das uns gestattet, mit ins Feld zu gehen und eine abenteuerliche Reise zu bestehen und uns dabei die Dualität von außenstehendem Beobachter und im Feld agierendem Kultur- uns Sozialanthropologe immer wieder spüren lässt.

Mein Ziel ist es, mittels Analyse dieser filmischen Arbeit die Bedeutung des Bildes, in seiner Nutzung als Transportmittel für mehr als bloße Dokumentation des uns „Fremden“, herauszuarbeiten.

2. „Die Reise nach Wirikuta“ – Eine kurze inhaltliche Zusammenfassung

Die Huichol sind eine mexikanische Bevölkerungsgruppe, die in den Bergen von Nayarit und Jalisco, in West-Mexiko lebt. In ihrer Kosmologie hat besonders die „Dreifaltigkeit“ von Hirsch, Mais und Peyote, ein psychoaktiver Kaktus, eine große Bedeutung. Der Peyote verkörpert dabei die zeitlose Verbindung mit dem Übernatürlichen. Er wächst in Wirikuta, ein Ort mehrere hundert Kilometer entfernt, ein Gebiet in San Luís Potosí. (vgl. Hofmann/Rätsch/Schultes 2001:147 ff).

Der Film „Die Reise nach Wirikuta. Die Huichol und der Peyote-Kaktus“ (1998) der Kultur- und Sozialanthropologen Ingrid Kummels und Manfred Schäfers begleitet eine Gruppe von etwa 15 Huichol auf ihrer Pilgerreise nach Wirikuta, den Ort ihrer Götterahnen. Dort machen sie sich auf die Jagd nach dem Peyote.

Einmal im Jahr, im Januar, geht die Reise für die Männer und Frauen zusammen mit dem Schamanen der Gruppe in ihrem blauen Pick-Up los. Der Weg dorthin dient zugleich als Vorbereitung zur Peyote-Ernte. Neben bestimmten Anordnungen bezüglich Nahrung und Körperhygiene, gibt es auch mehrere kleine Rituale und Zeremonien, denen sich die Teilnehmer zu unterwerfen haben. Nach der heiligen Ordnung, deren Hüter der Schamane ist, hat alles zu geschehen.

In Wirikuta angekommen, machen sie sich auf die Suche nach dem Kaktus. Dem Sammeln folgt eine Widmung von Opfergaben und Gebeten. Am Abend, wenn sich alle um das Feuer herum einfinden, wird der erste schließlich eingenommen; man singt und musiziert. Zentral sind die Visionen, die sie bei einer Feier um ein Feuer durch den Verzehr empfangen.

Nach der Rückreise begrüßen sie die als Wächter zurückgebliebenen Frauen und das Feuer. Dann überreichen sie die mitgebrachten Gaben und geben auch ihnen vom heiligen Kaktus zu essen. Um sich von den Daheimgebliebenen abzugrenzen, bemalen sie ihre Wangen mit dem Motiv des Peyote.

Am Abend versammelt sich die gesamte Gemeinschaft um ihren Feuerplatz, um die Gruppe wieder einzugliedern und an ihren Erkenntnissen teilzuhaben. In Gebeten und Gesängen wird um Heilung gebeten.

3. Technische Stilmittel – Die Sprache des Films

„Der Kamerablick organisiert das Filmbild; durch ihn wird der Ausschnitt gewählt, der dem Betrachter von der Welt des Films gezeigt wird. (...) Insofern formuliert das Filmbild immer eine Haltung zum Abgebildeten, es zeigt (...) einen Standpunkt, den es dieser Wirklichkeit gegenüber bewusst einnimmt.“ (Bienk 2008: 52)

Der Kamerablick wird von mehreren Faktoren bestimmt, unter anderem vom Bildrahmen (Cadrage), vom Blickwinkel (Kameraperspektiven) und selbstverständlich von der Einstellungsgröße. (vgl. Bienk 2008: 52)

Mit den zwei letztgenannten Faktoren werde ich mich nun ein wenig genauer beschäftigen.

3.1 Einstellungen, Einstellungsgrößen und Einstellungslängen

Die kleinste Einheit bei der Herstellung eines Films, begrenzt durch das Öffnen und Schließen des Verschlusses, nennt man Einstellung. Die Länge kann ebenso variieren, wie ihre (Anzahl an) Einstellungsgrößen, oder die Kameraperspektiven innerhalb einer Aufnahme. (vgl. Faulstich 2002: 113)

Die Einstellungsgröße steht für die Distanz oder Nähe, mit der die Rezipienten an das Geschehen herangeführt werden. (vgl. Bienk 2008: 52)

Zumeist wird zwischen acht Einstellungsgrößen unterschieden: die Detailaufnahme („extreme close-up“), die Großaufnahme/Groß („close-up“), die Nahaufnahmen/Nahe („close shot“), die Amerikanische Aufnahme/Amerikanische („medium shot“), Halbnahaufnahme/Halbnahe („full shot“), Halbtotale („medium long shot“), Totale („long shot“) und Weitaufnahme / Weite („extreme long shot“). (vgl. Faulstich 2002: 115f)

Bei einem Film, der größtenteils im Freien spielt und große räumliche Dimensionen thematisiert, erweist es sich als zielführender, die größeren Einstellungsgrößen stärker auszudifferenzieren. (vgl. Faulstich 2002: 114)

Das trifft auf den Film „Die Reise nach Wirikuta. Die Huichol und der Peyote-Kaktus“ jedoch nur teilweise zu, denn wenngleich die Dreharbeiten und die Handlungen ausschließlich im Freien stattfinden, steht nicht die Landschaft im Mittelpunkt, sondern das Reisen innerhalb einer Gruppe. Nicht nur durch die gewählten Einstellungsgrößen, sondern auch durch die Kameraführung erscheint die Vermittlung von Nähe ein wesentlich wichtigerer Punkt in der Dokumentation zu sein, als die Distanz.

Durch das Betätigen der „Play-Taste“ zum Abspielen des Films, sieht man sich nach einer kurzen Einführung schnell in die Rolle eines Feldforschers katapultiert. Bevor man sich versieht, befindet man sich auch schon auf der Ladefläche eines Pick-Up´s auf der Reise nach Wirikuta.

3.2 Kameraperspektive und Perspektivenwechsel

Neben der Einstellungsgröße fällt auch der Kameraperspektive eine wesentliche Rolle zu. Die hier vor allem wichtigen Vertikalperspektiven lassen sich in fünf Kategorien skalieren: die extreme Untersicht / Froschperspektive („extreme low camera“), die Bauchsicht („low shot“), die Normalsicht („normal camera height“), die Aufsicht („high shot“) und die extreme Aufsicht / Vogelperspektive („extreme high shot“). (vgl. Faulstich 2002: 119)

Die zwei Extreme lassen sich in dem Film „Die Reise nach Wirikuta. Die Huichol und der Peyote-Kaktus“ nicht finden. Zumeist sieht man sich seinem Gegenüber in der Normalsicht positioniert. Dies resultiert aus dem Gebrauch einer Handkamera. Dadurch, dass sie vom Kameramann getragen wird, entstehen wackelige Bilder, die eine gewisse Dynamik und Unmittelbarkeit erzeugen. (vgl. Müller 2007: 333f)

Manches Mal scheint die Distanz, - auch jene zwischen Akteur (oder filmende Person) und Rezipienten,- sogar so weit aufgehoben, dass man das Gefühl hat, dem Blick einer „subjektiven Kamera“ zu folgen, direkt vor Ort zu sein und seinen Blick selbst zu lenken. Die Sicht des Filmemachers wird zu der eigenen. Dies verstärkt vor allem die Sondierung der Umgebung durch Schwenks anstelle von Schnitten. (vgl. Bienk 2008: 59)

Das geschickte Spiel mit der Kombination von Einstellungsgrößen und Perspektivenwechsel, ermöglicht immer wieder die Spannung von Nähe und Distanz zu fühlen. Genau diese lässt auch eine Feldforschung immer wieder zu einer Herausforderung werden. (vgl. Haller 2005: 141)

Man sieht sich konfrontiert mit der Problematik beziehungsweise Herausforderung von „Objektivität“ - den Aufnahmen aus einer gewissen Distanz heraus, zumeist den „größeren“ Einstellungsgrößen von Halbnah bis Weit - und „Subjektivität“ - durch das Hin- und Herpendeln zwischen Handkamera und „subjektiver Kamera“, die uns direkt vor Ort zu sein, sowie Mitglied der Gruppe zu sein, suggeriert.

Anhand einer Bildanalyse ausgewählter Beispiele entlang der Handlungsphasen werde ich darauf nun genauer eingehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
„Die Reise nach Wirikuta“ – Teilnehmende Beobachtung im Film?
Untertitel
Eine Analyse der Bildsprache
Hochschule
Universität Wien  (Institut der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien)
Veranstaltung
„MIME. Media and Ritual Embodiment: Zur visuellen Umsetzung von Spiritualität“, Modul MAKOTRA
Note
2.00
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V187165
ISBN (eBook)
9783656105039
ISBN (Buch)
9783656105701
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit Anhang eines Sequenzprotokolls zu: Die Reise nach Wirikuta. Die Huichol und der Peyote-Kaktus, 1998
Schlagworte
Huichol, Mexiko, Peyote, Spiritualität, Wirikuta, MAKOTRA-Medical Anthropology, Bildsprache, Filmananalyse
Arbeit zitieren
BA Nora Demattio (Autor), 2008, „Die Reise nach Wirikuta“ – Teilnehmende Beobachtung im Film?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187165

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