Edith Kneifl - Ein Portrait mit Überblick über ihr bisheriges Schaffen und Analyse ihres Debütromans "Zwischen zwei Nächten"


Seminararbeit, 2011

31 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Edith Kneifl
2.1. Biographie
2.2. Edith Kneifls Krimis
2.3. Literaturstipendien und -preise

3. Zwischen zwei Nächten
3.1. Entstehung
3.2. Genre
3.3. Titel
3.4. Inhalt
3.5. Form
3.5.1 Aufbau
3.5.2 Erzählperspektive
3.5.3 Sprache und Stil
3.5.4. Schauplatz und Räume
3.6. Figuren
3.6.1. Ann-Marie Jonas - Profil der wahrscheinlichen Täterin
3.6.1.1. Kindheit, Jugend
3.6.1.2. Beziehungen
3.6.1.3. Auswanderung, Leben in den USA
3.6.1.4. Die große Leere: Kaum Kontakte zur Freundin
3.6.1.5. Die große Hoffnung: ein Leben mit der Freundin
3.6.1.6. Die große Enttäuschung
3.6.1.7. Verdacht und mögliche Rache
3.6.2. Anna Beckmann – das Opfer in jeder Hinsicht
3.6.2.1. Kindheit und Jugend
3.6.2.2. Ehe mit Alfred
3.6.2.3. Einsicht und neuer Lebensmut
3.6.3. Alfred Beckmann– der Feind
3.6.3.1. Charakterzüge: Selbstüberschätzung , Verlustängste, Egoismus
3.6.3.2. Eroberung von Anna
3.6.3.3. Ehe mit Anna
3.6.3.4. Ende der Ehe
3.7. Täter – Opfer – Schuld?
3.7.1. Anna
3.7.2. Ann-Marie
3.7.3. Alfred
3.8. Fakten und Vermutungen

4. Möglicher Prozessverlauf

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zuge des Seminars Psychokrimis von Frauen nach 1945 habe ich mich näher mit Edith Kneifls Debütroman Zwischen zwei Nächten beschäftigt. In dieser Arbeit sollen ein Portrait der Autorin, welche als eine der wichtigsten, wenn nicht sogar als die wichtigste österreichische Krimiautorin gilt, sowie ein Überblick über ihr bisheriges Schaffen und ihre Erfolge gegeben werden. Im Anschluss daran soll das genannte Werk anhand von Inhalt, Form und weiteren Besonderheiten analysiert werden.

Edith Kneifl, die sich die amerikanische Krimiqueen Patricia Highsmith zum Vorbild gemacht hat, schaffte es mit diesem Roman sich auf ironische und gesellschafts-kritische Weise, in die Herzen vieler Krimiliebhaber zu schreiben und bahnte sich somit den Grundstein für ihre weiteren Romanerfolge und lang anhaltende Schriftstellerkarriere, die ihr von der damaligen Literaturkritik bereits prophezeit wurde. Mit ihrer eigenen Technik und der Verwendung einer leicht lesbaren und flüssigen Sprache schafft sie es, ihr Werk nicht nur interessant, sondern lebendig werden zu lassen.

Die sympathischen Hauptfiguren des Frauen- und Wienkrimis bieten teilweise viel Identifikationspotential, was durch die Überspitzung der Charaktere (zu alternativ, zu zerstört, zu widerwärtig) aber gleichzeitig wieder gemindert wird.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Schauplatz: Ort des Geschehens ist Wien. Mit der Landeshauptstadt werden nicht nur geographische Aspekte angeschnitten, die Autorin versäumt es auch nicht, die Wiener Gesellschaft sowie ihre Sprache und Bräuche, gekonnt in Szene zu setzen und diese gleichzeitig anzuprangern – und zwar durch eine Geschichte, die jedermann passieren könnte, von der man jedoch lieber nur lesen möchte.

Das Werk wurde unter anderem vom ORF-Literaturmagazin als auch von Der Standard und der Glauser-Preis-Jury in höchsten Tönen gelobt, dabei wurden die ästhetische Organisation, die komplexe Psychologie ihrer Figuren und die gelungene Synthese eines Frauen- Kriminal- und Wienromans besonders hervorgehoben.[1]

2. Edith Kneifl

2.1. Biographie

Edith Kneifl wurde am 1. Jänner 1954 in Wels geboren und wuchs in Lenzing, in Oberösterreich, auf. Die nunmehrige Autorin studierte von 1973 bis 1980 Psychologie und Ethnologie an der Universität Wien und dissertierte über das Frauenbild in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Danach beteiligte sie sich an einer interministeriellen Arbeitsgruppe zur Behandlung frauenspezifischer Angelegenheiten im Unterrichtswesen.

Erst nach dem Tod ihres Vaters 1986 begann Kneifl zu schreiben, dabei handelte es sich erstmals um Kurzgeschichten und 1991 erschien ihr erster Krimi „Zwischen zwei Nächten“, mit welchem wir uns in dieser Arbeit näher beschäftigen wollen. Damit gelang es der Autorin 1992 sowohl als erste Frau als auch als erste Österreicherin den Friedrich-Glauser-Preis[2] verliehen zu bekommen.

Längere Auslandsaufenthalte in Griechenland aber vor allem jener in den USA scheinen die Autorin für die Entwicklung des Charakters Ann-Marie, der Protagonisten in „Zwischen zwei Nächten“ inspiriert haben.

Neben Kriminalromanen verfasste die Autorin Kriminalerzählungen, Erzählungen, Frauenkriminalanthologien, Fortsetzungsromane – unter anderem mit Ingrid Noll - und Drehbücher zu den Werken „Triester Morgen“ und „Ende der Vorstellung“, wobei zweiteres unter dem Titel „Taxi für eine Leiche“ verfilmt und mit dem Romy 2003 ausgezeichnet wurde. 2007 wurde „Der Tod ist eine Wienerin“ als Hörbuch aufgenommen. Ihre Romane wurden in sieben Sprachen übersetzt.[3]

Heute lebt Kneifl als Psychoanalytikerin und freie Schriftstellerin mit ihrem zweiten Mann in Wien[4] und ist weiters mit nationalen und internationalen Lesungen bei Buchmessen und Buchpräsentationen ihrer neusten Krimis viel beschäftigt. Sie ist Mitglied der AIEP, der Sisters in Crime und des Syndikats.[5]

2.2. Edith Kneifls Krimis

- (1991) Zwischen zwei Nächten
- (1993) In der Stille des Tages
- (1995) Triestiner Morgen
- (1997) Ende der Vorstellung. Eine Wiener Blutoper
- (1999) Allein in der Nacht
- (2002) Pastete mit Hautgout
- (2007) Der Tod ist eine Wienerin
- (2008) Gnadenlos (Stories)

Joe Bellini-Reihe:

- (2001) Auf den ersten Blick
- (2004) Kinder der Medusa
- (2009) Glücklich, wer vergisst

Lisa Maurer-Reihe:

- (2007) Geheimes Venedig
- (2008) Geheimes Salzburg

Katharina Kafka-Reihe:

- (2009) Schön tot
- (2011) Stadt der Schmerzen[6]

2.3. Literaturstipendien und -preise

Der Autorin wurde 1988 der Theodor-Körner-Preis für Literatur verliehen. Die wichtigste Auszeichnung folgte 1992 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres, gefolgt von einem Literaturstipendium der Stadt Wien im Jahr 1994. Im weitesten Sinne kann an dieser Stelle auch der Romy 2003 für den besten Fernsehfilm des Jahres durch die Verfilmung ihres Werkes „Ende der Vorstellung“ genannt werden, für welchen die Autorin selbst das Drehbuch in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Wolfgang Murnberger geschrieben hat.[7]

3. Zwischen zwei Nächten

Der Krimi Zwischen zwei Nächten wurde erstmals 1991 vom Wiener Frauenverlag aufgelegt, die zweite Auflage erfolgte 1994 in der Reihe Haffmanns Kriminalromane bei Heyne. Die dritte folgte 1998 im Ekkremes Verlag in Athen und die vierte und gleichzeitig letzte Auflage erschien 2003 bei Milena in Wien. Obwohl das Werk aktuell in allen Buchhandlungen vergriffen ist, ist momentan keine Neuauflage geplant.[8]

3.1. Entstehung

Edith Kneifls Konzept für Zwischen zwei Nächten entstand bereits 1988, dabei handelte das Werk jedoch von nur einer Protagonistin mit zwei verschiedenen möglichen Lebenswegen. Als sich dies in der Ausführung jedoch als sehr kompliziert herausstellte, disponierte die Autorin um. In einem Interview mit Natascha Feichtner erzählte die sie, dass sich in den Protagonistinnen verschiedenste autobiographische Charakterzüge, sowie solche ihrer Freundinnen widerspiegeln. Der Schaffensprozess dauerte fast drei Jahre, in welchem unter anderem die Rohfassung von 300 Seiten auf weniger als die Hälfte gekürzt wurde.[9]

3.2. Genre

Bereits im Titel heißt es Ein Kriminalroman, doch laut Brockhaus-Definition müsste es dabei um eine Detektivgeschichte und die Erzählung vom verbrecherischen Handeln gehen. In Gero Wilperts Sachwörterbuch der Literatur kommt man mit seiner Definition dem schon näher, was einem in Zwischen zwei Nächten erwartet: Das Verbrechen muss in Hinblick auf psychologischen Anstoß, Ausführung, Entdeckung und Aburteilung des Verbrechers behandelt werden.[10]

In Edith Kneifls Roman hingegen gibt es keine Detektion, zumindest nicht von Seiten der Polizei oder gar eines Detektivs, einzig die beste Freundin der Toten versucht sich anhand von Erinnerungen an ihre nunmehr tote Freundin und durch Gespräche mit ihrem Ehemann und Bekannten zusammen zu reimen, wie es zu dem vermeintlichen Mord gekommen war. In diesem Sinne erfährt der Leser die subjektive Theorie der lebendigen Protagonistin über den „psychologischen Anstoß des Mörders“ (Verlustängste und Geldgier), „Ausführung“ (Todesstoß über das Balkongeländer), „Entdeckung“ (zumindest glaubt dies die Protagonistin aufgrund von Indizien) und „Aburteilung des Verbrechers“[11] (Rachetat durch Selbstjustiz seitens der Protagonistin) wobei hier von objektiven Ermittlungen, wie das im klassischen Kriminalroman üblich ist, nicht die Rede sein kann, denn Kneifl setzt „auf die komplexe Psychologie ihrer Figuren und entwickelt daraus Spannung, bei der die äußeren Ereignisse zunehmend undeutlich und unwichtig werden“[12] während sie gleichzeitig die „gängigen Muster der der Kriminalliteratur weitgehend ignoriert.“[13]

Schlussendlich kann man Zwischen zwei Nächten dem Subgenre des Kriminalromas Psychokrimi zuordnen, da sich Kneifl, wie Patricia Highsmith oder die deutschsprachige Wegbereiterin dieses Genres, Irene Rodrian, in erster Linie auf die psychologische Motivierung und das verletzte Seelenleben der Mörder bzw. Protagonisten konzentriert.[14]

Laut eigenen Angaben geht es der Autorin, die das Meer und ihre Segelyacht „Miss Marple“ liebt[15], nicht bloß darum, herauszufinden, dass eine Mordtat geschieht, sondern dahinter zu kommen, aus welchem Grund dies passiert, also das Motiv herauszufinden. Sie erklärt die gesellschaftlichen Zustände zum wahren Schuldigen, die Menschen zum Morden veranlassen.[16]

Waltraud Sterling schreibt, dass im Psychokrimi jene Figur, die unmittelbar als potentieller oder tatsächlicher Täter vorgestellt wird, im Zentrum der Handlung steht[17], was in Zwischen zwei Nächten zwar zutrifft, aber nicht einmal der später wahrscheinlichen Täterin klar ist, da der vermeintliche Mord im Affekt geschieht; indem Ann-Marie Alfred als Mörder entlarven möchte, wird sie selbst zur wahrscheinlichen Mörderin. Weiters gilt als genretypisch, dass die psychische Disposition der Täterfigur defekt ist und diese Defekte im Persönlichkeitsbild physische, mentale, soziale und/oder psychische Defizite aufweist.[18]

In gewisser Weise weisen alle drei Hauptfiguren Defizite in der einen oder anderen Kategorie auf, die tote Anna hätte theoretisch sogar am ehesten zur Mörderin werden können, denn ihre Selbstaufgabe, Depressionen, Minderwertigkeitskomplexe und Alkoholismus sowie Manie, Lethargie und der Druck seitens der Familie können eindeutig dem mentalen, psychischem physischen und auch dem sozialen Defizit zugeordnet werden.

Ihr wahrscheinlicher Mörder, Alfred, hingegen leidet nach vielen Ehejahren an akuter Hässlichkeit und Überheblichkeit, aufgrund seiner finanziellen Abhängigkeit von seiner Frau, könnte er auch Minderwertigkeitsgefühle entwickelt haben und die ihm bevor- stehende Scheidung hinge mit Verlustängsten in Bezug auf finanzielle Mittel und sozialen Status zusammen.

Ann-Marie, die vermeintliche Mörderin Alfreds und Rächerin ihrer besten Freundin, hat das dringende Bedürfnis anders zu sein und hat ein gestörtes Verhältnis zu Männern, ihre Eifersucht auf Alfred wird ebenfalls thematisiert, trotzdem weist sie im Vergleich aber die wenigsten Merkmale auf, um die Mörderin eines Psychokrimis zu sein. Jedoch gibt sie Alfred die Schuld an Annas und folglich ihrem eigenen unglücklichen und einsamen Leben, da er ihr Anna weggenommen hat, was Hass- und Rachegefühle hervorbringt. Laut Sterling spitzt sich der Handlungsverlauf durch die aus den Defiziten entsprungenen Gefühle des Täters gegenüber potentiellen Opfern zu, sodass ein tatsächlicher oder empfundener Verlust folgen muss, welcher sich auf die Identität und Wahrnehmung des Täters auswirken kann.

Weiters nennt sie die Liebe als wichtigen Aspekt; ihr Nichtvorhandensein, Verlust oder Scheitern kann als Motiv für eine Tat dienen. Sterlings Beschreibung, dass zerstörte Liebe, zerbrochene Identität und verlorener Realitätsbezug Gedanken, Handeln, Empfindungen und Wahrnehmungen immer obsessiver werden lässt, bis sich der Spielraum so verengt, dass nur noch Mord als letzter Ausweg übrig bleibt, passt genauso gut zu Kneifls Roman wie die Tatsache, dass es für die Entwicklung des Spannungsbogens reicht, dieses Potential nur anzudeuten.[19]

Denn der Schmerz über Annas Tod lässt Ann-Marie verbissen glauben, dass der ihr verhasste Alfred ihre Freundin ermordet hat, weiters wird ihr damit die Aussicht auf ein gemeinsames Leben mit ihrer Liebe unmöglich gemacht. Schlussendlich ist der Mord an Alfred nur in den Raum gestellt bzw. angedeutet, es steht nirgends geschrieben, dass Ann-Marie ihn vom Geländer gestoßen hat, theoretisch könnte es sich auch um Selbstmord aus Schuldgefühlen oder um einen Unfall gehandelt haben.

Ein weiterer Aspekt, der dem typischen Bild des Psychokrimis zugeordnet wird, ist die Schuldfrage. Laut Sterling nimmt die Täterfigur diese meist nicht bzw. verzerrt wahr und sofern Schuld doch als solche erkannt wird, findet sie Rechtfertigung in der Selbstjustiz.[20]

Der Schuldkomplex in Kneifls Krimi wird erst gar nicht in den Raum gestellt. Alles, was man erfährt, ist, dass die wahrscheinliche Mörderin Anna, am darauffolgenden Morgen, genau so wie geplant, auf ihren Rückflug nach Amerika wartet, was für sie, sofern sie den Mord auch begangen hat, ein Garantieschein für ihr Davonkommen ist, denn niemand weiß, dass sie an Alfreds Todesnacht nicht nur in seiner Wohnung, sondern sogar mit ihm auf der Terrasse gestanden ist, von der er in die Tiefe stürzte.

3.3. Titel

Edith Kneifl wählte mit der Bezeichnung Zwischen zwei Nächten nicht nur einen Titel, der die Zeitspanne der Handlung ihres Werkes beschreibt, sondern gleichzeitig auch jenen, den zuvor der deutsche Schriftsteller und Lyriker Gustav Falke im Jahre 1908 folgendem Gedicht gab:

Zwischen zwei Nächten

Der Morgen steigt und glüht und steigt,

Und frohe Herzen beben;

Ein Tag, und überschauert schweigt

Das trunken reiche Leben.

Und zwischen Auf- und Niedergang

Blutwellenheißes Schlagen,

Ein Hoffen tausend Leben lang,

Ein Schmerz und ein Entsagen.

Und ists nur einen Sonnenblitz,

Daß uns ein Glück bereitet,

Nur einen kurzen Sattelsitz,

Daß Freude uns begleitet:

Freiweg durchs Leben! Sprung und Sporn!

Und Schwert und Schlacht und Scherben,

Und Glück und Tück und Kranz und Dorn,

Und rauscht der Tod durchs reife Korn,

Ein Lächeln noch im Sterben.[21]

Es ist nur eine Vermutung, dass Edith Kneifl, den Titel bewusst in Anlehnung an Falkes Gedicht gewählt haben könnte, dennoch finden sich Parallelen der beiden Handlungen, besonders die beiden ersten Strophen können perfekt darauf umgelegt werden: Der Morgen steigt und glüht und steigt, Und frohe Herzen beben, ist die ideale Beschreibung der Jugendjahre der beiden Freundinnen, in denen sie noch dachten, die Welt gehörte ihnen, doch als Anna beschließt, sich dem Willen ihres Vaters zu fügen, kommt es zum Bruch dieser innigen Frauenfreundschaft: „Ein Tag, und überschauert schweigt Das trunken reiche Leben.“

Gleichzeitig kann man dafür die Jugendfreundschaft und ihr damaliges Ende, wie auch die Pläne und damit in Verbindung stehend das Wiederaufleben bzw. die Neubelebung der Freundschaft sehen, die dann durch Annas Tod beendet wird.

In der zweiten Strophe von Falks Gedicht könnte ebenfalls, wie in der ersten, sowohl die Zeit „Und zwischen Auf- und Niedergang“ in den Jugendjahren, vielleicht aber auch die Jugendjahre selbst, denen vor allem Anna immer wieder hinterher trauert, als auch die Zeitspanne zwischen dem aktuellen Amerikaplan und Annas Tod gemeint sein, in welcher beide sehr euphorisch mit „Blutwellenheißes Schlagen“ auf die Zukunft gespannt sind und große Hoffnung auf ein besseres Leben haben, jedoch mit einem unerwarteten Ende; erstmals, als der Vater Anna Ann-Marie wegnimmt, danach als Alfred diese tötet. Beide Male muss Ann-Marie den Verlust hinnehmen: „Ein Hoffen tausend Leben lang, Ein Schmerz und ein Entsagen“.

Man könnte diese beiden ersten Strophen auch rein den Rückwendungen zuweisen und nur die letzten beiden der Erzählgegenwart zuordnen um somit ein ausgeglichenes Verhältnis von 2:2 vorzufinden, genau so wie es sich mit den sich abwechselnden Szenen in Kneifls Werk verhält, außerdem würde der Inhalt der folgenden Strophe nach diesem Schema mehr Sinn ergeben, denn nachdem sich die Wege der Frauen weitgehend getrennt hatten, blitzt in der Idee auf einen gemeinsamen Neuanfang eine neue Hoffnung auf.

Andererseits könnte diese dritte Strophe auch ein Rückblick auf jene Pläne sein, welche sich im Endeffekt aufgrund von Annas Tod als nicht realisierbar herausstellen sollten und eben dieser neu geschöpfte Lebensmut, der in Strophe vier mit „Freiweg durchs Leben! Sprung und Sporn!“ beschrieben wird, für den sie auch bereit ist mit „Und Schwert und Schlacht und Scherben, Und Glück und Tück und Kranz und Dorn“ zu kämpfen und alles Bekannte aufzugeben. All dem macht ihr schneller und unerwarteter „rascher“ Tod ein jähes Ende.

Doch auch wenn ihr neuer Lebenswille nie ausgelebt werden konnte, so verbrachte sie davor trotzdem glückliche Stunden voller Pläne und Vorfreude, somit könnte man sagen, gab es „Ein Lächeln noch im Sterben“. Sie war glücklich, auch wenn dieses Glück nur so lang währen sollte wie ein „Sonnenblitz“ oder ein „kurzer Sattelsitz“.

3.4. Inhalt

Die Hauptpersonen des Werkes sind zwei Frauen in den Mittvierzigern namens Anna Beckmann, Chefin eines Architekturbüros, und Ann-Marie Jonas, die sich mit Gelegenheitsjobs in Amerika über Wasser hält; beide waren in ihrer Jugend unzertrennlich, jedoch hatten sich ihre Wege dann eben doch getrennt.

Das besondere an dieser Konstellation ist es, dass die Protagonistin Anna tot ist und die Geschichte mit ihrer Beerdigung beginnt.

Die seit Jahren in Amerika lebende Ann-Marie kommt aus diesem Grunde wieder zurück nach Wien, ihre Heimatstadt, wo sie durch Gespräche mit Bekannten und Alfred Beckmann, dem Ehemann der Verstorbenen, immer mehr auf den Schluss kommt, dass es unmöglich Selbstmord gewesen sein kann, so wie es von allen Seiten behauptet wird, denn sie selbst hat mit Anna, nachdem sie sich von Alfred scheiden lassen, das Architekturbüro verkaufen und diesem somit die Existenzgrundlage nehmen sollte, einen gemeinsamen Neubeginn in New York geplant. Für Ann-Marie ergeben diese Umstände das perfekte Mordmotiv für den Ehemann, denn, wie sich herausstellt, wusste dieser von dem bevorstehenden Flug in die USA und der Mord geschah ausgerechnet in der Nacht davor.[22]

3.5. Form

„Einfühlsam und mit einer präzisen Technik im Umgang mit Sprache und Szenenwechsel schafft Edith Kneifl ein changierendes Muster, das an Spannung und subtiler Erotik nichts zu wünschen übrig läßt.“[23]

3.5.1 Aufbau

Der Aufbau des Romanes entspricht nicht dem gewöhnlichen Standard, denn in Edith Kneifls Werk wechseln die Szenen sukzessive. Zu Beginn schafft es die Autorin, deren Lieblingstatwaffe die Bohrmaschine ist[24], den Leser an der Nase herumzuführen, bis dieser das System nach einigen Seiten durchschaut und mit dem Gedanken spielen muss, das bisher Gelesene noch einmal zu lesen; diesmal wissend. Denn erst auf Seite 34 wird klar, dass es sich bei den Beerdigungsszenen um jene von Anna handelte, obwohl diese in vielen vorhergehenden Szenen sehr lebendig war.

Szenen der Erzählgegenwart, welche mit Annas Beerdigung beginnen, dann über Gespräche mit Hinterbliebenen bei den genannten Feierlichkeiten, sowie beim Leichenschmaus, als auch in Alfreds Wohnung bis hin zu dessen Tod und Ann-Maries Rückreise führen, wechseln sich mit Rückwendungen ab, in denen sich Ann-Marie an gemeinsame Erlebnisse mit Anna in ihrer Vergangenheit erinnert, wobei diese zeitlich weit auseinander liegen: beleuchtet werden sowohl die gemeinsame Kindheit und Jugend, als auch das letzte Treffen, nur wenige Monate vor Annas Tod. Die beiden Handlungen spitzen sich parallel zueinander zu, sodass ein Spannungsbogen entsteht. Die Autorin spielt gekonnt mit Vergangenheit und Gegenwart bzw. mit Erinnerung und gegenwärtiger Wahrnehmung[25] der Ann-Marie Jonas. Durch die Schnitttechnik kommt es zu einer „entlarvenden Gegenüberstellung“ was dem Werk bzw. der Protagonistin Ann-Marie wiederum „detektivische Konturen[26] verleiht.

Die Szenenübergänge sind meist fließend. Beispielsweise endet eine Rückwendung mit „Aber laß uns von etwas anderem reden. Eigentlich ekelt mich das alles an.“[27] während die darauffolgende Gegenwartsszene mit „Hass und Ekel überkommen sie, als sie zusieht, wie die Totengräber ihre Pflicht tun und feuchte, dunkle Erde auf den Sarg schaufeln.“[28]

3.5.2 Erzählperspektive

Ein allwissender Erzähler berichtet mit interner Fokalisierung, nämlich aus Ann-Maries Perspektive, sodass man der Meinung Ann-Maries als Leser ausgesetzt bzw. völlig ausgeliefert ist. Alles wird aus ihrer Sicht, die zumindest Alfred gegenüber sehr voreingenommen ist, erzählt, und er hat keine Chance sich aus der vorgefertigten Meinung über ihn, die dem Leser auferlegt wird, herauszuwinden. Sein Charakter, wie auch jener Annas, entwickelt sich im Laufe der Handlung nicht. Auch wenn Alfred in den Szenen der Erzählgegenwart schon zu Wort kommen darf, wird alles sofort von Ann-Marie gewertet[29] und jegliche aufkommende Sympathie im Keim erstickt. Sterling ist der Ansicht, dass dies als Schwäche des Textes gesehen werden kann, da es keine ausgewogene Entwicklung der Charaktere gebe[30], jedoch kann dies im Gegenteil auch als seine Stärke angesehen werden, da es dem Werk einen spezifischen Charakter verleiht und nicht dem gängigen 08/15 Schema folgt.

Der Leser hat deshalb das Gefühl, dass Ann-Marie die erzählende Instanz inne hat, es hat den Anschein einer Ich-Erzählung und zwar aufgrund von bedacht eingesetzter:

[...]


[1] http://kneifl.at – Presse – Zwischen zwei Nächten (14.2.2011)

[2] Anm.: neben dem Deutschen Krimi Preis der wichtigste Krimipreis im deutschsprachigen Raum. Benannt ist er nach dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser, der als erster deutschsprachiger Krimiautor gilt.

[3] vgl. http://kneifl.at -Bio-Bibliografie (am 14. Februar 2011)

[4] vgl. http://www.krimi-couch.de/krimis/edith-kneifl.html (am 10. Februar 2011)

[5] vgl. http://kneifl.at – Über mich (am 14. Februar 2011)

[6] vgl. http://www.krimi-couch.de/krimis/edith-kneifl.html (eingesehen am 6. Februar 2011)

[7] vgl. http://kneifl.at – Über mich (14. Februar 2011)

[8] vgl. http://kneifl.at - Bio-Bibliografie (eingesehen am 11. Februar 2011)

[9] vgl. Feichtner, Natascha: Blutrausch auf der Psychocouch. Edith Kneifl: Leben und Werk. Ein monographischer Versuch. Diplomarbeit. Universität Wien. 2006. S. 26f.

[10] vgl. Schmidt, Jochen: Gangster, Opfer, Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. Frankfurt am Main, Berlin. 1989. S. 19f.

[11] vgl. ebd.

[12] vgl. ORF Literaturmagazin auf www.kneifl.at – Presse – Zwischen zwei Nächten (am 14. Februar 2011)

[13] vg. ebd.

[14] vgl. Kambersky, Nina: Feindbild Mann. Das Männerbild in ausgewählten deutschsprachigen Psychokrimis von Frauen um die Jahrtausendwende. Diplomarbeit. Universität Wien. 2003. S. 13.

[15] vgl. www.kneifl.at – Aktuelles – Interview (am 15.2.2011)

[16] vgl. Ritual und Mord. Wie ist das mit dem Krimi, fragten wir Spezialisten des Genres: Realismus oder Unterhaltung – oder beides zusammen? Ein Gesprächsprotokoll. In: Buchkultur Nr. 39/3. 1996. S. 37.

[17] vgl. Sterling, Waltraud: … bis dass der Mord euch scheidet … Aspekte deutschsprachiger Psychokrimis von Frauen seit 1945. Dissertation. Universität Wien. 2000. S. 103.

[18] vgl. ebd.

[19] vgl. Sterling, Waltraud: … bis dass der Mord euch scheidet … Aspekte deutschsprachiger Psychokrimis von Frauen seit 1945. Dissertation. Universität Wien. 2000. S. 104.

[20] vgl. Sterling, Waltraud: … bis dass der Mord euch scheidet … Aspekte deutschsprachiger Psychokrimis von Frauen seit 1945. Dissertation. Universität Wien. 2000. S. 107.

[21] Falke, Gustav: Ausgewählte Gedichte. Hamburg. 1908. S.8.

[22] vgl. Kneifl, Edith: Zwischen zwei Nächten. Wien. 1991.

[23] vgl. www.kneifl.at – Bücher – Zwischen zwei Nächten (am 14.2.2011)

[24] vgl. www.kneifl.at – Aktuelles – Interview (am 15.2.2011)

[25] vgl. Agazzi, Elena: Psychologie und Verbrechen. Der Begriff der „Schwarzen Seele“ in Edith Kneifls Kriminalromanen. In: Mord als kreativer Prozess. Zum Kriminalroman der Gegenwart in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hg. v. Sandro. M. Moraldo, s.d., S. 99-110.

[26] Lexikon der Kriminalliteratur. Autoren, Werke, Themen/Aspekte. [Loseblatt-Ausg.] Hg. v. Hans-Peter Walter. Meitingen. 1993ff. Band 6. Teil 2. Werke Ho – Ld. Edith Kneifl. Zwischen zwei Nächten. S. 1ff

[27] Kneifl, Edith: Zwischen zwei Nächten. Ein Kriminalroman. Wien. 1991. S. 38.

[28] ebd.

[29] vgl. Kambersky, Nina: Feindbild Mann. Das Männerbild in ausgewählten deutschsprachigen Psychokrimis von Frauen um die Jahrtausendwende. Diplomarbeit. Universität Wien. 2003. S. 32.

[30] vgl. Sterling, Waltraud: … bis dass der Mord euch scheidet … Aspekte deutschsprachiger Psychokrimis von Frauen seit 1945. Dissertation. Universität Wien. 2000. S. 253.

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Details

Titel
Edith Kneifl - Ein Portrait mit Überblick über ihr bisheriges Schaffen und Analyse ihres Debütromans "Zwischen zwei Nächten"
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
Psychokrimis von Frauen nach 1945
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V187388
ISBN (eBook)
9783656108894
ISBN (Buch)
9783656109235
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychokrimi, Debütroman, Mord, Täter, Opfer, Figurencharakterisierung, Whydunit
Arbeit zitieren
Antje Schrammel (Autor:in), 2011, Edith Kneifl - Ein Portrait mit Überblick über ihr bisheriges Schaffen und Analyse ihres Debütromans "Zwischen zwei Nächten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187388

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