Die Interdependenz der Ordnungen- Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Diskursfeld

Zur Bedeutung der Kultur im Entwicklungsdiskurs und als Zieldimension der Entwicklungszusammenarbeit


Masterarbeit, 2011

80 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diskursfeld Kultur und Entwicklung
2.1. Kultur und Entwicklung im Spiegel der Entwicklungstheorien
2.1.1. Theorie der Kolonialzeit
2.1.2. Modernisierungs- versus Dependenztheorien
2.2. Entwicklungsdiskussion im Wandel
2.2.1. Die Krise der Theorie und postmoderne Neubewertungen
2.2.2. Die Revision der Bedeutungshorizonte: Was ist Entwicklung, was Kultur?

3. Die Paradigmen der Entwicklungszusammenarbeit
3.1. Kultur als notwendiger Faktor der Entwicklungspolitik und - zusammenarbeit
3.1.1. Impulse für eine kultursensible Entwicklungszusammenarbeit
3.1.2. Soziokulturelle Aspekte in der entwicklungspolitischen Theorie
3.2. Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit: Das Partizipationskonzept als Leitbild nachhaltiger Entwicklung
3.2.1. Partizipation als Bestandteil eines nachhaltigen Entwicklungsbegriffs
3.2.2. Partizipation als Instrument der kulturellen Entwicklungsarbeit

4. Interkulturalität in der Entwicklungszusammenarbeit
4.1. Rahmenbedingungen und Voraussetzungen der Interkulturalität
4.1.1. Die Lebenswelt als Faktor interkultureller Verständigung
4.1.2. Parameter des Umgangs mit dem Fremden
4.1.3. Kultur als Horizont
4.2. Dialogischer Entwicklungsweg? Chancen und Grenzen des interkulturellen Dialogs

5. Zukunft gewinnen? Ein Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es ist ein weites Feld, auf dem die Fragen „wer wir sind“ und „wie wir leben wollen“ verhandelt werden. Gegenwart zu gestalten und Zukunftsfähigkeit zu gewinnen sind Antrieb, Zweck und Sinn gesellschaftlichen Handelns – auf der globalen, regionalen, lokalen und individuellen Ebene. Mit diesen Fragen bewegt sich die vorliegende Arbeit im Diskursfeld von Kultur und Entwicklung und damit in einer Welt der Differenz, der Dichotomien von Arm und Reich, von Zentrum und Peripherie, von Gewinnern und Verlierern, Gebern und Nehmern, von Können und Wollen, von Tradition und Modernisierung einerseits und einer Interdependenz der Ordnungen andererseits. Nach welchen Parametern vermessen wir die Welt, mit welchen Begrifflichkeiten und Modellen fassen wir sie, aus welcher Perspektive blicken wir auf sie, auf die „Anderen“ und auf uns selbst, auf das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen und welche Zuschreibungen und Bewertungen finden dabei statt? Es ist eine von uns konstruierte Welt, die sich bewegt, verschiebt, entwickelt: dadurch, dass wir mit ihr in Austausch treten. Wir befinden uns in Prozessen der Transformation, der Umdeutungen und Umgestaltung, einer wechselseitigen Durchdringung und Verflechtung von Globalem und Lokalem, von homogenisierenden und heterogenisierenden Tendenzen, die ständig neu verhandelt und ausgehandelt werden müssen zwischen und innerhalb einer Vielfalt von Kulturen und Lebenswelten, die sich längst nicht mehr als strikt territorial definierte, sozialräumlich gebundene und kulturell homogene Akteure identifizieren lassen.[1] „Kultur ist ein in sich differenzierter und komplexer, von Machtverhältnissen durchdrungener, (…) dynamischer und prozesshafter, hybrider und nach außen hin offener Prozess.“[2] Demzufolge findet kultureller Austausch nicht in einem herrschaftsfreien Raum zwischen in sich abgeschlossenen Entitäten statt, sondern setzt Interaktivität, Heterogenität und Wechselwirkungen voraus und öffnet den Blick „für vielfältige Praktiken inmitten und zwischen Akteuren, Territorien und Orten, in denen kulturelle Ordnungen gelebt, repräsentiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden.“[3]

Die gegenwärtigen globalen Probleme verlangen nach konsistenten Politiken. Eine davon ist die Entwicklungszusammenarbeit, die ihre Legitimität daraus bezieht, das mit seinen unterschiedlichen Implikationen hochkomplexe Armutsproblem zu bestimmen, zu bearbeiten und mit nachhaltigen Strategien zu lösen. Das Versprechen eines „besseren Lebens“ basiert auf einer normativen Vorstellung gesellschaftlicher Entwicklung.[4] Mit Blick auf Erfolge und Misserfolge in den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ ist zu konstatieren, dass Entwicklungsprozesse stark differieren, dass sich etwa trotz steigenden Pro-Kopf-Einkommens der Lebensstandard in vielen Entwicklungsländern verschlechtert hat, Armut und Verschuldung dramatisch angestiegen sind, während die Schwellenländer Indien, China und Brasilien als Konkurrenten der Industriestaaten zum Weltmarkt aufschließen konnten. Ebenso hat sich gezeigt, dass das Denken in Nord-Süd-Kategorien und herkömmliche Entwicklungsmodelle der Komplexität der Realität weder gerecht werden, noch sich daraus politische Handlungsmaßgaben ableiten lassen. Die Tatsache, dass es keine Blaupause für „Entwicklung“ gibt und von multiplen Entwicklungspfaden auszugehen ist, impliziert Konsequenzen für die Entwicklungszusammenarbeit. Dies erfordert am Einzelfall orientierte Denkansätze, die an die Traditionen des jeweiligen Landes und seiner Kultur anknüpfen, um Vorhaben nachhaltig zu gestalten.[5] Einhergehend mit einem fundamentalen Paradigmenwechsel von einer oktroyierenden Entwicklungspolitik zu einer kultursensiblen Entwicklungszusammenarbeit auf der Grundlage des Partizipationsprinzips, stellt Kultur eine Schlüsselkategorie im Entwicklungsprozess dar.[6]

Entwicklungszusammenarbeit bewegt sich im Spannungsfeld von Globalisiserung einerseits und der Rückbesinnung auf traditionelle Werte und der Eigenständigkeit von Gesellschaften andererseits, von Annäherungen an kulturelle Orientierungen auf der einen und einem auf eine Veränderung der Werte ausgerichteten Modernisierungsprozess auf der anderen Seite. Es geht um die Frage der Kompatibilität zwischen induzierten Verfahren und den kulturellen Bedingungen in den jeweiligen Entwicklungsländern. Erfolgreicher sozialer Wandel bemisst sich an innovativen Problemlösungsstrategien, die ihrerseits anschlussfähig bleiben müssen an das die Kontinuität sichernde Bewährte. Das Verhältnis zwischen Bewahrung und Erneuerung, zwischen Eigenem und Fremden, westlichen Werten und multiplen kulturellen Orientierungen in den Partnerländern muss differenziert nach Land, Kontext und Vorhabenssituation stets neu ausbalanciert werden.[7]

Interkulturelle Fragen beeinflussen somit die Entwicklungszusammenarbeit wie kaum ein anderes Politikfeld. Kulturelle Orientierungen bestimmen alle Lebensbereiche, das Bewusstsein und Selbstverständnis der Menschen. Sie sind eingebunden in ein Bedeutungsgewebe, das sich dem logischen Zugriff und der Suche nach Gesetzmäßigkeiten entzieht. Interkultureller Dialog schafft Aushandlungsräume für Verständigung. Dabei beruht der Dialog über Fremdwahrnehmung und kulturelle Unterschiede auf Interpretationen, die wiederum selbst kulturell geprägt sind.[8] Er ist zu führen über die Kernfunktionen der Kultur, darüber, welchen Nutzen sie für ihre Mitglieder bereit hält - etwa als Unterstützungs-, Ordnungs- oder Motivationssystem - und wie sich dieser Nutzen durch ein Reformvorhaben verändert. Durch Intervention geraten kulturelle Orientierungen in den Entwicklungsländern in Bewegung: Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelle Zusammenarbeit agiert in Sinnlücken, die durch Globalisierungsprozesse und die beschleunigte Verbreitung der okzidentalen Kultur in Drittländern entstehen, deren traditionelle Werte und Anspruch auf Selbstbestimmung in Frage gestellt werden und sie zu Nutznießern, Betroffenen, Zuschauern oder Opfern macht.[9]

Kultur ist ein konstitutiver Bestandteil von Entwicklung. In Kapitel 2 werden zunächst der Begriff „Kultur“ im entwicklungstheoretischen Kontext und der Begriff „Entwicklung“ in seinen unterschiedlichen Bedeutungshorizonten geklärt, um die kulturellen Aspekte der Entwicklungstheorie auch hinsichtlich einer kritischen Reflexion eines kulturbezogenen Entwicklungsbegriffs zu analysieren und Kulturansätze in der Entwicklungsdiskussion darzustellen. Dabei definiert der Komplex „Kultur und Entwicklung“ auch das Verhältnis von Ausbeutung und Dominanz: Kultur ist im entwicklungstheoretischen Kontext ein „umkämpftes Terrain“ und Entwicklung ein von westlichen Ideologien bestimmter Begriff.[10]

Kultur ist ein ebenso zentrales wie vielfältiges Handlungsfeld innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit und eine Zielkategorie partizipativer Entwicklungskonzepte. Um die unterschiedlichen Handlungsfelder von Kultur im Dienste der Entwicklung abzugrenzen, wird Kultur in dieser Arbeit nicht als „Sektor“ ästhetischer Aufführungspraxis und der künstlerischen Arbeit im Kontext von Kulturvermittlung, -austausch, und -förderung im Ausland oder als Wirtschaftsfaktor der Kulturindustrie untersucht.[11] Vielmehr wird in Kapitel 3 der Fokus gelegt auf Kultur als „Querschnittthema“ und Gegenstand von beabsichtigten Veränderungen durch Entwicklungsvorhaben - Kultur als Interventionsfeld - sowie auf die soziokulturelle Dimension von Kultur als eine Variable in der Entwicklungszusammenarbeit und dem darauf aufbauenden Verständnis von Entwicklungspartnerschaft. Kultur als Entwicklungsfaktor orientiert sich dabei an der Nutzung tradierten Wissens als innovatives Potential einer Gesellschaft sowie der Berücksichtigung von kultureller Identität und Wertesystemen als Voraussetzung von Entwicklung.[12]

Im Hinblick auf einen Paradigmenwechsel und einer Handlungsneuorientierung ist zu fragen, in welcher Weise und auf der Folie welcher Wertvorstellungen des Eigenen und des Fremden die Begriffe Kultur und Entwicklung die Ziele, Methoden und Maßgaben der Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Diskursfeld prägen. Neben der hier nicht berücksichtigten Auswärtigen Kulturpolitik ist die Entwicklungspolitik der zentrale Politikbereich, in dem Kultur und Kulturbegriffe in einem interkulturellen Kontext wirksam werden. In der Interaktion zwischen unterschiedlichen Kulturen ist sie per se interkulturell.[13]

Entwicklungszusammenarbeit ist „Denken in Projekten der Veränderung“.[14] Sie bewegt sich in einem komplexen und von Asymmetrien bestimmten Handlungsrahmen. Sie stellt immer eine Intervention dar, die bestimmten Maßgaben folgt und Konsequenzen impliziert. Kultursensible Entwicklungszusammenarbeit hat zum einen dem Toleranzgebot gegenüber der Vielfalt und Eigenständigkeit fremder Kulturen zu folgen, zum anderen sind ihre Handlungsparameter an universellen Werten und am Leitprinzip der Menschenrechte ausgerichtet.[15] Auf dem Hintergrund dieses Problemaufrisses werden in Kapitel 4 die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der Interkulturalität in der Entwicklungszusammenhang sowie Chancen und Grenzen des „Dialogs auf gleicher Augenhöhe“ in den Blick genommen und diskutiert.

2. Diskursfeld Kultur und Entwicklung

Kulturbezogene Erklärungen für Entwicklungsprozesse sind ebenso komplex wie kontrovers. Ein Umstand, der in Definitions- und Quantifizierungsproblemen im Hinblick auf die Begriffe „Kultur“ und „Entwicklung“ begründet liegt. Kultur steht innerhalb eines vielschichtigen Interaktionsverhältnisses zwischen institutionellen, politischen, geografischen, ökonomischen, sozialen und nicht zuletzt psychologischen Faktoren. Demzufolge prägen unterschiedliche Verwendungen des Kultur- und Entwicklungsbegriffs sowie gegensätzliche Meinungen und Perspektiven die Diskussion um die Frage nach einem Kausalzusammenhang zwischen kulturellen Faktoren und Entwicklung bzw. Unterentwicklung in den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“.[16] Daraus leiten sich Fragen nach der Relevanz von Kultur für Wachstums- und Innovationsbarrieren in den Entwicklungsländern ab, wie sie die Kulturdebatte in der Entwicklungstheorie aufwirft: nämlich ob es entwicklungsresistente und entwicklungsfördernde Kulturen sowie kulturelle Indikatoren für Erfolg oder Misserfolg politischer und ökonomischer Strategien in der Entwicklungsarbeit gibt, inwieweit soziale Tatbestände und Prozesse an Haltungen, Sichtweisen und Mentalitäten gebunden sind, Kultur mithin ein Muster bildet, um soziale Not zu erklären und die Kulturanalyse eine Möglichkeit darstellt, die von der politischen Ökonomie analysierten Realitäten zu kontextualisieren.[17] Die Kontroversen in der Entwicklungstheorie bewegen sich zwischen Evolutionismus, Modernisierung und Kulturrelativismus und sind ebenso wie die Begriffe „Kultur“ und „Entwicklung“ ideologisch besetzt.[18] Vertreten etwa Modernisierungstheoretiker wie Samuel Huntington die These, vormodern geprägte Kulturen hemmten die menschliche Entwicklung, versteht die poststrukturalistische Position Kultur als ideologische Kontrolle und als Instrument, mit dessen Hilfe die seit der Kolonialzeit bestehenden Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern aufrechterhalten und zementiert werden. Verkennen Modernisierungstheoretiker den kulturellen Eigenwert der Entwicklungsländer, in dem sie die lineare Abfolge von Entwicklungsstadien postulieren und die westlichen Werte als Maßstab und Beurteilungskategorie hinsichtlich der Angleichung der unterentwickelten Länder an das Niveau der Industrieländer anlegen, hält der Kulturrelativismus ethnozentrischen Sichtweisen entgegen und plädiert für eine emische Methode, nach der kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext beurteilt und bewertet werden können.[19]

Im Folgenden wird zu zeigen sein, dass die Begriffe Kultur und Entwicklung im Kontext der Zuschreibungen von Arm und Reich, von Abhängigkeit und Dominanz, von Entwicklungsfähigkeit- und unfähigkeit stehen und auf ein Feld verweisen, in dem Machtbeziehungen strukturiert und Ungerechtigkeit generiert wird.[20] Entwicklung ist eine westliche Erfindung, Entwicklung ist das, was sein soll.[21] Insofern Entwicklungsmodelle konsequent aus einer okzidentalen Perspektive entworfen worden sind, stehen hinter Entwicklungsvorstellungen bestimmte Werthaltungen und Interessen, die wiederum Kultur einer Verwertung zuführen: Man kann sie respektieren, ignorieren, instrumentalisieren oder strukturieren.[22]

2.1. Kultur und Entwicklung im Spiegel der Entwicklungstheorien

Entwicklungstheorien zielen auf Erklärungen, warum bestimmte Regionen oder Länder in Wirtschaft und Gesellschaft hinter anderen zurückgeblieben sind. Sie ermitteln Ursachen der Unterentwicklung sowie mögliche politische Strategien, Entwicklung anzustoßen oder zu beschleunigen.[23] Theoriebildungen sind Konstrukte und nehmen als solche einen bestimmten Standpunkt ein, aus dem heraus es legitim erscheint, aus- oder einzuschließen, abzusprechen oder abzuwerten. Entwicklungstheorien richten sich aus an dem Fremden: der kulturellen Differenz in Verbindung mit einer entwicklungstheoretischen Reflexion darüber. Diese ist selbst kulturell geprägt, in dem sich das erkennende Subjekt auf das zu erkennende Objekt bezieht.[24] Die Geschichte der Entwicklungstheorie ist somit immer auch die Geschichte der Entwicklungsidee selbst als einer Geschichte der Konstruktion des Anderen, der als entwicklungsbedürftig angesehen wird. Solchermaßen sind Entwicklungstheorien auch Instrumente, mit denen Zentren der Macht ihr Verhältnis zu Peripherien organisieren. Entwicklungstheorie kann als „Grammatik des diskursiven Wissens des Nordens über den Süden gelesen werden“.[25] Es sei hier wenigstens kurz erwähnt, dass sich alle Debatten um Entwicklungszusammenarbeit auf Theorien des Universalismus, des Nationalismus, des Sozialismus oder des Rationalismus eines Max Weber zurückführen lassen- etwa im Hinblick auf die Organisation von Herrschaft, das Problem der Arbeit und Ökonomisierung, die Idee der Staatlichkeit und Nationenbildung, das Problem der Erziehung als Sozialisations-, Zivilisierungs- und Herrschaftsstabilisierungsinstrument sowie die Idee universeller westlicher Werte. Basierend auf Aufklärung, Liberalismus, Individualismus, Humanismus und Rationalismus finden westliche Werte im politischen Bereich ihr Pendant in Demokratie, sozialem Ausgleich und Partizipation und im wirtschaftlichen Bereich in der optimalen Allokation der Produktionsfaktoren zur Erreichung des maximalen Wohlstands der Nationen.[26] Eine solche zumindest grobe Skizzierung erscheint insofern notwendig, als diese Theorien den Mythos westlicher Gesellschaften- einhergehend mit ihrer Entwicklung von der industriellen Revolution zur kapitalistischen Marktwirtschaft - begründen und historisch betrachtet die Unterschiede zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern markieren. Mit den Zielkategorien von Expansion und Gewinnstreben einerseits sowie Innovation und Wandel in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen der Menschen in der nicht-okzidentalen Welt andererseits setzten allererst westliche Kolonisatoren „Entwicklung“ ins Werk.

2.1.1. Theorie der Kolonialzeit

Wie das Andere in das Blickfeld der abendländischen Kolonisatoren gerät und mit dem Faktor der Differenz verfahren wird, weist etwa Gerald Faschingeder an der Theorie und Praxis der Kolonialgeschichte als dem Beginn der Entwicklungsarbeit als „mission civilisatrice“ nach. Entwicklung diente zunächst einer optimalen Wertschöpfung und zielte auf Territorien und deren wirtschaftliche Nutzung, die wiederum gesellschaftliche Veränderungen implizierte und die Bewohner zu Instrumenten der Ressourcenausbeutung funktionalisierte. Die Erforschung der Kultur der Kolonisierten richtete sich an den Interessen der Kolonisatoren aus und beabsichtigte eine Perfektionierung der Ausbeutung. Modernisierung wurde zur Rechtfertigungsdoktrin im Rahmen einer imperialen Mission, die getragen wurde vom „Topos der Entwicklungsnotwendigkeit“ auf der Grundlage des „Determinismusparadigmas“.[27] Kulturtheorien wie die „mission civilisatrice“ implizierten den Anspruch, die Aktivitäten der Europäer in den Kolonien zu rechtfertigen und Strategien ihrer Herrschaft zu entwickeln sowie egoistische Ausbeutungsinteressen der Metropole mit altruistischen Entwicklungsabsichten zu verbinden. Letztere zielten auf eine „Verbesserung“ der fremden Kultur durch die Installierung von politischen und administrativen Strukturen, die wiederum der Machtetablierung und -sicherung der Kolonialregierungen und der mit ihnen kollaborierenden Eliten dienten. Die Praxis des Arrangements, die „indirect rule“ als Kulturverwertung nutzte dabei vorhandene Sozialstrukturen und zementierte so feudalistische Herrschaftsformen, die spätere Demokratisierungsprozesse deutlich erschwerten. Koloniale Entwicklungsarbeit war des weiteren verbunden mit der Idee der Staatlichkeit, die auf nationale Kohärenz und ethnisch-kulturelle Homogenisierung zielte – ein aufgrund willkürlicher Grenzziehungen fatales Konstrukt mit bis heute konfliktiven Konsequenzen wie etwa in Teilen Afrikas, im Nahen Osten und aktuell in Afghanistan.[28] Teil des Zivilisierungsprojekts war zum einen die Erziehung zur Arbeit. Diese führte zur „Monetarisierung“ einer auf Subsidiarität und Subsistenzwirtschaft gegründeten Gesellschaft und zur Neuordnung von Gesellschaften und Verhaltensstrukturen auf der Basis westlicher Werte mit dem Ziel der Integration in die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Zum anderen sollte über Erziehung und Bildung als Faktoren des sozialen Wandels eine Bewusstseinsveränderung der Menschen vor Ort bewirkt werden, was allererst eine Disziplinierungsmaßnahme zur Wertschöpfung und desweiteren dem Machterhalt der Kolonialherren durch Internalisierung fremdbestimmter Normen seitens der Einheimischen dienen sollte. Allerdings manifestierte sich im „Helfersyndrom der Beherrscher“ eine durchaus dialektische Dynamik zwischen kulturellem Imperialismus und einer modernisierenden und emanzipatorischen Wirkung von Bildung bei einheimischen Eliten, die - wie etwa in Indien - zu Trägern des Entkolonialisierungsprozesses wurden.[29] Zwar spielten neben den ökonomischen Interessen auch andere Faktoren - etwa religiöse Motive, Sendungsbewusstsein, Vormundschaftspflicht und Mandatsgedanke - eine Rolle, doch änderte die unterschiedliche Motivation nichts daran, dass Dauerinterventionen in der Regel an den Bedürfnisse der Kolonialisierten vorbei gingen und Hilfsabsichten mit Gewinnabsichten verbunden waren, mussten sich die Kolonien doch selbst tragen. Weithin wurde den Menschen vor Ort mangelnde Fähigkeit zur Selbsthilfe unterstellt, auch wenn sich ein Wandel in der Wahrnehmung des Fremden vom „rohen Primitiven“ zum „zu beschützenden Kind“ vollzogen hatte. Das Differenzaxiom als Grundlage kolonialistischen Denkens diente zum einen der Legitimierung des Abhängigkeitsverhältnisses und zum anderen der Selbstzuschreibung der Kolonialherren, nämlich des Vermögens zur Durchführung notwendiger Veränderungen, während den Kolonialisierten Minderkompetenz im Umgang mit Technologien und Kulturtechniken sowie Determiniertheit aufgrund tropischer Klimazonen und rassischer Merkmale zugeschrieben wurde. Für den Umgang mit dem Fremden bedeutete dies entweder die Aufrechterhaltung der Differenz durch Segregation oder Angleichung der Differenz durch Aneignung. Nach Ende der Kolonialzeit wurde Differenz nicht länger rassistisch gedeutet, sondern als Unterentwicklung definiert, das „rassische“ Charakteristikum als reversibler kultureller Wesenszug umgedeutet.[30] Die „Zivilisierung durch Eingriff“ (John Hobson), in der sich der vollzogene Bewusstseinswandel spiegelt, wurde nicht mehr gewaltsam implementiert, vielmehr wurden die Methoden der Durchsetzung verfeinert und im Terminus der „Entwicklungshilfe“ verschleiert.[31]

2.1.2. Modernisierungs- versus Dependenztheorien

Modernisierungs- und Dependenztheorien bilden die Basis für eine problemorientierte Theoriediskussion nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie gelten als die „großen Theorien“ in der Entwicklungsdiskussion und erheben jeweils den Anspruch globaler Gültigkeit. Richteten sich die Kolonialtheorien auf Strategien zur Effizienz der Verwaltung und des „mise en valeur“ der Kolonialgebiete und legitimierten einen Status Quo aus klimatischen Gegebenheiten, archaischen Verhaltensmustern und traditionellen Institutionen, so korrelierten im Kalten Krieg politische Interessen und Theorieentwicklung: Der Ost-West-Konflikt teilte die Welt in ein „linkes“ und ein „bürgerliches Lager“, die jeweils gegensätzliche Erklärungen von Entwicklung und der zu ergreifenden Maßnahmen formulierten. Im Wettkampf der Systeme und im Zuge der Entlassung der Kolonien in die Unabhängigkeit wurde Entwicklung zu einer strategischen Vision, Entwicklungshilfe zu einem Politikum und Instrument der jeweiligen Blockinteressen.[32]

Als Alternative zu marxistischen Entwicklungstheorien („Imperialismustheorien“), die die Ursache für Unterentwicklung in der Kolonialzeit suchten und sie auf exogene Faktoren zurückführten, schrieben Modernisierungstheoretiker Entwicklungshemmnisse endogenen Faktoren zu und formulierten wirtschaftliches Wachstum und Demokratie als zentrale Horizonte entwicklungspolitischer Reflexion. So entwarf etwa Walt Whitman Rostow, amerikanischer Ökonom und einer der führenden Köpfe der Grundlegung der amerikanischen Entwicklungspolitik seine Theorie von universell gültigen „Stadien des wirtschaftlichen Wachstums“ als antimarxistischen Gegenentwurf zur klassenlosen Gesellschaft. Entwicklung wurde rein ökonomisch nach den Indikatoren von Bruttosozialprodukt und Pro-Kopf-Einkommen definiert und das Problem der Armutsüberwindung zu einer abhängigen Variable des wirtschaftlichen Wachstums.[33] Auf der Grundlage des Modells der nachholenden Entwicklung sollten die traditionellen Agrargesellschaften des Südens mittels Technologisierung und Industrialisierung modernisiert werden.[34] Nachholende Entwicklung „als eine lineare, evolutionäre und teleologische Abfolge von Entwicklungsprozessen mit dem Ziel der Überwindung von Transformationsdefiziten in den traditionellen Gesellschaften im Hinblick auf eine Angleichung an die Struktureigenschaften, Einstellungen und das Kapazitätenniveau moderner Industriegesellschaften“[35] wurde zum Paradigma der Modernisierungstheorien. Formuliert wurde es aus einer ethnozentrischen Binnensicht mit einem im heliozentrischen Weltbild begründeten universalistischen Anspruch: Das zur Norm erklärte westliche Entwicklungsmodell diente als Imitationsmuster, das auf die Entwicklungsländer ohne Berücksichtigung ihres jeweiligen Eigenwerts übertragen wurde.[36] Entwicklungshemmnisse wurden der Tradition, Archaik und Religion der Entwicklungsländer zugeschrieben und Rückständigkeit als Mangel an Modernität (= Säkularisierung, Rationalisierung, Differenzierung) interpretiert. Kultur galt nicht etwa als Quelle autonomer Entwicklungsprozesse, sondern als Entwicklungshemmnis, dem mit exogen induziertem Kulturwandel zu begegnen war. Sie wurde zu einem relevanten Faktor, die eigenen Entwicklungsabsichten besser verfolgen zu können.[37] Modernisierung ging zum einen von der Machbarkeit von Entwicklung aus. Zum zweiten zielte sie auf Homogenisierung der sich dualistisch gegenüberstehenden modernen und traditionalen Strukturen durch eine dauerhafte „Änderung aller Systeme, durch die Leben organisiert wird“[38] und damit auf die „Reduktion des Fremden durch Angleichung an das Eigene“[39]. Denn im Gegensatz zu den entwicklungsökonomisch argumentierenden Modernisierungstheoretikern „werden die eigentlichen Entwicklungshemmnisse nicht mehr nur in ökonomischen Defiziten wie Kapitalmangel und fehlender Industrialisierung verortet, sondern in den Einstellungen und Verhaltensweisen der einzelnen Menschen sowie in gesellschaftlichen Sozialstrukturen und kollektiven Wertesystemen“[40]. Die Annahme der Entwicklungsökonomen bezüglich eines sich durch einen „big push“ zwangläufig einstellenden trickle-down-Effektes, wonach die Entwicklungsgesellschaft als Ganzes und nicht nur deren Eliten als Kollaborateure der Moderne vom Wachstum profitieren würde, scheiterte in vielen Fällen aufgrund der in den Entwicklungsländern fehlenden politischen Rahmenbedingungen für eine soziale Umverteilung wirtschaftlicher Gewinne.[41] In der Folge gewannen soziologisch argumentierende Modernisierungstheorien an Bedeutung, gemäß derer soziokulturelle Faktoren entscheidende Determinanten für Entwicklungsprozesse darstellten[42]. So richteten Theorien wie etwa Talcott Parsons‘ „Pattern Variables“[43] den Blick auf die soziale und kulturelle Lebensweltrealität und dienten als Instrumentarium für eine differenziertere Wahrnehmung kultureller Differenz und des Zusammenhangs zwischen wirtschaftlichem Wachstum und kulturellem Wandel, zielten jedoch gleichermaßen auf Akkulturation und die Angleichung der Welt an westeuropäische Maßstäbe. Die Analyse von Kultur blieb ideologischen Vorgaben verhaftet und schrieb den Entwicklungsländern den Status der „Im-Werden-Begriffenen ohne Sein“[44] zu. Die kategoriale Gegenüberstellung von Moderne und Tradition nach dem „Vorreiter-Nachzügler-Modell“ - einhergehend mit einer Bewertung von Gut und Böse, richtig und falsch - schließt eine Interdependenz zwischen den Sektoren aus und definiert Tradition als eine Abweichung vom Modernisierungsleitbild. Entwicklung und Unterentwicklung werden demzufolge nicht auf der Grundlage einer konkreten Zustands- und Situationsanalyse und im Hinblick auf die Ausgangsbedingungen der jeweiligen Gesellschaften definiert, sondern im Vergleich mit einem idealisierten Endzustand der Modernität.[45] Festzuhalten bleibt: Der Entwicklungsdiskurs vollzog sich innerhalb gesellschaftspolitischer Machtverhältnisse. Als eine defizitäre Abweichung von der Norm ist Entwicklung ein eurozentrisches Konstrukt der Abgrenzung zu einem rückständigen Anderen, demnach der Süden ein Problem hat, das der Norden lösen kann. Indem die Armutsfrage zu einem technisch zu lösenden Problem wird, werden gesellschaftspolitische Machtverhältnisse ignoriert und soziale Ungleichheit als Entwicklungsproblem dargestellt, Entwicklung mithin entpolitisiert. Die unter dem Absolutheitsanspruch der Moderne eingeleiteten Maßnahmen der „Verbesserung“ erscheinen aus der Perspektive des Südens als kulturimperialistische Interventionen.[46]

So zielen Dependenztheorien auf eine Kontextualisierung des Entwicklungsgeschehens aus der Sicht des Südens und auf eine Dekonstruktion des modernisierungstheoretischen Tradition-Moderne-Dualismus. In Reaktion auf die bürgerlichen „Überwindungstheorien“ formulierten Dependenztheoretiker Unterentwicklung nicht als Folge mangelnder Integration in den Weltmarkt, sondern als ein durch deformierte wirtschaftliche Abhängigkeiten „gemachtes“ Phänomen[47], das sich als „Entwicklung der Unterentwicklung“ perpetuiere, auf der wiederum die Entwicklung der Metropolen basiere. In der Gleichzeitigkeit von industriekapitalistischer Entwicklung und der Unterentwicklung im Süden besteht nach der Dependenztheorie ein Systemzusammenhang. Zu Grunde liegt - der außenhandelstheoretischen wie der klassenanalytischen Debatte - die Annahme einer hierarchisch strukturierten Weltgesellschaft, die sich in Zentrum („Metropolen“ = Industrieländer) und Peripherie („Satelliten“ = Entwicklungsländer) unterteilen lässt und ein Netz einseitiger Abhängigkeiten zu Ungunsten der Entwicklungsländer bildet.[48] Die eine Richtung innerhalb der Dependenztheorie führte Unterentwicklung auf die Ausbeutung der Dritten Welt durch Handel und Dekapitalisierung, also auf die Verschlechterung der „terms of trade“[49] zurück. Für die andere Richtung lag sie in der strukturellen Verflechtung zwischen Zentrum und Peripherie als Folge forcierter Modernisierungsprozesse begründet, die zu einer Marginalisierung der Massen auf Kosten einer Privilegierung auch peripherer Eliten und deren Verwertungsbedürfnisse führten.[50] So richtet sich die Kritik der Dependenztheoretiker zum einen an der Modernisierung als einer ökonomischen Exploitationsmaximierung von Ressourcen aus. Zum Zweiten wendet sie sich gegen die modernisierungstheoretische Verabsolutierung des westlichen Entwicklungsmodells mit seinem Kulturbegriff als „Konsummuster“. Auf der Grundlage dessen sollte nicht nur die Weltordnung einer Überflussgesellschaft durchgesetzt werden, die den Mangel durch die Schaffung künstlich erzeugter Bedürfnisse erst entstehen lasse. Vielmehr werde auch eine Verhaltens- und Lebensweise oktroyiert, die mit den traditionell vorherrschenden Institutionen konfligiere und zu Fremdbestimmung und Verlust der Identität führe.[51] Verfolgte die eine Richtung der Dependenztheorie die Veränderung der Rahmenbedingungen des Weltmarktes und die Etablierung einer neuen Weltwirtschaftsordnung, sah die andere Richtung in der Abkoppelung vom Weltmarkt („Dissoziation“) die Möglichkeit für eine autozentrische Entwicklung jenseits imperialer Zwänge. Im Kontext dieses sogenannten „Self-Reliance-Ansatzes“ hat Kultur zwar eine identitätsstiftende Funktion, ist Antriebsfaktor und Ziel der Entwicklung, dies aber zum Preis der Negierung interner Differenzen und Minderheiten.[52]

2.2. Entwicklungsdiskussion im Wandel

Bei aller Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit erwiesen sich die hier skizzierten Ent- wicklungstheorien bereits in den 1980er Jahren angesichts entwicklungspolitischer Fehlschläge als defizitär.[53] Sowohl endogene als auch exogene Theorien argumentierten in ihrer einseitigen Modellierung bezüglich des Entwicklungsziels monokausal. Sie wurden demzufolge weder der Komplexität und wachsenden Ausdifferenzierung der Entwicklungsgesellschaften gerecht, die jeweils unterschiedlich auf die Herausforderungen des Weltmarktes und die Veränderungen ihrer Umwelt reagierten, noch wiesen sie konsistente an gesellschaftliche Entwicklungen anschließende Strategien zur Armutsbekämpfung auf.[54] Kultur und Entwicklung hatten als Konstrukte theoretischen Lagerdenkens eine rein programmatisch-ideologische Funktion. Entwicklung zielte in beiden Paradigmen auf Modernisierung basierend auf Industrialisierung und Wachstum. Ebenso wenig führten kulturmechanische Überlegungen weiter, die stets nur mit den Termini und aus der Perspektive der eigenen Kultur statt aus der der Betroffenen formuliert wurden.[55]

2.2.1. Die Krise der Theorie und postmoderne Neubewertungen

Angesichts des ökonomischen Auseinanderdriftens der Entwicklungsländer - des rasanten Aufstiegs der asiatischen Tigerstaaten einerseits sowie parallel fortschreitender Verarmungs- und Verelendungstypologien innerhalb der Entwicklungsgesellschaften andererseits - gerieten herkömmliche Entwicklungstheorien in Erklärungsnot.[56] Zum einen war hinsichtlich verschiedener Entwicklungspfade nicht weiter von einer „einheitlichen“ Dritten Welt und der Linearität von Entwicklungsprozessen auszugehen. Zum anderen wurde die Entwicklungsidee, wenn nicht per se in Zweifel gezogen so doch hinsichtlich ihrer Ziele und der Grenzen der Wachstumsideologie bezüglich der Folgeprobleme für die Umwelt sowie des Wertewandels durch zunehmende Kommerzialisierung kritisch hinterfragt und nicht zuletzt ihre globale Übertragbarkeit in Frage gestellt.[57] Als problematisch hatte sich zudem erwiesen, dass die Konstruktion des Anderen maßgeblich von den Interessen und Bedürfnissen okzidentaler Akteure bestimmt wurde und sich die nationalen Eliten in den Entwicklungsländern den westlichen Entwicklungsdiskurs angeeignet hatten, um ihn für ihren Machterhalt zu instrumentalisieren. Die Nichtbeachtung der Verfasstheit der Entwicklungsländer und ihrer autoritären und kleptokratischen Regime war ebenso Teil, wie Folge gescheiterter Entwicklungsstrategien und trug zur Diskreditierung westlicher Handlungsmaximen im Bereich der Entwicklungsarbeit bei.[58] Zu einer Revidierung des Entwicklungsverständnisses führten u.a. die Ereignisse 1979 im Iran[59], die deutlich machten, dass Entwicklung kein sich der Intentionalität und dem Planungswillen unterwerfender Prozess ist, dessen Auswirkungen vorhersehbar oder planbar wären. Vielmehr verlaufen Entwicklung und sozialer Wandel nicht losgelöst von gesellschaftlichen Prozessen und sind nur möglich, wenn sie kulturell verarbeitet werden. Demzufolge wurde die Relevanz soziokultureller Faktoren zu einem Kernproblem der „neuen“ Entwicklungsdiskussion. Der „postmoderne“ Blick richtete sich nicht zuletzt im Zuge der Auflösung der Lagergrenzen und des Scheiterns der sozialistischen Gesellschaftstheorie in den 1980er Jahren auf die historischen, politischen und kulturellen Besonderheiten einzelner Länder und Regionen und auf die Analyse von spezifischen regionalen, lokalen und sektoralen Entwicklungschancen und -blockaden, was veränderte Argumentationsstrukturen für Umformungsprozesse zur Folge hatte.[60]

2.2.2. Die Revision der Bedeutungshorizonte: Was ist Entwicklung, was Kultur?

Entwicklung ist ein normativer Begriff, der gemeinhin mit einer positiven Veränderung konnotiert wird. Als Beschreibung und Erklärung ungleicher Lebensverhältnisse ist Entwicklung weder wertneutral noch allgemeingültig zu definieren. Vielmehr ist das, was darunter verstanden wird, Teil der Entwicklungsproblematik selbst.[61] Insofern ist der Begriff ein Interpretationsraster, das wenig aussagt über Ursachen und Kontexte von Unterentwicklung, wohl aber etwas über die Perspektive, aus der heraus er formuliert wurde. War Entwicklung zunächst mit der Problemannahme „Unterentwicklung“ verbunden, der mit der Strategie der nachholenden Entwicklung von außen zu begegnen war, so erscheint nun mehr „ein an westlicher Zielsetzung und Methodik orientierter Entwicklungsbegriff (….) als ein oktroyiertes Paradoxon. Entwicklung ist weder als eine Entsprechung einer vorgegebenen Norm noch als ein linearer, evolutionärer Prozess von einfachen zu komplexen Formen zu verstehen, sondern als ein dynamisch-dialogischer Prozess“[62]. Kultur ist dabei als eigenständige Ressource neben wirtschaftlichen, sozialen, politischen und ökologischen Rahmenbedingungen zu betrachten und stellt selbst einen Entwicklungsfaktor dar.[63]

Kultur beeinflusst menschliches Handeln und die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Entwicklung. Kulturauffassungen stehen demzufolge in Zusammenhang mit dem Entwicklungsbegriff und bedingen sich gegenseitig: Entwicklung ist von Raum, Zeit, individuellen und kollektiven Wertvorstellungen abhängig, die kulturell geprägt sind und deren Allgemeingültigkeit nicht vorausgesetzt werden kann.[64] So hat etwa der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall die Einstellung zum Raum („Proxemik“) und das Verständnis von Zeit als Schlüsselelemente für kulturell differente Verhaltensweisen im Hinblick auf kulturelle Faktoren in der Interaktion analysiert.[65] In Raumvorstellungen und -verhalten, die etwa auf ein spezifisches Konzept von Privatheit verweisen oder mit sozialer Ordnung und Hierarchiedenken verbunden sind, sowie in Zeitdefinitionen - etwa unterschiedliche Zeitorientierungen und Zeitmaße, in denen sich ein grundlegendes Verständnis vom Sinn des Lebens widerspiegelt - findet Kultur ihre Konkretisierung.[66]

Differenzierungen von Kulturen hinsichtlich ihrer Wertestrukturen hat der niederländische Kulturwissenschaftler Geert Hofstede auf der Ebene sogenannter Kulturdimensionen verhandelt, auf die im Kontext der Frage nach der kulturellen Disposition für Entwicklung und den Zusammenhängen zwischen kultureller Identität und politisch-ökonomischem Handeln noch einzugehen sein wird. Hofstede definiert Werte als Kernelemente kultureller Bestimmtheit, die innerhalb eines sozialen Systems Orientierung schaffen und gesellschaftstypische Präferenzen darstellen, was als wünschens- und erstrebenswert anerkannt oder als sinnvoll und kostbar betrachtet wird. Auf der Grundlage solcher kulturspezifischer Werte entwickeln sich kulturspezifische Praktiken, die sich in bestimmten Ritualen, Symbolen oder Heldenfiguren äußern und die Verhaltensweisen der Mitglieder einer Kultur prägen. Hofstede spricht von mentaler Programmierung und definiert Kultur als „software of mind“.[67]

[...]


[1] Schlehe, Judith (2007): „Kultureller Austausch und Globalisierung“, in: Straub, Jürgen; Weidemann, Arne; Weidemann, Doris (Hg.): „Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz“, S. 454; vgl. Gadow, Tina: „Unser Kulturwandel. Oder was hat das alles mit uns zu tun?“, in: Wilhelm, Jürgen(2010) (Hg.): „Kultur und globale Entwicklung“, S. 134; Plate, Bernhard von (1999): „Grundelemente der Globalisierung“, in: Informationen für politische Bildung, Heft 263, S. 6-7

[2] Ebenda, S. 453

[3] Ebenda, S.454

[4] Schönhuth, Michael (2005): „Glossar Kultur und Entwicklung“, S. 120-121; vgl. Kokemohr, Rainer; Gabriel, Kokebe Haile (2007) „Entwicklungszusammenarbeit“, in: Straub, J.; Weidemann, A.,; Weidemann, D. (Hg.), S. 629

[5] Köhler, Volkmar (1995): „Kulturdialog und Entwicklungspolitik“, www.kas.de./wf/doc/kas918-544-1.30pdf?040415174504, vgl. e.velop- das entwicklungs-magazin, „Entwicklung braucht Kultur“, Nr.49 02/2007; Andersen, U. (2005): „Entwicklung und Entwicklungspolitik“, in: bpb, Heft 286 (2005), S. 1-3

[6] Witte, Barthold C. (1995): „Der Dialog der Kulturen als Entwicklungsweg“, in: Steinbach, Udo; Nienhaus, Volker (Hg.): „Entwicklungsarbeit in Kultur, Recht und Wirtschaft“, S. 3ff; Appelt, Dieter (2007a): „Kultur und Entwicklung“ in: Engelhard, Karl (Hg.) (2007): „Welt im Wandel“, S. 112-114 www.omniaverlag.de/weltimwandel/php/start.php?id=37992bc=-3792-3799

[7] Zimmermann, Arthur (2006): „Kulturelle Aspekte von Partizipation. Dialog auf Augenhöhe“, S. 37; vgl. Bliss, Frank (2001): „Kultur und Entwicklung“, in: Thiel, Reinhold. E. (Hg.):Neue Ansätze zur Entwicklungstheorie, S. 79-80

[8] Geertz, Clifford (1997): „Spurenlesen. Der Ethnologe und das Entgleiten der Fakten“ zitiert in: Zimmermann, A. (2006), S.30

[9] Ebenda, S.18

[10] Faschingeder, Gerald (2001): Kultur und Entwicklung, S. 11; in der Definition „Kultur als umkämpftes Terrain“ bezieht sich Faschingeder auf Antonio Gramsci, der Kultur als ein Feld ansieht, auf dem der Kampf um die Hegemonie zwischen rivalisierenden politischen Interessensgruppen ausgetragen wird sowie auf Michel Foucault , der Kultur mit Fragen der Politik und Ökonomie verknüpft und Kultur als Ausdruck von Machtverhältnissen und einen Ort, an dem Macht erst geschaffen wird definiert; vgl. Faschinger, G. ; Kolland,F.; Wimmer,F. (Hg.) (2003): „Kultur als umkämpftes Terrain“, S. 15; Radtke, Frank-Olaf (2011): „Kulturen sprechen nicht“, S. 43-58

[11] Gad, Daniel (2010): „Mit kultureller Vielfalt gestalten“ in: Wilhelm, J. (Hg.), S. 96; vgl. Schönhuth, M. (2006): „Mission impossible“ http:// www.sid-bonn.de/documents/47NachleseKulturundEntwicklung, ,S.1-3

[12] Benecke, Dieter W. (1995): „Kulturverträglichkeits- und Entwicklungsangemessenheitsprüfung“, in: Steinbach, U.; Nienhaus, V. , S. 19; vgl. Gad, Daniel (2004): „Auswärtige Kulturpolitik als entwicklungspolitische Instrumentarium, S. 10

[13] Holtz, Uwe (2006): „Die Rolle der Entwicklungspolitik im interkulturellen Dialog“, in: Ihne, Hartmut; Wilhelm, Jürgen (Hg.): „Einführung in die Entwicklungspolitik“, S. 354

[14] Zimmermann, A. (2006), S. 35

[15] Niebel. Dirk: (2010) „Zum Geleit“, in: Wilhelm, J. (Hg.), S.12

[16] Schönhuth, M. (2005), S. 5; vgl. zu Begriff und Bedeutungswandel „Dritte Welt“: Menzel, Ulrich ( 1991) „Das Ende der Dritten Welt“. Entstanden in den 1950-er Jahren aus der Perspektive des Ost-West-Konflikts, bezeichnete „Dritte Welt“ zunächst die blockfreien Staaten, auf deren Territorien der Konflikt zwischen der ersten, der kapitalistischen und der zweiten, der sozialistischen Welt ausgetragen wurde. Nach dem Ende des Kalten Krieges und mit der Entkolonialisierung wandelt sich der zunächst nur politisch verwendete Begriff „Dritte Welt“ zu einem Synonym für Entwicklungsländer und erhält damit eine entwicklungstheoretische Implikation. Die Begrifflichkeit „Dritte Welt“ suggeriert eine vermeintliche Einheitlichkeit „dass diese Länder aufgrund identischer wirtschaftlicher und sozialer Tiefenstrukturen auch gemeinsame Interessen besäßen, (….) die eine kollektive Lösung der Probleme möglich mache, was sich als Irrtum herausstellte“; vgl. Nohlen, Dieter; Nuscheler, Franz (1992): „Handbuch der Dritten Welt“, S. 29ff; Faschingeder, G.(2001) verwendet den Begriff der „Dritten Welt“ als Differenzmarker, als „Ausdruck ungleich verteilter Karten im ernsten Spiel von Wirtschaft und Politik“. (S. 4) Der Terminus verweist auf eine grundsätzliche Differenz zwischen Angehörigen unterschiedlich strukturierter Felder und stammt aus dem Kontext der Macht. (S. 23)

[17] Bohnet, Michael (2010): „Das soziokulturelle Rahmenkonzept des BMZ der 1990-er Jahre“, in: Wilhelm, J.(Hg.): „Kultur und globale Entwicklung“, S. 191; vgl. Faschingeder, G.; Kolland, F.; Wimmer,F. (2003), S. 12

[18] Bliss, Frank (2001), S. 70; vgl. Holley, Heinz (1998): „Vom Ende der Geschichte zum Fundamentalismus der Moderne, in: Zapotoczky, Klaus; Griebl, Hildegard (Hg.), S. 45-46; Gieler, Wolfgang (2006): „Entwicklung und Kultur. Wissenschaftlicher Diskurs zum westlichen Eurozentrismus“, S. 18

[19] Maletzke, Gerhard (1996): „Interkulturelle Kommunikation“, S. 36; vgl. Appelt, D. (2007b): „Gesellschaft und Entwicklung“, in: Engelhard, K.(Hg.), S. 116-119

[20] Faschingeder, G. (2001), S. 23

[21] Bliss, F. (2011), S. 77; Gieler, Wolfgang (2010): „Entwicklungspolitisches Verständnis und die Bedeutung von Kultur im globalen Kontext”, in: Wilhelm, J. (Hg.), S. 38

[22] Faschingeder, G. (2001), S. 16, S. 135-136; Faschingeder, G. ; Kolland,F.; Wimmer,F. (2003), S. 18-19

[23] Wikipedia: „Entwicklungstheorie“ http://de.wikipedia/org/wiki/Entwicklungstheorie

[24] Gieler, W. (2006), S. 43

[25] Faschingeder, G. (2001), S. 25

[26] Köhler, Stephan (2000): „Im Westen nichts Neues“, S. 1-23; vgl. Faschingeder, G. (2001), S. 29ff; insbesondere sei hier verwiesen auf Max Webers Paradigma von der „ Entzauberung der Welt“. Weber führt die Entstehung der Moderne im Okzident auf das aufklärerische Weltbild und den spezifisch gearteten Rationalismus der okzidentalen Kultur, das kapitalistische Streben nach Gewinn und Rentabilität auf die protestantische Ethik zurück. Modernisierung definiert er mit den Schlüsselbegriffen der Säkularisierung der Macht, der Zentralisierung, Bürokratisierung und Rationalisierung des Rechts. Dabei hat Weber die Zerstörung der Traditionen zugunsten des Fortschritts ebenso als Sackgasse bezeichnet wie die fundamentalistische Rückbesinnung ins vorindustrielle Zeitalter und früh erkannt, dass Entwicklung ein Gleichgewicht zwischen kultureller Tradition und ökonomisch sozialem Fortschritt anzustreben habe. Vgl. Wikipedia: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus; vgl. Franzmeyer, Fritz (1999): „Welthandel und internationale Arbeitsteilung“, in: „Globalisierung“, Informationen für politische Bildung, Heft, 263, S. 8-10

[27] Faschingeder, G. (2001), S.30; vgl. zu „mission civilisatrice“ als Teil der Legitimitätsrhetorik: Eckert, Andreas (2006): „Kolonialismus, Moderne und koloniale Moderne in Afrika“, in: Baberowski, Jörg.; Kaelble, Hartmut; Schriewer, Jürgen (Hg.): „Selbstbilder und Fremdbilder“, S. 63

[28] Ebenda, S. 35-37, vgl. Köhler, S.(2000), S. 3-4; Nuscheler, Franz (1996): „Entwicklungspolitik“, S. 162ff

[29] Faschingeder, G. (2001), S. 40-41

[30] Eckert, A. (2008), S. 55

[31] Faschingeder, G. (2001), S. 46-47; Rosin, Miriam (2009): „Projekte in der EZ“, S. 6ff

[32] Ebenda, S. 47ff, vgl. Sachs, Wolfgang (1993): „Wie im Westen so auf Erden“, S. 89-153; Köhler, S. (2000), S. 4ff; Andersen, U. (2005), S. 4-5; Das Jahr 1949 gilt mit der Gründung des IWF, der Weltbank, und der UN gemeinhin als die Geburtsstunde der Entwicklungspolitik, Harry S. Trumans „Vier-Punkte-Programm“ als Beginn des Entwicklungsdiskurses. Innerhalb der sog. „Truman-Doktrin“ wurde den vormaligen Kolonien ihre Rolle im internationalen System als „unterentwickelte Gebiete“ zugewiesen, deren „zivilisatorischer Fortschritt“ durch „wirtschaftliche Mobilisierung“ und dem Versprechen von einem besseren Leben erreicht werden sollte. Sie zielte darauf, die Einflusssphäre der Sowjetunion in den Ländern des Südens einzudämmen und diese in das Wirtschaftssystem des Westens zu integrieren. Ausrichtung und Gewährung von Entwicklungshilfe war fortan ideologisch geprägt und orientierte sich an den politischen und ökonomischen Interessen der Geberländer.

[33] Sachs, W. (1993), S. 123

[34] Faschingeder, G. (2001), S. 103; Köhler, S. (2000), S. 5ff; Das Rostowsche Stufenmodell unterteilt den Entwicklungsprozess in fünf Wachstumsstadien und sollte auf alle Gesellschaften übertragen werden. Auf das Stadium der traditionellen Agrargesellschaften folgt das „Pre-Take-Off“- Stadium von Gesellschaften im Übergang, darauf folgen das „Take-0ff“ - Stadium (wirtschaftlicher Aufstieg im Zuge von Nationalstaatenbildung, Agrarproduktionssteigerung, Aufbau der Infrastruktursysteme, Bildung einer neuen Mentalität), die Entwicklung zur Reife und schließlich das Zeitalter des Massenkonsums und des Wohlfahrtsstaates: Vgl. Gieler, W. (2006), S. 22; Wikipedia: „Entwicklungstheorie“

[35] Gieler, W.(2006), S. 21

[36] Ebenda, S. 21

[37] Faschingeder, G. (2001), S. 72 -73; Faschingeder, G.; Kolland, F.; Wimmer, F.(2003), S. 91; Sachs, W. (1993), S. 23

[38] Gieler, W. (2006), S. 23; vgl. Sachs, W. (1993), S. 126

[39] Ebenda, S. 23; Faschingeder, G. (2001), S. 74

[40] Sachs, W. (1993), S. 125; vgl. Holley, H. (1998): Die Folge war eine Polarisierung der Entwicklungsbevölkerungen, die zu einem Ausschluss der Armen und zum Verlust kultureller Identität durch westliche Massenkultur führte. Als Resultat der Negation kulturspezifischer Eigenschaften diagnostiziert Heinz Holley „anomische Zustände“, die sich „in einer Diskrepanz zwischen Verfügungswissen und dem Bedarf an Orientierungswissen äußerten“. S. 59-60

[41] Sachs, W. (1993), S.124; der „trickle-down-Effekt“ machte sich nach dem schwedischen Ökonomen und einem der Vorreiter der Entwicklungspolitik Gunnar Myrdal (1957) als „back-wash-Effekt“ bemerkbar: Die Erfolglosigkeit des Finanz- und Know-How-Transfers im Verteilungseffekt ließ Reiche reicher und Arme ärmer werden.

[42] Sachs, W. (1993), S. 124

[43] Basierend auf der kulturellen Dichotomie zwischen modernen und traditionalen Gesellschaften ordnete Talcott Parsons in seiner strukturfunktionalistischen Gesellschaftsanalyse (1976) idealtypische Muster individuellen Rollenhandelns und gesellschaftlicher Strukturen traditionaler und moderner Gesellschaften einem binären Handlungsschema zu: Unterschieden wird dabei nach folgenden Typen: den Maßstäben der Wert- und Weltorientierung (-welchen Charakter und Reichweite besitzen gesellschaftliches Wissen und Normen? Partikularismus vs. Universalismus -), der Modalität des soziales Objekts (-worauf gründet sich die soziale Stellung des Einzelnen? Zuschreibung und geburtsmäßiger Status vs. Leistung-), der Definition des Umfangs des Interesses an einem Objekt (-wie sind die gesellschaftlichen Rollenprofile ausgestaltet? Diffusität vs. Spezifität-) sowie den beherrschenden Faktoren sozialer und ökonomischer Beziehungen der Gesellschaftsmitglieder (-Affektivität vs. Affektive Neutralität) und nach der Ausrichtung des Handelns (-Kollektivorientierung vs. Selbst-Orientierung-). Quelle: Peter Schallberger, Charakterisierung von Rollen, zit. nach: Faschingeder, G. (2001), S. 66-67; vgl. Wikipedia: „Pattern variables“ http://de.wikipedia.org/wiki/Pattern_Variables

[44] Faschingeder, G. (2001), S. 67, S. 74; Faschingeder, G.; Kolland, F.; Wimmer, F. (2003) , S. 24

[45] Sachs, W. (1993), S. 129; vgl. Eckert, A. (2008), S. 60: Zur Problematisierung des Begriffsduos von Moderne und Tradition als „Repräsentationen von der globalen Gleichzeitigkeit von Ungleichheit“.

[46] ZIai, Aram (2010): „Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses“, in: APuZ.; S. 11; S. 23-24

[47] Faschingeder, G. (2001), S.78; dabei bezieht sich der Autor auf die Dependenztheoretiker Dieter Senghaas und Ulrich Menzel, die den entwicklungstheoretischen Diskurs bis in die 1980-er Jahre in Deutschland wesentlich beeinflussten.

[48] Sachs, W. (1993), S. 102-103; vgl. Wikipedia: „Dependenztheorie“ http://de.wikipedia.org/wki/Dependenztheorie

[49] Sachs, W. (1993), S. 104; der Begriff „Terms of trade“ bezieht sich auf das „in gleichen Währungs-einheiten ausgedrückte Austauschverhältnis von Exporten und Importen eines Landes. Eine Verschlechterung der terms of trade bedeutet, dass ein Land für die gleiche Menge seiner Exportgüter( z.B. Rohstoffe) nur eine geringere Menge seiner Importgüter (z.B. Fertigwaren) beziehen kann. Dadurch ist es den peripheren Ökonomien weder möglich, eine an den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerungen orientierte Entwicklung in Gang zu setzen, noch zu einer Kapitalakkumulation und einer Entwicklung der Produktivkräfte zu gelangen“. Vgl. Andersen, U., S. 10; Faschingeder, G. (2001), S. 82ff

[50] Sachs, W. (1993), S. 104-105

[51] Ebenda, S. 106-107; vgl. Faschingeder, G. (2001), S. 86-87; Holley, H. (1998), S. 45-65

[52] Sachs, W. (1993), S. 106-108 in Bezugnahme auf Senghaas‘ Binnenmarktorientierung und seiner Formel von den drei entwicklungspolitischen Imperativen der Dissoziation, der internen Rekonstruierung und der regionalen Kooperation. Vgl. Faschingeder, G. (2001), S. 95-96: Der das Selbstbewusstsein und die gemeinsame Identität betonende, auf dem Glauben der eigenen Werte und Autonomie basierende und auf eigene, materielle und kulturelle Ressourcen zurückgreifende Self-Reliance-Ansatz wird kritisch hinterfragt, als sich damit Vorstellungen von Autochthonität verbinden, die als Konstrukt eines ontologischen Echtheitsverständnis von Kultur(en) ebenso streitbar ist, wie die Identitätsentwicklung von Nationen. Vgl. Witte, Bertold. C. (1995): Der Dialog der Kulturen“, in: Zapotoczky, K.; Griebl, H. (Hg.), S. 11ff

[53] Sowohl die auf dem Wachstumsparadigma der 1950er Jahre basierende Entwicklungspolitik, als auch eine auf Wandel und Veränderung der Werte- und Verhaltensweisen und eine gerechtere Verteilung zielende Entwicklungspolitik der 1960er Jahre waren gescheitert. Ebenso wenig hatte der Paradigmenwechsel vom Transfersdenken zur Armutsbekämpfung auf der Grundlage des Grundbedürfnisparadigmas in den 1970er Jahren, der eine Perspektivverschiebung bezüglich der Leitmotive von Entwicklung und der Zielgruppen beinhaltete noch die Strukturanpassungspolitik der 1980er Jahre zu einer Lösung der Entwicklungsproblematik geführt. Vgl. Gieler, W. (2006), S. 19-20; Sachs, W. (1993), S. 144-147; zum UN-Dekadenmodell bis zur Rio Konferenz und Agenda 21 vgl. Ihne, H; Wilhelm, J. (2006), S. 10-12

[54] Sachs, W. (1993), S. 111-112; vgl. Köhler, S.(2000), S. 7-9

[55] Faschingeder, G. (2001), S. 141ff

[56] Menzel, Ulrich (1991) zur Krise der Theorien in: „Das Ende der Dritten Welt“, S. 4-33; Menzel sieht das Projekt Entwicklung nach drei Entwicklungsdekaden als gescheitert an und spricht bezogen auf die postkolonialen Staaten in Afrika von der „Entwicklung des Zusammenbruchs“, da sich Entwicklungsprojekte als Alimentierung von Staatsklassen auf das soziale Gefüge destabilisierend ausgewirkt haben. Er führt aus, dass 50% der afrikanischen Staatshaushalte aus Entwicklungshilfe stammt und dies die Herausbildung einer unternehmerischen Mittelschicht blockiert, dafür aber die Renteneinkommen der Herrschenden maximiert habe. Bevor Entwicklungstheorie wieder entwicklungspolitisch fruchtbar gemacht werden könne, bedürfe es einer Wiederherstellung staatlicher Ordnungen und die Bindung der Entwicklungshilfe an „good governance“. Vgl. Menzel, U. „Das Verschwinden der Dritten Welt“, in : FR, 31.5. 2000, Nr.126, S. 9-14

[57] Köhler, S. (2000), S. 9

[58] Ziai, Aram (2011): „Postkoloniale Perspektiven auf Entwicklung“, in: „ Peripherie“, Nr.121, S. 400; Gieler, Wolfgang (2009): „Entwicklungspolitisches Verständnis und die Bedeutung von Kultur im globalen Kontext“, in: Gieler, Wolfgang; Bellers, Jürgen: „Fremdes Verstehen“, S. 41-42

[59] Das Säkularisierungskonzept des Schahs war mit einem forcierten Industrialisierungsprogramm nach westlichem Vorbild verbunden und stieß bei der Mehrheit der Bevölkerung auf Widerstand. Dies führte zur Ablösung des Regimes durch die islamische Revolution. Vgl. Faschingeder, G. (2001), S. 144-146; Barthold C. Witte nennt weitere Beispiele verfehlter, die soziokulturellen Faktoren vernachlässigenden Modernisierungskonzepte, etwa die des indischen Kastensystems, was zu fatalen Folgen etwa in Rourkela im Bundesstaat Orissa führte, wo in den 1950er Jahren in einem indisch-deutschen Entwicklungsprojekt eine Stadt samt Stahlwerk auf dem Reißbrett entworfen und in den Urwald gepflanzt wurde. Bis heute wurde die durch die Zwangsumsiedelung betroffene indigene Bevölkerung nicht entschädigt. Ebenso ist Maos „Großer Sprung nach vorne“ als die „Versuchung der bloßen Zahlen“ und als große Propagandalüge zu bewerten. Der Quantifizierungswahn hatte in China einen Kulturwandel zu Folge, der mit der Zerstörung der Tradition zugunsten der Modernität betrieben wurde: Vgl. Witte, B.C. (1995), S. 5 ff

[60] Faschingeder, G. (2001), S. 200; vgl. Sachs, W. (1993), S. 144-146

[61] Gieler, W. (2006), S. 18

[62] Ebenda, S. 28

[63] Gad, Daniel (2004), S .4ff; vgl. Benecke, D.W.(1995), S. 19

[64] Köhler, S. (2000), S. 2; Gieler, W. (2006), S. 44

[65] Broszinsky-Schwabe, Edith (2010): „Grundlagen und Perspektiven der interkulturellen Kommunikation“, Studienbrief, MKN 0910, S. 79

[66] Ebenda, S. 81; S. 101-107 : Unterschiede zwischen Ereigniskulturen und der europäischen Uhrzeitkultur bestehen neben einem linearem (monochron) und einem zyklischen (polychron) Zeitverständnis auch in den Bedeutungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie im Zeitmaß: so haben individuelle Gesellschaften ein quantitatives Zeitverständnis, das sich an Leistung und Erfolg, also der maximalen Nutzung zur Erreichung der Ziele des Einzelnen bemisst. In kollektiven Gesellschaften ist Zeit ein quantitatives Maß für Erlebnisse in der Gruppe. Zeit als Lebenszeit ist nach dem polychronen Verständnis Teil einer kosmischen Zeit, die über den Tod hinaus sich fortsetzt, während nach dem monochonem Zeitverständnis diese strukturiert und als knappe Ressource kontrolliert wird. Übersichtlichkeit, Chronologie, Planung und Pünktlichkeit sind wichtig. Auf den Raum beziehen sich zwei Konzepte: Der Sedentarismus als Gegenteil zum Nomadentum betont die Verwurzelung und Sesshaftigkeit als ein höhere Stufe der menschlichen Evolution, während Mobilität mit einer Vorstellung der Erschließung, Eroberung und Vermessung von Raum korreliert. Mit dem ersten Konzept verbindet sich die Vorstellung des Lebens als Kreis, mit dem zweiten die des Lebens als Vektor. Vgl. Zimmermann, A. (2008), S.30; Faschingeder, G; Kolland, F.; Wimmer, F. (2003), S. 260-262

[67] Leifeld, Ulrich (2010): „Kommunikation in interkulturellen Handlungsfeldern“, Studienbrief, MKN 0920, S. 12ff; Broszinsky-Schwabe, E., S. 40ff; vgl. Blom, Herman; Meier, Harald (2002): „Interkulturelles Management“, S. 50ff. Die Stilisierung von Kultur als eine alle Aspekte der menschlichen Existenz integrierende Software („mentales Programm“) bei Hofstede kritisiert Hüsken als kulturessentialistische Betrachtungsweise, die Beherrschbarkeit suggeriere, den Schlüssel zur Dekodierung dieser Software in der Hand zu halten: Vgl. Hüsken, Thomas (2001): „ Überlegungen zur interkulturellen Kommunikation“, in: Wippel, S.; Cornelssen, I. (Hg.), S. 388

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Die Interdependenz der Ordnungen- Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Diskursfeld
Untertitel
Zur Bedeutung der Kultur im Entwicklungsdiskurs und als Zieldimension der Entwicklungszusammenarbeit
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (Distance and International Studies Center )
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
80
Katalognummer
V187456
ISBN (eBook)
9783656110255
ISBN (Buch)
9783656110491
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interdependenz, ordnungen-, entwicklungszusammenarbeit, diskursfeld, bedeutung, kultur, entwicklungsdiskurs, zieldimension
Arbeit zitieren
Susanne Kampmann (Autor:in), 2011, Die Interdependenz der Ordnungen- Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Diskursfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187456

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