Die Ambiguität der Minne in den Gawan-Büchern des "Parzival"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Gawans Einführung (Buch VI)

2. Gawan und Obîlot (Buch VII)

3. Gawan und Antikonie (Buch VIII)

4. Gawan und Orgeluse (Buch X-XIII)
4.1 Orgeluse – Psychologisierung vs. Modell
4.2 Kritik am Minnekonzept und Minnerittertum
4.3 Die Ambiguität der Minne – verderbliche vs. heilende Minne

5. Funktion der Minnebeziehungen – Ein neues Gesellschafts- und Geschlechtermodell?

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Parzival und Gawan, die beiden Helden in Wolframs Parzival, sind im Verlauf des Romans in eine Reihe von Minnebeziehungen verwickelt, sodass die Minne im gesamten Roman eine zentrale Rolle einnimmt. Bereits im Prolog wird die Frau als Orientierungspunkt für das ritterliche Verhalten genannt (vgl. Sieverding: 166). Es wird also bereits anfänglich deutlich, dass die Beziehung zwischen Männern und Frauen eine zentrale Rolle spielen wird. Immer wieder sind Minnebeziehungen Ursache und Lösung von bestehendem Leid und können zum einen eine gesellschaftsstabilisierende oder gesellschaftsstörende Funktion einnehmen, sodass also eine gewisse Ambiguität in der Darstellung von Minne im Parzival entsteht. Thema dieser Arbeit soll nun also vornehmlich eine Untersuchung der Ambiguität der Minnedarstellung in den Gawan-Büchern sein, denn auch wenn Parzival in mehrere Minnebeziehungen verwickelt ist, so bleiben diese eher im Hintergrund, während jedoch in den Gawan-Büchern, insbesondere ab dem X. Buch mit der Orgeluse-Episode, Minne das zentrale Thema ist (vgl. Emmerling: 7). Dieses könnte darauf zurückgeführt werden, dass Gawan, der vorbildlichste aller Artusritter, für seine Affinität zur Minne bekannt ist. Dennoch bleibt zu hinterfragen, warum Wolfram, die Ansätze, die es für die Minnebeziehungen bei dem Quelltext von Chrétien gibt, erweitert und zum Hauptthema der Gawan-Bücher weiterentwickelt bzw. welche Interpretationsansätze diese Erweiterungen mit sich bringen. Wolfram ergänzt zum Beispiel die Minnebeziehung zwischen Orgeluse und Gawan, für die es bei Chrétien keine Anhaltspunkte gibt. In Wolframs Parzival dominiert jedoch genau diese Minnebeziehung einen Großteil der Handlung der Gawan-Büchern. Im Folgenden soll nun also neben der mehrdeutigen Darstellung von Minne untersucht werden, mit welcher Funktion Minnebeziehungen von Wolfram in den Gawan-Büchern vorgeführt bzw. ergänzt werden. Bei der Analyse ist es sinnvoll die Struktur der Bücher beizubehalten, da die verschiedenen Minneabenteuer bzw. Minnebeziehungen auch strukturell durch die Aufteilung in verschiedene Bücher voneinander getrennt sind.

1. Gawans Einführung (Buch VI)

Die Gawan-Handlung wird in Buch VI mit der sogenannten Blutstropfenszene eingeleitet, in der Gawan den von der Macht der Liebe gefesselten Parzival aus seiner Trance befreit. Parzival, der durch die Blutstropfen im Schnee an Condwîramûrs Schönheit erinnert wird, verfällt in einen tranceartigen Zustand. Als nun ein Bote Parzival mit seiner Lanze zur Tjost aufgestellt sieht, berichtet er den in der Nähe lagernden Artusritter von dieser Begebenheit, woraufhin mehrere Ritter eine Tjost gegen diesen Fremden reiten wollen. Segremors, der laut Wolfram „ie nâch strîte ranc“ (285,2) und später auch Keie reiten also zu dem Fremden und tjostieren Parzival, dem es nur gelingt, die beiden zu besiegen, da jeweils kurz die Blutstropfen verdeckt werden und er so für einen kurzen Moment den Verstand wiedergewinnt. Lediglich Gawan, der sich dem Unbekannten unbewaffnet nähert, ist emphatisch genug, um zu erkennen, dass Parzival im Bann der Liebe gefangen ist (vgl. Dallapiazza: 113) und erlöst ihn aus dieser Trance, indem er die Blutstropfen mit einem Tuch bedeckt. Im Vergleich zu den anderen Artusrittern erscheint Gawan hier also als ein erfahrener Ritter, der sich nicht übereilt in einen Kampf stürzt, sondern erst einmal die Situation beobachtet und versucht unnützes Kämpfen zu vermeiden (vgl. Gibbs: 23), weshalb unter anderem Keie ihm den Vorwurf der Feigheit macht (vgl. 298,11-299,14). Hier findet sich also indirekt auch Kritik an den übereilten Kampfeshandlungen der anderen beiden Artusrittern, die kein Verständnis für Gawans Zögern haben. Außerdem wird an dieser Stelle Gawans Affinität zur Minne erstmals deutlich, da er sofort in Erwägung zieht, dass Parzival im Bann der Liebe gefangen sein könnte, wie auch Gawan es bereits erlebt hat, als er sich mit einem Messer durch die Hand stach (vgl. 301,8ff.). Jones hält nun zwei Eigenschaften Gawans fest, nämlich seine „aversion to unnecessary aggression and a secure sense of his own worth which enables him to maintain self-control in the face of abuse“ (41), welche für die weitere Analyse wichtig sein werden.

Bei dem ersten Auftreten Gawans, seit der kurzen Erwähnung als Kind mit seinem Vater beim Turnier von Kanvoleis (vgl. 66,14), nimmt also die Minnethematik bereits einen großen Raum ein. Nicht nur sieht sich Parzival mit der Macht der Liebe konfrontiert, woraus sich im weitesten Sinne die beiden Tjosten ergeben, sondern der Erzähler führt auch eine Anklagerede gegen frou minne, die sich über 76 Verse (291,1ff.) ausstreckt. In dieser Rede beklagt der Erzähler die „verderbliche Gewalt“ (Bumke 1997: 114) der Minne, gibt jedoch auch zu bedenken, dass es darum geht, herauszufinden, wie die Liebe in einem nicht destruktiven Charakter erhalten werden kann (vgl. Bumke 1997: 114; 292,20ff.). Die Minne wird in der Anklagerede sowie auch an Parzivals Beispiel als unvereinbar mit Vernunft und Ratio beschrieben. Parzival gewinnt immer nur dann kurzzeitig seine Vernunft wieder, wenn er durch das Verdecken der Blutstropfen seiner Liebestrance entkommen kann. So beklagt der Erzähler:

ir sît slôz ob dem sinne.

[…]

Frou minne, ir tâtet ouch gewalt,

dô Parzivâl der degen balt

durch iuch von sînen witzen schiet,

als im sîn triwe dô geriet. (292,28ff.)

Festzuhalten ist demnach, dass die destruktive Gewalt der Minne beklagt wird, hier also zunächst ihr negativer Charakter hervorgehoben wird. Im Folgenden soll nun betrachtet werden, wie dieser Aspekt weiterentwickelt wird, bzw. ob und wie dem der positive Charakter der Minne entgegengesetzt wird.

2. Gawan und Obîlot (Buch VII)

Buch VII beginnt mit einem Prolog, der Gawan nun endgültig als Protagonist der Handlung festlegt und somit die Gawan-Handlung endgültig eingeläutet wird. Auch in dem Prolog wird Gawan, wie bereits anhand des sechsten Buches analysiert, als besonnener, aber dennoch mutiger Ritter beschrieben:

Gâwân der reht gemuote,

sîn ellen pflac der huote,

sô daz diu wâre zageheit

an prîse im nie gefrumte leit.

sîn herze was ze velde ein burc,

gein scharpfen strîten wol sô kurc,

in strîts gedrenge man in sach. (339,1-7)

Gawan macht sich nun also zu Beginn des siebten Buches auf den Weg nach Schanpfanzun zu dem Gerichtskampf mit Kingrimusel, der behauptet Gawan habe seinen Vater erschlagen, als er auf ein Heer trifft. Ein Knappe klärt ihn über den Grund des Angriffes auf. Obîe, die Tochter von dem Fürst Lyppaut hat das Minnebegehren von König Meljanz mit der Begründung er müsse erst noch weitere fünf Jahre für sie dienen, bevor er ihren Lohn empfangen könne und selbst das sei noch zu früh (345,26ff.), abgelehnt, obwohl sie seine Liebe erwidert. Auch wenn Meljanz das System von Minnedienst und Minnelohn akzeptiert, hält er jedoch Obîes Forderung für übertrieben und führt dies auf ihren Vater zurück, gegen den er nun in den Krieg ziehen will. Diese bringt nun aber Gawan, so Johnson (1970) in einen „conflict of duties“ (100), denn wenn er bleibt und den Kämpfen nur zuschaut, verliert er seinen Ruhm, wenn er jedoch mitkämpft und aufgehalten wird, verliert er jeglichen Ruhm, weil er dann den Zweikampf mit Kingrimusel verpassen würde. So entschließt Gawan sich erst einmal dem Zweikampf zu stellen (349,28-350,10).

Bei dieser Ausgangssituation ist es nun wiederum interessant zu betrachten, in welcher Gestalt die Minne erscheint. In dieser Obîe-Meljanz-Episode wird erneut der gesellschaftsstörende, also destruktive Charakter der Minne dargestellt. Obîe und Meljanz, die sich eigentlich lieben, bewirken durch ihre Meinungsverschiedenheit sogar einen brutalen Krieg, der durch das massenweise Pferdesterben unterstrichen wird (vgl. Emmerling: 17). Die Ursache, so ist zumeist in der Forschung zu finden, ist Meljanz Unverständnis für die Minnedoktrin (vgl. z.B. Reichert: 123), da er der Meinung ist bereits genug gedient zu haben und Obîes Dienstforderungen für übertrieben hält (Emmerling: 10). So beschreibt auch Jones die Situation folgendermaßen: “Although she was really in love with Meljanz, Obîe refused him. He was, after all, still an untested knight, and it was only Obîe’s duty to withhold her minne in order to spur him on to chivalrous deeds.” (101) Die Ursache der Störung liegt also auch in dem System von Minnelohn und Minnedienst, das hier anscheinend von beiden nicht richtig angewandt wird. Auf der einen Seite fühlt sich Meljanz in seinem Stolz verletzt, da er der Meinung ist genug gedient zu haben und aus enttäuschter Liebe sowie aus dem Missverständnis der Minnedoktrin gegen Obîes Vater in die Schlacht zieht. Auf der anderen Seite, sind eventuell auch Obîes Dienstforderungen übertrieben, die fünf Jahre des Dienstes als eigentlich auch noch zu wenig beschreiben. Wolfram beschreibt die Situation der beiden folgendermaßen:

Obîe unt Meljanz,

ir zweier minne was sô ganz

und stuont mit solhen triuwen,

sîn zorn iuch solde riuwn,

daz er mit zorne von ir reit

des gab ir trûren solhez leit

daz ir kiusche wart gein zirne balt. (365,11-17)

Trotz an sich vollkommener Liebe schaffen die beiden Liebenden es also nicht sofort zueinander zu finden. Der Verstand, der für eine friedliche Lösung benötigt würde, ist also durch die Minne ausgesetzt. Während Meljanz enttäuscht und zornig in den Kampf zieht, wird Obîe wild, feindlich und erbittert. Beide Persönlichkeiten erscheinen also entstellt. Diese Episode kann einerseits als Kritik des Systems von Minnedienst und –lohn gelesen werden, da diese gesellschaftliche Konventionen in diesem Fall von den beiden Liebenden eine zunächst unüberwindbare Hürde darstellen sowie überflüssig erscheinen, da die gegenseitige Zuneigung bereits gewonnen ist. Andererseits könnte diese Darstellung als Kritik an der falschen Anwendung dieses Systems gelesen werden, die dazu führt, dass die unerfahrenen Liebenden, dass System bis zum „breaking-point“ (Jones: 47) testen.

Interessant ist es nun, dass dieser gesellschaftsstörenden Minne, die die Ursache für Kämpfe darstellt, eine gesellschaftsstabilisierende Minne entgegengesetzt wird, nämlich die von Gawan und Obilôt, der kleinen Schwester Obîes. Gawan, der zunächst aus seinen Verpflichtungen Kingrimusel gegenüber entschieden hatte, nicht an den Kämpfen teilzunehmen und auch auf Lyppauts Bitte hin standhaft geblieben ist, wird von Obilôt überzeugt in ihren Minnedienst zu treten. Hinzu kommt jedoch Parzivals Rat eher einer Frau als Gott zu vertrauen (vgl.370,18f.), der der entscheidende Auslöser für Gawans abrupte Entscheidung zu sein scheint (vgl. Johnson 1970: 102). Zusätzlich hat er durch den Minnedienst einen ausreichenden Grund hat, sich bei Kingrimusel zu verspäten, was die Bedeutung des Frauendienstes noch einmal hervorhebt (vgl. Christoph: 116). Den ganzen Roman über wird immer wieder deutlich, dass die „Orientierung ritterlichen Handelns am Gewinn der Minne […] fester Bestandteil vorbildlichen Rittertums“ (Sieverding: 169) ist. Gawan kann nun also reinen Gewissens an dem Kampf teilnehmen, obwohl transparent ist, dass die Minnebeziehung eher als Ausrede fungiert, da Obilôt zu jung ist, um wahren Minnelohn zu geben. Dies wird deutlich, da sie mit einer Spielgefährtin eine Art Fingerleinschnippen spielt (vgl. 368,12) und auch als Gawan zunächst ihr Minnebegehren behutsam abweist unter anderem weil sie noch fünf Jahre älter werden müsse, bevor sie eine tatsächliche Minnebeziehung eingehen könnten (vgl. 370,15f.). Trotz ihres jungen Alters beherrscht sie jedoch die „rhetoric of courtly love“ (Christoph: 109), die sie vermutlich von ihrer meisterin gelernt hat. Im Gegensatz zu Obîe und Meljanz, führen Gawan und Obilôt eine vorbildliche Minnebeziehung vor, die den Standards der höfischen Minne voll und ganz entsprechen. Minne nimmt hier eher einen spielerischen Charakter an (vgl. Emmerling: 20), wird jedoch von beiden Parteien in einem „formelhafte[n] Minne-Zeremoniell“ (ebd.) vorbildlich durchgeführt. Durch diese vorbildliche Minnebeziehung und den Dienst Gawans gelingt es Gawan und Obilôt nun die Konflikte zu lösen und die beiden Liebenden Obîe und Meljanz zu versöhnen. Gawan wird zudem erneut als empathisch dargestellt, der auch Dienst ohne Lohn akzeptiert sowie als Ritter „[who] has the tact and the good sense to play the game of courtly love“ (Gibbs: 23). Parzival als Gegenbeispiel, nimmt lediglich an den Kämpfen teil und reitet davon, ohne sich um den Ausgang des Konflikts zu kümmern (Reichert: 124).

In dieser Episode wird nun also der negativen Macht der Minne, die positive Macht entgegengesetzt, die einen die „Gesellschaft stabilisierenden Faktor“ (Bumke 1997: 114) darstellt. Es könnte demnach angenommen werden, dass nur die den Normen entsprechende, vorbildliche Minnebeziehung, wie die von Gawan und Obilôt, eine positive Kraft entwickeln kann, so hält Gibbs fest: „the gentle outcome to the relationship between Obilôt and Gawan owes much to the respect of each for the conventions by which they live“ (23). Ihre Minnebeziehung ist jedoch zu charakterisieren als Dienst ohne Lohn. Ob also im Verlauf der Gawan-Handlung auch die Minnebeziehung, die ein leidenschaftliches Minneverhältnis beinhalten, auch gesellschaftsstabilisierend wirken können, bleibt noch zu betrachten (vgl. Jones: 47).

3. Gawan und Antikonie (Buch VIII)

Die Minneepisode, die im achten Buch folgt, beinhaltet Antikonie, die Schwester des Königs Vergulaht, und Gawan. Gawan trifft auf seinem Weg nach Schanpfanzun auf einen Tross von fünfhundert Rittern oder mehr, unter denen auch Vergulaht ist, der, so wird beschrieben, von dem Feengeschlecht Mazadân abstammt, das bekannt ist für seine Empfänglichkeit für Minne, „an important indication of how Vergulaht, and more importantly his sister Antikonie, is likely to react in matters of love.“ (Christoph: 118) Hier wird also schon eine gewisse Vorahnung beim Publikum erzeugt, die wohl auch wussten, dass Gawan als Frauenheld bekannt ist (vgl. Christoph: 119) sowie gleichermaßen aus dem Feengeschlecht Mazadan abstammt (vgl. Emmerling: 43) und demnach wie Antikonie empfänglich für Minne ist. Hinzu kommt, dass Vergulaht, der noch eine Weile alleine reiten möchte, Gawan anbietet, die Zeit mit seiner Schwester zu verbringen, die von ihm als attraktive Frau beschrieben wird und die sich um Gawan kümmern soll. Durch einen Ritter lässt er der Jungfrau sogar ausrichten, dass sie Gawan Kurzweile bereiten soll. Diese Szene erinnert an die spätere Szene mit der Fährmannstochter Bene, in der der Fährmann Plippalinot Gawan seine Tochter aus „sexual hospitality“ (Dallapiazza: 66) zur Verfügung stellt. Auch wenn hier Vergulaht, seine Schwester rein zur platonischen Kurzweile anbietet, wird die Vorahnung einer Minnebeziehung auch durch Vergulahts Worte noch verstärkt. Bevor die tatsächliche Begegnung von Antikonie und Gawan stattfindet, lobt der Erzähler Antikonies Schönheit und plädiert an das Mitgefühl des Publikums (vgl. 403,21-404,16), wodurch bereits deutlich wird, dass der Erzähler, die folgenden Handlungen nicht verurteilt, es jedoch zu einem zu verurteilenden Akt kommen könnte.

Durch Antikonies begrüßende Worte wird nun wiederum die Erwartung einer Minnebeziehung verstärkt:

hêr, gêt nâher mir.

mîner zühte meister daz sît ir:

nu gebietet unde lêret.

wirt iu kurzewîle gemêret,

daz muoz an iwerm gebote sîn.

sît daz ich iuch der bruoder mîn

mir bevolhen hât sô wol,

ich küsse iuch, ob ich küssen sol.

nû gebiet nâch iwen mâzen

mîn tuon odr mîn lâzen. (405,5-14)

Es ist also an Gawan zu entscheiden, wie die Kurzweile, die sie ihm bereitet, aussehen soll. Bereits diese Worte erzeugen, insbesondere durch die aufgebaute Erwartungshaltung, eine „höchst erotische Spannung“ (Dallapiazza: 56) auch wenn ihre Begrüßung gleichzeitig „inviting and reserved“ (Christoph: 118) ist, da sie Gawan die Entscheidung über die folgende Entwicklung überlässt. Gawan geht sofort auf ihr Angebot eines Kusses ein, da sie, wiederum erotisch geschildert, einen Mund hat, der „heiz, dick unde rôt“ (405,19) ist. Der jedoch ist ein „kus ungastlich“ (405,21), demnach ein „erotischer Kuss“ (Reichert: 125). Gleich darauf lobt Wolfram die „zühte rîch“ (405,22) und auch im Folgenden hebt er immer wieder ihre „moral rectitude“ (Jones: 49) hervor, was viele Kritiker immer wieder schwer vereinbar mit Antikonies Verhalten sahen (vgl. ebd.). Bevor es zu einer sexuellen Übereinkunft der beiden kommt, vollzieht sich das Werben durch Gawans Bitten und Antikonies Verweigern (vgl. 405,27), was durchaus als höfische Konvention gesehen werden kann. Erst als alle Damen und auch der Ritter, der Gawan zu Antikonie geführt hatte, das Zimmer verlassen, da sie anscheinend die Situation durchschauen, nutzt Gawan die Situation und greift Antikonie unter den Mantel, wodurch es sie übermannt und es fast zu einer sexuellen Handlung kommt, da „bêde warn bereit“ (407,9). Sie werden jedoch durch einen silberglänzenden Ritter unterbrochen, der zur Tür hereinkommt und sofort Alarm schlägt, da er eine Vergewaltigung vermutet und zudem Gawan erkennt. Die beiden Minnepartner fliehen in den Turm, in die Nähe ihrer Kemenate, wo sie sich gegen die Angreifer zu Wehr setzen müssen. Diese Situation hat durchaus einen komischen Charakter (vgl. Jones: 48), da Gawan sich mit dem Türriegel zur Wehr setzt und Antikonie ihn durch das Werfen schwerer Schachfiguren im Kampf unterstützt. Der Türriegel kann in diesem Fall auch „sexualpsychologische Assoziationen“ (Reichert: 128) hervorrufen, was die erotischen Grundstimmung in Schanpfanzun noch einmal unterstreicht. Auch König Vergulaht schließt sich dem Kampf an, bis Kingrimusel kommt und den Kampf unterbricht, da er seine Ehre für Gawans sicheres Geleit zum Zweikampf verpfändet hat (411, 9-10).

Auch hier wird also die Minne als ein gesellschaftsstörender Faktor dargestellt, da durch Gawans und Antikonies spontane sexuelle Übereinkunft (vgl. Dallapiazza: 56), wiederum eine Schlacht ausgelöst wurde, die neben den Kampfesfolgen auch Antikonies Leid hervorruft, da Vergulahts Angriff sich natürlich nicht nur auf Gawan, sondern auch auf Antikonie bezieht und Schande über die ganz Familie bringt, da Vergulaht gegen die Abmachung zwischen Kingrimusel und Gawan gehandelt hat. Antikonies Fehlen an „sexual kiusche“ (Christoph: 124) wird hingegen durch ihre „moral kiusche“ (ebd.) kompensiert, da sie bis zur Übereinkunft der streitenden Parteien Gawan triwe entgegenbringt. Vergulahts Verrat wiegt also, so betont auch der Erzähler, schwerer, als Antikonies fehlende Standhaftigkeit, weshalb der Erzähler Antikonies kiusche immer wieder betont und verteidigt (vgl. Fritsch-Rößler: 249). Sie ist sogar in der Position ihren Bruder mit Vorwürfen zu konfrontieren (vgl. 414,10-11). Nichtsdestotrotz ist ein weiteres Mal die Minne der Auslöser, der die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht bringt. Ein weiteres Mal ist es außerdem die Minne, die aus der Missachtung des Systems von Minnelohn und Minnedienst entsteht, die diesen destruktiven Charakter annimmt, denn in dieser Episode will Gawan, im Gegensatz zu seiner Beziehung zu Obilôt, Minne ohne gedient zu haben (vgl. Emmerling: 60). Dennoch ist auch die Minne die Macht, die Gawan immer wieder, wenn er Antikonie während des Kampfes anblickt, „manlîch ellen“ (410,6) gibt und somit auch wieder einen positiven, stärkenden Charakter annimmt, dadurch eventuell sogar Gawans Leben rettet. Auch hier erkennt man also die Ambiguität der Minne, d.h. den destruktiven und konstruktiven Charakter der Minne, der einerseits das gesellschaftliche Gleichgewicht stört, andererseits, auf Treue basierend, dem Protagonisten Gawan Kraft gibt. Der ritterliche Kampf wird jedoch auch durch den Kampf im Turm mit den provisorischen Hilfsmittel, ins Lächerliche gezogen, was wiederum als Kritik der Folgen der Minne interpretiert werden kann, da der Ritterbegriff und das vorbildliche Rittertum einen sehr hohen Stellenwert einnimmt (vgl. Gibbs: 24), was auch noch einmal deutlich wird als später Gawan Orgeluse, als sie sich ihm letztendlich hingibt, vorwirft, das Rittertum lächerlich gemacht zu haben (vgl: 612,5-9).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Ambiguität der Minne in den Gawan-Büchern des "Parzival"
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik 1)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V187477
ISBN (eBook)
9783656107835
ISBN (Buch)
9783656108368
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ambiguität, minne, gawan-büchern, parzival
Arbeit zitieren
Kirsten Hinzpeter (Autor), 2011, Die Ambiguität der Minne in den Gawan-Büchern des "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187477

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