Zerbrochene Bilder - Werden und Wirken des Personals des Reichssicherheitshauptamtes - Analyse und Einordnung der Studie "Generation des Unbedingten" von Michael Wildt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
36 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt:

1) DIE Nazis – Club der gescheiterten Existenzen oder Spiegel der Gesellschaft?

2) „Generation des Unbedingten“ – Einführung der Studie von Michael Wildt

3) Aufwachsen als Teil der „überflüssigen Generation“ – Prägende Stationen in Kindheit, Jugend und Studium
3.1 Abenteuerspiel Krieg
3.2 Jugend ohne Sicherheit und Grenzen
3.3 Auf dem Weg zur Elite – Studienjahre
3.4 Tübingen – Leipzig – Graz: Skeptische Kritiker und feurige Vorkämpfer
3.4.1 „Kompromisslos und vorwärtsdrängend“ – Erich Ehrlinger
3.4.2 Die „schwarze Hand“ in Leipzig
3.4.3 Eine österreichische Karriere – Ernst Kaltenbrunner
3.4.4 Für den Volkswillen – Werner Best

4) Das ReichsSicherheitsHauptAmt – eine Verwaltung neuen Typs und ohne Skrupel
4.1 Entstehung einer Machtzentrale
4.2 Institution des Krieges
4.3 Einsatzgruppen in Polen – Entgrenzung
4.4 Einzelwege der Radikalisierung
4.4.1 Hartgesottener SS-Täter – Erich Ehrlinger
4.4.2 Ostexperte und Verschwörer – Heinz Gräfe
4.4.3 Eine vermeintlich unauffällige Karriere – Wilhelm Spengler
4.4.4 Der Nachfolger – Ernst Kaltenbrunner
4.4.5 Verstoßener Meisterschüler – Werner Best

5) Das Führungskorps nach Kriegsende

6) Kritik des Modells einer „Generation des Unbedingten“

7) Quellen

1) DIE Nazis – Club der gescheiterten Existenzen oder Spiegel der Gesellschaft?

Wer war schuld? Die Nazis! – Direkt nach Kriegsende etablierte sich in der deutschen Gesellschaft die Einsicht, dass aller Gräuel der vergangenen Jahre auf eine geschlossene kleine Tätergruppe der ‚Nazis’ zurückzuführen ist. Einzelne Verrückte und vor allem vordem unterprivilegierte gescheiterte Existenzen bildeten demnach die Zellkultur, aus der all der Terror und der vernichtende Hass der nationalsozialistischen Zeit gewachsen sei. So beschrieb Gerald Reitlinger 1950 die Einsatzgruppenleiter und ihre Untergebenen als „seltsam zusammengewürfelten Haufen von Halbintellektuellen“, die es „im normalen Leben zu nichts gebracht“ hätten.[1] Auf der anderen Seite stand das arglose Volk, das in seiner Unwissenheit der Vorgänge von ‚den Nazis’ unterdrückt worden sei. Viele Erklärungs- und Deutungsmodelle der Nachkriegszeit folgten diesem Muster. SS- und RSHA-Führer kamen darin nicht mehr als selbständig handelnde Akteure vor, sondern wurden vielmehr als Vertreter einer relativ kleinen Gruppe von Fanatikern dargestellt, die „mit dem Rest der Gesellschaft nicht mehr in direktem Zusammenhang zu stehen“ schienen[2].

Oder doch nicht? Gleicht das entschlossen über Jahre hinweg verbreitete Erklärungsmuster ‚der Nazis’ vielmehr einer selbst auferlegten Gemeinschaftshypnose? Aktuelle Arbeiten verschiedener Forscher zeichnen entgegen der alten Sichtweise das Bild einer bewusst handelnden Gesellschaft, die bei weitem nicht ahnungslos war: „Die Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.“[3]

‚Die Nazis’ werden dabei zu einem Spiegel der gesamten Gesellschaft und aus dem irren Verbrecher Adolf Hitler wird ein skrupelloser Politiker, der die Strömungen seiner Zeit genau wahrgenommen und für seine Ziele verstärkt und multipliziert wiedergegeben hat: „Wenn es weiter zutrifft, dass die Führer des nationalsozialistischen Polizeiapparats weder technokratische Mordmaschinen noch sozial marginalisierte Befehlsempfänger waren, sondern im Gegenteil eher überdurchschnittlich intelligente, selbstbewusste, tatkräftige und in der Regel sehr junge Männer mit durchaus eigenen politischen Vorstellungen, die zudem eher der Mitte und den oberen Rängen der deutschen Gesellschaft entstammten als den Randgruppen und Unterschichten, dann wird der Blick zugleich viel stärker auf diese deutsche Gesellschaft selbst gerichtet, aus der heraus eine solche Elite anwuchs, als dies bislang geschah.“[4]

Somit ergeben sich auch deutliche Widersprüche zu den kontrovers diskutierten Forschungsarbeiten von Browning, der die Ursache für Täterschaft in zunehmendem Gruppendruck und Abstumpfung sieht[5], und Goldhagen[6], der dem einen inneren, eigenen Antrieb und einen allumfassenden deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ entgegenstellt[7]. Das Thema dieser Arbeit, Michael Wildts Studie „Generation des Unbedingten“, zeigt, dass es im Gegensatz zur These einer kleinen Gruppe Berufsversager Vertreter des gehobenen Mittelstandes und der akademischen Elite waren, die die Ideen des Nationalsozialismus engagiert getragen haben und sich für die verbrecherischen Dimensionen des zweiten Weltkriegs verantwortlich zeichnen. Anknüpfend an die Studie von Ulrich Herbert über Werner Best, einen der Hauptorganisatoren des späteren Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), untersucht Wildt die persönliche Motivation der Mitglieder der „kämpfenden Verwaltung“[8] des dritten Reichs. Zur Validierung und zum Vergleich seiner Ergebnisse dienen dieser Arbeit darüber hinaus die Studie von Jens Banach über „Heydrichs Elite“ und Peter Blacks Biografie von Ernst Kaltenbrunner, dem letzten Chef des RSHA.

2) „Generation des Unbedingten“

Wildt stellt in seiner Studie eine ganze Generation von tüchtigen Akademikern vor, die sich aus innerer Überzeugung dem aufkommenden NS-Staat verschreiben, dessen Apparate konzipieren und so die späteren Mordprogramme erst ermöglichen. In einem längeren Vorlauf schildert er die historische Situation der „überflüssigen Generation“[9] und empfindet ihre Entwicklung von Kindern mit dem Makel der fehlenden Fronterfahrung über Mitglieder rechtsradikaler Jugend- und Studentenbünde hin zu engagierten Kräften der Sicherheitsorgane des NS-Staates nach.

Exemplarisch hebt Wildt einzelne Biographien hervor und zeigt an diesen Beispielen verschiedene Wege vor, auf denen sich talentierte Nachwuchs-Ärzte und -Juristen zu Einsatzgruppenleitern und überzeugten Massenmördern entwickelten: „Martin Sandberger und Erich Ehrlinger als Beispiele für die jungen Juristen, die im SD Karriere machten; Heinz Gräfe und Wilhelm Spengler, die während ihrer Studienzeit politisch zu den bündischen Gegnern des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds zählten und sich doch 1933 dem SD anschlossen; Hans Ehlich und Erwin Weinmann als die Mediziner, denen das Politische wichtiger war als die eigene Arztpraxis.“[10] Er beschreibt ihre weltanschauliche Schulung und die Umstände, unter denen die Gewissheit zustande gekommen ist, einen historischen Auftrag erfüllen zu müssen. Da aus dieser Überzeugung heraus nicht zwangsläufig Massenmörder hervorwachsen, zeigt Wildt detailreich, dass diese Entwicklung im Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren und Institutionen, von Ideologie und Funktion, von individuellem Vorsatz und situativer Gewaltdynamik zu erklären ist.

Möglich machte die Radikalisierung demzufolge der Aufbau des RSHA unter Reinhard Heydrich, denn diese Institution umfasste nach seiner Gründung 1939 mit Gestapo und SD gleichermaßen die Zentrale exekutiver Macht wie den zentralen Nachrichtendienst zur Erforschung selbsterwählter Feinde. 220 Männer und eine Frau aus den oberen Reihen dieses Amtes hat Wildt für seine Studie untersucht. Alle bekleideten sie ihr Amt für mindestens anderthalb Jahre oder arbeiteten in der wichtigen Gründungsphase von 1939-1941 beim RSHA.[11] Die meisten von ihnen wurden zwischen 1900 und 1910 geboren, über drei Viertel hatten Abitur. Etwa ein Viertel kam aus akademischen Kreisen, sechzig Prozent aus der Mittelschicht – in der Mehrzahl waren es soziale Aufsteiger ohne Beteiligung am ersten Weltkrieg. Als Quellen für die Untersuchung dienten vorrangig SS-Personalakten, staatsanwaltliche Ermittlungsakten aus den 1960er Jahren, hingegen nur wenige persönliche Aufzeichnungen oder Tagebücher.[12]

Wildt verfasste mit „Generation des Unbedingten“ die erste umfangreiche Studie zum Führungspersonal des RSHA nach Einzelbiographien zu Werner Best[13] und Ernst Kaltenbrunner[14] sowie dem frühen Werk von Friedrich Zipfel über die SD- und Gestapo-Führung[15]. Er enthebt darin eindrucksvoll die Doktoren in der Schaltzentrale des NS-Staates ihrer vermeintlich verantwortungsfreien Position als Schreibtischtäter, die auf reine Bürokratie und Organisation beschränkt waren. Diesem Bild entgegnet er die Realität praktischer Erfahrungen bei der Verfolgung der von ihnen ausgemachten „Volksfeinde“ an der Spitze der berüchtigten Einsatzgruppen in der konsequenten Umsetzung der von Heydrich geforderten „kämpfenden Verwaltung“[16].

3) Aufwachsen als Teil der „überflüssige Generation“

3.1 Abenteuerspiel Krieg

Ein Merkmal umfasst beinah alle Mitglieder des Führungskorps des RSHA – sie waren jung. Über drei Viertel von ihnen wurden nach 1900 geboren.[17] Den ersten Weltkrieg erlebten sie daheim mehr als abenteuerliches Spiel und Verrücken von Puppenarmeen. Sie litten Not und hatten wenig zu essen, doch das Grauen des alltäglichen Sterbens lernten sie nicht kennen.[18] Diese fehlende Erfahrung führte zu einem starken und deutlichen Riß zwischen den Generationen, denn „die Erfahrung des Todes, des Ausgeliefertseins im Massensterben, des Zerberstens all jener fröhlichen Bilder aus dem Sommer 1914, als Millionen in den Krieg gezogen waren, voller Zuversicht, nach kurzem Waffengang siegreich nach Hause zurückzukehren und in männlichen Zweikämpfen Ruhm und Ehre erworben zu haben – all diese Desillusionierungen führten zum scharfen Bruch mit den bisherigen Gewissheiten. Der Weltkrieg war eine Scheidelinie, hinter die es kein Zurück gab.“[19]

Genauso wenig gab es aber auch Verbindungen mit der ersten Generation, die nicht mehr aktiv an den Kämpfen teilgenommen hatte. „Die nachfolgenden Jahrgänge, die nicht ‚die Narben am Körper und im Herzen’ trugen, waren zweifellos von einem ganz anderen Erfahrungsraum geprägt als die Frontsoldaten“[20] – und sie wurden von ihnen ausgeschlossen. Die Frontkämpfer schufen sich ihren eigenen Mythos, der sich aus dem „gemeinsamen existentiellen Erleben von Sterben und Überleben auf dem Schlachtfeld“[21] speiste und nutzten fortan ihre Erfahrungen als schlagendes Argument in der Auseinandersetzung mit den Jüngeren.[22]

Diese wurden vom Ende des Krieges ebenso jäh enttäuscht: „Die Niederlage 1918 erlebten die Jüngeren als Schock. Die Väter hatten verloren. Auch der Kaiser und die Institutionen des Kaiserreichs hatten versagt.“[23] Um dieses Erlebnis der Schmach zu überwinden, schlossen sich zahlreiche Jugendliche – darunter viele der späteren RSHA-Führer – Freikorps an, die weiterhin an den Ostgrenzen des Reiches, im Baltikum wie in Oberschlesien oder bei blutigen Auseinandersetzungen im Reichsinnern kämpften. Sie stürmten gegen die „Roten“, „denen die Schuld für den verlorenen Krieg, die chaotischen Zeiten, die wirtschaftliche Not und den Verlust des stolzen Nationalgefühls gegeben wurde“ und verinnerlichten diese Haltung tief.[24]

Gleichzeitig empfanden sie die fehlende Fronterfahrung weiterhin bitterlich und versuchten daraufhin, „den Vorsprung, den die Älteren durch ihre Kriegsteilnahme und ‚Fronterfahrungen’ hatten, […] durch die Übernahme des Frontkämpferideals für den Kampf im Innern, durch die Stilisierung des kalten, entschlossenen Kämpfers und durch das Trachten nach ‚reinem’, von Kompromissen freiem und radikalem, dabei aber organisiertem, unspontanem, langfristig angelegtem Handeln zu kompensieren.“[25]

3.2 Jugend ohne Sicherheit und Grenzen

Durch die zunehmende Inflation herrschte Mitte der 20er Jahre große Verwirrung, denn „bürgerliche Grundsätze wie ‚Gutes Geld für gute Arbeit’ oder ‚Sparen heißt das Alter sichern’ zerstoben im Wirbel der Hyperinflation, die eben nicht nur die materiellen Sparvermögen vernichtete, sondern auch den Glauben an die Gültigkeit der immateriellen Werte bürgerlicher Gesellschaft.“[26] Für Spekulanten hingegen war die Zeit paradiesisch: wer schnell und skrupellos war, konnte innerhalb kürzester Zeit reich werden. Die Profiteure waren flink – und jung.

So schrieb Peter Suhrkamp 1932 in einem Essay über die damals knapp Dreißigjährigen: „Das Bezeichnende an ihnen ist ihr Mangel an Humanität, ihre Achtlosigkeit gegen das Menschliche. Sie haben zwischen zwanzig und dreißig viel hinter sich gebracht, so viel wie die meisten Menschen sonst in ihrem ganzen Leben nicht erwischen; die Nachkriegszeit bot alle Möglichkeiten dazu. […] Im übrigen waren die Väter zum größten Teil im Kriege. Die Kinder dieser Eltern gerieten, da sie sich selber überlassen oder auch davongelaufen waren, nach dem Krieg in alle Krisenhysterien und Krisenlaster, ohne dabei großen Schaden zu nehmen. Sie reagierten auf die Zeit, gaben ihr nach, nutzten sie aus; jederzeit gerissen, fix und tüchtig. Die Dreißigjährigen sind sicher die begabteste Generation unter den Jungen […] Und mit ihrer bekannten Fixigkeit und Tüchtigkeit und mit einer überraschenden Selbstdisziplin stabilisieren sie heute in allen Lagen und Positionen für sich eine fixe Lebensform und fixe Lebensgewohnheiten. Sie sind die schärfsten Gegner des Liberalismus […] Ihre Intellektualität ist skeptisch und nicht selten sogar destruktiv […] Der Höhepunkt des intellektuellen Daseins ist eine Philosophie der Destruktion, welche die endgültige Vernichtung der bürgerlichen Welt herbeiführen soll.“[27]

Eine momentorientierte Jugend herrschte somit über das Geld und setzte ihre Interessen nach dem Muster „Hilf dir selbst!“ mit Egoismus und Rücksichtslosigkeit sowie häufig auch Gewalt durch.[28] Nach der wiedererlangten Währungsstabilität musste das normale Leben für die Jugend hilflos, arm und enttäuschend langweilig erscheinen. Sie strebten daher nach der Rückkehr der „Welt der Sensationen und Kriegspiele, der Grenzenlosigkeit und Verschwendung, des unbedingten Auskostens des Augenblicks“[29].

Als zusätzliche Enttäuschung kam hinzu, „dass politische Veränderungen letztlich begrenzt blieben und die Eliten des Kaiserreichs weiterhin die Macht behielten, sogar zur Rhetorik der Vorkriegszeit zurückkehrten.“[30] Klaus Mann beschrieb diese Situation als „moralisch-soziale Krise, in deren Mitte wir stehen und deren Ende noch nicht abzusehen scheint, sie war doch damals schon in vollem Gange. Unser bewusstes Leben begann in einer Zeit beklemmender Ungewissheit. Da um uns herum alles barst und schwankte, woran hätten wir uns halten, nach welchem Gesetz uns orientieren sollen? Die Zivilisation, deren Bekanntschaft wir in den zwanziger Jahren machten, schien ohne Balance, ohne Ziel, ohne Lebenswillen, reif zum Ruin, reif zum Untergang.“[31]

3.3 Auf dem Weg zur Elite – Studienjahre

Trotz aller Turbulenzen im Nachkriegsdeutschland und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Weimarer Republik beschritten beinah alle späteren RSHA-Führungskräfte den bürgerlichen Karriere-Weg über humanistisches Gymnasium und Studium. Ihre soziale Ausgangslage dabei war von vornherein nicht die schlechteste. So stellt Banach in einer Analyse der Elterngeneration fest, dass SD-Angehörige zumeist mittlere Beamte, Kaufleute, Handwerksmeister und mittlere Beamte als Väter aufwiesen; die Väter der Gestapo-Angehörigen waren zumeist mittlere Beamte, Kaufleute, untere Beamte und Arbeiter. Insgesamt fällt auf, dass ein Übergewicht des „unteren Mittelstandes“, gefolgt von „Unterschicht“ und „Oberer Mittelstand“, vorlag. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung war somit der Mittelstand eindeutig überrepräsentiert, wohingegen die Arbeiterschicht stark unterrepräsentiert war.[32]

Wildt bestätigt diese Ergebnisse und kommt angesichts des Werdegangs der Söhne zu dem Schluß, dass „ein Bild von sozialen Aufsteigern [entsteht; d.Verf. ], die in einer Gesellschaft mit eher stagnierender sozialer Mobilität durch akademische Ausbildung und Verwaltungskarriere nicht bloß einen anderen Beruf als den des Vaters ergriffen haben, sondern auch gegenüber ihrer Familie die soziale Schicht wechselten.“[33] Trifft dies auch nicht auf alle zu, schaffte es der Rest immerhin, trotz Abstiegsbedrohungen durch Wirtschaftskrise und wachsender Akademikerarbeitslosigkeit die soziale Schicht zu halten.[34]

Die Krise gab jedoch an den Universitäten das Diskussionsthema vor. In den 20er Jahren kam es zu einer rapiden Zunahme der Studierendenzahlen, denen allerdings nach dem Abschluß nur eine sehr begrenzte Zahl offener Stellen gegenüber und während des Studiums kaum finanzielle Unterstützung zur Verfügung standen.[35] Die Rede über die scheinbare Überflüssigkeit einer ganzen Generation[36] machte die Runde und die Studenten selbst widmeten sich radikaleren Ideologien, die sie in ihren Zirkeln und Bünden heiß diskutierten. So beeinflusste Ende der 20er Jahre der Frontkämpfermythos wieder stärker das Handeln der Studenten.[37] Publizisten wie E. Jünger[38] und A. Moeller van den Bruck[39] kanalisierten dieses Gedankengut in ihren Werken zu Schlagwörtern wie „Heroischer Realismus“ und „Antirationalismus“. Völkisches, rassisches und elitäres Denken hielt in großem Maße Einzug in Studenten- und Verbindungszimmer. Das „Leben“ wurde in den Mittelpunkt der neuen Anschauungen gestellt und „das Leben duldete keine Kritik und brauchte auch nicht gerechtfertigt zu werden“.[40] Es etablierte sich das Ideal des Kampfes um des Kampfes willen und die Verherrlichung des Krieges mitsamt einer generationellen Selbststilisierung als Elite.[41]

Werner Best schrieb später in seinen Memoiren über sein Erlebnis der Bünde: Das Faszinierende sei gewesen, „dass man sich hineinwarf wie in einen brodelnden See, um die Kraft der Wellen und die eigene Kraft zu erproben. Neue geistige Kraftquellen kennenzulernen und auf sie zu reagieren, in der Auseinandersetzung mit Feinden und Freunden die eigene Position klarer zu erkennen und zu präzisieren, das war der Trieb, der uns in dieses bewegte Milieu, das ja noch keine geschlossene ‚Bewegung’ war, führte.“[42] Auch Ernst Kaltenbrunner, später letzter Chef des RSHA, findet in den Burschenschaften einen exklusiven, intimen Ort einer verschworenen Gemeinschaft, die sich gegen die Gesellschaft abgrenzt und einen „geschütztem Raum zur Stärkung nationaler Identität“.[43]

[...]


[1] Reitlinger: Die Endlösung. S.208/215; Wildt, S.16; Banach, S.17

[2] Herbert, S.18

[3] Wildt, S.14

[4] Herbert, S.15

[5] Browning: Ganz normale Männer

[6] Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker

[7] Wildt, S.21f

[8] ebd., S.203

[9] in Anlehnung an Günther Gründel, einem Mitglied des „Tat“-Kreises, der in seiner 1932 erschienenen

„Sendung der Jungen Generation“ den „Versuch einer umfassenden revolutionären Sinndeutung der Krise“

unternommen hatte; vgl. Herbert, S.43; vgl. Banach, S.59

[10] Wildt, S.36

[11] ebd., S.24

[12] ebd., S.29

[13] Herbert

[14] Black

[15] Zipfel: Gestapo und Sicherheitsdienst

[16] Wildt, S.203

[17] vgl. ebd., S.45

[18] vgl. ebd., S.47ff.

[19] ebd., S.43

[20] ebd., S.44

[21] ebd., S.43

[22] vgl. Banach, S.60

[23] ebd., S.62

[24] vgl. Wildt, S.53ff.

[25] Herbert, S.44

[26] Wildt, S.65

[27] Suhrkamp: Söhne ohne Väter und Lehrer; Herbert, S.45

[28] vgl. Wildt, S.63ff.

[29] ebd., S.66

[30] Banach, S.62

[31] K. Mann: Wendepunkt. S.120f.; Wildt, S.70f.

[32] vgl. Banach, S.42f.

[33] Wildt, S.75

[34] vgl. Wildt, S.76

[35] ebd., S.78ff.

[36] ebd., S.81

[37] vgl. Banach, S.75

[38] Ernst Jünger, 1895-1998, Schriftsteller und Protagonist des “Heroischen Realismus” (In “Stahlgewitter”,

1920). Jünger kritisierte später die „Geistlosigkeit“ des Nationalsozialismus und war im späteren Deutschland

wie in Frankreich hoch geehrt, obwohl er sich nie von seinem elitären, völkischen Gedankengut distanzierte.

[39] Arthur Moeller van den Bruck, 1876-1925 (Selbstmord), Publizist der „Konservativen Revolution“

[40] Banach, S.75

[41] vgl. ebd., S.70ff.

[42] Herbert, S.51

[43] Black, S.56

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Zerbrochene Bilder - Werden und Wirken des Personals des Reichssicherheitshauptamtes - Analyse und Einordnung der Studie "Generation des Unbedingten" von Michael Wildt
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung)
Veranstaltung
An die Deutsche Geschichte erinnern? Die Deutschen und ihre Identität seit 1945
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V18753
ISBN (eBook)
9783638230230
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zerbrochene, Bilder, Werden, Wirken, Personals, Reichssicherheitshauptamtes, Analyse, Einordnung, Studie, Generation, Unbedingten, Michael, Wildt, Deutsche, Geschichte, Deutschen, Identität
Arbeit zitieren
Michael Clemens (Autor), 2003, Zerbrochene Bilder - Werden und Wirken des Personals des Reichssicherheitshauptamtes - Analyse und Einordnung der Studie "Generation des Unbedingten" von Michael Wildt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18753

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