Lucretius im Spiegel des Lactantius

Analyse der Rezeption von Lucretius-Zitaten in Lactantius' apologetischem Traktat de opificio Dei


Seminararbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Kurze Vorstellung der Lucretius-Zitate in Lactantius‘ Werk de opificio Dei
2.1 Zitate, die Lactantius entschieden als falsch einstuft
2.1.1. Über die Anfälligkeit des Menschen gegenüber Krankheiten und Tod
2.1.2. Über die Hilflosigkeit in der Kindheit (Lact. III.1)
2.1.3. Über die Entstehung von Ungeheuern
2.1.4. Über die menschlichen Augen
2.1.5. Über die Bedeutungsunterschiede der Worte anima und animus
2.2 Neu umgedeuteteLucretius-Zitate bei Lactantius
2.2.1 Über die Zunge als interpres animi
2.2.2. Über die Entstehung des Menschen aus himmlischen Samen

3. Ausführliche Interpretation ausgewählter Zitate von Lucretius in de opificio Dei
3.1 Unterschiedliche Rezeption der Problematik um Krankheitund Tod mit Bezug auf das Lucretius-Zitat bei Lact. IV.1
3.1.1. Grundlegende Problematik des Zitats bei Lucretius
3.1.2. Einbettung des Zitats in Lactantius‘ Werk
3.2 Lucretius im Selbstwiderspruch? Auslegung der Textstelle in Lact. XIX.3in de opificio Dei
3.2.1. Übersetzung eines Chorliedes von Euripides
3.2.2. Inhaltliche Interpretation der Textpassage in Lucretius-Übersetzung unter Einbeziehung von Lucretius‘ scheinbarem Selbstwiderspruch
3.2.3. Die Argumentation bei Lactantius auf dieser Grundlage

4. Schlusswort

5. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Blick in Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaftunter dem Stichwort „Lactantius“ liefert für seine apologetische Schrift de opificio Dei folgende Kurzzusammenfassung: „Der teleologische Beweis für Existenz und Vorsehung Gottes, der hier durch eine Betrachtung der physiologischen und psychologischen Konstruktion des menschlichen Organismus geführt wird.“[1] So wird in de opificio Dei insbesondere die gut durchdachte Ausgestaltung des menschlichen Körpers erläutert, was insgesamt aufzeigt, worin sich laut Lactantius die providentia Gottes manifestiert: Gott wird in de opificio Dei als artifex[2] bezeichnet, der die Welt nicht besser hätte schaffen können.[3]

Allerdings gibt es neben der christlichen Schöpfungslehre auch andere Theorien zur Entstehung der Welt: Allen voran ist Epikuros‘Atomlehre zu nennen. Epikuros fasst die Welt nicht als göttliche Schöpfung auf, sondern als ein Zufallsprodukt aufgrund des concursus fortuitus atomorum[4]. Von ASTER spricht dabei zutreffend in Bezug auf Epikuros‘ Theorie von einem „Moment unberechenbarer Zufälligkeit“[5]. Für die Lehre des Epikuros gilt Lucretius als unsere wichtigste Quelle und ebenfalls als Hauptquelle des Lactantius. Folgerichtig nimmt Lactantius in seinem Werk de opificio Dei in mehreren Stellen nicht nur auf Epikuros, sondern insbesondere auf Lucretius Bezug, teilweise zitiert er ihn direkt, teilweise paraphrasiert er dessen Äußerungen, die dabei allerdings oftmals aus dem Kontext gerissen werden.

In vorliegender Seminararbeit werden die Lucretius-Zitate im Werk de opificio Dei genauer analysiert und interpretiert. Zunächst werde ich die einzelnen Zitate und Paraphrasen vorstellen und erläutern. In diesem Zusammenhang ist einerseits ihr ursprünglicher Kontext in Lucretius‘ Buch de rerum natura bedeutsam, andererseits allerdings ihre Rezeption bei Lactantius.Außerdem liegt ein besonderes Augenmerk darauf, wie die Zitate bei Lactantius eingeleitet werden. Anschließend sollen zwei Lucretius-Zitate beispielhaft ausführlicher erläutert werden. Dabei werden drei Fragestellungen im Zentrum des Interesses stehen: An welchen Stellen wird Lucretius zitiert? Warum wird er jeweils zitiert? Und auf welche Art und Weise wird er zitiert? Als Textvorlagen wurden folgende Ausgaben verwendet: Für Lactantius: L. Caeli Firmiani Lactanti de opificio Dei, in: Corpus Scriptorum Ecclesticorum Latinorum, hrsg. v. Samuel Brandt, Band 27,USA 1965. Für Lucretius: Lukrez, de rerum natura. Welt aus Atomen, hrsg. v. Karl Hoenn, Zürich 1956.[6]

2. Kurze Vorstellung der Lucretius-Zitate in Lactantius‘ Werk de opificio Dei

Insgesamt lassen sich sieben Textstellen in Lactantius‘ Traktat de opificio Dei auf Lucretius zurückführen.[7] Hierbei handelt es sich sowohl um direkte Zitate als auch um Paraphrasen. Im Folgenden sollen diese Textstellen kurz vorgestellt werden, wobei insbesondere auf den ursprünglichen Kontext in Lucretius‘ Lehrgedicht de rerum natura Bezug genommen wird. Dabei unterscheide ich zwischen zwei Arten von Zitaten: Erstens solche, bei denen Lactantius eine andere Meinung vertritt als Lucretius und diese Meinung des Lucretius als völlig abwegig darstellen möchte. Zweitens Zitate, in denen Lactantius die Worte von Lucretius‘ schlichthin übernimmt.

2.1 Zitate, die Lactantius entschieden als falsch einstuft

Zunächst werden diese Lucretius-Zitate in Lactantius‘ Werk betrachtet, bei denen Lucretius offenbar eine ganz andere Position vertritt als Lactantius. Hierbei wird er deshalb zitiert, weil Lactantius seine eigene Theorie als die richtige auslegen möchte. Lucretius‘ Ansicht wird also in geschickter Argumentation als falsch herausgestellt oder ad absurdum geführt. GATZEMEIER schreibt hierzu: „Dies ermöglicht ihm […] eine direkte Auseinandersetzung mit seinen ,Gegnern‘, die auf diese Weise suis auctoribus widerlegt und suis armis geschlagen werden können.“[8] Die Zitate werden zunächst im Original und in der Übersetzung angeführt. Anschließend wird kurz auf ihren Inhalt und den jeweiligen Kontext eingegangen.

2.1.1. Über die Anfälligkeit des Menschen gegenüber Krankheiten und Tod

Im vierten Kapitel der Schrift de opificio Dei weist Lucretius die These der Epikureer zurück, der Mensch sei Krankheiten und einem viel zu frühen Tod unterworfen. Dabei versucht er dann anschließend in einer umfassenden Argumentation darzulegen, warum gerade dies für göttliche providentia spreche.[9]

Idem queruntur hominem morbis et inmaturae morti esse subiectum.[10]

Im ersten Lucretius-Zitat wird Lucretius selbst von Lactantius gar nicht als Autor genannt. Lactantius bezieht diese Aussage allgemein auf die Epikureer. Doch führt Lucretiusim fünften Buch seines Lehrgedichtes Argumente gegen eine göttliche Schöpfung an: beschränkter Lebensraum, ungünstige Wettereinflüsse, gefährliche Tiere, Schutzbedürftigkeit von Kleinkindern, aber auch Krankheiten und Tod.[11]

cur anni tempora morbos adportant? quare mors inmatura vagatur?[12]

Mit diesem Zitat werden wir uns ausführlicher an späterer Stelle dieser Arbeit beschäftigen (siehe Kap. 3.1).

2.1.2. Über die Hilflosigkeit in der Kindheit (Lact. III.1)

In Lucretius‘ Darstellung der Makel in dieser Welt schließt sich dann auch eine Passage an, wo er über die Bedürftigkeit des Menschen in seiner Kindheit spricht. Diese Textstelle findet sich auch in Lactantius‘ apologetischer Schrift wieder:

Queruntur hominem nimis inbecillum et fragilem nasci. [13]

Lucretius verwendet die Metapher eines Schiffsbrüchigen. Zur Interpretation dieser Textstelle verweise ich auf ROOZELAARsumfangreiche Lucretius-Interpretation.[14]

tum porro puer, ut saevis proiectus ab undis navita, nudus humi iacet, infans, indigus omni vitali auxilio.[15]

Hier wird ebenfalls von Lactantius nicht auf Lucretius, sondern allgemein auf die Epikureer verwiesen, woran man auch erkennt, dass Lucretius die Hauptquelle für den Epikureismus für Lactantius war. Eine ausführliche Interpretation dieser Textstelle findet sich in GATZEMEIERs Aufsatz vor.[16] In Anlehnung an GATZEMEIER lässt sich konstatieren, dass Lucretius hier deshalb zitiert wird, um die epikureische Ansicht darzustellen, der zu Folge die Natur nicht die mater, sondern die noverca des Menschen sei.[17] Lactantius versucht Lucretius zu widerlegen, denn seiner Ansicht nach hätte es gar nicht anders geschehen können, als dass der Mensch schwächlich geboren werde, wobei er implizit auf die Nachkommenfürsorge der Vögel und auf die Entwicklung einer notwendigen Eltern-Kind-Bindung verweist.

2.1.3. Über die Entstehung von Ungeheuern

Wenden wir uns nun einem weiteren Lucretius-Zitat zu, das im sechsten Kapitel von de opificio Dei anzutreffen ist. Dort stellt Lactantius die Entstehung der Lebewesen dar, deren Körperbau von Anfang an durch ratio sinnvoll konstruiert wurde. Hier ist besonders die Baumeister-Metapher zu nennen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.[18] Um die gegenteilige Behauptung des „κῆπος“auszuschließen, wird zunächst eine These aus Lucretius‘ Lehrgedicht paraphrasiert, die Lactantius dann als abwegig und undurchdacht zurückweisen möchte.

Non possum hoc loco teneri quominus Epicuri stultitiam rursum coarguam: illius enim sunt omnia quae delirat Lucretius qui ut ostenderet animalia non artificio aliquo divinae mentis, sed, ut solet, fortuito nata esse, dixit in principio mundi alias quasdam innumerabiles animantes miranda specie acmagnitudine fuisse natas, sed eas permanere non potuisse, quod illas aut sumendi cibi facultas aut coeundi generandique ratio defecisset.[19]

Lactantius argumentiert hier auf zwei verschiedene Weisen gegen Lucretius: erstens versucht er zu begründen, warum Lucretius diese These aufstellt, nämlich, um der epikureischen Atomtheorie Halt zu geben. Dabei unterläuft Lactantius aber ein sogenannter genetischer Fehlschluss[20], wenn er Lucretius‘ Aussage zu falsifizieren versucht, indem er begründet, warum Lucretius diese Meinung vertritt. Zweitens erläutert Lactantius, dass es offensichtlich ist, dass die schön gestalteten Gliedmaßen der Tiere nur durch providentia geschaffen werden konnten. Ebenso sei es offensichtlich, dass die einzelnen Gliedmaßen jeweils einen vorher durchdachten Zweck einnehmen. Dies hätten auch Lucretius und die Epikureer erkennen müssen.

Betrachten wir nun das obige Zitat im spezifischen Kontext des Lucretius. Nachdem Lucretius über den Kosmos geschrieben hat, spricht er nun von der Entstehung von Pflanzen und Tieren. Hier folgt ein Abschnitt über das anfängliche Auftreten von portenta, die aber bald wieder ausstarben. Hier manifestiert sich die Grundthese des Lucretius, dass die Welt und ihre Geschöpfe durch Zufall entstanden seien.

Multaque tum tellus etiam portenta creare conatast mira facie membrisque coorta, androynem, interutrasque nec utrum, utrimque remotum, orba pedum partim, manuum viduata vicissim, muta sine ore etiam, sine voltu caeca reperta.[21]

Das Zitat erstreckt sich bei Lucretius noch über mehrere Zeilen, wo er über die Mängelerscheinungen dieser Lebewesen spricht und ihre Unbeständigkeit darlegt. Dieser Abschnitt muss hier allerdings genügen. Betrachten wir nun aber, auf welche Art und Weise Lucretius hier bei Lactantius zitiert wird: Das Verbum delirare zeigt ebenso wie das Objekt des ersten Satzes stultitiam Epicuri, dass Lactantius die nun folgende These für abwegig hält und grundsätzlich ablehnt. Dann folgt eine inhaltliche Paraphrase von Lucretius‘ These, die aber auf das Wesentliche gekürzt wird, und anschließend stellt Lactantius diese Ansicht der christlichen Schöpfungslehre gegenüber, die er als vernunftsevident darstellt.

2.1.4. Über die menschlichen Augen

Ein drittes Mal wird Lucretius nun im achten Kapitel von de opificio Dei zitiert, in dem Lactantius unter anderem die Beschaffenheit der menschlichen Augen darlegt.Betrachten wir zunächst die Textstelle bei Lactantius:

Quod quidem ut refelleret Lucretius, ineptissimo usus est argumento. Si enim mens inquit per oculos videt, erutis et effossis oculis magis videret, quoniam evulsae cum postibus fores plus inferunt luminis quam si fuerint obductae.[22]

Zunächst behauptet Lactantius, der Geist würde durch die Augen wie durch Fenster sehen. Obige Textstelle enthält dann die Gegenthese des Lucretius, die hier aus dem Kontext gerissen wird und für den Leser deshalb nur lächerlich klingt. Im Anschluss wird diese Paraphrase von Lactantius kommentiert:

Nimirum ipsi vel potius Epicuro qui eum docuit effossi oculi erant, ne videret effossos orbes […] nihil posse lucis admittere.[23]

Lactantius greift Lucretius hier direkt an. Dabei verwendet er eine sogenannte „straw manArgumentation“[24], indem er Lucretius‘ Aussage aus dem Kontext gerissen darstellt, uminterpretiert und maßlos übertreibt. So muss dem Leser Lucretius‘ Äußerung lächerlich erscheinen, Lucretius selbst wird zudem als Person angegriffen: ihm selbst müssen die Augen ausgestoßen worden sein, wenn er sowas evidentes nicht zu erkennen vermag und etwas derart lächerliches behauptet. Folglich sei seine These kein Gegenargument, das beweisen könnte, dass der Geist eben nicht durch die Augen sehen würde. Betrachten wir nun die eigentliche Textstelle, aus der Lactantius dieses Zitat genommen hat:

Praeterea si pro foribus sunt lumina nostra iam magis exemptis oculis debere videturcernere res animus sublatis postibus ipsis.[25]

Hierbei handelt es sich um eine rein hypothetische Annahme, die eigentlich ganz und gar nicht lächerlich wirkt. Vielmehr liegt ein Statement der Erkenntnistheorie vor. Das Argument lässt sich in Form eines klassischen Syllogismus auffassen[26]:

1. Prämisse: Augen und Türen lassen sich miteinander vergleichen. 2. Prämisse: Entfernt man eine Tür, so kann man besser dadurch sehen. Annahme: Der Geist sieht durch die Augen. Folgerung: Entfernt man die Augen, müsste der Geist besser sehen. Conclusio: Der Geist sieht nicht durch die Augen. (reductio ad absurdum)[27]

Es handelt sich um ein logisch nachvollziehbares valides Argument, das in einer reductio ad absurdum endet. Dieses lächerliche Flair, das bei der Paraphrase durch Lactantius zum Tragen kommt, liegt im ursprünglichen Argument eigentlich nicht vor.

2.1.5. Über die Bedeutungsunterschiede der Worte anima und animus

Betrachten wir nun ein weiteres Lucretius-Zitat, das Lactantius als falsch einstuft. In den Kapiteln 17 bis 19 schreibt Lactantius über die Seele. Dabei stellt er zunächst zwei verbreitete Theorien vor: erstere besagt, dass animus und anima identisch sind, letztere, dass sie verschiedener Natur sind. Dabei vertreten erstere Theorie die duo Epicurei poetae. Es ist unklar, wer diese beiden Autoren sind. Der eine davon ist sicherlich Lucretius. Beim anderen könnte es sich um Horatius handeln[28], hingegen vermutet PALERNE mit Verweis auf SCHRIJVERS den Autor Vergilius: „le second poète épicurien serait Virgile selon P.H. Schrijvers. Nous restons dubitatif…“.[29] Wichtiger ist allerdings Lucretius‘ Ansicht, die Lactantius wie folgt zusammenfasst:

Q ui unum esse dicunt, hanc rationem secuntur, quod neque vivi sine sensu possit nec sentiri sine vita, ideoque non posse esse diversum id quod separari non potest, sed quidquid est illud, et vivendi officium et sentiendi habere rationem. Idcirco animum et animam indifferenter appellant duo Epicurei poetae. [30]

Nachdem diese Lucretius-Position in Lactantius‘ apologetischer Schrift nur ganz kurz dargestellt worden ist, erläutert Lactantius ausführlich die Gegenthese, der er sich selbst anschließt. Dabei nennt er einerseits mehrere Gründe dafür, dass animus und anima eben nicht dasselbe seien[31], und geht andererseits ausführlicher auf diese Begriffe ein. Anders als an vorherigen Stellen wird Lucretius für seine Behauptung jedoch hier nicht direkt angegriffen, seine Meinung wird als fundierte und berechtigte Gegenposition akzeptiert, der Lactantius allerdings selbst nicht zustimmt. Rationale Abwägung von Argumenten tritt hier also an die Stelle von wortreicher Polemik.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Lactantius in mehrerer Hinsicht eine andere Ansicht vertritt als die Epikureer. Dies ist vor allem in Hinblick auf die Schöpfung der Welt und die sinnvolle Einrichtung des Menschen, aber auch auf die Seele der Fall. Lucretius wird hier als wichtigster Vertreter des „κῆπος“ zitiert. Dabei wird teilweise seine Meinung aus dem Kontext gerissen und so überspitzt dargestellt, dass sie lächerlich wirkt, manchmal werden aber auch sinnvolle Gegenargumente angeführt, wie vor allem in Bezug auf die Seele. Anschließend werden wir noch zwei Zitate betrachten, bei denen Lactantius nicht eine andere Meinung vertritt als Lucretius, beziehungsweise die Aussagen von Lucretius entsprechend umdeutet und mit seinen eigenen Thesen kongruent erscheinen lässt.

2.2 Neu umgedeuteteLucretius-Zitate bei Lactantius

An zwei weiteren Stellen wird Lucretius in de opificio Dei zitiert die sich allerdings von den bereits analysierten Textstellen wesentlich unterscheiden. Betrachten wir nun, inwiefern diese Zitate anders sind als die bereits behandelten.

2.2.1 Über die Zunge als interpres animi

Zunächst wird eine kurze Textpassage bei Lactantius untersucht, bei der nicht ganz sicher ist, ob er hier auf Lucretius Bezug nimmt. Wenn Lactantius über die Anatomie des menschlichen Körpers schreibt, so geht er auch an einer Stelle von de opificio Dei auf die Zunge ein. Er erläutert Aufgaben und Bedeutung[32] der Zunge bei Menschen und Tieren und nennt sie interpres animi.[33] Samuel BRANDT gibt hier als Referenzstelle das sechste Buch von Lucretius‘ Lehrgedicht an, in dem dieser über die Pest in Athen schreibt.[34] Ist dies zutreffend, so ist dieses Lucretius-Zitat allerdings völlig aus dem Kontext gerissen, dient es doch ursprünglich eher einer antithetischen Gegenüberstellung mit hohem literarischem und ästhetischem Anspruch.

[...]


[1] Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, hrsg. v. Wilhelm Kroll u.a., Stuttgart 1919.

[2]Artifex ille noster ac parens deus “. Vgl. Lactantius, de opificio Dei, in: Corpus Scriptorum Ecclesticorum Latinorum, hrsg. v. Samuel Brandt, Band 27,USA 1965, Kap. II,1. Im Folgenden zitiert als: Lactantius, de opificio Dei, [unter Angabe der Textstellt]. Zur Interpretation dieser Textstelle vgl. insbesondere Antonie Wlosok, Laktanz und die philosophische Gnosis, Untersuchungen zu Geschichte und Terminologie der gnostischen Erlösungsvorstellung, Heidelberg 1960, S.182.

[3] Hier möchte ich auf die Theorie der frühen Neuzeit verweisen, dass wir „in der besten aller möglichen Welten“ leben. In diesem Kontext wird ähnliches Gedankengut wie bei Lactantius aufgegriffen. Für nähere Ausführungen verweise ich auf die Theodizee von Leibniz.

[4] Vgl. Cicero, de natura deorum, übers. v. Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart 1995, I,64. Im Folgenden zitiert als: Cicero, de natura deorum, [unter Angabe der Textstelle].

[5] Vgl. Ernst v. Aster, Geschichte der Philosophie, Stuttgart 1954, S.98.

[6] Im Folgenden zitiert als: Lucretius, de rerum natura, [unter Angabe der Textstelle].

[7] Dabei kann kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, da Lactantius nicht an jeder Stelle implizit zum Ausdruck bringt, dass er hier auf Lucretius Bezug nimmt, und bei einigen Stellen umstritten ist, ob hier auf Lucretius angespielt wird oder nicht. (Siehe Kapitel 2.2.1).

[8] Vgl. Susanne Gatzemeier, Lukrezzitat und –paraphrase bei Laktanz, in: Fremde Rede – Eigene Rede. Zitieren und verwandte Strategien in antiker Prosa, hrsg. v. Ute Fischer u.a., Frankfurt am Main 2010. S. 156. Im Folgenden zitiert als: Gatzemeier, Lukrezzitate bei Laktanz, [mit Seitenangaben].

[9] Hier sei eine Vergleichsstelle mit analoger Thematik in Lactantius‘ Schrift de vita beata genannt. Vgl. hierzu die folgende Darstellung: Eberhard Heck, Die dualistischen Zusätze und die Kaiseranreden bei Lactantius, Heidelberg 1972, S.90f.

[10] Lactantius, de opificio Dei, IV,1. Zitat:Ebenso beklagen sie sich darüber, dass der Mensch Krankheiten und frühzeitigem Tod unterworfen ist.

[11] Zur Interpretation dieses Abschnittes vgl. Jürgen Schmidt, Lukrez, der Kepos und die Stoiker. Untersuchung zur Schule Epikurs und zu den Quellen von „ De rerum natura “, Frankfurt am Main 1990, S. 195ff. Im Folgenden zitiert als: Schmidt, Lukrez, [mit Seitenangaben].

[12] Lucretius, de rerum natura, V,221f. Zitat: Warum bringen die Jahreszeiten Krankheiten mit sich? Warum schweift ein frühzeitiger Tod umher?

[13] Lactantius, de opificio Dei, III,1.Zitat: Sie [die Epikureer] klagen darüber, dass der Mensch allzu schwach und gebrechlich zur Welt kommt.

[14] Vgl. Marc Rozelaar, Lukrez. Versuch einer Deutung, Amsterdam 1943, S.95. Im Folgenden zitiert als: Rozelaar, Lukrez, [mit Seitenangaben].

[15] Vgl. Lucretius, de rerum natura, V,223ff. Zitat: Dann ferner ein Kind, das wie ein von wilden Wogen ansLandgeworfenerSchiffsbrüchigernacktamBoden daliegt,hilflos,einerjedenLebenshilfe bedürftig.

[16] Vgl. Gatzemeier, Lukrezzitate bei Laktanz, S. 160.

[17] Vgl. Lactantius, de opificio Dei, III,2.

[18] Die Metapher von Gott als Baumeister der Welt stammt ursprünglich aus dem Alten Ägypten mit Bezug auf den Gott Ptah, wurde dann von Platon übernommen und ausgearbeitet. Lactantius nimmt hierauf Bezug und instrumentalisiert die Metapher für den christlichen Gott. In der frühen Neuzeit wurde diese Metapher vor allem von Leibniz verwendet und zur Vollendung gebracht.

[19] Vgl. Lactantius, de opificio Dei, VI,1. Zitat: Ich kann an dieser Stelle mich nicht davon abhalten, kundzutun, wie wenig ich der Dummheit des Epikuros zustimme: von jenem ist ja all das, was Lucretius daherschwafelt, der, um aufzuzeigen, dass die Lebewesen nicht von irgendeinem Künstler göttlichen Geistes, sondern, wie er zu sagen pflegt, rein zufällig entstanden sind, sagte, zu Beginn der Welt seien einige unzählige andersartige Lebewesen von sonderbarer Gestalt und Größe entstanden, aber diese hätten nicht auf Dauer fortbestehen können, weil ihnen entweder die Möglichkeit, Nahrung aufzunehmen, oder die Grundvoraussetzung sexueller Fortpflanzung gefehlt hätte.

[20] Zum genetischen Fehlschluss vgl. Harry Gensler, Introduction to logic, New York 2010, S. 60. Im Folgenden zitiert als: Gensler, Logic, [mit Seitenangaben].

[21] Vgl. Lucretius, de rerum natura, V.837ff. Zitat: Damals versuchte die Erde sogar, zahlreiche Missgeburten zu erschaffen, die mit einem seltsamen Aussehen und seltsamen Gliedern gebildet wurden, Zwitterwesen, doppelgeschlechtlich ohne eindeutige Zuordenbarkeit, teilweise ihrer Füße beraubt, der Hände ermangelnd, stumm sogar mundlos, blind ohne Gesicht.

[22] Vgl. Lactantius, de opificio Dei, VIII,12.Zitat: Um dies freilich zu widerlegen, greift Lucretius zu einem höchst albernen Argument. Wenn nämlich der Geist, sagt er, durch die Augen sieht, so würde er noch mehr sehen, nachdem die Augen ausgebohrt und ausgestochen wurden, zumal da Türen, die mitsamt den Pfosten rausgerissen wurden, mehr Licht hineinlassen, als wenn sie verschlossen wären.

[23] Ebd. VIII,13. Zitat: Selbstverständlich waren diesem selbst oder eher Epikuros, der ihn gelehrt hat, die Augen ausgestochen, sodass sie nicht sahen, dass ausgestochene Augenringe […] überhaupt kein Licht einzulassen vermögen.

[24] Gensler, Logik, S.58.

[25] Lucretius, de rerum natura, III,367ff.Zitat: Wenn außerdem unsere Augen hier an Stelle der Türen sind, so muss doch anscheinend der Geist nach Entfernung der Augen eher Dinge sehen, weil ja das Tor beseitigt wurde.

[26] Für Struktur und Formalia logischer Argumente vgl. Gensler, Logic, S.7ff.

[27] Vgl. Gensler, Logic, S.153ff.

[28] Samuel Brandt nennt als Referenzstellen bei Horatius Epist. I 4,16. Vgl. Quintus Horatius Flaccus, Sämtliche Werke, hrsg. v. Bernhard Kytzler, Stuttgart 2006, I 4,16.

[29] Vgl. Centre Jean Palerne, Le De opificio Dei. Regards croisès sur l’anthropologie de Lactance, l’Universitè de Saint-Ètienne 2007, S.24.

[30] Vgl. Lactantius, de opificio Dei, XVIII.2.Zitat: Diejenigen, die sagen, Seele und Geist seien ein und dasselbe, orientieren sich an folgendem Grundsatz: Dass man weder leben kann ohne zu fühlen, noch fühlen kann, ohne zu leben, und deshalb kann das, was seiner Beschaffenheit nach untrennbar ist, auch nicht voneinander verschieden sein, sondern es habe, was auch immer jenes ist, sowohl Lebenstätigkeit als auch die Möglichkeit des Fühlens zu eigen.

[31] Animus und anima werden auch in der Psychologie streng voneinander getrennt. Dazu möchte ich auf folgende Literatur verweisen: Emma Jung, Animus und Anima, Zürich 1967.

[32] Analog dazu vgl. Cicero, de natura deorum, II.134f.

[33] Vgl. Lactantius, de opificio Dei, X.13.

[34] Lucretius bezieht sich dabei inhaltlich auf Thukydides, beschreibt aber mit leidenschaftlicherer und metaphorischerer Sprache die Symptome der Pest als Thukydides. Vgl. Norbert Blößner, ,Tragische‘ Partien bei Lucrez, in: Enkyklion Kpion, hrsg. v. Markus Janka, München 2004, S.125.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Lucretius im Spiegel des Lactantius
Untertitel
Analyse der Rezeption von Lucretius-Zitaten in Lactantius' apologetischem Traktat de opificio Dei
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Latinistik)
Veranstaltung
Laktanz, de opificio Dei
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V187617
ISBN (eBook)
9783656111122
ISBN (Buch)
9783656110903
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Laktanz, Lactantius, Lukrez, Lucretius, de opificio Dei, de rerum natura
Arbeit zitieren
Domenic Schäfer (Autor), 2011, Lucretius im Spiegel des Lactantius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187617

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