In Lucretius' Werk de opificio Dei wurde Lactantius mehrfach zitiert. Die Zitate wurden in vorliegender Seminararbeit zunächst allgemein vorgestellt und analysiert. Im Anschluss wurden zwei von diesen Zitaten ausführlicher erläutert. Im Zentrum sollen zwei Fragen stehen: (1) Wann wird Lucretius auf welche Art und Weise von Lactantius zitiert? Und (2) Warum wird er gerade hier zitiert und welche Absicht verfolgt Lactantius damit?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. KURZE VORSTELLUNG DER LUCRETIUS-ZITATE IN LACTANTIUS‘ WERK DE OPIFICIO DEI
2.1 ZITATE, DIE LACTANTIUS ENTSCHIEDEN ALS FALSCH EINSTUFT
2.1.1. Über die Anfälligkeit des Menschen gegenüber Krankheiten und Tod
2.1.2. Über die Hilflosigkeit in der Kindheit (Lact. III.1)
2.1.3. Über die Entstehung von Ungeheuern
2.1.4. Über die menschlichen Augen
2.1.5. Über die Bedeutungsunterschiede der Worte anima und animus
2.2 NEU UMGEDEUTETE LUCRETIUS-ZITATE BEI LACTANTIUS
2.2.1 Über die Zunge als interpres animi
2.2.2. Über die Entstehung des Menschen aus himmlischen Samen
3. AUSFÜHRLICHE INTERPRETATION AUSGEWÄHLTER ZITATE VON LUCRETIUS IN DE OPIFICIO DEI
3.1 UNTERSCHIEDLICHE REZEPTION DER PROBLEMATIK UM KRANKHEIT UND TOD MIT BEZUG AUF DAS LUCRETIUS-ZITAT BEI LACT. IV.1
3.1.1. Grundlegende Problematik des Zitats bei Lucretius
3.1.2. Einbettung des Zitats in Lactantius‘ Werk
3.2 LUCRETIUS IM SELBSTWIDERSPRUCH? AUSLEGUNG DER TEXTSTELLE IN LACT. XIX.3 IN DE OPIFICIO DEI
3.2.1. Übersetzung eines Chorliedes von Euripides
3.2.2. Inhaltliche Interpretation der Textpassage in Lucretius-Übersetzung unter Einbeziehung von Lucretius‘ scheinbarem Selbstwiderspruch
3.2.3. Die Argumentation bei Lactantius auf dieser Grundlage
4. SCHLUSSWORT
5. ANHANG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Verwendung von Zitaten des römischen Philosophen Lucretius in der apologetischen Schrift "de opificio Dei" des Kirchenvaters Lactantius. Dabei steht die Untersuchung im Vordergrund, wie Lactantius epikureisches Gedankengut nutzt, um seine eigene christliche Schöpfungslehre zu stützen oder die Lehre des Epikureismus durch gezielte, oft aus dem Kontext gerissene Zitate zu widerlegen oder ins Lächerliche zu ziehen.
- Analyse der Rezeption lucretianischer Zitate bei Lactantius
- Gegenüberstellung von christlicher Schöpfungslehre und Epikureismus
- Untersuchung von Zitierstrategien und rhetorischen Verzerrungen
- Interpretation von Textstellen zu Themen wie Krankheit, Tod und Seele
- Untersuchung der Umdeutung von Zitaten zur Bestätigung eigener Thesen
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Grundlegende Problematik des Zitats bei Lucretius
Betrachten wir zunächst dieses Zitat unabhängig von Lactantius im Lehrgedicht des Lucretius. ROZELAAR bringt hier die Quintessenz auf den Punkt: „Selbstverständlich leugnet er, dass die Erde als Ganzes eine göttliche Fürsorge und Obhut bemerkbar macht, und zwar, indem er auf die Makel hinweist, mit denen sie behaftet ist.“ Zu diesen Makeln zählen laut Lucretius eben auch Krankheiten und Tod.
Interessant ist es jedoch, die Aussagen des Lucretius mit denen seines Lehrmeisters zu vergleichen. Epikuros versucht, den Menschen die Todesangst zu nehmen:
„τὸ φρικωδέστατον οὖν τῶν κακῶν ὁ θάνατος οὐθὲν πρὸς ἡμᾶς͵ἐπειδήπερ
ὅταν μὲν ἡμεῖς ὦμεν͵ὁ θάνατος οὐ πάρεστιν͵ὅταν δὲὁ θάνατος παρῇ͵ τόθ΄ ἡμεῖς
οὐκ ἐσμέν."
Die Problematik besteht darin, dass Epikuros den Tod nicht als ein Übel sieht, Lucretius allerdings den Tod als Indiz für die Unvollkommenheit der Welt anführt, was gegen eine göttliche Schöpfung spricht. Das führt wiederum dazu, dass Lactantius behauptet, die Epikureer würden den Tod als Übel ansehen, beziehungsweise sich über ihn beklagen. Mit dieser Diskrepanz zwischen Lucretius‘ Aussage und Epikuros‘ Gedankengut an dieser Stelle befasst sich der Altphilologe Jürgen SCHMIDT ausführlicher. Laut SCHMIDT würde Lucretius auf eine Stelle von Ciceros Werk de natura deorum Bezug nehmen. Eine Interpretation dieser Referenzstelle und ihrer Rezeption bei Lucretius würde allerdings zu weit führen.
Gehen wir nun auf die Krankheiten bei Lucretius ein. Hier möchte ich ebenfalls auf die Interpretation von SCHMIDT verweisen: Lucretius beklagt sich nicht darüber, dass es Krankheiten gibt, sondern darüber, dass der Wechsel der Jahreszeiten Krankheiten mit sich bringt. Subjekt des Satzes ist anni tempora. Dadurch soll die stoische Behauptung, dass die Jahreszeiten ein Indiz göttlicher Schöpfung seien, widerlegt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Lactantius als Apologet heraus und führt in die zentrale Rolle von Lucretius als Hauptquelle für den Epikureismus im Werk "de opificio Dei" ein.
2. KURZE VORSTELLUNG DER LUCRETIUS-ZITATE IN LACTANTIUS‘ WERK DE OPIFICIO DEI: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die sieben wesentlichen Textstellen, bei denen Lactantius auf Lucretius zurückgreift, unterteilt in kritische Auseinandersetzung und inhaltliche Übernahme.
2.1 ZITATE, DIE LACTANTIUS ENTSCHIEDEN ALS FALSCH EINSTUFT: Hier werden Zitate analysiert, bei denen Lactantius die Position des Lucretius als falsch oder abwegig darstellt, um die eigene Theorie zu legitimieren.
2.1.1. Über die Anfälligkeit des Menschen gegenüber Krankheiten und Tod: Untersuchung der Argumentation von Lactantius gegen die epikureische These, dass menschliches Leid ein Gegenbeweis für göttliche Vorsehung sei.
2.1.2. Über die Hilflosigkeit in der Kindheit (Lact. III.1): Analyse der Textstelle, in der Lactantius die Schilderung der menschlichen Bedürftigkeit durch Lucretius zur Stützung seiner Schöpfungstheologie umdeutet.
2.1.3. Über die Entstehung von Ungeheuern: Darstellung, wie Lactantius die Theorie von Lucretius über missgebildete Lebewesen als abwegig zurückweist, um die sinnvolle Konstruktion des Körpers zu betonen.
2.1.4. Über die menschlichen Augen: Analyse einer Passage, in der Lactantius Lucretius mit einer "straw man"-Argumentation angreift, um dessen Sichtweise als lächerlich darzustellen.
2.1.5. Über die Bedeutungsunterschiede der Worte anima und animus: Betrachtung einer philosophischen Differenzierung zwischen Seele und Geist, bei der Lactantius die Argumente gegen die Epikureer abwägt.
2.2 NEU UMGEDEUTETE LUCRETIUS-ZITATE BEI LACTANTIUS: Analyse von Zitaten, die sich von den kritischen Stellen unterscheiden, da sie in einen neuen, teils umgedeuteten Kontext gestellt werden.
2.2.1 Über die Zunge als interpres animi: Untersuchung einer Textstelle, deren Zuordnung zu Lucretius unsicher ist und bei der die ursprüngliche Bedeutung stark vom lactantianischen Kontext abweicht.
2.2.2. Über die Entstehung des Menschen aus himmlischen Samen: Analyse eines Zitats, das eigentlich auf Euripides zurückgeht und von Lactantius zur Untermauerung seiner Theorie eines Schöpfergottes instrumentalisiert wird.
3. AUSFÜHRLICHE INTERPRETATION AUSGEWÄHLTER ZITATE VON LUCRETIUS IN DE OPIFICIO DEI: Detaillierte wissenschaftliche Analyse zweier ausgewählter Textpassagen unter Einbeziehung des breiteren philosophischen Kontextes.
3.1 UNTERSCHIEDLICHE REZEPTION DER PROBLEMATIK UM KRANKHEIT UND TOD MIT BEZUG AUF DAS LUCRETIUS-ZITAT BEI LACT. IV.1: Untersuchung der Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Aussage des Lucretius und der Auslegung durch Lactantius bezüglich Leid und Vorsehung.
3.1.1. Grundlegende Problematik des Zitats bei Lucretius: Historisch-kritische Betrachtung des ursprünglichen Zitats bei Lucretius unter Berücksichtigung der epikureischen Lehre.
3.1.2. Einbettung des Zitats in Lactantius‘ Werk: Analyse, wie Lactantius das Zitat rhetorisch in seinen apologetischen Rahmen einfügt.
3.2 LUCRETIUS IM SELBSTWIDERSPRUCH? AUSLEGUNG DER TEXTSTELLE IN LACT. XIX.3 IN DE OPIFICIO DEI: Untersuchung der Frage, ob Lucretius bei der Verwendung eines Chorliedes von Euripides in einen Selbstwiderspruch zu seiner Atomlehre gerät.
3.2.1. Übersetzung eines Chorliedes von Euripides: Rückführung der Textstelle auf den griechischen Mythos und das Werk des Euripides.
3.2.2. Inhaltliche Interpretation der Textpassage in Lucretius-Übersetzung unter Einbeziehung von Lucretius‘ scheinbarem Selbstwiderspruch: Untersuchung der poetischen Funktion des Zitats im Rahmen der Atomlehre des Lucretius.
3.2.3. Die Argumentation bei Lactantius auf dieser Grundlage: Analyse, wie Lactantius die Euripides-Übersetzung bei Lucretius für seine christliche Argumentation nutzt, ohne den antiken Ursprung zu nennen.
4. SCHLUSSWORT: Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse über die Rolle von Lucretius als wichtiger, aber oft verzerrt rezipierter Zeuge für Lactantius.
5. ANHANG: Zusammenstellung der behandelten Zitate mit Stellenangaben und deutschen Übersetzungen.
Schlüsselwörter
Lactantius, Lucretius, Epikureismus, Schöpfungslehre, Apologetik, de opificio Dei, Vorsehung, Providentia, Antike Philosophie, Rezeptionsgeschichte, Zitat, Paraphrase, Euripides, Atomlehre, Christliche Theologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit untersucht, wie der christliche Apologet Lactantius in seinem Werk "de opificio Dei" Zitate des römischen Dichters und Philosophen Lucretius verwendet, um seine Schöpfungstheologie zu stützen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Auseinandersetzung zwischen christlichem Schöpfungsglauben und epikureischer Atomtheorie sowie der Analyse von Zitiertechniken und der rhetorischen Verzerrung von Primärquellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Lactantius die Argumente seines Gegners (Lucretius) durch gezielte Auswahl und Kontextänderung entweder als abwegig darstellt oder sie für seine eigene Lehre vereinnahmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt die historisch-kritische Methode, vergleicht Primärtexte mit den Auslegungen der Forschungsliteratur und analysiert Argumentationsstrukturen sowie Zitatverfälschungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Zitate in Kapitel 2 und eine tiefgehende Interpretation ausgewählter Passagen in Kapitel 3, insbesondere bezüglich der Thematiken Krankheit, Tod und Seele.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Lactantius, Lucretius, Apologetik, Schöpfungslehre, Epikureismus und Providentia.
Warum wird Lucretius von Lactantius zitiert, obwohl sie gegensätzliche Weltbilder vertreten?
Lactantius zitiert Lucretius vor allem, um eine "Gegenautorität" zu haben. Er möchte die Epikureer mit ihren eigenen Worten widerlegen oder zeigen, dass selbst ein Vertreter ihrer Lehre Elemente enthält, die seine eigene, christliche Sichtweise untermauern können.
Welche Rolle spielt Euripides in der Untersuchung von Kapitel 3.2?
Es wird festgestellt, dass ein von Lactantius als "lucretianisch" zitiertes Gedicht in Wirklichkeit eine Übersetzung des Euripides durch Lucretius ist. Lactantius nutzt dies, um einen scheinbaren Beweis für seine Schöpfungslehre zu konstruieren, während der ursprüngliche Kontext bei Euripides mythologisch, nicht theologisch geprägt ist.
Was bedeutet der "genetische Fehlschluss" in der Argumentation des Lactantius?
Es wird aufgezeigt, dass Lactantius versucht, die Thesen des Lucretius zu falsifizieren, indem er deren Entstehung auf "Dummheit" oder die epikureische Ideologie zurückführt, anstatt sich auf einer sachlichen Ebene mit den physikalischen Argumenten auseinanderzusetzen.
- Citar trabajo
- Domenic Schäfer (Autor), 2011, Lucretius im Spiegel des Lactantius, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187617