Rawls und seine Kritiker


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das konstruktive Zentrum der Theorie der Gerechtigkeit

III. Die Kommunitaristen und ihre Kritik an Rawls
III. 1. Ein Kommunitarismus-Überblick
III. 2. Michael Sandel
III. 3. Alasdair MacIntyre
III. 4. Charles Taylor
III. 5. Michael Walzer

IV. Rawls’ Reaktion auf die kommunitaristische Kritik

V. Schlussbetrachtung

VI. Literatur

I. Einleitung

Rawls 1971 erschienene Theorie der Gerechtigkeit erhielt soviel Aufmerksamkeit wie nur wenige andere philosophische Werke in der zweiten Hälfte des zwanzigs­ten Jahrhunderts. Der damalige Harvard-Professor John Rawls versucht Regeln eines fairen Gesellschaftsvertrags zu entwerfen, dem alle Gesellschaftsmitglieder ohne Wissen um ihre jeweilige Position in der Gesellschaft zustimmen würden. Als Grundlage dieser Gerechtigkeitskonzeption dient Rawls ein imaginärer Urzu­stand.

Rawls geht davon aus, dass jene Autoritäten, die den Gesellschaften der Vergangenheit als Orientierung gedient hätten - allen voran die Religion - in der Moderne ihre Bedeutung verloren hätten. Die moderne Gesellschaft stehe vor der Aufgabe verschiedenste Interessen unterschiedlicher Individuen miteinander zu vereinbaren, wozu es eines gemeinsamen Bezugspunkt bedürfe. Dieser Bezugs­punkt sei, über den Umweg der Institutionen, eine universelle Gerechtigkeitskon­zeption. Eine solche Konzeption bilde das gemeinsame Interesse aller Individuen, weil diese allein den Einzelnen die Garantie zur sicheren Verfolgung ihrer eigenen Ziele böte.[1]

Seit der Veröffentlichung dieser Theorie vor nunmehr 30 Jahren orientiert sich die systematisch betriebene Staatsphilosophie hauptsächlich an Rawls’ Ar­gumenten, so dass dieser in vielen Kreisen als „Initiator und Zentrum der gege n- wärtigen Renaissance der Staatsphilosophie“ betrachtet wird.[2]

Inhaltlicher Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit ist das konstruktive Zentrum der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie sowie die damit verbundene De­batte um die Theorie der Gerechtigkeit, die bis in die Gegenwart anhält, darzule­gen.

II. Das konstruktive Zentrum der Theorie der Gerechtigkeit

Rawls Ziel ist der Entwurf einer real funktionsfähigen Gerechtigkeitskonzeption für eine konstitutionelle Demokratie bestehend aus freien, vernünftigen und gleichberechtigten Bürgern.[3] Zu diesem Zweck konstruiert er einen fiktiven Urzu­stand, in dem sich die Mitglieder der zukünftigen Gesellschaft zusammenfinden, um einen gerechten Gesellschaftsvertrag zu entwerfen. Als gerecht betrachtet Rawls diese Gesellschaftsordnung dann, wenn jedes Mitglied dem Vertrag poten­tiell zustimmen könnte. Entscheidend ist bei Rawls das Gedankenexperimentes des Urzustandes, den er auf eine neuartige Weise formuliert.

Der Anfangszustand, in den Rawls den Menschen versetzen will ist anders als bei Hobbes oder Locke kein Naturzustand. Während Hobbes und Locke einen rückwärtsgewandten Mythos des Naturzustandes formulieren, handelt es sich bei Rawls um einen abstakten, hypothetischen Urzustand, in dem die Menschen kein Wissen von ihren konkreten Zielen besitzen. Rawls setzt also der traditionellen Auffassung des Naturzustandes seinen eigenen Urzustand entgegen. Er weist in seinem Werk explizit mit folgenden Worten darauf hin:

In der Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß spielt die ursprüngliche Situation der Gleichheit dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertra­ges. Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zustand vor­gestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Si­tuation aufgefasst, die so beschaffen ist, dass sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvor­stellung führt.[4]

In diesem fiktiven Urzustand befinden sich alle Mitglieder an einem fairen Aus­gangspunkt. Voraussetzung für diesen ist der Schleier des Nichtwissens, d. h. dass sich die im Urzustand zusammentreffenden Personen in kollektiver Unkenntnis über ihren Platz in der Gesellschaft und ihre natürlichen Gaben befinden. Diese „faire“ Bedingung ist für die Wahl der Rawlsschen Gerechtigkeitskonzept ion vonnöten, da sonst „alle möglichen Verzerrungen unserer Wirklichkeit“[5] diese Konzeption beeinflussen, geradezu verfälschen würden. Damit kennen die Betei­ligten im Urzustand all das nicht, was zu Interessengegensätzen zwischen ihnen führen könnte. Wie diese Bedingungen aussehen sollen erklärt Rawls wie folgt:

Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, dass niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebenso wenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, dass die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psychologischen Nei­gungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtswissens festgelegt.[6]

Diesem Schleier des Nichtwissens, dem veil of ignorance, kommt mit die wich­tigste Rolle in Rawls’ Gedankenexperiment zu. Dadurch nämlich, dass sic h 1. alle in der gleichen Situation befinden und niemand durch natürliche oder durch ge­sellschaftliche Zufälligkeiten bevorzugt oder benachteiligt wird und 2. niemand in der Lage ist sich Grundsätze auszudenken, die ihn bevorzugen würden,[7] müssen „die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung“[8] sein.

Um zu verhindern, dass schon bei der Festlegung der grundlegenden Ge­rechtigkeitskonzeption Ungerechtigkeiten entstehen, sollen alle Entschlüsse unter einem Schleier des Nichtwissens getroffen werden, d. h. die an der Gesellschafts­gründung beteiligten Personen einigen sich auf die in der Gesellschaft gültigen Spielregeln ohne Kenntnis ihrer späteren Position, ihres Vermögens und ihrer Fä­higkeiten. Ohne dieses Wissen, seien die Menschen schon durch ihren Selbster­haltungstrieb gezwungen, die Grundlagen ihrer Verfassung so zu wählen, dass al­len späteren Mitgliedern der Gesellschaft eine annähernde Chancengleichheit und eine Mindestsicherheit zukommt.[9]

Nach diesem Gerechtigkeitskonzept sollen dann die Gesetze verfasst und die knappen Güter fair verteilt werden.[10] Damit ein solches Gerechtigkeitskonzept die an es gestellte Ansprüche erfüllen kann muss es verschiedene Bedingungen er­füllen: Die Prinzipien sind allgemeingültig und universell in ihrer Anwendung.

Sie sind öffentlich bekannt, dazu geeignet Streit- und Konkurrenzfalle zu schlich­ten und darüber hinaus stellen sie die letzte Berufungsinstanz dar.[11] Aus diesen Voraussetzungen folgert Rawls zwei Gerechtigkeitsgrundsatze, die sein konstruktives Zentrum darstellen:

Erster Grundsatz Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist. Zweiter Grundsatz Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a) sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offen stehen.[12]

Dem ersten Grundsatz kommt dabei lexikalische Priorität zu: Das bedeutet, dass der Inhalt des zweiten Grundsatzes erst dann zu realisieren ist, wenn die im ersten Grundsatz angesprochenen Grundrechte und Grundfreiheiten für alle garantiert sind.[13] Wie bereits oben erwähnt gelangt man Rawls’ Überlegungen zufolge zu diesen Grundsätzen, wenn man sich vorstellt, alle Beteiligten seien rationale Per­sonen, die unter ganz bestimmten fairen Bedingungen über die Grundsätze ihrer Gesellschaftsordnung entscheiden müssten. Welchen Stellenwert diese fairen Be­dingungen bei Rawls für die Konzeption seiner Gerechtigkeitstheorie haben, lässt sich daran erkennen, dass er seine Konzeption unter dem Begriff Gerechtigkeit als Fairneß zusammenfasst.

Zur Erläuterung des ersten Teils des zweiten Grundsatzes führt Rawls an anderer Stelle aus:

Nach dem Unterscheidungsprinzip ist sie (die Ungleichheit) nur gerechtfertigt, wenn der Unterschied in den Aussichten zum Vorteil der schlechter gestellten repräsentativen Per­son - hier des ungelernten Arbeiters - ausschlägt. Die Ungleichheit der Aussichten ist nur dann zulässig, wenn ihre Verringerung die Arbeiterklasse noch schlechter stellen würde.[14]

Die Ungleichheit selbst ist nach Rawls ein in der Gesellschaft verfügbares Fak­tum. Doch ist sie ein änderbares Faktum und der Begriff der Gerechtigkeit kommt dann bei der Wahl des Weges zur Änderung dieses Faktums wieder ins Spiel.

Den ersten Grundsatz („gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten“) nennt Rawls das Freiheitsprinzip. Mit diesem Namen ist beinahe unzertrennbar der Begriff vom Vorrang der Grundfreiheiten verbun­den. Dieser Vorrang der Grundfreiheiten - Priority of Liberty - ergibt sich aus der von Rawls vorgegebenen lexikalischen Ordnung.

Der zweite Grundsatz heißt nach Rawls auch Differenzprinzip. Dieses zweite Verteilungsprinzip der Theorie besagt zunächst, dass soziale und wirt­schaftliche Ungleichheiten - die durchaus zulässig sind - so beschaffen sein müs­sen, dass sie einerseits zu „Jedermanns Vorteil“ dienen und andererseits mit „Po­sitionen und Ämtern (...), „die jedem offen stehen“ verbunden sein müssen.

Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass das erste Verteilung s- prinzip ein Grundsatz rechtlich-politischer Gerechtigkeit ist, während das zweite Verteilungsprinzip ein Grundsatz der sozioökonomischen Gerechtigkeit ist.[15]

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Rawlsschen Konzeption - die eher an deontologischen Moralphilosophien anlehnt - ist die Absage an den lange Zeit in der anglo amerikanischen Staatsphilosophie vorherrschenden Utilitarismus. Wegen seiner philosophiegeschichtlichen Bedeutung unterzieht Rawls den Utilita­rismus einer differenzierten Kritik, um dann seinen eigenen konstruktiven Gegen­entwurf vorzulegen.[16] Nach Rawls’ Auffassung verlangt die Idee der Gerechtig­keit einer Unverletzlichkeit jeder einzelnen Person, die nicht durch das Wohlerge­hen der ganzen Gesellschaft degradiert werden darf. Die Tatsache, dass nach utili­taristischen Überlegungen der Nachteil des einen durch den Vorteil des anderen aufzuwiegen sei, steht für Rawls im fundamentalen Widerspruch zur Gerechtig­keit im Sinne von Fairness, demzufolge jeder als Individuum anzuerkennen ist.[17]

Die Rawlssche Theorie fand in allen Lagern der Staatsphilosophie große Resonanz. Sein Werk stieß selbst bei Kritikern auf große Anerkennung, wobei ei­ne inhaltliche Auseinandersetzung, vor allem entlang traditioneller Staatsphiloso­phien entbrannte.

Die nachhaltigste und insgesamt wohl lebhafteste Debatte um die Theorie der Gerechtigkeit aber entstand zwischen Liberalisten und Kommunitaristen, auf die im folgenden Kapitel eingegangen werden soll.

III. Die Kommunitaristen und ihre Kritik an Rawls

III. 1. Ein Kommunitarismus-Überblick

Das Ziel der Kommunitaristen - manchmal auch als Kommunitarier bezeichnet - ist die Wiederherstellung der Autorität der gesellschaftlichen Moral. Eine als Ein­führung gut geeignete Zusammenfassung der Debatte liefert der deutsche Philo­soph Wolfgang Kersting in einem 1993 erschienen Aufsatz Liberalismus und Kommunitarismus. Zu einer aktuellen Debatte.[18] Nach Kersting wurde der Grund­stein der aktuellen Debatte mit dem Erscheinen der Rawlsschen Gerechtigkeits­theorie gelegt. Der Kommunitarismus entstand in den achtziger Jahren als Gegen­strömung zum neubelebten Liberalismus, der die politische Kultur der vorange­gangenen Jahre dominiert hatte. Er wendet sich gegen eine kontraktualistische - d. h. auf einem Gesellschaftsvertrag beruhende - Rechtfertigungstheorie von Normen, deren Anspruch auf Universalität der eigenen Konzeption und den - ih­rer Meinung nach - mit liberalem Gedankengut einhergehenden und im Egoismus übersteigerten Individualismus. Statt als Individuum wird der Mensch als zoon politikon betrachtet, der nicht außerhalb seiner sozialen Wirklichkeit und der da­mit verbundenen Gemeinschaftswerte existiert und niemals existiert hat. Dement­sprechend wird eine Rückkehr zur verstärkten sozialen Integration des Individu­ums und zu einem auf Traditionswelten beruhenden Partikularismus propagiert. [19]

[...]


[1] vgl Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. 15. Auflage. Frankfurt am Main 1998, S. 47.

[2] vgl. Anderheiden, Michael: John Rawls. In: Information Philosophie. Oktober 1996, S. 36-39.

[3] vgl. Rawls, S. 39.

[4] Rawls, S. 28/29.

[5] Anderheiden, S. 37.

[6] Rawls, S. 29.

[7] vgl. Rawls, S. 29.

[8] Rawls, S. 29.

[9] vgl. Rawls, §24.

[10] vgl. Rawls, S. 21.

[11] vgl. Rawls, §23.

[12] Rawls, S. 336.

[13] vgl. Rawls, S. 82.

[14] Rawls, S. 98/99.

[15] vgl. Kersting, Wolfgang: John Rawls zur Einführung. Heidelberg 1993, S. 51.

[16] vgl. Höffe, Otfried: Einführung in Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit. In: Höffe, Otfried (Hg.): Klassiker Auslegen. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Akademie Verlag. Berlin 1998, S. 14f.

[17] vgl. Höffe 1998, S. 14f.

[18] vgl. Kersting, Wolfgang: Liberalismus und Kommunitarismus. Zu einer aktuellen Debatte.

In: Informationen zur Philosophie. Nr. 4, Hamburg 1993, S. 4-19.

[19] vgl. Kersting, S. 9f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rawls und seine Kritiker
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich 1, Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Rawls und seine Kritiker
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V187740
ISBN (eBook)
9783656113904
ISBN (Buch)
9783656113201
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
John Rawls, Michael Sandel, Alasdair MacIntyre, Charles Taylor, Michael Walzer, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Harvard, Gesellschaftsvertrag, Moral, Urzustand, Religion, Individualismus, Staatsphilosophie, Gerechtigkeitstheorie, Hobbes, Locke, Leviathan, Demokratie, konstitutionelle, Naturzustand, Fairness, Schleier des Nichtwissens, faire, Gerechtigkeit, kommunitaristische Kritik, Grundfreiheiten, Rechte, Verteilungsprinzip, sozioökonomischen Gerechtigkeit, Kommunitarismus, Partikularismus, zoon politikon, Werte, Gemeinschaftswerte, Liberalismus, Rechtfertigung, unencumbered self, ungebundene Selbst, radically situated subject, Liberalism and the Limits of Justice, präetabliert, moralische Normen, Loyalität, Patriotismus, prozeduralistisch, liberal, Gesellschaft, maximale Moral, minimale Moral, Kollision, Wertesysteme, Kersting, Ottfried Höffe, anglo-amerikanisch
Arbeit zitieren
M.A. Hasret Faßbender, geb. Akman (Autor), 2002, Rawls und seine Kritiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187740

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