Leistungsbeurteilung in der Schule - Ist Objektivität ausgeschlossen?


Examensarbeit, 2011
54 Seiten
Yasmin Tosun (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Funktionen der Leistungsbeurteilung
2.1 Selektionsfunktion
2.2 Berichts- und Kontrollfunktion
2.3 Pädagogische Funktion

3. Gütekriterien der Leistungsbeurteilung

4. Probleme bei der Leistungsbeurteilung
4.1 Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung
4.1.1 Soziale Bezugsnorm
4.1.2 Individuelle Bezugsnorm
4.1.3 Sachliche Bezugsnorm
4.2 Verzerrungen der Leistungsbeurteilung
4.2.1 Urteilsheuristiken
4.2.1.1 Verfügbarkeitsheuristik
4.2.1.2 Repräsentativitätsheuristik
- Vernachlässigung von Basisraten
- Missachtung des Extensionalitätsprinzips
- Fehlwahrnehmung von Zufälligkeit
4.3 Ankereffekt
4.3.1 Wie kommt der Ankereffekt zustande?
4.3.1.1 Selektive Zugänglichkeit
4.3.1.2 Verankerung und Anpassung
4.4 Pygmalion-Effekt

5. Alternative Form der Leistungsbeurteilung
5.1 Das Portfolio
5.1.1 Was ist ein Portfolio oder was verstehen wir unter einem Portfolio
5.1.2 Die Anwendung des Portfolios in der Grundschule
5.1.3 Vorarbeit und Implementierung
5.1.4 Beispiele für die Unterrichtsarbeit
5.1.5 Instrumente, die den Lernprozess begleiten
5.1.6 Schlussfolgerungen für die Grundschule

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Leistung ist uns im Alltag gegenwärtig. Doch was genau ist Leistung, wie und vor allem wie genau kann man sie messen? Spiegeln Zensuren wirklich immer die Leistung des Schülers wider, oder unterlaufen auch Lehrern bei ihren Beurteilungen im Schulalltag Fehler?

Im Schulsystem begegnet man immer häufiger dem Begriff Leistungsschule. Doch ist dieser Ausdruck in Zusammen­hang mit pädagogischen Zielen überhaupt in Einklang zu bringen? Furck (1975) meinte, dass ,Leistung' kein pädagogischer Begriff im eigentlichen Sinne ist, weil er nicht von der Person des Heranwach­senden, sondern von den Forderungen des Staates, der Gesellschaft, der Kultur usf. bestimmt wird.[1]

Hauptsächlich sollten nicht die Forderungen der Gesell­schaft, sondern die Fördermöglichkeiten eines Jeden im Vordergrund stehen.

Die Beurteilung der Leistung in Form von Zensuren ist aus dem heutigen Schulalltag kaum noch wegzudenken. Gerade deshalb ist es wichtig zu erforschen, ob sie gerechtfertigt sind. Die diagnostische Kompetenz der Lehrer spiegelt sich nicht nur in der Qualität der Notengebung wider, sie schlägt sich auch im objektiven Schulerfolg nieder. Nicht selten be­stimmen die Noten unseren zukünftigen Lebensweg. Sie be­einflussen unser Leben enorm, indem sie darüber entschei­den, auf welche Schule wir empfohlen werden und ob wir später studieren werden - ja sogar welchen Beruf wir er­greifen werden. Da so viele Entscheidungen unseres Lebens mit der Leistungsbeurteilung in der Schule Zusammenhän­gen, sollte eine Objektivität bei der Bewertung gewährleistet werden. Dass dieses zu hundert Prozent kaum möglich ist, kann man sich denken, jedoch sollte man darauf achten, dass das Urteil weitestgehend frei von sachfremden und subjektiven Einflüssen ist.

Auch spätere pädagogische Maßnahmen sind von der Leis­tungsbeurteilung abhängig, weshalb eine sorgfältige Diag­nose von Nöten ist.

Wenn subjektive Einstellungen der Examinatoren das Ergebnis eines Beurteilungsverfahrens nicht beeinflus­sen können, dann nennt man es objektiv.[2]

Objektiv heißt also nicht, ob das Urteil gerecht ist, oder nicht. Es bedeutet lediglich, dass verschiedene Beurteiler beim Prüfen auf nahezu dasselbe Ergebnis kommen wür­den.

Diese Arbeit wird sich der Leistungsbeurteilung widmen, ih­rer Messung und den damit verbundenen Konsequenzen für jedes Individuum und die Gesellschaft. Es soll erforscht werden, welche Eigenschaften uns bei der Diagnose von Leistung beeinflussen und wie man sie ggfs. vorbeugen kann. Einführen werde ich das Thema mit den Funktionen und den Gütekriterien der Leistungsbeurteilung. Danach folgt eine intensive Beschäftigung mit den Bezugsnormen, die einen Einflussfaktor in der Leistungsfeststellung darstel­len. Eingegangen wird später auf die Urteilsheuristiken und den Ankereffekt, welche eine Verzerrung in der Leistungs­beurteilung widerspiegeln. Auch der Pygmalion-Effekt, der kaum was mit Objektivität zu tun hat, soll näher erläutert werden. Abschließend soll die alternative Form der Leis­tungsbeurteilung - das Portfolio - vorgestellt werden, wel­ches in dem starren Notensystem eine eventuelle Verände­rung darstellen könnte.

2. Funktionen der Leistunqsbeurteilunq

In diesem Teil der Arbeit werde ich auf den Funktionsaspekt der Leistungsbeurteilung eingehen. Auch werde ich dabei auf Zensuren eingehen, da diese eine Form der Leistungs­beurteilung darstellen.

2.1 Selektionsfunktion

„Die Grundfunktion der Zensur ist die rangmäßig einstufen­de Beurteilung und Bewertung"[3]. Eigentlich soll damit die Leistung eines Schülers beurteilt werden, leider passiert es jedoch, dass durch die Zensurengebung eine persönliche Einstufung des Schülers stattfindet. Die Zensur entscheidet, ob der Schüler/in versetzt wird oder nicht und sie entschei­det darüber hinaus den weiteren Lebensweg. Auf welche Schule der Lernende empfohlen wird und welchen Beruf er später erlangen wird, ob er an einer Universität angenom­men wird, oder die Noten lediglich für eine Ausbildung rei­chen - all das hängt von der Leistungsbeurteilung in der Schule ab. Man kann sie als eine „Genehmigung zum Auf­steigen"[4] bezeichnen, da sie den Auf- oder Abstieg in der Gesellschaft mitbestimmt.

Im Bereich der Universitäten und Berufe haben Leistungs­feststellungen die ,Auslesefunktion\ Betriebe filtern durch die Noten vermeintlich gute Kandidaten von schlechten und wählen somit ihre zukünftigen Angestellten aus. Wenn nicht Erfahrungen in der Bewerbung genannt werden, entscheiden über 80% der Dienstgeber über die Bewerber anhand der Schulnote[5]. Besonders die Hauptfächer spielen bei der Aus­wahl eine große Rolle. Der Durchschnitt der Noten bestimmt insbesondere bei Universitäten über die Aufnahme von Schülern. Somit entscheidet die Beurteilung der Leistung den sozialen Auf- oder Abstieg eines Jeden.

2.2 Berichts- und Kontrollfunktion

Die Leistungsbeurteilung erfüllt eine Berichtsfunktion, wenn sie über den aktuellen Leistungsstand des Schülers infor­miert. Diese Information ist für Lehrperson, Eltern und Schüler/in gleichermaßen bedeutend.

Die Lehrperson kann sich durch die Beurteilung jederzeit ein Bild über den derzeitigen Leistungsstand eines Schülers ver­schaffen. Dadurch kann sie den Unterricht besser planen, indem sie überprüft ob die Schüler/innen dem Tempo des Unterrichtsstoffes folgen können oder wo noch Lücken beim Verständnis der Materie gegeben sind. Sie können bei Schü­lerinnen und Schülern gezielt Fördermaßnahmen treffen, wenn erkannt wird, dass die Person Schwierigkeiten beim Lernstoff hat, wenn im Gegensatz dazu der Großteil der Schüler keine Probleme hat.

Es muss aber nicht sein, dass die Ursache des Problems al­lein beim Schüler ist. Es kann auch genauso gut sein, dass die Lehrperson den Stoff nicht gut vermitteln kann oder, dass der Unterricht nicht effizient genug gestaltet ist. Dieses kann an dem Tempo des Lehrstoffes liegen oder aber auch an den Methoden, die für das Lehren eingesetzt werden. Deshalb sollte es gleichzeitig eine Anregung an den Lehrer stellen, seine Unterrichtsmethoden und den Unterrichtsstil noch mal zu überdenken und ggfs. daran zu arbeiten. Die Leistungsbeurteilung ist somit nicht nur eine Rückmeldung der Leistung des Schülers, sondern auch die des Lehrers selbst.

Viele Lehrer sehen aber leider die Fehler bei den Schülern, als sich zu fragen, was sie hätten besser machen können, um ein besseres Ergebnis zu erzielen. Als Beispiel möchte ich die Ergebnisse einer Untersuchung von Engelhardt (1979) hier vorstellen. In allgemeinbildenden Schulen wur­den fast tausend Lehrer/innen dazu befragt, was der Grund für die Lernprobleme seien. Die Lehrer/innen sahen die Gründe

zu 18% in der zu geringen Intelligenz der Schüler zu 25% im Desinteresse und in Konzentrationsschwä­chen

zu 24% in herkunftsbedingten Mängeln kognitiver und motivationaler Art

zu 21% in schulischen Bedingungen, die mitunter die Lernbereitschaft einschränken zu 11% in der schulischen und familialen Situation zu 1% in „sonstigen Gründen"[6]

Diese Untersuchung zeigt sehr gut, dass die Lehrer die Leis­tungsbeurteilung nicht als Rückmeldung der eigenen Leis­tung sehen, sondern dass sie versuchen, andere Ursachen für die Leistung der Schüler verantwortlich zu machen. Na­türlich kann es sein, dass die Schüler unkonzentriert etc.

sind, aber man sollte als Lehrkraft immer nachfragen, so­wohl bei den Schülern, als auch bei sich selbst, wo die Prob­leme liegen und was man besser machen kann.

Desweiteren hat die Leistungsbewertung für die Eltern eine Auskunftsfunktion. Sie können durch die Note den aktuellen Leistungsstand des Kindes erfahren, auf es aufmerksam gemacht werden und somit bei der Förderung mitwirken. Hier ist zu erwähnen, dass Eltern nicht immer fördernde Maßnahmen ergreifen, sondern auch von destruktiven Schritten, wie Hausarrest oder Schimpfen, Gebrauch ma­chen können. Deshalb wäre zu überlegen, ob eine mündli­che Beurteilung des Schülers in Begleitung seiner Eltern, nicht effektiver wäre, als eine starre schriftliche Note. Dabei könnte man den Eltern auch Ratschläge für Fördermöglich­keiten geben, da viele Eltern nicht wissen, wie sie handeln sollen oder wie sie das Kind am besten unterstützen kön­nen. Um pädagogisch sinnvoll zu werden, bedarf die schlechte Note zumindest einer verbalen Ergänzung[7], die mehr Klarheit schafft.

Für die Schüler/innen selbst stellt die Beurteilung der Leis­tung eine Selbstkontrolle dar. Sie wissen auf welchem Leis­tungsstand sie sich befinden und können ihre weitere Lern­weise steigern oder aber auch verringern. Aus diesem Grun­de kommt am Ende des Schuljahres die Note nicht überra­schend, da man regelmäßig Feedback bekommt, um noch weiter an seinem Leistungsstand zu arbeiten.

2.3 Pädagogische Funktion

Des Weiteren verkörpert die Beurteilung des Schülers eine Motivation. „Nichts motiviert stärker als der Erfolg, der u. a. auch durch die (gute!) Note ausgedrückt werden kann"[8]. Der Lernende wird in seiner Lernleistung bestätigt und ent­wickelt Interesse, seinen Lernstoffzu erhöhen.

Auch im Gegensatz zu seinen Mitschülern macht sich beim Lernenden selbst ein Konkurrenzverhalten deutlich - er möchte besser sein als seine Mitschüler und seine Leistung noch mehr steigern. Zwar ist dieses Wettkampfverhalten nicht die Absicht der Notengebung, jedoch ein Nebeneffekt, der auftreten kann. Dieses Konkurrenzverhalten muss sich aber nicht immer positiv auf die Schüler auswirken. Es kann ein Gruppendruck zwischen den Schülern entstehen, der den Lernfortschritt hemmt und das Klassenklima verschlechtert. Das führt dazu, dass die Leistungsbeurteilung als eine De­motivation angesehen wird. Das kann insbesondere bei schlechten Schüler/innen auftreten, die aufgrund ihrer Zen­sur keine Verbesserungsmöglichkeiten mehr sehen. Auch wenn immer ,die anderen' die besseren Noten kriegen als man selber, kann es zu diesem Effekt kommen. Man hat das Gefühl, dass die anderen so gut sind, dass man sie sowieso nicht einholen oder gar übertreffen kann. Diese Selbstzwei­fel stören nicht nur die Lernfreude, sie verringern auch das Selbstvertrauen des Schülers. Es kann dazu führen, dass man demotiviert ist und gar nicht mehr gewillt ist Leistung zu zeigen. Oft kommt es vor, dass Schüler/innen die Leis­tung nur noch erbringen, weil sie es erbringen müssen, um die gute Note zu erhalten. Das Interesse am Lernstoff selbst sinkt, da man nur noch die Note zum Bestehen erreichen möchte. Meistens wird auf Methoden zurückgegriffen, wie Abschreiben, Erregung von Mitleid etc. Dass es dabei eigent­lich um die Wissensvermittlung und der Messung des Stan­des des Wissens geht, wird oft außer Acht gelassen. Infol­gedessen entwickelt sich die intrinsische Motivation zurück. Die Schüler lernen nur noch dann, wenn eine Prüfung be­vorsteht, obwohl der eigentliche Sinn des Unterrichts darin liegt, sich auch über die Schulzeit hinaus mit den Lehrinhal­ten zu beschäftigen. Die extrinsische Motivation erhöht sich, gleichzeitig wird aber die Lernfreude verringert. „In den ers­ten Lebensjahren des Kindes steht die intrinsische Motivati­on im Vordergrund"[9]. Diese Motivation entwickelt sich nach und nach zu einer extrinsischen Motivation. Die Schuld dabei trägt nicht nur die Schule, auch die Eltern, die die „Noten als Maßstab für den Erfolg ihrer Kinder betrachten"[10], leisten ihren Beitrag dazu. Die Bildung gelangt immer mehr in den Hintergrund, wobei der Erfolg die Oberhand gewinnt. Aus diesen Gründen ist die Anreizfunktion der Leistungsbeurtei­lung sowohl positiv, als auch negativ zu betrachten.

Als Weiteres dient die Leistungsbeurteilung dazu, zu zeigen welche Forderungen erfüllt sein müssen, um ein bestimmtes Lernziel zu erreichen. Ohne ein Ziel vor Augen kann es vor­kommen, dass man nicht genügend auf die Situation vorbe­reitet ist. Wenn man jedoch bspw. eine befriedigend als Zensur erhalten hat, weiß man als Lernender, dass nach oben und unten noch Freiraum ist. Man kann mehr lernen und somit eine bessere Note erhalten, aber auch sein Ler­nen drosseln, was dann dazu führt, dass man wahrscheinlich seine Leistung verschlechtert.

3. Gütekriterien der Leistunqsbeurteilunq

Da die Vergabe von Noten unmittelbare und enorme Aus­wirkungen auf die persönliche, berufliche und gesellschaftli­che Entwicklung der Schüler hat, sollte eine ausgewogene und gerechte Leistungsbewertung gewährleistet werden.

Die Güte der Bewertung der Leistung wird bestimmt durch die Objektivität. Man unterscheidet drei Aspekte der Objek­tivität: Die Durchführungsobjektivität, die Auswertungsob­jektivität und die Interpretationsobjektivität11. Mit der Durchführungsobjektivität ist gemeint, dass die Messvor­gänge standardisiert sind. Dies bedeutet, dass es nicht da­von abhängt, wer misst. Auch ist damit gemeint, dass der Vorgang des Messens standardisiert ist, d. h. dieselben Auf­gaben gestellt werden. Bei der Auswertungsobjektivität geht es darum, dass ein einheitliches Auswertungsschema defi­niert und angewendet wird. Auch hier ist es egal, welcher Lehrer misst, wichtig ist das Anwenden einer uniformen Auswertung. Auswertungsobjektivität ist bei Multiple-choice- Aufgaben gegeben. Wenn die Aufgaben in freier Form zu formulieren sind, ist es schwieriger die Auswertungsobjekti­vität zu sichern.

Die Schülerleistung sollte von jeder Lehrkraft gleichartig in­terpretiert und bewertet werden, dann spricht man von Interpretationsobjektivität. Da es aber eine Vielzahl mögli­cher Interpretationen gibt, ist die Gewährleistung der Inter­pretationsobjektivität am schwersten.

Pädagogisch empfehlenswert wäre es, wenn die Lehrkraft am Anfang des Schuljahres darstellt, was sie genau erwar-[11] tet, damit man das Schuljahr erfolgreich abschließt. Die Be­rechnung der Jahresnote sollte geschildert werden, damit die Schüler/innen darüber aufgeklärt sind. Dabei sollte er­wähnt werden, welche „Teilleistungen in welcher Gewich­tung in die Jahresnote eingehen"[12]. Bei der Mitarbeitsnote sollte darauf hingewiesen werden, dass nicht nur die Quanti­tät zählt, sondern auch der Qualität besondere Bedeutung zukommt. Wenn die Leistungen in der Mitte des Schuljahres nicht den Anforderungen entsprechen, wäre es optimal, wenn die Lehrperson sich mit dem Schüler zusammensetzt und sie sich über geeignete Maßnahmen austauschen, um in Zukunft bessere Ergebnisse zu erzielen. Man könnte auf die Ursachen eingehen, warum der Schüler dieses Mal schlech­ter als vorher war. Dabei sollte man beachten, dass man den Schüler nicht persönlich angreift.

Motivational günstig ist es, bei der Rückmeldung auf Ursachen abzustellen, die vom Schüler kontrolliert werden können.[13]

Man sollte auf seinen Einsatz und seine Anstrengung einge­hen. Ziel sollte es sein, den Schüler dazu anzuspornen, dass wenn man beim nächsten Mal etwas mehr Fleiß zeigt, dass dann die Note sehr wahrscheinlich auch besser ausfallen wird. Demotivierend ist es, wenn man die Ursache als Zufall beschreibt oder auf mangelnde Begabung hinweist. Dadurch bekommt der Schüler das Gefühl, dass er das Ergebnis nicht beeinflussen kann. Dieses sollte vermieden werden.

Bei der Messung von Lernerfolgen unterscheidet man zwi­schen konvergenter und divergenter Produktion. Die kon­vergenten Leistungen lassen sich „in einem richtigen oder eindeutig besten Ergebnis ausdrücken"[14]. Damit ist gemeint, dass die Lernerfolge „ohne Verfremdung der Messung zu­gänglich"[15] sind.

Divergente Leistungen jedoch können nicht ohne Weiteres als richtig oder falsch bewertet werden. Das liegt daran, dass es nicht nur ein Ergebnis gibt, sondern mehrere „gleichwertige Ergebnisse"[16] erhalten werden können. Dazu gehört insbesondere der kreativ-künstlerische Bereich, bei dem das Thema „musikalisch, poetisch [oder] bildnerisch"[17] gestaltet werden kann.

Man kann nicht jedem Ziel in der Leistungsbeurteilung ge­recht werden. Wichtig ist, dass man das Verfahren der Leis­tungsbeurteilung je nach Ziel und Inhalt variiert. Nur so kann eine Optimierung von Lehr- und Lernprozessen er­reicht werden.

Ein Nachteil vom Ziffernzeugnis ist es, dass wir keine Auskunft darüber [erhalten], ob mangelnde Be­gabung, mangelnder Fleiß oder andere Ursachen dem Leistungsversagen zugrunde liegen.[18]

Idealer wäre es, wenn man die Noten mit entsprechenden Kommentaren vermerken könnte, indem der Leistungspro­zess geschildert und eventuelle Gründe für die Notenverga­be genannt werden.

Die Lernziele sollten klar definiert sein und bei Prüfung der Lernziele, sollten auch nur diese für das Fach bedeutsamen Ziele begutachtet werden. Damit ist gemeint, dass bspw. bei der Korrektur der Mathearbeiten, die Rechtschreibfehler nicht in der Bewertung mitberücksichtigt werden, da sie in diesem Fach nicht das Lernziel darstellen. Dieses bezeichnet man auch als Validität.

Ein weiteres Gütekriterium der Leistungsbeurteilung ist, dass man sich als Lehrkraft nicht von fremden Sachverhal­ten beeinflussen lässt. Das ist bspw. dann der Fall, wenn man denkt: ,Dieser Schüler kommt aus einem sozialen Brennpunkt, wenn ich ihn jetzt auf das Gymnasium weiter empfehle, wird er es sowieso nicht schaffen, da die Eltern ihn nicht fördern oder unterstützen werden'. So eine Heran­gehensweise ist falsch. Man darf nicht mit der Zukunft des Kindes spielen, indem man sich von subjektiven Sachverhal­ten, wie soziale Herkunft oder Aussehen etc., beeinflussen lässt.

Bei der Versetzung ist zu bemängeln, dass wenn man ver­setzt werden möchte, man fast den gleichen Stand wie seine Mitschüler/innen beim Bewältigen des Lernstoffs haben muss. Wenn man schlechter ist, muss man die Klasse wie­derholen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Schwierigkeiten in Mathematik oder Deutsch bestanden. Man muss die gan­ze Klasse wiederholen mit allen Fächern, obwohl man viel­leicht nur in zwei Fächern Verbesserungsbedarf hatte. Beim Wiederholen stellt man fest, dass die sitzengebliebenen Schüler nicht viel besser sind - meistens sogar schlechter - als das Jahr zuvor, obwohl sie den Stoff doch zum zweiten Mal durchnehmen und eigentlich besser können müssten. Womit hängt also dieser Leistungsrückstand zusammen? Weiss hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass „Re­petenten grundsätzlich schlechter beurteilt wurden, als ,al- tersrichtige' Schüler"[19]. Sogar die Fächer, die vorher keine

[...]


[1] Rudolf Weiss: „Funktionen der Leistungsbeurteilung in den Schulen". In: Weiss, Rudolf (Hg.): Leistungsbeurteilung in den Schulen- Notwen­digkeit oder Übel? Problemanalysen und Verbesserungsvorschläge Wien 1989. S. 40

[2] Karlheinz Ingenkamp: „Subjektive Fehlerquellen der Zensurengebung". In: Karlheinz Ingenkamp (Hg.): Die Fragwürdigkeitder Zensurengebung. Weinheim 1995. S. 69

[3] Walter Dohse: „Die Funktionen der Zensur". In: Karlheinz Ingenkamp (Hg.): DieFragwürdigkeit der Zensurengebung. Weinheim 1995. S. 56

[4] RudolfWeiss: „Aufgaben der Zensuren und Zeugnisse". In: Karlheinz Ingenkamp (Hg.): DieFragwürdigkeit der Zensurengebung. Weinheim 1995. S. 62

[5] vgl. Weiss: „Funktionen der Leistungsbeurteilung in den Schulen". S.34

[6] Weiss: „Funktionen der Leistungsbeurteilung in den Schulen". S.33

[7] vgl. Weiss: „Aufgaben der Zensuren und Zeugnisse". S. 65

Weiss: „Aufgaben der Zensuren und Zeugnisse". S. 64

[9] Weiss: „Funktionen der Leistungsbeurteilung in den Schulen". S.38

[10] Ebenda.

[11] Werner Sacher: Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. 4. Aufl., Stuttgart 2004. S. 35 f.

[12] Georg Hans Neuweg: Schulische Leistungsbeurteilung. Rechtliche Grundlagen und pädagogische Hilfestellungen für die Schulpraxis. Linz 2006. S. 116

[13] Neuweg: Schulische Leistungsbeurteilung. S. 124

[14] Karlheinz Ingenkamp & Urban Lissmann: Lehrbuch der Pädagogischen Diagnostik. Weinheim 2005. S. 133

[15] Ebenda.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda.

[18] Weiss: „Aufgaben der Zensuren und Zeugnisse". S. 62

[19] Rudolf Weiss: „Funktionen der Leistungsbeurteilung in den Schulen". S. 24

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Leistungsbeurteilung in der Schule - Ist Objektivität ausgeschlossen?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V187866
ISBN (eBook)
9783656114598
ISBN (Buch)
9783656114260
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leistungsbeurteilung, Effekt, Ankereffekt, Erziehungswissenschaft, Diagnose, Leistung, Beurteilung, Norm, Urteil, Portfolio
Arbeit zitieren
Yasmin Tosun (Autor), 2011, Leistungsbeurteilung in der Schule - Ist Objektivität ausgeschlossen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187866

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Leistungsbeurteilung in der Schule - Ist Objektivität ausgeschlossen?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden