Der lateinamerikanische Wirtschaftsraum zwischen regionaler Integration und wirtschaftlicher Kooperation


Vordiplomarbeit, 2006

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Kooperation und Integration im lateinamerikanischen Wirtschaftsraum

2. Akteure und Wirtschaftsbündnisse im lateinamerikanischen Wirtschaftsraum
2.1 Die Europäische Union
2.2 Der Gemeinsame Markt des Südens - Mercosur
2.2.1 Organe und Strukturen im Mercosur
2.3 Die regionalen Handelsbündnisse: CAN, CARICOM, ALADI und MCCA
2.3.1 CARICOM
2.3.2 ALADI
2.3.3 MCCA - Der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt
2.4 Süd-Süd Bündnisse und Importsubstitution
2.5 NAFTA
2.6 FTAA

3. Sozioökonomische Differenzen im Kontext der FTAA

4. Fazit - freie Märkte oder regionale Integration (Kooperation vs. Integration)?
4.1 Mercosur - Integrationsmotor Lateinamerikas
4.2 Brasilien als Führungsmacht im Mercosur und lateinamerikanischen Integrationsprozess

5. Literaturverzeichnis
5.1 Vertragsverzeichnis
5.2 Allgemeine Übersichten

1. Kooperation und Integration im lateinamerikanischen Wirtschaftsraum

Die Ideen regionaler Integration und wirtschaftlicher Kooperation haben mit dem Ende der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts und der Systemtransformation nach 1990 in vielen Ländern Lateinamerikas und der Karibik neue Impulse erhalten. Mittlerweile gehören fast alle Lateinamerikanischen Staaten einem oder mehreren (sub-)regionalen Integrationsbündnissen an. Diese Entwicklung steht auch im unmittelbaren Zusammenhang mit der weltweit zu beobachtenden Tendenz der Formierung von regionalen Wirtschaftsblöcken (z.B. ASEAN, NAFTA, EU). Den Aspekten marktorientierter wirtschaftlicher Kooperation und regionaler Integration kommt im amerikanischen Wirtschaftsraum eine besondere Bedeutung zu. Die Reaktionen der lateinamerikanischen Staaten auf die Verwirklichung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone, der FTAA/ALCA, sind sehr unterschiedlich. Vielfach steht dem Projekt eine USA kritische Haltung gegenüber und eigene integrativere Modelle gewinnen wieder zunehmend an Attraktivität.

Vom 4. bis zum 5. November 2005 tagte in Mar del Plata in Argentinien der vierte Amerikagipfel (Cumbre de las Américas oder Summit of the Americas) der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Der Cumbre de las Americas ist eine Konferenz aller amerikanischen Staatspräsidenten von Alaska bis Feuerland mit Ausnahme von Kuba. Auf dem Gipfel sollte endgültig eine gemeinsame Freihandelszone, die FTAA/ALCA, für ganz Amerika beschlossen werden und ein Amerika ohne ökonomische Grenzen von Alaska bis Feuerland geschaffen werden (www.ftaa-alca.org).

Proteste gegen das geplante Freihandelsprojekt werden schon länger in den Amerikas artikuliert. Auf dem letzten Amerikagipfel, wie auch bei allen vergangenen Gipfeltreffen, wurde eindrucksvoll gegen dieses Freihandelsprojekt demonstriert:

Die Positionen der Anti-ALCA-Demonstration in Miami 2003

„No“ al ALCA

Der ALCA-Vertrag als Süderweiterung der NAFTA bedeutet Souveränitätsverluste für die lateinamerikanischen Länder!

Der ALCA-Vertrag wird unter Ausschluss der Zivilgesellschaft ausgehandelt! Freihandel gefährdet Arbeitsrechte und Arbeitsplätze!

Freihandel beschleunigt die Umweltzerstörung!

ALCA schadet den Landwirten!

ALCA bedeutet Privatisierung grundlegender Dienstleitungen! ALCA = Verbreitung genmanipulierter Produkte!

ALCA erhöht Armut und Ungleichheit! Es gibt Alternativen zu ALCA!

[Quelle: www.bbc.co.uk/spanish/, 21.11.2003]

Mehr als 50000 Menschen kamen in Mar del Plata zusammen um friedlich gegen den Gipfel und die FTAA zu demonstrieren. Protestaktionen fanden auch in vielen anderen Städten Argentiniens und Lateinamerikas statt. Aufgerufen hatten dazu etwa 500 soziale, kulturelle und politische Gruppierungen[1]. Die Proteste richten sich gegen die USA und die FTAA. Der Summit of the Americas, so die Hoffnungen der USA, sollte ein weiterer wichtiger Schritt für die geplante gesamtamerikanische Freihandelszone FTAA sein. Die Rolle der USA als Hegemonialmacht auf dem amerikanischen Kontinent steht zur Disposition. Die gewaltigen Proteste um die FTAA zeigen welches große Interesse die lateinamerikanische Bevölkerung an einer nachhaltigen und fairen Ausgestaltung der wirtschaftlichen Integrationsbestrebungen hat. Auch viele Regierungen des lateinamerikanischen Kontinents sind zunehmend kritisch gegenüber der FTAA und bringen verstärkt eigene Bündnisse ins Spiel[2].

Der Mercosur ist ein eigener Integrationsansatz in Lateinamerika. Dafür sprechen seine Entstehungsgeschichte, als auch seine Zielsetzungen. Der Mercosur ist ein wirtschaftliches Integrationsprojekt das Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay 1991 konstituiert haben mit dem Ziel ein der Europäischen Union vergleichbares Wirtschaftsbündnis aufzubauen.

Der „Gemeinsame Markt des Südens“, der Mercosur steht den Interessen der USA als eigenes Modell entgegen und gewinnt mit der ablehnenden Haltung vieler südamerikanischer Staaten gegenüber der FTAA wieder zunehmend an Attraktivität. Brasilien, als stärkster Macht im Mercosur, fällt hier die Führungsrolle zu und muss die Herausforderungen annehmen und die lateinamerikanische Wirtschaft von US Interessen emanzipieren (Sangmeister 2002:59). Um einen differenzierteren Einblick in diesen „Wettlauf um Südamerika“ geben zu können, wird eine Darstellung des amerikanischen Wirtschaftraums[3] einen Überblick verschaffen, die „konkurrierenden“ Projekte der FTAA und des Mercosur werden genauer vorgestellt und auf ihre integrativen Elemente hin untersucht (Gratius 2002:138). Darüber hinaus wird versucht der Frage nachzugehen, ob es Brasilien als regionale Führungsmacht und stärkstes Mercosur Mitglied gelingt, der Motor im lateinamerikanischen Integrationsprozess zu werden.

2. Akteure und Wirtschaftsbündnisse im lateinamerikanischen Wirtschaftsraum

Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Akteure auf dem amerikanischen Kontinent sind die USA als Befürworter und Initiator der Freihandelsidee, die auch mit der NAFTA bereits für Nordamerika und Mexiko existiert, sowie Brasilien als Hauptakteur Südamerikas und des Mercosur, die Europäische Union als starker und einflussreicher Handelpartner sowie mehrere subregionale lateinamerikanische Wirtschaftsbündnisse.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind die stärkste Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent. Die Idee eine gesamtamerikanische Freihandelszone zu schaffen wird von den USA schon lange verfolgt (Nolte 2002: 11; Sangmeister 2003a:30), ein erster Erfolg war die Gründung der NAFTA (North American Free Trade Agreement) zwischen den USA, Kanada und Mexiko. Das Abkommen trat am 1. Januar 1994 in Kraft. Kernpunkt des Abkommens ist die Liberalisierung des Außenhandels, doch geht die zwischenstaatliche Kooperation über diesen Bereich hinaus, so umfasst das Vertragswerk neben Regelungen zum Abbau tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse im Güter- und Dienstleistungsverkehr auch Bestimmungen zum Umgang mit Direktinvestitionen sowie zur Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards (Sangmeister/Melchor del Rio 2003: 247-248). Mit diesem Abkommen konnte sich Mexiko als erstes Land Lateinamerikas den bevorzugten Zugang zu den Märkten zweier Industrieländer verschaffen (Henkel 2003: 148). Fast alle anderen Volkswirtschaften Lateinamerikas misstrauen traditionellerweise einer Anbindung an die USA und bevorzugen regionale Süd-Süd-Bündnisse (Sangmeister 2003: 22). Hauptakteure in diesen Regionalbündnissen sind vor allem Brasilien und Argentinien. Diese sind als größte Länder Südamerikas die klassischen Gegenspieler der USA und versuchen, mit wachsender Unterstützung in Südamerika, die US amerikanischen „Hegemoniebestrebungen“ (FTAA) einzugrenzen und mit eigenen Bündnissen z.B. dem des Mercosur die regionale und wirtschaftliche Integration zu gestalten.

2.1 Die Europäische Union

Die Europäische Union spielt im lateinamerikanischen Wirtschaftsraum eine besondere Rolle. Im Gegensatz zu den meisten lateinamerikanischen Staaten sind nicht die USA, sondern die EU-Mitgliedsstaaten der bedeutendste Wirtschaftspartner des Mercosur. Der Mercosur wickelt knapp ein Drittel seines gesamten Außenhandels mit der EU ab und erhält das Gros der Direktinvestitionen (ca. 47 Prozent) aus Europa. Die EU hat die Entwicklung des Mercosur mit großem Interesse verfolgt und ihre Beziehungen zu den vier Mitgliedsstaaten stetig ausgebaut (Gratius 2001:50). Das ist unmittelbar auf die europäischen Wirtschaftsinteressen in Südamerika zurückzuführen, aber auch auf die Überzeugung, dass mit dem Mercosur in Lateinamerika zum ersten Mal ein förderungswürdiger Integrationsraum mit guten Erfolgsaussichten entstanden ist. Der Mercosur ist der bedeutendste Wirtschaftspartner der EU in Lateinamerika und innerhalb der Subregion hat Brasilien als wichtigster Außenhandelspartner der EU in der Gesamtregion eine herausragende Stellung. Traditionell gehen bis zu 50 Prozent der Ausfuhren nach und 70 Prozent der europäischen Direktinvestitionen in Lateinamerika in die Länder des Mercosur (Privatisierungsprogramme, Transport, Energie, Automobilindustrie und Dienstleistungen). Die EU befindet sich gegenwärtig in Verhandlungen über eine Handelszone Mercosur-EU (Europäische Kommission 2001: 350).

2.2 Der Gemeinsame Markt des Südens - Mercosur

Mercosur ist die Abkürzung für Mercado Común del Sur (Gemeinsamer Markt des Südens). Die portugiesische Bezeichnung lautet MERCOSUL für Mercado Comum do Sul. Der Mercosur konstituierte sich durch Unterzeichnung des Vertrages von Asunción vom 26. März 1991. Gründungsmitglieder des Mercosur sind Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, sowie als assoziierte Staaten Bolivien (1997) Chile (1996) und Peru (2003). Die Ziele des Mercosur finden sich in der Präambel des Vertrags von Asunción:

- die Vergrößerung der nationalen Märkte der Mitgliedstaaten als fundamentale Bedingung zur Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse unter Berücksichtigung der sozialen Gerechtigkeit; dies soll unter Beachtung des Schutzes der Umwelt, sowie durch die Verbesserung der Infrastruktur zwischen den Mitgliedstaaten, durch die Koordination der makroökonomischen Politiken und durch die Ergänzung sektoraler Politiken erreicht werden
- eine adäquate Einbindung der Mitgliedstaaten in das internationale Gefüge der großen Wirtschaftsblöcke
- die Förderung der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung der Mitgliedstaaten (dadurch soll eine Verbesserung des Angebots und der Qualität der Güter und Dienstleistungen und somit die Verbesserung der Lebensbedingungen erreicht werden) und
- die Herbeiführung einer immer umfassenderen Union zwischen den Völkern.

Diese Ziele sollen laut Art. 1 des Vertrages von Asunción durch die Schaffung eines gemeinsamen Marktes bis zum 31. Dezember 1994 erreicht werden:

- den freien Verkehr von Gütern, Dienstleistungen und Produktionsfaktoren zwischen den Mitgliedstaaten; unter anderem durch die Abschaffung von Zöllen, nicht-tarifären Handelshemmnissen und jedweden anderen Maßnahmen gleicher Wirkung;
- die Einrichtung eines gemeinsamen Außenzolls und die Festlegung einer gemeinsamen Handelspolitik gegenüber Drittstaaten oder Gruppierungen von Staaten und die Koordinierung der Positionen in regionalen und internationalen Wirtschaftsforen;
- die Koordination der makroökonomischen und sektoralen Politiken zwischen den Mitgliedstaaten, dazu gehören: die Außenhandelspolitik, die Agrarpolitik, die Industriepolitik, die Fiskal-, Geld-, Wechselkurs-, und Kapitalmarktpolitik, die Dienstleistungspolitik, die Zollpolitik, die Verkehrspolitik, die Kommunikationspolitik und andere Politiken, auf die man sich einigt, um adäquate Bedingungen für den Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten zu schaffen; und
- die Zusage der Mitgliedstaaten, ihre Gesetzgebung in den betreffenden Gebieten zu harmonisieren, um eine Stärkung des Integrationsprozesses zu erreichen.

Mit dem Ende der 90er Jahren ist die Entwicklung des Mercosur etwas ins Stocken geraten (Gratius 2002a:115), im Jahr 2000 wurde von den Mitgliedstaaten eine neue Etappe der regionalen Integration eingeläutet, diese nannten Sie "Relanzamiento del Mercosur" (Neustart des Mercosur). Er hat zum Ziel die Zollunion nach Innen und nach Außen zu stärken. Die Regierungen der Mitgliedstaaten haben die Konvergenz und Koordination der Makroökonomie unterstrichen. So will man eine nachhaltigen Fiskal- und monetäre Politik erreichen, um die Stabilität der Preise zu garantieren. Des Weiteren soll sich der Mercosur nach diesem Neustart mit folgenden Teilbereichen intensiv beschäftigen:

- Zugang zu den Märkten
- Beschleunigung der Zollabfertigung
- Anreize in den Bereichen der Investition, Produktion, Ausfuhr
- Gemeinsamer Zolltarif
- Wettbewerbsrecht
- Lösung von Streitigkeiten
- Umsetzung des Mercosur-Rechts in den Mitgliedstaaten
- Stärkung der institutionellen Struktur
- Außenbeziehungen

[...]


[1] Die Polizeirepression war heftig, es gab massiven Tränengaseinsatz und dutzende von wahllosen Verhaftungen. In Mar del Plata toben Straßenschlachten. Pünktlich zur Eröffnung des Gipfeltreffens der amerikanischen Staatschefs am Freitagnachmittag flogen die ersten Steine. Piqueteros, militante Arbeitslose, feuerten mit Zwillen auf Schaufenster im Zentrum des argentinischen Seebads Mar del Plata, zündeten Molotov-Cocktails und steckten die Räume einer Bank in Brand. Die Polizei warf Tränengasgranaten und formte menschliche Schutzwälle vor einer McDonalds-Filiale, Geschäften und Banken. [Quelle: www.de.indymedia.org/alca, Zugriff 08.11.2005]

[2] Seit den Wahlsiegen von Chávez in Bolivien und Morales in Kolumbien gibt es wieder viele Ansätze eigener integrativer Projekte in Lateinamerika: z.B.: der bolivianische Präsident Hugo Chávez hat ein Gegenkonzept zum US- Freihandel präsentiert: Die Bolivarische Alternative für Amerika (ALBA) setzt auf die regionale Wirtschaftsintegration. [Quelle: http://www.jungewelt.de/2005/11-05/001.php]

[3] Es werden hier im Besonderen der Mercosur und das FTAA-Projekt vorgestellt, aus inhaltlichen Gründen werden CARRICOM, CAN, ALADI, MCCA und NAFTA nur verkürzt erläutert.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der lateinamerikanische Wirtschaftsraum zwischen regionaler Integration und wirtschaftlicher Kooperation
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (FB 03 Insitut für Politikwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V187897
ISBN (eBook)
9783656117391
ISBN (Buch)
9783656132639
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mercosur, NAFTA, FTAA, Integration, Kooperation, Wirtschaftsraum, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Patrick Willner (Autor), 2006, Der lateinamerikanische Wirtschaftsraum zwischen regionaler Integration und wirtschaftlicher Kooperation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187897

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