Die komparatistische Arbeit bewegt sich im Rahmen der Gender-Diskussion und stellt die Frage ins Zentrum, inwieweit Geschlechterrollen von ihrem spezifischen kulturellen Umfeld konstruiert werden. Während in De La Motte Fouqués "Undine" das "Weibliche" sich innerhalb einer Opposition von Natur und Kultur äußert, die am Ende im romantischen Sinne aufgelöst wird, kann sich die Frau "Lulu" in Frank Wedekinds gleichnamigen Drama nur innerhalb eines kulturellen Rahmens äußern, der immer schon von herrschenden patriarchalischen Strukturen dominiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kurze Zusammenfassung der Werke
2.1. Fouqués Undine
2. 2. Wedekinds Lulu
3. Analyse von Undine in Hinblick auf die Darstellung des Geschlechterverhältnisses und die Opposition von Natur und Kultur
3.1. Thematisierung der Opposition Natur/Kultur in Undine
3.2. Undine zwischen Natur und Gesellschaft
3.3. Undine im Verhältnis zu den anderen Charakteren
4. Das Geschlechterverhältnis und die Bestimmung von Kultur und Natur in der Doppeltragödie Lulu
4.1. Bestimmung der Lulu
4.2. Natur/Kultur in Lulu
5. Zusammenfassung der untersuchten Beziehungen und Oppositionen
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung der klassischen Opposition von Natur und Kultur sowie die Konstruktion des Geschlechterverhältnisses anhand von Friedrich de la Motte Fouqués Undine und Frank Wedekinds Lulu. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die traditionelle Analogie – der Mann als Repräsentant der Kultur und die Frau als Naturwesen – in diesen Werken bestätigt, transformiert oder dekonstruiert wird.
- Untersuchung der Natur-Kultur-Dichotomie in der Literatur
- Analyse von Weiblichkeitsbildern und deren kultureller Konstruktion
- Vergleich romantischer und naturalistischer Perspektiven auf das Geschlechterverhältnis
- Reflexion der Rolle gesellschaftlicher Machtstrukturen
Auszug aus dem Buch
3.1. Thematisierung der Opposition Natur/Kultur in Undine
Die Umgebung der Fischerhütte wird als idyllische, harmonische Naturlandschaft beschrieben. Eine Landzunge, auf der sich die Hütte befindet, streckt sich in einen großen Landsee hinaus, dabei scheinen die beiden Elemente Wasser und Land sich in liebender Zuneigung zu begegnen: „und es schien ebenso wohl, die Erdzunge habe sich aus Liebe zu der bläulich klaren, wunderhellen Flut, in diese hineingedrängt, als auch, das Wasser habe mit verliebten Armen nach der schönen Aue gegriffen“. Das romantische Motiv der Verbindung der Elemente wird hier aufgegriffen, um die Harmonie des Ortes zu betonen, der außerdem an das biblische Paradies oder an den griechischen Mythos erinnert, nach dem der Ursprung der Menschheit im Goldenen Zeitalter liegt.
Die Gegend um die Fischerhütte ist weiterhin ein einsame, fast menschenleere. Der Fischer, seine Frau und Undine leben abseits der Zivilisation und Gesellschaft. Der wilde Wald, der sich zwischen der Landzunge und der Stadt befindet, wirkt wie eine Mauer, der diesen paradiesischen Naturraum von der Zivilisation trennt. Die Harmonie der Natur ist analog zur Eintracht, in der die Personen ihr Leben in der Fischerhütte verbringen. Zwar ruft das launische Wesen Undines kleinere Konflikte hervor, die jedoch die Harmonie zwischen den Bewohnern der Hütte nicht grundlegend stören können.
Der von Außen kommende Huldbrandt fügt sich in diese Eintracht und akzeptiert „mit innigem Wohlbehagen“ (U, S. 30) sein natürliches Gefängnis, das durch den wilden Waldstrom, der die Hütte von allen Seiten umschlossen hat, entstanden ist (Vgl. U, ebd.). Es kommt ihm vor, als gäbe es jenseits des Stromes und des Waldes keine Welt mehr (Vgl. U, S. 31). Das harmonische Zusammenleben kann auch durch Vorkommnisse wie das Ausgehen des Weinvorrats nicht betrübt werden, da die Natur selbst den Nachschub bereitstellt. Wenn es auch im Text nicht konkret genannt wird, so ist doch davon auszugehen, dass der Onkel Undines, der Wassergeist Kühleborn, das Weinfass ans Ufer spült (Vgl. U, S. 32).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der literarischen Konstruktion von Natur, Kultur und Weiblichkeit im Wandel der Epochen.
2. Kurze Zusammenfassung der Werke: Vorstellung der beiden primären literarischen Werke, Undine und Lulu, sowie ihrer zentralen Handlungsverläufe.
3. Analyse von Undine in Hinblick auf die Darstellung des Geschlechterverhältnisses und die Opposition von Natur und Kultur: Untersuchung der Natur-Kultur-Problematik in Fouqués Kunstmärchen und der ambivalenten Rolle Undines.
4. Das Geschlechterverhältnis und die Bestimmung von Kultur und Natur in der Doppeltragödie Lulu: Analyse von Wedekinds Werk vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rollenzwänge und der Konstruktion des Weiblichen.
5. Zusammenfassung der untersuchten Beziehungen und Oppositionen: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Gegenüberstellung von Natur und Kultur in beiden untersuchten Werken.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Einordnung in den Diskurs der Gender-Forschung.
Schlüsselwörter
Natur, Kultur, Geschlechterverhältnis, Undine, Lulu, Gender-Forschung, Patriarchat, Literaturanalyse, Romantik, Fin de Siècle, Identität, Weiblichkeit, Rollenkonstruktion, Zivilisation, Elementarwesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie in den literarischen Werken Undine und Lulu die klassischen Gegensätze von Natur und Kultur sowie die Geschlechterrollen dargestellt und konstruiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Natur und Gesellschaft, die gesellschaftliche Konstruktion von Weiblichkeit und die Analyse männlich dominierter Bildwelten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob die traditionelle Identifikation der Frau mit der Natur und des Mannes mit der Kultur in diesen Werken Bestand hat oder dekonstruiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die durch kulturtheoretische Ansätze und Begriffe der Gender-Forschung (z. B. nach Silvia Bovenschen) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Naturbegriffe in beiden Werken, das Verhalten der Protagonistinnen im Kontext gesellschaftlicher Erwartungen und das Verhältnis der Charaktere zueinander.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Natur, Kultur, Gender-Forschung, Identität, Rollenkonstruktion und Weiblichkeit.
Wie unterscheidet sich die Naturdarstellung in Undine von der in Lulu?
In Undine wird die Natur als ein aktives, positiv fassbares Gegenüber zur Zivilisation gezeichnet, während sie in Lulu innerhalb einer rein gesellschaftlichen und kapitalistisch durchdrungenen Kultur kaum noch als eigenständiger Bereich existiert.
Welche Bedeutung hat der Erhalt der Seele für die Figur Undine?
Der Erhalt der Seele markiert eine Zähmung und den Übergang von einem reinen Naturwesen zu einem menschlichen Dasein, was gleichzeitig den Verlust ihrer ursprünglichen, unbeschwerten Verbundenheit mit der Natur bedeutet.
Warum kann Lulu nicht als "natürliches" Wesen definiert werden?
Lulu ist ständigen Projektionen und Benennungen durch Männer ausgesetzt; ihre "Natürlichkeit" ist eine kulturell konstruierte, die innerhalb des Systems der Rollenspiele und Kapitalinteressen nicht greifbar bleibt.
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- Florian Bauer (Author), 2011, Geschlechterkonstruktionen in Fouqués 'Undine' und Wedekinds 'Lulu' im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187968