Der von der indischen Regierung anfang der 90er angestossene Privatisierungsprozess ist mittlerweile ins Stocken geraten, ein Netz sozialer Sicherung ist nicht einmal in Ansätzen zu erkennen, das Kastenwesen ist - trotz der gesetzlichen Aufhebung - weiterhin das prägende Erscheinungsbild der ländlichen Gesellschaft und nationalistische Tendenzen innerhalb der Unionsstaaten, aber auch auf gesamtstaatlicher Ebene, können nicht mehr übersehen werden. Klassische ökonomisch – technische Wachstumsanalysen, wie sie von Seiten der WTO und des IWF vorgenommen werden, sind hier als Lösungsperspektiven zum Scheitern verurteilt, da in Indien komplexe politische und soziokulturelle Strukturen zur Verschleppung des Wirtschaftswachstums beitragen, die auf das vorher praktizierte sozialistische Wirtschaftssystem zurückgeführt werden können Diese Arbeit wird sich daher vorwiegend analytisch mit diesen zu identifizierenden Strukturen beschäftigen und versuchen sie theoretisch zu generalisieren. Dabei interessiert weniger die Qualität der aus ihnen folgenden Defizite – weshalb v.a. auf makroökonomische Daten und Statistiken verzichtet wurde – als vielmehr die Gründe und impliziten Mechanismen für ihr Vorhandensein. Eine so geartete Methodik erfordert es, gewisse Ursachen und Defizite idealtypisch zu übersteigern und aus dem Gesamtzusammenhang zu abstrahieren. Es kann deshalb kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, manche für eine Einzelbetrachtung relevanten, regionalspezifischen kulturellen oder soziologischen Faktoren müssen vernachlässigt werden. In der Untersuchung wird sich zum einen zeigen, dass die Wirtschaftsform des Sozialismus politische Strukturen entwickelt, die das System inhärent instabil machen, sich im Zuge eines liberalisierenden Transformationsprozesses verfestigen und nachhaltig die gesellschaftliche und politische Kultur schädigen. Zum anderen soll nachgewiesen werden, dass Indien als ein solcher Transformationsstaat angesehen werden kann und in ein - von Wolfgang Merkel und Aurel Croissant ausgearbeitetes - Schema „defekter Demokratie“1 passt, das den von Dahl entwickelten Demokratiebegriff des „Wettbewerbs durch Partizipation“2 ergänzt. Welcher strukturellen Logik die erörterten Problematiken dabei unterliegen, und welche politischen und ökonomischen Interdependenzen sich zwischen den einzelnen Problembereichen ergeben, soll im Folgenden entfaltet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Indien eine Transformationsgesellschaft?
3. Administrative Strukturen sozialistischer Systeme
3.1 Sozialismus und autoritäre Herrschaft
3.2 Die vier Eckpfeiler der Planwirtschaft
3.3 Planwirtschaft und Bürokratie
3.4 Produktionsengpässe, Schattenwirtschaft und Korruption
4. Soziologische Implikationen der Planwirtschaft
4.1 Wahrnehmung ökonomischer Kosten
4.2 Fehlendes Unrechtsbewusstsein
4.3 Renaissance des Nationalismus und der ethnischen Differenz
4.3.1 Nationalismus
4.3.2 Ethnische Spannungen
5. Elitenrekrutierung im sozialistischen System
5.1 Szenarien des Machtwechsels
6. Die wirtschaftliche Transformation
6.1 Der Gegenstand der Transformation
6.2 Aufgaben der Transformation
6.3 Transformationshindernisse
6.4 Aufbruch zu alten Ufern
6.4.1 Strukturmuster des politischen Übergangs
6.5 Big Bang – vier Systeme kollidieren
6.5.1 Privatisierung und Förderung der Investitionen
6.5.2 Förderung der Exportwirtschaft
7. Gesellschaftspolitische Folgen der wirtschaftlichen Transformation
7.1 Ausweitung der Korruption
7.2 Behinderung weiterer Reformschritte im Parlament
7.2.1 Zersplitterung und Opportunismus im Parlament
7.3 Ausweitung der Schattenwirtschaft
7.3.1 Verzerrung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
7.3.2 Abhängig Beschäftigte in der Schattenwirtschaft
7.4 Aufbrechen gesellschaftlicher Spannungen
8. Defekte Demokratie
9. Indien - eine dreidimensional defekte Demokratie
9.1 Indiens exklusive Demokratie
9.2 Indiens illiberale Demokratie
9.3 Indien eine Demokratie mit Enklaven?
10. Ausblick
11. Anhang
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Probleme des ehemaligen sozialistischen Wirtschaftssystems Indiens und deren Auswirkungen auf den aktuellen Transformationsprozess des Landes. Dabei wird analysiert, wie innewohnende Systeminstabilitäten zu einer "defekten Demokratie" führen und warum klassische ökonomische Wachstumsanalysen das Scheitern dieser Transformation nicht erklären können.
- Analyse administrativer Strukturen sozialistischer Systeme
- Untersuchung soziologischer Implikationen der Planwirtschaft
- Analyse des Zusammenhangs von Sozialismus und defekter Demokratie
- Darstellung der gesellschaftspolitischen Folgen der wirtschaftlichen Transformation
Auszug aus dem Buch
3.3 Planwirtschaft und Bürokratie
Die administrative Institutionalisierung dieser vier Eckpfeiler findet ihren Ausgang in einer obersten Behörde, die allein entscheidet was, wieviel, wo und wie produziert wird. Dabei ist es überaschenderweise unerheblich, ob die grundsätzlichen Richtlinien der Wirtschaftspolitik in einem frei gewählten Parlament oder in einem obersten Zentralrat festgesetzt werden. Die Bürokratie emanzipiert sich nämlich in der Folge von den übrigen Gewalten, wird in wirtschaftspolitischen Fragen zum absoluten Souverän und degradiert Parlament und Regierung zu Steuereintreibern.
Diese von Einstein beobachtete Emanzipation der Bürokratie entsteht weder durch intendierte Machtüberschreitungen noch durch fehlende Institutionalisierung, sondern durch den immensen Regulationsbedarf der wirtschaftspolitischen Tagesgeschäfte. Während im liberalen Wirtschaftssystem Marktransaktionen individuell und spontan von Einzelpersonen vollzogen werden und die Marktregulation wie von einer „unsichtbaren Hand“ geleitet erfolgt, benötigt die Planwirtschaft für jede noch so kleine Transaktion einen ganzen Apparat an bürokratischen Regelungen, Genehmigungen und Inputs.
Eine solche Konstellation hat unweigerlich zur Folge, dass entweder sämtliche Wirtschaftsaktivität zum Stillstand kommt, oder jeder - mit der Aufgabe von Allokation und Distribution - beauftragte Bürokrat, sei er nun Vorsteher in einem sowjetischen Oblast oder Angestellter in einem indischen Panchayat, Exekutive und Legislative auf sich vereint, da er gezwungen ist, spontan und willkürlich Entscheidungen zu treffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Wandel des indischen Wirtschaftssystems und die Zielsetzung der Arbeit zur theoretischen Generalisierung der resultierenden strukturellen Defizite.
2. Indien eine Transformationsgesellschaft?: Vergleichende Betrachtung Indiens als Transformationsstaat unter Berücksichtigung der Parallelen zu osteuropäischen Transformationsgesellschaften.
3. Administrative Strukturen sozialistischer Systeme: Analyse der grundlegenden Mechanismen des Sozialismus, insbesondere Planwirtschaft, Bürokratie und das Entstehen von Schattenwirtschaft.
4. Soziologische Implikationen der Planwirtschaft: Erörterung der Auswirkungen sozialistischer Wirtschaftssysteme auf das soziale Handeln, das Unrechtsbewusstsein und das Aufkommen von Nationalismus.
5. Elitenrekrutierung im sozialistischen System: Untersuchung der machtkonservierenden Tendenzen bei der Besetzung politischer Ämter in einem sozialistisch geprägten System.
6. Die wirtschaftliche Transformation: Detaillierte Betrachtung der Aufgaben und Hindernisse bei der wirtschaftlichen Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus.
7. Gesellschaftspolitische Folgen der wirtschaftlichen Transformation: Analyse der Korruptionsausweitung, der parlamentarischen Blockaden und der Auswirkungen der informellen Sektoren auf die Gesellschaft.
8. Defekte Demokratie: Einführung des Konzepts der defekten Demokratien nach Merkel und Croissant als theoretischer Rahmen zur Typologisierung.
9. Indien - eine dreidimensional defekte Demokratie: Anwendung des Konzepts der defekten Demokratie auf Indien unter Prüfung der Kriterien exklusive, illiberale Demokratie und Demokratie mit Enklaven.
10. Ausblick: Zusammenfassende Erkenntnisse über die Inhärenz der Instabilität sozialistischer Systeme und deren langfristige Folgen für Indien.
11. Anhang: Verzeichnis der Primärliteratur, Lexika, Zeitschriften, Zeitungsartikel, Internetquellen sowie der Abbildungen.
Schlüsselwörter
Indien, Transformationsgesellschaft, Sozialismus, Planwirtschaft, Defekte Demokratie, Korruption, Schattenwirtschaft, Elitenrekrutierung, Transformation, Bürokratie, Politische Struktur, Wirtschaftsordnung, Sozialpolitik, Partizipation, Institutionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die tiefgreifenden strukturellen Probleme, die ein sozialistisches Wirtschaftssystem innerhalb einer Demokratie wie Indien hinterlässt und wie diese den Transformationsprozess hin zum Kapitalismus behindern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Kernbereichen gehören die administrative Struktur der Planwirtschaft, die Elitenrekrutierung, soziologische Auswirkungen wie das fehlende Unrechtsbewusstsein und das Phänomen der "defekten Demokratie".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gründe und impliziten Mechanismen der strukturellen Defizite in Transformationsgesellschaften theoretisch zu generalisieren, anstatt lediglich eine deskriptive makroökonomische Statistik zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine analytische Methode, bei der Ursachen und Defizite idealtypisch übersteigert und aus dem Gesamtzusammenhang abstrahiert werden, um die zugrundeliegende strukturelle Logik des Systems freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den administrativen Strukturen des Sozialismus, den Auswirkungen auf die soziale und politische Kultur, der Transformation des Wirtschaftssystems und der Anwendung des Konzepts der defekten Demokratie auf den indischen Staat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Transformationsgesellschaft, defekte Demokratie, Planwirtschaft, Korruption, Schattenwirtschaft und Elitenrekrutierung.
Warum bezeichnet der Autor Indien als "illiberale Demokratie"?
Indien wird so eingestuft, da der Staat trotz vorhandener Verfassungsrechte nicht in der Lage ist, diese durchzusetzen. Zudem verhindern zersplitterte Parlamentsstrukturen und informelle Machtverschaltungen die Wahrung der Autonomie des Individuums gegenüber kollektiven Interessen.
Welche Rolle spielt die Schattenwirtschaft für den indischen Transformationsprozess?
Die Schattenwirtschaft fungiert als "versteckter Motor", der das System zwar am Leben erhält, aber gleichzeitig notwendige Reformen behindert, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung verzerrt und große Teile der Bevölkerung ohne soziale Absicherung zurücklässt.
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- Jochen Gottwald (Author), 2001, Indiens langer Weg zu sozialer Gerechtigkeit: Strukturen sozialistischer Systeme und ihre Folgen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18809