Zur Imagination des Bösen am Beispiel Jean-Baptiste Grenouilles aus Patrick Süskinds Roman ‚Das Parfum'


Seminararbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Raum
2.1.1 Der äußere Raum als Raum der Imagebildung
2.2 Ebenen der Darstellung
2.2.1 Das Animalische
2.2.1.1 Das Motiv Frosch
2.2.1.1.1 Der Frosch als Name
2.2.1.1.2 Der Frosch aus der Sicht der Fabel
2.2.1.1.3 Der Frosch aus mythologischer Perspektive
2.2.1.1.4 Der Frosch in religiöser Hinsicht
2.2.1.2 Das Motiv Zeck
2.2.1.2.1 Der Zeck aus parasitärer Sicht
2.2.1.2.2 Der Zeck in religiöser Perspektive

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„MEPHISTOPHELES tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholasticus, hinter dem Ofen hervor. […]

FAUST.

Das also war des Pudels Kern!

Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen […]

Wie nennst du dich?

MEPHISTOPHELES.

Ich bin der Geist der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles was entsteht

Ist wert daß es zu Grunde geht;

Drum besser wär’s daß nichts enstünde.

So ist denn alles was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.“[1]

Das Böse ist viel - Pferdefuß und Gehörn, braune Uniformen und Gleichschritt, Hass, Zerstörung oder Machtgier. Die Vorstellungen sind mannigfaltig und kulturübergreifend, ebenso vielschichtig, wie die Namen die wir für „es“ kennen, dafür seien exemplarisch diese genannt: Satan, Beelzebub, Luzifer oder schlicht der Teufel.

In folgender Hausarbeit mit dem Titel „Zur Imagination des Bösen am Beispiel Jean Baptiste Grenouilles aus Patrick Süskinds Roman ‚Das Parfum’“ soll gezeigt werden inwiefern sich „Das Böse“ im Rahmen des Textes und in welcher Form konkret äußert. Primär geht es hier um die Darstellung, im engeren Sinne die Zuschreibung des unnfassbar, gar phantastisch Bösen.

Dabei soll der Fokus auf die Hauptfigur Jean-Baptiste Grenouille gerichtet werden und diese auf verschiedenen Ebenen anhand von Textbeispielen analysiert werden.

Die Bereiche der Untersuchungen teilen sich in die animalischen Aspekte der Hauptfigur auf, welche jeweils dezidiert unter verschiedenen Gesichtspunkten, im Hinblick auf mythologische, religiöse oder anderweitig genannte Verweise betrachtet werden sollen.

Aus den daraus resultierenden Erkenntnissen und Belegen sollen sich Ableitungen im Hinblick auf die Struktur des Bösen im Roman erkennbar machen lassen.

Abschließend soll das Fazit die Argumentation noch einmal zusammenfassend abrunden und beenden.

2. Raum

2.1. Der äußere Raum als Raum der Imagebildung

Beginnen möchte ich meine Darstellung mit der Charakterisierung der Figur Jean-Baptiste Grenouille über den äußeren Raum, wie er zu Beginn des Roman dargestellt wird.

Intertextuelle Bezüge, wie der gegebene zu Kleists ‚Martin Kohlhaas’[2] können hierbei vernachlässigt werden. Es geht mir vielmehr um die Zuschreibung, die Grenouille durch die Schilderung des Raumes angedacht wird. Dazu genügt schon die Einführung in den Roman, wie er sich in den ersten Zeilen äußert:

„Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. […] Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenou ille diesen berühmten Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz Gottlosigkeit nachgestanden hätte […]“[3]

Interessant ist bei dieser epischen Einführung die Verwendung der Adjektive im Superlativ und deren Verhältnis zueinander. Wir sprechen von einem Maximum an Genialität gepaart mit der Maximierung der Abscheu. Das impliziert eine Spannung zwischen diesen beiden Polen. Zum einem im positiv konnotierten ‚genial’, als auch im eindeutig negativ konnotierten ‚abscheulich’ unter Berücksichtung ihres Verhältnisses zueinander, sowie in ihrer Grammatizität im Sinne von der Vorwegnahme bzw. Andeutung eines unerhörten Ereignisses, bzw. einer unerhörten Begebenheit im Sinne Goethes.[4] Diese Steigerung macht die Figur aus. Es ist also nicht nur eine Spannung in der Erzählung, sondern auch ihn ihr zu vermerken.

Gleichzeitig werden Assoziationsräume zu anderen fragwürdigen Gestalten der Epoche des 18.Jahrhunderts aufgemacht und Verweise durch die Listung dieser aufgemacht. Ebenso findet sich durch das Manko des sich im Nomen ‚Vergessenheit’ äußernden Begriffes ein Verweis auf die Beschaffenheit des Bildes des Protagonisten (evtl. sogar der Frage nach der Identität dieser ‚Gestalt’), der ebenso flüchtig scheint, wie das im weiteren Kontext beschriebene Reich der Gerüche, trotzdem aber als ‚Mann’ und nicht offensichtlich als Tier dargestellt wird. Er erfährt dennoch, obwohl des genannten Makels, die Zuschreibung über den Stimmungsraum, der durch die negativ bewerteten Nomen ‚Finstermänner’ oder ‚Scheusale’, als Gruppenzuordnung, sowie durch die Anordnung dieser Substantive in Form einer Klimax in Gestalt von ‚Selbstüberhebung’, ‚Menschenverachtung’, ‚Immoralität’ gegeben wird. Diese mündet in der totalen Maximierung der ethisch als negativ und somit vollends verwerflich bewerteten‚Gottlosigkeit’, welche ebenfalls auf der Inneren Ebene die Charakterisierung vornimmt und ins unermesslich Böse mündet, also hier schon vorweg als Antichrist gebrandmarkt zu seien scheint.

Wie hier schon zu erkennen ist, wird Grenouille durch den äußeren Raum, speziell Verweise auf Gestalten dieses Raumes konstruiert. Dies geschieht auf eine stark auf die Semantik gerichtete Personenzuschreibung durch negative Attribute, als auch Gattungszuschreibungen (Vgl. ‚Scheusale’, ‚Gestalten’, ‚Finstermänner’).

Diese eröffnen im Bedeutungsraum eine extrem bedrohlich und verwerflich anmutende Figur, die als Verkörperung des Bösen zu fungieren scheint, da sie die genannten noch bei weitem durch sein Genie[5] übertrifft und durch ihr Vergessen umso unfassbarer, unbegreiflich und dämonisiert wirkt.

Eine weitere Klimax findet sich in der darauffolgenden Passage. Es handelt sich hierbei um die Thematisierung des Gestanks der im Text geschilderten Epoche.

„Zu der Zeit, von der wir reden, herrschte in den Städten ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank. Es stanken die Straßen nach Mist, es stanken […usw.] Und natürlich war in Paris der Gestank am größten, denn Paris war die größte Stadt Frankreichs. Und innerhalb von Paris wiederum gab es einen Ort, an dem der Gestank besonders infernalisch herrschte […] nämlich den Cimetière des Innocents […] man errichtete an seiner Stelle einen Marktplatz für Viktualien. Hier nun am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs, […]“[6]

Die Klimax, die sich vom schieren Gestank der Umwelt über die Steigerung des Gestanks innerhalb Paris bis hin zum Endpunkt, dem Cimetière, erstreckt und in dessen Pervertierung in der Schließung und Eröffnung eines Viktualienmarktes mündet. Was sich hierbei wiederum als interessant darstellt, ist das Faktum, dass in dieser Szenerie der Gestank der Menschen geradezu das Sein, die Existenz, ja die Wirklichkeit des Menschen überhaupt ausmacht.[7] Der Hinweis auf die Vermischung der Kreise Leben und Tod reicht aber für eine weitergehende Deutung nicht aus. Nahrungsmittel in Form von Fischen, welchen ja bekanntermaßen auch der Kopf abgetrennt wird und die den Übergang von Leben zum Tod vollziehen und somit als Lebensmittel zur Verfügung stehen, übertünchen den Geruch der Leichen. Theo Reucher verfolgt hierbei eine religiöse Interpretation, indem er formuliert, dass „der Gestank identisch mit der angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen [ist], und in dieser Sündhaftigkeit durchdringen sich Leben und Tod; wesentlich dabei ist, daß die Sünde kein Abstraktum ist, sondern daß sie riecht – der Gedanke an den überall gegenwärtigen Teufel liegt, nahe, der im Glauben des Mittelalters nach Pech und Schwefel stinkt.“[8]

[...]


[1] Gaier, Ulrich (Hrsg): Johann Wolfgang Goethe, Faust-Dichtungen – Band 1 Texte, Stuttgart 1999, S. 64

[2] Vgl. Buß, Angelika: Intertextualität als Herausforderung für den Literaturunterricht - am Beispiel von Patrick Süskinds Das Parfum , Frankfurt am Main 2006, S. 131

[3] Süskind, Patrick: Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders, Zürich, 1994, S. 5

[4] Vgl. Buß, Angelika: Intertextualität als Herausforderung für den Literaturunterricht - am Beispiel von Patrick Süskinds Das Parfum , Frankfurt am Main 2006, S. 132

[5] Süskind, Patrick: Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders, Zürich, 1994, S. 5

[6] Ebd. S. 5ff

[7] Vgl. Reucher, Theo: Zeck und Käfer – Die Horizonte des Animalischen in Süskinds Roman Das Parfum vor dem Hintergrund von Kafkas Erzählung Die Verwandlung, In: Literatur für Leser, Jg. 15, Heft 2, München - Oldenburg 1992, S. 112

[8] Ebd. S. 112

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur Imagination des Bösen am Beispiel Jean-Baptiste Grenouilles aus Patrick Süskinds Roman ‚Das Parfum'
Hochschule
Universität Erfurt  (Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Das Böse in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V188257
ISBN (eBook)
9783656119531
ISBN (Buch)
9783656119913
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenouille, Süskind, NDL, Germanistik, Bräsel, Luther, Literaturwissenschaft, Seminararbeit
Arbeit zitieren
Christian Luther (Autor), 2009, Zur Imagination des Bösen am Beispiel Jean-Baptiste Grenouilles aus Patrick Süskinds Roman ‚Das Parfum', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188257

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