Lakoff, Johnson und Turner kritisieren die Position von Platon und Hobbes sowie zahlreichen anderen Vertreter der These, dass metaphorisches Denken die Wirklichkeit nicht wiedergebe. Dabei zeigen sie auf, interessanterweise in gewisser Hinsicht auf die von Platon in seiner Dichterkritik formulierte Wirkung der Herstellung von Beziehungen durch Metaphern zurückgreifend, dass Metaphern die zentrale Funktion innerhalb der Sprache zukommt, nämlich die Wirklichkeit zu strukturieren. Da Menschen mit Metaphern auf Wirklichkeiten bzw. auf die Erfahrungen von Dingen zurückgreifen und zwischen diesen Bezüge herstellen, gehöre das Sprechen in Metaphern zur Tiefenstruktur der Wirklichkeits-wahrnehmung und –Konstruktion von Menschen. Die Metaphern, so Lakoff und Johnson, seien unter anderem auch ein besonders wichtiges Verfahren der Politik, die durch Hervorhebung des einen Erfahrungsaspekts stets die Exklusion des anderen und damit eine neue (Be-)Deutung der Wirklichkeit zu bewirken sucht , d.h. auch die Gründungsmythen der politischen Philosophen Platon und Hobbes sind als Metaphern im doppelten Sinn zu bezeichnen: zum einen als Beschreibungsform und zum anderen als Konstruktionswerkzeug gesellschaftlich-politischer Ordnungen.
In der vorliegenden Arbeit wird deshalb der Versuch unternommen, die empirische Praktikabilität der theoretischen Annahmen zu Metaphern aufzuzeigen. Ausgehend von der Darstellung der theoretischen Grundannahmen zur Bildung von konventionellen Metaphern in George Lakoff’s und Mark Johnson’s Werk Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern (Kap. 2) sowie der theoretischen Diskussion zur Bildung von poetischen Metaphern im Werk von Lakoff und Turner More than Cool Reason. A Field Guide to Poetic Metaphor (Kap. 3), werden die metaphorischen Annahmen verschiedener Interpretationen zu Goethes Gedicht Prometheus untersucht (Kap. 4). Das Ziel ist zu überprüfen, ob Lakoff, Johnson und Turner mit ihrer Annahme, dass grundsätzlich alle Metaphern nur deshalb und nur dann verstanden werden können, weil bzw. wenn sie vor dem Hintergrund ihres empi-rischen Erfahrungsgehalts gedeutet werden, ein theoretisches Gerüst für das Verstehen der poetischen Metaphern bieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Wirklichkeit der Metapher
2. Die Wirkungsmacht des „metaphorischen Konzept“
2.1 Bildung von metaphorischen Konzepten
2.2 Das menschliche Verstehen als metaphorischer Prozess
3. Poetische Metaphern
3. 1 Die Bildung von poetischen Metaphern
3.1 Kreative Metapher als Ergebnis der Poetisierung der konventionellen Metapher
4. Interpretationen zu Goethes Gedicht „Prometheus“
4.1 Barbara Neymeyrs Interpretationsansatz
4.2 Peter Müllers Interpretationsansatz
4.3 David E. Wellberys Interpretationsansatz
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die empirische Praktikabilität der Metaphertheorie von George Lakoff, Mark Johnson und Mark Turner, indem sie deren theoretische Annahmen auf die Interpretation von Johann Wolfgang v. Goethes Gedicht „Prometheus“ anwendet. Ziel ist es zu überprüfen, ob das theoretische Gerüst dieser Autoren ausreicht, um das Verstehen poetischer Metaphern vor dem Hintergrund empirischer Erfahrungsgehalte zu erklären.
- Grundlagen metaphorischen Denkens nach Lakoff und Johnson
- Mechanismen der Bildung poetischer Metaphern
- Analyse von Metaphern in Interpretationsansätzen zu „Prometheus“
- Die Rolle der „Basismetapher“ für das Verständnis literarischer Texte
- Gegenüberstellung und Vergleich verschiedener Interpretationsstrategien
Auszug aus dem Buch
3.1 Kreative Metapher als Ergebnis der Poetisierung der konventionellen Metapher
Während konventionelle Metaphern dazu dienen, „das Konzeptsystem unserer Kultur [zu] strukturieren, das sich seinerseits in unserer Alltagssprache niederschlägt“, besteht die Funktion der kreativen Metaphern darin, dass gemachte Erfahrungen eine „neue Bedeutung“ bekommen. Dabei spielt die reflexive „Rückkoppelung“ der kreativen Metapher (z.B. „Liebe ist ein gemeinsam geschaffenes Kunstwerk“) mit den dieser zugrunde liegenden Metaphern („Liebe ist Arbeit“ oder „Liebe verlangt Hingabe“), eine zentrale Rolle, weil der Bezug der kreativen Metapher zu den möglichen konventionellen Ableitungen zugleich ein Bezug zu den in Erinnerung gespeicherten Erfahrungen darstellt, die das Verstehen der kreativen Metapher ermöglichen.
Die neue, kreative Metapher wird aufgrund der Isolierung mancher Aspekte (so ist der Aspekt der Liebesverrücktheit in ‚Liebe ist ein Kunstwerk‘ nicht enthalten) zur Grundlage einer künftigen Betrachtung der Liebesbeziehung: Liebe wird so nach dem suggerierten inhaltlichen Gehalt der Metapher bestimmt. Zugleich ist die kreative Metapher verbunden mit der persönlichen Auffassung zu den in der Metapher hergestellten Bezugsobjekten, weshalb sich kreative Metaphern in doppelter Weise als einschränkend zeigen: zum einen in Bezug auf denjenigen, der die neue Metapher entwirft, weil er auf diese Weise bestimmte geltende Aspekte negiert (Liebe ist nicht Zärtlichkeit und passiv, sondern Arbeit und damit aktiv); zum anderen wird das Verstehen der neuen Metapher für Außenstehende erschwert, weil sie erfahrungs-, kontext- und personenbezogen ist.
Indem also „[n]eue Metaphern die Kraft [haben], neue Realität zu schaffen“ limitieren sie alte Konventionen bzw. verwerfen diese, wobei die Kohärenz der abgeleiteten Metaphern und die Herstellung der Beziehung zu ähnlichen Erfahrungen darüber befindet, ob die neue Metapher sich als derart wirkungsmächtig erweist, dass sie kulturellen Einfluss gewinnt, d.h. über deren individuelle Bedeutung, Wirklichkeit zu schaffen, auch neue kulturelle Wirklichkeit erschafft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Wirklichkeit der Metapher: Dieses Kapitel arbeitet die philosophische Kritik an der Metapher durch Platon und Hobbes auf und stellt ihr die linguistische Sichtweise von Lakoff und Johnson gegenüber, die Metaphern als strukturgebendes Element menschlichen Denkens verstehen.
2. Die Wirkungsmacht des „metaphorischen Konzept“: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Metapherntheorie vertieft, insbesondere wie metaphorische Konzepte unsere Wahrnehmung und unser Handeln strukturieren.
3. Poetische Metaphern: Dieser Abschnitt erläutert den Übergang von konventionellen zu poetischen Metaphern und wie kreative Metaphern neue Bedeutungen innerhalb eines kulturellen Kontextes erzeugen können.
4. Interpretationen zu Goethes Gedicht „Prometheus“: In diesem Hauptteil wird der theoretische Ansatz auf drei unterschiedliche wissenschaftliche Interpretationen des Gedichts angewendet, um die Praktikabilität der Theorie zu prüfen.
5. Fazit: Das Fazit resümiert die Untersuchung und bestätigt die Relevanz der strukturellen Metaphern-Analyse für das Verstehen literarischer Texte, unter Verweis auf Goethes eigene Selbstdeutung.
Schlüsselwörter
Metapher, Lakoff, Johnson, Turner, Prometheus, Goethe, metaphorisches Konzept, poetische Metapher, kognitive Linguistik, Strukturmetapher, Orientierungsmetapher, ontologische Metapher, Emanzipation, Wissensvermittlung, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff, Johnson und Turner und untersucht deren Anwendbarkeit bei der Analyse von poetischen Texten, konkret an Goethes „Prometheus“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeitswahrnehmung, die Strukturierung von Denkkonzepten durch Metaphern sowie die Poetisierung konventioneller sprachlicher Bilder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu überprüfen, ob die Theorie von Lakoff, Johnson und Turner ein valides theoretisches Gerüst bietet, um zu erklären, wie Leser poetische Metaphern vor dem Hintergrund ihrer empirischen Erfahrungen verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein vergleichender methodischer Ansatz gewählt, bei dem drei existierende literaturwissenschaftliche Interpretationsansätze zu „Prometheus“ auf ihre zugrunde liegenden metaphorischen Annahmen reduziert und analysiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung (Grundlagen der Metapherntheorie) und die praktische Anwendung (Analyse von Interpretationen von Neymeyr, Müller und Wellbery).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind metaphorisches Konzept, poetische Metapher, kognitive Linguistik, Struktur- und Orientierungsmetaphern sowie die literarische Emanzipation des Individuums.
Wie unterscheiden sich die Interpretationsansätze von Neymeyr und Müller?
Neymeyr konzentriert sich auf die Entthronung der Götter durch ein „infantiles“ Gottesbild und die Zeitabhängigkeit, während Müller Prometheus’ Handeln als aktiven Akt der Emanzipation durch eine eigene schöpferische Ordnung interpretiert.
Welche Rolle spielt die „allmächtige Zeit“ im Gedicht laut Wellbery?
Wellbery interpretiert die Rede des Prometheus als juristische Strategie, wobei die Zeit und die „Reorganisation des Raumes“ als Mittel zur Wiederaneignung der menschlichen Eigenständigkeit gegenüber einer göttlichen Bevormundung dienen.
- Citation du texte
- Ernest Mujkic (Auteur), 2011, George Lakoff’s Metaphertheorie angewandt auf die Interpretationen von J.W. Goethes Gedicht „Prometheus“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188266