Im Folgenden wird der Versuch unternommen zu prüfen, inwiefern die Ausführungen Friedrich Nietzsches zum Ressentiment vereinbar sind mit der These, dass das Ressentiment ein dem Gerechtigkeitssinn innewohnendes Moment in Funktion des Gleichheitsindikators ist. Ausgehend von Nietzsches Ausführungen zum Ressentiment in der Ersten Abhandlung seiner Schrift Zur Genealogie der Moral wird 1. Nietzsches Verständnis vom Ressentiment, sowie 2. die Gleichbehandlung bzw. Ungleichbehandlung als ein Motiv des Ressentiments dargestellt. Im Anschluss daran folgt 3. eine Untersuchung der Typologisierung des von Nietzsche bestimmten Ressentimentträgers.
Die thematische Schwerpunktlegung dieser Arbeit auf eine Verbindung des Ressentiment mit der Ungleichbehandlung unter besonderer Berücksichtigung der einzelnen Charaktermomente des Ressentimentträgers, liegt zu einem Teil darin begründet, dass in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Ressentiment bei Nietzsche dieser Aspekt stets negiert wird, ohne eine stärkere Erläuterung der Ursachen und Folgen des Ressentiment in Verbindung mit den einzelnen Charaktermomenten des Ressentimentträgers. Zum anderen soll mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, das Ressentiment bei Nietzsche in Bezug auf seine Vereinbarkeit mit der Gerechtigkeit zu erläutern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Ressentiment
3. Das Ressentiment und die Ungleichbehandlung
4. Der Ressentimentträger
4.1 Der Sklave
4.2 Der Schwache
4.3 Der Gemeine
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, inwiefern Nietzsches Konzept des Ressentiments als eine im Gerechtigkeitssinn verankerte Reaktion auf Ungleichbehandlung verstanden werden kann und welche Rolle dies für die Selbstbestimmung des Individuums spielt.
- Phänomenologie des Ressentiments bei Friedrich Nietzsche
- Verbindung von Ressentiment und Ungleichbehandlung
- Typologisierung der Ressentimentträger (Sklave, Schwacher, Gemeiner)
- Möglichkeiten zur Überwindung des Ressentiments durch Wertschöpfung
- Die Vereinbarkeit von Ressentiment und Gerechtigkeitsempfinden
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Sklave
Der Sklave ist ein Sklave, weil er „unkreativ, passiv, geradezu ohnmächtig“21 ist. Aber er ist womöglich auch deshalb Sklave, weil der Herr, der sich „durch Elemente der Kreativität, Aktivität und Spontaneität auszeichnet“22, um seine Stärke auszuleben, den Sklaven dadurch für die Realisation der eigenen Lebensführung instrumentalisiert, dass er in der Abgrenzung zum Sklaven seine Stärke demonstriert. Dass die Instrumentalisierung in der Tat ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung und Aufrechterhaltung der überlegenen Position des Starken ist, wird aus der von Nietzsche erkannten Parallele ersichtlich, dass „gut“, welches sich notwendig aus „vornehm“ und „edel“ heraus entwickelt hat, immer „parallel“ zu einer „anderen Entwicklung verläuft“, „welche „gemein“, „niedrig“ mit dem Schlechten gleichsetzt.23 Das eigene Selbst des Sklaven bleibt demzufolge weitgehend unterentwickelt, bzw. der Herr sieht gerade in der Erlangung der Selbstbestimmung des Sklaven die größte Gefahr für das Eigene. Deshalb kann er kein Interesse an einer gerechten Gleichbehandlung haben, da er sich dieser zufolge auch in den Dienst des Sklaven stellen müsste, indem er den Sklaven hinsichtlich seiner eigenen Handlungen zu berücksichtigen hätte.
Der Sklave wird also zum Widerständler infolge der Reduzierung seines Menschseins auf die funktionale Einheit der Zweckerfüllung des Herrn, die sich darin äußert, dass dem Sklaven durch die Handlung des Herrn keine Möglichkeit übrig gelassen wird, selbst zu handeln.24 Der Sklave wird dann zum ‚Ressentiment-Menschen’ aus dem Verlangen heraus, den Schmerz der Ungleichbehandlung sowie den Mangel eines stabilen Charakters infolge derselben zu umgehen, mit dem Ziel, sich seine Zwecke selbst setzen zu können. Aus dieser Perspektive betrachtet, steht das Ressentiment in einem engen Zusammenhang mit der Demütigung, wobei zu beachten ist, „dass in letzter Instanz nur Handlungen als etwas Demütigendes in Frage kommen, keine Lebensbedingungen, wenn sie natürliche Ursachen haben, z.B. eine Behinderung, auch nicht soziale Verhältnisse, die von Menschen verursacht wurden.“25 In diesem Fall entwickelt der Sklave aufgrund der demütigenden Ungleichbehandlung, eine negierende Haltung gegenüber dem Schmerz, sowie gegenüber dem Herren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Ressentiment in Nietzsches Denken als schöpferisches, aber reaktives Moment und führt die Forschungsfrage zur Gerechtigkeitsthematik ein.
2. Das Ressentiment: Dieses Kapitel erläutert das Ressentiment als Mechanismus, der aus einer physischen oder psychischen Ohnmacht resultiert und den Geist zur Umwertung von Werten zwingt.
3. Das Ressentiment und die Ungleichbehandlung: Hier wird geprüft, inwieweit das Ressentiment als eine Reaktion auf eine soziale Schieflage und als Appell an die Gerechtigkeit gedeutet werden kann.
4. Der Ressentimentträger: Dieser Abschnitt analysiert die drei von Nietzsche bestimmten Typen des Ressentimentträgers: den Sklaven, den Schwachen und den Gemeinen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine Überwindung des Ressentiments durch eine aktive Bejahung des eigenen Lebens und durch gegenseitige Anerkennung der Menschenwürde möglich ist.
6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Primärliteratur von Friedrich Nietzsche.
Schlüsselwörter
Ressentiment, Friedrich Nietzsche, Gerechtigkeit, Sklavenmoral, Ungleichbehandlung, Wille zur Macht, Selbstbestimmung, Demütigung, Wertumwertung, Lebensbejahung, Sklave, Schwacher, Gemeiner, Ethik, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Analyse des Ressentiment-Begriffs bei Friedrich Nietzsche unter besonderer Berücksichtigung moralphilosophischer Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Entstehung von Ressentiment durch Ohnmacht, die Rolle von Ungleichbehandlung, die Typologie der Ressentimentträger und die Möglichkeiten einer Überwindung durch neue Werte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu prüfen, ob Nietzsches Ressentiment-Konzept als intuitiver Indikator für den Gerechtigkeitssinn interpretiert werden kann, anstatt es rein negativ zu betrachten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Nietzsches Werke (insbesondere "Zur Genealogie der Moral") mit zeitgenössischen philosophischen Ansätzen zur Freiheit und Identität in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Nietzsches Verständnis vom Ressentiment, die Verbindung zur Ungleichbehandlung sowie die detaillierte Typologisierung von Sklave, Schwachem und Gemeinem erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Ressentiment, Gerechtigkeit, Wille zur Macht, Wertumwertung und Selbstbestimmung charakterisiert.
Wie unterscheidet der Autor zwischen dem "Sklaven" und dem "Gemeinen" als Ressentimentträger?
Während der Sklave primär zur Flucht und Passivität neigt, um dem Schmerz zu entgehen, zeichnet sich der Gemeine durch eine Ausrichtung auf Konfrontation aus, die in einem "Sieg" gegenüber der erfahrenen Ungleichbehandlung mündet.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit bezüglich der Vereinbarkeit von Ressentiment und Gerechtigkeit?
Die Arbeit schließt, dass bei Anerkennung der Menschenwürde und einer realen Möglichkeit zur Selbstbestimmung das Ressentiment als ein überwindbares Phänomen begriffen werden kann, das im Idealfall zu einer solidarischen Unterstützung führt.
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- Ernest Mujkic (Autor), 2007, Ressentiment bei Nietzsche, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188278