Die Ursprünge japanischer Bioethik und ihre Bedeutung für heutige Diskussionen


Hausarbeit, 2003

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1 Die Ursprünge japanischer Bioethik
1.1 Blaues-Gras-Gruppe („Aoi Shiba no Kai“)
1.2 Feministische Bioethik

2 Die Debatte um das Eugenische Schutzgesetzes und seine Folgen
2.1 Die Positionen der Blaues-Gras-Gruppe
2.2 Konflikt zwischen Feministinnen und behinderten Menschen 7
2.3 Recht auf Abtreibung aus feministischer Sicht
2.4 „Innerer eugenischer Gedanke“ und „Selbst-Bestätigung“
2.5 „Das Gefühl fundamentaler Sicherheit“

3. Fazit – Bedeutung für Heute

4. Literaturverzeichnis

1. Die Ursprünge japanischer Bioethik

Die Ursprünge japanischer Bioethik reichen zurück in die frühen 70er Jahren, als feministische und Behinderten-Gruppen eine neue Strömung in die japanische Philosophie und Ethik brachten. Sie unterschieden sich vor allem durch ihre aktivistische Handlungsweise von den amerikanischen Richtungen: statt akademischen Büchern und Schriften schrieben sie überwiegend Flugblätter und handgeschriebene Dokumente. Dies ist in erster Linie auf ihre „Graswurzel“-Aktivisten-Herkunft zurückzuführen. Im Folgenden möchte ich diese beiden Strömungen genauer vorstellen.

1.1 Blaues-Gras-Gruppe („Aoi Shiba no Kai“)

In den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gründeten einige behinderte Menschen, überwiegend mit „Cerebralparese“ (cerebral palsy, im folgenden: CP), die Selbsthifegruppe „Aoi Shiba no Kai“ (Blaues-Gras-Gruppe), welche sich zunächst „unabhängig zu leben“ zur Aufgabe setzte und eine bis heute aktive Bewegung bildet (1997 gab es in Japan 68 solcher Zentren (Okuhira 1997)). Sie wollten mit Hilfe von freiwilligen Helfern heraus aus den Institutionen und in eigenen Gemeinschaften leben. Ihre eigene Befreiung von den Eltern sahen sie als sehr wichtig an, da diese sie am „stärksten unterdrücken und fesseln“ würden. Deshalb war das unabhängige Leben außerhalb der Familie für sie ein wichtiger Schritt und gleichzeitig ein starker und schwerwiegender Gegensatz zur traditionellen ostasiatischen Moralvorstellung, die besagte, daß die Familie wichtiger sei als das Individuum (Morioka 2002, 95).

Die philosophischen Führer dieser Bewegung, Koichi Yokotsuka und Hiroshi Yokota, begannen schnell, gegen die Diskriminierung von behinderten Menschen in der Gesellschaft zu protestieren. Zur damaligen Zeit erregte ein Fall die japanische Öffentlichkeit, als die Mutter eines Kindes mit Cerebralparese ihr Kind deshalb tötete. Die öffentliche Meinung sympathisierte damals mit der Mutter. Die Blaues Gras-Gruppe griff diese Denkweise an und beschrieb sie als einen „starken Egoismus der Nichtbehinderten“, der die „Grundlage für die Diskriminierung“ bildete (ebd., 94).

Das „innere Bewußtsein von Diskriminierung“ hätten nicht nur Nichtbehinderte, sondern auch Menschen mit Behinderungen längst verinnerlicht, weshalb alle gemeinsam gegen dieses Bewußtsein ankämpfen müßten. Zwar griffen sie vor allem die diskriminierende Gesellschaft an, doch waren sie sich auch ihres eigenen „Bewußtseins von Diskriminierung“ bewußt.

1970 veröffentlichte Hiroshi Yokota im Magazin der Bewegung die Aktivitäts-Erklärung „So handeln wir“, welche ein zentraler Bestandteil dieser Epoche werden sollte. Diese habe ich im folgenden übersetzt:

„So handeln wir.

- Wir identifizieren uns als Menschen mit Cerebralparese (CP)
Wir sehen unsre Position in der modernen Gesellschaft als „eine Existenz die nicht existieren sollte“ an. Wir glauben, daß diese Erkenntnis der Anfangspunkt unserer gesamten Bewegung sein sollte, und wir handeln nach diesem Glauben.
- Wir setzen uns selbst aggressiv durch.
Wenn wir uns als Menschen mit CP begreifen, müssen wir uns selbst schützen.
Wir glauben, daß eine starke Selbstbehauptung der einzige Weg zum Selbst-schutz ist, und wir handeln nach diesem Glauben.
- Wir verleugnen Liebe und Gerechtigkeit
Wir verachten den Egoismus, der durch Liebe und Gerechtigkeit erhalten wird. Wir glauben, daß das gegenseitige Verständnis, welches die menschlichen Betrachtungen begleitet, die aus der Verleugnung von Liebe und Gerechtigkeit entstehen, das wahre „Gut-Sein“ ist, und wir handeln nach diesem Glauben.
- Wir versuchen nicht, Probleme zu lösen
Wir haben von unseren persönlichen Erfahrungen gelernt, daß einfache Lösungen von Problemen zu gefährlichen Kompromissen führen. Wir glauben, daß die endlose Konfrontation die für uns einzig mögliche Handlungsweise ist, und wir handeln nach diesem Glauben.“

(Englische Übersetzung aus dem Japanischen von Osamu Nagase, zit.n. Morioka 2002, 95)

Der folgende Punkt wurde zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt:

- „Wir verleugnen die nichtbehinderte Zivilisation.

Wir erkennen, daß die moderne Zivilisation es nur dadurch geschafft hat sich zu erhalten, in dem sie uns, Menschen mit Cerebralparese, ausschließt. Wir glauben, daß die Schaffung unsrer eigenen Kultur durch unsere Bewegung und unser tägliches Leben zur Verurteilung der modernen Zivilisation führt, und wir handeln nach diesem Glauben.“ (Nagase 2002)

Diese Erklärung basierte auf der Philosophie des „Selbst-Bewußtseins“; demnach sollten sich Menschen mit CP nicht an die Gesellschaft anpassen, sondern ihre Existenz so präsentieren wie sie ist, nämlich als „unsoziales und uneffizientes Ding“ (Morioka 2002, 95).

Diese offensive Herangehensweise wurde in Verbindung mit der japanischen „feministischen Bioethik“ theoretisch wie praktisch zunehmend wichtiger und bildete die Basis der heutigen japanischen Bioethik.

1.2 Feministische Bioethik

In Japan waren seit 1948 Abtreibungen legal. Gegen einen legislativen Rückschritt dieser Gesetzgebung formierte sich 1970 die japanische Frauen-Befreiungs-Bewegung. Diese argumentierte vor allem über drei Punkte; a) der Staat solle sich nicht in die Sexualität und Reproduktion von Frauen einmischen; b) Abtreibung sei ein Recht der Frau; c) man müsse eine Gesellschaft schaffen, in der Frauen nach ihren eigenen Wünschen Kinder bekommen können (Morioka 1998, 183).

Ihr Hauptaugenmerk richtete sich vor allem darauf, das Bewußtsein über und die Solidarität zwischen Frauen zu erhöhen. Sie betonten, daß das Wichtigste für die Frauen ein „Selbst-Bewußtsein“ ihrer eigenen Existenz als Frauen sei, um ihnen zu ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, frei von staatlicher und patriarchaler Unterdückung (ebd., 183f).

Bei der Frage der Abtreibung war die Bewegung jedoch gespalten. Zwar war man sich einig, daß Frauen selbst und ohne besagte staatliche oder patriarchale Unterdrückung entscheiden sollten, ob sie abtreiben wollen oder nicht. Doch zögerten einige, dies als ein „Recht der Frauen auf Abtreibung“ zu bezeichnen.

Zwei Lager zeichneten sich ab: Während die einen Abtreibung sehr wohl als ihr Recht bezeichneten, da Föten ein Teil ihres Körpers seien, bestätigten andere zwar die Notwendigkeit von Abtreibungen, sahen es jedoch als problematisch an, da dies die Zerstörung von menschlichem Leben bedeute, welches sich später zu einer menschlichen Person entwickeln würde (ebd., 184).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Ursprünge japanischer Bioethik und ihre Bedeutung für heutige Diskussionen
Hochschule
Universität zu Köln  (Heilpädagogische Fakultät)
Veranstaltung
Ethische Grundfragen der Heilpädagogik
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V18840
ISBN (eBook)
9783638230995
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursprünge, Bioethik, Bedeutung, Diskussionen, Ethische, Grundfragen, Heilpädagogik
Arbeit zitieren
Florian Felten (Autor), 2003, Die Ursprünge japanischer Bioethik und ihre Bedeutung für heutige Diskussionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18840

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