Disziplin, eine Frage der Erziehung? Disziplin, eine Frage der Schulentwicklung? Disziplin, eine Frage des Unterrichts? Niemand wird bestreiten, dass sich Art, Weise und Umfang von Disziplin und Bestrafung im Laufe der Jahrhunderte, durch welche die allgemeine Schulpflicht mittlerweile in Deutschland besteht, verändert hat. Ist Disziplin Aufgabe der schulischen Erziehung, oder ist das Elternhaus verantwortlich? Woran kann es liegen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder als kleine „Tyrannen“1 empfinden? Wo auch immer das Übel zu suchen ist, die eher mittelmäßigen Ergebnisse der PISA-Studie verlangen auch nach mehr Disziplin in Erziehung und Unterricht, auch wenn die Annahme der Lehrer, die Schüler brächten mehr Lernleistung über mehr Disziplin und mehr Hausaufgaben, zweifelhaft erscheinen mag. Auch interessant zu betrachten ist der Übergang, die feine Linie zwischen mangelnder Disziplin und Ungehorsam.
Vom 17. Jahrhundert, in welchem unsere Region vom Pietismus beeinflusst war, und das tägliche Sprechen des Gebets sowie das Praktizieren der Nächstenliebe oberstes Gebot war soll bis zu den pädagogischen Maßnahmen bei Verstoß gegen Regeln eine Zeitreise unternommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsmethode: Zeitzeugeninterview
3 Der Begriff der Disziplin und Strafe
4 Disziplin und Strafe im wilhelminischen Deutschland und der Weimarer Republik
5 Disziplin und Strafe im dritten Reich und der Nachkriegszeit (Zeitzeugeninterview I)
6 Disziplin und Strafe im geteilten Deutschland und den ´68 Jahren (Zeitzeugeninterview II)
7 Disziplin und Strafe heute
8 Ergebnisse: Die Veränderung der Begriffe
8 Fazit
9 Projektschein
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel von Disziplinierungsmaßnahmen und Erziehungsstrafen in deutschen Schulen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ziel ist es, durch eine Kombination aus theoretischer Aufarbeitung und qualitativen Zeitzeugeninterviews zu ergründen, wie sich das Verständnis von Disziplin und Strafe gewandelt hat und welche Auswirkungen dies auf das heutige schulische Umfeld hat.
- Historische Entwicklung von Disziplin in der Schule
- Einfluss gesellschaftlicher Systeme auf Erziehungspraktiken
- Methodik des Zeitzeugeninterviews in der pädagogischen Forschung
- Vergleich von autoritären Strukturen und modernen pädagogischen Ansätzen
- Die Rolle der Schule bei der Sozialisation von Schülern
Auszug aus dem Buch
3 Der Begriff der Disziplin
Jünglinge, welche man aus falschem praktischem Eigennutz gewähren lasse, gingen jeder Begierde nach und kennten weder Ordnung noch Notwendigkeiten, befand schon Sokrates. Der Lehrer jedoch fürchte unter den angegebenen Verhältnissen seine Schüler, und schmeichle ihnen, welches der Quell fehlenden Respekts auf Seiten der Schüler darstelle. Soviel zu dem alten Begriffsverständnis. Die lateinische Frühform, der Begriff „disciplina“ findet sich erstmals bei Cicero. Dieser Begriff galt hier als ein Begriff der Bildung, methodisch bestimmbares Lernen sowie unmittelbar handlungs- und lebensbestimmende Aspekte vereinend. Die gegenwärtigen Handhabungen des Begriffes zeigen jedoch eine immer weitreichendere Zerstreuung der Bedeutungen. Disziplin ermöglicht es, „die Mitmenschlichkeit mit dem Wissen um die Ordnung der Welt“ zu verbinden, schreibt Christopher Korn. Disziplinrelevante Leistungen werden als Solche anerkannt, wenn soziale Normen (d.h. Traditionen, Sitten, Moralien usf.) eingehalten werden oder „eine Anpassung an Ordnungen, im Sinne von Gesetzen bzw, Konventionen und Fachgebieten erfolgt“.
Georg E. Becker bemängelt, dass eine Vielzahl der Fachliteratur sich gar nicht erst damit abmüht, den Term Disziplin zu definieren. Er holt das wie folgt nach: „Individuen stellen ihre spezifischen und unmittelbaren Bedürfnisse zurück. Sie schränken sich ein oder üben Verzicht. Sie tun dies mit Blick auf ein übergeordnetes und höherwertiges Ziel, etwa die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung.“
Disziplinierungstechniken in der Schule zielen meist auf die Eliminierung unerwünschter Verhaltensweisen in konkreten Situationen ab, d.h. sie ziehen Strafen nach sich (wie bspw. Klassenbucheinträge, Strafarbeiten oder Nachsitzen.) Pädagogische Maßnahmen hingegen zielen auf eine Veränderung im Bewusstsein der Schüler ab: Diese sollen sich Gedanken darüber machen, was sie falsch gemacht haben, sodass sie ihr Verhalten ändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik von Disziplin und Bestrafung im schulischen Kontext ein und skizziert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung.
2 Forschungsmethode: Zeitzeugeninterview: Dieses Kapitel erläutert die Auswahl und Durchführung von Interviews mit Zeitzeuginnen als empirische Basis zur Rekonstruktion vergangener Disziplinierungspraktiken.
3 Der Begriff der Disziplin und Strafe: Hier erfolgt eine theoretische Begriffsbestimmung, die von antiken Wurzeln bis zu zeitgenössischen pädagogischen Definitionen reicht.
4 Disziplin und Strafe im wilhelminischen Deutschland und der Weimarer Republik: Dieses Kapitel beschreibt das autoritäre Erziehungsklima der Kaiserzeit und die ersten reformpädagogischen Ansätze nach dem Ersten Weltkrieg.
5 Disziplin und Strafe im dritten Reich und der Nachkriegszeit (Zeitzeugeninterview I): Analyse der nationalsozialistischen Erziehungsideale und des Wandels im Nachkriegsdeutschland unter Berücksichtigung von Zeitzeugenaussagen.
6 Disziplin und Strafe im geteilten Deutschland und den ´68 Jahren (Zeitzeugeninterview II): Darstellung der gegensätzlichen Erziehungskulturen in der DDR und der BRD sowie der Auswirkungen der 68er-Bewegung.
7 Disziplin und Strafe heute: Auseinandersetzung mit der aktuellen Schulkultur, der strukturellen Gewalt und der Herausforderung, soziale Ordnung ohne veraltete Strafmechanismen zu etablieren.
8 Ergebnisse: Die Veränderung der Begriffe: Zusammenführung der Erkenntnisse aus Theorie und Interviews hinsichtlich der begrifflichen Transformation.
8 Fazit: Das Fazit reflektiert die deutsche Schulkultur und stellt die Frage nach der Balance zwischen Disziplin und der Förderung mündiger Bürger.
9 Projektschein: Dieses Kapitel dient als didaktischer Entwurf für eine Unterrichtseinheit, die Schülern den historischen Wandel von Disziplin und Strafe vermitteln soll.
Schlüsselwörter
Disziplin, Strafe, Schule, Erziehung, Zeitzeugeninterview, Pädagogik, wilhelminische Zeit, Nachkriegszeit, 68er-Bewegung, Reformpädagogik, Schulkultur, Sozialisation, Gehorsam, Unterrichtsalltag, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung und Veränderung des Verständnisses von Disziplin und Bestrafung in deutschen Schulen vom 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die autoritären Strukturen in der Schule, den Wandel von Erziehungszielen, die Bedeutung des gesellschaftlichen Umfelds für Disziplin sowie die Analyse von Zeitzeugenerfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Wandel von Disziplinarmaßnahmen zu veranschaulichen und zu hinterfragen, wie sich das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern sowie die Legitimität von Strafen im Laufe der Jahrzehnte verschoben haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine Literaturrecherche zur theoretischen Fundierung mit qualitativen Zeitzeugeninterviews, um die subjektive Wahrnehmung von Schule und Disziplin in verschiedenen Epochen abzubilden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte von der wilhelminischen Ära über das Dritte Reich und das geteilte Deutschland bis hin zur Gegenwart, wobei jeweils die spezifischen Erziehungspraktiken analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Disziplin, Strafe, Erziehung, Schulkultur, 68er-Bewegung und Reformpädagogik.
Warum spielt die 68er-Bewegung in der Arbeit eine wichtige Rolle?
Die Arbeit analysiert die 68er-Bewegung als Zäsur, in der autoritäre Erziehungsmethoden radikal infrage gestellt wurden, was zu einer grundlegenden Veränderung der Schulkultur und des Begriffs der Disziplin führte.
Wie unterscheidet sich die Disziplinierung in der DDR von der in der BRD?
Die Arbeit zeigt auf, dass in der DDR Tugenden wie Ordnung und Disziplin im Sinne einer sozialistischen Moral als selbstverständlich vorausgesetzt wurden, während in der BRD besonders durch die 68er-Bewegung eine kritische Distanz zu Autorität und Zwang entstand.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der heutigen Situation?
Die Autorin stellt fest, dass das Disziplinarproblem in der deutschen Schule weiter besteht, jedoch heute eher in der Spannung zwischen individuellen Bedürfnissen der Schüler und dem strukturellen Rahmen der Schule liegt, statt in körperlicher Gewalt.
Welchen praktischen Nutzen bietet das Kapitel "Projektschein"?
Das Kapitel bietet einen konkreten didaktischen Leitfaden für eine Unterrichtseinheit, um Schülern durch die Analyse historischer Quellen ein Bewusstsein für den Wandel von Schulerziehung zu vermitteln.
- Arbeit zitieren
- Svenja Strohmeier (Autor:in), 2012, Inwiefern hat sich der Begriff der Disziplin und Strafe im 19./20. Jahrhundert verändert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188455