Inwiefern hat sich der Begriff der Disziplin und Strafe im 19./20. Jahrhundert verändert?


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsmethode: Zeitzeugeninterview

3 Der Begriff der Disziplin und Strafe

4 Disziplin und Strafe im wilhelminischen Deutschland und der Weimarer Republik

5 Disziplin und Strafe im dritten Reich und der Nachkriegszeit (Zeitzeugeninterview I)

6 Disziplin und Strafe im geteilten Deutschland und den ´68 Jahren (Zeitzeugeninterview II)

7 Disziplin und Strafe heute

8 Ergebnisse: Die Veränderung der Begriffe

8 Fazit

9 Projektschein

Anhang:
- Transkribierte Interviews
- Stundenvorbereitung Projekt
- Literaturverzeichnis
- Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

Disziplin, eine Frage der Erziehung? Disziplin, eine Frage der Schulentwicklung? Disziplin, eine Frage des Unterrichts? Niemand wird bestreiten, dass sich Art, Weise und Umfang von Disziplin und Bestrafung im Laufe der Jahrhunderte, durch welche die allgemeine Schulpflicht mittlerweile in Deutschland besteht, verändert hat. Ist Disziplin Aufgabe der schulischen Erziehung, oder ist das Elternhaus verantwortlich? Woran kann es liegen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder als kleine „Tyrannen“[1] empfinden? Wo auch immer das Übel zu suchen ist, die eher mittelmäßigen Ergebnisse der PISA-Studie verlangen auch nach mehr Disziplin in Erziehung und Unterricht, auch wenn die Annahme der Lehrer, die Schüler brächten mehr Lernleistung über mehr Disziplin und mehr Hausaufgaben, zweifelhaft erscheinen mag. Auch interessant zu betrachten ist der Übergang, die feine Linie zwischen mangelnder Disziplin und Ungehorsam.

Vom 17. Jahrhundert, in welchem unsere Region vom Pietismus beeinflusst war, und das tägliche Sprechen des Gebets sowie das Praktizieren der Nächstenliebe oberstes Gebot war soll bis zu den pädagogischen Maßnahmen bei Verstoß gegen Regeln eine Zeitreise unternommen werden.

Den Wandel dieser Aspekte der pädagogischen Erziehung Jugendlicher hat die vorliegende Hausarbeit sich zum Thema genommen. Es sollen Vergleiche gezogen werden welche veranschaulichen, inwiefern es heute überhaupt noch üblich und möglich ist, Disziplinarmaßnahmen anzuwenden, und welchen Sinn und Zweck diese jeweils haben. Verschiedene Perspektiven zum Thema sollen beleuchtet werden, um im Fazit eine Antwort auf die Anfangs gestellten Fragen zu finden.

2 Forschungsmethode: Zeitzeugeninterview

Die gewählte Forschungsmethode ist das Zeitzeugeninterview. Dieses wird mit der Mutter sowie der Großmutter der Autorin durchgeführt, erstere Jahrgang 1953, zweitere 1925. Es handelt sich hierbei um die Mutter sowie die Großmutter der Autorin. Aufgrund der Aussagen soll in Kombination mit sekundären Quellen zu dieser Zeit ein typisches Bild der Disziplin und Strafe in den jeweiligen Zeitperioden konstruiert werden. Der Fragenkatalog wurde so entwickelt, dass sich die Fragen den jeweiligen Kernpunkten zuordnen, möglichst viel Irrelevantes außen vor gelassen wird und eventuell gar nicht zur Sprache kommt.

Hierbei muss darauf geachtet werden, dass die Zeitzeugen sich während des Interviews nicht „abgewürgt“ fühlen, wenn bei den Antworten behutsam wieder auf das ursprüngliche Thema zurückgeleitet wird, sollte das Gespräch sich in eine andere Richtung entwickeln. Es sind jeweils sechs Fragen zu stellen, welche sich mit dem Schulalltag, der Disziplin und Strafe in der Schule beschäftigen. Diese sind die Folgenden:

1. In welchen Jahren haben Sie welche Schule besucht?
2. Wie war der Grundtenor der Disziplin in der Schule? Eher streng, eher locker?
3. Die Epoche XY wird als XY beschrieben. Würden Sie diese Aussagen unterstützen, und warum?
4. Mit welchen Strafen haben Sie an der Schule Erfahrungen gemacht?
5. Haben Sie von anderen Erfahrungen gehört, von Freunden oder Bekannten an anderen Schulen?
6.Hing es vom Lehrer ab, welche Strafen verteilt wurden, oder war dies einheitlich geregelt?

In den Antworten dieser sechs Fragen sind die Informationen versteckt, welche benötigt werden, um die Forschungsfrage zu beantworten. Natürlich kann nicht abgeschätzt werden, ob zwischendurch neue Fragen aufkommen, welche gestellt werden sollten / müssen. Wann die Zeitzeugen welche Schulform besucht haben ist wichtig, da man von den gegebenen Antworten (im Vergleich mit eventuellen Sekundärquellen) darauf schließen kann, ob an den unterschiedlichen Schulformen die beiden Begriffe unterschiedlich definiert wurden. In der zweiten Frage wird nach dem Grundtenor gefragt, da hier schon einmal eine kurze Zusammenfassung geboten wird und die Autorin folgende Fragen eventuell ergänzen oder abändern kann. Frage 3 vergleicht die bisherigen, aus der Sekundärliteratur gewonnenen Erkenntnisse mit den Erfahrungen der Zeitzeugen abzugleichen. Hier können sowohl deckungsleiche als auch nicht übereinstimmende Aussagen gefunden werden. Darauf geht folgend Frage 5 weiter ein; sie möchte versuchen, zu klären, ob die Erfahrung der Zeitzeugen repräsentativ für die gegebene Zeit sind oder eher nicht. Zuerst wird jedoch in Frage 4 genauer definiert, um welche Strafen es sich handelte. In Frage sechs schließlich geht es um die Lehrer, da heutzutage relativ genau vorgegeben ist, wie ein Lehrer strafen darf und wie nicht. Ob es damals ähnlich war, soll in dieser Frage geklärt werden.

Die beiden Zeitzeugen bekommen die Fragen, welche gestellt werden, schon im voraus, damit sie wissen, was auf sie zukommt, und sich schon einmal Gedanken über ihre Antworten machen können. Es ist wichtig, zu beachten, die Zeitzeugen ausreden zu lassen und die Situation locker zu gestalten. Sie werden vorher über die Aufnahme mit der Kamera informiert, diese wird jedoch nur am Rande positioniert, damit sie den Redefluss nicht stört. Die Antworten auf die oben beschriebenen Fragen sind in Kapitel 8, Ergebnisse, festgehalten. Vollständig transkribiert sind die beiden Interviews im Anhang.

3 Der Begriff der Disziplin

Jünglinge, welche man aus falschem praktischem Eigennutz gewähren lasse, gingen jeder Begierde nach und kennten weder Ordnung noch Notwendigkeiten, befand schon Sokrates.[2] Der Lehrer jedoch fürchte unter den angegebenen Verhältnissen seine Schüler, und schmeichle ihnen, welches der Quell fehlenden Respekts auf Seiten der Schüler darstelle. Soviel zu dem alten Begriffsverständnis. Die lateinische Frühform, der Begriff „disciplina“ findet sich erstmals bei Cicero.[3] Dieser Begriff galt hier als ein Begriff der Bildung, methodisch bestimmbares Lernen sowie unmittelbar handlungs- und lebensbestimmende Aspekte vereinend. Die gegenwärtigen Handhabungen des Begriffes zeigen jedoch eine immer weitreichendere Zerstreuung der Bedeutungen. Disziplin ermöglicht es, „die Mitmenschlichkeit mit dem Wissen um die Ordnung der Welt“ zu verbinden, schreibt Christopher Korn.[4] Disziplinrelevante Leistungen werden als Solche anerkannt, wenn soziale Normen (d.h. Traditionen, Sitten, Moralien usf.) eingehalten werden oder „eine Anpassung an Ordnungen, im Sinne von Gesetzen bzw, Konventionen und Fachgebieten erfolgt“[5]. Georg E. Becker bemängelt, dass eine Vielzahl der Fachliteratur sich gar nicht erst damit abmüht, den Term Disziplin zu definieren. Er holt das wie folgt nach:

„Individuen stellen ihre spezifischen und unmittelbaren Bedürfnisse zurück. Sie schränken sich ein oder üben Verzicht. Sie tun dies mit Blick auf ein übergeordnetes und höherwertiges Ziel, etwa die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung.“[6]

Disziplinierungstechniken in der Schule zielen meist auf die Eliminierung unerwünschter Verhaltensweisen in konkreten Situationen ab, d.h. sie ziehen Strafen nach sich (wie bspw. Klassenbucheinträge, Strafarbeiten oder Nachsitzen.)[7] Pädagogische Maßnahmen hingegen zielen auf eine Veränderung im Bewusstsein der Schüler ab: Diese sollen sich Gedanken darüber machen, was sie falsch gemacht haben, sodass sie ihr Verhalten ändern. Deshalb haben heutzutage die pädagogischen Maßnahmen die

Disziplinarmaßnahmen in den Schulen weitestgehend ersetzt.[8]

4 Disziplin und Strafe im wilhelminischen Deutschland

Disziplin war in der wilhelminischen Zeit selbstverständlich und allgegenwärtig, da gesellschaftliches Leben durch Militär, Adel, Beamtentum, Industriebarone, Fabrikbesitzer und Besitzbürger bestimmt wurde.[9] Daneben standen auch Dichter, Denker und die Professoren hoch im Kurs. Nach Normen der Erziehung dieser Zeit gefragt, lassen sich Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit aufzählen. Treue gegenüber dem Dienstherren oder der Obrigkeit war genau so wichtig wie Ehrlichkeit, Demut und Bescheidenheit. Heutige Erziehungsziele wie Selbstbestimmung und -verantwortung etc. (siehe Kapitel 7) galten damals als defätistisch und würden höchstens von Sozialdemokraten oder Kommunisten vertreten, welche damals nicht an der Macht waren. Schulen in der Kaiserzeit waren „Drillanstalten“[10], der Unterricht in geistloser Routine gefangen. Etwa 90% des Volkes[11] besuchte damals die Volksschule, welche ihrem Namen auch gerecht wurde; das Gymnasium besuchten lediglich die restlichen 5 – 10%. Von Schülern aller Schularten wurde erwartet, dass sie ihren Lehrer respektierten und ihm gehorchten – wer sich als Schüler despektierlich verhielt, wurde gezüchtigt.[12] Auch der von Becker erfundene Begriff „Zensurenfetischismus“, welcher ja bis heute erhalten ist, diente der Disziplinierung. Auch der Nebeneffekt hiervon, dass nicht um der Sache Willen gelernt wurde, sondern lediglich für ein gutes Zeugnis, ist heute oftmals zu entdecken.

Mit Eintritt des ersten Weltkrieges wurde von allen Bürgern Disziplin sowie die Einschränkung individueller Bedürfnisse gefordert. Mit Gründung der Weimarer Republik waren die Menschen genötigt, umzudenken; durch den „Schmachfrieden“, die Zersplitterung der Parteienlandschaft, die Inflation und hohe Arbeitslosigkeit war man gezwungen, neue Regeln aufzustellen. Diese allgemeine Verunsicherung brachte viele Reformen hervor: auf zivilisaionskritischer, lebensreformerischer und reformpädagogischer Basis tat sich einiges.[13] Genannt seien hier nur die Arbeitsschul-Bewegung, Waldorf-Pädagogik und die Montessori-, sowie die Jenaplan-Schulen.Hiermit richtete sich der Blick erstmals auf den Schüler und seine Bedürfnisse und Lernmöglichkeiten. Bevormundung und Fremddisziplinierung der Schüler sollten überwunden werden und dieser zur Selbstständigkeit und Selbstverantwortung finden;[14] dies gelang jedoch nur ansatzweise. Man erkannte auch schon damals, wie wichtig es war, die Schule durch Lerngänge und Exkursionen zu öffnen. Auch das Ziel, den Unterricht vom „Erwerb nutzloser Fakten“[15] zu befreien kam auf. Die Bedeutung des Klassenklimas wurde entdeckt sowie die Bedeutung der Kleingruppenarbeit, um die sozialen und kooperativen Fähigkeiten der Schüler zu fördern.

Doch wurden diese Einsichten nur an wenigen Schulen, und dort auch nur ansatzweise umgesetzt. Tradierte und „bewährte“ Disziplinierungsmaßnahmen wurden auch weiterhin eingesetzt – in fast allen Familien und Schulen waren Prügelstrafen an der Tagesordnung. Die Epoche, welche auf die wilhelminische folgte, lässt keine Besserung erwarten.

[...]


[1] Winterhoff, Michael. Warum unsere Kinder Tyrannen werden, 2008.

[2] Christopher Korn. Bildung und Disziplin. 2003, S.15.

[3] J. Ritter (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie (Band 2, D – F), 1972.

[4] Christopher Korn. Bildung und Disziplin. 2003, S.7.

[5] Domke, H. Lehrer und abweichendes Schülerverhalten, 1973.

[6] Georg E. Becker. Disziplin im Unterricht, 2009.

[7] Ebd., S. 15.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 19.

[10] Ebd., S.20.

[11] Ebd., S.21.

[12] Ebd. S. 21.

[13] Georg E. Becker. Disziplin im Unterricht. 2009, S. 22.

[14] Ebd., S. 23.

[15] Ebd., S.24.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Inwiefern hat sich der Begriff der Disziplin und Strafe im 19./20. Jahrhundert verändert?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Erziehungswissenschaften und Pädagogik)
Veranstaltung
Lernen und Lehren im Schulmuseum
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V188455
ISBN (eBook)
9783656120506
ISBN (Buch)
9783656120551
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Disziplin, Strafe, Schule, Zeitzeugen, Interview
Arbeit zitieren
Svenja Strohmeier (Autor), 2012, Inwiefern hat sich der Begriff der Disziplin und Strafe im 19./20. Jahrhundert verändert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188455

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