„Der Dumme ist doch der Bürger, der Alles zahlt!“… Wie oft hören oder lesen wir aktuell diesen Satz, wenn es um die unterschiedlichsten innen- und aussenpolitischen Themen geht.
Ob es sich nun um innenpolitische Debatten handelt, die klären sollen in wie weit die aktuelle Finanzkrise abgewendet werden kann, der so teuer gewordene Sozialstaat weiterhin finanziert werden soll oder einzelne Projekte wie der Bahnhof "Stuttgart 21" öffentlich diskutiert und kritisiert werden oder um außenpolitische Problematiken wie die Rettung Griechenlands, die Flut der Flüchtlinge Nordafrikas oder auch die Rechtssicherheit des weltweiten Internets: immer steht zumindest am Rande der Bürger, dem dieses noch zuzumuten, jedoch schwer zu vermitteln ist. Wer genau ist denn dieser Bürger über den gemutmaßt wird, dass er dieses wohl noch akzeptieren wird, aber aus seiner Perspektive nicht einsehen kann? Welche Kriterien liegen dieser Bewertung der Zumutbarkeit und vor Allem der Rechtfertigung seitens der Politiker in Bezug auf die Bürger zu Grunde?
Nicht alle politischen Beweggründe zielen auf einen Sieg bei der nächsten Landtags- oder Bundestagswahl ab, sondern es gibt durchaus ein theoretisches Modell, welches sich hinter unserem derzeitigen politischen System verbirgt. Ein wesentlicher Punkt in diesem Modell ist die Idee der Staatsbürgerschaft, wobei der Bürger durch bestimmte Rechte und Pflichten an den Staat – dem er rechtlicht angehört – gebunden ist. Die Modifikationen und Variationen der Staatsbürgerschaft in unterschiedlichen politischen Gemeinschaften sind einerseits durch das vorherrschende Staatskonzept und der damit verbundenen historischen Entwicklungsgeschichte des Einzelstaates, andererseits aber auch durch die divergierenden Entwicklungen einiger philosophie-theoretischen Modelle der Staatsbürgerschaft, unter besonderer Berücksichtigung variabler historischer Aspekte, stringent impliziert.
Im Rahmen dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie sich der philosophische Begriff der Staatsbürgerschaft aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven entwickelt hat und in welcher Form er in die gegenwärtige politische Praxis eingebettet ist. Es soll herausgestellt werden welche Differenzen zwischen der theoretischen Definition des Begriffs der Staatsbürgerschaft und seiner praktischen Umsetzungsmöglichkeiten bestehen. Dies wird anhand des Beispiels der Unionsbürgerschaft verdeutlicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Entwicklung der staatsbürgerlichen Idee
2.1 Die vertragstheoretische Perspektive
2.1.1 Hobbes
2.1.2 Locke
2.1.3 Rousseau
2.1.4 Vom natürlichen Individuum zum Staatsbürger
2.2 Gerechtigkeit
2.2.1 Platon
2.2.2 Aristoteles
2.2.3 Rawls
2.2.4 Gerechtigkeit als Maßstab kooperierender Bürger
2.3 Sittlichkeit
2.3.1 Platon
2.3.2 Hegel
2.3.3 Herrscher- kontra Bürgertugend
2.4 Freiheit
2.4.1 Kant
2.4.2 Mill
2.4.3 Freiheitssicherung durch ihre Einschränkung
2.5 Definition der Staatsbürgerschaft
2.5.1 Gesicherte Rechte
2.5.2 Bindende Pflichten
2.5.3 Erwerbungsprinzipien der Staatsbürgerschaft
3 Die Unionsbürgerschaft
3.1 Von Schengen nach Lissabon
3.2 Definition der Unionsbürgerschaft
3.2.1 Gesicherte Rechte der Unionsbürgerschaft
3.2.2 Bindende Pflichten der Unionsbürgerschaft
4 Unions- und Staatsbürgerschaft im Vergleich
5 Kritik und neue Ansätze
6 Schlusswort
Zielsetzung und Themenbereiche
Die Arbeit untersucht die theoretische Entwicklung des philosophischen Begriffs der Staatsbürgerschaft und setzt diesen in Bezug zur praktischen Umsetzung am Beispiel der europäischen Unionsbürgerschaft. Ziel ist es, Differenzen zwischen theoretischer Definition und politischer Praxis aufzuzeigen sowie die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung des Begriffs zu begründen.
- Philosophische Begründungsansätze der Staatsbürgerschaft (Vertragstheorie, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Freiheit)
- Transformation vom natürlichen Individuum zum Staatsbürger
- Rechtliche und politische Entwicklung der Unionsbürgerschaft (von Schengen bis Lissabon)
- Kritische Reflexion der Diskrepanz zwischen philosophischem Ideal und politischer Realität
- Anforderungen an ein modifiziertes Staatsbürgerschaftskonzept in einer pluralistischen Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Hobbes
Basierend auf dem von Thomas Hobbes in seinem Werk „Leviathan“ erstmals ausgearbeiteten vertragstheoretischen Argument – der Legitimation von politischer Herrschaft eines Staates – hat sich die Grundidee des Gesellschaftsvertrages etabliert, auf dessen Struktur die ihm folgenden Vertragstheoretiker zurückgreifen. Dieses Strukturelement, als theoretisches Konzept, ist in allen folgenden theoretischen Modellen, die einen vertragstheoretischen Ansatz beinhalten oder auf ihm aufgebaut sind, grundlegend.
Betrachtet wird hier hauptsächlich der erste Teil des „Leviathan“, in welchem Hobbes besonders den Menschen und seine Ausgangssituation in Form des Naturzustandes beurteilt. In diesem Teil liefert er die fundamentalen Argumente, welche für die Bildung eines Staates, mit Hilfe eines hypothetischen Vertrags, und die Rettung der Menschen „aus dem elenden Zustande eines Krieges aller gegen alle“ notwendig sein sollen. Die für Hobbes dazu dienliche Regierungsform, die Monarchie, wird im zweiten Teil des „Leviathan“, welcher sich mit dem Staat beschäftigt, durch einen weiteren Argumentationsstrang, der auf dem Vertragsargument basiert, begründet und soll an dieser Stelle nicht weiter betrachtet werden. Die Priorität wird hier auf das grundlegende vertragstheoretische Argument gesetzt, welches die staatliche Regierung – wie auch immer diese beschaffen sein mag – legitimiert.
Der Naturzustand ist die Ausgangssituation aus welcher der Mensch sich mit Hilfe des Gesellschaftsvertrages befreien muss, weil es sich um einen Zustand der ständigen Unsicherheit und Gefahr handelt, in der der Krieg aller gegen alle vorherrschend ist. Hobbes stellt diesen Zustand einerseits unter Berücksichtigung der empirischen Bedingungen und andererseits hinsichtlich der normativen Bedingungen, von denen der Mensch im Naturzustand abhängig ist, dar und entwickelt in beiden Begründungsansätzen ein Szenario der absoluten Anarchie, in dem das Überleben das einzige, von Allen angestrebte, Ziel ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Diskrepanz zwischen dem theoretischen Modell des Staatsbürgers und der politischen Realität, motiviert durch aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.
2 Die Entwicklung der staatsbürgerlichen Idee: Dieses Kapitel analysiert philosophische Begründungen von Staatsbürgerschaft anhand von Vertragstheorien, Gerechtigkeitskonzepten, Sittlichkeit und Freiheit sowie deren historische Vertreter.
3 Die Unionsbürgerschaft: Dieser Abschnitt beleuchtet die rechtliche Entwicklung der Unionsbürgerschaft von den ersten Abkommen bis zum Vertrag von Lissabon und definiert ihre Rechte und Pflichten.
4 Unions- und Staatsbürgerschaft im Vergleich: Es erfolgt eine Gegenüberstellung der theoretischen Modelle mit der praktischen Umsetzung auf EU-Ebene, wobei Gemeinsamkeiten und Defizite identifiziert werden.
5 Kritik und neue Ansätze: Das Kapitel diskutiert kritische Einwände gegenüber herkömmlichen Erwerbsprinzipien und fordert unter Bezugnahme auf aktuelle Debatten eine Weiterentwicklung des Konzepts.
6 Schlusswort: Das Fazit fasst zusammen, dass moderne Gesellschaften heterogen sind und eine kontinuierliche Integration moralischer Prinzipien in politische Theorien erfordern.
Schlüsselwörter
Staatsbürgerschaft, Unionsbürgerschaft, Gesellschaftsvertrag, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Politische Philosophie, Politische Partizipation, Sozialisation, Menschenrechte, Politische Theorie, Demokratie, Gemeinwille, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der philosophischen Herleitung des Begriffs der Staatsbürgerschaft und untersucht, wie sich dieses theoretische Konzept in der aktuellen europäischen Unionsbürgerschaft praktisch niederschlägt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die verschiedenen philosophischen Strömungen, die das Verständnis von Staatsbürgerschaft geprägt haben, wie Vertragstheorien, Gerechtigkeitslehren, Sittlichkeit und Freiheitskonzepte, sowie deren Übertragung auf die moderne europäische Politik.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die Differenzen zwischen dem theoretischen Ideal der Staatsbürgerschaft und der realpolitischen Umsetzung zu analysieren und aufzuzeigen, wo Bedarf für eine Weiterentwicklung dieser Konzepte besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophiehistorische Analyse, bei der zentrale Vertreter politischer Theorien (z.B. Hobbes, Locke, Rousseau, Kant, Mill, Rawls, Hegel) exemplarisch ausgewählt und auf ihre Relevanz für den Staatsbürgerschaftsbegriff hin untersucht werden.
Welche Inhalte deckt der Hauptteil ab?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit philosophischen Begründungsansätzen, einer Definition der Staatsbürgerschaft sowie einem Vergleich dieser theoretischen Basis mit der rechtlichen und praktischen Ausgestaltung der europäischen Unionsbürgerschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Staatsbürgerschaft, Unionsbürgerschaft, Gerechtigkeit, Freiheit, Gesellschaftsvertrag, Sittlichkeit, politische Partizipation und Menschenrechte charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Ansatz von Hobbes von dem von Locke?
Während Hobbes das hypothetische Vertragsmodell nutzt, um eine absolute Monarchie zur Sicherung des Überlebens zu legitimieren, verwendet Locke das Modell, um die Regierungsform einer liberalen Demokratie zu rechtfertigen, die den Schutz individueller Freiheitsrechte garantiert.
Welche Kritik übt die Autorin am aktuellen Konzept der Staatsbürgerschaft?
Die Autorin argumentiert unter anderem mit Seyla Benhabib, dass die klassischen Erwerbsprinzipien der Staatsbürgerschaft in einer ethnisch und kulturell pluralistischen Realität zunehmend als methodologische Fiktion erscheinen und daher überdacht werden müssen.
- Citar trabajo
- M. A. Rita Hering (Autor), 2011, Der philosophische Begriff der Staatsbürgerschaft in seiner theoretischen Entwicklung und dessen praktischer Umsetzung am Beispiel der Unionsbürgerschaft, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188538