Unterhaltende Politikvermittlung

Politainment im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen, Publikumserwartungen und Bildungsanspruch


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politikvermittlung im Medienwandel
2.1 Das Publikumsbild
2.2 Ökonomisierung

3. Politainment als eine spezifische Form des Infotainment
3.1 Merkmale
3.2 Formen
3.3 Exkurs:politische Talkshows

4. Unterhaltende Politikvermittlung und Bildungsansprüche
4.1 Medienkritiker und Kulturpessimisten
4.2 Chancen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

l. Einleitung

„Es geht darum, auch komplizierte Themen so aufzubereiten, dass man zwischendurch darüber lachen kann und sich unterhalten fühlt. Deswe - gen ist Unterhaltung überhaupt nicht schlimm. Unterhaltung und An­spruch schließen einander nicht aus.“ (Frank Plasberg 2007)

Obwohl die politische Talkshow hart aber fair in der ARD in der Kategorie der regulären Informationssendungen zu finden ist, wird sie von den Ma­chern mit unterhaltenden Elementen inszeniert. Sie verbindet Information und Unterhaltung, Diskussionen und Show. Damit reiht sich in ein Genre zum Zwecke einer Politikvermittlung eigener Art ein - dem Politainment. Mit der zunehmenden Unterhaltungsorientierung in den Massenmedien fallen häufig die Begriffe Infotainment, Edutainment, Docutainment, Poli­tainment usw. Ihre gemeinsame Referenz ist die Unterhaltung. Dieser Entwicklung stellt sich die Frage, inwiefern die Symbiose aus unterhalten­den und informierenden Elementen die Politikvermittlung unterstützen. Oder tragen Infotainmentformate, wie Neil Postman es 1985 befürchtete[1], tatsächlich zu unser aller Verdummung bei?

Die folgende Arbeit befasst sich zum einen damit, welche Faktoren den Entertainisierungstrend bedingen und auf welche Weise er sich mani­festiert. Zum anderen will sie untersuchen, welche Konsequenzen dies für die normativ-demokratietheoretischen Ansprüche an Politikvermittlung und die Funktionalität demokratischer Öffentlichkeit hat. Dafür wird zu­nächst der Wandel zu einer modernen Politikvermittlung und -darstellung in den Massenmedien skizziert. Der Schwerpunkt liegt auf der Betrachtung des Fernsehens. Dabei wird auf zwei Variablen eingegangen, welche den Unterhaltungstrend in der Politikvermittlung maßgeblich beeinflussen: das Bild vom Publikum und ökonomische Interessen. Ist das Publikum un­terhaltungsorientiert, gar entpolitisiert? Welche Rolle spielt dieses Publi­kumsbild und die politische Unterhaltung im Wettbewerb um Quoten und Absatz? Das Politainment als eine aus dieser Entwicklung heraus neu ent­standene Form der Politikvermittlung wird im dritten Kapitel behandelt. Hierbei wird besonders auf die politischen Talkshows geschaut. Im letzten Abschnitt geht es schließlich um negative und positive Potentiale des Poli- tainments: Unterstützen sich unterhaltende und informierende Elemente eines Medienbeitrags? Oder führt die Verbindung von Politik und Enter­tainment zum Verfall politischer Kultur?

2. Politikvermittlung im Wandel

„Je politischer unsere gesellschaftliche Umwelt wird, desto weniger ist sie offenbar als politisch 'gemachte' Welt erkennbar. Die langwierigen Prozes­se, die komplexen Institutionen, die vielschichtigen Interessen, die hinter den augenfälligen Zuständen stehen, sind für den einzelnen immer schwie­riger sichtbar und nachvollziehbar.“ (Marcinkowski 1998: i6sf)

Marcinkowski verweist auf ein Kernthema der Sozialwissenschaften: die zunehmende Komplexität der Gesellschaft. Damit einher geht die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung. Eine der grund­legenden Bedingungen der gesellschaftlichen Ordnungsbildung sei die Po­litikvermittlung, jene Verbindung zwischen Bürgern und politischen Ak­teuren, die in modernen Demokratien die Aufgabe von komplexen Institu­tionen und Organisationen ist (vgl. Bruns/Marcinkowski 1997: I9ff). Die Massenmedien nehmen in der Vermittlung politischer Prozesse eine be­sondere Rolle ein. Das Fernsehen beispielsweise ist programmrechtlich dazu angehalten, einen bestimmten Umfang an politischer Information anzubieten. Tenscher konstatiert jedoch, dass sich Politikdarstellung in den Massenmedien „qualitativ verändert und quantitativ verringert“ (Ten­scher 1998: 192) habe. Trotz einer Expansion des Gesamtprogramms sei der Anteil an Nachrichten- und politischen Informationssendungen im ge­samten Fernsehprogramm prozentual zurückgegangen. (Vgl. ebd.: 192) Zwar falle der Anteil politischer Information in den Nachrichten bei ARD und ZDF im Vergleich zu den privat-kommerziellen Anbietern erwartungs­gemäß höher aus, es zeichne sich jedoch auch hier ein kontinuierlicher Rückgang politischer Informationsleistungen ab. Die Unterhaltungszen­trierung verdränge zunehmend die politische Publizistik. (Vgl. Schicha/Brosda 2002: 9)

Mit wachsender Konkurrenz zwischen Programmen und Sendungen etabliert sich das Publikum als relevante Planungsgröße: Im Fernsehen werde generell häufiger nach Unterhaltung und Entspannung gesucht als nach politischer Information (vgl. Marcinkowski 1998: 181), die Verbin­dung von politischer Information mit Unterhaltung liegt aus ökonomi­scher Sicht also nahe. Die Grenzen zwischen klassischen Sendetypen der politischen Informationsvermittlung im Fernsehen seien heute nicht mehr so deutlich erkennbar wie noch zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fern­sehmonopols (vgl. Tenscher 1998: 193). Das Ergebnis dieser Entwicklung sei, dass die einst sorgsam getrennten Programmbereiche zusehends in ei­ner Unterhaltungskultur aufgehen (vgl. Nieland/Kamps 2004: 7).

In der hier dargestellten Entwicklung nehmen Publikumsorientie­rung und die Ausrichtung an marktwirtschaftlichen Faktoren im Gegen­satz zu gesellschaftlichen, normativ-demokratietheoretischen Ansprüchen zu. Im Folgenden sollen diese beiden Faktoren genauer erläutert werden.

2.1 Das Publikumsbild

Maßgeblich für den skizzierten Trend zur Unterhaltungskultur ist die Vor - stellung von einem unterhaltungsorientierten Publikum. Außerdem werde der Mehrheit der Bevölkerung die Tendenz zugeschrieben, politische In­formationsangebote zu meiden (vgl. Hasebrink 1998: 345). Dass dieses Bild ein verhältnismäßig altes ist, stellt Sarcinelli heraus: Demnach wird der Bürger als eine Art Zwitterwesen betrachtet, nämlich in der Doppelge­stalt des Mediencitoyen und des Medienbourgeois - Der Mensch brauche nicht nur das „Brot“ der Medieninformation, sondern suche auch die „Spiele“ der Medienunterhaltung. (Vgl. Sarcinelli 1998: 21) Neben der Ak­zeptanz des menschlichen Unterhaltungsbedürfnisses steckt hinter diesem Bild die normative Erwartung, dass sich Bürger informieren sollen. Die In­formiertheit der Bürger und die damit einhergehende Fähigkeit reflektier­te (Wahl-)Entscheidungen treffen zu können, ist ein integraler Bestandteil der Demokratie. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass das vor­handene Interesse an Politik weit hinter den an den Bürger gestellten Er - wartungen zurückbleibe (vgl. Maier 2009: 393). Politikvermittlung über Medien setze erstens voraus, dass die verfügbaren politischen Medienan­gebote genutzt werden (vgl. Hasebrink 1998: 345). Die Gratifikationsfor­schung befasst sich schon seit langem mit den Bedürfnissen der Rezipien­ten und deren Einfluss auf ihr Mediennutzungsverhalten. Es wird nicht mehr gefragt, was die Medien mit den Menschen machen, wie sie wirken, sondern, was die Menschen mit den Medien machen, wie sie die Medien nutzen. Dabei wird von einem aktiven Rezipienten ausgegangen, der ziel­gerichtet, bewusst und rational zwischen verschiedenen Gratifikations­quellen auswähle. Er orientiere sich bei der Mediennutzung vor allem an seinen Bedürfnissen. (Vgl. Maletzke 1998:118ff) Letztlich entscheidet auch der Zuschauer, ob er eine Fernsehsendung als Information oder als Unter - haltung rezipieren will (vgl. Früh/Wirth 1997: 367f).

Politikvermittlung über Medien setze zweitens voraus, dass ihnen Aufmerksamkeit zukommt (vgl. Hasebrink 1998: 345). Aufmerksamkeit wiederum zählt zu den knappsten Ressourcen in der Mediengesellschaft. Ausgangspunkt für eine unterhaltsame Berichterstattung sei die Annahme, dass unterhaltsam aufbereitete Beiträge eher die Aufmerksamkeit des Pu­blikums auf sich ziehen, als rein informierende Beiträge, und somit dazu führen, dass politische Themen in der Öffentlichkeit stärker wahrgenom­men werden (vgl. Rager/Rinsdorf 2002: 233). Visuelle Reize und schnell wechselnde Bilder seien offenbar besonders gut geeignet, immer wieder neue Orientierungsreflexe und damit permanente Aufmerksamkeit hervor­zurufen. Zudem ermöglichen Infotainment-Elemente den Zuschauern einen leichteren Zugang zu den Informationsangeboten und fördern damit das Verstehen. (Vgl. Früh/Wirth 1997: 367) Medienunterhaltung könne aber auch der Flucht aus der Realität dienen, der parasozialen Begegnung oder dem zeitweiligen Ausleben asozialer Tendenzen. Sie könne zur Ent­spannung, Erleichterung, Entlastung beitragen, Emotionen aktivieren, Tagträume initiieren, Orientierungshilfen bieten, Sinnmuster liefern etc. (Vgl. Maletzke 1995: 95)

Allerdings ist es recht spekulativ, ob Info- und Politainment Ange­botsmerkmale der Journalisten sind. Das eigentliche Argument ist eine zu­nächst unbewiesene Wirkungsunterstellung. Wo fängt Unterhaltung an, wo hört sie auf? Das können nur die Rezipienten entscheiden, nicht die Medienmacher. Infotainment ist also primär eine Rezeptionskategorie, die in einer bestimmten Beziehung zu unterhaltenden und informierenden In­halts- und Gestaltungselementen steht. Die Urheber von Unterhaltungsan­geboten haben nur Einfluss auf den Inhalt und die formale Gestaltung des unterhaltenden Stimulus, nicht auf den Rezipienten selbst oder die Rezep­tionssituation.[2]

[...]


[1] ln seinem Buch Wir amüsieren uns zu Tode (Postman 1988) kritisiert Postman diesbezüglich besonders das Fernsehen (vgl. ebd.: 173 und Kapitel 4.1)

[2] Das Triadisch-Dynamische Modell befasst sich ausführlich mit dem Rezeptionserlebnis Unterhaltung in Abhängigkeit der variablen Faktoren Person, Stimulus und situativen bzw. gesellschaftlichen Kontext. Unterhaltung könne prinzipiell überall, zu jeder Zeit, bei jedem Stimulus und bei jeder Person stattfinden, sich also nicht nur bei Unterhaltungssendungen zeigen. Diese Faktorenkonstellation wird dort als „Triadisches Fitting" bezeichnet. (Vgl. Früh 2003: 27ff)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Unterhaltende Politikvermittlung
Untertitel
Politainment im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Interessen, Publikumserwartungen und Bildungsanspruch
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Neuere Forschungen zur Wirkung politischer Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V188587
ISBN (eBook)
9783656123354
ISBN (Buch)
9783656124177
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politikvermittlung, Unterhaltung, Politainment, Bildung, Infotainment
Arbeit zitieren
Isabelle Klein (Autor), 2010, Unterhaltende Politikvermittlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188587

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