Auswirkungen des therapeutischen Kletterns auf die sensorische Integration

Untersuchung der visuellen Wahrnehmung bei Kindern mit ADHS


Masterarbeit, 2011

114 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Klettern
2.1 Historischer Überblick
2.2 Verschiedene Kletterdisziplinen
2.3 Klettertechniken
2.3.1 Grundtechniken
2.3.2 Spezielle Techniken
2.4 Klettern in der Schule
2.5 Klettern als Therapie

3 Wahrnehmung
3.1 Wahrnehmungsprozess
3.2 Neurophysiologische Grundlagen der Wahrnehmung
3.3 Einteilung der Sinnesmodalitäten
3.3.1 Nahsinne
3.3.2 Fernsinne
3.4 Sensorische Integration nach Ayres
3.4.1 Entwicklung der sensorischen Integration
3.4.2 Anpassungsreaktionen
3.5 Förderung der Wahrnehmung
3.6 Förderung der Basissinne durch das Klettern

4 Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung
4.1 Erscheinungsbild der ADHS
4.2 Diagnostik und Klassifikation nach DSM-IV und ICD-10
4.3 Ätiologie
4.3.1 Psychosoziale Faktoren
4.3.2 Genetische Faktoren
4.3.3 Immunologische Faktoren
4.3.4 Neurologische Faktoren
4.4 Integratives Modell
4.5 Wahrnehmung und ADHS
4.6 Wirkfaktoren des Kletterns bei Kindern mit einer ADHS

5 Zielsetzung und Fragestellung

6 Methodisches Vorgehen
6.1 Datenerhebung
6.1.1 Verwendetes Testverfahren
6.1.2 Relevante Bereiche der visuellen Wahrnehmung für den FEW-2
6.1.3 Auswahl der Subtests
6.2 Beschreibung der Stichprobe
6.4 Beschreibung und Ablauf der Untersuchung
6.4.1 Unterrichtseinheiten
6.4.2 Auswahl und Begründung der Fördermaßnahmen
6.4.3 Gerätearrangements
6.5 Inhalte und Ziele der einzelnen Interventionseinheiten

7 Präsentation der Ergebnisse
7.1 Ergebnisse des Pretests
7.1.1 Laura
7.1.2 Manuel
7.1.3 Thomas
7.1.4 Matthias
7.1.5 Entwicklungshöhe von Laura, Manuel, Thomas und Matthias
7.2 Beobachtungen aus den Unterrichtseinheiten
7.2.1 Bewegungsverhalten der Kinder an den Gerätearrangements
7.2.2 Bewegungsverhalten der Kinder an der Boulderwand
7.2.3 Bewegungsverhalten der Kinder an der Kletterwand
7.3 Vergleich der Ergebnisse des Pre- und Posttests
7.3.1 Laura
7.3.2 Manuel
7.3.3 Thomas
7.3.4 Matthias

8 Zusammenfassende Beschreibung und Interpretation der Beobachtungs- und Testergebnisse

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

Anhangverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Grundtechniken und spezielle Klettertechniken

Abb. 2: Funktionale Struktur einer Kletterbewegung

Abb. 3: Das Nervensystem

Abb. 4: Schematische Darstellung des Gehirns

Abb. 5: Wahrnehmungsentwicklungsbaum

Abb. 6: Die Sinne und ihre Integration

Abb. 7: Gestaltkreis

Abb. 8: Aufmerksamkeitsstörung nach DSM-IV und ICD-10

Abb. 9: Impulsivität nach DSM-IV und ICD-10

Abb. 10: Hyperaktivität nach DSM-IV und ICD-10

Abb. 11: Kriterien für die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung nach DSM-IV

Abb. 12: Integratives Modell zur Entstehung von ADHS

Abb. 13: Gerätearrangement „Eisplatte“ (a)

Abb. 14: Gerätearrangement „Schmale Brücke“ (b)

Abb. 15: Gerätearrangement „Hängebrücke“ (c)

Abb. 16: Gerätearrangement „Flussüberquerung“ (d)

Abb. 17: Gerätearrangement „Tiefe Schlucht“ (e)

Abb. 18: Gerätearrangement „Berg und Tal“ (f)

Abb. 19: Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Laura im Pretest

Abb. 20: Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Manuel im Pretest

Abb. 21: Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Thomas im Pretest

Abb. 22: Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Matthias im Pretest

Abb. 23: Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Laura, Manuel, Thomas und Matthias im Pretest

Abb. 24: Vergleich der Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Laura von T1 und T2

Abb. 25: Vergleich der Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Manuel von T1 und T2

Abb. 26: Vergleich der Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Thomas von T1 und T2

Abb. 27: Vergleich der Entwicklungshöhe der vier Subtests bei Matthias von T1 und T2

Abb. 28: Zunahme der Wertpunkte im Subtest „Lage im Raum“ (2)

Abb. 29: Zunahme der Wertpunkte im Subtest „Figur-Grund“ (4)

Abb. 30: Zunahme der Wertpunkte im Subtest „Räumliche Beziehungen“ (5)

Abb. 31: Zunahme der Wertpunkte im Subtest „Gestaltschließen“ (6)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Wirkfaktoren des Kletterns

Tab. 2: Basiskonstrukte der FEW-2-Subtests

Tab. 3: Deskriptive Bewertung der Wertpunkte

1 Einleitung

In den letzten Jahren hat sich der Klettersport rasant entwickelt. Handelte es sich am Anfang noch um einen Nischensport, verdeutlichen die aktuell hohe Zahl der aktiven Kletterer sowie die Anzahl der Kletterhallen den Einzug des Kletterns in den Trend- und Breitensport. Aber auch in Therapie und Pädagogik sind in den letzten Jahren verschiedene Ansätze entwickelt worden, die sich die Besonderheiten des Kletterns zu Eigen machen. Therapieansätze, die auf den Grundlagen der Kletterbewegung aufbauen, finden heutzutage vor allem in der Physiotherapie Anwendung. Allerdings liegen zur Wirksamkeit des therapeutischen Kletterns bislang kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vor, sondern lediglich Erfahrungsberichte und Beobachtungen. Eben diese argumentieren jedoch, dass gerade Kindern mit einer Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) vom Klettern als Fördermöglichkeit profitieren, da von einer Verbesserung der Konzentration und der Wahrnehmungsfähigkeit ausge- gangen werden kann. Zudem wird eine Verbesserung der sensorischen Integration sowie der neuronalen Vernetzungen im Gehirn vermutet.

Einen Zusammenhang zwischen der ADHS und der sensorischen Integration wird von mehreren wissenschaftlichen Autoren vermutet, da Kinder mit einer ADHS häufig Wahrnehmungsstörungen aufweisen. Eine Förderung der sensorischen Integration durch das Klettern könnte zu einer Verbesserung von und Entwicklung in speziellen Wahrnehmungsbereichen führen. Der Fokus dieser Arbeit liegt daher auf dem Prozess der sensorischen Integration, unter dem das Ordnen und Verarbeiten von Wahrnehmungsinformationen verstanden wird. Eine Vielzahl von Sinnesreizen wird im Gehirn gefiltert, verknüpft und bildet die Grundlage der Wahrnehmung und Bewegung.

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die „Auswirkungen des therapeutischen Kletterns auf die sensorisch Integration - Untersuchung der visuellen Wahrnehmung bei Kindern mit ADHS“ zu untersuchen. Im Zentrum galt es, der Frage nachzugehen, ob und inwiefern sich das Klettern auf die sensorische Integration auswirken kann. Hierzu wurden über einen Zeitraum von sechs Wochen, 4 Kinder im Alter zwischen 6 und 8 Jahren, bei denen eine ADHS vorliegt, im Rahmen von 8 Fördereinheiten mit dem Schwerpunkt „Klettern“ gefördert. Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit wurden mittels eines standardisierten Testverfahrens überprüft.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in die Bereiche: theoretische Grundlagen, Untersuchungsaufbau, Förderkonzeption und Ergebnisse. In Kapitel 2 bis 4 werden zunächst die theoretischen Grundlagen zum Klettern als eine Bewegungsmöglichkeit, zur Wahrnehmung als auch zur sensorische Integration sowie zu den Ursachen der ADHS erläutert. Ein Schwerpunkt wird hier auf die Aspekte der Wahrnehmung sowie der sensorischen Integration gelegt, um im Anschluss daran, die Zusammenhänge dieser beiden Bereiche als Entstehungsgründe der ADHS zu diskutieren. Bezüge zwischen den Bereichen der Wahrnehmung, der ADHS und des Förderpotenzials des Kletterns werden in den einzelnen Kapiteln herausgearbeitet. In Kapitel 5 werden die theoretischen Hintergründe zusammengefasst und die in dieser Arbeit zugrunde liegende Forschungsfrage abgeleitet. Im anschließenden Kapitel 6 wird das methodische Vorgehen beschrieben, wobei das verwendete Testverfahren, die Stichprobe und der Untersuchungsablauf sowie die Ziele und Inhalte der einzelnen Fördereinheiten erläutert werden. Eine Präsentation und Interpretation der Beobach- tungen in den Fördereinheiten sowie der Ergebnisse aus den Testungen findet im anschließenden Kapitel 7 statt. Abschließend werden in Kapitel 8 die Ergebnisse diskutiert.

2 Klettern

Der Begriff des „Kletterns“ sowie die verschiedenen Kletterdisziplinen, technischen Grundelemente und Perspektiven nach Martinet und Bernard (1999), werden in diesem Kapitel näher erläutert. Anschließend werden die pädagogischen Möglichkeiten des Kletterns dargestellt und analysiert. Darauf aufbauend werden das therapeutische Klettern sowie die zugehörigen Forschungsergebnisse dargelegt.

Nach Flecken und Heise-Flecken (2010) ist Klettern eine Grundform menschlicher Bewegung und stellt ein elementares Bedürfnis in der kindlichen Entwicklung dar. Als innovative Sportart findet Klettern verstärkt Eingang in die Bewegungswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Unterschiedliche Aktivitäten wie Bouldern, Toprope-Klettern, alpines Klettern, werden unter dem Sammelbegriff „Klettern“ zusammengefasst. (Klein & Schunk, 2005). Maraun, Paschel und Scheel (1983) definieren Klettern als eine Bewegung, „mit der Räume und Hindernisse dort zu überwinden sind, wo der aufrechte Gang auf zwei Beinen nicht mehr möglich ist“ (Maraun, Paschel & Scheel, 1983, S. 98). Die Vorwärts-, Aufwärts-, Seitwärts- oder Abwärtsbewegung am steilen und unwegsamen Gelände ist somit Handlungssinn des Kletterns. Die Grundlage der Kletterbewegung ist die Kontrolle des Körper- schwerpunktes und somit das fortwährende Finden des Gleichgewichts. Dabei werden die Hände und die Arme zum Festhalten und Ziehen des Körpers eingesetzt. Er „bewegt sich, gleichsam durch Verkürzen und Strecken der Gelenke, im Bewegungsbild ähnlich wie eine Raupe“ (Maraun, Paschel & Scheel, 1983, S. 98). Da das Klettern mehrdimensionale Aspekte bietet und somit ein umfangreiches Angebot darstellt, wird es immer häufiger von Schulen und sozialpädagogische Ein- richtungen aufgegriffen und in den Unterricht integriert.

Klettern bietet eine offene Bewegungssituation, da auf verschiedene Situationen wie etwa die Geländequalität, die Geländestruktur, die Neigung, die Witterungsver- hältnisse sowie auf unterschiedliche Griffe und Tritte, flexibel und situativ reagiert werden muss. Eine normierte Kletterbewegung kann aus diesen Gründen nicht angewandt werden (Klein & Schunk, 2005). Stattdessen muss ein Repertoire an unterschiedlichen Bewegungsabläufen und Techniken erlernt werden, um durch eine Kombination dieser Abläufe und Techniken in den jeweiligen Klettersituationen angemessen handeln zu können. Das Klettern ist somit eine „offene Bewegungs- fertigkeit, die sich deutlich sowohl in ihrer Struktur als auch in ihrer Lehrmethodik z.B. von einer Rolle vorwärts am Boden unterscheidet“ (Klein, 1999, S. 50).

2.1 Historischer Überblick

Die ersten Aufzeichnungen zu Bergbesteigungen gehen zurück in den April des Jahres 1336. Der italienische Dichter Francisco Petrarca bestieg den Mont Ventoux, um seine Heimat von oben sehen und beschreiben zu können (Boecker, 2004). Auch Stückl und Sojer verweisen auf den 26. April 1336 als die „Geburtsstunde des Bergsteigens“ (Stückl & Sojer, 1996, S. 9). Die Entwicklung des alpinen Kletterns begann erst ca. 400 Jahre später und vollzog sich zunächst langsam, beschleunigte sich jedoch mit der Verbesserung der Ausrüstung und der Technik. 1786 bestiegen Michel Gabriel Paccard und Jacques Balmat das erste Mal den Montblanc (Lourens, 2005). Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann das Felsenklettern in seiner reinen Form und sportliche Motive rückten anstelle von wissenschaftlichem Interesse in den Vordergrund (Boecker, 2004).

Im 20. Jahrhundert breitete sich das Felsklettern ebenso schnell aus wie der Alpinismus. Erste Kletterwettkämpfe entstanden in den 1980er Jahren und das Klettern entwickelte sich zum professionellen Hochleistungssport (Boecker, 2004). Heutzutage kann zwischen verschiedenen Disziplinen des Felskletterns wie zum Beispiel Trad Climbing, Sportklettern, Frei-, Solo-, Bigwall-Klettern, Bouldern und Indoor-Klettern unterscheiden (Lourens, 2005). Immer mehr kommerziell betriebene Kletterhallen entstehen und bieten den Breiten- sowie auch Leistungssportlern gute Übungsmöglichkeiten (Perwitzschky, 2007). Boecker resümiert: „Das Klettern ist zu einem Freizeitsport geworden, den nach Angaben des Deutschen Alpenvereins etwa 80.000 Menschen in Deutschland betreiben“ (Boecker, 2004, S. 13).

Die mögliche Nutzung des Kletterns wurde bis heute nicht ausgeschöpft. So wird der Sport unter anderem zur Erreichung pädagogischer Ziele herangezogen und auch das therapeutische Klettern entwickelt sich weiter.

2.2 Verschiedene Kletterdisziplinen

Der Oberbegriff „Klettern“ fasst mittlerweile zahlreiche Unterdisziplinen zusammen, aus denen an dieser Stelle eine Auswahl aufgeführt wird.

Bouldern ist das englische Wort für Felsblock und bezeichnet das Klettern im Quergang in einer geringen Höhe, bei der kein Seil erforderlich ist. Das Bouldern entstand als Klettertraining für das Toprope-Klettern, bei dem mit Seilsicherung nach oben geklettert wird. Im Gegensatz dazu liegt das Ziel des Boulderns nicht darin, möglichst hoch zu steigen, sondern in geringer Höhe sogenannte Kletterprobleme, die gleichfalls beim Toprope-Klettern auftreten können, zu lösen. Kletterprobleme und Bewegungsmöglichkeiten können an der Boulderwand in geringer Höhe somit immer wieder kraftsparend erprobt werden. Ein weiterer Vorteil des Bouldern ist, dass diese Form des Kletterns mit wenig Ausrüstung und ohne Gurt und Seil ausgeübt werden kann. Der Fokus liegt dabei auf dem Erproben verschiedener Bewegungsmöglichkeiten an der Wand. Da keine Höhe erklettert werden muss, können an den verschiedenen Griffen und Tritten immer wieder neue Klettermöglichkeiten ausprobiert werden (Lourens, 2005).

Beim Sportklettern befinden sich in regelmäßigen Abständen Sicherungen (Bolts) im Felsen, in denen „Expressen“ zur Seilsicherung eingeklinkt werden. Expressen sind Zwischensicherungen und dienen der Verminderung der Fallhöhe bei einem Sturz. Im Falle eines Sturzes halten die Expressen, durch die das Seil läuft, somit Kletterer. Mobile Sicherungsmittel werden überflüssig und das Sportklettern wird sicherer und leichter zu erlernen (Lourens, 2005). Die Routen werden vom Erstbegeher durch Bohren und Anbringen der Sicherungen und des Standplatzes eingerichtet. Die vorgefertigten Bolts verbleiben im Felsen, sodass lediglich Expressen mitgeführt werden müssen. Weitere Kletterer haben nun die Möglichkeit, verschiedene vorgefertigte Routen zu klettern und sich beim Erreichen des Standplatzes zum Boden abzulassen oder einen Nachsteiger zu sichern. Das Nachsteigen einer Route heißt Toprope-Klettern, da das Seil (rope) bereits oben (top) eingehakt ist. Dies ermöglicht ein gefahrloses und sicheres Klettern mit einer Seilsicherung von oben (Perwitzschky, 2007).

Unter Indoor-Klettern versteht man das Klettern in alten Lagerräumen, Industrie- gebäuden oder großen Hallen, in denen künstliche Kletterwände in unterschiedlichen Neigungswinkeln sowie Griffe und Tritte installiert worden sind. So können verschiedenste Schwierigkeitsgerade geklettert werden. Ebenso gibt es die Möglichkeit zum Toprope-Klettern und zum Sportklettern. Der Ausbau von alten Hallen boomt und immer mehr Kletterer nutzen die Hallen sowohl zum Kraft-, Ausdauer- und Techniktraining als auch aus Spaß am Klettern (Klein & Schunk, 2005).

Trad Climbing unterscheidet sich vom Sportklettern insoweit als die Sicherungen im Felsen vollständig selber gesetzt werden. Mobile Sicherungsmittel wie beispielsweise „Friends“ oder „Klemmkeile“ werden in Risse und Spalten für die Seilsicherung platziert (Lourens, 2005). Bei dieser Kletterart begehen mindestens zwei Kletterer den Fels. Einer der beiden steigt vor, setzt Sicherungen und richtet einen Standplatz zum Sichern des zweiten Kletterers ein. Der sogenannte zweite Kletterer steigt nun nach und entfernt die gesetzten Sicherungen bis zum Erreichen des Standplatzes. Dieser Vorgang wird bis zum Erreichen des Ziels wiederholt. Die Besonderheit dabei ist, dass im Felsen kein Material zurückgelassen wird.

Als Freiklettern wird das Klettern unter Benutzung der Griffe und der Tritte, die lediglich der Fels bietet, bezeichnet. Auch hier ist der Kletterer durch ein Seil gesichert. Beim Freiklettern wird die Struktur des Felsens genutzt und auf künstlich angebrachte Griffe und Tritte verzichtet. Diese Art des Kletterns kann auch als „Strukturklettern“ verstanden werden (Lourens, 2005; Perwitzschky, 2007).

Ebenso wie das Freiklettern wird das Solo-Klettern häufig fälschlicherweise als Klettern ohne Seil verstanden. Das Solo-Klettern bedeutet jedoch das Klettern ohne Seilpartner aber mit einem Seil und steht dabei im Gegensatz zum Free-Solo, welches ohne Seil praktiziert wird. Das Solo-Klettern erfordert viel Erfahrung und ist sehr zeitintensiv, da Sicherungssysteme selbst gelegt und entfernt werden müssen.

Bigwall-Klettern bezeichnet das Klettern an Felswänden bei der über mehrere Tage hinweg eine große Kletterroute in Etappen geklettert wird. Die gesamte Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, warmer Kleidung usw. wird mitgenommen und selbst die Nächte werden auf einer kleinen Liege (Portaledge), welche freischwebend befestigt wird, verbracht (Lourens, 2005).

2.3 Klettertechniken

Unter Klettertechnik wird die Fähigkeit verstanden, eine konkret beim Klettern gestellte Bewegungsaufgabe möglichst kraftsparend, sicher und elegant zu lösen (Klein, 1999; Klein & Schunk, 2005). Das Ziel besteht darin, sich vom Erdboden weg zu bewegen und dabei das Gleichgewicht zu erhalten. Um dies zu erreichen, müssen der Körperschwerpunkt, die Arme und Beine sowie die Lage des Körpers durch verschiedene Muskeln und Muskelgruppen gesteuert werden (Klein, 1999). Wie bereits erläutert, findet eine Normierung der Kletterbewegung nicht statt. Dennoch lassen sich bestimmte Grundelemente der Bewegungskoordination beim Klettern ableiten, die in Abbildung 1 veranschaulicht werden. Dabei wird zwischen den Grundtechniken und den speziellen Klettertechniken unterschieden. Je nach Situation und den individuell verfügbaren koordinativen und konditionellen Fähigkeiten muss eine Grundtechnik variiert oder eine Spezialtechnik herangezogen werden (Klein, 2005).

Die Kombination aller Bewegungsmöglichkeiten erlaubt dem Kletterer, verschiedene Hindernisse auf unterschiedlichste Weise kletternd zu bewältigen. Da in der Untersuchung nicht die Vermittlung einzelner Klettertechniken fokussiert wird, werden lediglich diejenigen Techniken näher erläutert, die in den Geräteaufbauten sowie an der Boulderwand benötigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Grundtechniken und spezielle Klettertechniken (Klein & Schunk, 2005, S. 28).

2.3.1 Grundtechniken

Eines der wichtigsten Grundelemente des Kletterns ist das Treten sowie das Stehen auf verschiedenen Tritten. Die Füße tragen die Last des Körpers und unterstützen die Stütz- und die Stemmarbeit der Beine (Winter, 2004). Unterschieden werden das Antreten mit dem Außenriss, das frontale Antreten, das Antreten mit dem Ballen und der Trittwechsel durch Umspringen.

Ein weiteres Element ist das Greifen und das Halten von unterschiedlichen Griffen. Durch verschiedene Möglichkeiten des Greifens kann der Kletterer sein Gleichge- wicht stabilisieren und schützt sich vor dem Fallen nach hinten und unten (Winter, 2004).

Bei den unterschiedlichen Grundtechniken muss der K ö rperschwerpunkt fortwährend kontrolliert und verändert werden. Wichtig ist, dass der Körperschwerpunkt möglichst nah an der Wand liegt und die Hüfte dabei zum Felsen gebracht wird.

Die Kontrolle des Körperschwerpunktes und das Finden einer Gleichgewichtsposition ist bei der Kletterbewegung immer von grundlegender Bedeutung. Abbildung 2 zeigt die verschiedenen Elemente einer Kletterbewegung und verdeutlicht die Bedeutung des Gleichgewichts. Die Vorbereitung einer Kletterbewegung sowie das Ende bzw. der Übergang zur nächsten Kletterbewegung bestehen aus dem Einnehmen einer stabilen Gleichgewichtsposition. Um den Körper in eine neue Position zu bringen und somit das Ziel einer Kletterbewegung zu erreichen, müssen Körperspannung aufgebaut, Körperschwerpunkt optimal verlagert sowie Tritte und Griffe exakt belastet und gegriffen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Funktionale Struktur einer Kletterbewegung (Klein & Schunk, 2005, S. 27).

2.3.2 Spezielle Techniken

Die Steigtechnik, die Froschtechnik, die Reibungstechnik, die Spreiztechnik, und die Eindrehtechnik sind weitere Techniken beim Klettern. Da die Eindrehtechnik in der vorliegenden Untersuchung nicht relevant ist, wird diese in der Erläuterung außen vor gelassen. Im Gegensatz zum Bewegungsfluss, der bei den drei speziellen Techniken unterschieden werden kann, sind die einzelnen Grundelemente sehr ähnlich.

Die Steigtechnik (Anhang 1) ähnelt im Bewegungsfluss dem Hinaufsteigen einer Treppe oder einer Leiter. Der Körperschwerpunkt wird auf eine Seite verlagert, sodass der zu versetzende Fuß vom Körpergewicht entlastet wird. Eben dieser Fuß wird somit frei und kann weitertreten. Anschließend wird der Körperschwerpunkt wieder über die Trittfläche verlagert, um den anderen Fuß vom Körpergewicht zu entlasten (Winter, 2004). Demzufolge kann mit dieser Technik beispielsweise eine Sprossenwand kräftesparend erklettert werden. Winter (2008) bezeichnet diese Technik auch als unbelastetes Weitertreten.

Der Bewegungsfluss bei der Froschtechnik (Anhang 2) ähnelt der Beinbewegung eines schwimmenden Frosches. Dabei werden beide Knie stark zur Seite gedreht und die Füße auf der gleichen Höhe positioniert. Der Körperschwerpunkt wird je nach Hüftbeweglichkeit sehr nah an die Wand gebracht. Die Arme werden weitestgehend gestreckt gehalten und es erfolgt ein beidbeiniger Körperhub mit Zugunterstützung der Arme (Winter, 2004).

Bei der Reibungstechnik (Anhang 3) ist zu beachten, dass der Körperschwerpunkt über der Trittfläche gehalten wird. Der Oberkörper entfernt sich dabei ein wenig von dem Untergrund und erzeugt damit Druck auf die Tritte. Um auf sehr glatten Untergründen steigen zu können, muss versucht werden mit einer möglichst großen Sohlenfläche ein Maximum an Reibung herzustellen (Winter, 2004; Klein & Schunk, 2005). Die Fußstellung ist dabei leicht gespreizt. Es sollten kleine Trittabstände und ruhige Bewegungen durchgeführt werden, sodass ein fließendes Weitersteigen ermöglicht wird. Die Hände leisten dabei meistens nur Stützarbeit (Klein & Schunk, 2005).

Die Spreiztechnik (Anhang 4) wird in Verschneidungen angewandt. Dabei wird der Körperschwerpunkt durch das weite Spreizen der Beine abgesenkt und ermöglicht mehr Stabilität. Darüber hinaus erzeugen die Hände einen Gegendruck, indem sie an den beiden gegenüberliegenden Wänden senkrecht über den Füßen abstützen (Klein & Schunk, 2005). Das Weitertreten wird erschwert, da „zwischen den gegen- überliegenden und ausgespreizten Tritten ein großer Gegendruck besteht“ (Winter, 2004, S. 45). Ein Bein kann durch entsprechende Druckverlagerung nach oben bewegt werden. Zum Beispiel stützt die linke Hand auf Hüfthöhe ab und nimmt die Belastung auf. Anschließend kann der linke Fuß entlastet werden und stabil weitertreten. Der Körperschwerpunkt wird bei der Spreiztechnik nicht verlagert stattdessen wird das unbelastete Weitertreten durch das Stützen ermöglicht.

2.4 Klettern in der Schule

Im schulischen Sportunterricht muss in der Regel auf die Auseinandersetzung mit dem Kletterfelsen in der Natur verzichtet werden. Dennoch ist es im Rahmen des Sportunterrichts möglich eine Bewegungslandschaft mit unterschiedlichen Geräten aufzubauen, an denen verschiedene Kletterbewegungen ausgeführt werden können. Bewegungslandschaften können gerade im Kindesalter optimale Bedingungen liefern, um die Lernbegeisterung, das lebendige Bewegungsverhalten und die optimistische Grundeinstellung der Kinder zu erhalten. Kinder klettern gerne nach oben, genießen die Höhe und nutzen die sich ihnen bietenden Möglichkeiten (Jakob, 2010). Erlebnisorientierter Unterricht im Bereich des Kletterns bietet zudem die Möglichkeit, den Neugiertrieb und den Bewegungsdrang von Kindern zu entfalten (Winter, 2004). Aufgrund der ausgewogenen Belastung kann Klettern darüber hinaus einen positiven Beitrag zur Motorik und Fitness- sowie Wahrnehmungsschulung leisten (Winter, 2004).

Im Lehrplan Sport an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen (2008) heißt es, dass die Kinder durch ganzheitliche Lernerfahrungen in ihrer Entwicklung gefördert werden sollen. Ausgehend von den individuellen Voraussetzungen der Kinder kann das Klettern eine Möglichkeit bieten, auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus Klettererfahrungen zu sammeln. Im Lehrplan kann das Klettern den Inhaltsbereichen "den Körper wahrnehmen und Bewegungserfahrungen ausprägen“ sowie "Bewegen an Geräten - Turnen" zugeordnet werden.

Das Klettern kann unter Berücksichtigung verschiedener pädagogischer Perspektiven thematisiert werden (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2008). Diese sind:

- Wahrnehmungsfähigkeiten verbessern, Bewegungserfahrungen erweitern (A),
- Etwas wagen und verantworten (C),
- Kooperieren, Wettkämpfen und sich verständigen (E).

Gleichfalls lässt sich nach Kiphard (1994) das Klettern unter psychomotorischen Aspekten im sonderpädagogischen Bereich legitimieren. Über Spiel-, Wahrneh- mungs- und Bewegungsübungen werden „Lernprozesse in Gang gesetzt, die die motorische, kognitive und soziale Handlungsfähigkeit der Kinder erweitert“ (Schürmann, 1996, S. 207). Martinet und Bernard (1999) liefern eine weitere Auflistung verschiedener funktionaler Lehrziele, die durch Klettern in der Schule unterstützt werden. Klettern fördert beispielsweise die Anpassungsfähigkeit, die Wahrnehmungsfähigkeit aber auch die Aufmerksamkeit beispielsweise beim Sichern eines Partners oder beim Einschätzen eines Risikos. Zudem werden die Raum- wahrnehmung und das Raumgefühl durch die Wahrnehmung der Körperveränderung bei der Fortbewegung aber auch „rein körperliche Funktionen wie Muskelstärkung oder Kraft“ gefördert (Martinet & Bernard, 1999, S.183). Weiter erläutern Martinet und Bernard die Schulung der visuo-motorischen Koordination und das Erfahren und Einsetzen der Körpergewichtsverlagerung (Martinet & Bernard, 1999, S.183). Die visuomotorische Koordination beschreibt die Fähigkeit, das Sehen und das Bewegen des Körpers zu verknüpfen und zu koordinieren (Knauf, Kormann & Umbach, 2006).

2.5 Klettern als Therapie

Das therapeutische Klettern gewinnt seit einigen Jahren immer mehr an Beliebtheit. Aufgrund der Entwicklung des Kletterns als Freizeitsport wird diese Sportart nicht nur in der Erlebnispädagogik genutzt, sondern erhält gleichfalls in der Ergotherapie eine bedeutende Rolle. Im deutschsprachigen Raum wird diese Therapieform bereits erfolgreich als begleitende Maßnahme bei orthopädisch-traumatologischen, neurologischen und psychomotorischen Beschwerdebildern eingesetzt (Grzybowski & Eils, 2011). Menschen mit Skoliose kann es beispielsweise gelingen, sich durch das Klettern eine Wirbelsäulenkorrektur zu erarbeiten. Schlaganfallpatienten können eine deutlich gesteigerte Bewegungsqualität erwerben. Aber auch in der Psychomotorik wird das therapeutische Klettern zur Verbesserung der Körper- wahrnehmung und der sensorischen Integration eingesetzt (Grzybowski & Eils, 2011). Des Weiteren wirkt sich das therapeutische Klettern sehr motivierend aus. Lazik, Bernstädt, Kittel und Luther (2008) beschreiben, dass viele Patienten nach der Therapie das Klettern weiter betrieben haben. Je nach Zielsetzung kann das thera- peutische Klettern als Gruppen- oder Einzeltherapie erfolgen. Bei psychomotorischen Schwierigkeiten, bei Menschen mit einer Behinderung oder bei neurologischen Erkrankungen wird häufig die Gruppentherapie angewandt (Grzybowski & Eils, 2011).

Bislang ist die Wirksamkeit des therapeutischen Kletterns nicht wissenschaftlich nachgewiesen und gilt daher nicht als anerkannte Therapieform. Auch thera- peutische Effekte wurden bisher selten und nur in kleinem Rahmen wissenschaftlich untersucht (Grzybowski & Eils, 2011). Dennoch legen Erfahrungsberichte und Beobachtungen deutliche Erfolge dar. Matthias Krick (2001) beschreibt beispielsweise, dass durch ein von ihm initiiertes Kletterprojekt deutliche Erfolge bei Kindern und Jugendlichen mit Wahrnehmungsstörungen zu verzeichnen sind. Kinder und Jugendliche mit sensorischer Integrationsstörung erhalten, so Krick, beim Klettern tiefensensible Rückmeldung, die sich reiz- und tonusregulierend auswirkt (Krick, 2001). Verschiedene Wirkungen des therapeutischen Kletterns führen ebenfalls Esser und Bartik (2002) auf. Bei ihrem Ansatz stehen der Spaß an der Kletterwand und das lustvolle Erproben von Kletterbewegungen besonders im Vordergrund (Esser und Bartik, 2002). Sie beobachteten, dass die Kinder aus intrinsischen Motiven, selbst gesteuert verschiedene Ziele erreichten. Durch die direkte Rückmeldung beim Klettern verbesserten sich die motorischen Anpassungs- reaktionen die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein. Auch Lazik, Bernstädt, Kittel und Luther, (2008) stellten eine Verbesserung der Bewegungswahrnehmung, der Bewegungsfertigkeiten, der Selbstständigkeit und der Sicherheit fest. Ein Vorteil der Klettertherapie liegt darin, dass beim Klettern entgegengesetzt zum Maschinen- training immer Ganzkörperbewegungen zum Einsatz kommen „und damit komplexe und stets neue Bewegungen bewältigt werden müssen“ (Grzybowski & Eils, 2011, S. 89). Weiter beschreibt der Erfahrungsbericht von Veser, Bady und Wiesner (2009) die therapeutischen Möglichkeiten bei Kindern mit einer Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Störung. Sie beobachteten ein gesteigertes Selbstbewusstsein, ein verbessertes Körpergefühl und dadurch größere Aufmerksamkeit und Konzentration. Allgemein werden die Therapieerfolge des Kletterns in der Reaktivierung von neuronalen Verschaltungen vermutet (Grzybowski & Eils, 2011).

Die sensorische Integrationstheorie sowie motorische Anpassungsreaktionen liefern die Grundlage für die Prozesse der Wahrnehmung und der neuronalen Vernetzung und werden im folgenden Kapitel erläutert.

3 Wahrnehmung

Für den Begriff der „Wahrnehmung“ ist es schwierig, in der Fachliteratur eine einheitliche Definition zu finden. Dem Begriff kommen je nach theoretischen Grund- annahmen der verschiedenen Autoren unterschiedliche Bedeutungen und Gewichtungen zu. Häufig werden die Begriffe der Wahrnehmung und der Wahrneh- mungsförderung unklar und unzureichend beschrieben. Einige Autoren setzen den Begriff „Perzeption“ mit dem Begriff der Wahrnehmung gleich. Andere wiederum verstehen „Perzeption“ als ein Teilprozess der Wahrnehmung. Im Folgenden soll Wahrnehmung nach Zimmer (1995) zunächst als ein aktiver Prozess verstanden werden, „bei dem sich das Kind mit allen Sinnen seiner Umwelt aneignet und sich mit ihren Gegebenheiten auseinandersetzt“ (Zimmer 1995, S. 15).

Im nächsten Kapitel werden die wesentlichen Begriffe, die für eine prozessuale Betrachtung von Wahrnehmung bedeutsam sind, dargestellt. Hierbei sollen insbesondere die einzelnen Sinnesmodalitäten Erwähnung finden. Der Prozess der Wahrnehmung wird in die Teilprozesse „sensation“ und „perception“ unterteilt und anschließend neurophysiologisch erläutert. Des Weiteren wird die sensorische Integrationstheorie nach Jean Ayres sowie die enge Verbindung zwischen Wahrnehmung und Bewegung in der motorischen Anpassungsreaktion verdeutlicht. Im Zentrum steht die Frage, wie unsere Wahrnehmung Informationen erzeugt, um sich im Raum oder an einer Kletterwand zu bewegen.

3.1 Wahrnehmungsprozess

Die Wahrnehmung ist ein komplexer Prozess, der in mehreren Bereichen des Organismus stattfindet.

Das Zentralnervensystem, bestehend aus Gehirn und Rückenmark, ist eine zentrale Komponente im Wahrnehmungsprozess (Knau, Kormann & Umbach, 2006). Etwa 12 Milliarden Neuronen sind für die Verarbeitung von Meldungen und Informationen aus der Umwelt verantwortlich und bilden die Grundeinheit des Nervensystems.

Die Sinnesorgane unseres Körpers nehmen über die Rezeptoren Reize auf und führen diese zum Zentralnervensystem. Vogel (1992) beschreibt den physiologischen Vorgang der Wahrnehmung in fünf Schritten.

Im ersten Schritt nimmt der menschliche Körper durch spezifische Sinnesorgane, sogenannte Rezeptoren, verschiedene Reize auf. Die Rezeptoren für die Augen empfangen Lichtwellen, die der Nase nehmen Gerüche auf und die Rezeptoren des Bewegungsapparats fühlen die Streckung oder Kontraktion der Muskeln.

Im nächsten Schritt werden die empfangenden Reize von den Rezeptoren in elektrische Impulse umgewandelt. Vogel bezeichnet diesen Vorgang als eine entsprechende Erregung eines „Elektropotenzials“ (Vogel, 1992).

Im dritten und vierten Schritt wird die Erregung über die sensorischen Nervenbahnen weitergeleitet und an spezifischen Stellen des Gehirns aufgenommen.

Der fünfte und letzte Schritt beinhaltet die Verknüpfung des sensorischen Inputs mit dem entsprechenden Umfeld und anderen Erkennungsfeldern.

Die sensorischen Informationen werden in den verschiedenen sensorischen Zentren im Gehirn aufgenommen und verarbeitet, „das heißt sie werden in die bisherigen Erfahrungen und Handlungen richtig eingeordnet“ (Knauf, Kormann & Umbach, 2006, S. 18). Erst diese beiden letzten Vorgänge, die Aufnahme und die Verknüpfung in der Großhirnrinde stellen laut Vogel (1992) die eigentliche Wahrnehmung dar. Der Prozess der Wahrnehmung besteht somit aus einem objektiven Teil, bei dem der Reiz über die Sinnesorgane und Rezeptoren aufgenommen und zum Gehirn weitergeleitet wird, und einem subjektiven Teil, bei dem Sinneseindrücke im Gehirn zu Empfindungen und individuell verschiedenen Wahrnehmungen verarbeitet werden (Zimmer, 1995).

In der amerikanischen Fachliteratur werden die Begriffe „sensation“ (Reiz) und „perception“ (Verarbeitung, Wahrnehmung) gebraucht, um zwischen dem physikalischen Vorgang und der subjektiven Bedeutungsgebung zu unterscheiden (Zimmer, 1995). Die Wahrnehmung im gesamten Wahrnehmungsprozess ist somit die „sinngebende Verarbeitung von Reizen unter Einbezug von Erfahrungen, Lernen und Empfindungen“ (Fröhlich, 2005, S. 12).

Im Gegensatz zur traditionellen Wahrnehmungspsychologie wird der Wahrnehm- ungsablauf in dieser Arbeit als „aktiver“ Prozess oder auch als „ökologischer Ansatz“ bezeichnet, den Gibson (1982) entgegen den herkömmlichen Wahrnehmungs- theorien erstmalig formulierte. Dabei wird der Mensch nicht nur als passives Wesen verstanden bei dem die Sinnessysteme passiv von Stimulationen berieselt werden, sondern als aktives Wesen, das erst durch die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt wahrnehmen kann (Kaufmann-Hayoz & van Leeuwen, 2003). Nach diesem Ansatz werden beispielsweise visuelle Reize vom visuellen System zwar aufgenommen, aber erst durch die Fixierung der Augen sowie der Steuerung des Kopfes sehen wir nicht nur, sondern erfassen aktiv die Umwelt, konstruieren sie und nehmen sie wahr. Kaufmann-Hayoz und van Leeuwen (2003) erläutern hierzu:

Gegenstände, die unseren Körper berühren, spüren wir nicht nur, sondern wir betasten sie und betrachten sie gleichzeitig. Wir hören nicht nur, sondern wir horchen oder lauschen und begeben uns dazu in eine Position, in der das, was wir hören wollen, in optimaler Klarheit auf unsere Ohren auftrifft, und wir versuchen störende Geräuschquellen zu eliminieren (Kaufmann-Hayoz & van Leeuwen, 2003, S. 866).

Die Wahrnehmung ist somit aktiv und eng mit den Handlungsmöglichkeiten eines Menschen verknüpft und ein „notwendiger und integraler Bestandteil menschlichen Handelns“ (Fischer, 2003, S. 130). Der Mensch muss sich eigenständig mit der Welt auseinandersetzen, um sich weiterzuentwickeln. Wahrnehmung ist somit nicht nur das Ergebnis der Informationsvermittlung, sondern entsteht in einem konstruktiven Prozess in der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Friedlein, 2006).

3.2 Neurophysiologische Grundlagen der Wahrnehmung

Bevor näher auf die sensorische Integration eingegangen wird, erfolgt zunächst die Darstellung der neurophysiologischen Sichtweise als Grundlage der Wahrnehmung. Dabei soll die Beschreibung des Zentralnervensystems keineswegs eine Reduktion menschlichen Verhaltens auf die bloße Funktion eines speziellen Organs darstellen (Büker, 2005). Die Wahrnehmung ist viel mehr Teil eines ganzheitlichen Geschehens und Erlebens und somit abhängig von Gefühlen, augenblicklicher Befindlichkeit, Stimmung, Atmosphäre sowie Erinnerungen und Vorwissen einer Person. Die Reizaufnahme ist bereits ein aktiver Prozess, bei dem die bedeutungsvollen Reize für eine spezifische Situation aussortiert werden (Büker, 2005).

Aus neurophysiologischer Sicht stellt die Wahrnehmung einen komplexen Vorgang von elektrischen und chemischen Energieübertragungen und Umwandlungen dar (Fischer, 2003). Sinnes- und Nervenzellen sowie Muskelfasern sind in der Lage ihre elektrischen Eigenschaften „zu verändern und zur Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Informationen zu nutzen“ (Fischer, 2003, S. 18). Mehrere Milliarden dieser Zellen sind zu komplizierten Netzwerken verknüpft und bilden das Nerven- system. Dieses setzt sich aus dem Zentralnervensystem und dem peripheren Nervensystem zusammen (Abb. 3). Die Verbindungen zu den Skelettmuskeln und Sinnesorganen werden von dem somatischen Nervensystem gestellt, während das vegetative Nervensystem für die Versorgung der inneren Organe zuständig ist (Fischer, 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Das Nervensystem (Fischer, 2003, S. 25).

Das Neuron, die Nervenzelle, bildet die Grundeinheit des gesamten Nervensystems. Der Bauplan der Zelle ist immer gleich, jedoch können sie sich in Größe und Form unterscheiden. Im Nervensystem bilden die Neuronen Funktionsverbände in Form von unterschiedlichen Bahnen (Büker, 2005).

Die afferenten oder auch aufsteigenden Nervenbahnen, die sich innerhalb der Wirbelsäule befinden, leiten die Erregungen und somit die Informationen von den Sinnesorganen zum Zentralnervensystem. Außerhalb des Zentralnervensystems, in den vegetativen Ganglien, liegen die efferenten, absteigenden Nervenbahnen, die ihre Befehle vom Zentralnervensystem erhalten und diese zu den peripheren Organen, den Muskeln weiterleiten (Fischer, 2003). Häufig werden diese auch als motorische Nervenfasern bezeichnet.

Das Gehirn, als das komplexeste menschliche Organ, setzt sich aus unterschied- lichen Hirnarealen zusammen (Abb. 4), denen bestimmte Funktionen zugeordnet werden können (Zimmer, 2010). Es wird von mehreren schützenden Hüllen umgeben und verfügt beim Menschen über ca. 13 Milliarden Nervenzellen (Fischer, 2003). Bei einem Längsschnitt durch das Gehirn werden verschiedene Bereiche sichtbar. Im Folgenden werden die vier bedeutendsten und funktionellsten Einheiten erläutert.

Im Hirnstamm kommen alle eingehenden Reizinformationen zusammen. Die Voraus- setzungen für bewusstes und zielgerichtetes Verhalten, für das die Großhirnrinde zuständig ist, werden hier geschaffen (Büker, 2005). Die „formatio reticularis“ ist eine netzförmige Nervenmasse und zieht sich durch den ganzen Hirnstamm. Sie verfügt über eine Vielzahl von afferenten und efferenten Verbindungen und ist mit allen Sinnesorganen verbunden (Büker, 2005). Somit enthält sie sensorische Informationen aus „allen Sinnesbereichen, verknüpft sie miteinander und stellt damit ein wichtiges Zentrum zur Integration aller hier eingehenden Informationen dar“ (Zimmer, 2010, S. 36). Ausnahmen bilden dabei einzelne Funktionskreise, die lediglich über das Rückenmark laufen (Doering & Doering, 1999). Da alle sensorischen Informationen zuerst den Hirnstamm erreichen, findet in diesem Bereich eine Grundlagenverarbeitung statt (Doering & Doering, 1999). Der Hirnstamm schafft eine Verbindung zwischen Rückenmark und Großhirnrinde und hat einen entscheidenden Einfluss auf den Grad der Aufmerksamkeit einerseits und auf die sensomotorischen Systeme andererseits (Büker, 2005). Bei einer Unter- brechung fällt der Organismus in einen schlafähnlichen Zustand (Fischer, 2003). Darüber hinaus kommt dem Hirnstamm bei der sensorischen Integration eine hohe Bedeutung zu, da „ein großer Teil der eingehenden Informationen bereits vollständig verarbeitet“ (Doering & Doering, 1999, S. 11) wird, bevor die einzelnen Reize die oberen Hirnareale erreichen. Vor allem nicht bewusst wahrgenommene Informa- tionen wie die vestibuläre, die taktile und die propriozeptive Wahrnehmung werden in diesem unteren Hirnareal verarbeitet (Doering & Doering, 1999). Die funktionierende Verarbeitung und die Integration dieser drei Grundwahrnehmungssysteme bilden die Basis für die Entwicklung (Doering & Doering, 1999).

Das Zwischenhirn stellt eine wichtige Verbindung zwischen Großhirn und Hirnstamm her und ist eng mit der „formatio reticularis" verbunden (Büker, 2005). Der Thalamus, der Hypothalamus und das limbische System liegen im Zwischenhirn. Hier werden Informationen weitergeleitet und das Hormonsystem reguliert. Ebenfalls werden ankommende Sinneswahrnehmungen mit verarbeiteten Emotionen aus dem limbischen System wie beispielsweise Freude, Lust und Angst verbunden (Zimmer, 2010).

Das Kleinhirn ist zentrales Steuerorgan für die harmonische und flüssige Koordination von Bewegungen (Büker, 2005). Von allen Sinnesorganen und von der Großhirnrinde sowie von dem Rückenmark aus erreichen sensorische Nervenreize das Kleinhirn. Das Kleinhirn ist jederzeit über die Lage der einzelnen Glieder zueinander, über die Stellung des Körpers im Raum und über die aktuell auslaufenden Bewegungsbefehle informiert. Diese Bewegungsbefehle werden einander zugeordnet, aufeinander abgestimmt und an die motorischen Regionen der Großhirnrinde weitergegeben (Fischer, 2003).

Die Gro ß hirnrinde ist eine dünne, stark gefaltete Nervengewebeschicht, welche aus zwei Hirnlappen besteht. Die linke und die rechte Hemisphäre sind über Balken, breiten Bändern von Nervensträngen, miteinander verbunden (Büker, 2005). Das Bewusstsein, das Denken, die Sprache und das Körpergefühl werden über die Großhirnrinde gesteuert. Bestimmte Großhirnareale stehen in direkter Beziehung zu spezifischen Sinnesbereichen und können bestimmte Muskelgruppen aktivieren (Zimmer, 2010). Die funktionelle Spezialisierung bestimmter Hirnareale ist allerdings kein fixer Zustand, sondern abhängig von der speziellen Entwicklungsgeschichte eines Individuums (Büker, 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Schematische Darstellung des Gehirns (Zimmer, 2010, S. 34).

Obwohl mehrere Regionen und funktionelle Einheiten im Gehirn lokalisiert werden können und verschiedene Hirnareale in der Großhirnrinde für spezifische Sinnes- bereiche verantwortlich sind, arbeitet das Gehirn immer als Ganzes (Zimmer, 2005). Zwischen den jeweiligen Einheiten und Arealen besteht eine wechselseitige Abhängigkeit. Kein Bereich könnte allein für sich arbeiten, sondern „ist nur in Kombination mit den anderen voll funktionsfähig“ (Zimmer, 2005, S. 38). Eine enge Verknüpfung sowie ein ständiger Austausch ist somit zwingend notwendig. Die sensorische Integration spielt folglich eine wesentliche Rolle im Wahrnehmungs- prozess.

3.3 Einteilung der Sinnesmodalitäten

Zur besseren Übersicht und zum besseren Verständnis werden die verschiedenen Sinnesmodalitäten differenziert erläutert und dargestellt. Dabei dient die Unterteilung lediglich dem besseren Verständnis und soll nicht den Eindruck erwecken, dass zwischen den einzelnen Wahrnehmungsbereichen kein Zusammenhang besteht. Die einzelnen Wahrnehmungsbereiche arbeiten in einem gemeinsamen System und sind eng miteinander verflochten (Zimmer, 2010).

In der Literatur finden sich die verschiedensten Versuche, die Sinne des Menschen einzuteilen und zu ordnen. Verschiedene Autoren in der Physiologie unterscheiden mehr oder weniger differenziert die verschiedenen Sinnesmodalitäten. Dement- sprechend kann in der Fachliteratur eine Unterteilung von fünf bis zu dreizehn Wahrnehmungsbereichen gefunden werden (Zimmer, 2010). In der folgenden Unter- suchung wird der Einteilungsversuch von Knauf, Kormann Umbach (2006) näher betrachtet, der eine große Ähnlichkeit mit dem Wahrnehmungsbaum von Schaefgen (1994) aufweist (Kap. 3.4). Beide unterteilen das sensorische System einerseits in die Nahsinne, bei denen die Reizquelle in unmittelbarem Kontakt mit dem Körper steht und somit auch als Körpersinne bezeichnet werden können und andererseits in die Fernsinne, deren Reizquellen ohne direkten Kontakt mit dem Körper stehen (Knauf, Kormann & Umbach, 2006).

3.3.1 Nahsinne

Der vestibuläre, der propriozeptive und der taktile Wahrnehmungsbereich zählen zu den Körpersinnen. Die olfaktorische Wahrnehmung, der Geruchssinn, und die gustatorische Wahrnehmung, der Geschmackssinn werden von einigen Autoren den Nahsinnen oder den Fernsinnen zugeordnet. Mehrfach zählen jedoch der Geruchssinn zu den Fernsinnen und der Geschmackssinn zu den Körpersinnen (Knauf, Kormann & Umbach, 2006). In der Untersuchung liegt auf diesen Sinnesbereichen keine Beachtung, sodass diese im Folgenden nicht mit aufgeführt werden. Desgleichen werden die weiteren Sinnesbereiche, ausgenommen der visuelle Wahrnehmungsbereich minder ausführlich dargestellt.

3.3.1.1 Taktile Wahrnehmung

Es ist gemeinhin bekannt, dass die Haut das „größte sensorische Organ unseres Körpers“ darstellt (Barth, 2003, S. 65). Die verschiedensten Rezeptoren, die auf der Haut unterschiedlich dicht verteilt sind, reagieren auf Druck, Berührung, Zug, Temperatur und Vibration. Durch Reize werden Impulse erzeugt und unmittelbar durch die Nervenbahnen in den Hirnstamm geleitet (Knauf, Kormann & Umbach, 2006). Die Informationen werden verarbeitet und ein genaues Bild über den eigenen Körper entwickelt. Ebenfalls liefert das taktile Wahrnehmungssystem Informationen über verschiedene Materialien und Gegenstände und leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Formwahrnehmung und Formunterscheidung (Barth, 2003). Das Greifen, Festhalten und Loslassen sowie das Ertasten von Ecken, Kanten und Rundungen sind wesentliche Funktionen des taktilen Systems und im Zusammenhang mit dem propriozeptiven System von besonderer Bedeutung. Erst die Zusammenarbeit des taktilen und des propriozeptiven Sinnessystems ermöglicht die Ausführung von körperlichen Bewegungen (Fischer, 2003).

3.3.1.2 Propriozeptive Wahrnehmung

Das propriozeptive Wahrnehmungssystem wird in der Literatur häufig als kinästhetisches System, als Tiefensensible- oder auch als Eigenwahrnehmung bezeichnet (Wischmeyer, 2000). Sinnesrezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Gelenken übermitteln Informationen über die Stellungen der einzelnen Gelenke sowie der Haltung des Körpers, über den Stellungswechsel sowie die Richtung und die Geschwindigkeit der einzelnen Gelenke und über den Krafteinsatz der benötigt wird, um eine Bewegung auszuführen (Wischmeyer, 2000). In diesem Zusammenhang bezeichnet Fischer (2003) die propriozeptive Wahrnehmung als Bewegungssinn, der die einzelnen Gelenke, ihre Stellungen und Bewegungen wahrnimmt, kontrolliert und steuert (Fischer, 2003). Infolgedessen ergibt sich, dass die propriozeptive Wahrnehmung die Grundlage für alle motorischen und komplexen Bewegungen sowie für das erfolgreiche Ausführen von Handlungen darstellt (Fischer, 2003). Bewegungen können geplant und Muskeln zur richtigen Zeit kontrahiert werden. Das Gedächtnis speichert die Erfahrungen, sodass Handlungen ohne das visuelle System ausgeführt werden können. Des Weiteren ermöglicht das propriozeptive System dem Körper, Bewegungen im Zusammenhang mit dem vestibulären System auszuführen und auf den Beinen zu stehen. Die Wahrnehmungssysteme führen zu einem Körpergefühl, entwickeln ein Körper- schema und ermöglichen komplexe Bewegungsausführungen, sowohl geplante als auch reflexartige (Wischmeyer, 2000).

3.3.1.3 Vestibuläre Wahrnehmung

Der Gleichgewichtssinn liefert sowohl Informationen über die Lage- und Haltungsver- änderungen als auch über die Dreh- und Fortbewegungen des Körpers (Barth, 2003). Er ist ein grundlegendes Wahrnehmungssystem, um die Lage, die Schwere und die Richtung des eigenen Körpers im Raum festzustellen und sich in der Umwelt zu orientieren (Zimmer, 2010). Mithilfe der vestibulären Wahrnehmung kann der Körper, insbesondere der Kopf, aufrecht gehalten und Geh-, Sprung-, Lauf- und Kletterbewegungen ausgeführt werden. Die Gleichgewichtswahrnehmung ist „eine wesentliche Voraussetzung für eine normale Bewegungsentwicklung“ (Barth, 2003, S. 72).

3.3.2 Fernsinne

Nach der Gliederungsübersicht von Knauf, Kormann & Umbach (2006), werden die visuelle, die auditive und die olfaktorische Wahrnehmung den Fernsinnen zugeordnet, da kein direkter Kontakt zwischen Reizquelle und Körper besteht. Gegenstände können aus Entfernung und Geräusche über Hindernisse hinweg wahrgenommen werden. Gleichermaßen kann ein Geruch über die Ferne erfasst werden.

3.3.2.1 Auditive Wahrnehmung

Für die Aufnahme von akustischen Reizen ist das auditive Wahrnehmungssystem zuständig. Die Reize werden im zentralen Nervensystem ausgewählt, differenziert, analysiert und weiterverarbeitet (Barth, 2003). Eine intakte Integration der auditiven Wahrnehmung ist die Grundlage für die Entwicklung von Sprache und Schriftsprache (Knauf, Kormann & Umbach, 2006). Die Ursachen von Lernstörungen, insbesondere von Lese- und Rechtschreibproblemen bestehen oft bei Kindern mit auditiven Wahrnehmungsstörungen (Barth, 2003).

3.3.2.2 Visuelle Wahrnehmung

Die visuelle Wahrnehmung kann nach Barth (2003) als „die Fähigkeit, optische Reize aufzunehmen, zu unterscheiden, einzuordnen [und] zu interpretieren“ (Barth, 2003, S. 81) verstanden werden. Zwei unterschiedliche Rezeptoren nehmen auf der Netz- haut die Lichtwellen aus der Umwelt auf. Die Zapfen sind für das Tagessehen verantwortlich und ermöglichen die Unterscheidung von Farben. Die Stäbchen hingegen differenzieren keine Farben, sondern unterscheiden beim Dämmerungs- sehen zwischen schwarz, weiß und grau (Zimmer, 2010). Weiter kann die visuelle Wahrnehmung in zwei Aufgabenbereiche gegliedert werden. Nach Zimmer (2010) wird das fokale Sehen als das Erkennen und Unterscheiden von Farben, Formen und Mustern verstanden. Der zweite Aufgabenbereich ist weniger bewusst und vermittelt Informationen über Strukturierung und Aufbau des Raumes sowie über feste und bewegliche Objekte. Für die Orientierung im Raum sowie für die Kontrolle der eigenen Haltung sind diese Informationen zwingen notwendig (Zimmer, 2010).

3.4 Sensorische Integration nach Ayres

Im Zentralnervensystem werden unzählige Informationen der Umwelt und des eigenen Körpers aufgenommen und verarbeitet. Ayres beschreibt illustrativ, dass „sinnliche Wahrnehmungen in jedem Augenblick unser Gehirn“ erreichen (Ayres, 2002, S. 7). Diese müssen im Gehirn geordnet, sortiert und verknüpft werden. Dieses Ordnen und Sortieren der Empfindungen, um anschließend eine angepasste Reaktion auf den entsprechenden Umweltreiz auszuführen, wird als sensorische Integration bezeichnet. Ayres (2002) definiert das Konzept der sensorischen Integration als Zusammenstellung von sensorischen Informationen für den Gebrauch (Tillmann, 1997).

Die sensorische Integration ist ein neurologischer Prozess und die wichtigste Art und Weise der sinnlichen Verarbeitung. Über 80 Prozent des Nervensystems sind an der Verarbeitung und Gliederung des sensorischen Inputs beteiligt (Ayres, 2002). Rückenmark, Hirnstamm, Kleinhirn und Großhirn-Hemispähre verarbeiten die sensorischen Informationen und steuern die Körperbewegungen, Gedanken aber auch die Erinnerung und die Lernfähigkeit (Ayres, 2002). Ayres (2002) erläutert:

Sensorische Integration ist der Prozeß des Ordnens und Verarbeitens sinnlicher Eindrücke (sensorischen Inputs), so daß das Gehirn eine brauchbare Körperreaktion und ebenso sinnvolle Wahrnehmungen, Gefühlsreaktionen und Gedanken erzeugen kann (Ayres, 2002, S. 47).

Wenn beispielsweise eine Orange betrachtet wird, verarbeitet das menschliche Gehirn die Empfindungen der Augen und erkennt die Farbe und die Form. Beim Berühren der Orange wird die Empfindung der rauen Oberfläche über die Finger und die Hände integriert. Der Geruch einer Zitrusfrucht nimmt die Nase als Empfindung auf. Alle Sinneseindrücke und alle Empfindungen seitens der Nase, der Finger und Hände werden im Gehirn zusammengesetzt und ermöglichen so, das Erkennen der Orange als ein Ganzes (Ayres, 2002).

Die verschiedenen Sinne eines Menschen sind von Geburt an funktionstüchtig, müssen jedoch erst im Laufe der ersten Lebensmonate weiterentwickelt und miteinander verknüpft werden. Zimmer (1995) erläutert, dass die Entwicklung der Sinne vom alltäglichen Gebrauch der Sinnesorgane abhängig ist. Erst in der Abhängigkeit des Menschen mit der Umweltinteraktion entwickelt sich das zentrale Nervensystem (Tillmann, 1997). Das Stammhirn, das aus Hirnstamm und Kleinhirn besteht, spielt bei der Entwicklung der sensorischen Integration eine wesentliche Rolle. Es steuert die einfachen Halte- und Stellreflexe sowie einfache Kopf- und Augenbewegungen. Ebenfalls ist das Stammhirn für die Kontrolle des Körpers im Raum sowie für die Kontrolle und Steuerung der Atmung, des Kreislaufs, des Saugens und Schluckens verantwortlich (Tillmann, 1997). Desgleichen nennt Tillmann (1997) das Neuronennetzwerk „formatio reticularis“, das im Stammhirn sitzt und die folgenden zentralen Aufgaben der sensorischen Integration übernimmt.

Eine wesentliche Funktion dieses Neuronennetzwerkes ist die Steuerung der Aufmerksamkeit und des Wachheitszustandes (Tillmann, 1997). Eine weitere Funktion ist die Integration der vestibulären, der propriozeptiven und der taktilen Reize. Dabei funktioniert das Neuronennetzwerk wie eine Art Reizfilter, der die eintreffenden sensorischen Reize hemmt oder verstärkt (Fischer, 2003). Zugleich beurteilt die „formatio reticularis“ die Wichtigkeit von Reizen, wie beispielsweise Vogelgezwitscher oder das Hupen eines Autos (Barth, 2003).

[...]

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen des therapeutischen Kletterns auf die sensorische Integration
Untertitel
Untersuchung der visuellen Wahrnehmung bei Kindern mit ADHS
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,8
Autor
Jahr
2011
Seiten
114
Katalognummer
V188597
ISBN (eBook)
9783656123330
ISBN (Buch)
9783656124108
Dateigröße
2418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
visuelle Wahrnehmungsförderung, sensorische Integration, ADHS, therapeutisches Klettern
Arbeit zitieren
Florian Weber (Autor), 2011, Auswirkungen des therapeutischen Kletterns auf die sensorische Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188597

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