Neonazis in der DDR - Rechtsextreme Jugendliche im Arbeiter- und Bauernstaat


Bachelorarbeit, 2011
31 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Rechtsextremismus
2.2 Neonazismus
2.3 Skinhead
2.4 Sozialismus
2.5 Antifaschismus

3. Das Selbstverständnis der DDR
3.1 Die antifaschistische Tradition und ihre Widersprüche
3.2 Jugenderziehung in der DDR

4. Einflüsse des persönlichen Umfeldes auf die politische Entwicklung Jugendlicher
4.1 Der familiäre Hintergrund
4.2 Die Skinhead-Subkultur in der DDR
4.3 Gesellschaftliche Randgruppen als Feindbilder

5. Ritualisierte Männlichkeit als Einstieg in die Neonazi- und Skinheadszene
5.1 Die Rolle der gesellschaftlichen Militarisierung in der DDR
5.2 Der Zusammenhang von Fußball und Gewalt für das politische Selbstverständnis

6. Die Maßnahmen der DDR-Staatsorgane gegen Neonazis und Skinheads
6.1 Die anfängliche Hilflosigkeit des Staates
6.2 Der Überfall auf das Punk-Konzert in der Zionskirche
6.3 Inhaftierung und Vernetzung im Gefängnis

7. Der Fall der Mauer und seine Wirkung auf die Neonazi-Szene in der DDR.
7.1 Die Bedeutung westdeutscher Neonazis in der gewendeten DDR
7.2 Das Leben des Ingo Hasselbach

8. Fazit

Literaturverzeichnis
Monographien
Aufsätze

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Anlässlich des 50. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer rückt der zweite deutsche Staat wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Versuch, sich gegen äußere Einflüs- se mit einem „antifaschistischen Schutzwall“ zu isolieren, hielt jedoch weder dem Lauf der Geschichte noch gesellschaftlichen und politischen Tatsachen stand. Wie jeder an- dere Staat war auch die DDR nicht in der Lage, sich komplett neu zu erfinden oder sich von ihren zuvor historisch gewachsenen Strukturen und äußeren Einflüssen zu trennen. Dennoch war es für viele überraschend, dass es ausgerechnet in der DDR während der Zeit der Wiedervereinigung zu einer Vielzahl von rechtsextrem motivierten Taten kam. Gab sich der sozialistische Staat DDR noch während seines Bestehens das Siegel des antifaschistischen Musterschülers, wurde schnell deutlich, dass die Wurzeln des Rechts- extremismus in ihm schon länger vorhanden und auch für seine Machthaber aktenkun- dig waren. Dies deutet darauf hin, dass grundlegende Unterschiede und Mängel im Ver- hältnis zwischen Staat und Gesellschaft bestanden, wodurch bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen begünstigt wurden. Es stellt sich daher die Frage, ob soziale und politi- sche Kontinuitäten seit der Zeit des Nationalsozialismus dazu geführt haben, dass es Rechtsextremismus unter Jugendlichen in der DDR gab oder ob äußere Einflüsse für das Vorhandensein dieses Phänomens einen entscheidenden Beitrag leisteten und wie sich die Staatsorgane dieses Themas annahmen. Auch die Zeit nach dem Fall der Mauer ist von Bedeutung, da hier erst das Ausmaß des Rechtsextremismus in Ostdeutschland of- fen zum Vorschein kam.

In dieser Arbeit wird mehrheitlich auf Primärquellen, wie Autobiografien ehemaliger Häftlinge und DDR-Neonazis wie Joachim Oertel und Ingo Hasselbach zurückgegrif- fen, wobei insbesondere Ingo Hasselbachs Lebensgeschichte beispielhaft für viele ande- re Werdegänge von DDR-Neonazis steht. Um Aussagen auch aus Sicht der DDR- Staatsmacht überprüfbar zu machen, war es möglich, einen Forschungsbericht der So- ziologin Prof. Dr. Loni Niederländer heranzuziehen, welcher sich zeitgenössisch mit dem Phänomen jugendlicher Neonazis und Skinheads in der DDR beschäftigt. Dieser Forschungsbericht wurde noch vor dem Mauerfall im Auftrag der DDR-Behörden ange- fertigt. Der Bericht befindet sich heute im Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi- Unterlagen (BStU) und diente bereits in vielen anderen wissenschaftlichen Arbeiten als Primärquelle, da er als zeitgenössisches und nicht propagandistisches Zeugnis von Sei- ten des DDR-Staatsapparats eine besondere Relevanz besitzt.

Zunächst wird in dieser Arbeit auf das antifaschistische Selbstverständnis der DDR, den Widersprüchen in diesem Selbstverständnis und seine Wirkung auf die Jugenderziehung eingegangen. Da das familiäre und persönliche Umfeld von Jugendlichen zur Heraus- bildung ihrer Identität beiträgt, bedarf es der Feststellung, ob und inwieweit familiäre Hintergründe, jugendliche Subkulturen und das Verhältnis zu gesellschaftlichen Rand- gruppen Einfluss auf das Weltbild Jugendlicher hatten. Ebenso bedarf das Bild eines Männlichkeitsideals in Verbindung mit Gewalt in Form von soldatischen Tugenden und sportlicher Betätigung einer gesonderten Betrachtung. Da das Auftreten von Rechtsex- tremismus in einem formell antifaschistischen Staat nicht unbemerkt von den Autoritä- ten bleiben konnte, ist es wichtig, auch die Reaktionen des Staates und seiner Organe zu betrachten und welche Wirkungen die staatlichen Reaktionen wiederum auf den Rechts- extremismus in diesem Staat ausübten und welchen Einfluss der Fall der Mauer auf die Neonazi- und Skinheadszene in der ehemaligen DDR hatte. Abschließend wird am Bei- spiel der Biographie von Ingo Hasselbach der Werdegang eines ehemaligen Neonazis aus der DDR nachvollzogen, um aus seiner Perspektive den Weg zum Neonazi vor dem Mauerfall und die Rolle des Rechtsextremismus im sich wiedervereinigenden Deutsch- land darstellen zu können. In dieser Arbeit soll jedoch nicht behandelt werden, ob und inwieweit rechtskonservative Theoriekonstrukte im bewussten Gedankengut von Neo- nazis in der DDR vorhanden waren oder welchen Einfluss beispielsweise Werke von Ernst Jünger auf das Weltbild von Jugendlichen in Skinheadgruppierungen hatten, da die Quellenlage hierzu äußerst schwach ist und daher ausgeschlossen werden kann.

2. Definitionen

Um der Frage nach der Bedeutung von Neonazis in der DDR nachgehen zu können, ist es zweckmäßig, die Begriffe „Rechtsextremismus“, „Neonazismus“ und „Skinhead“ zunächst voneinander zu trennen, da sie unterschiedliche Ausprägungen einer politi- schen Einstellung in unterschiedlicher Intensität beschreiben1. Diese Begriffe sind nicht synonym und bedürfen einer getrennten Betrachtung. Zudem bedarf es der Definition für die Begriffe „Sozialismus“ und „Antifaschismus“, um sie im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit darstellen zu können.

2.1 Rechtsextremismus

Der Begriff „Rechtsextremismus“ beschreibt einen Sammelbegriff für politische Grup- pierungen, Theorien und Handlungsformen, die sich nicht einem freiheitlich- demokratischen Weltbild zuordnen lassen2. Im Rechtsextremismus wird freie Persön- lichkeitsentfaltung abgelehnt und von Angehörigen rechtsextremer Gruppierungen ver- langt, sich einem Führerprinzip in einer hierarchischen Gruppenorganisation zum Zweck der Durchsetzung eines gemeinsamen Zieles unterzuordnen. Allgemeine und soziale Probleme werden auf eine einzelne bestimmte Ursache zurückgeführt und die Bekämpfung dieses Problem zum ideologischen Ziel erklärt. Staaten, welche von Rechtsextremisten beherrscht werden, neigen in der Regel zu aggressiver Expansions- politik3. Ausprägungen eines staatlichen Rechtsextremismus fanden sich in Form des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus.

2.2 Neonazismus

Unter „Neonazismus“ ist eine besondere Form des Rechtsextremismus zu verstehen, die sich inhaltlich, symbolisch und programmatisch bewusst auf den deutschen Nationalso- zialismus beruft. Merkmale des Neonazismus sind Forderungen nach Revision der nach 1945 festgelegten Grenzen Deutschlands, völkisches Denken, Antisemitismus und Ras- sismus, Geschichtsrevisionismus, Verharmlosung beziehungsweise Leugnung des Ho- locausts und Feindschaft gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung4.

2.3 Skinhead

Der Begriff „Skinhead“ weist im Gegensatz zu Rechtsextremismus und Neonazismus andere Ursprünge auf. Die Skinheadszene entstand als Jugendbewegung der englischen Arbeiterklasse und war in ihren Anfängen unpolitisch. Infolge wirtschaftlicher Krisen wurden Teile dieser Subkultur politisiert und breitete sich in dieser Phase der Transfor- mation nach West- und Mitteleuropa aus, wobei auch Gedankengut aus dem weiten rechtsextremen Spektrum Aufnahme in das Szeneselbstverständnis fand und sich schließlich eine Neonazi-Skinheadszene in der DDR herausbildete5.

2.4 Sozialismus

Der Sozialismus ist eine der großen politischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhun- derts. Hauptinhalt des Sozialismus ist die Überwindung von Eigentums-, Ausbeutungs- und Klassenstrukturen, mit dem utopischen Ziel der Schaffung einer egalitären Gesell- schaft (Kommunismus) in einer rational gesteuerten Wirtschaft und Politik6. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde in vielen Staaten – zumeist unter dem Führungsanspruch der Sowjetunion – die Form des „Realexistierenden Sozialismus“ eingeführt, der jedoch in seinem Wesen eher den diktatorischen Führungsanspruch einer einzelnen Partei in ge- sellschaftlichen, ökonomischen und politischen Themen ausformte7.

2.5 Antifaschismus

Der Antifaschismus hat seine Ursprünge in den frühen zwanziger Jahren als sich die faschistische Bewegung unter Benito Mussolini in Italien an die Macht brachte und sich ähnliche Bewegungen europaweit – insbesondere in Deutschland – zu etablieren began- nen. Nach sozialistisch-kommunistischem Verständnis war der Antifaschismus seit je- her eng mit der sozialistischen Arbeiterbewegung verbunden und konnte daher nicht bürgerlich sein, da das Bürgertum Paktierer und somit Wegbereiter des Nationalsozia- lismus – der deutschen Form des Faschismus – gewesen sei8. Kommunisten und Sozia- listen entwickelten infolge ihrer formellen Ablehnung des Faschismus seit den frühen zwanziger Jahren ein Selbstverständnis als einzig legitime Antifaschisten. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Scheitern des Faschismus in Europa sahen sich die Sozialisten und Kommunisten im Bewusstsein eines ideologischen Siegers. Mithilfe der sowjetischen Siegermacht wurde in der von ihr besetzten Zone Deutschlands der Antifaschismus zur offiziellen politischen Linie und schließlich in der DDR zur Staats- räson erhoben9.

3. Das Selbstverständnis der DDR

3.1 Die antifaschistische Tradition und ihre Widersprüche

Die Entnazifizierung im der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), später DDR, verlief erfolgreicher als im Westen, was die Verfolgung von ehemaligen Nazis anging und war auch antifaschistische Staatsräson. Jedoch konnte mit einer Gesellschaft unter General- verdacht kein neuer Staat aufgebaut werden. Daher wurden einfache ehemalige NSDAP-Mitglieder recht schnell von ihrer Schuld freigesprochen, da sie als Fachkräfte in Verwaltung und Wirtschaft benötigt wurden10. Nicht nur in Verwaltung und Wirt- schaft nahm man frühere Nazis auf, auch in den Parteien und somit im politischen Le- ben fanden sie in Ost- und Westdeutschland eine neue Heimat. In der SBZ wurde die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) gegründet, die eine ideologische Kontinuität zum traditionell geprägten konservativ-preußischen Gedanken pflegte. Die NDPD sollte insbesondere ehemalige Nazis und Wehrmachtsoffiziere in sich versam- meln. Ihre Einbindung als Blockpartei in das Parteiengefüge der DDR sollte sie aber auch unter Kontrolle halten, da der alleinige Führungsanspruch bei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) lag. Zudem erwiesen sich die ehemaligen Nazis der SBZ und der späteren DDR als sehr anpassungsfähig und fügten sich in das politische Dasein aller Blockparteien und Massenorganisationen im entstehenden Arbeiter- und Bauernstaat ein. Jedoch führte die NDPD durch ihre Einbindung in das Blockparteien- system bis zum Ende der DDR ein Dasein im Schatten des Führungsanspruchs der SED11.

[...]


1 Vgl. Schneider, Helmut: Jugendlicher Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945: Organisation und Disposition, Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Ein Literaturbericht. – In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Gewalt gegen Fremde. Rechtsradikale, Skinheads und Mitläufer, München 1993, S. 71 f.

2 Vgl. Madloch, Norbert (1): Lexikalische Erläuterungen zu den im Rechtsextremismus-Teil verwandten Hauptbegriffen. – In : Kinner, Klaus; Richter, Rolf (Hrsg.): Rechtsextremismus und Antifaschismus. Historische und aktuelle Dimensionen, Berlin 2000, S. 253 f.

3 Vgl. Schubert, Klaus / Klein, Martina: Rechtsextremismus. – In: Das Politiklexikon, Bonn 1997, S. 239.

4 Vgl. Madloch, Norbert (1): a.a.O., S. 259 f.

5 Vgl. Madloch, Norbert (2): Rechtsextremismus in Deutschland nach dem Ende des Hitlerfaschismus. – In: Kinner, Klaus; Richter, Rolf (Hrsg.): Rechtsextremismus und Antifaschismus. Historische und ak- tuelle Dimensionen, Berlin 2000, S. 71 f.

6 Vgl. Sozialismus, Artikel in: Nohlen, Dieter / Schultze, Rainer-Olaf: Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe, Band 2, München 2002, S. 916 f.

7 Vgl. ebd. S. 919.

8 Vgl. Bramke, Werner: Antifaschistische Tradition und aktueller Antifaschismus. – In : Kinner, Klaus; Richter, Rolf (Hrsg.): Rechtsextremismus und Antifaschismus. Historische und aktuelle Dimensionen, Berlin 2000, S. 8 ff.

9 Vgl. Richter, Rolf: Über Theoretisches und Praktisches im heutigen Antifaschismus. – In : Kinner, Klaus; Richter, Rolf (Hrsg.): Rechtsextremismus und Antifaschismus. Historische und aktuelle Di- mensionen, Berlin 2000, S. 16 f.

10 Vgl. Schröder, Burkhard: Rechte Kerle. Skinheads, Faschos, Hooligans, Hamburg 1992, S. 68 f.

11 Vgl. Madloch, Norbert (2): a.a.O., S. 66.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Neonazis in der DDR - Rechtsextreme Jugendliche im Arbeiter- und Bauernstaat
Hochschule
Freie Universität Berlin  (FMI)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V188795
ISBN (eBook)
9783656126188
ISBN (Buch)
9783656126683
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neonazis, DDR, Rechtsextremismus, Nazis, Faschismus, Stasi, Überwachung, Verfassungsschutz, Mauer, NVA, Subkultur, Skinheads
Arbeit zitieren
Björn Piechotta (Autor), 2011, Neonazis in der DDR - Rechtsextreme Jugendliche im Arbeiter- und Bauernstaat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188795

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