Der Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit, der deutsche Film, erlebte während der dreißiger und vierziger Jahre seine „goldene Zeit“2 als das am erfolgreichsten und publikumswirksamsten eingesetzte Massenmedium. Viele der bekannten Persönlichkeiten aus jener Schaffensperiode des Filmwesens wie Marlene Dietrich, Zara Leander oder Heinz Rühmann sind auch heute noch bekannt; ebenso werden viele Spielfilme aus jener Zeit noch immer im Fernsehen gezeigt. Heutzutage lässt ein in jener Zeit entstandener Film den Betrachter beinahe automatisch Bezug zu dem politischen Hintergrund, vor dem jene Werke entstanden, nehmen; ein scheinbar simpler Spielfilm wird sofort mit nationalsozialistischen Ideologien in Bezug gesetzt, und fast ausschließlich hiernach wird er heutzutage auch interpretiert.
Darf und kann man dieses pauschale Urteil auf alle Filme dieser Zeit anwenden? Inwiefern war die Kunst, insbesondere Filmkunst, der dreißiger und frühen vierziger Jahre wirklich von NS-Ideologien und der dazugehörigen Propaganda infiltriert? Wie viel nationalsozialistisches Gedankengut kann und darf einem Film, der zu Kriegszeiten in Deutschland als Unterhaltungsfilm für ein breites Publikum in den Kinos gezeigt wurde, attestiert werden – und enthält jeder Film dieser Zeit das nationalsozialistische Potential, das die Mehrheit der Werke in sich trägt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Film im dritten Reich: Kunst nach Vorschrift
3. Blut-und-Boden-Ideologie unterläuft den Unterhaltungsfilm
4. Rassenpropaganda: Die Darstellung der Tschechen im Film
5. Schlussbemerkung
6. Quellen – und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand einer exemplarischen Analyse des Veit-Harlan-Films „Die goldene Stadt“ aus dem Jahr 1942, inwieweit ein scheinbar harmloses Melodram während der Zeit des Nationalsozialismus als Instrument der ideologischen Indoktrination und Propaganda fungierte.
- Die Funktion des deutschen Films als Massenmedium im Nationalsozialismus.
- Die Rolle von Goebbels und der staatlichen Zensur bei der Gestaltung filmischer Inhalte.
- Die Umsetzung der „Blut-und-Boden-Ideologie“ und die Thematik der Landflucht.
- Rassenideologische Darstellung tschechischer Charaktere und Kulturen.
- Der Einfluss stilistischer Mittel auf die unterbewusste Manipulation des Zuschauers.
Auszug aus dem Buch
4. Rassenpropaganda: Die Darstellung der Tschechen im Film
Eben jene eindrucksvollen, wenn nicht gar schaurigen Schlussworte waren es, die zwischen Goebbels und Harlan einen Disput von einiger Größe hervorgerufen hatten. Harlan, der das Drehbuch von Richard Billingers Vorlage „Der Gigant“ adaptiert hatte, hatte zwar vieles aus dem Drama übernommen, nicht jedoch den ursprünglichen Schluss des Dramas, in dem Anna zu Tode kommt:
„Aber Anna hockt auf irgendeiner Treppe im Dunkeln. So findet sie Thomas: ‚Sie denken, du bist ins Moor gegangen.’ Aber sie antwortet: Das könnte sie doch nicht, sie ginge da nicht allein. Obwohl das Moor in dieser Stunde noch sein Opfer fordert, liegt in ihr doch zugleich der Beginn neuen, sinnvollen Lebens. So klingt die Filmdichtung lebensbejahend aus.“
So wird es noch 1941 in der „Filmwelt“ angekündigt. Veit Harlan ließ seine Protagonistin jedoch nicht aus rein küntlerischen, sondern seinen eigenen weltanschaulichen Gründen nicht im Moor versinken:
„Es schien mit ein höchst unmoderner und unreligiöser Gedanke zu sein, dass ein Mädchen, das ein Kind trägt, nur weil der Vater des Kindes sie verlassen hat und weil ihr eigener Vater sie enterbt, das Leben nimmt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung des deutschen Films während der NS-Zeit ein und stellt die Forschungsfrage nach dem Ausmaß der ideologischen Infiltration in vermeintlich harmlose Unterhaltungsfilme.
2. Film im dritten Reich: Kunst nach Vorschrift: Dieses Kapitel erläutert die Umgestaltung der Filmwirtschaft durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Goebbels und die Etablierung normativer Vorgaben zur Ideologiekonformität.
3. Blut-und-Boden-Ideologie unterläuft den Unterhaltungsfilm: Hier wird analysiert, wie die Thematik der Landflucht und die damit verbundene Blut-und-Boden-Ideologie den inhaltlichen Kern des Films „Die goldene Stadt“ bildeten.
4. Rassenpropaganda: Die Darstellung der Tschechen im Film: Der Autor untersucht die gezielte negative Karikierung tschechischer Charaktere und wie rassenideologische Konzepte in die Handlungsführung und Figurengestaltung einflossen.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Film trotz seines Melodram-Charakters ein dezidiertes Instrument nationalsozialistischer Propaganda darstellt.
6. Quellen – und Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Untersuchung herangezogenen Primär- und Sekundärliteratur sowie der genutzten Filmquellen.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Propagandafilm, Die goldene Stadt, Veit Harlan, Joseph Goebbels, Blut-und-Boden-Ideologie, Landflucht, Rassenpropaganda, NS-Filmpolitik, Melodram, Filmzensur, Film-Kurier, Identifikation, Indoktrination, Filmwirtschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den deutschen Spielfilm „Die goldene Stadt“ (1942) unter Veit Harlan als ein Beispiel für nationalsozialistische Indoktrination innerhalb eines Unterhaltungsfilms.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Film- und Propagandapolitik der NS-Zeit, die Wirksamkeit der Blut-und-Boden-Ideologie sowie die rassenideologische Abwertung tschechischer Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, inwieweit ein filmisches Melodram ohne vordergründige politische Botschaft dazu diente, nationalsozialistische Ideologien beim Publikum zu verankern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine exemplarische Filmanalyse, gestützt durch zeitgenössische Quellen (wie den „Film-Kurier“), Tagebuchaufzeichnungen von Goebbels sowie die Autobiografie des Regisseurs Veit Harlan.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die staatliche Steuerung der Filmproduktion, die Symbolik von Stadt versus Land, die Rolle der Musik und der Farbgestaltung sowie die gezielte Figurendifferenzierung zwischen „deutschen“ und „tschechischen“ Charakteren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rassenpropaganda, Blut-und-Boden-Ideologie, NS-Filmkunst, Filmzensur und die manipulative Wirkung des Unterhaltungsfilms.
Wie beeinflusste Joseph Goebbels die Produktion von „Die goldene Stadt“ konkret?
Goebbels intervenierte in das Drehbuch, forderte eine stärkere politische Zuspitzung und verlangte eine inhaltliche Korrektur des Endes, um die rassenideologische Ablehnung des im Film gezeigten tschechisch-deutschen Nachwuchses zu verdeutlichen.
Warum wurde laut der Arbeit ein tschechischer Charakter als Gegenspieler gewählt?
Der tschechische Charakter dient als negatives Pendant zur „reinen“ deutschen Hauptfigur, um durch seine negativen Eigenschaften und sein moralisches Fehlverhalten die vermeintliche Minderwertigkeit des „slawischen Einflusses“ zu illustrieren.
Welche Rolle spielt die Metapher des Moores im Film?
Das Moor symbolisiert die Verbindung zwischen Heimat, Tradition und den „ewigen Gesetzen“ der Kunst sowie eine tödliche Grenze, die denjenigen bestraft, der die Heimat durch Landflucht oder Rassenvermischung verrät.
- Citation du texte
- Lara Burger (Auteur), 2011, Propagandistische Kunst oder künstlerische Propaganda?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188873