Deiktische Elemente in mündlichen Instruktionen - untersucht an Collaborative Augmented Reality-Systemen


Magisterarbeit, 2001
134 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur ersten Auflage 2012

1. Einleitung

2. Kommunikation als Grundlage menschlicher Zusammenarbeit
2.1 Kommunikationsmodelle
2.1.1 Kommunikation als Transportmodell
2.1.2 Kommunikation als Zeichenmodell
2.1.3 Kommunikation als Verhaltensmodell
2.1.4 Kommunikation als Handlungsmodell
2.1.5 Kommunikation als Gesprächsmodell
2.2 Kommunikationskanäle

3. Medial vermittelte Kommunikation
3.1 Oralität und Literalität
3.2 Die zerdehnte Sprechsituation als Ausgangspunkt medial vermittelter Kommunikation
3.3 Theorien zur Medienwahl und -verwendung
3.3.1 Interaktion als regelgeleitetes Geschehen
3.3.2 Theorie der sozialen Präsenz
3.3.3 Media Symbolism und Media Richness Theorie
3.3.4 Modell der aufgabenorientierten Medienwahl

4. Collaborative Augmented Reality
4.1 Virtual Reality und Collaborative Augmented Reality
4.2 Collaborative Augmented Reality in der Instandhaltung
4.3 Linguistische und medienspezifische Einordnung von Collaborative Augmented Reality
4.3.1 Oralität und Literalität
4.3.2 Theorien zur Medienwahl und -verwendung
4.3.3 Fachsprache
4.3.4 Text, Textmuster und Textsorte

5. Deixis als Mittel der Verständigung
5.1 Verständigung als Ziel der Kommunikation
5.2 Mentale Modelle und räumliche Repräsentationen als Ausgangspunkt von Verstehensleistungen in Instruktionen
5.3 Deiktische Elemente als Grundlage adäquater räumlicher Repräsentationen
5.3.1 Verbale deiktische Zeigehandlungen
5.3.2 Nonverbale deiktische Zeigehandlungen
5.3.3 Computer-unterstützte Deixis

6. Untersuchungsteil
6.1 Einführung
6.2 Beschreibung der Remote-Unterstützungsmedien
6.3 Untersuchte Kriterien
6.4 Zusätzliche Untersuchungen
6.5 Störvariablen
6.5.1 Individuelle Störvariablen
6.5.2 Umgebungsbedingte Störvariablen
6.6 Versuchspersonen
6.7 Versuchsbeschreibung
6.7.1 Versuchsaufbau
6.7.2 Versuchsaufgabe
6.7.3 Versuchsablauf
6.8 Auswertungsmethode
6.9 Darstellung und Auswertung der Ergebnisse
6.10 Darstellung und Auswertung der zusätzlichen Untersuchungen
6.11 Diskussion der Ergebnisse

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

Vorwort zur ersten Auflage 2012

Vor zehn Jahren schrieb ich die vorliegende Arbeit zur Untersuchung der Rolle deiktischer Elemente in der medial vermittelten Interaktion mit Augmented Reality (AR) Systemen. Damals galt Augmented Reality als und vielversprechende, junge Technologie, der man eine Vielzahl innovativer Anwendungen zutraute. Zu diesem Zeitpunkt stellte die linguistische Beschäftigung mit kommunikativen Aspekten dieser Technologie eine Pionierarbeit dar. In der Zwischenzeit ist viel passiert, und man könnte meinen, die Arbeit sei seit ihrem Erscheinen längst überholt. In der Tat ist der Verlauf der Augmented Reality Technologie gekennzeichnet durch zahlreiche Höhen und Tiefen sowie kritische Ereignisse, die ihr immer wieder eine neue, zum Teil unvorhergesehene Richtung verliehen. Während in den ersten Jahren große Visionen wie beispielsweise das selbständige Reparieren des eigenen, auf der Autobahn liegen gebliebenen Autos mit Hilfe einer Augmented-Reality-Datenbrille (Head-Mounted-Display), in welche die zur Reparatur nötigen Schritte eingeblendet werden die Diskussion in der Scientific Community dominierten, waren die meisten Augmented-Reality-Experten, die ich vor drei Jahren im Rahmen meine Dissertation zur Zukunft von Augmented Reality befragt habe, bescheidener. Für den „großen Durchbruch“ sah man „mittelfristig keine echte Lösung“, allenfalls, dass es sich „in irgendwelchen kleineren, unspektakuläreren Anwendungen“ etablieren würde (IP- Feld 4). Zutreffend an diesen Einschätzungen war, dass sich die Augmented-Reality- Technologie in der Tat nicht in Form einer Stand-alone-Technologie etabliert, sondern sich in andere Technologien integriert. Allerdings sollte diese Synthese alles andere als „unspektakulär“ sein. Nur ein Jahr nachdem die Interviews durchgeführt wurden, brachte Apple das neue IPhone 3GS heraus, woraufhin sich die Zahl der Anwendungen (Apps) für dieses SmartPhone nahezu explosionsartig vervielfältigte. Und genau in dieser Nische feierte auch die Augmented Reality Technologie ihr neues Revival: Augmented Reality-Apps ermöglichen heute die genaue begriffliche Bestimmung von Berggipfeln („Peaks“), zeigen mir, wo ich die nächste Filiale einer großen Fast-Food-Kette finde („AR Germany“, „Layar“, „Wikitude“) und helfen mir bei der Einrichtung meines Wohnzimmers, indem sie die in Frage kommenden Möbel schon mal probehalber virtuell in den einzurichtenden Raum projezieren („iLiving“) während die durch die Buchungsplattform betriebene App „Hotels now“ mir hilft, schnell vor Ort ein Hotel zu finden und zu buchen. Besonderes Aufsehen erregte die Anwendung „Recognizer“, welche mittels Gesichtserkennung die Identifizierung unbekannter Personen in sozialen Netzwerken ermöglicht und dadurch Datenschützer alamierte. Nicht alle als Augmented Reality ausgewiesenen Anwendungen in der schier unendlichen Menge an Treffern im AppStore entsprechen allerdings auch der „klassischen“ Definition von Augmented Reality im Sinne einer Überlagerung der realen Welt mit virtuellen Informationen in Echtzeit. So stellt beispielsweise der „Car Finder“ zwar eine überaus hilfreiche, jedoch nicht im eigentlichen Sinne der Augmented Reality zuzurechnende Anwendung dar.

Trotz dieser bemerkenswerten Erfolgsgeschichte hat sich ein Sachverhalt nicht geändert: Bislang existieren nachwievor kaum Untersuchungen der Augmented Reality Technologie aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Das ist umso erstaunlicher, als diese Technologie ein außerordentliches hohes Potential birgt und bereits jetzt das soziale Miteinander verändert und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in naher Zukunft auch als Interaktionsmedium etablieren wird. Aus diesem Grund scheinen vor allem auch Analysen über die Auswirkungen dieser Technologie auf Interaktion und Kommunikation nötig. Die vorliegende Studie hat sich als eine der ersten oder vielleicht als die erste intensiv mit der durch Augmented-Reality-Systeme vermittelten Kommunikation beschäftigt und ihre Effizienz untersucht, aber auch Schwachstellen und Handlungsbedarf identifiziert.

Die Augmented Reality Technologie und ihr derzeitiger Boom lassen weitere innovative Entwicklungen und interessante Anwendungsfelder erwarten, was weiterführende Untersuchungen erforderlich macht. Neben den in dieser Arbeit untersuchten linguistischen Aspekten bietet Augmented Reality weitere interessante Ansatzpunkte für die Forschung. Einer davon ist die Frage nach der Identität, verstanden als symbolische Struktur, einer derart fluiden technologischen Konfiguration, die weder durch ein einheitliches materielles Design noch durch ein konstantes Anwendungsfeld geprägt ist, sondern sich vor allem durch die Heterogenität möglicher technischer Realisierungen und Anwendungen auszeichnet. Dieser Frage widmet sich meine in Kürze erscheinenden Dissertation, die sich mit der innovationsbiographische Rekonstruktion technischer Identitäten am Beispiel der Augmented Reality-Technologie beschäftigt und hoffentlich hilft, diese spannende Technologie und ihre sozialen Auswirkungen besser zu verstehen.

Mein Dank gilt allen, die mich bei der Erstellung dieser Arbeit unterstützt haben: Meinem Ehemann sowie Freunden und Verwandten, dem ARVIKA-Konsortiuum, das mir die Erstellung der Studie im Rahmen des ARVIKA-Projektes ermöglichte, Frau Prof. Dr. Eva-Maria Jakobs, die diese Arbeit seitens der RWTH Aachen vom Germanistischen Institut betreut hat, sowie den Kollegen vom Institut für Arbeitswissenschaft (IAW) der RWTH Aachen, allen voran Dr. Stefan Wiedenmaier, der die Arbeit unterstützte und mir freundlicherweise Weise das verwendete Bildmaterial zur Verfügung stellte.

Aachen, den 12. Februar 2012

1. Einleitung

Mit fortschreitenden technischen Innovationen geraten Unternehmen zunehmend unter den Zugzwang, die eigenen Produktionsanlagen den neusten Standards anzupassen und den Fertigungsablauf zu optimieren. Hierbei gelten die Faktoren Zeit und Qualität als Erfolgsgaranten für die Wettbewerbsfähigkeit eines Betriebes.

Bei einer Störung der hochtechnisierten Produktionsabläufe steigt der Druck auf Unternehmen, den Defekt möglichst schnell und nachhaltig zu beseitigen. Nicht immer sind werksinterne Monteure in der Lage, die Fehler selbst zu beheben. Statt dessen muss häufig ein Experte hinzugezogen werden, der dem ausführenden Monteur mündliche Instruktionen zur Behebung der Mängel gibt. Befinden sich Monteur und Instrukteur nicht gleichzeitig vor Ort, ist hierzu der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationsmedien (IuK) zur Vermittlung mündlicher Anweisungen notwendig.

Aus linguistischer Sicht stellt sich die Frage, welche sprachlichen Elemente die Qualität mündlicher Instruktionsprozesse beeinflussen und damit zur Wiederherstellung eines reibungslosen Produktionsablaufes beitragen.

Vergegenwärtigt man sich die Situation eines Instandhaltungsprozesses, so lässt sich feststellen, dass hier häufig Angaben zur Lokalisation und Plazierung von Objekten nötig sind. Um vorhandene Lokalisationsprobleme zu lösen, müssen die Interaktionspartner adäquate mentale Modelle der räumlichen Situation ausbilden. Es wird vermutet, dass sprachliche Ausdrücke des Zeigens (Deiktika) die Repräsentation angemessener Modelle maßgeblich beeinflussen, da sie häufig zur Ortsangabe von Objekten verwendet werden. Aus diesem Grund liegt der Fokus dieser Arbeit auf deiktischen Elementen in mündlichen Instruktionen, um in einer explorativen Untersuchung erste Annahmen darüber aufstellen zu können, ob und wie sprachliche Ausdrücke des Zeigens Einfluss auf die Qualität mündlicher Instruktionsprozesse haben.

Neben den verbalen deiktischen Elementen bieten auch nonverbale Deiktika die Möglichkeit, auf Objekte zu verweisen und üben somit einen Einfluss auf die Bildung mentaler Modelle aus. Daher ist es für die Untersuchung medial vermittelter Instruktionsprozesse sinnvoll, auditive und audiovisuelle Medien hinsichtlich ihrer deiktischen Elemente und ihrer Wirkungsweise auf die Anweisungen zu untersuchen.

Die meisten audiovisuellen Medien, wie beispielsweise Videokonferenzsysteme, ermöglichen lediglich die einseitige Vermittlung nonverbaler Deiktika. Im Gegensatz hierzu stellen Collaborative Augmented Reality-Systeme (CAR) einen bislang noch wenig verbreiteten Medientyp dar, der durch den Einsatz eines Head-Mounted- Displays (HMD) Zeigegesten sowohl von Seiten des Monteurs als auch des Instrukteurs zulässt.

Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur Untersuchung sprachlicher Elemente sowie ihrer Wirkung auf Qualität, Zeit und Eindeutigkeit von Instruktionsprozessen liefern. Da auch der Einsatz nonverbaler Deiktika berücksichtigt werden soll, bietet sich ein Vorgehen an, das verschiedene Medien hinsichtlich ihrer verbalen und nonverbalen Zeigemöglichkeiten untersucht. Als Vertreter für die verschiedenen Medientypen werden für diese Studie Telefon, Video und CAR betrachtet.

Aufgrund seiner geringen Verbreitung hat sich beim Medium CAR die Schwierigkeit ergeben, einen geeigneten Versuchsrahmen für die Untersuchung zu finden. Die Möglichkeit für die Durchführung einer Vergleichsstudie bot schließlich das Projekt ARVIKA, das am Institut für Arbeitswissenschaft (IAW) der Rheinisch- Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen seit 1999 lief und sich mit Entwicklung und Einsatz von Virtual- und Augmented Reality-Systemen beschäftigte.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Untersuchungsteil, wobei im Theorieteil die für das Verständnis der durchgeführten Studie unerlässlichen Grundlagen erarbeitet werden. Beginnend mit allgemeinen Gesichtspunkten wird in weiteren Schritten der Untersuchungsgegenstand spezifiziert und konkretisiert, ehe die Darstellung der empirischen Untersuchung folgen kann.

Da effiziente Instruktionsprozesse auf der Verständigung der Interaktionspartner basieren, ist es sinnvoll, zunächst die Kommunikation als Grundlage menschlicher Zusammenarbeit näher zu beschreiben und einen relevanten Ansatz zur Beschreibung von Kommunikation herauszustellen. Aus diesem Grund beschäftigt sich das erste Kapitel ausführlich mit der Darstellung unterschiedlicher Kommunikationsmodelle und -kanäle.

Anschließend werden medial vermittelte Kommunikationsprozesse als Teilbereich der Kommunikation behandelt, da sie im Falle zerdehnter Sprechsituationen die Verständigung über räumliche Entfernungen hinweg gestatten. In diesem Zusammenhang wird näher auf die Grundformen der Kommunikation - Oralität und Literalität - sowie die verschiedenen Theorien zur Medienwahl und -verwendung eingegangen.

Die im dritten Kapitel behandelten CAR-Systemen ermöglichen eine neue Form medial vermittelter Kommunikation und sind für die Untersuchung deiktischer Elemente aufgrund ihrer vielfältigen Zeigemöglichkeiten von besonderer Bedeutung. Im Rahmen der Literaturrecherche für diese Arbeit hat sich der unterschiedliche Forschungsstand in bezug auf die einzelnen Medien als problematisch erwiesen. So lassen sich zu Telefon und Video umfangreiche Fachliteratur sowie diverse empirische Studien finden, während das bislang selten eingesetzte CAR-System in der Mediendiskussion weitgehend unbekannt und hinsichtlich seiner linguistischen Eigenschaften noch nicht untersucht worden ist.

Als Basis für die vorliegende Studie ist es erforderlich, Instruktionsprozesse mit CAR-Systemen hinsichtlich ihrer prototypischen Textsorteneigenschaften näher zu betrachten und vor dem Hintergrund bestehender Ansätze zu diskutieren. Darüber hinaus sind für das Verständnis der vorliegenden Untersuchung auch die medialen Eigenschaften von CAR-Systemen an sich zu berücksichtigen. Aus diesen Gründen beschäftigt sich das Kapitel unter anderem mit der Klärung relevanter textlinguistischer Begriffe und der Einordnung des Mediums CAR in bestehende linguistische und medientheoretische Ansätze.

Um die prototypischen Textsorteneigenschaften von Instruktionen mit CAR hinsichtlich ihrer Formulierungsmuster näher zu betrachten, wird der Fokus auf die Untersuchung deiktischer Ausdrucksmittel gelegt. Dieses Vorgehen wird dadurch begründet, dass mündliche Instruktionsprozesse sich durch einen hohen Anteil räumlicher Lokalisationsaufgaben auszeichnen, die sich umso besser lösen lassen, je adäquater die mentalen Modelle sind, die die Beteiligten von der Situation haben. Bei dieser Vorgehensweise werden neben verbalen auch nonverbale und maschinell realisierte Zeigegesten berücksichtigt.

Der daran anschließende praktische Teil in Form einer explorativen Studie soll die im theoretischen Teil aufgeworfenen Fragen und Annahmen über den Einsatz deiktischer Elemente in mündlichen Instruktionen mit CAR-Systemen überprüfen.. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf der Untersuchung der Auswirkungen deiktischer Elemente bezüglich Qualität und Effizienz.

Abschließend werden im Fazit die Ergebnisse kurz zusammengefasst und hinsichtlich ihrer Aussagekraft auf die zuvor aufgestellten Annahmen bewertet und interpretiert. Darüber hinaus werden Konsequenzen für die praktische Anwendung aus den vorliegenden Auswertungen gezogen und weiterführende Forschungsfragen formuliert.

Im Anhang dieser Arbeit finden sich die Auswertungstabellen mit allen erhobenen Daten der Studie. Ergänzend sind in einem zweiten Band die der empirischen Untersuchung zugrundeliegenden Transkripte der einzelnen Instruktionsprozesse abgedruckt.

2. Kommunikation als Grundlage menschlicher Zusammenarbeit

In der Diskussion um neue Medien wird häufig angenommen, dass sich mit der Einführung neuer elektronischer Technologien nicht nur das Medium der Kommunikation, sondern auch die Kommunikation selbst verändert. Um diese Annahme zu untermauern, sind zahlreiche Studien durchgeführt worden, in denen versucht wurde, technisch vermittelte Kommunikation mit „herkömmlicher“ Kommunikation (z.B. Face-to-Face- oder Schriftkommunikation) zu vergleichen.1

Um Kommunikationsprozesse untersuchen zu können, ist es nötig, ein Grundverständnis dessen zu haben, was „Kommunikation“ eigentlich ist, wie sie beschrieben werden kann und aus welchen Handlungen und Faktoren sie sich konstituiert. Der Komplexität von Kommunikation entsprechend, existieren unterschiedliche Ansätze und Kriterien, die diese zu beschreiben versuchen. Es gibt diverse Merkmale der Kommunikation, die bei Untersuchungen als Vergleichsmaßstab dienen können. Entsprechend betont Höflich, dass in einigen Studien, die sich mit den Auswirkungen interaktiver Technologien beschäftigen, [...] sich die Wissenschaftler spezieller Methoden zur Messung des innerorganisatorischen Kommunikationsvolumens bedienen, differenziert nach Aufgabentyp, Kommunikationskanal, -richtung und -ebene [...] (Höflich 1990: 65).

Bei dieser Vielzahl von Faktoren, die zur Beschreibung von Kommunikation herangezogen werden können, ist es unmöglich, alle Aspekte zu erfassen. Um Kommunikationsprozesse zu untersuchen, muss eine Beschränkung vorgenommen werden, um die Zahl der Kriterien überschaubar und die gewählte Bezugsgröße „Kommunikation“ vergleichbar zu halten. Dennoch sollen einige der möglichen Theorien zur Analyse von Kommunikationsprozessen vorgestellt werden, um einerseits einen besseren Einblick in die Komplexität dieses Themas zu gewähren und andererseits eine Grundlage für die folgenden Kapitel zu schaffen.

2.1 Kommunikationsmodelle

Es sind zahlreiche unterschiedliche Kommunikationsmodelle ausgearbeitet worden, um das Phänomen „Kommunikation“ zu beschreiben. Sie reichen von der Auffassung, „Kommunikation“ bestehe in einem Übertragungsprozess von Informationen über die Ansicht, der Gebrauch der Sprache in Form von Kommunikation besitze neben einer Darstellungsfunktion eine Ausdrucks- sowie Appellfunktion und sei somit als interaktiv zu bewerten, bis hin zu der Meinung, jegliches Verhalten sei Kommunikation und unterliege immer der wechselseitigen Beeinflussung der Kommunikationsteilnehmer.

Der vielfältigen Beschreibung der menschlichen Kommunikation entsprechend, gibt es auch zahlreiche Klassifizierungen, mit deren Hilfe die Kommunikationsmodelle anhand ihrer grundlegenden Aussagen eingeordnet werden.

Sehr anschaulich sind die Vorstellungen von Kommunikation bei Krippendorf dargestellt, der folgende Metaphern der Kommunikation unterscheidet:

die Metapher der Übertragung von Botschaften

die Container-Metapher

die Metapher des Mitteilens von Gemeinsamkeiten (cognitive sharing) die Metapher vom Argument als Krieg

die Metapher vom Kanal oder: Der Fluss der Signale

die mathematische Theorie der Kommunikation (Informationstheorie) die Kontroll-Metapher (vgl. Krippendorf 1994: 79ff.).

Eine kommunikationswissenschaftlich ausgerichtete Einteilung liegt von Weinig vor, die zwischen mathematischen, sozialwissenschaftlichen und linguistischen Ansätzen unterscheidet (Weinig 1996: 16ff.). Springer wiederum unterteilt Face-to- Face-Kommunikation aus arbeitswissenschaftlicher Sicht in "Kommunikation als soziale Handlung" sowie "Kommunikation als Informationsaustausch". Besonders anschaulichund sinnvoll ist die Unterteilung der Kommunikationsmodelle von Geißner, der zwischen einem „Transportmodell“, „Zeichenmodell“, „Verhaltensmodell“. „Handlungsmodell“ sowie „Gesprächsmodell“ unterscheidet (Geißner 1981: 15ff.). Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Arbeit die Kommunikationsmodelle entsprechend dieser Einteilung dargestellt.

2.1.1 Kommunikation als Transportmodell

Ein Beispiel für die Auffassung, dass Kommunikation einen „Übertragungsprozeß von Informationen“ darstellt, bietet der Ansatz von Shannon und Weaver. In ihrem Buch „Mathematische Grundlagen der Informationstheorie“ (Shannon/Weaver 1976) betrachten sie hauptsächlich die technische Ebene der Kommunikation anhand der Frage, “wie genau [...] die Zeichen der Kommunikation übertragen werden” können. (ebd.: 12). Im Rahmen ihres Ansatzes lassen sich einige maßgebliche Faktoren unterscheiden: Eine Nachrichtenquelle wählt eine bestimmte Nachricht (oder Information ) aus und leitet sie an den Sender weiter. Dieser wandelt die Nachricht in Signale um ( Codierung ) und sendet sie über den Ü bertragungskanal an den Empf ä nger , der die Nachricht wieder decodiert und an das Nachrichtenziel weitergibt (vgl. ebd.: 16f.). Information bedeutet in diesem Zusammenhang “ein Maß für die Freiheit der Wahl, wenn man eine Nachricht aus anderen aussucht” (ebd.: 18). Das Hauptinteresse dieser Theorie gilt den übertragenen Informationen, der Kapazität des Übertragungskanals sowie der Codierung der ausgewählten Nachricht. Der Sender und Empfänger spielen in diesem Konzept eine untergeordnete Rolle.

2.1.2 Kommunikation als Zeichenmodell

Im Gegensatz zu dem technisch ausgerichteten Modell von Shannon und Weaver steht in dem Ansatz von Morris eine semiotische Betrachtungsweise im Vordergrund, wobei Semiose jede Situation [beschreibt], in der etwas durch die Vermittlung eines Dritten von etwas, das nicht unmittelbar kausal wirksam ist, Notiz nimmt; jeder Zeichenprozeß ist also ein Prozeß des „mittelbaren Notiz-Nehmens-von“ (Morris 1979: 92).

Kurz gesagt: Eine Semiose ist ein Prozess, in dem etwas als Zeichen fungiert“ (ebd.: 20).

Im Rahmen der Semiose unterscheidet Morris in seinem 1938 erstmalig unter dem Titel „Foundations of the theory of signs“ erschienenem Werk vier Faktoren des Zeichenprozesses, den Zeichentr ä ger , der das bezeichnet, was als Zeichen wirkt, das Designat , das den Faktor darstellt, auf den das Zeichen referiert, den Interpretant , der den „Effekt [bezeichnet], der in irgendeinem Rezipienten ausgelöst wird“ (ebd.: 20) sowie den Interpret , der den Akteur in dem Prozess darstellt. Die Unterscheidung dieser Faktoren gilt für den Zeichenprozess im allgemeinen. In „Signs, Language, and Behaviour“ (1946) widmet er im besonderen ein Kapitel der Kommunikation. Darin unterscheidet er für den Kommunikationsprozess, der „den Zeichengebrauch zur Bildung einer Signifikationsgemeinsamkeit“ (Morris 1973: 209) bezeichnet, den Kommunikator , „der die Kommunikation veranlaßt“, den Kommunikationsempf ä nger , „bei dem der Zeichenprozeß durch die Zeichen des Kommunikators angeregt wird“, die Kommunikationsmittel , die den benutzten Zeichen entsprechen sowie den Kommunikationsinhalt , der „die durch diese Mittel gemeinsam gemachte Signifikation“ darstellt (ebd.: 209).

Neben diesen am Zeichenprozess beteiligten Faktoren lassen sich nach Morris insgesamt drei Dimensionen des Zeichenprozesses unterscheiden: erstens die semantische Dimension, die auf „die Beziehung zwischen den Zeichen und den Gegenständen, auf die sie anwendbar sind [...]“ verweist, zweitens die pragmatische Dimension, die etwas über „die Beziehung zwischen Zeichen und Interpret [...]“ aussagt sowie drittens die syntaktische Dimension, die die Beziehung eines Zeichens zu anderen Zeichen beschreibt (Morris 1979: 24f.). Diesen Dimensionen der Semiose entsprechen die drei Untersuchungsbereiche Semantik, Pragmatik und Syntaktik.

Die einzelnen Faktoren sowie ihre verschiedenen Dimensionen lassen sich wie folgt in einer Graphik veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Semiotisches Kommunikationsmodell

(in Anlehnung an Morris 1979: 94)

Nicht berücksichtigt sind in dieser Darstellung die für den Kommunikationsprozess bereits erwähnten Faktoren Kommunikator , Kommunikationsempf ä nger , Zeichentr ä ger sowie das Designat . Im Rahmen des Kommunikationsprozesses tritt der Kommunikator an die Stelle des Interpreten, der Kommunikationsempfänger an die Stelle des Interpretanten, die Kommunikationsmittel an die Stelle der Zeichenträger und der Kommunikationsinhalt an die des Designats.

Ein weiteres semiotisch orientiertes Kommunikationsmodell stammt von Bühler , der die semantische Funktion des Sprachzeichens in den Vordergrund stellt. In seinem Organonmodell ergänzt er die Darstellungs- bzw. Übertragungsfunktion des Zeichens durch eine Ausdrucks- und Appellfunktion. Das Sprachzeichen steht mit den drei Faktoren Gegenstand und Sachverhalte, Sender und Empfänger in Verbindung (vgl. Bühler 1982: 28ff.). Erstens dient das Zeichen der Darstellung von Gegenständen und Sachverhalten und hat somit Symbol charakter. Zweitens besitzt es eine Ausdruck sfunktion, denn es steht in “Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt” und lässt sich somit als Symptom betrachten. Drittens hat das Zeichen “kraft seines Appells [Hervorhebung d. Verf.] an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert” (ebd.: 28) auch die Wirkung eines Signals . Im Gegensatz zu Shannon/Weavers Ansatz schließt dieses Modell, ähnlich wie das von Morris, sowohl den Sender als auch den Empfänger als “psychologische Systeme” (ebd.: 27) sowie ihre Kommunikation mit ein. Insgesamt können die genannten Faktoren (Gegenstand/Sachverhalte, Sender, Empfänger) sowie ihre Beziehung zu dem Sprachzeichen (Darstellung, Ausdruck, Appell) ebenfalls als Ausgangspunkt für einen Vergleich verschiedener Kommunikationsformen verwendet werden. So kann man beispielsweise nach Art der Darstellung oder der Beziehung zwischen Sender und Empfänger (also dem jeweiligen Ausdruck und Appell) fragen.

2.1.3 Kommunikation als Verhaltensmodell

Das Kommunikationsmodell von Watzlawick u.a. betont die pragmatische Ebene der Kommunikation und wird als das “Verhaltensmodell der Kommunikation” (Geißner 1981: 20) bezeichnet. Jegliches Verhalten wird als Kommunikation gewertet. Darüber hinaus werden die Kommunikationsteilnehmer nicht als Monaden betrachtet, sondern als Systeme, die miteinander durch Wechselbeziehungen in Verbindung stehen. Durch diese Prämisse “verschiebt sich der Blickpunkt von der künstlich isolierten Monade auf die Beziehung zwischen den Einzelelementen größerer Systeme” (Watzlawick u.a. 1996: 22). Näher spezifiziert wird der Charakter der Kommunikation in den von Watzlawick u.a. aufgestellten fünf Axiomen, die hier nur kurz skizziert werden sollen. Das erste Axiom bezeichnet die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren. Geht man davon aus, dass Kommunikation hier mit “Verhalten” gleichgesetzt wird, zeigt sich, was gemeint ist: Genauso wenig, wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren (vgl. ebd.: 50ff.). Das zweite Axiom besagt, daß eine Mitteilung neben einer Inhalts- auch immer eine Beziehungsebene besitzt (vgl. ebd.: 53ff.). Das dritte Axiom beschäftigt sich mit der “ Interpunktion von Ereignisfolgen ” (vgl. ebd.: 57ff.). Damit wird auf die Struktur verwiesen, die jedem Kommunikationsprozess zugrunde liegt und die von den Teilnehmern selbst bestimmt wird. Im vierten Axiom wird zwischen analoger und digitaler Kommunikation unterschieden (vgl. ebd.: 61ff.). Digitale Kommunikation verwendet Namen und “Worte, deren Beziehung zu dem damit ausgedrückten Gegenstand eine rein zufällige oder willkürliche ist” (ebd.: 62), um Botschaften zu transportieren, während die analoge Kommunikation Analogien verwendet, wie z.B. Gesten, Tonfall oder auch Mimik. Das fünfte Axiom untersucht die Stellung, die die Kommunikationsteilnehmer in der Kommunikation einnehmen. Diese kann entweder symmetrisch (spiegelbildliches Verhalten) oder komplement ä r (ergänzendes Verhalten) sein (vgl. ebd.: 68ff.).

2.1.4 Kommunikation als Handlungsmodell

Das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun (Schulz von Thun 1995) stellt die Handlungen in den Vordergrund, die der Kommunikationssender beim Versenden einer Nachricht und der Kommunikationsempfänger beim Empfangen einer Nachricht vollziehen, wobei „[d]ie „Nachricht“ [...] das ganze vielseitige Paket mit seinen sprachlichen und nicht- sprachlichen Anteilen [ist]“ (Schulz von Thun 1995: 33). Dabei kann eine Nachricht sowohl aus einen Wort („Nein!“) oder aus einem oder mehreren Sätzen sowie ganzen Textpassagen bestehen. Sogar nonverbale Signale (z.B. Handbewegungen oder Blicke) werden in diesem Verständnis der Nachricht zugeordnet.

Nach Schulz von Thun (1995) enthält jede Nachricht vier Seiten oder Ebenen,

1. eine Sachebene
2. eine Beziehungsebene
3. eine Selbstoffenbarungsebene und
4. eine Appellebene (vgl. Schulz von Thun 1995: 25ff.).

Sowohl die Sach- als auch die Beziehungsebene sind aus dem zuvor genannten Kommunikationsmodell von Watzlawick bekannt. Auf der Selbstoffenbarungsebene werden die Botschaften gesendet, die dem Empfänger etwas über den Sender mitteilen, also solche Botschaften, in denen sich der Sender selbst offenbart. Die Appellebene beinhaltet die Botschaften, in denen der Empfänger aufgefordert wird, etwas bestimmtes zu tun (oder zu lassen). Hier appelliert der Sender an den Empfänger. Obwohl zwischen Selbstoffenbarungs- und Appellebene auf der einen und Beziehungsebene auf der anderen Seite Unterschiede bestehen, sind die Ebenen eng miteinander verknüpft, so dass sowohl die Selbstoffenbarungs- als auch die Appellebene starken Einfluss auf die Entwicklung der Beziehung ausüben.2

Den obigen Ausführungen entsprechend lässt sich das Modell in folgender Skizze veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Vier Seiten einer Nachricht

(Schulz von Thun 1995: 30)

Die Botschaften auf den vier Ebenen werden bei jeder Nachricht mit vermittelt. Es gibt wenige Nachrichten (außer z.B. Nonverbale, vgl. hierzu Schulz von Thun 1995: 34f.), bei denen keine Sachseite zu finden ist.

Für den Empfänger gilt das gleiche, wie für den Sender: Er kann die empfangene Nachricht auf den vier verschiedenen Ebenen hören und verarbeiten. Das Problem besteht darin, dass er die in einer Nachricht enthaltenen Botschaften nicht zwangsläufig ausgewogen aus allen vier Perspektiven betrachtet, sondern sich aufgrund seiner Vorgeschichte und seiner Erfahrung beim Empfangen der Nachricht unter Umständen nur auf ein oder zwei Aspekte konzentriert. Das kann zu Missverständnissen und möglicherweise sogar zum Abbruch der Kommunikation führen.

2.1.5 Kommunikation als Gesprächsmodell

In Kommunikationsprozessen findet gewöhnlich kein einseitiger Monolog einzelner Teilnehmer (Reden), sondern ein wechselseitiger Austausch zwischen den Beteiligten (Gespräch) statt. Aus diesem Grund stellt für Geißner das Gespräch die Grundform der mündlichen Kommunikation dar. Er betrachtet es als „im Alltag ‚ubiquitär‘; es ist die Grundform der thematisierten mündlichen Kommunikation“ (Geißner 1981: 37). Charakteristisch für Geißners Gesprächsverständnis ist der Aspekt der „gemeinsamen Sache“. Gespräche haben für ihn immer das Ziel, „etwas zur gemeinsamen Sache zu machen“ (Geißner 1982: 11).3 Entsprechend formuliert Geißner seine Definition von „Gespräch“ folgendermaßen:

Gespräch, als Prototyp der Kommunikation, ist als mündliche Kommunikation die intentionale, wechselseitige Verständigungshandlung mit dem Ziel, etwas zur gemeinsamen Sache zu machen, bzw. etwas gemeinsam zur Sache zu machen (Geißner 1981: 45).

Der Aspekt der Verständigung ist im folgenden für Instruktionsprozesse in der Instandhaltung von großer Bedeutung, denn das Ziel dieser Prozesse besteht darin, die bereits beschriebene „zerdehnte Sprechsituation“ zu überwinden und mit Hilfe eines Kommunikationsmediums einen Konsens über den bestehenden Sachverhalt, die Problematik sowie die Lösung und ihre Umsetzung zu erzielen.

Die Verständigung bzw. das gemeinsame Ziel ist jedoch nicht der einzige Faktor, der ein Gespräch bestimmt. Geißner unterscheidet statt dessen neun Einflussfaktoren, von denen der Verlauf eines Gespräches abhängt. Die folgende Skizze verdeutlicht die Einflussfaktoren sowie ihre Beziehung zueinander:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Das Situative Gesprächsmodell

(in Anlehnung an Geißner 1998a: 26)

Dieses Modell basiert auf dem bereits erwähnten Organonmodell von Bühler. Geißner selbst bezeichnet sein Modell „als ein BÜHLERs ´Organonmodell des Sprechens` erweiterndes `Situationsmodell` des Gespräches“ (Geißner 1982: 38). Dennoch unterscheidet es sich in vielerlei Hinsicht von dem bereits vorgestellten Organonmodell, denn das situative Gesprächsmodell stellt nur einen Teil des von Geißner konzipierten Ansatzes dar.

Der Schwerpunkt dieses Ansatzes liegt - wie bereits erwähnt - auf den dialogischen Aspekten der Kommunikation. Das impliziert, dass es „notwendigerweise eine dem „Sprechen“ korrespondierende Tätigkeit geben [muß]“ (ebd.: 38). Gemeint ist das „Hören“, das als komplementäre Handlung zum Sprechen im dialogisch verstandenen Kommunikationsprozess gesehen werden kann. Geißner prägt in diesem Zusammenhang die Begriffe des „Sprechdenkens“ und „Hörverstehens“, denn „[w]enn also Sprechen und Hören Tätigkeiten sind, die als Prozeß in der Schrittfolge Motiv, Vollzug, Ziel geschehen, und die in Verständigung ihren subjektiven Sinn haben, dann können sie als Prozesse des Handelns bezeichnet werden“ (ebd.: 45). Beide Handlungen - sowohl das Sprechdenken als auch das Hörverstehen - sind für Geißner zwei grundlegende Voraussetzungen der Kommunikation.

Die Darstellung einzelner Modell kann an dieser Stelle enden, da damit vor allem ein allgemeiner Überblick über die Komplexität kommunikativer Handlungen gegeben werden sollte. Daneben galt es, den Ansatz von Geißner vorzustellen, der für vorliegende Arbeit von besonderem Interesse ist, da nur er neben den situativen Einflussfaktoren auf die Kommunikation auch den Aspekt der Verständigung sowie die Prozesse des Sprechdenkens und Hörverstehens berücksichtigt.

2.2 Kommunikationskanäle

Neben den Kommunikationsmodellen lassen sich auch die im Kommunikationsprozess verwendeten Kommunikationskan ä le4 zur Beschreibung von Kommunikation heranziehen. Sehr häufig wird in diesem Zusammenhang lediglich zwischen verbalen und nonverbalen Kommunikationskanälen unterschieden. Eine feinere Differenzierung nimmt Geißner vor, indem er zwischen verbal , para-verbal und extra-verbal unterscheidet (Geißner 1982: 84). Die verbale Ebene bezeichnet die sprachlichen Äußerungen auf der Ebene der Lautbildung. Sind die Handlungen hingegen sprachbegleitend, wie dieses beispielsweise bei Mimik, Gestik, Kinesik und Proxemik bzw. auch bei sprachbegleitenden prosodischen Merkmalen der Fall sein kann, spricht man von para-verbalen Handlungen. Extra- verbal wiederum werden alle Ausdrucksformen in den zuvor genannten Bereichen (hiervon ausgenommen sind die prosodischen Merkmale) genannt, die aphonisch, d.h. stumm sind.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die unterschiedlichen Kommunikationskanäle mit den verschiedenen Medien und ihren Möglichkeiten, Informationen zu übertragen, in Zusammenhang zu bringen. Aus dieser Perspektive wäre das Nonverbale (oder Visuelle) kein eigener Kommunikationskanal, sondern eine Informationseinheit, die auf einem Kanal (d.h. mit Hilfe eines Mediums) transportiert werden könnte, aber nicht mit diesem Kanal identisch ist.

Dementsprechend analysieren Klingenberg/Kränzle die verschiedenen Kommunikationskanäle unter anderem anhand des “Ausmaß[es] an nicht-verbaler Kommunikation, das die Kommunikationskanäle ermöglichen” (vgl. Klingenberg/Kränzle 1983: 43ff.). Für die weitere Charakterisierung der Kommunikationskanäle nennen sie

- die Übertragungsgeschwindigkeit,
- die Schnelligkeit, mit der Information codiert und decodiert werden kann,
- die Möglichkeiten und die Leichtigkeit, mit der die übermittelten Informationen gespeichert und weiterverarbeitet werden können,
- die Möglichkeit, genaue Information zu übermitteln,
- die Möglichkeit, synchron und asynchron zu kommunizieren sowie
- die Schnelligkeit, mit der Rückkopplungsprozesse durchgeführt werden können (vgl. ebd.: 40ff.).

Die vorliegende Arbeit folgt der Einteilung von Allhoff/Allhoff (vgl. hier und im folgenden Allhoff/Allhoff 1994: 37ff.) und Weinig (1996: 29ff.), die die Kommunikationskanäle verschiedenen Sinnesorganen zuordnen. Es wird zwischen einem visuellen Kanal , der sowohl die Körpersprache oder Kinesik (sie beinhaltet Haltung und Auftreten, Gestik, Mimik und Blickkontakt) als auch das räumliche Verhalten oder Proxemik umfasst, einem taktilen Kanal , der in körperlicher Kontaktaufnahme besteht sowie einem auditiven Kanal , der sich in die Faktoren Stimme, Aussprache bzw. Artikulation und Betonung untergliedert, unterschieden. Darüber hinaus lassen sich neben dem auditiven (oder verbalen), dem visuellen (oder nonverbalen) und dem taktilen Kanal auch noch thermale, gustatorische und olfaktorische Kommunikationskanäle beschreiben. Es mag zunächst merkwürdig erscheinen, dass neben den beiden “offensichtlichen” Kanälen “Hören” und “Sehen” auch die anderen Kanäle relevant sind. Denkt man jedoch an den Händedruck einer kalten, feuchten Hand oder an sprichwörtliche Weisheiten wie “man kann sich nicht riechen”, wird deutlich, dass sich die Kommunikation zwischen Menschen nicht auf einzelne Kanäle wie “Hören” und “Sehen” beschränken lässt.

Die einzelnen Kommunikationskanäle spielen für den Kommunikationsprozess eine entscheidende Rolle. Im folgenden Kapitel wird auf die Bedeutung der Kanäle für die Medienwahl und -verwendung näher eingegangen.

3. Medial vermittelte Kommunikation

Medial vermittelte Kommunikation stellt einen Teilbereich der Kommunikation dar, der im Zeitalter moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zunehmend von Bedeutung ist und auch in der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Aus diesem Grund beschäftigt sich das folgende Kapitel ausführlich mit einigen grundlegenden Aspekten medial vermittelter Kommunikation, wodurch die im ersten Kapitel dargestellten Grundlagen der Kommunikation erweitert werden.

Im ersten Teil dieses Kapitels werden zwei Grundformen der Kommunikation, nämlich Oralität und Literalität, beschrieben. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der „zerdehnten Sprechsituation“ als Ausgangspunkt medial vermittelter Kommunikation und klärt in diesem Zusammenhang den dieser Arbeit zugrunde liegenden Textbegriff. Im dritten Teil des Kapitels werden verschiedene Theorien zur Medienverwendung vorgestellt, die klären, nach welchen Kriterien Kommunikationsmedien ausgewählt werden und welche Effekte daraus resultieren.

3.1 Oralität und Literalität

Eine Beschäftigung mit den Grundformen der Kommunikation kann nicht unabhängig von den Medien geschehen, mit deren Hilfe sich Kommunikation realisieren lässt. Sogar orale Kommunikation in Face-to-Face-Situationen bedient sich nach Auffassung einiger Autoren eines Mediums, nämlich der „atmosphärische[n] Luft als Träger von Schallwellen“ (Grabowski u.a. 1988: 40). Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Boeckmann, wenn er sagt, dass es „keine Kommunikation ohne Medien [gibt]“ (Boeckmann 1994: 15). Einer anderen Ansicht zur Folge stellt die Schrift an sich schon ein Kommunikationsmedium dar, über das alle Hochkulturen verfügen (vgl. Merten 1994: 148).

Es ist schwierig, zu entscheiden, ob es sich bei Sprache und Schrift um Medien handelt oder um Grundformen der Kommunikation, die sich verschiedener Medien bedienen. Im Rahmen dieser Arbeit wird von der zuletzt genannten Variante ausgegangen. Demnach gibt es zum einen Grundformen der Kommunikation (Sprache und Schrift), die sich eines phonischen bzw. graphischen Kodes bedienen. Darüber hinaus gibt es Medien, mit deren Hilfe die Kommunikation, bzw. die entsprechenden Kodes, vermittelt werden (beispielsweise Telefon oder Brief). Schließlich lassen sich unterschiedliche Kommunikationskanäle (u.a. visuelle und auditive) unterscheiden, die den Medien eigen sind.

Eine ähnliche Unterscheidung treffen Koch und Oesterreicher, die zwischen dem Medium (bei ihnen der graphische bzw. phonische Kode) auf der einen und der Konzeption (gesprochen und geschrieben) auf der anderen Seite differenzieren. Zwar unterscheidet sich ihr Medien-Begriff von dem in dieser Arbeit angenommen, jedoch entspricht die Idee der Konzeption (gesprochen/ geschrieben) den genannten Grundformen der Kommunikation (Oralität und Literalität)5.

Wenn im folgenden von zwei „Grundformen“ gesprochen wird, so darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schrift eigentlich eine stufenweise „Technologisierung des Wortes“ (vgl. Jäger 1992: 32) darstellt: Sie hat sich von der „Zählmarke zum Zahlentäfelchen“, weiter über die „mesopotamische Keilschrift“ bis zu den ägyptischen Hieroglyphen und von dort zu unserer heutigen Buchstabenschrift ausgebreitet (vgl. Kuckenburg 1998: 135ff.). Um den Sachverhalt jedoch nicht unnötig zu komplizieren und eine Basis für die Einordnung weiterer technischer Entwicklungen zu haben, wird hier der Einfachheit halber von Literalität als „Grundform“ gesprochen.

Entscheidend für die beiden Konzeptionen ist, dass „die Polarität von „gesprochen“ und „geschrieben“ für ein Kontinuum von Konzeptionsmöglichkeiten mit zahlreichen Abstufungen steht“ (Koch/Oesterreicher 1985: 17). Hierbei ist zu klären, was mit diesem „Kontinuum von Konzeptionsmöglichkeiten“ gemeint ist. Meist scheint es eindeutig, ob eine mündliche oder schriftliche Kommunikationsform vorliegt. Es gibt jedoch Fälle, in denen eine Trennung in schriftliche und mündliche Kommunikationsform weniger eindeutig ist. Beispiele stellen hier die Predigt oder der Vortrag dar, die sich - entgegen den Grundsätzen der modernen Rhetorik - keineswegs nur einzelner Stichworte bedienen, sondern häufig sorgfältig vorgeschrieben werden. Fraglich ist, ob es sich in diesem Fall um einen schriftlichen (der Vortrag liegt ausgearbeitet als schriftliches Dokument vor) oder um einem mündlichen Text handelt (schließlich wird er ja von dem Vortragenden „gesprochen“). An dieser Stelle ließe weiter argumentieren, dass die gehaltene Rede eindeutig dem gesprochenen Text zuzuordnen ist. Spannender wird diese Frage aber, wenn man die Sprechsituation einer Rede mit einer alltäglichen Kommunikationssituation (z.B. zwei Bekannte treffen sich auf der Straße und unterhalten sich) vergleicht. Hier wird deutlich, dass sich beide Sprechsituationen hinsichtlich ihrer Spontaneität und ihrer Textproduktion erheblich unterscheiden. Die gehaltene Rede hat eine andere Planung und einen anderen Prozess der Textproduktion durchlaufen als das Small- Talk-Gespräch auf der Straße.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass es verschiedene Abstufungen der gesprochenen bzw. geschriebenen Textproduktion gibt. Die folgende Skizze ordnet verschiedene Textsorten hinsichtlich ihrer Position zwischen den Polaritäten „gesprochen“ und „geschrieben“ ein.

2000: 23). Im Rahmen dieser Arbeit wird (abgesehen von wörtlichen Zitaten), der Begriff des Kommunikationskanals verwendet.

Abb. 4: Kontinuum „gesprochen“ - „geschrieben“

(in Anlehnung an Koch/Oesterreicher 1985: 18)

Diese Einteilung stellt nur einen Vorschlag für „typische“ Situationen dar. Sicherlich kann es in der einen oder anderen Richtung Abweichungen geben. Wichtig für eine derartige Einordnung ist in jedem Fall eine nähere Bestimmung der beiden extremen Pole. Anzumerken ist, dass das Konzept „gesprochen“ sich hier auf klassische orale Kommunikation in Face-to-Face-Situationen bezieht.

Für die Charakterisierung von gesprochener und geschriebener Sprache schlagen Koch und Oesterreicher folgende kommunikative Parameter vor, aus deren Zusammenwirken sich die „relative Situierung im konzeptionellen Kontinuum [ergibt]“ (ebd.: 19):

- soziales Verhältnis
- Anzahl der Personen
- räumliche und zeitliche Situierung der Kommunikationspartner
- Sprecherwechsel
- Themafixierung
- Öffentlichkeitsgrad
- Spontaneität und Beteiligung
- Rolle des sprachlichen, situativen und soziokulturellen Kontextes (vgl. ebd.: 19).

Zur Charakterisierung „extremer Schriftlichkeit“ gegenüber „extremer Mündlichkeit“ (ebd.: 19) wird im folgenden auf einige der genannten Parameter näher eingegangen.

Während sich die Kommunikationspartner in mündlichen Kommunikationsprozessen in derselben Sprechsituation befinden, d.h. Ort, Zeit und Raum teilen, fehlt dieser gemeinsame Bezugsrahmen in schriftlichen Kommunikationssituationen.

Daraus ergibt sich auch ein unterschiedliches Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption: Die Rezeption folgt bei gesprochener Sprache unmittelbar auf die Produktion des Gesagten. Die geschriebene Sprache hingegen ist in der Lage, die Rezeption einer Äußerung sowohl zeitlich als auch räumlich von ihrer Produktion zu trennen. Da die schriftliche Kommunikation nicht zwangsläufig auf Interaktion angewiesen ist und der „Gesprächspartner“ unter Umständen rein fiktiv sein kann, lässt sich hier von einem „solipsistische[n] Vorgang [sprechen]“ (Ong 1987: 102f.).

Demzufolge ergibt sich bei geschriebener Sprache eine höhere Planbarkeit für die Textproduktion: „Mit dem Aufkommen der Schrift können Wörter, die einmal „geäußert“, die auf die Schreibfläche gebracht wurden, eliminiert, ausradiert, ausgewechselt werden“ (Ong 1987: 105). Der Autor eines geschriebenen Textes hat mehr Zeit und Mittel für die Planung zur Verfügung als der Produzent in mündlichen Kommunikationssituationen.

Gleichzeitig hat der Rezipient beim Lesen eines schriftlichen Textes mehr Zeit für die Verarbeitung. Er kann Seiten zurückblättern, erneut lesen und sich ggf. Notizen zum Text machen. Bei gesprochener Sprache ist dies in der Regel nicht möglich. Allerdings können direkte Nachfragen gestellt und das Verständnis durch eine direkte Feedback-Verarbeitung gesichert werden. Insgesamt steht der Rezipient in Face- to-Face-Situationen jedoch unter einem höheren (zeitlich und räumlich bestimmten) Verarbeitungsdruck, was wiederum besondere Fähigkeiten voraussetzt.6

Nicht nur Produzent und Rezipient lassen sich in geschriebener Sprache trennen, sondern auch der Produzent und seine Ä u ß erung . Hier wird „die Sprache [...] vom Sprechenden getrennt, wird objektiviert, wird aus dem Hier und Jetzt gelöst und gespeichert für andere Augenblicke, Situationen und Zeiten“ (Boeckmann 1994: 26). Aus diesem Grund lässt sich mündliche Kommunikation als synchron, schriftliche Kommunikation hingegen als asynchron bezeichnen (vgl. Springer 2001: 57ff.).

Bei mündlicher Kommunikation liegt eine andere Kodierung vor als bei schriftlicher. Während sich die gesprochene Sprache neben dem phonischen Kode auch anderer Kanäle bedient, ist die schriftliche Sprache allein auf den graphischen Kode beschränkt. Der Textproduzent hat folglich in der mündlichen Kommunikation deutlich mehr Ausdrucksmöglichkeiten (verbale, paraverbale und nonverbale) zur Verfügung als der Autor schriftlicher Texte. Wie erwähnt, stellt das eine höhere Anforderung an den Verstehensprozess des Rezipienten.

Schließlich wird die Rollenverteilung in mündlicher und schriftlicher Kommunikation unterschiedlich geregelt. Während Rollenverteilung und -übernahme in Face-to-Face-Situationen in der Situation selbst durch die Interaktionsteilnehmer geregelt werden, „zeigt die geschriebene Sprache eine feste Rollenverteilung bis hin zur totalen Monologizität“ (Koch/Oesterreicher 1985: 19).

Aufgrund der aufgezeigten Unterschiede nennen Koch und Oesterreicher die gesprochene Sprache auch die „Sprache der Nähe“, während sie bei geschriebener Sprache von der „Sprache der Distanz“ sprechen (ebd.: 20).

Insgesamt lässt sich anhand der beschriebenen Parameter eine Art „Steckbrief“ für gesprochene Sprache auf der einen und geschriebene Sprache auf der anderen Seite erstellen, der die beiden extremen Pole des erwähnten Kontinuums charakterisiert:

Tab.1: Übersicht gesprochene vs. geschriebene Sprache

(in Anlehnung an Koch/Oesterreicher 1985: 21)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zwischen diesen beiden extremen Polen des Kontinuums sind zahlreiche Differenzierungen möglich. So ist die gesprochene Sprache im Zeitalter moderner Kommunikationsmedien nicht mehr auf Face-to-Face-Kommunikationen angewiesen. Darüber hinaus ist die Vertrautheit der Kommunikationsteilnehmer in der gesprochenen Sprache nicht immer gegeben (als Beispiel hierfür lassen sich flüchtige Geschäftskontakte nennen). In Analogie dazu müssen sich die Partner schriftlicher Kommunikationsformen nicht fremd sein, sondern können sich (z.B. in Liebesbriefen) sehr nahe stehen. Aus diesem Grund dürfen die o.g. Eigenschaften nicht als generelle Charakteristika gesprochener und geschriebener Sprache aufgefasst werden. Sie dienen lediglich der Beschreibung der zwei extremen Pole eines Kontinuums.

Aus den unterschiedlichen Eigenschaften der Konzeptionen von gesprochener und geschriebener Sprache ergeben sich unterschiedliche Versprachlichungsstrategien, wie beispielsweise eine höhere bzw. geringere Prozesshaftigkeit, Komplexität, Planung etc... Berücksichtigt man diese Faktoren, so lassen sich alle bisher erwähnten Punkte graphisch folgendermaßen darstellen (die Kleinbuchstaben bezeichnen die Texte, die in Abb. 4 in das Kontinuum zwischen gesprochener und geschriebener Sprache eingeordnet wurden).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Gesamtschema: Sprache der Nähe - Sprache der Distanz

(in Anlehnung an Koch/Oesterreicher 1985: 23)

Die dargestellten Konzeptionen betreffen die extremen Pole des Kontinuums zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Sie charakterisieren sowohl die gesprochene als auch die geschriebene Sprache in ihrer „ursprünglichen“ Form. Diese ursprüngliche Form hat sich im Laufe der Zeit jedoch weiterentwickelt. Bis heute lassen sich nach Jäger „zwei Phasen der Technologisierung des Wortes“ (Jäger 1992: 33) unterscheiden:

1. die Phase der Technologisierung der Schrift, [...] die die Oralität des Menschen nur indirekt beeinflußte. Dies gilt auch für ihren letzten, mikroelektronischen Entwicklungsstand
2. die Phase der Technologisierung der Oralität, [...] die mit der Erfindung audiovisueller Kommunikationsmedien und mit der Ermöglichung weltweiter extraterrestrischer und terrestrischer Vernetzung noch einmal einen qualitativen und in seinen Folgen schwer abschätzbaren Sprung gemacht hat (ebd.: 33).

Ong betont dementsprechend, dass „[d]ie elektronische Transformation des verbalen Ausdrucks [...] nicht nur die Überführung des Wortes in den Raum verstärkt [hat], die mit dem Schreiben begann und vom Drucken fortgeführt wurde, sie hat auch das Augenmerk auf ein neues Zeitalter sekundärer Oralität gerichtet“ (Ong 1987: 135). Diese Veränderungen bleiben nicht ohne Folgen: So ergeben sich „mit der ‚Elektronisierung der Kommunikation‘ [...] neue Herausforderungen für die Textproduktionsforschung und verwandte Gebiete“ (Jakobs u.a. 1999a: 2).

3.2 Die zerdehnte Sprechsituation als Ausgangspunkt medial vermittelter Kommunikation

Für eine textlinguistisch ausgerichtete Arbeit ist es unerlässlich, den Begriff des „Textes“ näher zu erläutern. Vor allem ist zu klären, was unter dem Textbegriff zu verstehen ist und ob mündliche Kommunikationsformen ebenfalls als Text bezeichnet werden können oder diese Bezeichnung schriftlichen Kommunikationsformen vorbehalten ist.

Es fällt auf, dass der Textbegriff in der gegenwärtigen Diskussion nicht eindeutig geklärt ist. Dies gilt vor allem für die Frage, ob es sich bei mündlichen Äußerungen (in Abgrenzung zu schriftlichen) ebenfalls um einen Text handelt oder nicht. So betont beispielsweise Püschel die Dynamik und „relationale Größe“ von Texten, „die immer nur aus der Perspektive der Handlungsbeteiligten bestimmt werden kann“ (vgl. Püschel 1997: 40). Dies bedeutet, dass die Frage „Was ist der Text“ in die Frage „Wer versteht etwas als Text?“ (ebd.: 40) umformuliert werden muss, denn „der Produzent [kann] eine andere Sichtweise auf sein Sprachprodukt haben [...] als der Rezipient und verschiedene Rezipienten [können] wiederum unterschiedliche Verständnisse von einem sprachlichen Phänomen haben“ (ebd.: 40). Daraus folgt, dass „wir uns damit abfinden [müssen], daß wir auf die Frage nach dem Text unterschiedliche Antworten bekommen können“ (ebd.: 40). So weisen für Rolf Gespräche etc. zwar textuelle Eigenschaften auf, sie sind jedoch keine (als solche) intendierten Texte; zumindest sind sie keine Handlungsmittel. Gespräche könnten statt dessen als Kommunikationsarten oder als Kommunikationsformen bezeichnet werden (Rolf 1993: 31).

Nach der Auffassung Vaters schließlich wird der Text „als Kommunikationsbestandteil gesehen und gerät dadurch in die Nähe zum Sprechakt“ (Vater 1994: 16).

Von den bereits erwähnten großen Unterschieden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache sind insbesondere „die Bedingungen extremer Mündlichkeit wie auch Schriftlichkeit“ (Jakobs 1999a: 42) betroffen, die sich „in einem Ausmaß unterscheiden, das deutlich voneinander verschiedene Äußerungsformen bedingt“ (ebd.: 42). Während sich die gesprochene Sprache als „Sprache der Nähe“ insbesondere durch die Situationsverschränkung der beteiligten Kommunikationspartner auszeichnet, bietet die geschriebene Sprache als „Sprache der Distanz“ die Chance, die Beteiligten aus der gemeinsamen Situation zu entbinden. Dadurch wird die Kommunikation über eine räumliche und zeitliche Trennung hinweg ermöglicht. Diese gravierenden Unterschiede zwischen geschriebener und gesprochener Sprache bzw. zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation müssen auch im Hinblick auf die Diskussion des Textbegriffs berücksichtigt werden.

Ehlichs (1984) Definition des Textbegriffes berücksichtigt die genannten Unterschiede in besonderem Maße. Ausgangspunkt für seine Überlegungen bildet der (gemeinsame) Wahrnehmungsraum7 zwischen Sprecher und Hörer. Texte liegen nach Ehlich dann vor, wenn es sich um eine „zerdehnte Sprechsituation“ handelt, d.h. die Kommunikationspartner sich nicht in dem selben Sprechzeitraum befinden (vgl. ebd.: 16ff.). Dies soll im folgenden anhand des Vergleiches zwischen Face-to- Face-Kommunikation auf der einen und zerdehnten Sprechsituationen auf der anderen Seite näher erläutert werden.

Face-to-Face-Kommunikation lässt sich stark vereinfacht folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Schematische Darstellung: Face-to-Face-Kommunikation

(in Anlehnung an Ehlich 1984: 13f.)

Das Modell erinnert an das bereits vorgestellte Transportmodell von Shannon u. Weaver, wobei in der obigen Skizze der Sprechakt an die Stelle der Nachricht getreten ist und zudem die Kommunikationssituation mitberücksichtigt wird.

Charakteristisch für das sprachliche Handeln ist die gemeinsame Sprechsituation, die sich auch als „Raum sinnlicher Gewißheit“ (Ehlich 1984: 16) bezeichnen lässt. Der gemeinsam geteilte Sprech-Zeit-Raum hat einen großen Einfluss auf die Verwendung sprachlicher Ausdrucksmittel. So ist nach Bühler (1982) beispielsweise der gemeinsame Sprech-Zeit-Raum eine grundlegende Bedingung für die Verwendung deiktischer Ausdrucksmittel. auf die Kapitel 5 noch ausführlich eingegangen wird.

Der in dem oben genannten Modell zentrale Sprechakt ist nach Ehlich noch keineswegs als Text aufzufassen. Statt dessen „zeichnet sich die Wirklichkeit des Textes im sprachlichen Handeln durch einen elementaren Bruch aus“ (Ehlich 1984: 17). Dieser Bruch entsteht in Situationen, in denen Sprecher und Hörer räumlich und/oder zeitlich voneinander getrennt sind, d.h. ihre Kopräsenz in der Situation nicht länger gegeben ist und somit der „Transfer vom Sprecher zum Hörer“ (ebd.: 17) unterbrochen wird. Derartige Situationen werden von Ehlich als „zerdehnte Sprechsituationen“ (ebd.: 18) bezeichnet und lassen sich schematisch wie folgt darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Schematische Darstellung: Zerdehnte Sprechsituation

(in Anlehnung an Ehlich 1984: 18)

Kennzeichnend für zerdehnte Sprechsituationen ist das Fehlen des gemeinsamen Sprech-Zeit-Raumes. Sprecher und Hörer befinden sich in „zwei halben, [...] unvollständigen Sprechsituationen“ (ebd.: 18): Auf der einen Seite befindet sich der „einsame Sprecher“ und auf der anderen Seite der „einsam rezipierende Hörer“ (vgl. ebd.: 18).

Um diese zerdehnte Sprechsituation zu überwinden und die Kommunikation zwischen den Beteiligten dennoch zu ermöglichen, bedarf es der Texte als „Mittel der Überlieferung“ (ebd.: 18). Diese „repräsentieren Formen des sprachlichen Handelns, die sich durch ‚sprechsituationsüberdauernde Stabilität‘ auszeichnen. Ihre Funktion besteht vornehmlich in der Überlieferung [...]“ (Jakobs 1999a).

Texte als Mittel der Überlieferung können sowohl mündlich als auch schriftlich sein. Charakteristisch für mündliche Texte als Überlieferungsmedium ist die Verwendung besonderer Techniken, die eine Überwindung der zerdehnten Sprechhandlungen erlauben. Während der Schwerpunkt bei Ehlich auf mündlicher Tradierung und ihre Überformung liegt (vgl. Ehlich 1984: 21), ist darüber hinaus auch an den Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zu denken. Sie erlauben es, Zeit und Raum zu überwinden und ermöglichen so eine Kommunikation auch in zerdehnten Sprechsituationen.

Diese von Ong als „sekundär“ bezeichnete Oralität (vgl. Ong 1987: 135), d.h. die Technologisierung des gesprochenen Wortes, ist im folgenden von besonderem Interesse. War eine Überwindung des Raumes zuvor der geschriebenen Sprache und ihren Medien vorbehalten, gilt dies nun ebenso für die gesprochene Sprache. Des weiteren ist nicht nur eine auditive Überwindung zerdehnter Sprechsituationen möglich (vgl. das Medium „Telefon“), sondern mit fortschreitender technischer Entwicklung auch eine visuelle. Somit können durch die neuen audiovisuellen Medien auch visuelle Kanäle der Informationsübertragung genutzt werden (wie dies beispielsweise bei Videokonferenzsystemen der Fall ist).

Mit den neuen audiovisuellen Medien gehen sprachliche Veränderungen einher, die es zu untersuchen gilt. Einen Beitrag hierzu liefert die vorliegende Arbeit, in der der Einsatz und die Auswirkungen verbaler und nonverbaler deiktischer Elemente in mündlichen Instruktionen unter verschiedenen Medienbedingungen untersucht werden. Zuvor werden einige Aspekte herausgestellt, die für die Wahl eines Mediums von Bedeutung sind.

3.3 Theorien zur Medienwahl und -verwendung

3.3.1 Interaktion als regelgeleitetes Geschehen

Ein Ansatz zur Erklärung von Medieneffekten stammt von Höflich. Sein Ansatz ist nicht den klassischen Ansätzen der Media Choice- Theorien zuzuordnen, sondern setzt seinen Schwerpunkt auf die Regeln, die in Interaktionen ihre Anwendung finden. Höflich betont, dass „den Medienwirkungen [...] entsprechende Mediennutzungen voraus[gehen], die wiederum durch das soziale Umfeld, konkreter: durch die sozialen Einflüsse der ‚Nutzungssituation‘, mitbestimmt werden“ (Höflich/Wiest 1990: 67). Das bedeutet, dass der „Medieneinsatz von der Bedeutung persönlicher Beziehungen im Kontext der Aufgabenerfüllung“ (ebd.: 68) abzuhängen scheint.

Allerdings ist das, was in sozialen Beziehungen kommuniziert wird, nicht immer eindeutig, sondern lässt meist mehrere Interpretationen zu. Dementsprechend geht auch Höflich davon aus, dass Verständigung immer ungewiss ist, da „das, was kommuniziert wird, [...] nicht selten mehrdeutig, vage oder bruchstückhaft“ ist (Höflich 1996: 30). Aus diesem Grund ist auf Seiten der Interaktionspartner eine ständige Interpretations- und Konstruktionsleistung erforderlich. Selbst wenn metasprachliche Fragen, ob der andere einen verstanden hat, verwendet werden, kann man sich dessen nie sicher sein, denn möglicherweise glaubt der andere nur, einen verstanden zu haben. Entsprechend konstruiert der Mensch „aktiv seine Wirklichkeit, ohne sich jemals der Wirklichkeitskonstruktionen anderer endgültig sicher sein zu können. Man hat nur Zugang zur eigenen Bedeutungswelt, nicht zu der des anderen, von dem uns nur dessen offenes Verhalten zugänglich ist“ (Höflich 1996: 30). Um die Mehrdeutigkeit und Komplexität einer Kommunikationssituation zu reduzieren und eine gemeinsame Basis der Verständigung zu finden, verweist Höflich auf die der Kommunikation zugrunde liegenden Regeln.

[...]


1 Vgl. die Studien von Weinig (1996), Reinhard (1989) sowie Bronner (1997).

2 Vgl. hierzu auch die Auffassung der Beziehungsebene in anderen Kommunikationsmodellen, z.B. das von Watzlawick u.a.. Hier wird die Beziehungsebene gar nicht weiter differenziert, sondern die Aspekte “Selbstoffenbarung” und “Appell” werden gleichsam unter dem Begriff “Beziehung” mit einbezogen. In der Tat lassen sich die beiden Aspekte auch als Teile der Beziehungsebene auffassen. Eine getrennte Betrachtung wie bei Schulz von Thun hat jedoch den Vorteil, daß sich hier die Auswirkung auf Sender und Empfänger besser analysieren lassen.

3 Das lateinische Wort “communicare” (von dem der heutige Begriff “Kommunikation” abgeleitet ist) hat ursprünglich die Bedeutung, ewas “gemeinsam machen” (vgl. Geißner 1982: 11 sowie Langenscheidts Universal-Wörterbuch Lateinisch 1982: 47).

4 Statt des Begriffes “Kommunikationskanal” werden gelegentlich von einigen Autoren synonym auch andere Begriffe benutzt. So findet sich bei Springer (2001: 28ff.) der Begriff “Modalität” als Synonym für den Kommunikationskanal, Luczak und Eversheim verwenden in Anlehnung an Klingberger und Kränzle 1983 den Begriff der “Kommunikationsform” (Luczak/Eversheim 1999: 13) und bei Depolt (2000) ist in Anlehmung an Luczak (1995) von “menschlichen Ressourcenarten die Rede (Depolt 2000: 23). Im Rahmen dieser Arbeit wird (abgesehen von wörtlichen Zitaten), der Begriff des Kommunikationskanals verwendet.

5 Analog zu den Begriffen “Oralität” und “Literalität” ist in dieser Arbeit auch von “gesprochen” und “geschrieben” bzw. “mündlich” und “schriftlich” die Rede. Eine weitere Differenzierung zwischen den erwähnten Begriffen ist im Rahmen dieser Arbeit nicht sinnvoll.

6 So muß der Rezipient beispielsweise in der Lage sein, auch schnell und undeutlich gesprochene Texte sofort zu verstehen, para- und nonverbale Signale zu berücksichtigen und gleichzeitig den Sinn des Gesagten zu erfassen sowie eine Antwort vorzubereiten. Die durchschnittliche “Gegenwartsdauer, jene Präsenszeit also, in der eingelieferte Nachichten im ,Kurzzeitspeicher´ (des Gedächtnisses) abgespeichert werden” (Geißner 1975: 147), beträgt für einen Erwachsenen nur 6 Sekunden. Hierbei wird deutlich, wie groß die Interpretationsleistung des Rezipienten in mündlicher Kommunikation sein muß, will er alle Informationen berücksichtigen.

7 Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird der Begriff “Sprechzeitraum” dem Begriff des “Wahrnehmungsraumes” vorgezogen, da auch in zerdehnten Sprechsituationen ein gemeinsamer Wahrnehmungsraum vorhanden sein kann. Denkt man beispielsweise an briefliche Kommunikation, so ist davon auszugehen, daß die Kommunikationsteilnehmer zwar nicht den gleichen “Sprechzeitraum” teilen, jedoch einen gemeinsamen Wahrnehmungsraum, auf den sich die Briefinhalte beziehen. Ohne einen zumindest in Grundzügen geteilten Wahrnehmungsraum sind Verweise auf externe Gegebenheiten nicht zu verstehen.

Ende der Leseprobe aus 134 Seiten

Details

Titel
Deiktische Elemente in mündlichen Instruktionen - untersucht an Collaborative Augmented Reality-Systemen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Deutsche Philologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
134
Katalognummer
V188949
ISBN (eBook)
9783656129288
ISBN (Buch)
9783656130291
Dateigröße
1434 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Augmented Reality
Arbeit zitieren
Kirstin Lenzen (Autor), 2001, Deiktische Elemente in mündlichen Instruktionen - untersucht an Collaborative Augmented Reality-Systemen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188949

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